«Die Literaturrunde» – über die Tiefen in der Familie

Tele D ist seit 1985 unter dem Namen Lokalfernsehen Diessenhofen bekannt, eine Stiftung, die sich der Herstellung und Ausstrahlung von Sendungen, die lokale und regionale Themen und Interessen abdecken, zur Aufgabe macht. Literatur ist dabei ein fester Bestandteil.

Tele D erreicht seit Frühling 2014 mit seinem vielfältigen Programm die gesamte Deutschschweiz in den Kabelnetzen der UPC Schweiz, der Swisscom und DCG Digital Cable Group.

21. März 2026 „Die Literaturrunde“ auf TeleD mit Moderatorin Jeanette Bergner und dem Schriftsteller Peter Höner

Die besprochenen Bücher:

Jürg Beeler «Josef Lauterbachs Reise nach Flätz», Knapp, 2026, 178 Seiten, ISBN 978-3-907334-46-1

Jürg Beeler «Josef Lautenbachers Reise nach Flätz», Knapp Verlag
Josef Lautenbacher, seit Kurzem im Ruhestand, wähnt sich von seiner Frau kontrolliert und gegängelt. Verzweifelt versucht er, ihr zu entkommen. Nicht alle seiner oft komischen Versuche gelingen, selbst die Flucht in eine benachbarte Stadt verhindert nicht, dass die besorgte Ehefrau ihn findet. 
Im Bahnhofbuffet von Nimmerach, einer Kleinstadt am Jura-Südfuss, findet er einen Rückzugsort. In diesem «Kurort für Geist und Seele» vollzieht sich seine Wandlung vom ehemaligen Buchhändler, der täglich von Weltliteratur umgeben gewesen war, zum Schriftsteller. Je grösser die räumliche Entfernung von Luise, seiner Frau, desto schärfer und unerbittlicher arbeitet sein Verstand, wie er festzustellen glaubt. 

Yuko Kuhn «Onigiri», Hanser Berlin, 2025, 208 Seiten, ISBN 978-3-446-28311-4

Yuko Kuhn «Onigiri», Hanser Berlin
Als Aki erfährt, dass ihre Großmutter gestorben ist, bucht sie zwei Flüge. Ein letztes Mal will sie ihre Mutter zu ihrer Familie in Japan bringen, auch wenn sie weiß, wie riskant es ist, einen dementen Menschen aus der gewohnten Umgebung zu reißen. Und wirklich hat sie Keiko noch nie so verloren erlebt wie in der ersten Nacht im Hotel. Doch dann sitzen sie beim Essen im alten Elternhaus, und plötzlich spricht sie, die so still geworden ist, fröhlich und klar für sich selbst. Erst auf dieser Reise erkennt Aki in ihrer Mutter die mutige und lebenshungrige Frau, die sie einmal war, bevor sich in Deutschland diese große, für Aki so bedrohliche Müdigkeit über sie legte. Mit sanfter Klarheit lässt Yuko Kuhn die faszinierende Geschichte einer deutsch-japanischen Familie entstehen, die zwischen den Kulturen verloren geht und sich neu findet.

Ruth Bollinger «Elsas Alben», Verlag am Platz, 2025, 285 Seiten, ISBN 978-3-908609-20-9

Ruth Bollinger «Elsas Alben», Verlag am Platz
Die junge Elsa glaubt an den Sozialismus und an die Liebe. Sie ist noch nicht 20-jährig, als sie, aus Böhmen stammend, im Jahr 1912 nach Schaffhausen kommt und hier einen jungen Tschechen, Karel, heiratet. Noch steht die Zukunft verheissungsvoll bevor, noch ist in der Arbeiterklasse die Überzeugung verbreitet, dass die sozialistischen Führer Europas den Kriegstreibern das Handwerk legen werden, und der Sozialismus nur eine Frage der Zeit sei. Der Roman zeigt das Leben einer Arbeiterfrau, die nicht einen bekannten Namen führt, jedoch stets darum bemüht ist, ihr Leben im Einklang mit ihrer sozialistischen Überzeugung zu leben.

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Yuko Kuhn «Onigiri», Hanser Berlin

Was bedeutet Heimat, Zuhause, wenn man zwei Kulturen in sich trägt? Was passiert, wenn sich diese zwei Kulturen streiten, obwohl man ein ganzes Leben beiden Seiten gerecht zu werden versucht? Was ist, wenn die Mutter mehr und mehr von Demenz zerfressen wird und unwiederbringlich zu schwinden beginnt, was bei allem Kampf Familie bedeutet. „Onigiri“ ist ein fein gesponnener Familienroman, ein berührendes Debüt.

Im Vorsatz des Buches steht Für meine Mutter. Akis Mutter wanderte einst nach Deutschland aus, in einer Zeit, in der es unüblich war, dass Japanerinnen ihr Glück in Deuschland suchen. Sie lernt einen Mann kennen, heiratet und bekommt zwei Kinder. Die Tochter, Aki, erzählt die Geschichte. Nicht nur die Geschichte ihrer Mutter, sondern die Geschichte zweier Familien, zweier Kulturen, die in ihrer Familie das Zusammenleben zu einem Schmelztiegel werden lassen.

Es ist mir unbegreiflich, wie meine Mutter es als junge Frau geschafft hat, hier in Deutschlad Fuss zu fassen. Sie hatte nur zwei Koffer, ein bisschen Geld und ihre Stimme.

Yasuko, Akis Grossmutter, ist in Japan uralt gestorben. Aki war immer wieder einmal in Japan, erfuhr ihre Grossmutter als Fixstern einer ganzen Familie. Yasuko bekam trotz ihrer Gebrechen noch mit, das Aki beim letzten Besuch ihre Urenkelin in den Armen trug, eine alte Frau, bis zum letzten Atemzug wach. Ganz im Gegenzeit zu ihrer Mutter, die mehr und mehr in ihrer Demenz abtaucht, für den letzten Teil ihres Lebens in einem Wohnstift lebt und die meiste Zeit des Tages ruhend, mit den Händen vor ihrem Gesicht, verbringt. Das Leben einer Katze sagt Felix, ihr Mann. Eine Frau, die trotz grösster Anstrengungen dem Leben in Deutschland immer fremd blieb, die ganz offen immer und immer wieder latente und direkte Fremdenfeindlichkeit erfahren musste, die sich mit ausbreitender Demenz mehr und mehr in ihrer Einsamkeit verliert, einer Einsamkeit, die ihre Tochter auch mit Zuwendung und Liebe nicht heilen kann.

Yuko Kuhn «Onigiri», Hanser Berlin, 2025, 208 Seiten, CHF ca. 33.90, ISBN 978-3-446-28311-4

Aki kauft zwei Flugtikets nach Japan, eines für sich, eines für ihre Mutter. Will ein letztes Mal zusammen mit ihrer Mutter das Land ihrer Herkunft, ihre Heimat besuchen. Nicht zuletzt in der Hoffnung, die Verlorenheit ihrer Mutter für ein paar Augenblicke aufzuhellen, ihr die Chance zu geben, sich zu erinnern. Für Aki keine leichte Reise, denn ihr Japanisch ist das, was übrig geblieben ist, das Japanisch, das zwischen ihr und ihrer Mutter gesprochen wurde, eine Zweitsprache. Japan, ein Land, das die Heimat ihrer Mutter und für Aki in Vielem fremd geblieben ist. Eine Reise, von der Aki genau weiss, dass es die letzte zusammen mit ihrer Mutter sein wird, denn diese muss jeden Tag immer und immer wieder daran erinnert werden, dass sie ihre Tochter und dies das Land ihrer Herkunft ist. Eine Reise, bei der Aki feststellen muss, dass ihre Mutter keine Chance mehr hat, wirklich anzukommen. Eine Reise, die auch eine Reise in die Vergangenheit wird. Eine Reise zu einer Frau, die ihr als Mutter schon lange fremd geworden war.

Ich frage mich, warum meine Mutter so geworden ist, wie sie ist, ob ihr Unglück schon in ihr war, bevor sie nach Deutschland gekommen ist.

Auf der anderen Seite die Eltern ihres Vaters, Gesine und Ludwig, die in einem grossen Haus mit Personal leben, einem Haus, dass alles repräsentiert, was deutscher Wohl- und Anstand zeigen kann, die nie mit Überzeugung akzeptierten, dass ihr Sohn eine Japanerin zur Frau genommen hatte. Akis Mutter hatte an allen Fronten zu kämpfen, obwohl sie eine weltoffene, zugewandte Person war, der man aber immer wieder Grenzen zeigte. Eine Frau, der Musik alles bedeutete, die schon in Japan als junge Frau mit ihrer Singstimme in einem Chor die halbe Welt bereisen konnte. Und Akis Vater, der es nicht schafft, das zu werden, was die Eltern von ihm erhofften, der die Ehe scheitern lässt und sich mehr und mehr in sein Schneckenheus zurückzog.

„Onigiri“ ist unzweifelhaft ein sehr autobiographisches Buch, erst recht, weil es in der Ich-Perspektive erzählt und einem die verschiedenen Zustänge des Gespalten-Seins auf ganz eindringliche Weise nahekommen, ohne dass die Autorin unangebracht in Emotionen rührt. „Onigiri“ sind dreieckige „Reisbällchen“, von Hand geformt. Sie sehen aus wie kleine weisse Häuschen. Vielleicht ist dieses Buch der Versuch der Autorin, sich selbst und ihrer Mutter ein Stück Zuhause zurückzugeben. Eine literarische Liebeserklärung, die sanfte Suche nach einem verlorenen Stück Paradies.

Yuko Kuhn wurde 1983 in München geboren. Sie studierte Kulturwirtschaft in Passau und Aix-en-Provence. 2019 fand sie über ihre Tätigkeit an der HFF / Hochschule für Fernsehen und Film München zum Schreiben. Mit ihrem Mann und ihren drei Kindern lebt sie in München.

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Beitragsbild © Peter Andreas Hassiepen