Elisa Shua Dusapin ist eine Autorin der leisen Töne. „Damals waren wir unzertrennlich“ ist der Roman einer Familie, die das Schicksal zerriss und zwei Schwestern nach 15 Jahren Trennung wieder zusammenführt. Ein feinfühliges Kammerspiel sich reibender Existenzen.
Elisa Shua Dusapin faszinierte mich schon vor zehn Jahren mit ihrem literarischen Debüt „Winter in Sokcho“. „Damals waren wir unzertrennlich“ ist ihr vierter Roman und setzt fort, was Elisa Shua Dusapin seit ihrem Debüt meisterhaft zu inszenieren weiss; ihr Roman besticht durch das, was er nicht direkt erzählt, durch die Leerstellen und Schattenwürfe, mit denen er die Szenerie in eigenartiger Schwebe lässt. Elisa Shua Dusapin geht es nicht um Auflösung, nicht um Klärung. Vieles bleibt angetönt, verborgen. Ihr Roman ist ein Spiegel des echten Lebens, in dem auch vieles unausgesprochen, im Dunkeln, verborgen bleibt, erst recht im Trümmerfeld einer zerbrochenen Familie.

Agathe kehrt nach vielen Jahren zurück nach Frankreich. Nicht um dort zu bleiben, sondern um ihrer Schwester, die sie seit 15 Jahren nicht mehr gesehen hatte, bei der Auflösung eines Hausstandes zu helfen. Ihr Vater starb. Das Haus soll leer werden. Alles muss weg. Die Spuren einstiger Gemeinsamheiten löschen. Agathe und ihre jüngere Schwester Véra hatten seit ihrer Trennung jeden Kontakt vermieden. Und nun leben sie für neun Novembertage zusammen im Haus ihrer gemeinsamen Kindheit, im Haus, in dem Véra damals mit sechs Jahren, aufhörte zu sprechen, im Haus, aus dem ihre Mutter weggegangen war, im Haus, in dem Agathe die Stimme ihrer kleineren Schwester wurde, aus dem auch Agathe ausgebrochen war und die jüngere Schwester sich selbst überliess.
Im Haus soll nichts zurückbleiben, es soll abgebrochen werden. Agathe und Véra nisten sich in den Hinterlassenschaften ihres Vaters ein, schlafen im Zimmer ihrer Kindheit, in einem Stockbett, nach Jahren maximaler Distanz für neuen Tage wieder ganz nah, unmittelbar. Véra, die damals zuhause und in der Schule Agathes Schutz brauchte, ist eine resolute Frau geworden, auch wenn sie noch immer nicht spricht. Sie packen ein, räumen auf, nehmen Dinge in die Hand, das, was von der Familie, der zerrütteten Ehe ihrer Eltern, vom Leben ihres immer schwächer gewordenen Vaters übrig geblieben ist, was sich wie Sedimentschichten im Haus absetzte.
Was zwischen den beiden geschieht, bleibt reduziert. Agathe verliess noch jung das Haus der Familie in die USA und kehrte nicht zurück, fand ihr eigenes Leben, wurde als Drehbuchautorin erfolgreich. Das Leben, das in den neun Tagen tropft, ist ein eigenartiger Kontrast zum Stress ihres Lebens auf der anderen Seite des Ozeans, ihrem Leben als Autorin, dem Beziehungsstress mit Irvin. Aber weil sie weiss, dass sich ihre Wege nach diesen Tagen wieder trennen werden, bleibt der Monolith aus Unausgesprochenem über ihnen in der Schwebe.
Ein schmaler Roman, fast wie eine literarische Skizze. Elisa Shua Dusapin zeichnet ein Buch lang mit feinem Strich und dezenten Farben. Nichts Reisserisches, dafür mit Anmut erzählt und grossem Respekt vor der Verletzlichkeit der Protagonistinnen.
Elisa Shua Dusapin wurde 1992 in Sarlat-la-Canéda (Frankreich) als Tochter eines französischen Vaters und einer südkoreanischen Mutter geboren und wuchs zwischen Paris, Seoul und Porrentruy (Schweiz) auf. Sie hat am Literaturinstitut in Biel studiert und erhielt für ihren Debütroman «Winter in Sokcho» zahlreiche Preise, darunter den Robert-Walser-Preis sowie den National Book Award für Übersetzungen. Der Roman wurde verfilmt und an zahlreichen Festivals gezeigt. Ihre insgesamt vier Romane wurden in mehr als 35 Sprachen übersetzt.
Elisa Shua Dusapin tritt vom 26. bis 28. Juni beim Internationalen Literaturfestival Leukerbad auf.
Andreas Jandl übersetzt aus dem Französischen und Englischen, vor allem Belletristik und Dramatik. Für seine Arbeit wurde er 2017 mit dem Christoph-Martin-Wieland-Übersetzerpreis (zusammen mit Frank Sievers) und 2021 mit dem Eugen-Helmlé-Übersetzerpreis ausgezeichnet.
Beitragsbild © Roman Lusser editions Zoe
