Wissen wir, woher wir kommen? Was bleibt von den Leben unserer Ahnen? Was wäre, wenn uns Dinge, die geblieben sind, ihre Geschichte erzählen könnten? Ruth Bollinger hat den Dingen gelauscht und eine Lebensgeschichte nacherzählt, die wie die meisten anderen sonst im Vergessen entschwunden wäre.
Woraus ist der Stoff, der uns erzählen lässt? Was Ruth Bollinger aus dem Leben ihrer Grossmutter Elsa geblieben ist, ist nicht viel; akurat eingeklebte Fotos in eine Handvoll Alben, ein paar Urkunden und Zettel in einer muffigen Schachtel, eine der Puppen, die ihre Grossmutter genäht hatte, als sie alt war und zum ersten Mal in ihrem langen Leben Zeit für „Unnötiges“ hatte. Aber was ihr ganz offensichtlich geblieben ist, ist die Kraft, die jene Frau ausstrahlte, der Respekt, den man der Frau entgegenbrachte, die Eigenständigkeit einer Frau, deren Leben so anders verlief als jene ihrer meisten Zeitgenossinnen; ein Leben an der Seite ihrer Männer, ein Leben der Angepassten, ein Leben der Hingabe an Pflichten und Traditionen.
Umso wichtiger, dass solche Leben erzählt werden. Noch viel besser, wenn sich mit Ruth Bollinger eine Erzählerin ans Schreiben macht, der es nicht darum geht, ein Leben mit ihrer eigenen Fantasie, mit Fiktion aufzupumpen. Sie zeigt am Leben ihrer Grossmutter, wie das 20. Jahrhundert mit all seinen Wirren, politischen Strömungen, Umwälzungen und Hoffnungen wirkte. Wie schwierig es war, für Frauen erst recht, einen Platz zu finden, all jene Hoffnungen Wirklichkeit werden zu lassen, die man jung wachsen liess und mit zunehmendem Alter vergessen musste. Ruth Bollinger erzählt mit viel Esprit, viel Einfühlungsvermögen und Bildern, die deutlich machen, wie sehr sich die Autorin in ihren Recherchen, ihrem Blick in die Zeit vertiefte.

Elsa Hoffmann liess als ganz junge Frau ihre tschechische Heimat hinter sich, um in Schaffhausen ihr Glück zu finden. Sie blieb in der kleinen Stadt am Rhein hängen, weil sich eine Zukunft in der Heimat unter der habsburgischen Krone und sozialistischer Gesinnung nicht abzeichnete. Sie lernt Karel kennen, einen Landsmann, der ihr den Hof macht, ein Leben in Sicherheit verspricht. Elsa lässt sich einwickeln, obwohl sie nicht die Liebe spürt, die es hätte sein sollen. Sie heiraten in der Fremde, beziehen eine einfache Wohnung, Karel wird in der Krise kurz vor Ausbruch des ersten Weltkriegs arbeitslos und entpuppt sich im gemeinsamen Haushalt als cholerisches Ekel, das nicht akzeptieren kann, dass Elsa ihre Erfüllung nicht hinter dem Herd mit Schürze findet, sondern im Kampf für bessere Arbeitsbedingungen, um die Rechte der Frauen, den Stellenwert von Familienarbeit, die Versorgung mit dem Allnotwendigsten. Ein Kampf, der auch heute noch immer nicht ausgestanden ist. Ein exemplarisches Leben einer Frau, die viel in Kauf nimmt in ihrem Willen, nicht einfach klein beizugeben.
Elsa erlebt den Krieg aus der Ferne, umso mehr die Angst um ihre Familie, den Tod ihres Bruders. Sie nimmt sich deren Kindern an, lässt sich von Karel scheiden, findet Anschluss in sozialistischen Zirkeln, engagiert sich tatkräftig, beteiligt sich an all den heftigen Diskussionen, die die Entwicklungen in der Sowjetunion auslösen. Sie lernt erneut einen Mann kennen, an dessen Seite es ihr nicht viel besser ergeht als an jener ihres ersten. Sie wird Mutter, dauernd in Sorge um ihre Existenz, nie die Überzeugung verlierend, dass es Gerechtigkeit geben muss, stets in Sorge um jenen Teil der Familie, der in der Heimat geblieben ist oder gar voller Enthusiasmus in die Sowjetunion gezogen war, um dort in einer neuen Ordnung eine Existenz aufzubauen.
Was Weltkriege und Wirtschaftskrisen nie sterben liessen, war Elsas Lebensmut. Als sie 1965 mit 72 Jahren all ihren Mut zusammennimmt, um ein letztes Mal in ihre Heimat zu reisen, ein einziges Mal mit dem Flugzeug, war es wieder ein Schritt gegen die Konvention. Aber die letzte Gelegenheit, um sich von ihrem permanenten Schmerz zu befreien.
Ein solide erzähltes Buch, fesselnd für all jene, die an Geschichte interessiert sind, die ein gewisses historisches Verständnis mitbringen. Ich hätte mir gewünscht, dass jene Passagen, die Stimmungen erzeugen sollen, dezenter eingesetzt worden wären. Vielleicht zu Gunsten einer stärkeren Einbettung in die Geschichte des Jahrhunderts. Ist es doch genau das, was immer mehr Menschen in der Gegenwart fehlt, die sich nur noch in den Sozialen Medien für den Blick in die Vergangenheit interessieren. Ein Blick, der immer mehr Wahrhafigkeit vermissen lässt.
Die Bilder in Elsas Alben werden mir bleiben!
Ruth Bollinger (1951) wuchs in Beringen SH auf und lebt heute in Luzern. Sie studierte Geschichte, Europäische Volksliteratur, Pädagogik und Allgemeines Staatsrecht an den Universitäten Zürich und Marburg (D). Bevor sie sich dem Schreiben widmete, war sie lange Zeit als Dekanatssekretärin an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich tätig.
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