Elisa Shua Dusapin «Damals waren wir unzertrennlich», Kein & Aber

Elisa Shua Dusapin ist eine Autorin der leisen Töne. „Damals waren wir unzertrennlich“ ist der Roman einer Familie, die das Schicksal zerriss und zwei Schwestern nach 15 Jahren Trennung wieder zusammenführt. Ein feinfühliges Kammerspiel sich reibender Existenzen.

Elisa Shua Dusapin faszinierte mich schon vor zehn Jahren mit ihrem literarischen Debüt „Winter in Sokcho“. „Damals waren wir unzertrennlich“ ist ihr vierter Roman und setzt fort, was Elisa Shua Dusapin seit ihrem Debüt meisterhaft zu inszenieren weiss; ihr Roman besticht durch das, was er nicht direkt erzählt, durch die Leerstellen und Schattenwürfe, mit denen er die Szenerie in eigenartiger Schwebe lässt. Elisa Shua Dusapin geht es nicht um Auflösung, nicht um Klärung. Vieles bleibt angetönt, verborgen. Ihr Roman ist ein Spiegel des echten Lebens, in dem auch vieles unausgesprochen, im Dunkeln, verborgen bleibt, erst recht im Trümmerfeld einer zerbrochenen Familie.

Elisa Shua Dusapin «Damals waren wir unzertrennlich», Kein & Aber, 2025, aus dem Französischen von Andreas Jandl, 144 Seiten, CHF ca. 29.00, ISBN 978-3-0369-5075-4

Agathe kehrt nach vielen Jahren zurück nach Frankreich. Nicht um dort zu bleiben, sondern um ihrer Schwester, die sie seit 15 Jahren nicht mehr gesehen hatte, bei der Auflösung eines Hausstandes zu helfen. Ihr Vater starb. Das Haus soll leer werden. Alles muss weg. Die Spuren einstiger Gemeinsamheiten löschen. Agathe und ihre jüngere Schwester Véra hatten seit ihrer Trennung jeden Kontakt vermieden. Und nun leben sie für neun Novembertage zusammen im Haus ihrer gemeinsamen Kindheit, im Haus, in dem Véra damals mit sechs Jahren, aufhörte zu sprechen, im Haus, aus dem ihre Mutter weggegangen war, im Haus, in dem Agathe die Stimme ihrer kleineren Schwester wurde, aus dem auch Agathe ausgebrochen war und die jüngere Schwester sich selbst überliess.

Im Haus soll nichts zurückbleiben, es soll abgebrochen werden. Agathe und Véra nisten sich in den Hinterlassenschaften ihres Vaters ein, schlafen im Zimmer ihrer Kindheit, in einem Stockbett, nach Jahren maximaler Distanz für neuen Tage wieder ganz nah, unmittelbar. Véra, die damals zuhause und in der Schule Agathes Schutz brauchte, ist eine resolute Frau geworden, auch wenn sie noch immer nicht spricht. Sie packen ein, räumen auf, nehmen Dinge in die Hand, das, was von der Familie, der zerrütteten Ehe ihrer Eltern, vom Leben ihres immer schwächer gewordenen Vaters übrig geblieben ist, was sich wie Sedimentschichten im Haus absetzte.

Was zwischen den beiden geschieht, bleibt reduziert. Agathe verliess noch jung das Haus der Familie in die USA und kehrte nicht zurück, fand ihr eigenes Leben, wurde als Drehbuchautorin erfolgreich. Das Leben, das in den neun Tagen tropft, ist ein eigenartiger Kontrast zum Stress ihres Lebens auf der anderen Seite des Ozeans, ihrem Leben als Autorin, dem Beziehungsstress mit Irvin. Aber weil sie weiss, dass sich ihre Wege nach diesen Tagen wieder trennen werden, bleibt der Monolith aus Unausgesprochenem über ihnen in der Schwebe.

Ein schmaler Roman, fast wie eine literarische Skizze. Elisa Shua Dusapin zeichnet ein Buch lang mit feinem Strich und dezenten Farben. Nichts Reisserisches, dafür mit Anmut erzählt und grossem Respekt vor der Verletzlichkeit der Protagonistinnen.

Elisa Shua Dusapin wurde 1992 in Sarlat-la-Canéda (Frankreich) als Tochter eines französischen Vaters und einer südkoreanischen Mutter geboren und wuchs zwischen Paris, Seoul und Porrentruy (Schweiz) auf. Sie hat am Literaturinstitut in Biel studiert und erhielt für ihren Debütroman «Winter in Sokcho» zahlreiche Preise, darunter den Robert-Walser-Preis sowie den National Book Award für Übersetzungen. Der Roman wurde verfilmt und an zahlreichen Festivals gezeigt. Ihre insgesamt vier Romane wurden in mehr als 35 Sprachen übersetzt. 

Elisa Shua Dusapin tritt vom 26. bis 28. Juni beim Internationalen Literaturfestival Leukerbad auf.

Andreas Jandl übersetzt aus dem Französischen und Englischen, vor allem Belletristik und Dramatik. Für seine Arbeit wurde er 2017 mit dem Christoph-Martin-Wieland-Übersetzerpreis (zusammen mit Frank Sievers) und 2021 mit dem Eugen-Helmlé-Übersetzerpreis ausgezeichnet.

Beitragsbild © Roman Lusser editions Zoe

Lukas Bärfuss «Königin der Nacht», Rowohlt

Kein Roman, keine Geschichte, aber ein Buch über Herkunft, über eine Mutter, die sich in keine Rolle zwängen liess, am allerwenigsten in die einer fürsorglichen Mutter. Seine wollte frei sein, so frei, wie es ging ohne Geld, ohne Sicherheiten, ohne Gewissheiten.

Schon erstaunlich, wie offen Lukas Bärfuss mit seinem biographischen Buch Bilder erzeugt, die stellvertretend für Schicksale werden, die nie eine Stimme fanden, nie eine Stimme gefunden hätten, wenn aus dem sperrigen Jungen, der Lukas Bärfuss war, nicht einer geworden wäre, der wie er seine Stimme, seine Sprache gefunden hat. Ob mit seinem Vaterbuch („Vaters Kiste“ 2022) oder seinem Mutterbuch „Königin der Nacht“, ob mit seinem Bruderbuch („Koala“ 2014), Lukas Bärfuss lautes Nachdenken über seine Herkunft ist nicht jenes eines Verbitterten, nicht mal eines Erklärers, schon gar nicht eines Versehrten. „Königin der Nacht“. Es ist sein langer Weg, seiner Mutter einen Namen zu geben, was er erst mit dem letzten Satz seines Buches tut. Es ist der niedergeschriebene Weg hin zu einer Frau, die ihn auf die Welt brachte, obwohl sie ihn nie wollte, die ihn nie umarmte, nie herzte, die ihn alleine liess, sich selbst überliess. Die ihn aber auch das werden liess, was Lukas Bärfuss heute ist, was in sein Gesicht geschrieben ist, was ihn lesen und nachdenken liess, was ihn zum Schreiben trieb, was ihn zu einem Mann werden liess, der nicht einfach hinnimmt, der Dinge beim Namen nennt, der weiss, wie viel er dem „Trotzallem“ zu verdanken hat.

Eine Mutter ist, was man nicht loswird.

Lukas Bärfuss «Königin der Nacht. Ein kurzes Buch über meine Mutter», Rowohlt, 2026, 128 Seiten, CHF ca. 29.90, ISBN: 978-3-498-00321-0

Es ist ein weiteres Buch, dass sich intensiv und poiniert mit von der Gesellschaft fixierten und institutionalisierten Rollenbildern beschäftigt; dem verklärten Mutterbild und den fixen Vorstellungen, wie Mutterliebe auszusehen hat. Wie eine von Männern dominierte Gesellschaft Frauen über Jahrhunderte in eine demütige, untertänige Rolle zwang, von der sie sich trotz Emanzipationsbewegung und in Bundesverfassung verankerter Gleichberechtigung selbst in der Gegenwart nicht befreien kann. Die von Lukas Bärfuss beschriebene Frau, seine Mutter, wollte nie den festgeschriebenen Regeln eines geregelten Lebens entsprechen. Sie wollte sich selbst gehören, koste es, was es wolle. In einem solchen Leben am Rande der Gesellschaft, am Rande der Armut, gab es keinen Platz für einen Balg. So wenig, wie sie sich von einem einzigen Mann abhängig machen wollte, so wenig wollte sie sich von ihren von der Gesellschaft markierten Pflichten abhängig machen. So wie sie sich immer wieder von Männern entledigte, so entledigte sich von dem kleinen Jungen, der gefälligst auf eigenen Füssen zu stehen hatte.

Ich kannte das Gefühl der Mutterliebe nicht. Auch nicht in der zweiten Bedeutung des Wortes, des Gefühls der Liebe des Kindes zu seiner Mutter. Deshalb hatte ich sie ihrem Schicksal überlassen.

Lukas Bärfuss hatte Glück. Es hätte in seiner Jugend Gelegenheit genug gegeben von eben diesem Glück vergessen zu werden. Heute zählt er zu den wichtigsten Exponenten deutschsprachiger Literatur, dekoriert mit Preisen, unter anderem mit dem Georg-Büchner-Preis, einem der wichtigsten Preise überhaupt. Polititsches Krisenbewusstsein und die Fähigkeit zur Gesellschaftsanalyse am exemplarischen Einzelfall, psychologische Sensibilität und der Wille zur Wahrhaftigkeit hiess es in der Preisbegründung – genau das, was Lukas Bärfuss auch in „Königin der Nacht“ tut.

Vordergründig geht es um die Auseinandersetzung mit seiner Mutter, der eklatanten Distanz, zu Beginn menschlich, später dann auch räumlich. Aber Lukas Bärfuss geht es vor allem um die Hintergründe, warum seine Mutter jene Frau wurde, die ihr Muttersein nicht als Glück empfand. Die sich mit Händen und Füssen, nicht zuletzt mit der Derbheit ihres Ausdrucks gegen jede Einordnung wehrte, die eigentlich nur frei sein wollte, so frei, wie möglich ohne Geld, Sicherheiten und Beziehungen, auf die sie hätte bauen können. Dabei die eigene Mutter als blosses Opfer einzuordnen, darum geht es Lukas Bärfuss nicht. So wie er selbst sich nicht als Opfer sieht.

Ich war ein Problem.

Die Lektüre dieses Buches löst Beklemmung aus, weil sie die propere Fassade einer Schweiz, der die Geschichte stets Recht zu geben schien, besudelt. Sei es die Stellung der Frau, der Umgang mit den sozial Schwachen, mit Minderheiten, mit den Fahrenden, mit jenen, die sich nicht perfekt in ein durchorganisiertes System einordnen wollen. Wie in seinem Vaterbuch („Vaters Kiste“) setzt sich Lukas Bärfuss mit einer Hinterlassenschaft auseinander, mit dem, was von seiner Mutter geblieben ist. Ein beeindruckendes, durch und durch ehrliches Buch. Eine Aufforderung zur kritischen Auseinandersetzung. Ein literarisches Wagnis!

Lukas Bärfuss tritt vom 26. bis 28. Juni beim Internationalen Literaturfestival Leukerbad auf.

Lukas Bärfuss, geboren 1971 in Thun, ist Dramatiker, Romancier und streitbarer Publizist. Seine Stücke werden weltweit gespielt, die Romane sind in zwanzig Sprachen übersetzt. Lukas Bärfuss ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und lebt in Zürich. Für seine Werke wurde er u.a. mit dem Berliner Literaturpreis, dem Schweizer Buchpreis und dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. Zuletzt erschienen «Vaters Kiste» (2022) und «Die Krume Brot (2023)».

mehr über und von Lukas Bärfuss auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Lea Meienberg

Kamel Daoud «Huris», Matthes & Seitz

Eigentlich unerträglich, wovon Kamel Daoud in seinem dritten Roman „Huris“ schreibt. Eine als Kind von Terroristen entstellte Frau kämpft sich durch die Wirren eines zerrissenen Landes, im Ungewissen darüber, ob sie das Kind, mit dem sie schwanger ist, lebend zur Welt bringen soll. Und doch ist „Huris“ notwendig, wichtig und ein episches Lied auf das Leben.

Es gibt Bücher, die ich nicht geniessen kann, die ich aber trotzdem zu Ende lesen muss. „Huris“ von Kamel Daoud, den man 2014 wegen regimekritischer Äusserungen ins Exil zwang, ist eine romanlange Kampfansage gegen eine menschenfeindliche Gesellschaft, gegen die Unfähigkeit, dem Gräuel, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, dass ein Land zwischen religiösem und ideologischem Extremismus zerrieben wird. Nachdem Algerien seine Unabhängigkeit von Frankreich schon mit einem grossen Blutzoll zu bezahlen hatte, stürzten Fehden, Bürgerkrieg, Auseinandersetzungen zwischen Militär und Islamismus das Land zwischen 1992 und 2002 in einen Bürgerkrieg, ein Schlachten und Morden, das bis in die Gegenwart nachwirkt. Kamel Daoud schont sein Heimatland nicht, setzt ihm einen brutal ehrlichen Spiegel entgegen. So ehrlich, dass es für den Schriftsteller unmöglich geworden ist, in sein Heimatland zurückzukehren. Schon gar nicht nach der Veröffentlichung dieses Romans.

Aube (Morgenröte) ist eine junge schwangere Frau. Aber eine Frau, die hadert, die allen Grund hat, zu hadern. Als sie fünf Jahre alt war, überfielen islamistische Terroristen ihre Familie, massakrierten ihre Schwester, schnitten auch ihr die Kehle durch, liessen sie in ihrem Blut liegen. Aube überlebte, gezeichnet mit einer Narbe von einem Ohr zum anderen, dem Verlust ihrer Stimme und einer Kanüle, die ihr aus dem Hals ragt, einer Entstellung, die den Menschen den Atem nimmt, einer Narbe, die sie für immer gebrandmarkt zurücklässt. Von der Gesellschaft als Hure beschimpft, schwanger mit einem Kind, von dem sie nicht weiss, ob ein Leben in ihrer Welt lebenswert ist, hadert Aube mit ihrem Schicksal, mit dem Schicksal aller Frauen, mit dem Schicksal ihres Landes.

Kamel Daoud «Huris», Matthes & Seitz, 2025, aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller, 398 Seiten, CHF ca. 35.60, ISBN 978-3-7518-1031-9

Trotz allem hat es Aube geschafft, einen Friseursalon zu eröffnen, aber ausgerechnet gegenüber einer Moschee. Es entsteht ein Kleinkrieg über die Strasse, eine aussichtlose Auseinandersetzung zwischen frauenfeindlicher Ideologie und dem unzähmbaren Wunsch, ein freies Individuum zu sein. Als man ihren Salon zerstört und sich nichts und niemand gegen diesen Akt aufzubegehren traut, macht sich Aube auf den Weg zurück zu ihrem Heimatdorf, zurück in ihre Geschichte, zurück zu jenem Moment, als Willkür und Fanatismus ihr die Stimme raubte und beinahe das Leben kostete. Aber Aube ergeht es auch auf der Strasse nicht besser. Sie wird geschändet, von der Polizei verhöhnt, im Stich gelassen. Ein Mann nimmt sie mit, ein zum Buchlieferanten degradierter Verleger, der sie in seinem Auto mit seiner eigenen Geschichte zutextet, der Geschichte eines Mannes, der alles verloren hat, ein Mann, der ein seltsames Archiv in seinem Kopf mit sich trägt. Jede Zahl, die man ihm nennt, ist ein Denk- und Mahnmal für ein Massaker, ein unnötiges, nicht gesühntes Verbrechen. Er erinnert sich an das, was man am liebsten leugnen und vergessen möchte.

„Huris“ ist ein Monolog mit einem ungeborenen Kind. Die Geschichte einer Frau, der man das Gesicht genommen hat, die man schändet und für immer zeichnet. Die man alleine, sich selbst überlässt. Der Vater des Ungeborenen ist einer jener, der auf einem Boot übers Mittelmeer einen Platz erkauft hatte. „Huris“ beschreibt das Schicksal all jener Frauen, die nie eine Stimme bekamen, die männlicher Gewalt rechtlos gegenüberstehen, weit weg von Gleichberechtigung, weit weg von einem Recht auf Leben und Freiheit. „Huris“ ist schonungslos offen und ehrlich, strotzend vor Kraft und Intensität, faszinierend in seiner Erzählweise, einem gesangsähnlichen Erzählton. Ein Lied auf den Trost, eine hymnische Anklage auf grassierendes Unrecht. Manchmal unerträglich, trotzdem unsäglich wichtig!

Kamel Daoud tritt vom 26. bis 28. Juni beim Internationalen Literaturfestival Leukerbad auf.

Kamel Daoud, 1970 in Mostaganem, Algerien, geboren, arbeitete lange Zeit als Journalist für Zeitungen wie den Quotidien d’Oran und andere. Nachdem er 2014 in Algerien für seine kritischen Artikel bedroht wurde, ging Daoud ins Exil nach Frankreich und widmete sich der Literatur. Für seinen ersten Roman «Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung» wurde er von der Kritik gefeiert und unter anderem mit dem Prix Goncourt du Premier Roman ausgezeichnet. «Huris» ist sein neuer Roman mit dem er den Prix Goncourt gewann.

Kamel Daoud stellt seinen Roman »Huris« im Gespräch mit Tilla Fuchs vor. Es liest Meike Rötzer. (19.09.2025, ilb. internationales literaturfestival berlin)

Holger Fock und Sabine Müller übersetzen seit 30 Jahren Belletristik und Sachbücher u. a. von Patrick Deville, Mathias Énard, Alain Mabanckou, Olivier Rolin, Mohamed Mbougar Sarr, Cécile Wajsbrot und Antoine Volodine. Für ihre Übersetzungen erhielten sie viele Auszeichnungen, darunter 2011 den Eugen-Helmlé-Preis, 2023 den Internationalen Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt und den Paul-Celan-Preis des Deutschen Literaturfonds.

Beitragsbild: Francesca Mantovani © Editions Gallimard