Tim Krohn «Bigna und die Berge», Atlantis

Er lebt mit seiner Familie im Val Müstair, im vorletzten Dorf Richtung Grenze zu Italien. Er schreibt, verdient sein Geld mit Schreiben. Nicht ganz einfach, sich die nötige Ruhe zu nehmen, erst recht dann, wenn eine Sechsjährige aus der Nachbarschaft Fragen stellt, auf die er irgendwann beinah zu warten scheint.

Bigna ist die Tochter einer Weberin aus der Nachbarschaft. Bigna geht noch nicht zur Schule, hat genügend Zeit, durchs Dorf zu streifen. Selbst die Autos, die sich durch die engen Gassen des Dorfes drängen, sind nicht sicher vor ihr. Von grenzenloser Neugier getrieben begegnet sie immer wieder dem Erzähler, der sich in der Stille seines Gartens einen Platz sucht, um einen Faden in seinem Schreiben zu finden. Dann hockt Bigna mit einem Mal auf der Steinmauer, nimmt sich die letzten Himbeeren aus dem Strauch und beginnt zu fragen, unverfänglich, ungefiltert, schamlos und auf ihre Art respektlos. Fragen, die man als Erwachsener zu stellen vergessen hat. Fragen, die die meisten Kinder so gar nie über die Lippen bringen. Fragen, die der Erzähler immer mehr auch für das eigene Denken und Schreiben braucht. Fragen, die ihn auf Fährten bringen, die unentdeckt geblieben wären, hätte er sie nur in seinem eigenen Kopf gesucht. Fragen, die Anstand und Rücksicht verboten hätten. Fragen, die ihn aufrütteln, Selbstverständlichkeiten und Normen bröckeln lassen.

Tim Krohn «Bigna und die Berge», Atlantis, 2026, 192 Seiten, ISBN 978-3-7152-5067-0

Die einzelnen Kapitel aus „Bigna und die Berge“ erschienen über viele Monate in der Zeitschrift „Reformiert“ unter dem Titel „Kindermund“. Also kein Romanprojekt mit einer fortlaufenden Spur, die Tim Krohn selbst gelegt hat. Zum einen reagierte er auf die Rektionen der Leser*innen der regelmässigen Beiträge und zum andern auch auf das aktuelle Geschehen während des Schreibens selbst. Letztlich beschreibt er sich selbst. Einen Schriftsteller mit Familie. Einen Mann, der in seinem Selbstverständnis erschüttert ist, nicht zuletzt als Schriftsteller, der glaubt, dass man sich immer weniger für das interessiert, wofür eigentlich sein Herz brennt. Einen Mann, der an der Schriftstellerei ebenso zweifelt wie an den Mechanismen der Buchbranche. „Bigna und die Berge“ ist aber auch die Auseinandersetzung mit der Zeit, mit den Sorgen eines Vaters, eines Ehemanns, eines Dorfes, dass im Strom des Verkehrs zu ersticken droht. Aber vorallem die Geschichte eines Kindes, das die Welt mit ganz eigenen Augen sieht. Mit Sicherheit jenen eines hochbegabten Kindes, das Leser*innen zu Auseinandersetzungen zwingt, denen sie sich lieber nicht aussetzen möchten, die unbequem, manchmal gar störend sind – aber nie sinnlos. Fragen, die dem Leben eine andere Färbung geben. Antworten des Schriftstellers, über die ich staune, weil es die Antworten eines Mannes sind, die ebenso klug, weise, überraschend wie witzig sind. Zwei Welten, die aufeinanderprallen, die sich im Gespräch auf eine ganz eigene Art und Weise annähern. Ein Kind, getrieben von unendlicher Neugier, und ein alternder Schriftsteller, der sich mit Vergnügen aus der Fassung bringen lässt.

„Bigna und die Berge“ ist köstlich. Geschichten, die gut tun. Geschichten, die mir ans Herz wachsen. Geschrieben von einem Mann, der sein Handwerk versteht, auch wenn mitunter Enttäuschungen durchscheinen. Enttäuschungen eines Schriftstellers, dem der Boden unter den Füssen wegzurutschen droht.

Tim Krohn (*1965) wuchs als drittes Kind einer Hamburger Familie im Glarnerland auf, wurde nach einer wilden Jugend als Freejazz-Saxofonist und ewiger Student freischaffender Schriftsteller und lebt mit der Schriftstellerin Micha Friemel und ihren vier gemeinsamen Kindern im Dreihundertseelendorf Santa Maria Val Müstair, gleich an der Grenze zum Südtirol. Zu seinen literarischen Werken gehören neben Romanen wie «Quatemberkinder», «Vrenelis Gärtli», «Irinas Buch der leichtfertigen Liebe», «Ans Meer», der Trilogie «Menschliche Regungen» und «Die heilige Henni der Hinterhöfe» auch zahlreiche Theaterstücke und einige Opernlibretti. Unter dem Pseudonym Gian Maria Calonder schrieb er ausserdem acht Krimis, die im benachbarten Engadin spielen. Für Jugendliche schrieb er den Roman «Wir entern ein Engadinerhaus» und, gemeinsam mit dem Zeichner Chrigel Farner, die Graphic Novel «Pippin der Nichtsnutz».

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Beitragsbild © Nina Mann

Hansjörg Schertenleib «Für die Katz», Atlantis

Regula und Herbert haben sich vor ein paar Jahren ein Landhaus im Burgund gekauft, ein Refugium, einen Rückzugsort, Realität gewordener Sehnsuchtsort. Ein Steinhaus mit viel Land, in einem kleinen Weiler, mit Blick auf Autun. Wenn da nur der Nachbar nicht wäre.

Hansjörg Schertenleib muss sich nicht mehr beweisen, obwohl er es dann trotzdem tut; mit seiner Art, wie er mit Lakonie, einem sicheren Strich das Grosse im Kleinen erzählt. Wie er seine Figuren zeichnet, wie er mich überrascht. Wie er sich Themen, Schauplätze und Menschen aussucht, die so gar nicht den momentan angesagten Mustern entsprechen. Wie er es schafft, Stimmung und Atmosphäre zu erzeugen, mir seine Protagonisten nahe zu bringen, auch wenn sie keine reinen Sympathieträger sind. Er schafft es sogar, dass er mich ein vermeindliches Katzenbuch lesen lässt, mich, der ich Katzen nur mit dem grössten Misstrauen begegne, obwohl ich immer wieder der bin, den sie bei Besuchen aussuchen, um sich es auf meinem Schoss bequem zu machen. „Für die Katz“ ist kein Katzenroman, auch wenn die Geschichte an Katzenleben entlang erzählt wird. Hansjörg Schertenleib erzählt von dem, was unser Leben bedroht, was Träume zunichte macht, was alle Emotionen bindet, unser Innerstes zerreisst. Er erzählt vom kleinen Krieg, der nicht anders funktioniert wie der Grosse. Von unüberwindlich scheinenden Gräben und der Macht der Zerstörung und des Hasses.

Hansjörg Schertenleib «Für die Katz», Atlantis, 2026, 208 Seiten, ISBN 978-3-7152-5069-4

Als sie das Haus kauften, schien alles perfekt zu sein. Ein weiter Horizont, ein Haus mit Charme, ein Leben, das Zukunft verspricht. Ein Paradies für ihn, den Pensionierten Herbert Reuss und Regula, seine Lebenspartnerin, die zwischendurch als Reiseleiterin arbeitet – und für Ixifix, den zugelaufenen Kater. Dass mit Grundstück und Haus nicht alles perfekt ist, spüren sie schnell, als man sich am Nachbarn Cafard vorbeizwängen muss. Später wird das Kreischen seiner Kreissäge zu einem festen Bestandteil täglicher Geräuschkulissen. Es fallen Bäume, die eigentlich auf ihrem Grundstück stehen, es fliegen Kot und Steine. Während Herbert sich mehr und mehr der Boshaftigkeit seines Nachbarn stellen und mit seiner eigenen kämpfen muss, ärgert sich Regula als Reiseleiterin mit Besserwissern und Klugscheissern herum. Mit einem Mal scheint Ärger zu einer Grundeinstellung des Lebens zu werden, alles zu dominieren, die so nah geglaubte Idylle zu zerstören.

Schertenleib erzählt anhand von verschiedenen, meist zugelaufenen Katzen, das Leben von Herbert und Regula, diesem Paar, das sich mehr und mehr in den Untiefen des Kleinkriegs zu verlieren droht. Es ist die Geschichte zweier Suchenden, so wie es in jener Gegend ganz viele zu geben scheint, die sich an den Rändern der Wälder des Morvan ein neues Leben aufzubauen versuchen, die sehr oft alles tun, um als Einheimische angesehen zu werden, aber doch in jenem Zwischenland bleiben, zwischen Dauertourist und dem Wunsch, sich als Fast-Einheimische in alte Ordnungen einfügen zu können. Herbert allerdings möchte vor allem seine Ruhe, erst recht dann, wenn Regula auswärts ihren Pflichten nachgeht. Er möchte es auskosten, scheut sich auch nicht, den ersten Cognac schon am Morgen zu geniessen. Zusammen mit Ixifix, dem Kater, der bislang letzten Katze in einer langen Reihe, diesen wählerischen Geniessern, die immer und überall einen Platz finden, der ganz ihnen gehört. Ganz im Gegensatz zu Herbert in seinem Krieg mit dem Nachbarn. Seine Ruhe war ihm heilig geworden. Und eben diese Ruhe, symptomatisch für die 70jährigen, ist mehr als nur bedroht.

«Für die Katz» ist ein herrliches (Man kann das Wort auch durchaus wörtlich nehmen!) Stück Literatur. Ein typischer Schertenleib. Gut, dass er weiterschreibt!

Sonntags um 11 Uhr, Garage, Bahnhofstrasse 22/24, Wetzikon.

Hansjörg Schertenleib, geboren 1957 in Zürich, gelernter Schriftsetzer und Typograph, ist seit 1982 freier Schriftsteller. Seine Novellen, Erzählbände und Romane wie die Bestseller Das Zimmer der Signora und Das Regenorchester wurden in ein Dutzend Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet, seine Theaterstücke auf der ganzen Welt auf die Bühne gebracht. Schertenleib lebte zwanzig Jahre in Irland, vier Jahre auf Spruce Head Island in Maine und wohnt seit Sommer 2020 im Burgund.

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Beitragsbild © Sandra Kottonau

Pascale Kramer «Die Nachsichtigen», Atlantis

Pascale Kramer ist eine Meisterin darin, das Psychogramm einer Familie in einer Intensität zu Literatur zu machen, die bei der Lektüre körperlich werden kann. In ihrem neuen Roman „Die Nachsichtigen“ schont sie mich mit nichts. Kein Unterhaltungsroman, aber ein sprachstarker Einblick in die Abgründe einer auseinanderbrechenden Familie.

Manchmal gibt es Bücher, die einen Beipackzettel benötigen. Es ist eine Weile her, als ich einem Bekannten einen Roman von Pascale Kramer schenkte mit der Bemerkung, die Autorin sei eine der ganz Grossen, auch wenn man ihr im deutschen Sprachraum nicht die ihr gebürende Ausmerksamkeit schenkt. Ein paar Wochen später gab er mir das Buch, das ich ihm geschenkt hatte, wieder zurück mit der Bemerkung, er hätte es nicht zu Ende lesen können: „Probleme auf Probleme. Ich lese, um mich zu unterhalten.“ In keinem ihrer bisherigen Romane trifft das mehr zu als auf den neusten. Clémence Mutter stirbt ganz langsam an einer unheilbaren Krankheit. Schon während ihrer Pubertät entgleitet die Tochter der kranken Mutter und dem überforderten Vater. Schon allein das könnte Stoff sein für einen Roman. Aber Clémence verliebt sich in schwärmerischer Art ausgerechnet in ihren Onkel Vincent, einen Kunsthändler, der in seinem Auftreten so ganz anders erscheint, als all die Männer sonst. Aber es bleibt nicht beim Verliebtsein. Vincent versteht sich als Frauenheld, und was mit Komplimenten begann, wird zum Verhältnis, einem Verhältnis, das in der Familie nicht unbemerkt bleibt. Ein Verhältnis, dass die Familie zerreisst, schmerzhaft für alle, wenn auch nicht gleichzeitig. Für Vincent ist Clémence eine Eroberung mehr, Clémence fühlt sich ein erstes Mal ganz und gar gesehen und begehrt. Obwohl Vincent mit Anne-Lise verheiratet ist, einer Frau, die nicht nur eine Fehlgeburt zu verkraften hat und die Seitenspünge ihres Mannes nicht an sich herankommen lässt.

Pascale Kramer «Die Nachsichtigen» (Les indulgences), aus dem Französischen von Andrea Spingler, 224 Seiten, CHF ca. 25.00, ISBN 978-3-7152-7569-7

Pascale Kramer beschreibt das Familiengefüge über vier Jahrzehnte, in Kapiteln chronologisch, aber in Rückschauen und Reflexionen, die genau das ausmachen, was Familie ist; ein dichtes Geflecht von Fäden, die sich verlieren, und die mit einem Mal wieder auftauchen, die nie verschwunden sind. Pascale Kramer erzählt davon, wie lange ein Schmerz nachwirken kann, auch wenn Verursacher sich dessen nie wirklich bewusst werden, wie filigran ein Familiegeflecht ist, wie dünn dieses Netz aus Fäden werden kann und man ungewollt riesige Löcher reissen kann.

Man liest dieses Buch nicht, weil einem die Geschichte in Bann zieht, im Gegenteil; Weder Clémence in ihrem ungebremsten Gebaren, noch Vincent in seiner Selbstverliebtheit, weder Clémences Mutter im Käfig ihrer Krankheit, noch ihr Vater, der sich den Situationen nicht zu stellen traut, schon gar nicht Clémences Grossmutter Nancy, die nichts an ihren Sohn Vincent kommen lässt und schon gar nicht die Blindheit und das stille Erdulden von Vincents Frau – niemand lädt zur Identifikation ein. Pascale Kramer scheint sich förmlich zu suhlen im Sumpf einer Familie. Was dieses Buch zum Genuss macht, ist die Fähigkeit der Autorin, das stille Grauen zu wunderschönen Sätzen zu formen. Was ihr Spass zu machen scheint, entlädt sich in mir zu einem Wechselbad der Gefühle. Verstehen sich jene wirklich, die sich am nächsten stehen sollten? Warum ist Schmerz so unmittelbar mit Liebe verflochten? Warum spüren Menschen nicht, was sie mit ihrem Tun anrichten?

Als der Roman einsetzt und es zu ersten Annäherungen zwischen Onkel und Nichte kommt, sprach noch kaum jemand in der Öffentlichkeit von Missbrauch in Familien, von Übergriffigkeit und der Nachsichtigkeit der Gesellschaft. Heute kitten wir die Risse, Risse, die zu schwelenden Narben geworden sind. Pascale Kramer offenbart ein Stück Katastrophe, das sich über Jahrhunderte in eine Gesellschaft gefressen hat. Zugeben; harter Tobak. Aber wer sich traut, liest sich mit diesem Roman in ungewohnte Tiefen.

Pascale Kramer, 1961 in Genf geboren, ist eine vielfach ausgezeichnete Romanautorin. Aufgewachsen in Lausanne, ging sie 1987 nach Paris, wo sie heute lebt. Die Nachsichtigen, 2023 in Frankreich erschienen, ist ihr zehnter Roman und hat ein starkes Presseecho ausgelöst. Bekannt für subtile Familiengeschichten und sprachliche Präzision, konnte Pascale Kramer 2017 den Schweizer Grand Prix Literatur für ihr Gesamtwerk entgegennehmen. Sie engagiert sich u. a. im Verein Nouvelle Page zur Eingliederung von Migrant*innen.

Andreas Spingler übersetzt seit mehreren Jahrzehnten aus dem Französischen; sie hat, neben anderen, Marguerite Duras, Patrick Modiano, Alain Robbe-Grillet, Maylis de Kerangal und Marie-Hélène Lafon ins Deutsche gebracht und wurde vielfach ausgezeichnet. Sie lebt in Oldenburg und Südfrankreich.

mehr über die Bücher von Pascale Kramer

Beitragsbild: Jean-François Robert © Flammarion

Dave Eggers «Die Augen und das Unmögliche», Atlantis

Gibt es Kinderbücher? Jugendbücher? Wahrscheinlich gibt es Bücher, die explizit für ein Publikum geschrieben sind. Aber manchmal gibt es Bücher, die alle Sprachen sprechen, jene der Kinder, jene Jugendlicher und jene Erwachsener. Bücher wie „Die Augen und das Unmögliche“ von Dave Eggers. Bücher mit scheinbar einfacher Melodie. Mit Zwischen-, Unter- und Obertönen.

Haben sie „Momo“ von Michael Ende gelesen und dabei irgendwann das Gefühl gehabt, sie würden eine Kindergeschichte lesen? Eine einfache Geschichte für einfache Gemüter? „Momo“ spiegelt genauso wie Dave Eggers „Die Augen und das Unmögliche“ die Welt und was passiert. Diese Geschichte ist auch keine Tiergeschichte, auch wenn der Protagonist Johannes ein Hund ist. Ein Hund mit einer Aufgabe, denn in diesem grossen, riesengrossen Park ist Johannes ‚Das Auge‘. Kein Wachhund, aber der Blick fürs Ganze, das Auge für die drei alten, weisen Bisons Freya, Meredith und Samuel, die seit ewigen Zeiten das Sagen über die Geschicke der Tiere haben und stets in ihrem Gehege bleiben, von Wärtern gefüttert.

Dave Eggers «Die Augen und das Unmögliche», Atlantis, 2024, Illustrator Shawn Harris, aus dem amerikanischen Englisch von Ilse Layer, 240 Seiten, CHF ca. 33.00, ISBN 978-3-7152-3013-9

In diesem riesigen Park hat es auch Menschen, mal wenige, mal viele. Solche, die mit Rädern an den Füssen über Wege und Strassen flitzen, manchmal mit eigenartigen Geräuschen aus tragbaren Kisten. Solche, die tanzen. Aber auch solche, die unerklärlichen Lärm verursachen, Dinge zerstören oder Müll zurücklassen. Oder solche in Uniformen. In diesem Park gibt es neben Wegen und Strassen auch Gebäude. Manch eines ist riesig. Und in der Mitte des Parks geschehen seltsame Dinge, denn dort wächst ein riesiges Ding mit nur wenigen Fenstern, das die Tiere im Park verunsichert.

«Lebendig sein heisst, seinen Weg zu gehen.»

Überhaupt scheint im Park eine Zeit des Umbruchs anzubrechen. Der immergleiche Alltag des Parks wird mehr und mehr gestört. Eines Tages stehen rund um das neu entstehende Gebäude Tafeln mit Bildern. Bilder, die Johannes eine Wirklichkeit zeigen, von der er nichts wusste, einer Wirklichkeit, die in über die Massen in Bann zieht, die in so sehr fesselt, dass er nicht einmal merkt, dass er von einem der Menschen gestreichelt wird. Eine Berührung durch dieses Bild und eine Berührung durch diese Hand.

Johannes ist der einzige seiner Art. Es gibt wohl noch andere Hunde, aber diese werden an Leinen von Menschen geführt. Sie sind auch nicht so schnell wie er, denn Johannes ist, wenn er denn will, so schnell wie das Licht. Man achtet Johannes, denn ohne ihn gäbe es ‚Das Auge‘ nicht für die drei alten Bisons. Und ohne Freya, Meredith und Samuel gäbe es die tausendjährige Ordnung nicht.

Doch eines Tages gerät Johannes, erstarrt im Bann jener Bilder vor dem eigenartig grossen Gebäude mitten im Park, in die Fänge von Menschen. Sie packen ihn und zerren ihn in eine metallene Kiste auf Rädern. Nur mit Hilfe seiner vielen Freunde im Park gelingt Johannes die Flucht vor den Dieben. Und weil ihm Gutes getan wurde, weil man ihn unter Aufbietung aller Kräfte rettete, meint auch Johannes etwas Grosses tun zu müssen; Die drei Bisons Freya, Meredith und Samuel sollen frei sein.

In „Die Augen und das Unmögliche“ geschieht das Unmögliche. Es ist eine Geschichte über Freiheit und Mut, über die Grenzen dieser Freiheit und die Kraft der Gemeinschaft. Wie leicht wir uns fesseln lassen, weil wir zu wissen glauben. Dave Eggers Roman ist eine phantastische Parabel über eine Welt, die aus den Fugen gerät. Über die Macht von Bildern, äussere und innere.

Ich bin sicher, dass meine Enkelinnen mir gerne beim Vorlesen zuhören würden. Und ich bin sicher, dass ich dieses Buch immer und immer wieder lieben werde.

Berndt Lindholm, Forest Interior, 1878, Finnische Nationalgalerie, Helsinki, Finnland

PS Die Gemälde in diesem Buch sind klassische Landsachftsgemälde längst verstorbener Künstler. Der Illustrator Shawn Harris malte Johannes den Hund in alle diese Bilder hinein, ohne die Gemälde sonst zu verändern.

Dave Eggers (*1970) ist einer der bedeutendsten zeitgenössischen Autoren. Sein Werk umfasst zahlreiche Bücher für Erwachsene, darunter «Every»,»»Der Circle» und «Ein Hologramm für den König». Ebenso hat er bereits mehrere Bücher für junge Leser*innen geschrieben, darunter «Die Mitternachtstür» und «Her Right Foot» und «What Can a Citizen Do?», die beiden letzteren illustriert von Shawn Harris. Dave Eggers ist Gründer von McSweeney’s, einem unabhängigen Verlag, und Mitbegründer von 826 National, einem Netzwerk von Schreib- und Nachhilfezentren für Jugendliche. Er lebt mit seiner Familie in Nordkalifornien.

Die neun Gemälde in diesem Buch sind klassische Landschaftsgemälde längst verstorbener Künstler. Shawn Harris, mit dem Dave Eggers schon häufig zusammengearbeitet hat, hat Johannes in alle Bilder hineingemalt, ohne sie ansonsten zu verändern. Shawn Harris lebt in Nordkalifornien, wo er auch gerne Songs schreibt, surft und Racquetball spielt.

lse Layer arbeitete nach ihrem Studium zunächst im Kulturbereich und in einem Verlag, bevor sie sich 1991 als Literaturübersetzerin für Spanisch und Englisch selbstständig machte. Sie lebt in Berlin. Für ihre Übersetzungen hat sie diverse Auszeichnungen und Preise erhalten, darunter den Deutschen Jugendliteraturpreis.

Dave Eggers «Die Parade», Rezension auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Brecht van Maele

Mariann Bühler «Verschiebung im Gestein», Atlantis #SchweizerBuchpreis 24/09

Mariann Bühler wurde für ihr Debüt «Verschiebung im Gestein» anlässlich der Weinfelder Buchtage der Weinfelder Buchpreis verliehen, eine Auszeichnung, die im Hinblick auf den Schweizer Buchpreis durchaus als Hinweis verstanden werden kann.

Angesichts unserer eigenen Endlichkeit erscheint das, was wir an Welt wahrnehmen, in eine Ewigkeit getaucht, unverrückbar, „in Stein gegossen“. Aber selbst das, was fest erscheint, ist einem Fliessen unterworfen. Mariann Bühler beschreibt drei Leben, die aufbrechen, zu fliessen beginnen, die sich verschieben, eine neue Richtung bekommen. Mariann Bühler tut dies derart souverän, dass das Staunen zum Schaudern wird! Tektonische Verschiebungen, die ganz langsam, kaum wahrnehmbar vonstatten gehen. Mariann Bühler beschreibt genau jene feinen Risse, die mit der Verschiebungen im Gestein einhergehen.

Ihr heute preisgekrönter Roman ist Mariann Bühlers Debüt. Debüt ja, aber bereits ein Meisterstück! Mariann Bühlers Buch besticht vielfach; zum einen die Konstruktion, das Übereinanderschichten verschiedener Leben, die Schichtungen im Buch selbst, zwischen den drei scheinbar unabhängigen Leben und den sanften, zarten Schilderungen, die die drei Leben in einen grösseren Zusammenhang, in einem grossen Bild zusammenfügen. Weiter die Sprache, die sich ganz dem Feinen zuwendet, nichts Reisserisches braucht und mit grosser Empathie maximale Nähe zum Geschehen erzeugt. Es sind die Geschichten von Suchenden, die auf ganz unterschiedliche Weise durch die Sedimente des Lebens geführt, geschoben und gezogen werden. Mariann Bühlers Roman ist Lesegenuss der Extraklasse. Ein Versprechen! Ein Versprechen, das nicht nur dieser Preis hier in Weinfalden gibt, nicht zuletzt auch die intakten Chancen, dass im November noch ein weiteres Ausrufezeichen dazukommen könnte, der Schweizer Buchpreis 2024.

Elisabeth lebt und arbeitet in einem Dorf. Der Tod ihres Mannes bringt sie gänzlich aus dem Trott, lässt sie taumeln, obwohl die Ehe mit ihm nicht das gebracht hatte, was sie sich noch zu Beginn erhofft hatte. Sie führten über Jahrzehnte die Bäckerei im Dorf, ein Geschäft, das Jakob so wie immer führen wollte und die vorsichtigen Änderungs- und Anpassungsvorschläge seiner Frau stets mit Trotz und aufbrausenden Drohungen quittierte. Drohungen, die Jakob mitunter auch mit Schlägen verdeutlichte. Elisabeth, ein halbes Leben in die Pflichten einer Familienfrau, Mutter, Ehefrau und „Angestellte“ eingebunden, muss sich nach dem Auszug ihrer Tochter und dem Tod ihres Mannes neu aufstellen. Das alte Leben soll enden, auch die Rolle, die Elisabeth im Dorf einzunehmen hatte. Nach Wochen, in denen die Notiz an der Einganzstür zur Bäckerei langsam zu vergilben begann, öffnet Elisabeth wieder die Tür zur Bäckerei. Nur mit dem Unterschied, dass sie es ist, die nun den Lauf der Dinge bestimmt.

„Anfangs erschrak Elisabeth, wenn Jakob spurlos im Bäcker verschwand. Mit den Jahren entwickelte sie ein Frühwarnsystem, wie es das für Erdbeben gibt.“

Mariann Bühler «Verschiebung im Gestein», Atlantis, 2025, 208 Seiten, CHF ca. 32.90, ISBN 978-3-7152-5040-3

Alois ist Bauer. Ob er den Hof damals hätte übernehmen wollen, stand nie zur Frage. Er wuchs über die Jahre in diese Rolle hinein. So wie seine Eltern alt und gebrechlich wurden und mit der Zeit nicht mehr die Kraft hatten, so gab er sich immer mehr in die Aufgaben des Bauern hinein. Eine Aufgabe, die mehr und mehr zur seinen wurde, eine Selbstverständlichkeit, ein Naturgesetz. Aber in Alois stiller Ergebenheit blieb stets ein Rest Zweifel. Sollte es das gewesen sein? Nur schon die dauernden Sticheleien der Eltern, weil sich keine Bäuerin finden wollte, oder die Erzählungen im Musikverein von grossen Abenteuern, stellen Alois Innenleben auf eine harte Probe. Selbst seine Schwester, die mit ihrer Familie im gleichen Dorf lebt, spürt, dass da etwas ist, was ausbrechen will. Bis sich Jakob entschliesst, den Hof zumindest für ein Jahr zu verpachten und reissaus zu nehmen, all die Pflichten hinter sich zu lassen.

„Wenn er Halt zu verlieren drohte, hielt er sich an Heugabeln, Besen, Steuerrädern fest.“

Und da ist Ruth, von der Mariann Bühler manchmal in der dritten Person, als Ruth erzählt, und manchmal in der Du-Form, als wäre die junge Frau gleich neben der Erzählstimme, würde sie sie durch das Geschehen schieben. Die junge Frau kehrt ins Dorf zurück, holt sich die Schlüssel für das schon lange unbewohnte Ferienhaus hoch über dem Dorf. Ein kleines Haus, in dem die Zeit still gestanden ist, die Luft sich über Jahre nicht bewegte. Das Haus soll verkauft werden. Ruth trägt ihr Leben hinauf in dieses Haus, die Suche nach ihrem Platz, die Bilder und Stimmen aus ihrer Vergangenheit, einer Familie, in der sich der Schmerz tief eingegraben hatte.

„Du hast dich mit deiner Schwester vom Wald verschlucken lassen, vom Tobel, vom Bach und den moosigen Steinen. Ihr habt eure Mädchenhaut mit den Gummistiefeln abgestreift und seid zu Zwergen geschrumpft, habt aus Tannennadeln und Lehm Häuser gebaut, seid als Löwen mit Mähnen aus Farn durch den Urwald geschlichen, als Hexe mit Tannenzapfennase und Astbesen.“

Jeder Ausschnitt aus diesem Buch zeigt, wie bildhaft Mariann Bühler erzählt, wie sie mit malerischer, zeichnerischer Freude mit Sprache umgeht, wie nah sie sich den Menschen und ihrer Geschichte zuwendet.
Mariann Bühler erzählt von drei Leben, die sich erst nach und nach miteinander verweben. Drei Leben, die sich über- und untereinder verschieben, aufeinanderstossen und sich aufwerfen. Erst über die Zeit wirksame Kräfte, die an ihren Rändern brechen und Abgründe sichtbar machen. 

Ein beeindruckendes Kunststück! Ein Buch, dass das Herz öffnet.

Interview

Nun ist er draussen, Dein erster Roman, an dem Du ganz offensichtlich sehr lange und intensiv gearbeitet hast. Was bis vor kurzem noch ganz Dir gehörte, liegt nun auf Tischen in Buchhandlungen zum Kauf bereit, wartet auf Nachttischchen und in Bücherstapeln auf die Lektüre und auf den Schreibtischen der Rezensenten auf Zuspruch oder Ablehnung. Wie sehr verändert die Veröffentlichung Deines Buches Dein Leben, oder zumindest die zeitliche Ausrichtung?
Diese Frage würde ich in einem Jahr vermutlich anders beantworten, jetzt, kurz nach Erscheinen des Buches beantworte ich sie so: Ich freue mich darüber, dass ich diesen Text und seine Figuren nun mit allen, die ihn lesen wollen, teilen kann. Und ich freue mich auf die Reaktionen darauf – darauf, dass ich dank den Leser*innen den Text selbst noch einmal mit neuen Augen sehen kann. Ich bin gespannt, was auf mich zukommt, welche Wege dieser Roman nehmen wird. Und wie das weitergeht mit meinem Schreiben.

© Mariann Bühler

Die Menschen, von denen Du erzählst, sind Gefangene. Sie alle versuchen auf die eine oder andere Weise auszubrechen, geschoben oder gezogen. Ich bin sicher, dass Du mit dem Thema Deines Romans eine menschliche Ursehnsucht ansprichst, seien es nun kleine oder grosse Ausbrüche, haben wir Menschen doch wie kein anderes Lebewesen die Fähigkeit, uns selbst zu fesseln, zu blockieren – bis zur vollkommenen Lähmung?
Wir alle sind Teil eines Gefüges – da sind zwischenmenschlich Beziehungen, die über Jahre wachsen und uns prägen, ein soziales, berufliches, familiäres Umfeld, das uns ebenso formt wie wir unseren Platz in der Welt mitformen. In manchen Situationen verspricht das Verharren im Bekannten mehr Sicherheit als eine Verschiebung ins Unbekannte. Gleichzeitig geschehen manche Veränderungen, ob wir wollen oder nicht. Auch wenn die Situation eng aussieht, wenn es scheint, dass alles stillsteht, gibt es einen kleinen Spielraum. Ich mag das englische Wort für Spielraum, «wiggle room», wiggle heisst wackeln oder schlängeln, ich stelle mir einen ganz kleinen Raum vor, der sich durch konstante, kleine Bewegungen verändern und erweitern lässt. Ich mag dieses Bild, darin ist eine Zuversicht.

Warum schaffen wir es nicht, Veränderungen selbst zu provozieren? Warum gelingt uns eine Veränderung meist erst dann, wenn wir sie im Windschatten anderer Ereignisse vollziehen können, wenn das Beben bereits stattgefunden hat, wenn die Risse in den Versteinerungen aufgebrochen sind?
Wir können alle nicht aus unserer Haut. Unser bisheriges Leben hat sich in uns eingeschrieben, hat unsere Möglichkeiten und Grenzen geformt. Tiefgreifende Veränderungen geschehen nicht notwendigerweise mit Pauken und Trompeten und einem einzigen umgelegten Hebel, sondern leise, über eine lange Zeit, unter der Oberfläche. 
Für meine Figuren kommt das Beben nicht plötzlich. Auf den ersten Blick vielleicht, aber bei genauerem Hinsehen wird klar, dass sich das schon lange angebahnt hat. Wie die tektonischen Verschiebungen, die lange bevor wir sie begreifen konnten, stattgefunden haben, braucht es manchmal Zeit, die Risse, die Aufbrüche als solche wahrzunehmen.

Ich bin tief beeindruckt von der Sprache und der Erzähltechnik Deines Romans. Wie weit bist Du Deiner Intuition gefolgt? Oder war da eine Strategie, ein Plan? Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser Roman das Resultat eines chronologischen Schreibens sein kann. Viel mehr macht er den Eindruck, als wäre es der Sud eines langen Entstehungsprozesses, ohne dass der Roman dabei seine Leichtigkeit eingebüsst hätte.
Der Entstehungsprozess war alles andere als geradlinig. Ich bin im Arbeitsleben die, die für alles eine Liste und einen Plan erstellt. Im Schreiben funktioniere ich offenbar anders. Erst ganz am Schluss gab es eine Liste, die mir den Überblick über die Kapitel erleichterte und die Struktur, die Schichtung, zeigte. 
Davor war alles in Bewegung. So viel in der Schwebe zu halten, war manchmal schwer erträglich, im Nachhinein aber wichtig: Ich konnte Szenen, die nicht funktionieren wollten, an einen anderen Ort schieben, in ein anderes Lebensalter der Figur – oder sie einer ganz anderen Figur zuordnen. So wurde manchmal ein scheinbar unwichtiges Motiv, von dem ich mich nicht recht trennen konnte, wie die Narbe an Alois’ Finger, zentral. Bei jeder Figur gab es einen – manchmal ziemlich ausgedehnten – Moment, wo es nicht weiter ging, wo sich etwas in meiner Wahrnehmung verschieben musste, damit etwas, das ich nicht geplant und manchmal nicht einmal geahnt hatte, Form annehmen konnte. Auf das Geologische bin ich per Zufall gestossen. Ich bin staunend in diese Sprache eingetaucht, die mir genau die Bilder und Prozesse geliefert hat, die mir fehlten. 
Der Text hat die lange Gärphase gebraucht, ich habe sie gebraucht, um besser zu verstehen, was ich schreibe und wie ich schreibe. Welche Möglichkeiten ich habe und wie ich sie nutzen kann. Dem Prozess zu vertrauen und nichts voreilig festzumachen.

© Mariann Bühler

Da gibt es Szenen in der Backstube oder im Stall, die unmöglich ohne persönliche Erfahrungen hätten entstehen können. Ganz offensichtlich wolltest Du nicht nur bei deinen ProtagonistInnen nah rangehen, sondern auch in dem, was sie tun. Kannst Du melken und grosse Mengen Brot backen?
Mir war es wichtig, diese Arbeitsprozesse abzubilden, weil sie viel über die Figuren erzählen und auch als Gegenstück zu den geologischen Verschiebungen. Das Backen und Melken sind auf den ersten Blick repetitive Arbeiten, die jeden Tag gleich geschehen. Gleichzeitig verändern sie sich dauernd: Wer backt oder melkt, braucht ein grosses Erfahrungswissen und ist sich einer Vielzahl von Faktoren bewusst, trifft dauernd kleinste Entscheidungen, um den Prozess an die aktuellen Gegebenheiten anzupassen, führt also dauernd die für das Gelingen nötigen Veränderungen herbei. So durch und durch gekonntes Handeln finde ich sehr schön – fast wie ein Tanz. 
Ich habe selbst zwar einmal gelernt, ein Melkmaschinenaggregat an ein Euter zu hängen, und würde von Hand etwas Milch aus einer Kuh bekommen, aber wirklich melken kann ich nicht. Beim Backen ist es ähnlich, ich backe gerne mal einen Zopf, aber in grossen Mengen Brot backen, das kann ich nicht. Da war ich beim Schreiben auf das Wissen anderer angewiesen. Ich habe zum Beispiel eine Bäuerin besucht, die jede Woche aus mehreren hundert Kilo Mehl Brot backt, konnte ihr bei der Arbeit zuschauen und Fragen stellen. Das war sehr wichtig: Den blossen Ablauf dieser Arbeit hätte ich aus Texten und Videos zusammenschustern können, aber beim Beobachten wurden die Bewegungen, Konsistenzen, Materialitäten, das ganze verkörperte Wissen, wahrnehmbar. 
Beim Melken und auch beim Holzen war es ähnlich: Die Bewegungen und Körperhaltungen kenne ich seit meiner Kindheit, meinte, mich an die Abläufe erinnern zu können – und musste dann feststellen, dass meine Erinnerung ungenau war. Zum Glück hatte ich einen Testleser für die landwirtschaftlichen Dinge, der mir Reihenfolgen und Aufgabenteilungen geradegerückt hat. Das lässt sich nicht googeln, um das zu vermitteln braucht es Menschen mit entsprechendem Wissen.

Was mich ebenfalls beeindruckte, sind beschriebene Stimmungen. Seien es Stimmungen in Szenerien oder solche in den Innenwelten deiner ProtagonistInnen. Klar ist Empathie eine Voraussetzung, um sich in solche Innenwelten hineinzubegeben. Wann merkst Du, dass das Gleichgewicht zwischen Nähe und der nötigen Erzähldistanz erreicht ist?
Da muss ich nachdenken. Die Stimmungen waren mir wichtig, vielleicht, weil sich damit manchmal die Innenwelten nach aussen übersetzen lassen, wenn den Figuren nicht nach Reden ist. Die können und wollen nicht alles in Worte fassen, was in ihnen vorgeht. Da habe ich versucht, ihre Umgebung so zu beschreiben, dass nachvollziehbar wird, was in den Figuren vorgeht. 
Ich glaube, bei den Figuren entsteht das Gleichgewicht in der Bewegung, im Wechsel zwischen Nähe und Distanz. Die richtige Erzähldistanz zu finden war nicht ganz einfach. Der Vorteil war, dass ich zwischen den Strängen hin und her wechseln konnte. Wenn ich bei Elisabeth nicht weiterkam, konnte ich beispielsweise zu Alois wechseln und schauen, ob der gerade gesprächiger ist. Das brauchte Geduld: So, wie wir anderen Menschen nicht im ersten Gespräch unsere tiefsten Geheimnisse verraten, musste ich die Figuren erst kennenlernen, langsam erarbeiten, was sie umtreibt und mich manchmal ebenso selbst überraschen lassen wie auch mal einzugreifen als Autorin, bewusst eine Weiche stellen im Text. 
Die Distanz zu den Figuren verändert sich noch immer: Anfangs war es nicht leicht, ihnen nah genug zu kommen. Kurz vor dem Ende der zweiten Fassung waren sie mir so nah, dass ich abends nicht einschlafen konnte vor Sorge um sie, ob das alles gut kommt – eigentlich absurd, schliesslich gab es sie nur in meinem Kopf und in einer Datei. Und jetzt, wo das Buch da ist, gehen sie ihre eigenen Wege.

Mariann Bühler, geboren 1982 in der Nähe von Luzern, hat in Basel und Berlin Englische Literatur­ und Sprachwissenschaft, Islamwissenschaft und Gender Studies studiert. Sie lebt als Autorin, Literaturvermittlerin und Veranstalterin in Basel. «Verschiebung im Gestein» ist ihr Romandebüt; für einen Auszug aus dem Manuskript wurde sie mit dem Zentralschweizer Literaturpreis ausgezeichnet.

Weinfelder Buchtage 2024

Webseite der Autorin

«Wir glauben, Erfahrungen zu machen, aber die Erfahrungen machen uns.» (12) #SchweizerBuchpreis 24/07

Lieber Gallus

Nach «Verschiebung im Gestein» von Mariann Bühler habe ich als zweites Buch (auch aus dem Atlantis Verlag!) der für den Schweizer Buchpreis 2024 Nominierten das aktuelle Werk «Tabak und Schokolade» von Martin R.Dean gelesen.

Dass auf dem schön gestalteten Cover «Roman» steht, stört mich nicht, dass die Halbgeschwister nur als Erben vorkommen ebenso wenig. Meiner und meiner Mutter Geschichte, diese Worte beschliessen das Buch, eine sehr berührende und anregende Recherche des Autors nach seinen karibischen Wurzeln. Es beginnt mit einer eindrücklichen Szene, wo die zwanzigjährige Mutter mit dem kaum einjährigen Kind vor dem betrunkenen, gewalttätigen Ehemann flieht, weil er seine Zigarette auf dem Baby ausdrücken will. Die Ehe zerbricht, die Mutter kommt nach mehreren Jahren Arbeit in Plantagen mit dem Kind in die Schweiz zurück. Damals war ein kaffeebraunes Kind in einem aargauischen Dorf eine Sensation. Die Mutter heiratet erneut einen Mann aus der Karibik, einen Arzt und verlor seither kaum ein Wort über die ersten Jahre mit «Martin» auf Trinidad. Als die Mutter stirbt, bleibt dem vom Pflegevater abgelehnten und von den Erben nicht berücksichtigten Autor nur «Die Geschichte». Sogar seinen Familiennamen musste er in der Primarschule ohne Erklärung ändern. Der Willensvollstrecker des nicht unbeträchtlichen Erbes teilt ihm mit, er sei nicht in der Erbengemeinschaft inbegriffen. Zufällig bemerkt er in der Schublade mit dem weggeschafften Schmuck der Mutter ein rotes Fotoalbum, das er heimlich zu sich nimmt. Anstelle von Gold und Silber entdeckt er so Bilder aus der versunkenen Welt seiner Kindheit.

In einer klaren genauen Sprache und fotografisch belegt breitet sich vor uns ein dichtes Kaleidoskop aus, in mehreren Erzählsträngen begleiten wir den Autor auf der Recherche seiner Kindheit, seiner Herkunft. Und nebenbei erfahren wir aus authentischer Sicht einen Teil der Kolonialgeschichte, die auch die Schweiz betrifft. Meisterhaft ist diese Suche nach Identität, nach Herkunft, nach Anerkennung beziehungsweise Ausgrenzung mit der Familiengeschichte verwoben.

Der Autor besucht nach dem Tod der Mutter erstmals seine Verwandten in Trinidad, die sich als Kontraktarbeiter im 19.Jahrhundert aus Indien in den Plantagen unter sklavenähnlichen Bedingungen hochgearbeitet hatten. Die Auswanderer konnten nur das nackte Leben mitnehmen, alle sozialen Bindungen gingen verloren. Millionen von Schwarzen Leibern wurden in süsse weisse Materie (Zuckerrohrplantagen) umgewandelt, damit Wirtschaft und Wohlstand in Europa in Schwung blieben. Kastenwesen und Rassismus lasteten auf diesen Menschen, erklären die Anfälligkeit für Alkoholismus und Gewalt.

«Tabak und Schokolade»: Tabak bezieht sich auf die Herkunftsfamilie der Mutter. Diese Grosseltern lebten und starben für die Zigarrenindustrie. Sie trugen den Tabakstaub aus den Fabriken nach Hause, nicht nur in den Kleidern, sondern auch in ihren Lungen. Mein Grossvater sog unentwegt an seinem Stumpen, wenn er im Garten Erde aushob, Unkraut jätete oder in der Werkstatt hämmerte, auch wenn er auf seinem Moped über Land fuhr.

Vor dem Rückflug in die Schweiz besucht der Autor eine Buchhandlung: Es berührt mich seltsam, mitten in Port of Spain auf eine Person zu stossen, die mir den Schriftsteller Edgar Mittelholzer als Schweizer vorstellt. Dies ein weiterer Erzählstrang, der den Lebensbericht des Protagonisten ergänzt und spiegelt. 

Bei ihrem achtzigsten Geburtstag bezeichnet seine Mutter die erste Zeit mit ihrem ersten Kind in Trinidad als ihre glücklichste. Ein kleiner Trost, da ihm nach deren Tod von den Erben nicht einmal das Tischchen, worauf er mit ihr bei seinen Besuchen Kaffee getrunken hat, überlassen wird.

Das Buch macht betroffen, liest sich aber weil, dass es Martin R. Dean gelungen ist, seine reiche, auch schwierige Biografie ohne anklagende Töne in Sprache zu fassen.

Was sind deine Eindrücke nach der Lektüre?

Herzlich

Bär

NB Meine Favoriten für den Schweizer Buchpreis 2024 sind diese beiden Bücher, an erster Stelle «Verschiebung im Gestein».

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Lieber Bär

Martin R. Dean «Tabak und Schokolade», Atlantis, 208 Seiten, CHF ca. 32.90, 2024, ISBN 978-3-7152-5039-7

Meine Leseeindrücke schilderte ich schon in meiner Rezension vom 17. September. «Tabak und Schokolade» ist ein Buch der Stunde, ein Buch über Mütter und Väter, ein autobiographischer Roman, eine Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft, eine Auseinandersetzung, die Martin R. Dean durch seine Hautfarbe aufgezwungen wurde, dieses Anderssein, Nicht-der-Norm-Entsprechen.

Das Besondere an diesem Buch; Martin R. Dean betreibt nicht blosse Nabelschau. Obwohl er sich verletzt und gekränkt fühlt, weil man ihn nach dem Tod seiner Mutter als Erbe noch einmal als Sohn/Mensch zweiter Klasse degradiert, ist das Buch nicht nur Ahnenforschung oder sanfte Abrechnung, sondern ein Sittengemälde der Nachkriegszeit, die Geschichte unerfüllter Wünsche in einer Gesellschaft, in der für (fast) alle alles möglich, Erfolg und Aufschwung Norm schien. In einer Gesellschaft, die mit der Schwarzenbachinitiative seine Vorbehalte gegenüber «anderen» ganz offen artikulierte und sich in ihrer Argumentation nicht allzu sehr von der Fremdenfeindlichkeit in der Gegenwart unterscheidet. Eine grosse Mehrheit von Wählerinnen und Wählern in ganz Europa macht das in der Gegenwart mehr als deutlich.

Martin R. Dean macht mit seinem Buch auch bewusst, wie sehr der Reichtum unseres Landes, hier beispielhaft mit der Tabak- und Schokoladenproduktion, auf den Schultern und Rücken Ausgebeuteter, Vergessener, Entwurzelter gewachsen ist. Noch immer stehen Denkmäler von Grossen aus Wirtschaft und Politik unkommentiert auf Plätzen bedeutender Schweizer Städte, deren Erfolg und Wichtigkeit ins Blut von Sklaverei und Ausbeutung getaucht ist.

Martin R. Dean kreist schon lange um das Thema «Fremdsein». Mit Sicherheit ist dies sein persönlichstes Buch in dem er überraschend viel über seine Geschichte und Herkunft erzählt und verrät. Ob das Buch nun mit Recht «Roman» genannt werden kann, darüber fehlt mir die Lust zu diskutieren. Wahrscheinlich eine Strategie des Verlags. Es lässt sich schlicht mehr Umsatz generieren, wenn auf einem Cover «Roman» steht.

In jeder Familie, in jeder Geschichte gäbe es Gründe genug, die Türen zur Vergangenheit zu öffnen. Letztlich versteckt sich dort immer ein Schatz, Reichtum, ein Fundament, auch wenn mit Überraschungen zu rechnen ist. Der Blick zurück stärkt den Schritt nach vorn, weil er Richtung gibt.

Ich bin nicht überrascht, dass Dir das Buch gefällt! Hast Du «Favorita» von Michelle Steinbeck schon gelesen? Nach einer Veranstaltung an den Solothurner Literaturtagen verging mir eigentlich die Lust. Und nun war ich doch ziemlich baff!

Freundschaftliche Grüsse
Gallus

Vincenzo Todisco «Der Geschichtenabnehmer», Atlantis

Gruma ist ein kleines Dorf im Apennin. Ein Dorf mit Eigenheiten – wie jedes von der Aussenwelt weitgehend abgeschirmte Dorf. Ein Dorf, in dem die Neuzeit, die Gegenwart mit zerstörerischer Kraft Änderungen provoziert, die nicht nur die Jungen vertreiben, sondern den Verbliebenen auch noch das Letzte an Würde und Stolz zu nehmen drohen.

Wenn in Gruma jemand im Sterben liegt, ruft man seit Jahrhunderten den Geschichtenabnehmer. Ein Amt, das von Mann zu Mann weitergeben wird, eine Aufgabe, die den Träger aussucht, die erst weitergegeben wird, wenn jener der Aufgabe nicht mehr gewachsen ist. Als man Walter zum Geschichtenabnehmer macht, ist er noch ein Junge, ein Schüler, ein stiller Knabe, der auch ohne dieses Amt genug an seinem Leben zu tragen hat. Wenn der Geschichtenabnehmer an ein Sterbebett gerufen wird, stellt man einen Stuhl neben die Sterbenden und lässt den Lauschenden so lange dort sitzen, bis das Lebenslicht erlöscht. Es ist die letzte Gelegenheit für sie Sterbenden, Dinge loszuwerden, Geheimnisse zu offenbaren, Bekenntnisse abzulegen. Der Geschichtenabnehmer nimmt die Geschichten und Geheimnisse zu sich, darf sie niemandem weitererzählen. 

Walter, den man im Dorf seiner pechschwaren Haare wegen nur Nerì nennt, gibt sich in die Aufgabe, als wäre es etwas Unabwendbares. Eine Aufgabe, die ihm im Dorf einen Sonderstatus gibt, nicht ausgeschlossen von der Gemeinschaft, aber auch nie mehr ganz einer der ihren. Ein Zeuge, ein Geheimnisträger, eine Hoffnung, eine Stütze, eine Hilfe. Eine Aufgabe, die ihn ans Dorf bindet, an die Menschen dort. Eine Aufgabe, die ihn auch immer mehr belastet, nicht nur, weil er für sich behalten muss, was man ihm erzählt – auch weil ihm das Gewicht dieser Geschichten mehr und mehr zur Fussfessel wird.

Vincenzo Todisco «Der Geschichtenabnehmer», Atlantis, 2024, 256 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-7152-5041-0

Gruma ist klein. Eine Bar, ein Lebensmittelladen mit dem Notwendigsten, eine Kirche, ein Pfarrhaus, ein Friedhof, eine Schule und ein Friseur. Über Jahrhunderte waren Geschichten alles, ob in der Kirche, am Stammtisch, an der Theke oder vor dem Spiegel in Sciugars Friseursalon. Aber jene Geschichten sind ganz andere Geschichten als jene, die man Nerì erzählt, der eigentlich Walter heisst, ein eigenartiger Name mitten im Apennin. Geschichten, die am Sterbebett wie Mühlsteine auf die Schultern des Jungen gebunden werden, Geschichten, die unter Verschluss bleiben müssen und dem Heranwachsenden alles abverlangen, bis zur totalen Erschöpfung. Und Nerì selbst darf weder fragen noch entgegnen. Er ist nur der, der als Allerletzter zuhört.

Geheimnisse, Verborgenes, Zugeschüttetes liegen wie ein Geflecht aus Pilzen, ein Mycel unter der Oberfläche des Dorfes. Angestautes, Verkrustungen über Jahrzehnte. Nie verdaut, nie besiegt, nie vergessen. Schon zu Beginn des Romans wird klar, dass Walter irgendwann fluchtartig das Dorf zusammen mit seiner Mutter verlassen musste. Dass das Leben in jener Gemeinschaft ein jähes Ende fand, vergiftet wurde. Denn eines Tages tauchte im Dorf ein Mann auf. Walter war kein Kind mehr und fasziniert von dem Fremden, der seine Nähe suchte und so sehr wissen wollte, was denn seine Aufgabe ist, denn sonst begegnet man ihm im Dorf mit einer Distanz, die über Jahrhunderte mit dem Amt gewachsen war. Ein Geschichtenabnehmer war jemand zwischen Leben und Tod, ein Begleiter ins Jenseits, ein Geheimnisträger. Walter lässt sich auf einen gefählichen Deal ein, einen Handel, der alles aus dem Gleichgewicht bringt und das Dorf in einem Sturm zu überfluten droht.

Vincenzo Todisco schildert ein Dorf an der Kippe zur Neuzeit, eine archaische Welt voller Traditionen, die die Gegenwart wegzuspülen droht. Einen Jungen, einen Mann, der sich in einer Welt wiederfindet, in der nichts so ist, wie damals im Dorf. Eine Welt, die geschrumpft auf die kleine Wohnung in der Stadt und die Arbeit in der Fabrik jeden Zauber verloren hat. Das Amt des Geschichtenabnehmers ist nichts, was man wie ein schmutzig oder löchrig gewordenes Hemd ausziehen kann. Erst recht nicht, wenn da ein Brief auf dem Küchentisch liegt, mit der Bitte ins Dorf zurückzukehren.

„Der Geschichtenabnehmer“ ist ein Roman, der sich mit ganz feinem Strich mit den grossen Themen des Lebens und Sterbens auseinandersetzt. Ein Roman von grosser Sprachkraft, starken Bildern und einem Protagonisten, dem man die Last seiner Aufgabe durch und durch nachspüren kann. Ein Roman, der sich bis an die Grenzen des Lebens begibt. Ein starkes Stück Literatur!

Interview

Ich gratuliere Dir zu Deinem einfühlsamen und überraschenden Roman. Ich staune über die Zartheit Deiner Sprache, über die starken Bilder.
Es ist erstaunlich, wie selten das Thema Sterben im Mittelpunkt eines Romans steht. Wahrscheinlich ein Spiegel der Gesellschaft, die sich ebenfalls schwertut, sich mit dem Thema zu konfrontieren. Davon schliesse ich mich selbst nicht aus, obwohl ich in einem Alter bin, in dem rundum schon heftig gestorben wird. War die Auseinandersetzung mit dem Sterben eine Urmotivation oder war es einfach die sterbende Tradition eines kleinen Dorfes, das bis zur Neuzeit weitgehend autark funktionierte?

Es stimmt, in meinem Roman «Der Geschichtenabnehmer» wird viel gestorben (und es gibt doch noch viele andere Romane, die sich mit diesem Thema beschäftigen). Walter, der Geschichtenabnehmer und Protagonist des Romans, sitzt stundenlang am Sterbebett der alten Leute von Gruma und hört ihnen zu, bis sie für immer ihre Augen schliessen. Er sieht und hört zu, wie sie sterben, aber im Grunde genommen geht es immer um das Leben, denn die Sterbenden erzählen rückblickend von ihrem Leben. Kein einziges Mal wird darüber spekuliert, was nach dem Tod passieren könnte. «Der Geschichtenabnehmer» ist eine Ode an das Leben, zu dem auch der Tod gehört. Der Tod ist zweifellos ein Tabuthema, der Mensch hat natürlicherweise Angst davor, es ist etwas, das man nicht verstehen, nicht ergründen kann. In meinem Roman finden sich die Menschen durch Erzählen mit dem Tod zurecht. Was nicht verstanden werden kann, wird erzählt. Der Tod wird mit dem Erzählen überwunden und das Leben stellt sich gerade in diesem Moment mit all ihrer Wucht in den Vordergrund. Zu Beginn des Romans kann man dieses Zitat von Gabriel García Márquez lesen: «Das Leben ist nicht das, was man gelebt hat, sondern das, woran man sich erinnert und wie man sich daran erinnert – um davon zu erzählen.» Genau das tun im Roman die alten Menschen, die sich kurz vor ihrem Tod Walter anvertrauen, sie erinnern sich und dadurch finden sie vor dem endgültigen Ende nochmals ins Leben zurück. Meine Motivation war es, einen Roman über das Erinnern und das Erzählen zu schreiben. Ich habe in den letzten Jahren einige Situationen erlebt, wo eine Person einem Sterbenden lauscht. Das erschien mir ein schönes Motiv, das ich in einen Roman kleiden wollte. Und natürlich spielt da die Metapher des aussterbenden Dorfes mit. Wenn ein Dorf ausstirbt, stirbt die Erinnerung mit. «Der Geschichtenabnehmer» will gewissermassen gegen dieses Vergessen anschreiben.

© Sandra Kottonau

Du schreibst so eindringlich, mit einer derartigen Selbstverständlichkeit, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass das „Amt“ eines Geschichtenabnehmers so einfach erfunden ist. Ein Amt, das sich seinen Träger aussucht. Erstaunlich genug, dass ausgerechnet hier der Einflussbereich eines Priesters „untergraben“ wird. So bleibt dieses Amt frei von Moral und der Pflicht einer Absolution. Man lädt ab. Man erleichtert sich. Walters Vorgänger sank im Alkoholismus ab. Walter selber ist eines Tages seinen Pflichten entflohen. Warum neigen kleine Gemeinschaften zu derart pragmatischen Lösungen?

Der Roman erzählt eine fiktive Geschichte. Ich schöpfe aus eigenen Erfahrungen aus der Kindheit. Im Apennin gibt es ein Dorf, das Gruma ähnelt, die Menschen dort sind eigensinnig und etwas schräg, aber Gruma, so, wie es im Roman beschrieben wird, ist erfunden und die Figuren ebenfalls. Dass alles so glaubhaft herüberkommt, empfinde ich natürlich als Kompliment, aber das ist ja gerade die Herausforderung, mit der man beim Schreiben konfrontiert wird: man will eine erfundene Geschichte so erzählen, dass sie plausibel und echt wirkt. Walter entledigt sich selber seiner Aufgabe, weil er mitschuldig ist, dass Gruma entzaubert wird. Erzählen, die Erinnerung weitergeben, tragen immer etwas Magisches in sich. «Der Geschichtenabnehmer» ist ein Buch über die Kraft des Erzählens. Beim Verfassen des Romans bin ich irgendwann auf ein Essay vom Philosophen Byung-Chul Han mit dem Titel «Die Krise der Narration gestossen». Darin kann man folgenden Satz lesen: «Die lärmende Müdigkeitsgesellschaft ist taub. Die kommende Gesellschaft könnte daher eine Gesellschaft der Zuhörenden und Lauschenden heissen.» Sobald Gruma kein erzählendes, aber gleichzeitig auch kein zuhörendes und lauschendes Dorf mehr ist, wird es entzaubert. In diesem Sinne, um auf die Frage zurückzukommen, gibt sich die Gemeinschaft auf. Mit «lärmender Müdigkeitsgesellschaft» meint Byung-Chul Han unsere moderne Welt, die schon lange sich selber entzaubert hat, weil sie so transparent geworden ist. Walter ist ein Hüter der Geheimnisse, die ihm die Sterbenden anvertrauen und ja, im Gegensatz zum Dorfpfarrer ist er frei von jeglicher Moral und Wertung. Geschichtenabnehmer zu sein ist Segen und Bürde zugleich, heisst es im Roman. Dieses Gleichgewicht galt es beim Schreiben zu halten, aber auch aufzuzeigen, was passiert, wenn das Gleichgewicht aus den Fugen gerät.

Obwohl man landauf, landab von Dichtestress berichtet, eine Stadt wie Tokio mehr als 4000 Einwohner pro km2 zählt, sterben jedes Jahr unzählige Menschen unbemerkt in ihren Behausungen, unabhängig vom materiellen Status. In ursprünglichen Gemeinschaften wie jener in dem von Dir beschriebenen Dorf wäre das undenkbar gewesen. „Privatsphäre“ wie wir sie kennen, gab es nicht. Du wohnst mit Deiner Familie auch in einem Dorf. Gibt es Gemeinschaft noch?

Das Buch erzählt auch vom Altwerden, von der Einsamkeit und der Verlassenheit, die oft damit verbunden sind. Vor der Entzauberung war Gruma eine Gemeinschaft. Die Gemeinschaft entsteht aus der mündlichen Überlieferung von Lebensgeschichten, sie nährt sich davon. In Gruma geht kein Mensch von dieser Welt, bevor er nicht eine Nacht lang erzählen und letzte Dinge loswerden kann. Nach der Entzauberung verlässt Walter das Dorf und zieht zu seiner Mutter in die Schweiz, in die Einsamkeit. Bezeichnend sind die etwas düsteren, aber auch rauen Kapitel im zweiten Teil des Romans, wo Walter seine Mutter (vorübergehend?) ins Altersheim bringt. Bevor er sie dort alleine lässt, muss sie das Alleinsein üben. In diesem Teil des Romans wird die Verlassenheit spürbar, aber auch als Walter nach vielen Jahren nach Gruma zurückkehrt. Das Dorf ist entvölkert, ohne Erinnerung, die Menschen sind einsam. Um auf die «lärmende Müdigkeitsgesellschaft» von Byung-Chul Han zurückzukommen: sie produziert Einsamkeit, sie verunmöglicht Gemeinschaft, denn sie ist die Antithese des Einande-Geschichten-erzählens. Die Frage ist also berechtigt, denn das Erzählen bringt Gemeinschaften hervor. Im Roman wird Gruma unter anderem so beschrieben: «Zu jeder Familie gehörten Grosseltern, Tanten und Onkel, die zusammen mit den Eltern und den Kindern das Haus füllten. Es wimmelte nur so von Kindern und jungen Leuten. Die Alten merkten nicht, dass sie alt wurden. Sie wurden selbst wieder zu Kindern, und der Kreis schloss sich.» Ganz anders die Stimmung viele Jahre später, im Altersheim: es «beherbergt Menschen, die mit dem Abschied vor Augen ins Leere träumen.» In diesem Sinne schreibe ich im Roman gegen diese Einsamkeit an.

© Sandra Kottonau

In allen Deinen bisherigen Romanen spielt Italien eine zentrale Rolle, obwohl Du in der Innerschweiz geboren ist. Versteckt sich da eine Portion Sehnsucht? Eine genetische Verbundenheit?

Italien ist mein Herkunftsland. Ich bin nicht dort geboren, ich bin in der Schweiz geboren, hier aufgewachsen und von Anfang an integriert worden, aber meine Eltern stammen aus Italien. Sie sind Ende der Fünfzigerjahre in die Schweiz eingewandert, um hier zu arbeiten. Wie Max Frisch einmal gesagt hat, hat die Schweiz Arbeitskräfte gerufen, aber es sind Menschen gekommen. Und diese Menschen, meine Eltern, haben ihre Herkunft, ihre Erinnerungen mitgebracht und haben sie weitergegeben. Als ich noch ein Kind war, gingen wir jedes Jahr nach Italien die Verwandten besuchen, zuerst ans Meer und anschliessend auf dem Apennin. Dort oben, in einem Dorf ähnlich wie Gruma, ist meine Mutter aufgewachsen. Erstaunlicherweise war ich viel lieber dort als am Meer, wo so viel los war. Heute weiss ich weshalb. In diesem kleinen, abgelegenen Dorf, das ich jetzt Gruma nenne, war schon alles da, was im Leben wirklich zählt, Liebe, Lebensfreude, Freundschaft, Treue, aber auch Neid, Tragik und Tod. Alles war so essentiell, archaisch. Es war für mich wie ein Übungsfeld für das Leben. Und natürlich hat all das mit Sehnsucht zu tun. Ohne Sehnsucht auf irgendwas kann man nicht schreiben.

Der Roman „Das Eidechsenkind“ (2018) mit dem Du auch für den Schweizer Buchpreis 2018 nominiert warst, war Dein erster in Deutsch verfasster Roman, nachdem die vorausgegangenen Bücher alle in Italienisch, Deiner Muttersprache, geschrieben wurden. Was veränderte sich damit? Änderte sich die Herangehensweise, die Optik, das Spiel mit dem „Instrument Sprache“?

Ja, das stimmt, mit dem Roman «Das Eidechsenkind» hat bei mir beim Schreiben ein Sprachwechsel stattgefunden. Wechsel ist eigentlich das falsche Wort, denn ich schreibe immer noch auch auf Italienisch. Deutsch ist hinzugekommen. Deutsch war lange Zeit für mich eine Kopfsprache. Mit dem «Eidechsenkind» ist sie zu einer Bauchsprache geworden. Um zu schreiben braucht es eine Bauchsprache. Ich bin jetzt ein zweisprachiger Autor. «Das Eidechsenkind» habe ich selber auch in italienischer Sprache verfasst. Das möchte ich auch beim «Geschichtenabnehmer» tun. Dieses Vorgehen ist für mich sehr interessant, denn beim Übersetzen (und eigentlich ist es kein Übersetzen, sondern eher ein Nochmalschreiben) lerne ich immer wieder etwas von der anderen Sprache, sehe und erlebe sie aus einer anderen Perspektive. Beim «Eidechsenkind» waren die Unterschiede krass. Das deutsche Neutrum, das Kind, erlaubte mir, den Protagonisten sowohl im Plot, aber auch in der Sprache selbst zu verstecken. Das Neutrum erlaubte mir das Kind ganz nahe an die Eidechse heranzubringen, einem Tier (das Tier). Im Italienischen ist das nicht möglich, da muss man sich sofort für mehr Transparenz und also auch mehr Licht statt Schatten entscheiden, il bambino oder la bambina, männlich oder weiblich, das verändert sofort den Ton. Ich habe erst begonnen, den «Geschichtenabnehmer» ins Italienische zu übertragen. In der Originalversion verwende ich eine andere, elaboriertere Sprache als beim «Eidechsenkind». Ich bin gespannt, was ich über die beiden Sprachen diesmal entdecken werde.

Vincenzo Todisco, 1964 in der Zentralschweiz geboren, lebt in Rhäzüns. Er hat Romanistik in Zürich studiert und mehrere Romane auf Deutsch und Italienisch veröffentlicht. Für sein literarisches Schaffen wurde er 2005 mit dem Literaturpreis und 2024 mit dem Anerkennungs­preis des Kantons Graubünden ausgezeichnet. Sein Roman «Das Eidechsenkind» war 2018 für den Schwei­zer Buchpreis nominiert und hat mehrere Auflagen erlebt. Todisco lehrt und forscht an der Pädagogischen Hochschu­le Graubünden in Chur.

Webseite des Autors

Beitragsbild © privat

Martin R. Dean «Tabak und Schokolade», Atlantis #SchweizerBuchpreis 24/03

Martin R. Dean erzählt in seinem autobiographischen Roman „Takab und Schokolade“ von Erkundungen über seine Herkunft, dem Gefühl einer Rastlosigkeit, der Suche nach Zugehörigkeit, Familie und Vergangenheit. Auch ein Roman darüber, was Verleugnung und drohendes Vergessen anrichten kann und nicht zuletzt ein Buch über Verlust.

Wir tragen nicht nur Geschichten mit uns, auch Geschichte. Und mit jedem Sterben, jedem Tod brechen Geschichten und Geschichte weg, sinken ins Vergessen. Es sind nicht nur die eigenen Erlebnisse eines Lebens, die sich ins Bewusstsein eingraben, mit denen man lebt, entscheidet, denen man folgt und von denen man zehrt. In unserem Unterbewusstsein begleitet uns mit Sicherheit Eingeschriebenes aus früheren Generationen, als wäre es ein genetischer Code, der erst dann reaktiviert wird, wenn wir uns mit unserer Geschichte auseinanderzusetzen beginnen.

Der Schriftsteller Martin R. Dean beschäftigt sich nicht erst mit seinem akuellen Buch mit Herkunft, Zuschreibung und Heimat. Seit drei Jahrzehnten kreist der Schriftsteller immer wieder um seine Herkunft, seine Familie aus mehreren Kulturen, einer aus Norddeutschland stammenden Familie seiner schweizer Mutter und eines aus Trinidad stammenden Vaters. Martin R. Dean, aufgewachsen in kleinbürgerlichen Verhältnissen im Kanton Aargau, ist sich seinem Anderssein schon sehr früh bewusst, nicht nur wegen seiner dunkleren Hautfarbe, sondern weil seine Mutter sich nach der Trennung von jenem Vater und eines gescheiterten Traums, in Trinidad heimisch zu werden, nie mehr in jenes Land zurückkehrt. Ein Land, ein Stück Vergangenheit, das die Mutter mehr und mehr aus ihrem Leben verdrängt, nicht zuletzt darum, weil neue Beziehungen der Mutter das Gravitationsfeld der Familie nachhaltig verändern, bis zur totalen Verdrängung.

„Von Raum zu Raum gerate ich immer tiefer in die Geschichte meiner Vorfahren.“

Martin R. Dean «Tabak und Schokolade», Atlantis, 208 Seiten, CHF ca. 32.90, 2024, ISBN 978-3-7152-5039-7

Mit Sterben und Tod seiner Mutter macht sich Martin R. Dean auf auf eine Suche nach der Familie seines leiblichen Vaters. Im Bewusstsein, dass sich hinter den Schwarzweissfotos seiner Mutter, die er aus ihrer Hinterlassenschaft retten konnte, nicht nur ein paar Lebensjahre eines versuchten Familienglücks verbergen, sondern die Geschichte eines ganzen Landes. Es beginnt eine Reise in die Tiefen eines andern Kontinents, ganz anderer Geschichten, einer ganz anderen Geschichte. Jene von Sklaverei, Ausbeutung, Verschleppung, Unmenschlichkeit und Entwurzelung. Jedes Treffen mit Verwandten öffnet neue Türen, Leben, die aus dem Vergessen hervortreten, Leben, die zum eigenen werden. Mit einem Mal offenbart sich ein Wurzelgeflecht, das sich zum Reichtum wandelt. Was ein Leben lang zu einengenden Zuschreibungen und Ausgrenzungen führte, wird durch diese Reise nach Innen und Aussen zu Weite und Perspektive, zu Reichtum und Heimat.

„An den Dingen kleben die Geschichten, und selbst wenn sie nicht mehr in Gebrauch sind, sprechen sie von dem, was sie uns einmal wert waren.“

„Tabak und Schokolade“ ist auch eine Rückeroberung der Mutter, die Suche nach dem verlorenen Paradies, jenen wenigen Jahren unter Palmen, einer Kindheit in der Karibik, die mehr und mehr erlosch. Jene junge Frau, die über dem Ozean ein neues Leben wagte, deren Ehe aber scheiterte und sie mit einem dunkelhäutigen Jungen an der Hand zurück in die Schweiz zwang, starb gleich mehrfach. Damals, als sie einen Traum aufgeben musste, mit der Dominanz eines Stiefvaters und dem Rassendünkel eines späten Lebenspartners.

Den Roman „Takab und Schokolade“ damit aber zu einer reinen Familienerkundung zu machen, wird dem Buch keineswegs gerecht. Sehr schnell wird mir bei der Lektüre bewusst, wie wenig ich über meine eigene Herkunft weiss, wie unbedarft ich mich über all den Schichten meines Seins bewege, wie gedankenlos ich mich in meinen westeuropäischen Privilegien bewege und wie viel Kampf, Leid und Erniedrigung unter den Grundfesten meiner Existenz verborgen sind.

Martin R. Dean wurde 1955 in Menziken, Aargau, als Sohn eines aus Trinidad stammenden Vaters und einer Schweizer Mutter geboren, studierte Germanistik, Ethnologie und Philosophie an der Universität Basel, unterrichtete an der Schule für Gestaltung in Basel und am Gymnasium in Muttenz. Dean ist vielfach ausgezeichneter Buchautor. Zu seinen jüngsten Werken gehören «Meine Väter» (Neuausgabe 2023), «Ein Stück Himmel» (2022), «Warum wir zusammen sind» (2019) und «Verbeugung vor Spiegeln – Über das Eigene und das Fremde» (2015). Martin R. Dean lebt in Basel.

Martin R. Dean «Spiegelungen», Plattform Gegenzauber

Webseite des Autors

Illustration © leale.ch

Die Nominierten des Schweizer Buchpreises im Überblick #SchweizerBuchpreis 24/02

Sie sind da. Die Nominierten zum Schweizer Buchpreis 2024. Drei Titel von vielbesprochenen AutorInnen, ein Debüt und ein Mundartroman, der nicht nur formal aus der Reihe tanzt. Eine illustre Mischung. Eine breite Auswahl mit der nötigen Portion Risiko – und vielen Absenzen.

Mariann Bühler «Verschiebung im Gestein», Atlantis
Lange hat draussen das Schild «Bis auf Weiteres geschlossen» gehangen, bis Elisabeth die Ent­scheidung trifft, die Bäckerei weiterzuführen. Sie allein. Jeden Morgen feuert sie an, rührt den Teig, schiebt die Brote in den Ofen – und überrascht das ganze Dorf und sich selbst dazu. In derselben Gegend Alois’ Hof. Ein Hof, seit Generationen in Familienbesitz, Alois wurde nicht gefragt, ob er ihn übernehmen wollte. Er lebt mit dem Hund, überhört die Erwartung, eine Familie zu gründen – aber etwas schnürt sich zu. Vielleicht hat das mit Camenzind zu tun. Unterdessen kehrt eine junge Frau ins Dorf zurück; die drei Stufen zur Bäckerei laufen sich wie von selbst. Bei den Grosseltern holt sie den Schlüssel zum Sommer­haus, es soll verkauft werden. Sie sieht alles wieder, den Bergkamm, das Tal, den Balkon mit der Zugbrücke. Bald, so scheint es ihr, beginnt das Haus mit ihr zu sprechen.
Der Roman verfolgt drei Figuren, die nichts voneinander wissen und doch verbunden sind – durch die Gegend, das Dorf und die drängende Frage, wie es eigentlich weitergehen soll. Hart­näckig haben sich in ihnen weitläufige Spuren von Vergangenem festgesetzt, aber dann gerät doch etwas in Bewegung. In ihrem sprachlich dichten Debüt beobachtet Mariann Bühler, wie Veränderung sich ihren Weg sucht und Ver­schiebungen passieren, die so nie vorgesehen waren, die zuweilen sogar Berge versetzen.

Mariann Bühler, geboren 1982 in der Nähe von Luzern, hat in Basel und Berlin Englische Literatur­ und Sprachwissenschaft, Islamwissenschaft und Gender Studies studiert. Sie lebt als Autorin, Literaturvermittlerin und Veranstalterin in Basel. «Verschiebung im Gestein» ist ihr Romandebüt; für einen Auszug aus dem Manuskript wurde sie mit dem Zentralschweizer Literaturpreis ausgezeichnet.

Zora del Buono «Seinetwegen», C. H. Beck
Zora del Buono war acht Monate alt, als ihr Vater 1963 bei einem Autounfall starb. Der tote Vater war die grosse Leerstelle der Familie. Mutter und Tochter sprachen kaum über ihn. Wenn die Mutter ihn erwähnte, brach die Tochter mit klopfendem Herzen das Gespräch ab. Sie konnte den Schmerz der Mutter nicht ertragen. Jetzt, inzwischen sechzig geworden, fragt sie sich: Was ist aus dem damals erst 28-jährigen E.T. geworden, der den Unfall verursacht hat? Wie hat er die letzten sechzig Jahre gelebt mit dieser Schuld?
«Seinetwegen» ist der Roman einer Recherche: Die Erzählerin macht sich auf die Suche nach E.T., um ihn mit der Geschichte ihrer Familie zu konfrontieren. Ihre Suche führt sie in abgründige Gegenden, in denen sie Antworten findet, die neue Fragen aufwerfen. Was macht es mit ihr, dass sie plötzlich mehr weiss über ihn, den Mann, der ihren Vater totgefahren hat, als über den Vater selbst? Und wie kann man heil werden, wenn eine Leerstelle doch immer bleiben wird?

Auf der Spur des verlorenen Vaters und seines „Töters“– Deutschlandfunk Kultur, 16. Juli 2024 [12:49min.]

Zora del Buono, geboren 1962 in Zürich. Studium der Architektur an der ETH Zürich, fünf Jahre Bauleiterin im Nachwende-Berlin. Gründungsmitglied und Kulturredakteurin der Zeitschrift mare.


Martin R. Dean «Tabak und Schokolade», Atlantis

Nach dem Tod der Mutter findet der Erzähler in einer Schublade ein Album mit Fotos seiner frühen Kindheit, die er auf der Karibikinsel Tri­nidad und Tobago verbracht hat. Als junge Frau hatte sich die Tochter von «Stumpenarbeitern» aus dem Aargau in ein Abenteuer mit einem Tunichtgut der westindischen Oberschicht gestürzt und ein Kind bekommen. Während die übrige Familie bemüht ist, das Gedächtnis an die Jahre der Mutter bei den «Wilden» aus­zulöschen, macht sich der Erzähler auf, diese Geschichte, die auch seine eigene ist, zu retten.
«Tabak und Schokolade» führt in den tropischen Dschungel einer britischen Kronkolonie der fünfziger und sechziger Jahre. Indem der Er­zähler immer weiter zu seinen indischen Vor­fahren, die als Kontraktarbeiter in die Karibik verschifft wurden, vordringt, legt er nicht nur einen Familienstammbaum, sondern auch ein Stück Kolonialgeschichte frei. Dem gegen­über wird die Erinnerung an das Aufwachsen im «Tabakhaus» der Grosseltern im Aargau gestellt und die Annäherung an eine Mutter, die zu Lebzeiten stets unnahbar erschien.

Podcast – Debatte zu dritt» Wir müssen uns den weissen Blick austreiben« Tim Guldimann diskutiert mit dem Schriftsteller Martin R. Dean und der Rassismus- und Genderforscherin Rachel Huber

Martin R. Dean wurde 1955 in Menziken, Aargau, als Sohn eines aus Trinidad stammenden Vaters und einer Schweizer Mutter geboren, studierte Germanistik, Ethnologie und Philosophie an der Universität Basel, unterrichtete an der Schule für Gestaltung in Basel und am Gymnasium in Muttenz. Dean ist vielfach ausgezeichneter Buchautor. 

Béla Rothenbühler «Polifon Pervers», Der gesunde Menschenversand
In einer beschaulichen Kleinstadt in der Schweiz passiert Erstaunliches: Kaum gegründet, mischen Sabine und Chantal mit ihrem Verein «Polifon Pervers» und einer neuen Vision von «Onderhaltig» die Kulturszene auf. Risikofreudig und clever agierend, steigen sie als Theater-Produzentinnen zu nationalen Grössen auf und scharen eine illustre Runde um sich: vom eitlen Regisseur Lüssiän über den versoffenen Ghostwriter Iiv, den Lebemenschen und DJ Milan und die opportunistische Schauspiel-Grösse Schontal bis zu Jule und seinen Hanf-Bauern, die unversehens als Performance-Künstler brillieren. Dem Erfolg ordnet der Verein für Unterhaltung im Laufe der Geschichte alles unter, und so folgen auf erste Unsauberkeiten schon bald alle möglichen Formen des Betrugs.
Béla Rothenbühler führt in seinem zweiten Roman die Tradition des Schelmenromans fort – für einmal mit Hochstaplerinnen und auf Luzernerdeutsch. Sein ironisch-satirisches Gedankenspiel über Kultur, Unterhaltung und Geld ist selbst grosse Unterhaltungs-Kunst.

Béla Rothenbühler, geboren 1990 in Reussbühl, freischaffender Dramaturg, Bühnenautor, Sänger, Ghostwriter, Gitarrist, Songwriter, Lyriker und vieles mehr. Seit 2016 Teil des freien Theaterkollektivs Fetter Vetter & Oma Hommage. Zudem Gitarrist, Sänger und Songwriter der Band Mehltau und Songtexter für Hanreti.

 

Michelle Steinbeck «Favorita», Ullstein
«Es tut mir leid, deine Mutter wurde getötet.» Mit diesen Worten beginnt Filas Odyssee zwischen Lebenden und Toten: Von der Schweiz, in der sie aufgewachsen ist, nach Italien, das ihre Grossmutter als junge Frau verlassen hat und wohin ihre Mutter verschwunden ist. Fila zeichnet die Wege der beiden Frauen nach, begleitet von den Gestalten, denen sie unterwegs begegnet: revolutionäre Amazonen, faschistische Deserteure und der Geist einer jungen Bäuerin mit durchschnittener Kehle. Der Roadtrip auf den Spuren ihrer geheimnisvollen Mutter führt sie zum mutmasslichen Mörder – und mitten ins Herz des Zirkels, der das Land kontrolliert. Fila sitzt in der Falle. Aber sie ist nicht allein.

Michelle Steinbeck, geboren 1990, aufgewachsen in Zürich, schreibt Prosa, Lyrik, und für Theater, Magazine und Zeitungen. Ihr Debütroman «Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch» war schon nominiert für den Schweizer sowie den Deutschen Buchpreis 2016. Nach längeren Aufenthalten in Rom, Paris, Hamburg lebt sie zurzeit in Basel.

Die öffentliche Preisverleihung findet am Sonntag, 17. November 2024, 11 Uhr im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals BuchBasel im Theater Basel statt.
Der Eintritt ist frei. Die Platzanzahl ist beschränkt. Gratis-Tickets können ab dem 1. Oktober 2024 unter www.buchbasel.ch bezogen werden.

Illustrationen © leale.ch

Mariann Bühler «Verschiebung im Gestein», Atlantis

Angesichts unserer eigenen Endlichkeit erscheint das, was wir an Welt wahrnehmen, in eine Ewigkeit getaucht, unverrückbar, „in Stein gegossen“. Aber selbst das, was fest erscheint, ist einem Fliessen unterworfen. Mariann Bühler beschreibt drei Leben, die aufbrechen, zu fliessen beginnen, die sich verschieben, eine neue Richtung bekommen. Mariann Bühler tut dies derart souverän, dass das Staunen zum Schaudern wird!

„Verschiebung im Gestein“ ist Mariann Bühlers Debüt. Debüt ja, aber bereits ein Meisterstück! Mariann Bühlers Roman besticht vielfach; zum einen die Konstruktion, das Übereinanderschichten verschiedener Leben, weiter die Sprache, die sich einer ganz feinen Beschreibung zuwendet, nichts Reisserisches braucht und mit grosser Empathie und mit fein ziselierten Schilderungen glänzt und einer maximalen Nähe zum Geschehen. Es sind die Geschichten von Suchenden, die auf ganz unterschiedliche Weise durch die Sedimente des Lebens geführt, geschoben und gezogen werden. Mariann Bühlers Roman ist Lesegenuss der Extraklasse. Ein Versprechen!

Mariann Bühler «Verschiebung im Gestein», Atlantis, 2025, 208 Seiten, CHF ca. 32.90, ISBN 978-3-7152-5040-3

Elisabeth lebt und arbeitet in einem Dorf. Der Tod ihres Mannes bringt sie gänzlich aus dem Trott, lässt sie taumeln, obwohl die Ehe mit ihm nicht das gebracht hatte, was sie sich noch zu Beginn erhofft hatte. Sie führten über Jahrzehnte die Bäckerei im Dorf, ein Geschäft, das Jakob so wie immer führen wollte und die vorsichtigen Änderungs- und Anpassungsvorschläge seiner Frau stets mit Trotz und aufbrausenden Drohungen quittierte. Drohungen, die Jakob mitunter auch mit Schlägen verdeutlichte. Elisabeth, ein halbes Leben in die Pflichten einer Familienfrau, Mutter, Ehefrau und „Angestellte“ eingebunden, muss sich nach dem Auszug ihrer Tochter und dem Tod ihres Mannes neu aufstellen. Das alte Leben soll enden, auch die Rolle, die Elisabeth im Dorf einzunehmen hatte. Nach Wochen, in denen die Notiz an der Eingangstür zur Bäckerei langsam zu vergilben begann, öffnet Elisabeth wieder die Tür zur Bäckerei. Nur mit dem Unterschied, dass sie es ist, die nun den Lauf der Dinge bestimmt.

Alois ist Bauer. Ob er den Hof damals hätte übernehmen wollen, stand nie zur Frage. Er wuchs über die Jahre in diese Rolle hinein. So wie seine Eltern alt und gebrechlich wurden und mit der Zeit die Kraft nicht mehr hatten, so gab er sich immer mehr in die Aufgaben des Bauern hinein. Eine Aufgabe, die mehr und mehr zu seiner wurde, eine Selbstverständlichkeit, ein Naturgesetz. Aber in Alois stiller Ergebenheit blieb stets ein Rest Zweifel. Sollte es das gewesen sein? Nur schon die dauernden Sticheleien der Eltern, weil sich keine Bäuerin finden wollte, oder die Erzählungen im Musikverein von grossen Abenteuern, stellen Alois Innenleben auf eine harte Probe. Selbst seine Schwester, die mit ihrer Familie im gleichen Dorf lebt, spürt, dass da etwas ist, was ausbrechen will. Bis sich Jakob entschliesst, den Hof zumindest für ein Jahr zu verpachten und reissaus zu nehmen, all die Pflichten hinter sich zu lassen.

Und da ist Ruth, von der Mariann Bühler manchmal in der dritten Person, als Ruth erzählt, und manchmal in der Du-Form, als wäre die junge Frau gleich neben der Erzählstimme, würde sie sie durch das Geschehen schieben. Die junge Frau kehrt ins Dorf zurück, holt sich die Schlüssel für das schon lange unbewohnte Ferienhaus hoch über dem Dorf. Einem kleinen Haus, in dem die Zeit still gestanden ist, die Luft sich über Jahre nicht bewegte. Das Haus soll verkauft werden. Ruth trägt ihr Leben hinauf in dieses Haus, die Suche nach ihrem Platz, die Bilder und Stimmen aus ihrer Vergangenheit, einer Familie, in der sich der Schmerz tief eingegraben hatte.

Mariann Bühler erzählt von drei Leben, die sich erst nach und nach miteinander verweben. Drei Leben, die sich über- und untereinder verschieben, aufeinanderstossen und sich aufwerfen wie tektonische Platten. Erst über die Zeit wirksame Kräfte, die an ihren Rändern brechen und Abgründe sichtbar machen. Ein beeindruckendes Kunststück! Ein Buch, dass das Herz öffnet.

Interview

Nun ist er draussen, Dein erster Roman, an dem Du ganz offensichtlich sehr lange und intensiv gearbeitet hast. Was bis vor kurzem noch ganz Dir gehörte, liegt nun auf Tischen in Buchhandlungen zum Kauf bereit, wartet auf Nachttischchen und in Bücherstapeln auf die Lektüre und auf den Schreibtischen der Rezensenten auf Zuspruch oder Ablehnung. Wie sehr verändert die Veröffentlichung Deines Buches Dein Leben, oder zumindest die zeitliche Ausrichtung?
Diese Frage würde ich in einem Jahr vermutlich anders beantworten, jetzt, kurz nach Erscheinen des Buches beantworte ich sie so: Ich freue mich darüber, dass ich diesen Text und seine Figuren nun mit allen, die ihn lesen wollen, teilen kann. Und ich freue mich auf die Reaktionen darauf – darauf, dass ich dank den Leser*innen den Text selbst noch einmal mit neuen Augen sehen kann. Ich bin gespannt, was auf mich zukommt, welche Wege dieser Roman nehmen wird. Und wie das weitergeht mit meinem Schreiben. 

© Mariann Bühler

Die Menschen, von denen Du erzählst, sind Gefangene. Sie alle versuchen auf die eine oder andere Weise auszubrechen, geschoben oder gezogen. Ich bin sicher, dass Du mit dem Thema Deines Romans eine menschliche Ursehnsucht ansprichst, seien es nun kleine oder grosse Ausbrüche, haben wir Menschen doch wie kein anderes Lebewesen die Fähigkeit, uns selbst zu fesseln, zu blockieren – bis zur vollkommenen Lähmung?
Wir alle sind Teil eines Gefüges – da sind zwischenmenschlich Beziehungen, die über Jahre wachsen und uns prägen, ein soziales, berufliches, familiäres Umfeld, das uns ebenso formt wie wir unseren Platz in der Welt mitformen. In manchen Situationen verspricht das Verharren im Bekannten mehr Sicherheit als eine Verschiebung ins Unbekannte. Gleichzeitig geschehen manche Veränderungen, ob wir wollen oder nicht. Auch wenn die Situation eng aussieht, wenn es scheint, dass alles stillsteht, gibt es einen kleinen Spielraum. Ich mag das englische Wort für Spielraum, «wiggle room», wiggle heisst wackeln oder schlängeln, ich stelle mir einen ganz kleinen Raum vor, der sich durch konstante, kleine Bewegungen verändern und erweitern lässt. Ich mag dieses Bild, darin ist eine Zuversicht. 

Warum schaffen wir es nicht, Veränderungen selbst zu provozieren? Warum gelingt uns eine Veränderung meist erst dann, wenn wir sie im Windschatten anderer Ereignisse vollziehen können, wenn das Beben bereits stattgefunden hat, wenn die Risse in den Versteinerungen aufgebrochen sind?
Wir können alle nicht aus unserer Haut. Unser bisheriges Leben hat sich in uns eingeschrieben, hat unsere Möglichkeiten und Grenzen geformt. Tiefgreifende Veränderungen geschehen nicht notwendigerweise mit Pauken und Trompeten und einem einzigen umgelegten Hebel, sondern leise, über eine lange Zeit, unter der Oberfläche. 
Für meine Figuren kommt das Beben nicht plötzlich. Auf den ersten Blick vielleicht, aber bei genauerem Hinsehen wird klar, dass sich das schon lange angebahnt hat. Wie die tektonischen Verschiebungen, die lange bevor wir sie begreifen konnten, stattgefunden haben, braucht es manchmal Zeit, die Risse, die Aufbrüche als solche wahrzunehmen. 

Ich bin tief beeindruckt von der Sprache und der Erzähltechnik Deines Romans. Wie weit bist Du Deiner Intuition gefolgt? Oder war da eine Strategie, ein Plan? Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser Roman das Resultat eines chronologischen Schreibens sein kann. Viel mehr macht er den Eindruck, als wäre es der Sud eines langen Entstehungsprozesses, ohne dass der Roman dabei seine Leichtigkeit eingebüsst hätte.
Der Entstehungsprozess war alles andere als geradlinig. Ich bin im Arbeitsleben die, die für alles eine Liste und einen Plan erstellt. Im Schreiben funktioniere ich offenbar anders. Erst ganz am Schluss gab es eine Liste, die mir den Überblick über die Kapitel erleichterte und die Struktur, die Schichtung, zeigte. 
Davor war alles in Bewegung. So viel in der Schwebe zu halten, war manchmal schwer erträglich, im Nachhinein aber wichtig: Ich konnte Szenen, die nicht funktionieren wollten, an einen anderen Ort schieben, in ein anderes Lebensalter der Figur – oder sie einer ganz anderen Figur zuordnen. So wurde manchmal ein scheinbar unwichtiges Motiv, von dem ich mich nicht recht trennen konnte, wie die Narbe an Alois’ Finger, zentral. Bei jeder Figur gab es einen – manchmal ziemlich ausgedehnten – Moment, wo es nicht weiter ging, wo sich etwas in meiner Wahrnehmung verschieben musste, damit etwas, das ich nicht geplant und manchmal nicht einmal geahnt hatte, Form annehmen konnte. Auf das Geologische bin ich per Zufall gestossen. Ich bin staunend in diese Sprache eingetaucht, die mir genau die Bilder und Prozesse geliefert hat, die mir fehlten. 
Der Text hat die lange Gärphase gebraucht, ich habe sie gebraucht, um besser zu verstehen, was ich schreibe und wie ich schreibe. Welche Möglichkeiten ich habe und wie ich sie nutzen kann. Dem Prozess zu vertrauen und nichts voreilig festzumachen. 

© Mariann Bühler

Da gibt es Szenen in der Backstube oder im Stall, die unmöglich ohne persönliche Erfahrungen hätten entstehen können. Ganz offensichtlich wolltest Du nicht nur bei deinen ProtagonistInnen nah rangehen, sondern auch in dem, was sie tun. Kannst Du melken und grosse Mengen Brot backen?
Mir war es wichtig, diese Arbeitsprozesse abzubilden, weil sie viel über die Figuren erzählen und auch als Gegenstück zu den geologischen Verschiebungen. Das Backen und Melken sind auf den ersten Blick repetitive Arbeiten, die jeden Tag gleich geschehen. Gleichzeitig verändern sie sich dauernd: Wer backt oder melkt, braucht ein grosses Erfahrungswissen und ist sich einer Vielzahl von Faktoren bewusst, trifft dauernd kleinste Entscheidungen, um den Prozess an die aktuellen Gegebenheiten anzupassen, führt also dauernd die für das Gelingen nötigen Veränderungen herbei. So durch und durch gekonntes Handeln finde ich sehr schön – fast wie ein Tanz. 
Ich habe selbst zwar einmal gelernt, ein Melkmaschinenaggregat an ein Euter zu hängen, und würde von Hand etwas Milch aus einer Kuh bekommen, aber wirklich melken kann ich nicht. Beim Backen ist es ähnlich, ich backe gerne mal einen Zopf, aber in grossen Mengen Brot backen, das kann ich nicht. Da war ich beim Schreiben auf das Wissen anderer angewiesen. Ich habe zum Beispiel eine Bäuerin besucht, die jede Woche aus mehreren hundert Kilo Mehl Brot backt, konnte ihr bei der Arbeit zuschauen und Fragen stellen. Das war sehr wichtig: Den blossen Ablauf dieser Arbeit hätte ich aus Texten und Videos zusammenschustern können, aber beim Beobachten wurden die Bewegungen, Konsistenzen, Materialitäten, das ganze verkörperte Wissen, wahrnehmbar. 
Beim Melken und auch beim Holzen war es ähnlich: Die Bewegungen und Körperhaltungen kenne ich seit meiner Kindheit, meinte, mich an die Abläufe erinnern zu können – und musste dann feststellen, dass meine Erinnerung ungenau war. Zum Glück hatte ich einen Testleser für die landwirtschaftlichen Dinge, der mir Reihenfolgen und Aufgabenteilungen geradegerückt hat. Das lässt sich nicht googeln, um das zu vermitteln braucht es Menschen mit entsprechendem Wissen. 

Was mich ebenfalls beeindruckte, sind beschriebene Stimmungen. Seien es Stimmungen in Szenerien oder solche in den Innenwelten deiner ProtagonistInnen. Klar ist Empathie eine Voraussetzung, um sich in solche Innenwelten hineinzubegeben. Wann merkst Du, dass das Gleichgewicht zwischen Nähe und der nötigen Erzähldistanz erreicht ist?
Da muss ich nachdenken. Die Stimmungen waren mir wichtig, vielleicht, weil sich damit manchmal die Innenwelten nach aussen übersetzen lassen, wenn den Figuren nicht nach Reden ist. Die können und wollen nicht alles in Worte fassen, was in ihnen vorgeht. Da habe ich versucht, ihre Umgebung so zu beschreiben, dass nachvollziehbar wird, was in den Figuren vorgeht. 
Ich glaube, bei den Figuren entsteht das Gleichgewicht in der Bewegung, im Wechsel zwischen Nähe und Distanz. Die richtige Erzähldistanz zu finden war nicht ganz einfach. Der Vorteil war, dass ich zwischen den Strängen hin und her wechseln konnte. Wenn ich bei Elisabeth nicht weiterkam, konnte ich beispielsweise zu Alois wechseln und schauen, ob der gerade gesprächiger ist. Das brauchte Geduld: So, wie wir anderen Menschen nicht im ersten Gespräch unsere tiefsten Geheimnisse verraten, musste ich die Figuren erst kennenlernen, langsam erarbeiten, was sie umtreibt und mich manchmal ebenso selbst überraschen lassen wie auch mal einzugreifen als Autorin, bewusst eine Weiche stellen im Text. 
Die Distanz zu den Figuren verändert sich noch immer: Anfangs war es nicht leicht, ihnen nah genug zu kommen. Kurz vor dem Ende der zweiten Fassung waren sie mir so nah, dass ich abends nicht einschlafen konnte vor Sorge um sie, ob das alles gut kommt – eigentlich absurd, schliesslich gab es sie nur in meinem Kopf und in einer Datei. Und jetzt, wo das Buch da ist, gehen sie ihre eigenen Wege. 

Mariann Bühler, geboren 1982 in der Nähe von Luzern, hat in Basel und Berlin Englische Literatur­ und Sprachwissenschaft, Islamwissenschaft und Gender Studies studiert. Sie lebt als Autorin, Literaturvermittlerin und Veranstalterin in Basel. «Verschiebung im Gestein» ist ihr Romandebüt; für einen Auszug aus dem Manuskript wurde sie mit dem Zentralschweizer Literaturpreis ausgezeichnet.

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Beitragsbild © Ayse Yavas