Wir standen alle mittendrin. Auch wenn wir es schaffen, die Erinnerungen daran auszublenden – die Pandemie steckt uns in den Knochen. Manchmal ganz direkt, manchmal aber auch die Kollateralschäden, die die Zeit angerichtet hat. Gernot Rainers Debüt „Bruchlinien“ ist ein starkes Stück, nicht nur darum, weil da einer schreibt, der weiss.
Wer erinnert sich nicht an den Frühling 2020. Nicht einmal ein Jahrzehnt ist seither vergangen, als Welle um Welle über den Globus schwappte und drohte, menschliches Leben aus allen Angeln zu heben, kein Stein auf dem andern zu lassen. In jenen Monaten, Jahren wich die Resthoffnung auf eine helle Zukunft der nackten Angst. Was würde bleiben angesichts der Schäden, die damals angerichtet wurden? Und damit sind in erster Linie die gesellschaftlichen, sozialen Schäden, die Beschädigungen in Beziehungen, in Familien gemeint.
Es gab eine Zeit, da war der Schrecken so nah, die Katastrophe so unmittelbar, dass es unmöglich schien, je einen Roman mit der gebotenen Distanz zu schreiben, der sich dieser Zeit und den eruptiven Auswirkungen widmen würde. Es gibt Gründe genug, Romane, die sich dieser Zeit widmen, nicht lesen zu wollen. Weil da zu viel beschädigt und vergiftet wurde. Weil man Menschen kennt, die noch immer mit den Nachwirkungen dieser Zeit zu kämpfen haben. Weil es naiv zu glauben ist, ein solches Ereignis wäre einmalig, wir hätten es jetzt im Griff.
Dass es Gernot Rainer wagt, ist beachtlich. Dass er es auf eindrückliche Art schafft, das heisse Eisen zu schmieden, ist erstaunlich. Gernot Rainer hat dem Geschehen mitten in der Pandemie Form gegeben, weil er zeigt, dass die Auswirkungen der Pandemie nicht nur medizinisch zu verstehen sind, sondern ebenso gesellschaftlich und sozial, bleiben die Erinnerungen an damals doch in mehreren Generationen präsent, die Verschiebung, das Unvereinbare, das Misstrauen, das Gefühl ausgeschlossen zu sein, ungewollt in einer Opferrolle verdammt zu sein.

Paul ist seit kurzen Lehrer in Wien, voller Enthusiasmus, noch nicht lange zusammen mit Sarah, als Corona über den Globus schwappt und alles in Frage stellt. Es gibt Menschen wie Georg, die sich mit ihren Berufen ins Home-Office retten, solche wie die Schauspielerin Isi, der man die Ausübung ihres Berufes unmöglich macht und damit die Existenz bedroht, solche wie Nino, einen Schüler, der vor der Pandemie zu den besten gehört und während der Pandemie den Boden unter den Füssen verliert, solche wie Katharinas Vater, der einsam zuerst zuhause, dann im Spital vom Virus weggeschnitten wird. Oder solche wie Paul, die als Lehrer*innen mitten im Geschehen stehen, die für die einen zu lasch sind, für die anderen blind dem System folgen, grundsätzlich zwischen den Fronten, nur immer das Falsche tun.
Paul spürt überall, wie sich die Bruchlinien durch die Gesellschaft fressen; im Schulzimmer, im Lehrerzimmer, zwischen ihm und seinem Direktor, der kurz vor seiner Pensionierung doch bloss einen ruhigen Abgang haben will, bei den Eltern seiner Schüler, deren Vorhaltungen, Forderungen und Beschuldigungen immer dreister werden, bis Paul daran zu zerbrechen droht, bis man ihn suspendiert, er ganz auf sich selbst zurückgeworfen ist. Bis die Katastrophe eintrifft und Bruchlinien zu bodenlosen Abgründen werden.
Aber Gernot Rainers Romandebüt ist nicht nur mutig, sondern auch gut geschrieben. Ganz nah an seinen Protagonist*innen, mitten im Geschehen, unmittelbar und mit Sätzen und Szenerien gespickt, die hängen bleiben. Da schreibt kein Arzt, sondern ein genauer Beobachter, ein Mann, der damals wohl genau wie der Protagonist mitten drin stand, der verstehen will und kann, niemanden verurteilt und mit seinem Roman ein literarisches Portokoll einer schleichenden Katastrophe globalen Ausmasses schrieb.
Äusserst lesenswert!
Interview
Ich spüre die Verletzungen jener Zeit auch in mir. Die Bruchlinien sind geblieben, auch wenn sich die Risse wieder verfestigten. Wir alle haben auf die eine oder andere Art von dieser Zeit Schaden genommen. Was kann die Literatur, was ein Sachbuch über die Zeit nicht leisten kann?
Ein Sachbuch kann erklären und einordnen. Es kann Ursachen benennen, Fehler analysieren und Entwicklungen nachvollziehbar machen. Literatur leistet etwas anderes. Sie kann erfahrbar machen, wie Zeit in einem Menschen nachwirkt.
Mich hat weniger interessiert, noch einmal zu rekonstruieren, wer wann recht hatte. Mich interessierte, was geschieht, wenn vertraute Gewissheiten brüchig werden, wenn Nähe plötzlich als Gefahr erscheint, wenn Menschen einander nicht mehr nur widersprechen, sondern sich fremd werden. Solche Veränderungen lassen sich schwer in Thesen fassen. Im Roman kann man ihnen folgen, ohne sie sofort bewerten zu müssen.
Literatur darf Widersprüche stehen lassen. Sie muss nicht entscheiden, wer schuldig und wer unschuldig ist. Sie kann zeigen, dass Menschen zugleich vernünftig und verletzend, ängstlich und mutig, fürsorglich und rücksichtslos sein können. Gerade diese Uneindeutigkeit war für mich wesentlich.
Vielleicht kann Literatur auch etwas bewahren, das in der Rückschau leicht verloren geht: die Atmosphäre einer Zeit. Die Unsicherheit, die Gereiztheit, die kleinen Verschiebungen in Beziehungen und im Alltag. Ein Sachbuch beschreibt, was geschehen ist. Ein Roman kann im besten Fall spürbar machen, wie es war, darin zu leben.
Wir alle kenne sie, die Verwerfungen damals rund um uns; Lieben, die zerbrachen, Ehen, die wankten, Geschwister, die nicht mehr miteinander reden konnten, Freundschaften, die sich verloren. Der Virus, die Krankheit, die medizinischen und gesundheitlichen Folgen sind das eine, die Erdbeben zwischen und in den Menschen das andere. Ist ihr Roman auch ein bisschen ein Wachrütteln, weil man so leicht vergisst?
Ich weiß gar nicht, ob ich den Roman als Wachrütteln bezeichnen würde. Dafür ist Literatur vielleicht auch das falsche Medium. Sie überzeugt nicht durch Argumente, sondern dadurch, dass sie Menschen und ihre Erfahrungen ernst nimmt.
Aber ich glaube, dass wir zum Vergessen neigen. Nicht aus Böswilligkeit, sondern weil das Leben weitergeht. Wir erzählen uns im Nachhinein oft geradlinigere Geschichten, als wir sie tatsächlich erlebt haben. Die Unsicherheit, die Ambivalenz und auch die Verletzungen verschwinden mit der Zeit aus der Erinnerung.
Etwas hat mich in den Rückmeldungen vieler Leserinnen und Leser besonders überrascht: Sie haben mir geschrieben, dass sie sich beim Lesen plötzlich wieder mitten in dieser Zeit wiedergefunden hätten. Situationen, Gespräche und Gefühle seien zurückgekehrt, an die sie lange nicht mehr gedacht hatten.
Mich hat beschäftigt, was von einer solchen gesellschaftlichen Ausnahmesituation zurückbleibt. Nicht in den Statistiken oder politischen Debatten, sondern in Beziehungen. Wie lange wirkt Misstrauen nach? Wie verändert eine Zeit, in der Menschen einander plötzlich als Gefahr oder Gegner wahrnehmen, den Blick aufeinander? Solche Veränderungen heilen nicht mit dem Ende einer Krise.
Wenn der Roman etwas bewirken kann, dann vielleicht dies: dass wir uns noch einmal in diese Zeit hineinversetzen, ohne sofort Partei zu ergreifen. Dass wir uns erinnern, wie kompliziert vieles war und wie verletzlich Menschen sein können. Vielleicht entsteht daraus auch wieder etwas, das in den vergangenen Jahren oft verloren gegangen ist: die Bereitschaft, dem anderen zunächst zuzuhören.
Als die Pandemie Fahrt auf den ersten Höhepunkt aufnahm, war ich zu Besuch bei einem Schriftsteller. Wir sprachen über das Schreiben. Ob es überhaupt noch Raum neben der Pandemie und ihrer Auswüchse gäbe. Brauchte es die Jahre dazwischen?
Ich glaube schon. Vielleicht brauchte es diese Jahre, vielleicht sogar noch ein paar mehr.
Während der Pandemie waren wir alle Teil des Geschehens. Man schrieb und sprach aus der Unmittelbarkeit heraus. Das ist wichtig, aber Literatur braucht oft Distanz. Nicht, um Gefühle abzuschwächen, sondern um sie besser verstehen zu können.
Mich hat nicht interessiert, einen Roman über Corona zu schreiben. Mich interessierte, was diese Zeit mit Menschen gemacht hat. Das wird oft erst sichtbar, wenn das Ereignis selbst bereits vorüber ist. Manche Verletzungen erkennt man erst, wenn sie zu Narben geworden sind.
Vielleicht war genau dieser zeitliche Abstand notwendig. Nicht, weil die Erinnerung verblasst wäre, sondern weil sie sich verändert hat. Man beginnt, nicht mehr nur auf das Geschehen selbst zu blicken, sondern auf das, was davon geblieben ist.
In diesem Sinn ist Bruchlinien für mich kein Roman über die Pandemie. Er ist ein Roman über das, was eine gesellschaftliche Ausnahmesituation mit Menschen, Beziehungen und ihrem Vertrauen ineinander machen kann. Dafür brauchte es Zeit.
Warum ist so wenig geblieben von dem, was man sich damals erhoffte?
Ich glaube, weil Krisen uns für einen kurzen Moment zeigen, wer wir sein könnten und der Alltag uns danach wieder zu dem macht, was wir meistens sind.
Damals war oft von einem Neuanfang die Rede. Von mehr Zusammenhalt, mehr Wertschätzung für bestimmte Berufe, mehr Demut gegenüber dem, was wir nicht kontrollieren können. Vieles davon war ehrlich gemeint. Aber Hoffnungen sind noch keine Veränderungen.
Der Mensch besitzt eine bemerkenswerte Fähigkeit, sich an nahezu alles zu gewöhnen. Das ist eine große Stärke, weil sie uns nach Krisen wieder handlungsfähig macht. Gleichzeitig führt sie aber auch dazu, dass wir vieles vergessen, was wir uns in außergewöhnlichen Zeiten fest vorgenommen haben.
Vielleicht ist das kein Versagen, sondern Teil unserer Natur. Gerade deshalb halte ich Literatur für wichtig. Sie kann solche Momente festhalten, bevor sie im Lärm des Alltags verschwinden. Sie erinnert weniger daran, was wir gedacht haben, als daran, wer wir für einen Augenblick gewesen sind.
Die Sprache hatte sich verändert; aus „positiv“ wurde plötzlich „negativ“. Die Wahrnehmung war mit einem Mal eine ganz eigene. Selbst der Begriff „Zertifikat“ hat eine andere Färbung. Mussten Sie ihre Sprache suchen für diesen Roman?
Ja, ich glaube schon. Jede Zeit entwickelt ihre eigene Sprache. Während der Pandemie hatten plötzlich Wörter und Begriffe eine Bedeutung, die sie davor nie hatten. Manche davon wirken heute fast schon wie Zeitkapseln.
Beim Schreiben habe ich aber gemerkt, wie schnell diese Begriffe den ganzen Raum einnehmen. Sobald von Inzidenzen, Lockdowns oder Zertifikaten die Rede ist, ist die Zeit sofort wieder präsent. Gerade deshalb wollte ich sparsam damit umgehen.
Mich interessierte weniger die Sprache der Pandemie als die Sprache der Menschen während dieser Zeit. Wie sie miteinander gesprochen haben, wie vorsichtig oder scharf manche Gespräche plötzlich wurden, wie viel auch unausgesprochen blieb. Das schien mir wichtiger als die Begriffe selbst.
Ich hoffe deshalb, dass der Roman auch in einigen Jahren noch funktioniert. Vielleicht nicht mehr als Roman über die Pandemie, sondern als Roman über Menschen in einer Ausnahmesituation.
Glauben sie, dass das Vertrauen in Politik, Wissenschaft und Fachleute nicht bleibenden Schaden genommen hat und dass es all die Instanzen bisher verstanden, dieses Vertrauen wieder herzustellen?
Vertrauen lässt sich schwer messen. Ich glaube aber, dass es leichter verloren geht, als es wieder entsteht.
Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass Wissenschaft, Politik und Medien in Krisenzeiten unter einem enormen Erwartungsdruck stehen. Gleichzeitig erwarten wir von ihnen Sicherheit – gerade in Situationen, in denen es sie oft gar nicht geben kann. Aus dieser Spannung sind viele Enttäuschungen entstanden.
Ich glaube allerdings nicht, dass Vertrauen durch Appelle oder Kampagnen zurückkehrt. Es entsteht langsam, durch Transparenz, durch die Bereitschaft, Unsicherheiten offen auszusprechen, und vielleicht auch durch die Fähigkeit, im Rückblick Fehler einzugestehen. Das gilt für Institutionen genauso wie für jeden einzelnen Menschen.
Mein Roman gibt darauf bewusst keine Antwort. Er beschreibt vielmehr, wie es sich anfühlt, wenn Vertrauen ins Wanken gerät. Die Frage, wie es wieder entstehen kann, muss jede Gesellschaft immer wieder neu beantworten.
Gernot Rainer, geboren 1978 in Klagenfurt, lebt als Facharzt für Lungenheilkunde in Wien. 2015 gründete er die Ärztegewerkschaft Asklepios, um auf Missstände im Gesundheitswesen aufmerksam zu machen. Als Gastkommentator schreibt er über gesellschaftliche Verantwortung und die Rolle von Institutionen. In seinem Sachbuch „Kampf der Klassenmedizin“ (2017) beleuchtet er die Strukturen des österreichischen Gesundheitssystems. „Bruchlinien“ ist sein erster Roman.
Beitragsbild © Cynthia Fischer





Barbara Rieger, geboren 1982 in Graz, lebt und arbeitet als Autorin und Schreibpädagogin in Wien und im Almtal (OÖ). Gemeinsam mit Alain Barbero Herausgeberin des Foto- & Literaturblogs „




