Julia von Lucadou «Zeiten erhöhter Gefahr», Hanser

Stimmt. Wir leben in Zeiten erhöhter Gefahr, auch wenn diese Wahrnehmung keine für die Gegenwart explizite ist. Vielleicht ist die grösste Gefahr jene, dass sich die Menschheit immer mehr von der realen Welt entfernt. Die Welt, die Umgebung, das Klima wird zum „Feind“. Julia von Lucadou beschreibt eine Welt, die unaufhaltsam ins Rutschen gerät – und tut das meisterhaft.

Im Vorsatz zu ihrem neuen Roman steht ein aufschlussreiches Zitat: Ausserdem sind die Zeiten zwischen Alarmierung und Eintreffen der Katastrophe so kurz, dass es in Zeiten erhöhter Gefahr notwendig sein wird, sich überhaupt dauernd, zur Ruhe und womöglich auch zur Arbeit, im Schutzraum aufzuhalten und diesen nur zu den wichtigsten Verrichtungen zu verlassen. (Aus „Zivilverteidigung“, hrsg. vom Eidg. Justiz- und Polizeidepartement im Auftrag des Bundesrates der Schweiz, 1969) Die Welt verharrte damals im kalten Krieg; Wett- und atomare Aufrüstung waren in vollem Gange. Heute, in Zeiten heisser Kriege, Kriege, die das Zeug haben, jederzeit ins absolut Unkontrollierbare zu mutieren, wo so viel Geld wie nie zuvor in Kriegsmateriel investiert wird, ist es erstaunlich genug, wie gelassen, wenn nicht fatalistisch die meisten Menschen auf die drohende Gefahr reagieren. Als ob man gezwungen wäre, angesichts der vielfältigen Bedrohung diese als gegeben zu akzeptieren.

Julia von Lucadou «Zeiten erhöhter Gefahr», Hanser, 2026, 224 Seiten, ISBN 978-3-446-28299-5

Jot arbeitet in einer sehr erfolgreichen und expandierenden Firma, die sich auf die Planung und den Bau von Schutzräumen spezialisiert hat; Bunker für Superreiche. Selbstredend, dass in seinem Haus im Keller ein topmoderner eingebaut und eingerichtet ist. Überhaupt hat sich Jot auf alle Eventualitäten eingerichtet; sein absolut kontrolliertes Leben ist bis aufs Letzte durchgeplant und optimiert, im Keller lagert mehr als nur der empfohene Notvorrat, alles hat seinen Platz, alles Unvorhersehbare ist eingedämmt. Dazu gehört wohl auch sein Umfeld, seine Familie, oder das, was von seiner Familie übriggeblieben ist. Martha, seine Tochter, spielt kaum mehr eine Rolle, sein Leben ist ganz und gar auf Gegenwart und die Bedrohungen der Zukunft ausgerichtet.

Bis er auf seiner morgentlichen Joggingrunde, die ihn jeden Tag durch den nahen Steinbruch führt, auf die Leiche eines jungen Mannes trifft. An einem Tag, der schon mit merklich eigenartigen Wahrnehmungen begonnen hatte. Auch wenn sich Jot später Vorwürfe macht, jenem Mann, von dem er angenommen hatte, er wäre tot, nicht lebensrettende Soforthilfe geleistet zu haben, meldet er die Begegnung unmittelbar der Polizei. Jot wird zu einem Zeugen, seine Aussagen werden zur Kenntnis genommen. Aber im Gegensatz zur Polizei, die von einem Suizid ausgeht, ist Jot überzeugt, dass hier ein Mord passiert ist, ein Gewaltverbrechen. 

In der Folge rutscht Jot immer mehr ab. Nicht nur, dass er sich nicht ernst genommen fühlt. Jots Verunsicherung nimmt existenzielle Formen an, nicht nur, weil die Polizei ihre Beobachtungen ganz anders interpretiert als er die seinen. Irrt er? Ist seine Wahrnehmung getrübt? Warum? Auch bei der Arbeit schleichen sich in seine perfekt durchstrukturieren Arbeitsabläufe Dissonanzen ein, Verschiebungen, irgendwann Absenzen, Tagträume, Erscheinungen. Mit einem Mal brechen Bilder durch, die er in den Tiefen seiner Erinnerung verschlossen glaubte; Bilder aus seiner Kindheit, eines Vaters, der ihn schon als Kind zum Überlebensspezialisten machen wollte. Bilder seines Vaters mit den Händen um den Hals der Schwester. Bilder aus seiner Zeit im katholischen Internat, Bilder von einer Bluttat in seiner Vergangenheit, einer Untat, die er hätte vergessen sollen. Jot rutscht weg.

Etwas war in seinem Schädel aus der Fassung geraten, war lose geworden. Sein Gedächtnis wie überstimmuliert und ausser Kontrolle. Produzierte fingierte Erinnerungen.

Kein Wunder – ein Toter in einem Steinbruch. Nicht das einzige Bild, die einzige Verbindung in Julia von Lucadous Roman. Da ist noch jene zu Franz Kafkas Roman „Der Prozess“. Jots Gefühl, es sei nur eine Frage der Zeit, bis Wächter in seinem Leben auftauchen und ihn für ein Versäumnis, für versagte Hilfeleistung, für einen Tod zum Prozess abführen. Der Tote in einem Steinbruch, der in seinen Sedimenten Versteinungen eingeschlossen hat, die durch den Bruch freigelegt werden; Zeugnisse endlichen Lebens.

Jot lässt sich nicht helfen. Sein Leben gerät aus den Fugen. Eine Geschichte, die sich auf die ganze Gesellschaft übertragen lässt. Vielleicht hat mich Julia von Lucadous Roman auch deshalb so sehr fasziniert, weil er so viel in mir auslöst. Ein Roman über Wahrnehmung, der selbst mich an meinen Wahrnehmungen zweifeln lässt. Welcher Roman schafft das sonst!?

„Zeiten erhöhter Gefahr“ ist ein erstaunliches Stück Literatur, sehr beeindruckend. Ein Buch, das selbst die eigenen Einschliessungen freilegen kann!

Interview

Jot, eigentlich Johannes, hat sich in seinem Wahn nach Selbstoptimierung reduziert, bis auf seinen Anfangsbuchstaben. Influencer*innen leben uns vor, wie erstrebenswert eine solche Selbstoptimierung ist, haben wir doch nur ein Leben, dass maximal auszuschöpfen ist. Jot ist ein Getriebener, Gepeitschter. Da ist Literatur, das Lesen, doch Statement?
 
Ja, das stimmt, wir leben in einer Zeit, in der wir in den sozialen Medien ein perfekt optimiertes Leben präsentiert bekommen. Die Literatur ist angesichts solcher gefilterter Narrative ein fast widerständiges Medium, weil sie die Welt in ihrer ganzen Vielschichtigkeit abzubilden versucht.
Im perfekten Influencer*innenleben haben schwierige Gefühle, Graubereiche und Krisen kaum Platz. Jot hat eine ähnliche Vorstellung von der Welt, allerdings nicht aus den sozialen Medien, denn er gehört einer Vor-Internet-Generation an. Er ist in der Nachkriegszeit mit einem Männlichkeitsbild aufgewachsen, das ihn gelehrt hat, es sei gefährlich, Schwäche und Verletzlichkeit zu zeigen, Fehler zu machen, sich eine Blösse zu geben. Interessanterweise erfreut sich dieses Männlichkeitsbild aktuell auch bei Influencern der sogenannten Manosphere wieder grosser Beliebtheit.
 
Jot trägt ein Trauma mit sich herum. Eines, dass völlig überraschend ausbricht. Solche Traumata tragen viele mit sich herum, manchmal ein Leben lang, ohne dass es zum Ausbruch kommt. Brauchte es bei der Recherche eine Auseinandersetzung mit Spezialist*innen oder reichte die Intuition?
 
Ich setze mich schon lange mit dem Thema Trauma auseinander. Einerseits weil ich als Tochter einer Traumatherapeutin gross geworden bin, aber auch weil viele Menschen, die mir nahestehen, Traumaerfahrungen gemacht haben und ich selbst ebenfalls. Für das Buch habe ich Interviews geführt mit Männern aus Jots Generation, die ihre Erinnerungs- und Aufarbeitungsgeschichte mit mir geteilt haben. Sie hatten gewisse traumatische Erlebnisse ihr Leben lang verdrängt und erst in höherem Alter begonnen, sich damit auseinanderzusetzen.
 
Vieles in diesem Roman schein von langer Hand geplant, ganz bewusst inszeniert, sei es der Schauplatz eines ehemaligen Steinbruchs oder das Verweben mit Kafkas Roman „Der Prozess“. Oder ergaben sich diese Verbindungen und Metaphern erst während des Schreibprozesses?
 
Mein Schreibprozess ist eigentlich immer eine Mischung aus Intuition und Planung. Die Bezüge zu Kafkas „Prozess“ haben sich erstmal ganz intuitiv ergeben. Vielleicht auch, weil Kafkas Bücher in mir schon als jungem Menschen den Wunsch geweckt haben, selbst Autorin zu werden. Kafka hat mir gezeigt, dass Literatur auf tiefgreifende Weise etwas über das Menschsein ausdrücken kann. Er ist ein Meister der Darstellung dieses diffusen Gefühls, der Welt ausgeliefert zu sein und sie nicht unter Kontrolle zu bekommen. Ein Gefühl, das meinen Protagonisten Jot prägt. Deshalb waren diese Motive für mich von Anfang an da. Und dann habe ich sie natürlich irgendwann sehr bewusst eingesetzt.
 
Jot ist in vielem ein Archätyp. Auch in seiner Sehnsucht nach Sicherheit, in seinem Bestreben, auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. Er will alles im Griff haben. Dabei hat ihn das Leben im Griff, irgendwann im Würgegriff. Dein Leben als Künstlerin ist das genaue Gegenteil. Zumindest vermute ich das. Wieviel Gesellschaftskritik steckt in deinem Roman?
 
Ha ha, ja, das Leben als freie Autorin ist relativ unberechenbar und gibt einem nicht die zuverlässige finanzielle Sicherheit und Planbarkeit, die Jot wichtig sind. Er möchte die Unberechenbarkeiten des Lebens so gut wie möglich reduzieren, indem er auf jede Eventualität vorbereitet ist. Dass uns ungeplante Ereignisse Angst machen, ist ja erstmal einfach menschlich. Wir sind evolutionär so gepolt, nach einem sicheren Ort zu suchen und Gefahren vorherzusehen. Aber bei Jot geht das noch viel weiter, er scheint innere Ängste auf seine Umgebung zu projizieren. Und sein Planen bringt ihm deshalb auch keine Erleichterung, sie füttert eher noch seine Angst. Ich habe den Eindruck, dass die grosse Spaltung in der Gesellschaft, die wir gerade erleben, auch viel mit Projektion von Ängsten zu tun hat, die eher von innen kommen.
 
Dein Roman ist auch ein Familienroman. Zumindest ein Roman über das, was geblieben ist, wenn sich das Universum nur noch um mich, um den Protagonisten dreht. Ist das, was bei Jot von Familie geblieben ist, symptomatisch für unsere Zeit, für das, was vom Mythos „Familie“ übrig geblieben ist?
 

Was Familie angeht, hat mich im Roman vor allem die Frage nach transgenerationalem Trauma interessiert, das zu Isolierung führen kann, zum Bruch von familiären Beziehungen. Jot ist in der Zeit direkt nach dem Zweiten Weltkrieg geboren, die Erwachsenen in seinem Leben durch den Krieg traumatisiert, aber unfähig, darüber zu sprechen. Jot selbst setzt dieses Muster des Schweigens und der Verdrängung fort, weil er nichts anderes gelernt hat, und gibt es an seine Tochter Martha weiter. Gleichzeitig verkörpert Martha aber eine neue Generation, die gewillt und besser ausgerüstet ist, sich mit Traumata auseinanderzusetzen und die richtigen Ressourcen hat, sie aufzuarbeiten. Das hat etwas sehr Hoffnungsvolles für mich.

Julia von Lucadou ist Filmwissenschaftlerin. Sie arbeitete als Regieassistentin, Redakteurin beim Fernsehen und als Simulationspatientin; sie lebt in Köln. Ihr erster Roman «Die Hochhausspringerin» (2018) stand auf der Shortlist für den Schweizer Buchpreis und wurde mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet. 2022 erschien der hochgelobte Roman «Tick Tack«.

Beitragsbild © Guido Schiefer

«Die Literaturrunde» von Tele D vom 2. September 2026

Besprochen wurden «Vertraute Gespenster» von Anna Ruchat (Limmat), «Lachen kann, wer Zähne hat» von Zyta Rudzk (Friedenauer Presse) und «Zeiten erhöhter Gefahr» von Julia von Lucadou (Hanser).

Miteinander gesprochen haben Ariane Novel (Co-Leiterin Wortlaut Literaturfestival St. Gallen), Jeanette Bergner (Moderation) und Gallus Frei (literaturblatt.ch).

Link zu Sendung hier

Alex Capus «Querfeldein», Hanser

Ein Roman, der vor Erzähllust sprüht. Wer Alex Capus kennt, wer bereits von ihm gelesen hat, ihn vielleicht sogar einmal live erlebte, wird sich bestätigt fühlen; ein Geschichtenerzähler wie er im Buch steht, in seinen. Einer, der mit grosser Geste erzählt, der seine Held*innen liebt, Menschen, ihre Geheimnisse, ihre Eigenheiten, ihre Abgründe.

Moskau liegt nicht weit vom Rhein, im Kanton Schaffhausen, nahe an der Grenze zu Deutschland. Nicht nur in der Fantasie von Alex Capus, sondern tatsächlich. Direkt an der Grenze steht das Gasthaus zur Moskau, der Dreh- und Angelpunkt des neuen Romans des grossen Geschichtenerzählers. Wie kaum ein anderer Autor sprudelt Capus in seiner Erzählfreude und Figurenzeichnung. Der kleine Ort an der Grenze wird zum lebendigen Schauplatz einer Familiegeschichte, eigenwilliges Personal verwandelt den stillen Ort, das Gasthaus, das Arnold bauen liess zu einem Stück Welttheater, eine Bühne, auf der sich die Wirren der Zwischenkriegszeit spiegeln, die Transformation einer Gesellschaft, der Wandel einer Zeit in grosser Unsicherheit.

Bis sich Arnold mit dem Gasthaus zur Moskau sesshaft machte, war er einer, der stets von Ort zu Ort, von Arbeitgeber zu Arbeitgeber weiterzog. Nicht weil er sich nicht festlegen wollte, sondern weil er den Trott, die lebenslange Wiederholung fürchtete. Aber mit einer Glückssträhne im Casino zu Geld gekommen, baut er sich an der Grenze zu Deutschland ein Gasthaus, vielleicht doch eine Idee davon, dereinst sesshaft zu werden. Und weil er im nahen Weiler Moskau, unweit von Ramsen die Witzbolde nicht zum Schweigen bringt, mahnt er den Schriftenmaler im letzten Augenblick nicht „Eintracht“, sondern „Zur Moskau“. Irgendwie Programm für einen Mann, der sich nicht festlegen will, für eine Gegend, wo auch „Petersburg“ nicht weit davon liegt, am Ende der Welt.

Alex Capus «Querfeldein», Hanser, 2026, 290 Seiten, ISBN 978-3-446-28564-4

462 510 Mark liegen auf seinem Konto. Eine Summe, die ihn ein Leben lang frei leben liess, die es ihm möglich machte, sämtliche Rechnungen in Bar zu bezahlen, was ihm wiederum den Respekt all jener brachte, die er für eine Leistung zu bezahlen hatte. Und als dann mitten im Winter eine Herde Wildpferde über die Grenze am Gasthof vorbeikam, vorneweg ein mächtiger Fuchshengst mit weissem Stern auf der Stirn, auf ihm eine junge Frau, ohne Sattel, bloss auf einer feldgrauen Wolldecke. Eine Erscheinung, von der sich Arnold nicht mehr zu lösen vermochte. Eine junge Frau, die am Ende der Welt eine neue Zeitrechnung einleutete. Die Amazone hiess Betty. Arnold und Betty werden sich schnell einig. Vier Monate später wird Hochzeit gefeiert, auch wenn Arnold mit keiner Silbe erfährt, woher seine Frau kommt. Er kennt nicht einmal ihren Familiennamen. An der Hochzeit ist kein Gast von ihrer Seite, dafür wird umso flotter und mitt viel Musik auf seiner Seite die Hochzeit gefeiert.

Dass Betty nicht ins Muster all jener Frauen passt, die den kleinen Ort im Schaffhausischen bewohnen, wird noch einmal klar, als wenig später das erste Kind zur Welt kommt. Dieses Baby gehört mir. Das weisst du und das weiss ich. Wahrscheinlich werden wir noch weitere Babys haben, dann wird eines vielleicht deines sein. Aber dieses hier ist meins. Kein Wunder ist auch die Erstgeborene Clara ein besonderes Kind. Kaum kann sie laufen, macht sie sich auf, für Stunden, später für Tage. Später holt sich Clara von jedem im Dorf den Respekt. Manch einer bekommt blaue Flecken und wagt es nicht mehr, ihre Nähe zu suchen.

Aber auch Clara findet jemanden; Hermann, den Bären. Einen Schmugggler, der sich auch von der braunen Grenzwacht nicht abschrecken lässt. Hermann wird schnell Teil der Familie, auch wenn sein Schnarchen vom Schopf nebenan bis ins Gasthaus zu hören ist. Aber Hermann macht Clara glücklich. Und tröstet auch Arnold, als sich Betty eines Tages aufmacht auf ihrem Pferd und verschwindet.

„Querfeldein“ ist mit derart viel Leichtigkeit und Freude erzählt, dass die Lektüre trunken macht. Ich staune über die Purzelbäume, die er schlägt. Auch wenn der Stoff in einen historischen Kontext gestellt ist, auch wenn es die Orte, das Haus am Ende der Welt gibt, drängt sich die Frage, ob das nun wahr sei, kein einziges Mal auf. Was erzählt wird, ist immer wahr, weil es genau so unwahr ist, wie alles Nacherzählte, dass durch Geist, Herz und Leib eines Erzählers oder einer Erzählerin gegangen ist. Mag sein, das Alex Capus in kein Muster helvetischen Erzählens passt. Wenn er erzählt, erinnert er mich an den grossen Schweizer Geschichtenerzähler André Kaminski (1923 – 1991), der es meisterlich verstand, mit der grossen Kelle anzurichten. Köstlich! 

Interview

Moskau liegt nicht vor deiner Haustür. Wie kam die Geschichte zu dir?
Ich bin unermüdlich gern in Brockenstuben und auf Flohmärkten unterwegs, krame dort in alten Sachen, die ich gar nicht brauche. In meinem Alter – ich werde 65 – hat man ja alles und sollte sich eher von Sachen lösen als sich neue zulegen. Irgendwo bin ich dann wohl auf diese Ansichtskarte des Gasthofs zur Moskau gestossen – wo das war, weiss ich nicht mehr. Was ist das denn, habe ich mir gedacht, wieso Moskau und warum in Ramsen. Eine erste Google-Suche hat mich zu Stefan Kellers schönem kleinen Band «Bildlegenden» geführt, in dem auch Hermann Webers Geschichte skizziert ist, und von da ging es weiter zu den Dissertationen und Artikeln von Historikern (u.a. Franco Battel: «Wo es hell ist, da ist die Schweiz»). Und dann bin ich natürlich selbst noch in die Archive gestiegen und habe Ramsen und Singen besucht.

aus «Bildlegenden» von Stefan Keller, Rotpunkt, 2016, Archiv Stefan Keller

Alle Protagonist*innen in deinem Roman sind starke Persönlichkeiten, Menschen, die sich nicht gerne einordnen und unterordnen lassen. Rebell*innen. Wahrscheinlich triffst du mit der Schilderung dieser Personen auch einen Nerv deiner Leser*innen. Eine ungestillte Sehnsucht, heimliche Versäumnisse. Oder steckt in deinem Personal ganz viel Alex Capus?
Die Figurenzeichnung ist natürlich fiktional, sie lässt sich kaum aus Parlamentsakten und Verhörprotokollen entnehmen. Und ja, ich zeichne Figuren, die mir gefallen, die mir entsprechen und über die ich etwas zu erzählen weiss. Insofern ist gewiss viel von mir in ihnen.

Es sind Menschen, die genau das tun, was sie wollen. Deine Protagonist*innen schlittern nicht einfach in ein Leben, in eine Existenz. Sie folgen ihrer inneren Stimme. Sie leben ein Leben, das sich nicht nach Normen richtet. Ist dein Roman auch ein Statement für weniger Anpassung? Das Rebellische in sich nicht zu verlieren?
Gerade in der heutigen Zeit, in der Milliardäre und Autokraten die Welt nach Belieben beherrschen zu dürfen glauben, ist das Signal wichtig, finde ich, dass auch in einem kleinen Dorf wie Ramsen eine Handvoll Menschen sich machtvoll gegen die Diktatoren erheben können. Diese Asterix-Geschichte in dem Buch ist mir sehr wichtig.

Wie sehr bist du bei diesem Roman oder bei allen Romanen, die du geschrieben hast, einem Plan gefolgt?
Ich kenne jedes Mal ungefähr den dramaturgischen Bogen, dem ich folgen will. Aber wie sich das in den Details ausgestaltet, ergibt sich Schritt für Schritt, da muss ich mich vorantasten. Darum fange ich auch beim Schreiben mit Seite eins an und höre mit der letzten auf, ich kann nicht den Mittelteil zuerst schreiben und dann den Schluss und schliesslich den Anfang. Bei «Querfeldein» stellte sich mir die ganze Zeit die Frage, wie ich die Rebellion der Leute von Ramsen schildern würde, wenn ich dort anlangte. Die Lösung war dann ganz einfach – ich habe es so erzählt, wie es sich tatsächlich zugetragen hat, vermutlich, wahrscheinlich, höchstwahrscheinlich. Wobei es natürlich auch ganz anders gewesen sein könnte.

Die eigentliche „Hauptperson“ in deinem Roman ist der Gasthof zur Moskau, Dreh- und Angelpunkt, die Bühne in deinem Roman. Du bist selber Wirt, hast in deinem Leben viel Zeit hinter der Theke verbacht. Ein Gasthaus ist auch eine Bühne mit Auftritten und Abgängen. Manchmal erschien mir dein Roman wie ein Freilichttheater. Es blitzten Erinnerungen an Jeremias-Gotthelf-Filme und -Bücher auf. Musst du dich als Beizer davor hüten, deine Stammgäste zu zeichnen?
Ich habe tatsächlich ein Herz für Gasthöfe, Wirte und Gäste, davon verstehe ich auch etwas, und darum fällt es mir leicht, darüber zu schreiben. Danke für die Erwähnung von Gotthelf, der hat ja in «Der Geltstag» einen ganzen Roman einer liederlichen Wirtin gewidmet. Er ist 2025 bei Diogenes neu erschienen und ich durfte ein Nachwort dazu schreiben.

Alex Capus, geboren 1961 in Frankreich, studierte Geschichte, Philosophie und Ethnologie in Basel und arbeitete während und nach seinem Studium als Journalist und Redakteur bei verschiedenen Tageszeitungen. Seit 1994 veröffentlicht Alex Capus Kurzgeschichten, historische Reportagen und Romane, die in viele Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurden. Daneben hat er auch John Fante übersetzt. Capus lebt als freier Schriftsteller in Olten.

mehr über Alex Capus auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Mergime Nocaj 

Colm Tóibín «Die Schwestern», Hanser

Montserrat, Conxita und Núria, drei Schwestern, erben das Haus ihrer Tante Julia, irgendwo in den spanischen Pyrenäen. Nur dieses Erbe führt die drei Schwestern nach Jahrzehnten zusammen. Als sie jung waren, nahm sie ihre Mutter mit nach Argentinien. Ein schmaler, aber äusserst atmosphärischer Roman des Meisters!

Weil es für die Mutter der drei Schwestern in Spanien keine Zukunft mehr zu geben scheint, nachdem der Vater gestorben war, werden die Schwestern von ihrer Mutter unfreiwillig nach Argentinien umgesiedelt. Dort muss das Glück stattfinden. Aber auch dort findet die Mutter den Tritt nicht. So sehr die Schwestern als Mädchen durch den Umzug wie Freundinnen aufwachsen, eine Einheit bilden, so sehr zerbricht diese Einheit, weil jede der Schwestern als junge Frau in einem eigenen Umfeld zu bestehen hat. Montserrat, Conxita und Núria brechen in Gegenwarten auf, die kaum mehr miteinander etwas zu tun haben. Núria, die Älteste, heiratet nach der Auswanderung in die besten Kreise Buenos Aires, hat schnell Kinder und lebt sie sich in Sphären aus, die nichts mit den Welten ihrer Schwestern zu tun haben. Conxita wird Gesellschafterin einer verschrobenen Dame und Montserrat, Montse, «das Nesthäkchen», arbeitet Jahrzehnte in einer Autowerkstatt. Aber Montse ist nicht die, für die die älteren Schwestern sie halten. 

Colm Tóibín «Die Schwestern», Hanser, 2026, aus dem Englischen von Ditte Bandini und Giovanni Bandini, 128 Seiten, CHF ca. 32.90, ISBN 978-3-446-28649-8

Jenes geerbte Haus ihrer verstorbenen Tante wurde kurz vor ihrem Tod renoviert. Die drei Schwestern treffen sich dort, zusammengeführt mit den verschiedensten Absichten, von Colm Tóibín inszeniert wie ein Kammerspiel. Montse ist der Mittelpunkt der Geschichte, jene Schwester, deren Leben bisher am unauffälligsten verlief. Sie ist die einzige, die nicht mit dem Plan, das Haus zu verkaufen, in die Pyrenäen gereist ist. Für sie bietet dieses Haus erstmals die Chance auf ein Stück Unabhängigkeit, ein Stück Glück, zumal man die Tante im kleinen Dorf schätzte. Es ist das Haus, in dem sie damals zusammen mit ihrer Mutter die Ferien verbrachten. Das Haus ist ein Stück Zuhause.

Colm Tóibín zeigt, dass das Erbe nicht nur in den Dingen steckt, sondern auch in den Leben, die enden, in den Leben der Eltern, in dem, was sie an erlebter Erinnerung zurücklassen. Hier das Haus mitten im Dorf, hier das Trümmerfeld zwischen den ungleich gewordenen Schwestern, die auch in den Wochen im Haus ihrer verstorbenen Tante wie gleichpolige Magnete auseinanderdriften. Man kann Colm Tóibín dafür bewundern, dass er sich traut, eine Geschichte zu erzählen, in der fast nur Frauen vorkommen. Zum einen kann er das, weil er ein Meister seines Fachs ist. Zum andern geht es nicht um geschlechterspezifisches Verhalten, sondern um den Zusammenprall menschlicher Existenzen überhaupt. Das andere Geschlecht deshalb, um den Figuren im Erzählen jene Distanz zu geben, die maximale Nähe erzeugen kann.

In „Die Schwestern“ geht es um Beziehungen. Um eine Mutter, die die älteste Tochter zur Leitfigur macht, ihre Schwestern zu Spielbällen, Rollen die den beiden jüngeren bleiben. Eine Mutter, die ihre Kinder wie Möbelstücke auf einen anderen Kontinent verpflanzt. Um einstmals Verschworene, die auseinanderbrechen. Um Leben, die nach ihrem Kern suchen. Um Leben, die alles der Fassade opfern. Montse ist die einzige, die immer bei sich selbst geblieben ist.

Es macht unglaublich Spass, dem Drama zuzuschauen!

Colm Tóibín, 1955 in Enniscorthy geboren, ist einer der wichtigsten irischen Autoren der Gegenwart. Bereits sein erster Roman «Der Süden» (1994) wurde von der Kritik enthusiastisch gefeiert. Sein Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem IMPAC-Preis, dem David Cohen Prize for Literature und dem Würth-Preis für Europäische Literatur. Zuletzt erschienen «Long Island» (Roman, 2024) sowie «Vinegar Hill» (Gedichte, 2025). Er wurde für 2022 – 2024 zum Laureate for Irish Fiction ernannt.

Giovanni Bandini und Ditte Bandini arbeiten seit 1985 als Schriftsteller und freie Übersetzer. Unter anderem haben sie Seamus Heaney, Matt Ruff, Cathleen Schine, Kiran Nagarkar und Neel Mukherjee ins Deutsche übertragen.

Beitragsbild © Emanuele Spina

Navid Kermani «Sommer 24», Hanser

Ein mutiges Buch! Nicht nur weil Navid Kermani ganz nah an seinem eigenen Leben schreibt, sondern weil er sich nicht scheut davon zu erzählen, wie sehr ihn seine Gegenwart, der Sommer 2024, verunsichert, wie sehr ihm die Geschehnisse zusetzen. Eine Welt voller Bedrohungen.

Ob die Ettikette „Roman“ dem Buch gerecht wird, bezweifle ich, auch wenn Navid Kermani in seiner „literarischen“ Vergangenheit sehr wohl bewiesen hat, dass er neben seinen Sachbüchern zu Themen interreligiöser Verständigung, sehr wohl Bücher schrieb, die dem Etikett «Roman» gerecht werden. „Sommer 24“ ist essayistische Erzählung, Selbstbestimmung, Erklärungsversuch und existenzielle Auseinandersetzung zugleich. Ein Buch über einen Mann, über ihn, der sich an der Gegenwart reibt, der schreibend versucht, Ordnung in eine Innenwelt zu bringen, die durch das äussere Chaos bedroht ist. Ein Buch über einen heissen Sommer, in dem sich alles zu mischen droht, das Unverständnis darüber, dass die Wahl eines neuen Präsidenten in den USA doch mehr als deutlich ausfallen könnte, dass die AfD im eigenen Land es schafft, all jenen in Deutschland eine Stimme zu geben, die sich unverstanden und betrogen fühlen, einem Sommer der Auseinandersetzung mit Menschen, die ihm nahestehen und solchen, die sich an seine Seite drängen. Mit Bildern aus Reportagen, die ihn nicht loslassen, die alles Erlebte, alles, was an ihn getragen wird, in ein fast unerträgliches Ungleichgewicht setzen. Den Sommer mit all dem Schrecken im Gaza, in der Ukraine, im Sudan, all den Weltenbränden, die sich wie ein Flächenbrand auszubreiten drohen.

Navid Kermani «Sommer 24», Hanser, 2024, 160 Seiten, DHF ca. 33.90, ISBN 978-3-446-28576-7

„Sommer 24“ ist ein ungemein ehrliches Buch. Ein Buch, das von dem erzählt, was dem Schriftsteller und Reporter an die Nieren geht und mir bei der Lektüre ebenso. Von einem todkranken Freund, den er nur wenige Stunden vor seinem inszenierten Tod besucht, der in den Monaten seiner Krankheit und dem drohenden Sterben immer mehr in rechtes Gedankengut abdriftet. Seine Lebensgefährtin trennt sich von ihm, an seiner Liebe zweifle sie nicht, aber an seiner Beziehungskompetenz. Eine Frau, deren Erzählung ihrer Vergewaltigung er in einen literarischen Text verarbeitete und dabei tunlichst alles entfremdete, um jene Frau zu schützen, die ihm aber nun doch ziemlich unverblümt vorwirft, sie durch den Text ein weiteres Mal vergewaltigt zu haben. Die Hochzeit eines Schulfreundes auf einer griechischen Insel, auf der einen Seite der überbordende Luxus, eine Ehe zwischen den Kulturen, auf der anderen Seite die Dekadenz des Moments. Die Nachwehen eines Attentats, jenes von jenem Mann im Sattelschlepper an einem Berliner Weihnachtsmarkt. Seine Auseinandersetzung mit dem literarischen Übervater Thomas Mann und seiner Familie und der eigenen Biographie, nicht zuletzt mit der Begegnung als Zwölfjähriger mit seiner Familie damals in Teheran mit Ajatollah Chomeini, der damals die Hoffnungen einer ganzen Nation befeuerte. Oder seine Faszination für Petra Kelly, die in den 80ern zu einer Identifikations- und Leitfigur einer Grünen-Bewegung wurde und sich nicht nur gegen Kravattenträger, Aufrüstung und Menschenrechtsverletzungen aller Art einsetzte, sondern zu einer Gallionsfigur des feministischen Kampfes wurde. Eine Frau, die im Selbstzweifel erkrankte und ausgerechnet durch eine Pistolenkugel ihres Ehemannes starb.

„Sommer 24“, manchmal analytisch, immer leidenschaftlich und engagiert, manchmal verzweifelt, ist der ehrliche Versuch eines Mannes, der nichts und niemanden auf die leichte Schulter nimmt und gleichzeitig viel Denkleistung braucht, um an all dem Nebeneinander nicht zu zerbrechen. Ein faszinierender Versuch, Ordnung in die Gleichzeitigkeit der Dinge zu bringen. Ein Zeugnis dafür, wie sehr ein denkender und empathischer Mensch an der Gegenwart leiden muss.

17. Wortlaut Literaturfestival St. Gallen

Navid Kermani, geboren 1967 in Siegen, lebt als freier Schriftsteller in Köln. Er ist habilitierter Orientalist und Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie des 1. FC Köln. Als Reporter berichtet er immer wieder aus Kriegs- und Krisengebieten. Für seine Romane, Essays, Reportagen und Monographien erhielt Navid Kermani unter anderem den Kleist-Preis, den Hölderlin-Preis, den Joseph Breitbach-Preis, den Ehrenpreis des Österreichischen Buchhandels, den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und 2024 den Thomas-Mann-Preis. Seine Sachbücher erscheinen bei C. H. Beck, sein literarisches Werk im Carl Hanser Verlag. Die Bücher sind in zahlreiche Sprachen übersetzt.

Beitragsbild © Peter Andreas Hassiepen

Abbas Khider «Der letzte Sommer der Tauben», Hanser

Noah ist zwölf und lebt ganz für seine Tauben auf dem Dach seiner Familie. Mutter und Vater haben sich recht und schlecht in ihrem Leben eingerichtet und das eine oder andere Mal bringt ihm das Glück eine neue Taube. Bis Männer in Autos das Kalifat ausrufen und mit einem Mal alles anders sein muss.

Nur zu gut erinnern wir uns an Bilder von Pickups, bärtigen Männern, Gewehre gegen den Himmel gereckt und schwarze Fahnen im Fahrtwind, als vor gut 10 Jahren im Irak und in Syrien die Terrororganisation ISIS den islamischen Staat ausrief. Zu glauben, dass all jene, die damals mordeten und brandschatzten, heute zur Besinnung gekommen wären, ist naiv. Ebenso die Hoffnung, dass sich die Bevölkerung in Staaten wie Afganistan irgendwann ganz bestimmt aus ihrer Knechtschaft selbst befreien werden. Was ist dann an Kraft noch geblieben? Oder man sieht Bilder von Kundgebungen in Deutschland, Städten wie Hamburg, wo junge, bärtige Männer, muskelbepackt und mit unverholener Selbstsicherheit und Radikalität das Kalifat in Deutschland fordern, das Kalifat als Allheilmittel anpreisen. Wenn am Rande solcher Veranstaltungen ein artiges Häufchen eingeschüchteter Frauen unter ihren Niqab applaudiert und man sich angesichts der meist jungen Männer, die lauthals Parolen schreien, fragen muss, was da ungehindert zu gedeihen scheint.

Noch viel schlimmer dabei ist, dass immer mehr Menschen nicht mehr differenzieren können zwischen Islam und Islamismus. Und wenn aus christlicher Sicht dann noch die Versuchung geschürt wird, den Islam mit Gewaltbereitschaft gleichzusetzen und vergessen wird, was in den letzten zwei Jahrtausenden im Namen der Christen angerichtet wurde, scheint jedes Mass, jede Relation im Gezeter des Hasses unterzugehen.

Abbas Khider «Der letze Sommer der Tauben», Hanser, 216 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-446-28222-3

Noahs Glück ist brüchig. Schon sein älterer Bruder ist irgendwann aus der Familie verschwunden, zusammen mit ihm alle Bilder von ihm, sein Name, alles. Nur manchmal sieht er seine nie mehr frohe Mutter unter Tränen jenem einen, letzten Foto seines Bruders nachtrauern. Seine Schwester ist schwanger. Aber auch ihr Glück ist bedroht. Ihr Mann, der bei der Polizei arbeitete, ist jetzt, wo die Mudschaheddin die Macht mit ihren Gewehren zeigen, eingesperrt und von deren Willkür bedroht.

Es ist Sommer in der Stadt. Noahs Vater ist von den neuen Machthabern gezwungen, sein Kleidergeschäft den neuen Vorschriften anzupassen. Alles, was zu sehr nach Weiblichkeit aussieht, muss verschwinden, verbrannt werden. Jeder abgebildete Frauenkörper muss mit einem Stift geschwärzt werden. Sein Onkel Ali, der unter dem gleichen Dach ein Café führt, muss den Laden dichtmachen. Alles, was ihm bleibt, ist seine Taubenzucht, das, was ihn mit Noah verbindet. Tauben sind für Noah und seinen Onkel all das, was ihnen nach und nach genommen wird, nicht nur die Freiheit, die Fähigkeit zu fliegen, auch ihr soziales Gefüge, der Zusammenhalt, den Willen, sich nach den Schwächsten in der Gruppe zu richten. 

Zusammen mit seinen Freunden Shirzad und Mohamed waren sie einst eine Clique, nannten sich die Al-Pacino-Bande. Aber nachdem Shirzad als Jeside zusammen mit seiner Familie verschwindet und Mohamed nach einem „Ferienlager“, an dem der Gebrauch der Waffe gelernt wurde, nicht mehr der gleiche ist wie zuvor, spürt Noah, dass sich die Schlinge immer weiter zuzieht. Bis auch die Tauben vom Himmel verschwinden sollen.

Abbas Kidher zeigt im kleinen Kosmos eines Zwölfjähigen, dass es kaum ein Entrinnen gibt, wie die Kombination aus Staat, Recht und Religion keine Freiheiten erlaubt, wie ein hassgesteuertes, hirarichisches System von enthemmten Männern alles zunichte macht, was die Rechte des Individuums hochalten will, wie aus Hoffnung Angst wird.

Mag sein, dass der Roman von Abbas Khider aus der Sicht des Zwölfjährigen erzählt manchmal fast zu sehr zur Parabel, die Gegenüberstellung von Gesellschaft und Taubenschlag arg strapaziert wird. Trotzdem erzählt der Roman ein Stück beklemmender Wirklichkeit und Realität.

Abbas Khider wurde 1973 in Bagdad geboren. Mit 19 Jahren wurde er wegen seiner politischen Aktivitäten verhaftet. Nach der Entlassung floh er 1996 aus dem Irak und hielt sich in verschiedenen Ländern auf. Seit 2000 lebt er in Deutschland und studierte Literatur und Philosophie in München und Potsdam. Er erhielt verschiedene Auszeichnungen, zuletzt wurde er mit dem Nelly-Sachs-Preis, dem Hilde-Domin-Preis, dem Adelbert-von-Chamisso-Preis und dem Berliner Literaturpreis geehrt. Abbas Khider lebt zurzeit in Berlin. 

Abbas Khider «Der Erinnerungsfälscher»

Beitragsbild © Peter-Andreas Hassiepen

Noch einmal zurück in die Zeiten des Aufbruchs? Zu Pascal Merciers «Der Fluss der Zeit» (28)

In den drei vergangenen Stunden, in denen er uns durch das Haus geführt hatte, konnte man an Prager noch eine Art Spannung spüren, eine kleine Zukunft. Jetzt, als er mitten in seinem aufgeräumten, leblos wirkenden Atelier stand, war alles an ihm erloschen.

Lieber Gallus

Gestern ist mir dieses schmale posthum erschienene Werk begegnet, eine wahre Trouvaille! Vor meiner Abreise nach Riga muss ich dir daher noch schreiben. Ich habe das Buch begeistert gelesen; fünf berührende Geschichten mit Tiefgang in einer wunderbaren Sprache.

Wie gehe ich mit Dankbarkeit um? Was geht in mir vor, wenn das Haus, worin ich lebte, an Nachfolger übergeht? Wie gehe ich mit der Angst an den Tagen um, wo ich auf einen möglicherweise bösartigen Befund warten muss? Ein Mann besucht nochmals sein Studentenzimmer und erlebt, was sich dort, aber auch in ihm verändert hat.

Pascal Mercier «Der Fluss der Zeit», Hanser, 2026, 112 Seiten, CHF ca. 33.90, ISBN 978-3-446-28577-4

Ich würde gerne für eine Weile in meinem damaligen Zimmer sitzen, sagte ich. «Einfach so?», fragte Christa. Ich nickte und schloss die Tür. Ich machte das elektrische Heizgerät an und legte mich hin. Als ich die Wärme zu spüren begann, merkte ich, dass etwas mit mir geschah: Ich wollte nicht mehr weg.

Pascal Mercier stellt grosse Fragen an unsere Existenz auf literarisch überzeugende Weise. Ein würdiges Vermächtnis. Dieses Buch gefällt dir sicher auch.

Herzlich
Bär

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Lieber Bär

Ich reagiere sehr skeptisch, wenn Bücher aus dem Nachlass verstorbener AutorInnen veröffentlicht werden, vielleicht sogar mit einer gewissen Abwehr. Das war auch der Grund, weshalb ich das schmale Buch bis jetzt nicht zur Hand genommen habe. Weil ich aus einem Reflex heraus vermute, dass es sehr wohl im Interesse des Verlages sein muss, wenn man aus den einstigen Früchten den letzten Saft herauspressen will. Weil ich glaube, dass es Gründe zu Lebzeiten des Autors gegeben haben muss, dass die Erzählungen in Schubladen oder Dateien blieben.

Aber dein kurzer Brief vor deiner Abreise, ermuntert mich nun doch, die Erzählungen zu lesen. Nicht zuletzt darum, weil die Kritiken zum Buch durchzogen sind. Aber wie wir beide wissen; das Urteil jener, die sich im Literaturbetrieb das Recht geben, die Spreu vom Weizen zu trennen, entspricht nicht immer dem, was Leserinnen und Leser empfinden, die sich nicht nach dem Geschmack medienwirksamer LiteraturkritikerInnen richten.

Gute Reise nach Riga! Ich geniesse die Lyriktage in Basel!

Gallus

Pascal Mercier, mit bürgerlichem Namen Peter Bieri, wurde 1944 in Bern geboren. Er war an der Universität Heidelberg (1983–1990) und in Marburg (1990–1993) Professor für Philosophie. Von 1993 bis 2007 lehrte Peter Bieri an der FU Berlin Sprachphilosophie und Analytische Philosophie, dann verliess er den Lehrbetrieb. Sein Roman «Nachtzug nach Lissabon» (2004) wurde ein Weltbestseller. 2006 wurde Pascal Mercier mit dem Marie-Luise Kaschnitz-Preis ausgezeichnet, 2007 in Italien mit dem Premio Grinzane Cavour für den besten ausländischen Roman geehrt. Er lebte in Berlin. Pascal Mercier starb am 27. Juni 2023.

Beitragsbild © Paula Winkler OSTKREUZ

«Das beste Buch gibt es nicht.» Dorothee Elmiger ist Trägerin des Schweizer Buchpreises 2025 #SchweizerBuchpreis 25/09

Wenig überraschend, aber dafür überzeugend, steht Dorothee Elmiger im Blitzlicht auf der Bühne zum Schweizer Buchpreis. Für einmal werden sich alle Kommentare einig sein. Der Preis ist verdient!

Sie habe sich sehr lange geweigert, zu erzählen.
Das sind erstaunliche Worte einer Schriftstellerin.

Vielleicht denken Sie, ich rede jetzt von jener Schriftstellerin, die in dem Roman Die Holländerinnen in einer Poetikvorlesung von ihrem Scheitern im Erzählen spricht.

Ja, auch diese fiktive Schriftstellerin misstraut der Sprache. Aber genauso tut es Dorothee Elmiger. Sie ist es, die das Erzählen nach eigenen Aussagen verweigert habe. Aber Dorothee Elmiger wäre kaum Schriftstellerin, wenn sich das Erzählen nicht doch aufgedrängt hätte.

In Die Holländerinnen schickt sie eine zusammengewürfelte Theatergruppe, angeführt von einem exzentrischen Theatermacher, in den mittelamerikanischen Urwald. Die Truppe folgt den Spuren zweier verschollener Studentinnen. Doch hier wird kein Kriminalfall gelöst. Stattdessen erlebt die Reisegruppe, wie im Dickicht des Dschungels jeder rote Faden ausfranst und abreist und wie das vertraute Erzählen unmöglich wird.

Nicht erzählen können – ein Horror-Szenario, nicht nur in der Literatur. «Der Horror liege naturgemäss ausserhalb der Sprache», heisst es im Roman. Es grenzt also an Verzweiflung, dass sich die Theatergruppe grauenerregende Geschichten erzählt, um den Schrecken zu bannen. Es sind Geschichten ohne Pointen und ohne Erkenntnis von verendenden Ziegen, einem brutal gebändigten Pferd oder verschwundenen Menschen. Dorothee Elmiger umkreist die Gewalt, zu der unsere Gesellschaft fähig ist und sie beschwört das Unheimliche, das sich jeder Darstellung entzieht.

Zurück bleibt das beklemmende Gefühl, dass die Bedrohung lauert. Es ist ein Gefühl, das für unsere Gegenwart steht. Somit gelingt Dorothee Elmiger das Meisterstück, mit Sprache, die Wirklichkeit spürbar zu machen, indem sie «nicht» aufzeigt und «nicht» erzählt.

Das muss man sich als Schriftstellerin erst einmal trauen.

Auch mutig in der Gegenwartsliteratur: der Konjunktiv I. In der indirekten Rede schildert eine Erzählinstanz, wie die Schriftstellerin darüber spricht, was jemand gesagt habe, was anderen widerfahren sei. Was in der Theorie verschachtelt klingt, erzeugt beim Lesen einen Rausch.
Und: der Konjunktiv öffnet Assoziations-Räume – ganz ähnlich den Nachtaufnahmen zweier verschollener Frauen: Wie haben sich die Dinge tatsächlich zugetragen? Könnte alles ganz anders gewesen sein? Mit der Möglichkeitsform tastet sich die Autorin an die Grenzen dessen, was Sprache fassen kann.

Zu Hilfe kommen herbeizitierte Wegbegleiter: Adorno und Horkheimer, Benjamin und Bernhard, Herzog und Coppola. Dorothee Elmiger tritt klug und mit einer Spur Ironie in Verbindung mit dem Kanon. Aber ist ihr Roman deshalb nur Lektüre für Fachleute aus Germanistik, Soziologie und Filmwissenschaft?

Nein. Denn ob mit oder ohne Rückgriff auf intellektuelle Traditionen ist dieser Roman vor allem eines: extrem spannend. Die Holländerinnen zu lesen, ist ein sinnliches Erlebnis. Die «Furcht», die «atmosphärische Störung» und das «Gefühl, es sei etwas aus dem Lot geraten» spüren wir Leserinnen und Leser körperlich.

Über Die Holländerinnen wurde in den letzten Monaten viel gesagt und viel geschrieben. Vor allem lobendes. Es hiess aber auch, in diesem Roman stecke wenig Zuversicht. Dem möchte ich widersprechen: Dorothee Elmiger durchbricht das runde, schlüssige Erzählen. Damit schafft sie Grund zur Hoffnung, dass wir der Wirklichkeit näherkommen, wenn wir das Geschichtenerzählen hinterfragen, neudenken und weiterentwickeln.

Liebe Dorothee Elmiger, ich gratuliere Ihnen im Namen der ganzen Jury herzlich zum Schweizer Buchpreis.
Tim Felchlin, November 2025

Illustrationen Lea Le / literaturblatt.ch

Wer gewinnt den Schweiter Buchpreis 2025? #SchweizerBuchpreis 25/08

Vielleicht verfolgen sie die Verleihung der Buchpreise in unseren Nachbarländern. Mein Fazit: Die GewinnerInnen feiern ihr Buch und den Preis als einen Lohn, als Bestätigung, als Schubkraft zum Weiterschreiben. Die NichtgewinnerInnen buchen ihren «Trostpreis»allzuoft ab als Zeichen reinen Kommerzes.

In einem kurzen Interview mit Marlene Streeruwitz im Zusammenhang mit der diesjährigen Verleihung des Österreichischen Buchpreises, bei dem sie mit ihrem Roman «Auflösungen» eben nicht mit dem Österreichischen Buchpreis beehrt wurde, meinte die Schriftstellerin (sinngemäss) schmallippig: Das ist kein Literaturpreis, sondern ein Kommerzpreis, ein Verkaufspreis. Gewonnen hat der 1968 in Bulgarien geborene und 1990 nach Österreich geflohene Dimitré Diner mit seinem über 1000 Seiten schweren Opus Magnum «Zeit der Mutigen».

Die immer gleiche ungute Situation nach der Verleihung des Buchpreises: Fünf Autorinnen und Autoren sitzen in der ersten Reihe und nach Bekanntgabe der Preisträgerin, des Preisträgers blitzen die Kameras nur noch in ein einziges Gesicht. Den «Verschmähten» wird mit Bedauern auf die Schulter geklopft. Man steht noch eine Weile verloren neben den vielen Stuhlreihen, während auf oder neben der Bühne das grosse Feiern schon begonnen hat, Mikrofone erste Reaktionen auffangen und sich eine Traube um die Glücklichen bildet.

Stimmt, getragen wird der Preis auch vom SBVV, dem Schweizer Buchhandels- und Verlags-Verband, einem Dienstleister der Buchbranche, einer Institution, die in erster Linie an optimalen Verkaufszahlen interessiert ist. Aber diesen Preis auf reinen Kommerz zu reduzieren, ist nicht richtig, denn die Jury ist unabhängig, besetzt ausschliesslich von KennerInnen der hiesigen Literatur, von Fachleuten, die an Literatur interessiert sind, auch wenn ihre Entscheide, wie alle Juryentscheide, niemals von allen nachvollziehbar sind.

Klickt man sich auf der Webseite des Schweizer Fernsehens auf die letzten Umfragen zum Schweizer Buchpreis, findet man eine Resultate, die überraschen:

vom 13. November 2025

Ich bin überzeugt, das Dorothee Elmiger den Schweizer Buchpreis entgegennehmen wird. Ihr Buch hat alles; Tiefe, Gewicht, Geheimnis, eine ganz eigene Sprache und Stoff genug, um stundenlang darüber nachzudenken oder zu diskutieren. Nicht dass der Roman von Jonas Lüscher das alles nicht auch hätte. Aber sein Roman ist verschlüsselter. Er wolle nicht unterhalten, erklärte Jonas Lüscher. Auch der Roman von Meral Kureyshi. Aber ihr Roman bleibt kleinräumiger, zarter.

Eine grosse Überraschung bei dieser Umfrage ist der Roman von Melara Mvogdobo «Die Grossmütter». Und doch ist die Umfrage keine Überraschung. Das Voting ist eine Manifestation der Sympathie. Zu gleichen Teilen der Autorin, wie ihrem Buch gegenüber. Melara Mvogdobo gibt zwei Frauen eine Stimme, die nur durch viel Kraft nicht stumm bleiben oder stumm gemacht wurden. «Die Grossmütter» ist eindeutig, unmissverständlich, direkt und messerscharf.

mehr zum Schweizer Buchpreis

Illustrationen © Lea Le / literaturblatt.ch

 

Dorothee Elmiger «Die Holländerinnen», Hanser #SchweizerBuchpreis 25/07

Es gibt sie, die Autor*innen, die sich trauen, die nicht den üblichen Erzählkonventionen entlangschreiben, die nicht in erster Linie unterhalten wollen, sondern Leser*innen und Lesegewohnheiten aufbrechen. Neben Jonas Lüscher und Christian Kracht glänzt Dorothee Elmiger mit ihrer Expedition in menschliche Tiefen.

Es gibt Schreibende, die mich nicht wegen ihrer Geschichten faszinieren, sondern wegen ihrer Bilder, ihrer Sprache, ihrer Wucht, ihrem Sperren gegen das Konventionelle. Bei Dorothee Elmiger fasziniert alles; die Geschichte, die sich immer wieder spiegelt, die nicht nur inhaltlich an Filme von Werner Herzog erinnert, sondern auch in der Intensität ihrer Bilder. Dann die Sprache, das Mäandern in Satzkaskaden, von denen ich mir kaum vorstellen kann, wie und in welcher Intensität sie geschrieben werden mussten. Das Buch liest sich phasenweise so, als hätte Dorothee Elmiger die Fähigkeit, in einem unendlich langen Atem Satz an Satz aneinanderzureihen, abzusinken in die Tiefen einer Szenerie, weit hinauf oder tief hinunter. Als hätte sie tief eingeatmet und in einem Guss geschrieben, wofür anderen niemals die Luft reichen würde. Sie spielt mit der Sprache, die Sprache spielt mit ihr. Klar will Dorothee eine Geschichte erzählen. Aber es ist die Geschichte einer Frau, die sich verloren hatte, die Geschichte des Sich-Verlierens. Die Geschichte einer Frau, die in der Kulisse, in den Bildern absinkt, die ihr Leben fast verloren hätte.

Dorothee Elmiger «Die Holländerinnen», Hanser, 2025, 160 Seiten, CHF ca. 33.90, ISBN 978-3-446-28298-8

Die Frau erzählt die Geschichte auf der Bühne, hinter einem Mikrophon, vor Zuhörer*innen, einem ganzen Saal. Sie erzählt von einem Anruf eines Theatermachers, der sie zu einem ganz besonderen Projekt eingeladen hat, ihr den Auftrag gegeben hatte, das Geschehen, das Gesprochene, das Herausgefundene aufzuschreiben, festzuhalten, zu protokollieren. Ein Theaterprojekt mit dem Titel „Die Holländerinnen“. Der Theatermacher, der weitab im Urwald, zwischen den Wendekreisen am Meer, wie damals Werner Herzog mit Klaus Kinski „Fitzgeraldo“ oder „Aguirre der Zorn Gottes“, ein Theaterprojekt realisieren will, lädt eine ganze Truppe von Menschen in die Abgeschiedenheit ein, einen „Fall“ nachzuspielen, jenen der Holländerinnen. Man sammelt sich und macht sich gemeinsam auf, wobei niemand eine wirkliche Ahnung davon zu haben scheint, wo das Abenteuer hingehen soll, auch der Theatermacher selbst nicht. Man will eine Geschichte entstehen lassen. Man werde sich im Laufe der Arbeit verdoppeln, ja vervielfachen, es würden, im besten Falle, andere, verschüttete Teile ihrer selbst zum Vorschein kommen.

Sie selbst, die auf der Bühne steht und erzählt, von ihrem Manuskript liest, hatte die Aufgabe, als Protokollantin eine Mitschrift dieser Tage anzufertigen, eine Mitschrift, die im Grunde alles enthalte, ALLES, in Grossbuchstaben… Eine Aufgabe, die ihr in diesen seltsamen Tagen weit ab aller Zivilisation alles abverlangt, in der jede Begegnung, selbst ein ausrangierter Kühlschrank, den man an einer Halde entsorgte, eine Kaskade von Erinnerungen und Assoziationen auslöst. Geschichten, die andere, die Mitreisenden erzählen, Geschichten, die sie sich selbst erzählt. Auf den Spuren jener Frauen aus der holländischen Stadt Leiden, die damals auf ihrer Reise ohne Ende am selben Ort wie sie vor Ort gewesen waren, einer Reise auf den Spuren einer anderen Reise. Als hätte sich die mittelalterlichen Erzählungen „Canterbury Tales“ von Geoffrey Chaucer in eine undurchsichtige Gegenwart transformiert.

Was in diesem seltsamen, geheimnisvollen, rätselhaften Roman so bestechend ist, ist die Sprache, Dorothee Elmigers Kunst, sich einem Sprachrausch hinzugeben, der sich aller Schreib- und Erzählstrategie verweigert. Dorothee Elmigers Buch wabert an den Grenzen von Sein und Nichtsein, zwischen Leben und Tod. Es riecht nach der Feuchte des Urwaldes, schildert eine Gruppe loser miteinender verbundener Menschen, die dem Theatermacher in fast messianischem Gehorsam folgen. Man lauscht den kryptischen Äusserungen dieses Mannes, staunt darüber, wozu Menschen bereit sind, wenn sie der Überzeugung sind, an etwas Aussergewöhnlichen, Besonderen teilhaben zu können.

Wer plottgesteuert liest, wird von Dorothee Elmigers neustem Husarenstück enttäuscht sein. „Die Holländerinnen“ ist weder Strand- noch Einschlaflektüre. Ihr Buch setzt sich fest, nistet sich ein. Ihr üppiger Sound macht trunken. Wären Elmigers Sprachbilder Gemälde, dann erinnern sie an jene von Anselm Kiefer. Auch wenn Dorothee Elmiger bereits Trägerin des Deutschen Buchpreises 2025 ist, ist «Die Holländerinnen» für mich ein grosser Favorit um den Schweizer Buchpreis 2025! Auch wenn das Buch nicht für ein Publikum geschrieben ist, dass sich bloss wegtragen und unterhalten lassen will. Dieser Roman ist ein Diamant, der in den verschiedensten Farben funkelt!

Dorothee Elmiger, geboren 1985 in der Schweiz, lebt als freie Autorin und Übersetzerin in New York. Ihre Bücher «Einladung an die Waghalsigen» (2010), «Schlafgänger» (2014) und «Aus der Zuckerfabrik» (2020) wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt, für die Bühne adaptiert und vielfach ausgezeichnet.

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Illustrationen © Lea Le / literaturblatt.ch