Julia von Lucadou «Zeiten erhöhter Gefahr», Hanser

Stimmt. Wir leben in Zeiten erhöhter Gefahr, auch wenn diese Wahrnehmung keine für die Gegenwart explizite ist. Vielleicht ist die grösste Gefahr jene, dass sich die Menschheit immer mehr von der realen Welt entfernt. Die Welt, die Umgebung, das Klima wird zum „Feind“. Julia von Lucadou beschreibt eine Welt, die unaufhaltsam ins Rutschen gerät – und tut das meisterhaft.

Im Vorsatz zu ihrem neuen Roman steht ein aufschlussreiches Zitat: Ausserdem sind die Zeiten zwischen Alarmierung und Eintreffen der Katastrophe so kurz, dass es in Zeiten erhöhter Gefahr notwendig sein wird, sich überhaupt dauernd, zur Ruhe und womöglich auch zur Arbeit, im Schutzraum aufzuhalten und diesen nur zu den wichtigsten Verrichtungen zu verlassen. (Aus „Zivilverteidigung“, hrsg. vom Eidg. Justiz- und Polizeidepartement im Auftrag des Bundesrates der Schweiz, 1969) Die Welt verharrte damals im kalten Krieg; Wett- und atomare Aufrüstung waren in vollem Gange. Heute, in Zeiten heisser Kriege, Kriege, die das Zeug haben, jederzeit ins absolut Unkontrollierbare zu mutieren, wo so viel Geld wie nie zuvor in Kriegsmateriel investiert wird, ist es erstaunlich genug, wie gelassen, wenn nicht fatalistisch die meisten Menschen auf die drohende Gefahr reagieren. Als ob man gezwungen wäre, angesichts der vielfältigen Bedrohung diese als gegeben zu akzeptieren.

Julia von Lucadou «Zeiten erhöhter Gefahr», Hanser, 2026, 224 Seiten, ISBN 978-3-446-28299-5

Jot arbeitet in einer sehr erfolgreichen und expandierenden Firma, die sich auf die Planung und den Bau von Schutzräumen spezialisiert hat; Bunker für Superreiche. Selbstredend, dass in seinem Haus im Keller ein topmoderner eingebaut und eingerichtet ist. Überhaupt hat sich Jot auf alle Eventualitäten eingerichtet; sein absolut kontrolliertes Leben ist bis aufs Letzte durchgeplant und optimiert, im Keller lagert mehr als nur der empfohene Notvorrat, alles hat seinen Platz, alles Unvorhersehbare ist eingedämmt. Dazu gehört wohl auch sein Umfeld, seine Familie, oder das, was von seiner Familie übriggeblieben ist. Martha, seine Tochter, spielt kaum mehr eine Rolle, sein Leben ist ganz und gar auf Gegenwart und die Bedrohungen der Zukunft ausgerichtet.

Bis er auf seiner morgentlichen Joggingrunde, die ihn jeden Tag durch den nahen Steinbruch führt, auf die Leiche eines jungen Mannes trifft. An einem Tag, der schon mit merklich eigenartigen Wahrnehmungen begonnen hatte. Auch wenn sich Jot später Vorwürfe macht, jenem Mann, von dem er angenommen hatte, er wäre tot, nicht lebensrettende Soforthilfe geleistet zu haben, meldet er die Begegnung unmittelbar der Polizei. Jot wird zu einem Zeugen, seine Aussagen werden zur Kenntnis genommen. Aber im Gegensatz zur Polizei, die von einem Suizid ausgeht, ist Jot überzeugt, dass hier ein Mord passiert ist, ein Gewaltverbrechen. 

In der Folge rutscht Jot immer mehr ab. Nicht nur, dass er sich nicht ernst genommen fühlt. Jots Verunsicherung nimmt existenzielle Formen an, nicht nur, weil die Polizei ihre Beobachtungen ganz anders interpretiert als er die seinen. Irrt er? Ist seine Wahrnehmung getrübt? Warum? Auch bei der Arbeit schleichen sich in seine perfekt durchstrukturieren Arbeitsabläufe Dissonanzen ein, Verschiebungen, irgendwann Absenzen, Tagträume, Erscheinungen. Mit einem Mal brechen Bilder durch, die er in den Tiefen seiner Erinnerung verschlossen glaubte; Bilder aus seiner Kindheit, eines Vaters, der ihn schon als Kind zum Überlebensspezialisten machen wollte. Bilder seines Vaters mit den Händen um den Hals der Schwester. Bilder aus seiner Zeit im katholischen Internat, Bilder von einer Bluttat in seiner Vergangenheit, einer Untat, die er hätte vergessen sollen. Jot rutscht weg.

Etwas war in seinem Schädel aus der Fassung geraten, war lose geworden. Sein Gedächtnis wie überstimmuliert und ausser Kontrolle. Produzierte fingierte Erinnerungen.

Kein Wunder – ein Toter in einem Steinbruch. Nicht das einzige Bild, die einzige Verbindung in Julia von Lucadous Roman. Da ist noch jene zu Franz Kafkas Roman „Der Prozess“. Jots Gefühl, es sei nur eine Frage der Zeit, bis Wächter in seinem Leben auftauchen und ihn für ein Versäumnis, für versagte Hilfeleistung, für einen Tod zum Prozess abführen. Der Tote in einem Steinbruch, der in seinen Sedimenten Versteinungen eingeschlossen hat, die durch den Bruch freigelegt werden; Zeugnisse endlichen Lebens.

Jot lässt sich nicht helfen. Sein Leben gerät aus den Fugen. Eine Geschichte, die sich auf die ganze Gesellschaft übertragen lässt. Vielleicht hat mich Julia von Lucadous Roman auch deshalb so sehr fasziniert, weil er so viel in mir auslöst. Ein Roman über Wahrnehmung, der selbst mich an meinen Wahrnehmungen zweifeln lässt. Welcher Roman schafft das sonst!?

„Zeiten erhöhter Gefahr“ ist ein erstaunliches Stück Literatur, sehr beeindruckend. Ein Buch, das selbst die eigenen Einschliessungen freilegen kann!

Interview

Jot, eigentlich Johannes, hat sich in seinem Wahn nach Selbstoptimierung reduziert, bis auf seinen Anfangsbuchstaben. Influencer*innen leben uns vor, wie erstrebenswert eine solche Selbstoptimierung ist, haben wir doch nur ein Leben, dass maximal auszuschöpfen ist. Jot ist ein Getriebener, Gepeitschter. Da ist Literatur, das Lesen, doch Statement?
 
Ja, das stimmt, wir leben in einer Zeit, in der wir in den sozialen Medien ein perfekt optimiertes Leben präsentiert bekommen. Die Literatur ist angesichts solcher gefilterter Narrative ein fast widerständiges Medium, weil sie die Welt in ihrer ganzen Vielschichtigkeit abzubilden versucht.
Im perfekten Influencer*innenleben haben schwierige Gefühle, Graubereiche und Krisen kaum Platz. Jot hat eine ähnliche Vorstellung von der Welt, allerdings nicht aus den sozialen Medien, denn er gehört einer Vor-Internet-Generation an. Er ist in der Nachkriegszeit mit einem Männlichkeitsbild aufgewachsen, das ihn gelehrt hat, es sei gefährlich, Schwäche und Verletzlichkeit zu zeigen, Fehler zu machen, sich eine Blösse zu geben. Interessanterweise erfreut sich dieses Männlichkeitsbild aktuell auch bei Influencern der sogenannten Manosphere wieder grosser Beliebtheit.
 
Jot trägt ein Trauma mit sich herum. Eines, dass völlig überraschend ausbricht. Solche Traumata tragen viele mit sich herum, manchmal ein Leben lang, ohne dass es zum Ausbruch kommt. Brauchte es bei der Recherche eine Auseinandersetzung mit Spezialist*innen oder reichte die Intuition?
 
Ich setze mich schon lange mit dem Thema Trauma auseinander. Einerseits weil ich als Tochter einer Traumatherapeutin gross geworden bin, aber auch weil viele Menschen, die mir nahestehen, Traumaerfahrungen gemacht haben und ich selbst ebenfalls. Für das Buch habe ich Interviews geführt mit Männern aus Jots Generation, die ihre Erinnerungs- und Aufarbeitungsgeschichte mit mir geteilt haben. Sie hatten gewisse traumatische Erlebnisse ihr Leben lang verdrängt und erst in höherem Alter begonnen, sich damit auseinanderzusetzen.
 
Vieles in diesem Roman schein von langer Hand geplant, ganz bewusst inszeniert, sei es der Schauplatz eines ehemaligen Steinbruchs oder das Verweben mit Kafkas Roman „Der Prozess“. Oder ergaben sich diese Verbindungen und Metaphern erst während des Schreibprozesses?
 
Mein Schreibprozess ist eigentlich immer eine Mischung aus Intuition und Planung. Die Bezüge zu Kafkas „Prozess“ haben sich erstmal ganz intuitiv ergeben. Vielleicht auch, weil Kafkas Bücher in mir schon als jungem Menschen den Wunsch geweckt haben, selbst Autorin zu werden. Kafka hat mir gezeigt, dass Literatur auf tiefgreifende Weise etwas über das Menschsein ausdrücken kann. Er ist ein Meister der Darstellung dieses diffusen Gefühls, der Welt ausgeliefert zu sein und sie nicht unter Kontrolle zu bekommen. Ein Gefühl, das meinen Protagonisten Jot prägt. Deshalb waren diese Motive für mich von Anfang an da. Und dann habe ich sie natürlich irgendwann sehr bewusst eingesetzt.
 
Jot ist in vielem ein Archätyp. Auch in seiner Sehnsucht nach Sicherheit, in seinem Bestreben, auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. Er will alles im Griff haben. Dabei hat ihn das Leben im Griff, irgendwann im Würgegriff. Dein Leben als Künstlerin ist das genaue Gegenteil. Zumindest vermute ich das. Wieviel Gesellschaftskritik steckt in deinem Roman?
 
Ha ha, ja, das Leben als freie Autorin ist relativ unberechenbar und gibt einem nicht die zuverlässige finanzielle Sicherheit und Planbarkeit, die Jot wichtig sind. Er möchte die Unberechenbarkeiten des Lebens so gut wie möglich reduzieren, indem er auf jede Eventualität vorbereitet ist. Dass uns ungeplante Ereignisse Angst machen, ist ja erstmal einfach menschlich. Wir sind evolutionär so gepolt, nach einem sicheren Ort zu suchen und Gefahren vorherzusehen. Aber bei Jot geht das noch viel weiter, er scheint innere Ängste auf seine Umgebung zu projizieren. Und sein Planen bringt ihm deshalb auch keine Erleichterung, sie füttert eher noch seine Angst. Ich habe den Eindruck, dass die grosse Spaltung in der Gesellschaft, die wir gerade erleben, auch viel mit Projektion von Ängsten zu tun hat, die eher von innen kommen.
 
Dein Roman ist auch ein Familienroman. Zumindest ein Roman über das, was geblieben ist, wenn sich das Universum nur noch um mich, um den Protagonisten dreht. Ist das, was bei Jot von Familie geblieben ist, symptomatisch für unsere Zeit, für das, was vom Mythos „Familie“ übrig geblieben ist?
 

Was Familie angeht, hat mich im Roman vor allem die Frage nach transgenerationalem Trauma interessiert, das zu Isolierung führen kann, zum Bruch von familiären Beziehungen. Jot ist in der Zeit direkt nach dem Zweiten Weltkrieg geboren, die Erwachsenen in seinem Leben durch den Krieg traumatisiert, aber unfähig, darüber zu sprechen. Jot selbst setzt dieses Muster des Schweigens und der Verdrängung fort, weil er nichts anderes gelernt hat, und gibt es an seine Tochter Martha weiter. Gleichzeitig verkörpert Martha aber eine neue Generation, die gewillt und besser ausgerüstet ist, sich mit Traumata auseinanderzusetzen und die richtigen Ressourcen hat, sie aufzuarbeiten. Das hat etwas sehr Hoffnungsvolles für mich.

Julia von Lucadou ist Filmwissenschaftlerin. Sie arbeitete als Regieassistentin, Redakteurin beim Fernsehen und als Simulationspatientin; sie lebt in Köln. Ihr erster Roman «Die Hochhausspringerin» (2018) stand auf der Shortlist für den Schweizer Buchpreis und wurde mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet. 2022 erschien der hochgelobte Roman «Tick Tack«.

Beitragsbild © Guido Schiefer

«Die Literaturrunde» von Tele D vom 2. September 2026

Besprochen wurden «Vertraute Gespenster» von Anna Ruchat (Limmat), «Lachen kann, wer Zähne hat» von Zyta Rudzk (Friedenauer Presse) und «Zeiten erhöhter Gefahr» von Julia von Lucadou (Hanser).

Miteinander gesprochen haben Ariane Novel (Co-Leiterin Wortlaut Literaturfestival St. Gallen), Jeanette Bergner (Moderation) und Gallus Frei (literaturblatt.ch).

Link zu Sendung hier

44. Solothurner Literaturtage: Ein überzeugendes Comeback!

Nach pandemiebedingtem Unterbruch strahlen die 44. Solothurner Literaturtage über alle Erwartungen hinaus. Ein dreitägiges Fest der Literatur, der kulturellen Vielfalt und der Freundschaften. Und fast 20000 BesucherInnen!

Mag sein, es hatten alle Hunger und Durst. Es war, als würde über allem das Wort „Endlich“ stehen. Durchaus im doppelten Sinn. Zum einen war da die Freude, dass es dieses Festival in der einem so lieb gewordenen Form überhaupt wieder gegeben hat. Zum andern war man sich bewusst, dass es der äusseren Einflüsse genug gäbe, die einem solchen Festival an die Gurgel springen können.
Es war ein Fest – ein Fest des Wiedersehens, ein Fest der Begegnungen, ein Fest der Freude, ein Fest der Hoffnung, ein Fest des Buches, ein Fest der Kunst – ein Fest der Freundschaft. Und niemand hatte Lust, sich dieses Fest verderben zu lassen, schon gar nicht, wenn das Wetter zum verlässlichen Freund wird. Ich erinnere mich an Austragungen der Solothurner Literaturtage, an denen heftigst darüber diskutiert wurde, wen man versäumt habe, einzuladen, wer vergessen ging, wie gross der angerichtete Schaden sei. Diese Diskussionen fanden kaum statt, auch wenn man hätte diskutieren können.

«Ein eindrücklicher Beweis, wie klar und doch vielschichtig Lyrik sein kann, wie sehr einem Sprachkunst in Ekstase versetzen kann, wie leidenschaftlich Lyrik beim Schreiben und Lesen Lebenslust erzeugen kann!» Rolf Hermann «In der Nahaufnahme verwildern wir»

Es gab wie immer von allem einiges, von Spoken Word, zum Beispiel die junge Sarah Elena Müller, der das Publikum artig applaudierte, obwohl sie all den Gutbetuchten einen grellen Spiegel vorhielt, Lyrik wie der von Simone Lappert, die bewies, das Dichtung einen Körper zum Instrument werden lassen kann und dieses Instrument ein Stadttheater zum Wabern bringt, grosse Namen der Belletristik wie jener von Nino Haratischwili, die mit ihrer Art des Erzählens nicht nur in ihren Büchern bannt, bis hin zu Kinder- und Jugendbuchliteratur, die es meisterhaft versteht, Geschichten sinnlich werden zu lassen. Kleine Verlage und grosse, grosse Namen und unbekannte. Als Ganzes war das Programm durchaus gelungen, auch wenn der ganz grosse Gast aus Übersee, Joshua Cohen, eben preisgekrönt durch den Pulitzer-Preis, seine Teilnahme absagen musste.

«Nino Haratischwili zieht mich mit in unsägliche Tiefen, überzeugt mich mit einem satten Sound, einer Vielstimmigkeit, die mich bei der Lektüre manchmal schwindlig macht.» Nino Haratischwili «Das mangelnde Licht»

Auffällig war, wie sichtbar das Aufbrechen von Grenzen war. Musik beispielsweise wird immer offensichtlicher nicht einfach zu einer Begleitung, einer Auflockerung. Vielen AutorInnen gelingt es eindrücklich, mit Musik Sinne zu öffnen, Bilder und Eindrücke zu verstärken, manchmal alleine durch die eigene Stimme, die Rhythmus und Tonalität in ganz andere Sphären hieven kann. So sah man Michael Fehr auf der Bühne des Stadttheaters sitzen und singen, ohne Begleitung, nur mit sich und seiner Stimme! Da wird jemand zu Musik! Oder in Formation, unterlegt durch einen eigentlichen Soundtrack.

Lange forderte man das Ende der klassischen „Wasserglaslesung“, schien es nicht mehr zu genügen, dass Schreibende aus ihren Werken lesen und Fragen dazu beantworten. Glücklicherweise gibt es diese noch immer, auch jene kauzigen Urgesteine der Literatur, bei denen man nie so richtig weiss, ob sie Zuhörende an der Nase herumführen oder die Performance der einzige Weg durch das Buch ist.

«Frank Heer vermischt Genre ebenso lustvoll wie Handlungsstränge. Und alles ist unterlegt vom satten Sound einer Generation, die noch glaubt, dass mit der Kraft der Musik etwas zu erreichen ist.» Frank Heer «Alice»


Auch bei den Formaten ist man selbst nach der 44. Austragungen noch immer auf der Suche nach Verbesserungen. So platzierte man die „Gratislesungen“ auf der Aussenbühne vor die breite Treppe der St. Ursenkathedrale. Was für ein Anblick, wenn bei der Lesung von Julia Weber aus ihrem Roman «Die Vermengung» auf der Treppe vor der beeindruckenden weissen Kalksteinfassade regelrechte Arenastimmung aufkommt und der Eindruck, Literatur breite sich über eine ganze Stadt aus!

«Rebecca Gislers erstaunliches Debüt verblüfft nicht durch seine Geschichte, sondern durch die Sprache, die hohe Kunst schmeichelnder Sätze, die Frische verspielter Satzkaskaden. Wer sich als literarischer Gourmet versteht, lese diesen Roman!» Rebecca Gisler «Vom Onkel»


So viele Menschen wie schon lange nicht mehr besuchten dieses Festival der geschriebenen Bilder. Der Organisation der Solothurner Literaturtage gelang das, was eigentlich nur schwer zu schaffen ist; eine repräsentative Nabelschau der CH-Literatur, angereichert mit grossen Namen aus dem Ausland. Aber es waren nicht Landesgrenzen, die man demonstrativ überschritt, sondern jene der Künste. Etwas, was angesichts der Grenzenlosigkeit in der aktuellen Geschichte Signal sein könnte.

«Ein Roman, der mir das Blut in den Kopf treibt, der mich schwindlig macht, der mich hin- und herschlägt zwischen Entsetzen, Verunsicherung und dem Schmerz darüber, in der Gegenwart der Hölle ein schönes Stück näher gekommen zu sein.» Julia von Lucadou «Tick Tack»

Wer nicht an den Solothurner Literaturtagen war – lesen Sie! Kaufen Sie Bücher! Lesen ist vielfach sinnlich. Und wenn auch kein Buch die Welt zu retten vermag; Literatur schenkt unendliche Weiten! Besuchen Sie die vielen Festivals, die übers Jahr stattfinden. An solchen Festivals, an Lesungen und Darbietungen rund um die Literatur entsteigt den Büchern der Dschinn, der fast jeden Wunsch in Erfüllung bringen kann.

«Ob nun ein simpler Eingriff im Kopf direkt, mit Medikamenten, eine politische oder gar militärische Operation. Meret begehrt auf, in ihrem Innern, gegen Aussen. „Ein simpler Eingriff“ ist die Emanzipationsgeschichte einer jungen Frau in den Machtstrukturen der Gesellschaft, der Tradition, der Geschichte.» Yael Inokai «Ein simpler Eingriff»


An einer Lesung von Urs Mannhart aus seinem hellsichtigen Roman „Gschwind oder Das mutmasslich zweckfreie Zirpen der Grillen“, sass eine Frau neben mir, die während der Lesung zeichnete. Die hier wiedergegebenen Zeichnungen sind ein Geschenk der Zeichnerin Charlotte Walder, entspringen einer spontanen Begegnung und symbolisieren wunderbar, was ein solches Festival leisten kann: Viel mehr als Berührungen!

«Urs Mannharts neuer Roman „Gschwind oder Das mutmasslich zweckfreie Zirpen der Grillen“ schlägt mir arg in die Kniekehlen. Ein Roman über die mutmassliche Unvernunft des Menschen.» Urs Mannhart „Gschwind oder Das mutmasslich zweckfreie Zirpen der Grillen“

Reservieren Sie sich den 19. bis 21. Mai 2023!

(Eingefügt in den Text sind all jene Rezensionen auf literaturblatt.ch, die mit den AutorInnen an den 44. Literaturtagen in Solothurn korrespondieren.)

Julia von Lucadou mit «Tick Tack» am Wortlaut Literaturfestival St. Gallen

„Tick Tack“ ist ein Roman, der mir das Blut in den Kopf treibt, der mich schwindlig macht, der mich hin- und herschlägt zwischen Entsetzen, Verunsicherung und dem Schmerz darüber, in der Gegenwart der Hölle ein schönes Stück näher gekommen zu sein.

Almette ist 15, hochbegabt, mit dem Gefühl, jener Welt, in die sie hineingeboren wurde, alles andere als zugehörig zu sein. Nach einer Aktion, die als Suizidversuch gewertet werden musste, sitzt sie einer Psychologin gegenüber, nach ihrer Mutter die einzige Möglichkeit, die „Sache“ an den Nagel hängen zu können. Mette selbst hatte die Aktion in den sozialen Medien inszeniert, weil der Konsum solcher Videos jenes Prickeln verursacht, das einem Leben beweist. Almette fühlt sich nicht nur der Psychologin überlegen. Alles was sie sieht, was passiert, ist die permanente Bestätigung dessen, dass die Welt ihrer nicht gewachsen ist. Eigentlich will Mette nichts mehr, als sich aus dem ganzen Theater ausklinken. Einzige Vertraute ist Yağmur, ihre Freundin mit türkischen Wurzeln, Tochter eines Ärzteehepaars, das kaum je Zeit zuhause verbringt. Auch eine intellektuelle Überfliegerin, wenn auch nicht derart zur Kompromisslosigkeit bereit wie Mette, die mit 15 nichts mehr will, als aus dem Dunstkreis ihrer Bemutterung und dem aufgesetzten Feminismus ihres Vaters entfliehen.

Almette ist das beklagenswerte Opfer einer entstellten Gegenwart, die ihr Sein nur noch auf Bildschirmen und Displays gespiegelt sieht, die in „Existenzängste“ gerät, wenn sie die „Natur zu radikal an sich heranlässt“. Almette und Yağmur wollten die Macht jenen entreissen, die das „Schicksal der Menschheit in den Händen von geriatrischen, testosterongesteuerten, geldgierigen CEOs lassen“. Almette führt gar ein Fake-Tagebuch, um darin eine alternative Storyline ihres Lebens zu ziehen, für den hundertprozentigen Fall, dass ihre Eltern dieses lesen und glauben, was sie lesen. Alles, was Almette tut, schreit nach Bestätigung im Netz, nach FollowerInnen. Die Resonanz im Netz spiegelt ihre Existenz. Almette ist die Verkörperung dessen, was passiert, wenn individualisierter Hochmut und selbst befeuerte Arroganz die einzigen Waffen werden, um gegen den Strom anzukämpfen, den letzten Rest Selbstwahrnehmung zu retten.

Julia von Lucadou «Tick Tack», Hanser Berlin, 2022, 256 Seiten, CHF 34.90, ISBN 978-3-446-27234-7

Almette lernt Jo kennen, den älteren Bruder von Mia aus ihrer Klasse. Almette bestimmt Mia zu ihrer Musterfreundin, aber wieder nur, um falsche Fährten zu legen. Denn fasziniert ist sie von Jo, eigentlich Joshua, 10 Jahre älter als sie. Er liegt in seinem ehemaligen Kinderzimmer, von seinem „Muttertier“ umsorgt, weigert sich, an dem teilzunehmen, was sich vor seiner Tür abspielt. Jo ist ein Radikaler. Exmatrikuliert, was aus der Sicht seines Muttertiers nur ein grosses Missverständnis sein kann. Einer, der auch mit Unverpacktläden und Lastfahrrädern nicht an ein Überleben der Spezies glaubt. Für Jo ist die Menschheit verloren, einziger Ausweg; der Massensuizid. Einer, der nur mit absoluter Radikalität an einen Systemwandel glaubt und all das, was in den sozialen Medien kocht zu seinen Gunsten nutzen will, nicht zuletzt das Inszeniertalent der Freundin seiner kleinen Schwester.

Jo und Mette freunden sich an. Wobei bis fast zum Schluss des Buches nicht klar ist, ob diese scheinbare Freundschaft Mittel zum Zweck ist oder die sanfte Annäherung zweier sich von der Gravitation verabschiedeter Fremdkörper. Beide sind der Überzeugung, sich der grossen Lüge entziehen zu müssen. Und als Corona all jenen in die Hände spielt, die schon immer ahnten, dass die Allmacht der Verborgenen die unsichtbaren Fäden zieht, wird es der Kampf gegen all die Lemminge, die fremdgesteuert gegen den Abgrund rennen. Jo wird Mettes Priester, Mette Jos Messias, der die Botschaft in die Welt bringen soll. Eine Lunte, die zu brennen beginnt, aber eigentlich nichts anderes will, als den grossen Knall am Ende dieser Lunte. Jo hat seine Lunte gefunden. Mette brennt lichterloh.

In den 70ern und 80ern war die Hippiebewegung der Kampf gegen das Establishment, das Spiessbürgertum, gegen Konvention und Verknöcherung. Jo und Mette wollen, dass kein Stein auf dem andern bleibt. Ihr Kampf ist einer gegen die Welt ihrer ErzeugerInnen.

Julia von Lucadou erzählt in zwei ineinander verwobenen Strängen. Aus der Sicht der 15jährigen Mette, einer Sicht, die den ganzen Kampf der jungen Frau schmerzhaft nachvollziehbar zeichnet. Und die nur schwer durchschaubare Sicht von Jo, der sich wie ein Hikikomori im Zimmer seiner Kindheit suhlt, um von dort den Flächenbrand zu zünden, der das Blatt wenden soll. Julia von Lucadous Roman „Tick Tack“ ist von einer sprachlos machenden Unmittelbarkeit. Als wäre sie mit dem Stoff unmittelbar aus der zähen Suppe der Pandemie entstiegen. Die Autorin spiegelt genau das, was mich viel zu oft zu Sprachlosigkeit verdammt angesichts der Argumentlawine, die mich niederwalzt, wenn ich mich naiv den Priestern und Aufklärern der digitalen Gegenwelt entgegenstemme.

Nach dem ersten Lockdown fragte mich einmal ein Schriftsteller: „Worüber schreiben, wenn sich alles versteckt.“ Warum nicht so wie Julia von Lucadou und die Hand mitten ins Feuer halten!

Am Wortlaut Literaturfestival St. Gallen 2022 © Wortlaut

Julia von Lucadou wurde 1982 in Heidelberg geboren und ist promovierte Filmwissenschaftlerin. Sie arbeitete als Regieassistentin, Redakteurin beim Fernsehen und als Simulationspatientin; sie lebt in Biel, New York und Köln. Ihr erster Roman «Die Hochhausspringerin» (2018) stand auf der Shortlist für den Schweizer Buchpreis und wurde mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet.

Beitragsbild © Guido Schiefer

«Schreiben ist praktizierte Utopie.» BuchBasel 2018

Wir brauchen Bücher, die zum Nachdenken bewegen, vielleicht sogar zwingen. Nicht nur blosse Unterhaltung. Während Antisemitismus, Unterdrückung jeglicher Art, Frauenfeindlichkeit und Pöbeleien salonfähig zu werden scheinen, sollen Bücher herausfordern, Texte wachrütteln, Kopf und Herz bewegen. Literatur ist Eingemachtes, Eingekochtes, Konzentriertes, destilliert, handgemacht, authentisch, wenn auch nicht immer leicht verträglich.

Während drinnen zwischen den Vitrinen bloss ein paar schwarze Kabel am Boden verraten, dass dort, wo sie enden, hinter weissen Stehlen, vor den Schaufensterscheiben, Autoren lesen, stehen vor dem Warenhaus drei Reihen Metallstühle mit Kunstfellen und ein Lautsprecher im Strom der Menschen. Michelle Steinbeck ist die erste, die liest. Und sie passt. Sie ist hipp mit ihren knallroten Lippen und den schmalen Fesseln unter dem minimalistischen Tischchen. Schaufensterlesungen!

«Ich wusste gar nicht, dass Schaufensterpuppen lesen können», meint einer der Vorübergehenden, einer derer, die nicht stehen bleiben, sich aber wenigstens hinreissen lassen. Michelle Steinbeck liest aus ihren neuen Gedichten «Eingesperrte Vögel singen mehr», macht die Lesung hinter Glas zur einstudierten Performance, kein Aquarium, aber ein Literarium, für einmal abgetrennt vom Publikum. Sie liest und sieht dabei nur sich selbst im Spiegel der grossen Scheibe in die Schwärze der einbrechenden Nacht, hört nichts, nur sich selbst, nicht einmal den Zwischenapplaus.
Während man aus dem Warenhaus volle Taschen trägt und drinnen im Erdgeschoss an Handgelenken schnuppert, ziert sie sich nicht, scheut sich nicht, durch ein Fenster ins Unbekannte zu schauen, durch ein Fenster, das den Blick nicht freigibt.

Julia von Lucadou, Bild © Christian Werner

Schaufensterlesungen – durchaus ein Gag, aber niemals das, was Literatur will. Literatur selbst ist Schaufenster. Nicht abgenabelt von dem, was auf der Strasse passiert, in keinem Elfenbeinturm entfremdet, von dem Felicitas Hoppe in ihrer Eröffnungsrede erzählt. Gute Literatur hat keine glatte Oberfläche, sie ist nicht durchsichtig, abgeschnitten vom Wahrhaftigen. Das beweisen all die Namen im Programmheft des Internationalen Literaturfestivals, die Schauplätze, an denen Literatur entstanden ist und von denen Literatur erzählt.

Ein paar hundert Stühle zur Eröffnungsfeier im Festsaal des Basler Volkshauses, ganze Batterien von langstieligen Gläsern, die bereitstehen und Publikum, dass sich auf den Füssen steht. Gespräche, wer das Rennen macht, den Schweizer Buchpreis 2018 erhalten soll. Peter Stamm, den man mit Nichtbeachtung vielleicht vergrämen würde, Heinz Helle, der doch schon einmal auf der Liste stand, Vincenzo Todisco, dessen Text beim Lesen schmerzen kann oder die Erstlinge der wilden Jungen, Gianna Molinari und Julia von Lucadou? Ob die Jury das Richtige tut, das Notwendige oder das Mutige?

So hat zumindest die Festivalleitung Mut, weil sie sich mit Literatur einmischen will. Sie beweist, dass sich Literatur in keinen Elfenbeinturm einsperren lässt, dass sie aber sehr wohl weit über Grenzen hinausschauen kann, räumlich und zeitlich. So überzeugen Formationen wie «Kosovë is everywhere», Sprachklangräume mit Dominic Oppliger & Marco Papiro, Klangwortverflechtungen mit DJ Tom Nagy und der Buchpreisnominierten Julia von Lucadou. Literatur ist ganz da!