Martina Caluoris Romandebüt „Schatten der Pinus“ ist ein 152 Seiten langes Fries der Innen- und Aussenwelten. Ein fast verlassener Campingplatz im Nirgendwo am Meer. Die vier, die geblieben sind, erwarten nichts mehr, leben ganz im Moment oder dämmern in Erinnerungen.
Es war einst ein Platz mit Kinderlärm, rufenden Eltern, Geruchswolken aus Sonnencreme und gegrilltem Fleisch, mit aufgespannten Sonnenschirmen und Fetzen von Musik. Geblieben sind eine Handvoll Gestrandeter, Zurückgebliebener, Ausharrender – und die Pinien, die von jeher ihre krummen Rücken nach dem Wind richten. Sand voller Abfall, Plastikresten. Das Meer ist grau geworden. Von Zeit zu Zeit werden sie mit dem Nötigsten versorgt, die geblieben sind in ihren Campingmobilen, die einst die Freiheit versprachen. Es ist nicht der Blick aufs Meer, nicht einmal auf die leise gewordenen Bewegnungen derer, die geblieben sind. Es ist der Blick nach innen, die Resignation, der Blick in blass werdende Vergangenheiten, die Restsehnsucht.
Vielleicht ist das die Gefahr der Vergangenheit: das sie nicht einfach war, sondern sich mit jedem Erinnern neu zeigt.
Martina Caluori «Schatten der Pinus», lectorbooka, 2026, 152 Seiten, CHF ca. 31.90, ISBN 978-3-907709-27-6
Phine, Jochen, Bo und eine namenlose, alte Frau; sie alle eingeschlossen sind in ihre eigene Geschichte, ihre eigene Welt, hadernd, trauernd, alleine, verlassen, einsam. Das einzige, was sie verbindet, ist der Ort, ein Leben ohne wirkliche Zukunft und das Gefühl des Vergessenseins. Gefangen von sich selbst. Nur manchmal sitzen die einen zusammen, trinken und sinnieren. Nur die alte Frau, die am Strand die langen Nadeln der Pinien sammelt, scheint sich einigermassen frei zu bewegen.
Martina Caluori erzählt keine Geschichte. Selbst die Erinnerungsfetzen, die in den ineinander verflochtenen Texten auftauchen und wieder verschwinden, sind Fragmente, Erinnerungsbilder, Gefühle, Stimmungen. Martina Caluori malt ein langes Bild, eine Stimmung, Szenen von Menschen, die sich nicht aufgegeben haben, aber auch nichts mehr von ihrem Leben erwarten, nicht einmal einen nächsten Tag. Mag sein, dass es die einen als Dystopie lesen, Bilder aus einer Zeit, in der der nächste Tag nur die Verlängerung der Gegenwart ist, in der man sich nicht einmal mehr in ein Zurück sehnt, in der man das Hoffen aufgegeben hat, von Menschen, die angesichts der grauen Gegenwart an den Farben der Vergangenheit zweifeln. Es geht bei Martina Caluoris Schilderungen nicht um die Erinnerungen selbst, nicht um die Bilder, nicht um die Inhalte, sondern was das Erinnern mit den ProtagonistInnen macht, den Akt selbst, das Hineinschauen.
Wenn du verhindern willst, dass sich Vergangenes verändert, müsstest du aufhören, daran zu denken.
Manchmal gibt es Bücher, die einem den gleichförmigen Lesefluss verweigern. Nicht weil die Spannung abbrechen würde, sondern weil einem bei der Lektüre Sätze anspringen, die sich festkrallen, mit denen man ringen muss, die nicht loslassen, die haften bleiben, sich nicht abschütteln lassen. In „Schatten der Pinus“ gibt es diese Sätze zuhauf. Manchmal staune ich einfach nur über die Klarheit eines solchen, die Weisheit oder die Prägnanz. Manchmal werfen sie mich aus dem Lesefluss, weil in meinem Kopf durch die Sätze eine Runde weg vom Text in meine eigene Gedankenwelt gemacht werden muss, weil mich das Nachdenken aufhält, weil ich es nicht zulassen will, so einfach über den einen oder anderen Satz hinwegzulesen.
Ein ungemein wundersames, atmosphärisches Buch.
im Literaturhaus Thurgau Gottlieben
Martina Caluori lebt als Lyrikerin und Autorin in der Schweiz. Nach einem Studium der Publizistik und Filmwissenschaften debütierte sie 2019 mit dem Lyrikband »Frag den Moment«, gefolgt von Mundartlyrik für »Öpadia: A Novella us Graubünda« (2021) und 2022 von ihrem Kurzprosadebüt »Weisswein zum Frühstück«. 2023 erschien ihr Gedichtband mit Audiowerk »Ich weine am liebsten in Klos« (beide lectorbooks). Für ihren Debütroman »Schatten der Pinus« (2026, lectorbooks) wurde sie mit dem Literarischen Werkbeitrag der Stadt Chur sowie mit dem Grossen Werkbeitrag des Kantons Graubünden ausgezeichnet.
In Nefeli Kavouras’ Debütroman «Gelb, auch ein schöner Gedanke» stirbt ein Ehemann und Vater über lange Zeit. Der Prozess des Abschieds verändert ihn und seine Familie.
Der Tod als Verwandlung Gastrezension: Sina Aebischer studiert Literaturwissenschaft in Basel und arbeitet für die Lesereihe Sofalesungen. Sie schreibt journalistisch für regionale Medien und literarisch als Teil des Kollektivs LITER.
Die Beerdigungsgäste sind gegangen und wir wissen nicht, was wir mit den Kuchenresten anfangen sollen. Wir haben immer nur bis hierher geplant, nie weiter. Das Wir, mit dem die Hamburger Autorin Nefeli Kavouras ihren Roman «Gelb, auch ein schöner Gedanke» anfängt, besteht aus Ruth und Lea, Mutter und Tochter, Witwe und Halbwaise. Denn Georg ist gestorben, nach langer Zeit. Über Jahre hinweg hatte sich sein Zustand verschlechtert, bis Ruth ihn zur Palliativpflege nach Hause holte. Der Prolog nimmt das Ende der Geschichte vorweg, bevor Kavouras zurückkehrt in die Zeit des langsamen Sterbens.
Für die gemeinsame Tochter ist die Präsenz des todkranken Vaters nur schwer zu ertragen: Wenn Mama ihn nicht so bescheuert pflegen würde, wäre er längst tot, und ich hätte ein richtiges Leben. Die Fünfzehnjährige wünscht sich ein ganz normales Teenager-Dasein ohne sterbenden Vater. Ruth hingegen steckt ihre ganze Energie in die Pflege Georgs und wünscht sich von Lea mehr Verständnis und Nähe zu ihm. Diese ekelt sich vor dem kranken Vaterkörper: Sein Körper ist unförmig und nur halb lebendig und komisch weich. Sein Körper stinkt und gibt Geräusche von sich, sein Körper gehört nicht mehr richtig zu ihm. Kavouras nähert sich dem sterbenden Körper ohne falsche Scheu, sie beschreibt, wie er sich verändert, wie er aussieht und riecht. Es gelingt ihr, ein Porträt des Sterbens zu zeichnen, indem sie den Prozess des Ablebens anhand der Angehörigen und ihres Empfindens ganz genau beobachtet.
Kavouras lässt Ruth und Lea in kurzen Kapiteln abwechselnd zu Wort kommen. Jedes Kapitel trägt einen Titel, viele davon sind ziemlich humorvoll. Sowieso schleichen sich immer wieder Momente der Leichtigkeit in das eigentlich so schwere Buch. Lea verbringt einen Sommer damit, ihre eigene Liebesgeschichte zu planen, eine Teenager-Romanze, die durch ihre Unbeholfenheit die düstere Stimmung auflockert und erinnert, dass der Tod in Leas Leben zwar allgegenwärtig aber nicht das einzige Thema ist.
Nefeli Kavouras «Gelb, auch ein schöner Gedanke», Kiepenheuer & Witsch, 240 Seiten, CHF ca. 33.90, ISBN 978-3-462-00870-8
Währenddessen versinkt Ruth in der Überforderung der Pflege, die sie längst alle Freundschaften und jeglichen Alltag gekostet hat. Manchmal vergesse ich, dass auch andere Menschen Themen haben, die sie beschäftigen, stellt Ruth fest. Themen, für die sie keine Kapazität hat, zu viel Platz nehmen das Sterben und die Trauer ein. Mutter und Tochter verlieren sich aus den Augen, leben aneinander vorbei, können die jeweils andere Perspektive nicht mehr nachvollziehen. Bis etwas gänzlich Unerwartetes passiert: Georg verwandelt sich in ein Pferd, ein Kunstgriff wie bei Kafka, auf dessen Werk der Text explizit verweist.
Der Moment vor der Verwandlung ist der einzige, in dem Georg selbst zu Wort kommt. Ein paar Sätze wie aus einer Traumsequenz, dann wird der Sterbende wieder von Ruth und Lea abgelöst, deren Rollen sich mit der Verwandlung Georgs ändern. Lea wird zur zuverlässigen Pflegerin, während Ruth nicht mehr weiss wohin mit sich selbst. Dort, wo ein kranker Mann gepflegt werden musste, ist jetzt plötzlich frei nutzbare Zeit und ein Leben, das gefüllt werden will.
Mit Georgs Verwandlung wirft der Roman Fragen nach unserem Umgang mit Krankheit und Tod auf. Ruth und Lea dienen dabei durch ihr gegensätzliches Verhalten exemplarisch und stellenweise ein wenig platt als Beispiel, wie eine Geschichte des Sterbens und der Trauer ablaufen kann. Lea als mürrischer Teenager, Ruth als aufopferungsvolle Ehefrau: Teils wirken sie eher wie Schablonen denn als ausgearbeitete Charaktere. Aber dann gibt es immer wieder Sätze, mit denen Kavouras direkt in die tiefe Menschlichkeit der Trauererfahrung vordringt: Drei, das Leben ist ja doch voller Leben. Zwei, es gibt Dinge, auf die ich mich freuen darf. Eins, ich werde immer einen Vater gehabt haben.
Mit Ruth und Lea zerrt Kavouras die Tabuthemen Trauer und Tod ins Scheinwerferlicht. Denn auch wenn Lea möchte, dass sie einfach mal an etwas anderes denken kann: Dem Sterben entkommen, kann sie nicht. Das Sterben wird im Roman zu einem Protagonisten, der nicht an den Rand oder das Ende eines Lebens gedrängt wird, sondern sich mittenrein setzt und bleibt. Und trotz allem einen leisen Optimismus zulässt.
Dieser Text entstand im Rahmen eines Seminars zur Literaturkritik im Frühjahr 2026 an der Universität Basel unter der Leitung von Daniel Graf (Literaturkritiker beim Republik Magazin).
Nefeli Kavouras, geboren 1996 in Bamberg, studierte Kulturwissenschaften in Lüneburg. Sie arbeitet für den mairisch Verlag, kuratiert das Literaturprogramm der »altonale«, führt mit Anselm Neft den Literaturpodcast »laxbrunch« und moderiert und organisiert regelmässig Lesungen. 2023 wurde sie für ihr Romanmanuskript mit dem Hamburger Literaturpreis ausgezeichnet. 2025 las sie auf Einladung von Laura de Weck daraus einen Auszug bei den 49. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt.
Der Buchstabe ë im Albanischen ist ein Buchstabe, der oft stumm bleibt. Eine Art Platzhalter. Vielleicht ein Platzhalter für all das Unausgesprochene, Verschwiegene. Dass die junge Autorin Jehona Kicaj mit ihrem Debüt „ë“ den Versuch einer Sprachfindung all dessen unternimmt, was ihre Heimat in ein kollektives Trauma trieb, ist mutig und mit dem Roman ein Sprachkunstwerk. Eine Ergründung der Sonderklasse!
Der 2006 im Gefängnis in Den Haag verstorbene ehemalige serbische Präsident Slobodan Milošević wurde als Kriegsverbrecher verurteilt, verantwortlich für tausendfachen Mord an unschuldiger Zivilbevölkerung. Einer der vielen Exponenten unmenschlicher Aktionen während der Balkankriege nach dem Zusammenbruch Jugoslawiens. Wie fatal zu glauben, dass all die Gräueltaten von damals, auf welcher Konfliktseite auch immer, mit Friedensverhandlungen und Waffenruhe zu Ende wären. Was damals tiefe Wunden ins Kollektiv ganzer Bevölkerungsgruppen riss, ist nicht mit einem Datum zu befrieden. Jene Wunden schmerzen noch immer. Die Narben nässen. Sollte der Angriffskrieg Putins in der Ukraine jemals ein Ende finden, der Bürgerkrieg im Sudan, das Blutvergiessen in Syrien und im Iran oder der tödliche Hass zwischen Juden und Palästinensern, wird es Generationen des aktiven Versöhnens brauchen, um wirklich zu befrieden, um den in die Gene eingeschriebenen Schmerz zu lindern, ein friedliches Nebeneinander zu ermöglichen.
Jehova Kicaj «ë», Wallstein, 2025, 176 Seiten, CHF ca. 29.90, ISBN 978-3-8353-5949-9
Jehona Kicajs Roman ist der literarische Versuch, Antworten zu bekommen, genau diesen Schmerz zu lokalisieren. Jenen Schmerz, der dann auftritt, wenn sie, die sie im Kosovo aufwuchs und in Deutschland studierte, feststellen muss, mit wie viel Unverständnis, Ignoranz und Ahnungslosigkeit einem Stück Geschichte begegnet wird, das nur zwei Generationen von der Gegenwart entfernt liegt.
Ich komme von einem Ort, der verwüstet worden ist. Ich wurde in einem Haus geboren, das niederbrannte. Ich hörte Schlaflieder in einer Sprache, die unterdrückt wurde. Ich möchte antworten: Ich komme aus der Sprachlosigkeit.
Die namenlose Erzählerin, die wohl albanisch spricht, aber für vieles die Worte nicht findet, die es bräuchte, um das zu sagen, was ihr nicht nur auf der Zunge, sondern auf dem Herzen liegt, wacht eines Morgens mit einem Zahnsplitter im Mund auf. Beim Zahnarzt wird sehr schnell klar, dass der Splitter das Resultat einer akuten Verkrampfung im Kiefer ist. Sie mahlt nachts mit ihren Zähnen. Die Erzählerin macht sich auf die Suche nach den Ursachen für dieses Mahlen. Bis in den Hörsaal einer Universität, wo eine deutsche Forensikerin über ihre Arbeit in den Kriegsgebieten erzählt, „Die Rolle der forensischen Anthropologie in Gewaltszenarien des 20. Jahrhunderts“, von der Suche nach Beweisen für all die Verbrechen, die ohne solche Arbeit ungesühnt bleiben würden. Bis in Konfratationen mit Menschen, die wie sie das Unausgesprochene wie einen Stein mit sich herumtragen. Kein Wunder löst sich irgendwann ein Splitter aus diesem Stein.
Auch wenn auf dem Debüt der 1990 im Kosovo geborenen Autorin „Roman“ steht, müsste viel eher „Ergründung“ stehen. „ë“ ist eine literarische Reflexion, was Sprachlosigkeit, die Unfähigkeit des Aussprechens, das „Keine-Worte-finden“ auslöst. Als der Kosovokrieg 1998 und 1999 wütete, flüchtete ihre Familie nach Deutschland. Was damals passierte, nicht zuletzt mit ihrer Muttersprache, drohte unter einer dicken Schicht Schutt und Sprachlosigkeit zu versteinern. Was Jehona Kicaj mit ihrem Roman gelingt, ist eine ungemein zärtliche und behutsame Konfrontation mit einem Stück ihrer selbst, einem tiefen Schmerz. Jehona Kicaj tut dies ohne Schuldzuweiung, auch wenn mich einzelne Passagen des Buches ganz unmittelbar mit den Gräueln jener Zeit konfrontieren.
„ë“ ist genau das, was es braucht, damit die Wunden nicht mehr nässen. Ich bewundere die Autorin für ihren Mut, die Kraft, sich all dem zu stellen und die Fähigkeit, daraus ein äusserst beeindruckendes Buch zu machen.
Jehona Kicaj, geb. 1991 in Kosovo und aufgewachsen in Göttingen, studierte Philosophie, Germanistik und Neuere Deutsche Literaturwissenschaft in Hannover. Nach wissenschaftlichen Publikationen erscheinen von ihr seit 2020 auch literarische Texte. Sie ist Mitherausgeberin der Anthologie «Und so blieb man eben für immer. Gastarbeiter:innen und ihre Kinder» (2023). Der Roman «ë» ist ihr Debüt.
Krystina taumelt. Krystina ist 27. Es braucht nicht mehr viel, die Masterarbeit, die eine oder andere Entscheidung, und dann … Aber seit dem Tod ihrer Mutter ist nichts mehr so, wie es einmal war. Mit der Krankheit, dem Sterben und dem Tod bricht alles weg, auch der Boden, auf dem Krystina ihr junges Leben eingerichtet hatte.
Die St.Gallerin Julia Sutter (1987) befasst sich in ihrem Debütroman «Und das wäre erst der Anfang» mit der Orientierungslosigkeit nach dem frühen Tod eines Elternteils. Wenn jenes Gefüge, in dem man sich in Sicherheit wähnte, zu wanken beginnt. Wenn, wie bei Krystina, der Sturm so sehr wütet, dass er alles mitzureissen droht, woran man sich im Leben orientiert.
Krystinas Mutter stirbt an Krebs. Krystina ist die Jüngste. Ihre drei Schwestern verarbeiten Krankheit, Sterben und Tod der Mutter ganz unterschiedlich. Während Lisa genug zu tun hat mit ihrer eigenen Familie, ihrer Mutterschaft, Agnes auf Distanz geht und Zischge in ihren Forschungsprojekten Halt sucht, wankt Krystina – obwohl sie in Job und Beziehung alles hat, was ihr Sicherheit geben könnte: Arbeit bei einem Forschungsprojekt, das sich um den Zustand der heimischen Fichtenwälder bemüht und Maurin, ihren Freund, der in der Drogerie, in der er arbeitet, aufsteigen soll.
Julia Sutter «Und das wäre erst der Angang», Frankfurter Verlagsanstalt, 2026, 384 Seiten, CHF ca. 37.90, ISBN 978-3-627-00346-3
Aber Krystina schlingert. Und nicht einmal ihre Nächsten können sie aus diesem Taumeln befreien. Im Gegenteil: DasVerhalten ihres Vaters, der nach dem Tod der Mutter rasch mit der Entsorgung beginnt und nicht nur den Garten, das Reich ihrer Mutter sträflich vernachlässigt, sondern den Umzug in eine Wohnung plant, macht alles schlimmer. Im Gegenteil: Das Bemühen ihres Freundes, der alles versucht und alles in den falschen Hals manövriert, dessen Nähe Krystina immer weniger erträgt, verschärft die Lage nur noch weiter. Auch bei der Arbeit schwankt das Schiff. Ihre Arbeitspartnerin, zu der sich die Protagonistin hingezogen fühlt, scheint in eine Art Extremismus wegzukippen und wird irgendwann von ihren Vorgesetzten wegen Unregelmässigkeiten freigestellt.
Krystina sucht nach dem, was sie mit dem Tod ihrer Mutter verloren hat. Irgendwann sogar im ehemaligen Garten, von dem damals die Familie weggezogen war, wo Krystina und ihre Schwestern ihre Kindheit verbrachten, jenen Teil ihres Lebens, in dem sie sich aufgehoben fühlte, auch wenn damals schon Risse auftauchten. Risse, die sie nicht sehen wollte.
Mit der Familie ist es dasselbe wie mit den Bienen und Wespen. Auch wenn man ihnen die vielen schmerzhaften Stiche nicht verzeiht, formt man dennoch ohne Zögern die Hände zu Schöpfern, sobald man eins der Tierchen im dunklen Brunnenwasser zappeln sieht.
Das Debüt «Und das wäre erst der Anfang» von Julia Sutter erzählt mit Rückblenden in die Kindheit vom drohenden Zerfall einer Familie. Es sind die Mütter, die die Familie zusammenhalten, die auszugleichen wissen, die seismographisch erspüren, wenn Erschütterungen das Fundament erzittern lassen.
Und gleichzeitig schreibt Julia Sutter vom Schmerz all jener Versäumnisse, für die sich ihre Protagonistin verantwortlich macht, von all dem Konjunktiv, den ihre Mutter vielleicht vor dem viel zu frühen Sterben bewahrt hätte. Nichts und niemand kann sie trösten. Der Romanschildert den unwillkürlichen Sog der Selbstzerfleischung, des Sich Verlierens, der Orientierungslosigkeit. Wie sehr eine junge Frau im Blick auf ihre Mitwelt den Blick auf sich selbst verliert.
Dabei psychologisiert Julia Sutter nur unterschwellig. Sie erzählt in maximaler Nähe zu ihrer Protagonistin, was während der Lektüre eine beinahe klaustrophobische Enge erzeugt. Die Thematik, die Art des Erzählens – Sutters Schilderungen haben alles, was mir den Atem nehmen könnte. Aber die Autorin tut in ihrer Sprache genau das Gegenteil dessen, was der Gang der Geschichte tut. Sie öffnet eine Welt, eine immer ausweglosere Situation, die wie ein schwarzes Loch alles in sich hineinsaugt. Dieser Sog der Zerfleischung reisst beim Lesen auch an mir, ohne dass es mich in die Tiefe zieht.
«Und das wäre erst der Anfang» ist von überraschender Reife. Überraschend, weil es weit weg von autobiographischer Bewältigung angesiedelt ist. Ich staune über den langen Atem der Autorin, über die Prägnanz ihrer Sprache. Darüber, wie sie es immer wieder versteht, die mäandernde Handlung auf den Punkt zu bringen.
Sutter ist ein Roman gelungen, der ein Spiegelkabinett unserer Gesellschaft ist – einer taumelnden Gesellschaft, einer Welt, der die Endlichkeit droht. Voller dezenter Metaphern wie der Garten der Mutter, um den sich niemand kümmert, und der Garten der Mutter Erde, dem es genauso ergeht.
Julia Sutter, geboren 1987, lebt mit ihrer Familie in St. Gallen. Sie absolvierte den Bachelor in Literarischem Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. Zur Förderung ihrer literarischen Projekte und für die Arbeit an »Und das wäre erst der Anfang« erhielt sie Atelierstipendien sowie Werkbeiträge von Stadt und Kanton St. Gallen. Neben dem Schreiben arbeitet sie in der Abteilung Kommunikation der reformierten Kantonalkirche.
Pius Strassmann schildert in seinem erzählerischen Debüt die vermeintlich kleine Welt eines Jungen, der bei seiner Grossmutter aufwächst. Einer Frau, die sich ihrer Aufgabe hingibt, den Jungen aber nimmt wie eine permanente Zumutung. Pius Strassmann erzählt von einem Kind, das letztlich allein aufwächst, sich die Welt ganz alleine zusammensetzen muss.
Erinnern sie sich an ihre Grossmütter? Zumindest bei mir war die eine distanziert, fremd, schon ihre Brille ein Statment „Komm mir nicht zu nahe“. Und jene müttelicherseits? Dort war ich manchmal in den Ferien, durfte mit dem Fahrrad ihres zweiten Gatten herumfahren, das mir so gross war, dass ich unter der Stange, dem Oberrohr treten musste. Vergnügen gab es nur bei den Nachbarkindern, wo ich ganze Nachmittage Monopoly spielte. War ich bei Grossmutter, musste ich im Garten helfen, Bohnen zum Dörren auffädeln. Mir wurden keine Geschichten erzählt. Radio und Fernsehen blieben stumm. Gegessen wurde in der Küche mit Wachstischtuch und die einzigen Bücher, die ich mir mit sauberen Händen ansehen durfte, waren Mondo- und Silvabücher. Aber wehe, wenn eines der eingeklebten Bilder herausfiel oder beim Blättern geknickt wurde.
Es waren die Grossmütter, die ihr ganzes Leben gearbeitet hatten, vielleicht sogar geschuftet. Es waren die Grossmütter, die ein Leben lang sparten und sich kaum etwas gönnten, ausser die Genugtuung eines wachsenden Kontos. Leben war Arbeit. Und warum sollten es die Kinder anders haben?
Pius Strassmann «Fantast!», edition bücherlese, 2025, 160 Seiten, CHF ca. 28.00, ISBN 978-3-03981-020-8
Pius Strassmann lässt mich im Dunkeln darüber, warum der Junge, den die Grossmutter nie beim Namen nennt, bloss Kind, nicht bei seinen Eltern aufwächst. Aber dafür wird umso deutlicher, dass der Junge nicht geliebt, sondern bloss geduldet ist. Seine Grossmutter ist Witwe, der Junge ein Anhängsel, das sich gefälligst nach ihren Regeln zu richten hat. Regeln, die nicht ausgesprochen werden, die der Junge erfahren muss. Alles ist in gut und schlecht eingeteilt, das Leben klar gegliedert zwischen hell und dunkel. Selbstverständlich lauert hinter allem Dunkeln und Schlechten der Mahnfinger der Religion.
Heute verkörpern Grossmütter und Grossväter ein ganz anderes Bild. Sie kümmern sich liebevoll um ihre Enkel, opfern bereitwillig ihre eben erst gewonnene Freizeit, bereiten ein kleines Paradies, wenn die kleinen Racker sie besuchen oder ein paar Tage in die Ferien kommen. Der Grossvater verzieht sich in den Nächten ins Gästezimmer, weil die Enkel Rundumbetreuung brauchen. Und tagsüber schenkt man ihnen voller Freude die ganze Aufmerksamkeit, erzählt Geschichten, liegt auf dem Boden und spielt mit, schiebt das Rad die Strasse hoch, geht Eis oder Pommes essen oder bastelt mit so viel Eifer, dass sich das Wohnzimmer in ein Atelier verwandelt.
In „Fantast!“ ist nichts so, wie es heute sein würde. „Fantast!“ ist Grossmutters Ausruf, wenn sich der Junge traut, wenn er seiner Grossmutter etwas davon zeigt, was in seinem Innern zu Wirklichkeit wird, zur zusammengeschusterten Realität, weil sich die Grossmutter weigert, ihm jene Fragen zu beantworten, die das Leben stellt.
Zum Glück gibt es in dieser kleinen begrenzten Welt einen Dachboden, den die Grossmutter nicht mehr betritt. Ein verwinkelter, mehrräumiger Kosmos, der den Jungen mit seinen Gegenständen und Geschichten wegträgt. Dort oben, wo auch Bücher und alte Illustrierte liegen, offenbart sich das Tor zur Welt, auch wenn er sich die Erklärungen selbst geben muss. Eigentlich möchte er die Zeichen auf Papier gerne lernen. Aber seine Grossmutter vertröstet ihn auf später, weil sie ahnt, dass sie damit ein Fass aufmacht, das sie nicht mehr schliessen kann.
Sei es in dem kleinen Haus mit Sonntagsstube, Glasvitrinen mit Büchern, die man nicht in die Hand nehmen darf. Sei es der Keller, wo sinnbildlich für alle Gefahren, die bei unerlaubtem Betreten lauern, eine offene Wäscheschleuder steht, nur eine der vielen Gefahren. Sei es der Garten, der nur der Arbeit dient und selbst die Brombeeren nicht zum Naschen, sondern für Konfitüre am Strauch wachsen. Sei es der Zaun im Wald, hinter dem der Bär lauert. Sei es der Fernseher, wo allabendlich ein Mann mit Kravatte die Nachrichten liest. Wenn Grossmutter am Mittag um Punkt halb eins die Nachrichten hört und nach einem hastig verzehrten Mittagessen regelmässig auf den Chaiselongue einschläft. Wir begleiten den Jungen, der die Welt in kleinen Bissen verdaut, sich auf das meiste selbst einen Reim machen muss, tunlichst vermeidend, die Grossmutter in ihrem Alltagstrott zu stören. Eine kleine Welt, eine beklemmende Welt. Als wäre der kleine Junge ein Tier, das in seinem engen Käfig gar nicht weiss, wie die Welt draussen aussieht.
Auch wenn „Roman“ auf dem Buchdeckel steht; „Fantast!“ ist ein Stück Geschichte. Als wäre sie Lichtjahre entfernt.
Pius Strassmann, geboren 1963, lebt und arbeitet als Musiker und freier Autor in Luzern und im Emmental. Nach Berufstätigkeiten als Primarlehrer, Musiker, Musik-Kinesiologe und Lehrtätigkeit an Musikschulen und Musikhochschulen widmet sich Pius Strassmann heute ausschliesslich dem Schreiben und seinen musikalischen Interessen als Blockflötist. Seit 1994 Veröffentlichung mehrerer Lyrikbände, zuletzt «blauklang» und «erinnerungsleicht», beide bei edition bücherlese.
Manchmal überraschen mich Bücher, die Sprache in einem Buch so sehr, dass ich regelrecht betört bin. Dass die Autorin eine Österreicherin ist, wundert mich wenig, denn wie kein anderes Land scheint Österreich immer und immer wieder Stimmen hervorzubringen, die mit einem ganz eigenen Sound bestechen.
Eine Bäuerin in einem kleinen, norddeutschen Bauernhof schlachtet zu Beginn des 20. Jahrhunderts illegal ein Schaf. In einer Zeit, in der alles, was man brauchte, von der Scholle kommen musste, auf der man lebte. In einer Zeit, in der die Bäuerin alles können musste, um eine Familie am Leben zu halten. Wie man schlachtet, pökelt, räuchert, wie man Früchte und Gemüse konserviert, wie man Wunden versorgt. Zur Not, und von der Not gab es viel, musste eine junge Frau den Hof auch alleine führen, wenn die Mutter viel zu jung starb oder Vater und Ehemänner aus dem Krieg nicht zurückkehrten.
Henrike führt das Schaf in die Waschküche, wo sie alle Fenster abgedunkelt hat, damit niemand im Dorf das heimliche Schlachten mitbekommt. Schweine würden schreien. Schafe sterben still. Henrike hängt das tote Schaf an eine Holzleiter und zieht das Messer in gerader Linie bis zum Brustknochen, öffnet den Körper wie ein Buch, kehrt das Innerste nach aussen. So wie Anna Maschik es mit dem Erzählen durch ein ganzes Jahrhundert tut.
Anna Maschik «Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten», Luchterhand, 2025, 240 Seiten, CHF ca. 33.90, ISBN 978-3-630-87814-0
Die einzigen im Dorf, auf die niemand verzichten kann, sind Anna, die Hebamme, und Nora, die Totenfrau. Nicht etwa ein Priester. Beides sind Begleiterinnen in Momenten, in denen die Kraft zum eigenen Handeln fehlt; bei der Geburt und beim Gang in den Tod. Anna Maschiks von Bildkraft strotzender Roman macht bewusst, wie nah die Zeiten waren, in denen das Schicksal einer Frau unabwendbar im Zyklus von Werden und Vergehen, von Dienen und Aufopferung eingebunden war. Das Leben auf einem Bauernhof oder später in der Stadt, „an der Seite eines Mannes“, ist weit weg vom romantisierten Blick auf die Liebe, von der Selbstverständlichkeit der Gegenwart. Man wird in eine Famlie geboren, begleitet von Liebe oder nicht, hat zu überleben, zu arbeiten, vorbestimmt in einer Aufgabe, in Traditionen, aus denen es kein Entrinnen gibt.
Von der Urgrossmutter Henrike, der Grossmutter Hilde, der Mutter Miriam; sie alle bringen ungefragt Kinder zur Welt, die einen stumm, die andern laut. Hildes Bruder Benedikt verschläft die ersten 15 Jahre seines Lebens. Miriams Bruder Wolfgang bleibt ungeliebt, ein Aussenseiter, ein Wolf. Und als alle Kinder Hildes mit einem Mal aus dem Haus ausziehen, bricht das Familiengefüge auseinander, weil das, was sie zusammenschweisst, die Not war. Alle Mütter tun sich schwer mit ihren Töchtern, auch wenn alle Frauen in der Familie alles daran setzen zu überleben. Auch wenn dieser kleine Rest Überleben nur das Stück Garten beim Haus ausmacht. Was für ein Schmerz, wenn dann auch noch die Farben aus dem Garten verschwinden.
Alma, die letzte in der Ahnenreihe der Frauen, ist die Erzählerin. Sie öffnet nicht den Körper des geschlachteten Schafs. Sie öffnet die Innereien einer Familie. Sie zieht das Messer bis zum Brustbein, bis zum Innersten. Dass Anna Maschik dabei Traumbilder hineinnimmt, dass sie Wiederholungen einbaut, die das „Immergleiche“ des Lebens spiegeln, dass Anna Maschik Listen mitnimmt, die sich wie Litaneien lesen, die sich die Frauen vorbeten müssen, um zu überleben, macht dieses Buch zu einem ungewohnt brachialen Leseerlebnis.
Und wenn man sich vor Augen hält, das „Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten“ ein Debüt ist, bewundert man den Guss, aus dem dieses aussergewöhnliche Buch geschrieben ist. Ein Versprechen! Grossartig!
Anna Maschik, 1995 in Wien geboren, studierte Sprachkunst/Literarisches Schreiben und Vergleichende Literaturwissenschaft in Wien und Leipzig. Sie arbeitete als Produktionsleitung eines Theaterfestivals und unterrichtet Deutsch und Spanisch an einem Wiener Gymnasium. Sie hat Kurzprosa und Lyrik in verschiedenen Anthologien und Literaturzeitschriften veröffentlicht. »Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten« ist ihr erster Roman.
Bei einem Gewaltdelikt auf einem Zürcher Bahnhof stirbt ein Mann. Ein zweiter wird verwundet, auf die Intensivstation gebracht und kann sich nicht an das Verbrechen an seinem Freund erinnern. Franziska Meisters Debüt hat die Zutaten eines Krimis, ist aber viel mehr ein Psychogramm einer Handvoll Menschen, die sich verloren haben.
Paul und Joshua waren Freunde, zu gewissen Zeiten fast symbiothisch. Joshua ist der Tote, Paul der Verwundete, der sich an rein gar nichts erinnern kann. Das, was auf dem Bahnhof zum Tod seines Freundes führte, bleibt eine Black Box. Ungemütlich wird die Sache auch darum, weil sich die Polizei in ihren Ermittlungen immer mehr darauf konzentriert, dass Paul nicht nur das zweite Opfer war, sondern Indizien darauf hinweisen, dass Paul durchaus auch Gründe gehabt haben könnte, als möglicher Täter gesehen zu werden.
Dominik, ein alter Studienfreund von Paul, der ans Krankenbett gerufen wird, kann sich nicht vorstellen, dass Paul Täter sein soll. Nic ist Psychologe und LSD-Forscher, will endlich klinisch überzeugen, dass der Einsatz dieser synthetischen Droge jenen Patienten helfen kann, die sich mit konventionellen Methoden nicht aus den Schlingen ihrer Psyche befreien können. Letztlich ist er auch davon überzeugt, dass er damit seinem alten Freund, zu dem der Zugang in den letzten Jahren schwieriger geworden war, helfen könnte, seine Erinnerungen an die Tatnacht aufzufrischen.
Auch Florence will Klärung. Florence ist die Schwester des Ermordeten. Sie und ihren Bruder verband viel, nicht zuletzt eine trübe Familiengeschichte. So sehr sie anfänglich auf den Freund ihres Bruders, auf Paul mit Misstrauen reagiert, umso mehr wird dieser für sie zu einem Schlüssel, nicht zuletzt, weil sie das Verbrechen an ihrem Bruder nicht einordnen kann, weil ihr Selbstverständnis mit dem Tod ihres Bruders ins Wanken gerät, weil mit einem Mal kein Stein mehr auf dem anderen sein soll. Trotz Widerständen und Alarmglocken wächst zwischen ihr und Paul eine Verbindung.
Doch während die Polizei sich immer mehr in ihren Ermittlungen verliert, verschwindet Paul. Ein Zeichen seiner Schuld oder ein weiterer Schritt in die schwarzen Löcher seiner unmittelbaren Vergangenheit, die nur das Resultat jener Geschehnisse ist, die Paul schon ein Leben lang mit sich herumschleppt.
Franziska Meister «Der Geruch von Lehm», Zeitkind, 2025, 256 Seiten, CHF ca.30.00, ISBN 978-3-907724-02-6
„Der Geruch von Lehm“ ist ein schillerndes Geflecht an Geschichten, Innenwelten und Andeutungen. Ein Roman, der in seinem Aufbau zwar chronologisch erzählt, die Geschehnisse und Interpretationen immer aus der Sicht der jeweiligen ErzählerInnen. Was von der einen Seite logisch erscheint, wird durch die Spiegelung einer anderen Seite verzerrt und trübe. Franziska Meister geht es nicht um die Aufklärung eines möglichen Verbrechens, schon gar nicht darum, Ordnung in die Leben ihrer ProtagonistInnen zu bringen. Sie spiegelt mit ihrer Art des Erzählens einen Teil der Wirklichkeit; dass es letztlich keine Ordnung gibt, dass die Wirklichkeit permanent der Interpretation unterworfen ist. Selbst die Dunkelstellen in den Familiengeschichten der ProtagonistInnen bleiben wage. Ich lese von den Auswirkungen, von den Verwundungen, vom Gezeichnetsein.
Nicht zuletzt ist „Der Geruch von Lehm“ eine Auseinandersetzung mit der psychoaktiven Substanz LSD, eines Halluzinogens, dass im Verlaufe seiner Geschichte für eine breite Öffentlichkeit bloss eine chemische Droge geblieben ist, die aber ganz offensichlich in therapeutischem Setting Durchbrüche bei PatentInnen provozieren kann, die man sonst als therapieresistent klassifiziert.
Auch wenn der Aufbau des Romans labyrinthisch wirkt und damit ein Spiegel der Innenwelten ihrer ProtagonistInnen, überzeugt „Der Geruch von Lehm“ in seiner Sprache. Franziska Meister erzählt gekonnt, mit frappierender Souveränität und eigenständig. Ich mag jene Portion Verunsicherung, die solche Romane erzeugen, weil Literatur mehr sein muss als eine gefällige Geschichte!
Franziska Meister, geboren 1967, ist promovierte Historikerin und Wissenschafts- und Kulturredaktorin bei der «Wochenzeitung» in Zürich. Sie hat eine Monografie zur Black Panther Party in den USA verfasst und lebt mit ihrer Familie in Zürich. «Der Geruch von Lehm» ist ihr erstes literarisches Werk.
Jina Khayyer stand mit ihrem Debüt „Im Herzen einer Katze“ auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2025. Ein Buch, das gleichermassen aufwühlt wie verunsichert. Ein Buch, das LeserInnen mit Sicherheit aus der Komfortzone lockt und Fragen aufdrängt, die man eigentlich nur ungerne zulassen will.
Dass uns vieles an der Welt sprachlos zurücklässt, daran scheinen wir uns gewöhnt zu haben. Vielleicht auch eine natürliche Reaktion darauf, dass vieles unbegreiflich erscheint, unlösbar, durch fast nichts mehr zu korrigieren. Sprachlosigkeit einhergehend mit Tatenlosigkeit. Aber wenn ich dann durch die Lektüre eines Buches gezwungen werde, mich Tatsachen zu stellen, die Menschen zu Tausendenden nicht nur die Freiheit, sondern das Leben kostet, dann kann Lesen beinahe unerträglich werden.
Jina Khayyer stammt aus dem Iran. Einem Land, das von Mullahs, bärtigen Männern regiert wird, das sich im Würgegriff einer Form des Islams befindet, willkürlicher Macht, die auf dem Rücken all derer zementiert wird, die sich dem Regime widersetzen und nicht akzeptieren wollen, dass das Recht auf Freiheit, Meinungsäusserung mit Füssen getreten wird. Am allermeisten leiden Frauen darunter, eine ganze Generation, die in den Medien mitansehen muss, wie auf der anderen Seite der Grenzen weibliche Freiheit gelebt werden kann, deren Mütter in Zeiten des Aufbruchs, als mit dem Wahlsieg Mohammad Chātamis bei den Präsidentschaftswahlen 1997 mit einem Mal Presse- und Bewegungsfreiheit möglich schienen und Frauen sich unverhüllt, geschminkt und in voller Haarpracht in den Strassen der Metropolen bewegten.
Jina Khayyer «Im Herzen der Katze», Suhrkamp, 2025, 253 Seiten, CHF ca. 36.90, ISBN 978-3-518-43248-8
Die Autorin lebt und wirkt in Deutschland. Ein grosser Teil ihrer Familie lebt aber noch immer im Iran, allen voran ihre Schwester, die einen Iraner heiratete und durch nichts aus diesem Land zu vertreiben ist. Über ihre sozialen Kanäle erfährt die Erzählerin dieses Romans, dass in den Strassen von Teheran eine junge Frau mit gleichem Vornamen wie sie von Sittenwächtern umgebracht wurde. Der Mord an Jina Mahsa Amini am 16. September 2022 wird der Anfang einer weiteren, blutigen Revolte gegen ein Regime, das sich mit ebenso massloser wie gezielter Gewalt an der Macht zu halten versucht. Jina in Deutschland muss aus der Ferne zuschauen, wie sich auf dem Bildschirm manifestiert, was nicht einmal in den wüstesten Träumen vorstellbar ist. Obwohl es Dank des Mutes vieler Verzweifelter immer wieder zu Kundgebungen und einem Aufflammen der Revolte kommt, macht das iranische Regime mit aller Härte klar, dass vor nichts zurückgeschreckt wird, auch nicht vor öffentlichen Hinrichtungen von Menschen, deren Vergehen einzig und allein die Hoffnung auf Freiheit war.
Jina Khayyer erinnert sich an eine Reise in ihr Ursprungsland, als sie als junge Frau für kurze Zeit in den Schoss ihrer grossen Familie zurückkehrte, als sie als westlich sozialisierte Frau mit einem Schleier verhüllt mit dem Auto eine Reise durch den Iran unternahm. Eine Reise durch ein einst blühendes, buntes, kulturell vielfältiges Land mit vielen Sprachen und ebenso vielen Ethnien. Durch ein Land, das aber schon damals nur noch ein Schatten seiner selbst war, in der Angst erstarrt, kontrolliert von bärtigen Männen, die ihre Kalaschnikows ganz offen tragen und nur schon durch einen „falschen“ Blick provoziert werden können. Und wer, vor allem als Frau, erst recht als junge Frau, einmal in die Mühlen dieses Machtapparts gelangt, entkommt ihm kaum mehr unverletzt in Geist und Seele.
„Im Herzen einer Katze“ ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Road-Tripp. Ein Höllentripp! Nichts für zarte Seelen, die sich nicht in der Lage sehen, der Fratze des lachenden Unrechts ins Gesicht zu schauen. Auch wenn der Roman seine Längen hat und damit vielleicht die scheinbare Idylle in der Quarantäne einer Familie zeigen will, ordnet die Autorin auf beeindruckende Weise, was in seiner Gesamtheit fast nicht zu ertragen ist. Immer wieder blitzt die arabische Kunst des Fabulierens, der blumigen Erzählung auf, der Weisheit in einer Sprache, die schon über viele Jahrhunderte ihre Blüten trägt und auch durch die graue Gegenwart nicht auszulöschen ist.
Mit Sicherheit war die Nominierung zum Deutschen Buchpreis auch ein Signal, ein Manifest, ein Zeichen. Ein Zeichen, das unmissverständlich ist und an all jene gerichtet ist, die sich den gegenwärtigen Verhältnissen im Iran strategisch verschliessen.
Jina Khayyer ist Schriftstellerin, Dichterin, Malerin und Journalistin. In Deutschland geboren, iranischer Abstammung lebt und arbeitet sie seit 2006 in Paris und in der Provence. Sie ist Autorin für die Zeitschriften ‚The Gentlewoman‘, ‚Fantastic Man‘ und ‚Apartamento‘. Zuletzt wurden ihre Gedichte und Zeichnungen in der Kunsthalle Baden-Baden im Rahmen der Gruppenausstellung SEA AND FOG (2024) ausgestellt. «Im Herzen der Katze» ist ihr Romandebüt und stand in der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2025.
Dem unverändert aktuellen Thema von Krieg, Gewalt und Zerstörung widmen sich zwei lesenswerte Bücher auf unterschiedliche Weise. Sowohl Ishbel Szatrawska aus Polen mit ihrem Debüt als auch Sergej Lebedew aus Russland mit einem neuen Roman. Beide sind 1981 geboren.
Lieber Gallus
Vor Kurzem trafen wir Freunde und Bekannte aus der Ukraine anlässlich der Tournee des grossartigen Chores «CANTUS» aus Uschgorod, Transkarpatien. Sie berichteten eindrücklich, wie sie den Krieg erleben. Es sitzen junge Leute in Kiev in ihrer Freizeit in den Cafés zusammen und diskutieren lebhaft, obwohl sie nachts bei steten Bombenangriffen kaum schlafen. Das Strassenbild tagsüber im Zentrum gleicht einer modernen europäischen Stadt, unweit davon entstehen täglich neue Zeichen der Zerstörung. Müde, aber überzeugend kämpfen sie weiter um ihr Land, ihre Kultur, ihr Leben. Für uns Schweizer nicht vorstellbar.
Ishbel Szatrawska hat einen historischen Familienroman geschrieben, der im ehemaligen Ostpreussen spielt. Diese Gegend hat eine sehr bewegte Geschichte an einem Schmelztiegel von Völkern, hier haben Polen, Deutsche, Litauer und Russen um Macht und Einfluss gekämpft. Nur schon von diesen historischen und kulturellen Verflechtungen zu erfahren, war für mich hochinteressant. Der Zweite Weltkrieg mit dem Nationalsozialismus, die sowjetische Invasion und die Jahre des Kommunismus in der Region um Königsberg bilden den Hintergrund des Romans. Hauptpersonen sind die Grossmutter Janka und die Enkelin Alicja sowie der Chirurg Max und Jankas Sohn Wolf. Ihre Erlebnisse in einer Zeit des Umbruchs, des Krieges mit Verschiebung der Grenzen werden bildhaft und sprachgewaltig geschildert. Jede Person bekommt ein charaktervolles Gesicht und bleibt trotzdem geheimnisvoll. Einige Weiterentwicklungen bleiben für den Leser, die Leserin offen, machen das Buch noch interessanter und anregender. Ein Roman, der wirklich in tiefe Abgründe des Menschseins führt.
Ishbel Szatrawska «Die Tiefe», Voland & Quist, 2025, aus dem Polnischen von Andreas Volk, 461 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-86391-414-1
Die aus Olsztyn stammende Autorin möchte mit ihrem Buch eine Lücke füllen, da bisher Vieles aus der Geschichte Ostpreussens nicht bekannt ist und kaum aus der Sicht einer Polin dargestellt wurde. An der Buchvernissage im Literaturhaus Zürich sagte sie, dass das Buch in Polen in den verschiedenen Bezirken sehr kontrovers aufgenommen wurde. In der ehemals ostpreussischen Region sehr gut, in Zentralpolen teils mit Unverständnis. Dort hat die polnische Bevölkerung die Deutschen als Invasoren erlebt.
Mich hat die poetische kraftvolle Sprache von Szatrawska sehr beeindruckt. Zeitlich und örtlich hin und her springend erzählt, ist das Buch nie unübersichtlich. Der geschickte Perspektivenwechsel gibt dem Werk eine faszinierende Dichte und Tiefe. Wie sich Grossmutter Janka und ihre ebenso starke Enkelin Alicja den Herausforderungen stellen, bleiben im Gedächtnis hängen:
Nimm nichts von Deutschen. Alicja erstarrte, sie hielt ein bunt verpacktes Schokoladenbonbon in ihrer Faust. Sie brauchte sich nicht umzudrehen. Auch so wusste sie, dass Grossmutter Janka mit der Zigarette in der Hand unter dem Vordach stand, unbewegt, bedrohlich. Obgleich der Sommer in diesem Jahr ein typisch preussischer war, mässig warm, wolkig, mit unangenehm kühlem Wind aus Norden, spürte sie, wie ihr heiss wurde.(Buchanfang, Janka noch Mädchen)
Wie der Chirurg Max umgeben von immer mehr Zerstörung und Eindringen der Russen unter schwierigsten Bedingungen und in einem widerlichen Umfeld arbeiten muss, haben mich als pensionierten Hausarzt erschüttert:
Halt!, rief Max, das ist ein Operationssaal. Der Grösste der Meute zielte sofort auf seinen Kopf. Unwillkürlich hob er die Hände. Johanna schluchzte in der Ecke. Er hörte, wie sie ihr die Kleider vom Leib rissen. Er schaute in den Lauf des Gewehrs, um die Frauen nicht sehen zu müssen, in der erhobenen Hand hielt er noch immer den Nadelhalter. (Russeneinfall in Königsberg am Ende des Zweites Weltkriegs)
Menschen verlieren Würde und Heimat und müssen entwurzelt ums nackte Überleben kämpfen. Keine leichte Kost, aber ein Buch, das zu Herzen geht. Sehr zu empfehlen!
Sergej Lebedew, studierter Geologe setzt sich bereits seit Jahren mit den unterirdischen Spuren menschlichen Terrors auseinander. Erstmals 2011 (deutsche Ausgabe) mit «Der Himmel auf ihren Schultern» und aktuell im soeben erschienen Roman «Die Beschützerin»; Fünf Tage im Juli 2014 im Donbass, wo bereits die Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg Tausende Juden umgebracht und verscharrt haben. 2014 wurde zudem ein Passagierflugzeug von den Russen abgeschossen.
Sergej Lebedew «Die Beschützerin», S. Fischer, 2025, aus dem Russischen von Franziska Zwerg, 256 Seiten, CHF ca. 37.90, ISBN 978-3-10-397521-5
Der russische Originaltitel »Белая дама», «Die weisse Dame», wäre für mich sinnvoller, denn Marianna, dreissig Jahre lang Leiterin einer Bergbau-Wäscherei, versucht dunkle hartnäckige Flecken in der Wäsche weisszuwaschen. Später versucht auch ihre Tochter Shanna, unerschöpflich das Böse dieses Ortes wegzuzwaschen. Reinwaschen als Metapher fürs Verdrängen schrecklicher Tatsachen. Hier, im «Schacht ¾» eines Bergbaus lagern bis unter die Erdoberfläche aufgeschichtet Leichen, erschossen und ermordet durch verschieden Aggressoren:
Unter uns liegen von den Deutschen erschossene Soldaten der roten Armee. Unter ihnen die Gefangenen sowjetischer Gefängnisse, erschossen von den Bolschewiki beim Rückzug der roten Armee. Unter ihnen sind weisse, rote, grüne und zufällige Ansässige, als Geiseln genommen und hingerichtet im Bürgerkrieg von den vorrückenden und sich zurückziehenden Truppen… Und unter ihnen sind die getöteten Streikenden der ersten Revolution von 1905.
Eine dunkle Geschichte mit vier ProtagonistInnen zwischen Schuld und Versöhnung, Geschichtsbewusstsein und Vergessen, Verlassenheit und Wut. Neben Marianna, die «Beschützerin», die an Krebs stirbt, und ihrer Tochter Shanna erscheint Valet, ein früherer Nachbar von Shanna, der «gehärtet und abgedroschen» von Moskau zurückkehrt, um die prorussischen Separatisten zu unterstützen und Shanna endlich zu entführen. Er schenkt ihr einen teuren Lippenstift, den er einer Leiche aus dem abgeschossenen Flugzeug entwendet hat. Auch General «Korol», ein typischer KGB-Offizier, welcher Mariannas Akte unter «Schneewittchen» notiert hat, kehrt an diesen Ort zurück, überwacht die «Totenkammer», Schacht ¾, damit der Bevölkerung keine unnötigen Fragen kamen. Als innere Stimme, als Geist, lässt Lebedew einen jüdischen Ingenieur sprechen:
Daraufhin wurde eine neue Waffe geboren: der lange Arm des Todes, der bis über den Ärmelkanal reichen konnte. Eine vollendete Form, ein Hai der Lüfte, ein Gerät ohne Menschen darin. Es war die V2… Als man uns im Frühjahr 1942 tötete, wurden sie bereits produziert, getestet und vorbereitet. Zwangsarbeiter setzten sie zusammen – lebende Tote. Damit sie andere Menschen in Tote verwandeln konnten.
Erschüttert und nachdenklich lege ich das Buch weg. Metaphorisch etwas überladen zeigt dieses düstere Buch nachhaltig, was Kriege mit uns Menschen machen. Ein Mahnmal! Mit Hoffnung? Ich bin gespannt auf deine Eindrücke und grüsse herzlich
Ishbel Szatrawska, 1981 in Olsztyn (ehemals Allenstein, Polen) geboren, studierte polnische Literatur und Theaterwissenschaft an der Jagiellonen-Universität in Krakau, wo sie heute lebt und schreibt. Sie ist Autorin von sechs Theaterstücken. Ihr Debütroman «Toń» (dt. «Die Tiefe») stand auf Platz eins der Bestsellerliste für polnische Literatur und wurde zu einem der «10 besten Bücher des Jahres» gewählt.
Andreas Volk, 1971 in Idar-Oberstein geboren, lebt seit bald zwanzig Jahren als Literaturübersetzer in Warschau. Er übersetzte bereits Ishbel Szatrawskas Theaterstück «Totentanz. Schwarze Nacht, schwarzer Tod». 2013 wurde er mit dem Übersetzerpreis der Vereinigung der polnischen Bühnenautoren und -komponisten Zaiks und 2022 mit dem Karl-Dedecius-Preis ausgezeichnet.
Sergej Lebedew wurde 1981 in Moskau geboren und war viele Jahre auf geologischen Expeditionen im Norden Russlands und in Zentralasien unterwegs, bevor er zu schreiben anfing. Sein erster Roman «Der Himmel auf ihren Schultern» stand auf der Longlist des russischen Nazbest-Preises 2011. Zuvor sind in Russland seine Gedichte, Essays und journalistischen Texte erschienen. Lebedew lebt seit 2018 in Potsdam.
Franziska Zwerg, geboren 1969, studierte in Berlin und Moskau Slawistik, Germanistik und Theaterwissenschaft und übersetzt zeitgenössische russische Literatur, neben den Romanen von Sergej Lebedew u.a. Werke von Dmitry Glukhovsky, Viktor Martinowitsch, Viktor Remizov.
Eine Liebesgeschichte, nicht nur eine. Eine Abschiedsgeschichte, existenzielle Ängste, ein Toter und mit „Schweizweh“ ein Buchtitel, der all jene trigert, die sich an diesem Land und seinen „Eingeborenen“ reiben. Karin Antonia Mairitsch zeigt mit ihrem Debüt Sprachkraft, Mut und einen präzisen Blick auf den Nerv der Zeit.
Es mag ein Schachzug gewesen sein. Zumindest bei mir hätte er funktioniert: Eine gebürtige Österreicherin schreibt einen Roman mit dem Titel „Schweizweh“. Man muss nicht hergezogen sein, eingewandert oder als Flüchtling hier leben, um Schmerzen zu lokalisieren. Aber wenn eine Schriftstellerin, Künstlerin und Hochschulrektorin, die in Klagenfurt/Österreich zur Welt kam und schon lange in der Schweiz lebt und wirkt, mit 57 ihr literarisches Debüt schreibt und das Buch mit „Schweizweh“ betitelt, dann reizt mich das. Nicht weil ich eventuelle Kritik am Land und den Einheimischen nicht tolerieren würde, ganz im Gegenteil, sondern weil mich der differenzierte Blick von aussen interessiert. Denn Unterschiede zwischen Kärnten und der Schweiz gibt es unzweifelhaft. Ich bin seit über vier Jahrzehnten mit einer Kärntnerin verheiratet, die mit der Heirat ihre Heimat hinter sich gelassen hatte. 700 Kilometer Distanz – mit den Alpen dazwischen.
Aber „Schweizweh“ ist keine Anklage, keine Abrechnung. Es sind die Geschichten einer Handvoll Menschen, die in der durchorganisierten, dem Perfektionismus verschriebenen Land ihre Schmerzen lokalisieren, die nach ihrer Heimat, ihrer Zugehörigkeit fragen, die nicht zuletzt mit der Angst leben, aus einem leistungsorientierten System zu fallen.
Jonathan hat eine schwierige Zeit hinter sich. Er begleitete seine Frau bis in den Tod, vermisst sie, je mehr seine eigene Existenz ins Wanken gerät. Er verlor seinen Job mit dem Gefühl, von seinem Chef hinausgemoppt worden zu sein. Ein Job, den er mochte. Endlich eine Stelle, in der er Zukunft gesehen hätte. Eine Entlassung, die ihn zu tiefst verunsicherte, spürte er doch zu Beginn seiner Arbeit beiderseitige Sympathie – vielleicht sogar mehr. Und da gab es auch noch Hélène, die Frau, die nach dem Tod seiner ersten Frau in sein Leben getreten war. Die er mochte, aber wahrscheinlich nicht liebte. Eine Beziehung, die scheiterte. Und er ist gebürtiger Österreicher, glaubt, in sich einen etwas anderen Takt zu spüren, als jener, der in der Schweiz vorherrscht, kann das, was er an Heimatgefühlen in sich spürt, wenn er nur schon an seine Grossmutter denkt, nicht so einfach wegstecken. Jonathan braucht Distanz und nimmt sich eine Auszeit in der Türkei. Nicht um Ferien am Strand zu machen, sondern um sich klar zu werden, wohin es gehen sollte.
Karin Antonia Mairitsch «Schweizweh», Edition Meerauge, 2025, 256 Seiten, CHF 26.00, ISBN 978-3-7084-0684-8
Ausgerechnet in der Zeit, in der Jonathan in den Ort in der Türkei eintaucht, Beziehungen zu knüpfen beginnt, denn er spricht wegen einer ersten grossen Liebe leidlich türkisch, liegt eines Morgens ein toter Mann vor Jonathans Stammcafé. Polizei, Presse und alle, die dort wohnen, beginnen mit Spekulationen und weil die Polizei schnell einen Schuldigen lokalisieren muss und ein mögliches Täterprofil auf Jonathan zu passen scheint, gerät dieser in die Mühlen der türkischen Polizei, in einer Zeit, in der die Sicherheitsorgane des Landes eh schon in Alarmbereitschaft sind und sich vor ausländischer Einmischung fürchten. Jonathan landet in Untersuchungshaft, wochenlang ohne Kontakt zur Aussenwelt.
Gleichzeitig erzählt Karin Antonia Mairitsch von Sophie. Ihre Frau, ihre Lebenspartnerin liegt im Sterben. Sophie nimmt in kleinen und grossen Schritten Abschied von ihr, begleitet sie, in den letzten Tagen zusammen mit dem Bruder ihrer Frau. Sophie, die sich nicht nur mit dem langsamen Sterben ihrer Partnerin konfrontiert sieht, sondern auch mit einer Sinnsuche in dem, was sie bisher als ihre Berufung, ihren Beruf sah, in einem Zustand des Aufbruchs ohne zu wissen, wo all das hinführt, was jetzt eine andere Richtung nimmt. Ein Weg, den Sophie irgendwann zu Jonathan führt.
Was diesen Roman speziell macht, ist seine Sprache und seine Architekur. Da schreibt eine Künstlerin, die es in ihrer Tätigkeit als bildende Künstlerin gewohnt ist, ihr Denken in Worte zu fassen, sehr oft in unkonventionellen Bildern, Sichtweisen, die erstaunen. Aus keiner Schreibschule. Der chronologisch erzählte Roman lebt von schnellen Schritten, hüpft von Perspektive zu Perspektive, zeigt, wie grundverschieden Protagonisten ihr Leben lesen, Entscheidungen fällen. Manchmal sind Abschnitte nur einen Satz lang und dann blendet der Scheinwerfer wieder aus einer anderen Richtung, nie verwirrend, stets vielstimmig.
Karin Antonia Mairitsch ist ein beeindruckendes und kunstvolles Debüt gelungen, das viel Aufmerksamkeit verdienen würde!
Interview
Er wollte sich die Liebe von der Seele schreiben, heisst es von Jonathan. Das wollten auch Sie. Sie schreiben über Liebe, aber auch von den Bedrohungen der Liebe; dem Tod, dem Erkalten, dem drohenden Vergessen, der Hektik, der Selbstoptimierung… Und doch schwingen dermassen viele innige Schilderungen, Liebeserklärungen in Ihrem Buch. Sie schaffen es eindrücklich, ehrlich und ganz nah zu bleiben. Nichts wirkt abgedroschen. Liebe und Tod, die zwei grossen Themen der Literatur. Gab es Leitplanken, Grenzen, die Sie nicht überschreiten wollten?
Ja, es gab Grenzen. Solche, die ich nicht überschreiten wollte und solche, die uns die Sprache setzt. Erstere betrifft all die Qualitäten von Liebe, Beziehung und Begegnung, die genau nur der geliebten (oder befreundeten) Person zufliessen können. Sie sind unwiederbringlich und nicht teilbar mit Dritten; in einer Weise entgrenzt, die für Aussenstehende unzugänglich bleibt. So beständig wie sie flüchtig sind, so fest wie flüssig, so leise wie laut, so verhaftet in uns selbst wie in der anderen Person, so unbeschreiblich verlebendigt bleiben diese Qualitäten und erst recht ihre sprachliche Fassung bei den Liebenden (oder Befreundeten) – im Leben, und über das Irdische hinaus. Ein Versprechen, das sich die Liebenden gegeben haben, mehr noch: ein Band, das nicht durchschnitten wird.
Jene Grenzen, die uns die Sprache setzt, oder genauer: die mir die meine setzt, betreffen all jene Emotionen, die frau artikulieren möchte und doch nicht kann. Schmerz oder Trauer zum Beispiel. Sie lassen sich nicht einmal annähernd so in Worte kleiden, wie diese Empfindungen uns zu erschüttern vermögen. Liebe und Tod sind die grossen Themen der Literatur, weil sie sich ihrer sprachlichen Fassung im Grunde doch entziehen. Und so sehr wir uns mühen, so offen und ehrlich wir in uns hineingraben und wühlen, ringen um Worte und ihre Kraft, so werden wir am Ende nicht erschöpfend ausgedrückt haben, was die Liebe und der Tod in unseren Leben bewegt hat. Mit diesem Phänomen setze ich mich immerfort auseinander und schrieb 2020 in «Helmi Vent – Lab Inter Arts»: «Die Sprache ist fremdkörperlich. Sie ist niemals das Denken selbst. Und auch nicht das Fühlen. Sie ist der Versuch, mich dir mitzuteilen, dir mitzuteilen, was ich denke oder fühle oder bin oder tue. Und das beschreibend gibt sie ihr Bestes. Sie bleibt experimentell.» (Mairitsch 2020, S. D. 95)
Quelle: Mairitsch, Karin (2020): Helmi Vent – Lab Inter Arts. Einblicke in das Labor ‹Hätte Hätte Fahrradkette›. St. Gallen/Berlin: Vexer Verlag.
Liest man die Kapitelüberschriften, dann klingt es nach Lyrik, nach Poesie. Auch im Text gibt es Passagen, die an lyrische Prosa erinnern. Kam das gewollt oder war es Intuition?
Wenn ich vorhin von jenen Grenzen sprach, die durch die Herausforderung gesetzt sind, uns mittels Sprache hinlänglich auszudrücken, folgt entweder die (zuweilen durchaus hilflose) Schweigsamkeit oder eine Form der künstlerischen Artikulation, die sich jenseits des Anspruchs auf exakte Be-Zeichnung oder verbale Deutungshoheit oder narrative Vermessung und erzählerische Folgerichtigkeit auszudrücken vermag. Die Lyrik, die Poesie sind für mich jene künstlerisch-sprachlichen Ausdrucksformen, die uns «ermuntern, vom Wissen ins Gefühl zu kommen, um dort, im Gefühl, wissend zu werden» (vgl. Mairitsch 2020, S. D. 93). In diesem Sinne müssen sie nicht immer verstanden werden, sie sind offen gegenüber erzählerischen Möglichkeits- und Vorstellungsräumen und können sich weiten, bis sie verstanden sind.
Für mich ist dieser Zugang daher weder eine Frage des Willentlichen noch des Intuitiven. Es ist vielmehr der Versuch, den Raum zu weiten für das Mögliche, das Vorstellbare, das Unaussprechliche und Unbekannte in uns; ein Findungsfeld, das sich mit jedem Lesen neu konstituieren, neu erfinden und entfalten kann. Lyrik war im Übrigen mein erster Zugang zur Literatur und zum Schreiben. Ich kehre gerne in diese Beheimatung zurück: «mMan spricht, worin man gewachsen ist. Wir können nicht behaupten, in der Sprache erwachsen zu sein. Wir altern mit ihr und lernen noch. Bestenfalls sind wir in ihr beheimatet.» (Mairitsch 2020, S. D. 92)
Quelle: Mairitsch, Karin (2020): Helmi Vent – Lab Inter Arts. Einblicke in das Labor ‹Hätte Hätte Fahrradkette›. St. Gallen/Berlin: Vexer Verlag.
Es sind nicht so sehr die Personen, die im Vordergrund stehen, sondern die grossen Fragen des Lebens: Wohin geht mein Weg? Wo liegt meine Erfüllung? Wie wird Liebe? Was bleibt von ihr? Wie begegne ich dem Tod? Wie kann ich in meinem Herzen behalten, was Liebe ausmacht? War das Schreiben eine Selbstvergewisserung?
Ein Selbst muss sich nicht vergewissern – es ist. Und es ist viele. Weswegen mein Schreiben keine Selbstvergewisserung ist, sondern Da-Sein ist. In diesem Sinne eröffnet das Schreiben vielgestaltige Möglichkeiten, ein Leben und sein Vieles zu durch-leben.
Es greifen viele Themen ineinander. Manchmal scheint es, als würde ein Thema überhandnehmen, um sich dann wieder in den Hintergrund zu ziehen. Es hätte ein Kriminalroman werden können, ein Gefängnisroman, ein politischer Roman, ein Burnoutroman… Aber es ist in erster Linie ein Liebesroman – wenn auch weit weg von Üblichen, Lichtjahre weg vom Kitsch, aber mit grosser Empathie geschrieben. Drohte nie die Gefahr, die Übersicht zu verlieren? Können Sie etwas erzählen über den Schreibprozess?
In der Tat gab es Momente, in denen es herausfordernd war, die Übersicht zu behalten. Meistens, wenn eine neue Figur den Roman betrat und ich mich zunächst dieser Figur annähern musste, um ihr Da-Sein zu erkunden. Einer der irritierendsten Momente war sicherlich das Auftauchen der Leiche am Strand. Das kam früh, sehr überraschend und blieb lange rätselhaft – denn wenn ich eines nicht wollte, dann einen Kriminalroman schreiben. Schreibend durfte ich erfahren, dass die Verschränkung aller Protagonist:innen und deren Schicksale einen Angelpunkt – eben die Leiche am Strand – brauchte und dass das Erzählen zur Conditio sine qua non wird, um die Verbundenheit mit sich, der Welt und allen Menschen erfahrbar zu machen.
Womit ich verraten habe, dass ich, die ich normalerweise planvoll und konzeptionell gefestigt vorgehe, bei diesem Roman keinem durchgängigen Konzept folgte, das ich vorab zurechtgelegt und das die Charaktere wie auch die Handlungsstränge definiert hätte. Das Konzept erarbeitete ich zu einem späteren Zeitpunkt und kam bei der Einreichung zum Werkbeitrag der Zentralschweizer Literaturförderung zum Tragen1. Vielmehr begann das Schreiben unvorhergesehen, einzig gekoppelt an die Idee der Gleichzeitigkeit von Ereignissen und der Verbundenheit von allem und jedem, und endete erst mit dem Ende, das ebenso unvorhersehbar eintrat. Mein exploratives Schreiben ins scheinbar Ungewisse verstehe ich dennoch nicht primär als einen intuitiven Prozess. Es ist für mich eher die Erkundung dessen, was ist, das seine Denkform und sprachliche Ent-Äusserung noch sucht.
1 Das Manuskript »Schweizweh« wurde 2020 mit dem Werkbeitrag der Zentralschweizer Literaturförderung ausgezeichnet.
In der Architektur Ihres Romans wählten Sie eine recht eigenwillige Struktur: Chronologisch, aber immer wieder aus verschiedenen Perspektiven, so dass man Ansichten ganz unterschiedlich gespiegelt las. War diese Form schon von Beginn weg klar oder drängte sie sich während des Schreibens auf?
Diese Form war schnell, fast von Beginn an klar. Bei all der Gleichzeitigkeit von Ereignissen erhoffte ich mir mit der Chronologie eine gewisse Nachvollziehbarkeit. Durch die verschiedenen Perspektiven, Ansichten und Wahrnehmungen, ja, auch durch Wiederholungen und Neu-Kontextualisierungen entfaltet sich eine Vielschichtigkeit, die mir wichtig ist: Ein Leben hat viele Schichten, hat Wiederholungen, Umwege und Wendungen, die sich nicht so einfach preisgeben. Sie wollen durchschritten, oder in diesem Falle: entschieden werden.
Sie sind bildende Künstlerin. Wie weit half Ihnen Ihre künstlerische Arbeit sonst? Ist Schreiben nicht das lange, filigrane Malen auf eine Grossleinwand?
Mit dem künstlerischen Prozess und einem visuellen Ausdrucksrepertoire vertraut zu sein, hilft sehr: So, wie sich in meinem Œuvre seit jeher viele Werke mit Sprache, lyrischen Titeln und Textminiaturen finden1 und ich mit altmeisterlicher Schichtentechnik2, gestischer Abstraktion3 sowie gegenständlicher bzw. figürlicher Malerei und Zeichnung4 vertraut bin, so zeichne und male ich umgekehrt auch beim Schreiben in Schichten und Gesten, setze Striche, lasse Weissraum und trage dramatisch pastos zuweilen sanft transparent auf. Insofern würde ich mich selbst nicht als «bildende Künstlerin» oder «Autorin» bezeichnen, denn ich bin beides und einiges mehr – doch mit der bildenden Kunst auch schreibend und mit dem Schreiben auch zeichnend und malend.
Interessant sind die prozessualen Parallelitäten:
Erst wenn der Titel (des Werks, der Ausstellung, des Buches) bekannt ist, beginnt das visuelle Gestalten bzw. das Schreiben.
Die weisse Fläche zu Beginn ist stets eine Hürde, die einfühlende Überwindung braucht.
Der erste Pinselhieb, der erste Strich, der erste Satz sind ent-scheidend und be-stimmend für das Ganze und Folgende. Sollte sich zu einem späteren Zeitpunkt herausstellen, dass diese ersten «Gehversuche» nicht passen oder nicht stimmig sind, wird radikal verworfen und der Papierkorb (ein wichtiges Werkzeug im Künstlerischen!) bemüht.
Wenn es zum künstlerischen Vorhaben ein Konzept gibt, dann rudimentär und ergebnisoffen.
Der Prozess lebt von Verwerfungen, Umwegen, Unvorhergesehenem und Überraschungen. Letztlich werden es diese Ereignisse sein, die den Prozess beleben und den Spannungsbogen erzeugen.
Denken (im Sinne von Zurücktreten, Analysieren und Bewerten, im Sinne von Vordenken und Entwerfen) und nicht-denkend Tun wechseln einander ab.
Das Ende (der Erzählung, des Werks, etc.) ist eine bewusste Ent-Scheidung.
Karin Antonia Mairitsch, geboren 1968 in Klagenfurt, Studium der Malerei an der Akademie der bildenden Künste in Wien, Promotion an der Kunstuniversität Linz, ist bildende Künstlerin, Gestalterin, Kuratorin, Dozentin, Autorin sowie Herausgeberin einiger Fachbücher im Bereich Medien, Gesellschaft und Kunst. «Schweizweh» ist ihr Romandebüt. Karin Mairitsch kann auf eine rege internationale Ausstellungs- und Performancetätigkeit zurückblicken. 2020 etwa hat sie das Mehrjahresprojekt l21 kuratiert. 2019/2020 wurde sie mit dem Werkbeitrag der Zentralschweizer Literaturförderung und 2020 mit einer Nominierung für den Luzerner Werkbeitrag in der Sparte Freie Kunst ausgezeichnet.