Sonja Sophie Kreis «Das grosse Eis», Rowohlt #SchweizerBuchpreis 26/04

Was bleibt von Familie? Wie wirkt Geschichte auf und aus Familien? Warum distanzieren sich Väter, selten Mütter, tauchen Töchter und Söhne ab? Sonja Sophie Kreis hat einen aussergewöhnlichen Roman geschrieben, der weit über die Selbstanalyse hinausgeht.

Anna reist nach Grönland auf der Suche nach ihrem älteren Bruder Alex. Es ist aber nicht nur die Suche nach einem Bruder, der bloss noch zu Weihnachten eine nichtssagende Karte aus der Kälte schreibt, sondern die Suche nach dem, was von der einstigen Familie übrig geblieben ist. Selbst ihre Schwester ist geschluckt von ihrer Arbeit in einem chicen Hotel mit Sicht aufs Matterhorn.

Anna, sonst Fotografin, reist ohne ihren Apparat an, dafür mit einem in ein Leintuch eingewickeltes Bild. Einer Winterlandschaft des Malers Adolf Dietrich, einem Maler, der zeitlebens in Berlingen am Untersee (Bodensee) lebte und malte. Ein Maler, den man zu den Naiven zählte, der sich aber weitgehend autodidaktisch in seine völlig eigenständige Arbeit vertiefte und erst spät jene Anerkennung bekam, die ihn noch heute zu einem wichtigen Exponenten schweizerischer Kunst macht. Es war das Hochzeitsgeschenk seines Vaters an seine Mutter, ein Bild, das die Beschenkte mehr bedrohte als dass es ihr gefiel. Aber das ihrem Bruder Alex einen Blick in seine Sehnsucht gewährte, eine Welt des Eises und des Schnees, eine Welt der Kälte und der Stille.

Bald wird klar, dass weder der Zufall noch ihr Bruder selbst wollen, dass Anna Alex nach Jahrzehnten wiederfindet. Anna bleibt, richtet sich in dem Ort ein, der nicht gemacht ist für Menschen wie sie, die das Eiland irgendwann wieder verlassen. Und weil kein fotografisches Auge zur Verfügung steht, beginnt Anna zu schreiben, von Hand, in ein Heft nach dem andern. Was ihr geographisch und räumlich nicht gelingen wird, wird mehr und mehr zur verschriftlichten Obsession. In ein Eintauchen in die Bilder ihrer Familie, der erinnerten und der erzählten.

Erzähl mir was, flüsterte ich ihr dann zu und halte das Foto ganz nah an mein Gesicht.

Sonja Sophie Kreis «das grosse Eis», Rowohlt, 2026, 256 Seiten, ISBN 978-3-7371-0257-5

Eine aufbrausende Mutter, ein stiller Vater, der kaum zuhause war. Genauso wie ihr Bruder, der sich schon als Kind viel lieber in der Werkstatt im Keller verlor. In seinen Nachforschungen der Grossen der Arktischen Forschung, der sich in Büchern wegtragen liess, hinein ins ewige Eis, weit weg von den Konflikten der Eltern, der fasziniert war von der tragischen Exkursion von Eduard Skeleton, dessen gepanzertes Schiff Endurance trotz aller Vorsicht in den Eismassen zerdrückt wurde. Vielleicht sinnbildlich für seine eigene Situation zwischen den elterlichen Fronten.

Nicht nur ein Maler, Adolf Dietrich, spielt in der vielschichtigen Geschichte der Thurgauerin, die ihren familiären Ursprung im eben dieser Gegend hat. Otto Marquart, die längste Zeit seines Lebens nicht weit von Adolf Dietrich auf der Insel Reichenau malend, war Künstler, führte zusammen mit seiner Frau am See eine Pension, die während des Krieges Dreh- und Angelpunkt von Flüchtenden war, einem Tun, von dem er auch nicht liess, nachdem ihn die Gestapo verschleppte und verhörte.

Der Film in meinem Kopf ist launisch. Mal fließen die Bilder. Dann wieder ruckelt es, der Erzählstrom macht Sprünge, vorwärts oder zurück, die Leinwand reißt auf, eine ruhige Bildfolge wird von einer subjektiven Kamera gestört.

Sonja Sophie Kreis erzählt von Grenzregionen, vom Blick auf das, was ist und war, sei es geographisch, historisch oder familiär. Damals kam die deutsche Mutter über die Grenze in die Schweiz. Was wie eine Liebesheirat aussah, entpuppte sich als Falle. Auch das, was sich im Winter 1963 zur letzten „Seegfrörni“ auswuchs, war nur für wenige Wochen der ungehinderte Weg auf die andere Seite. Manchmal fehlt nicht viel, aber Grenzen bleiben.

Dass Sonja Sophia Kreis zum Kreis der Nominierten gehört, freut mich nur schon deshalb, weil ich dieses Buch sonst vielleicht gar nie auf den Schirm bekommen hätte. Was ein grosses Versäumnis gewesen wäre. Man merkt dem Roman nicht an, dass es ein literarisches Debüt ist, ganz im Gegenteil. Die Autorin überzeugt durch einen klaren Strich, lässt vermuten, dass sie als bildnerische Künstlerin eine sehr klare Vorstellung von Komposition und Struktur hat. Aber „Das grosse Eis“ ist auch experimentell, changierend zwischen glasklarer Prosa und lyrischen Passagen, von klarer Kontur bis durchscheinend sinnlich.

Unbedingt empfehlenswert!

Sonja Sophie Kreis, geboren1963 am Bodensee, arbeitet als bildende Künstlerin und lehrt Kunst und Kunstgeschichte. Ihre Arbeit führte sie u. a. nach Skagaströnd (Island) und Ilulissat (Grönland). Sie hat Erzählungen und Kurzgeschichten veröffentlicht. «Das grosse Eis» ist ihr erster Roman. Sonja Sophie Kreis lebt in Zürich.

Illustrationen © leafrei.com

Alisha Gamisch „Parasiti“, Voland & Quist

Wenn die Gegenwart mit einem Mal aufbricht. Wenn sich Fragen nicht mehr verdrängen lassen. Wenn all das Unverdaute, ewig Gärende, das Magma unter der Kruste des Schweigens durchbricht. Alisha Gamisch beeindruckendes Debüt sticht mitten hinein.

Ein Reiheneinfamilienhaus im bayrischen Fürstenfeldbruck ist der Schauplatz, an dem die Vergangenheit ausbricht, ein Bettelbrief mit daumengrossem Plastikembryo eine alte Frau derart erschüttert und erstarren lässt, dass Nichte und Enkelin sie nicht wiedererkennen. Grossmutter Lydia in Schockstarre der Stimme beraubt fängt Enkelin Rina erst recht zu fragen an. Fragen, denen auch Tante Valli am liebsten zeitlebens ausgewichen wäre.

So unmöglich es ist, Heimat und Herkunft durch Grenzen einzuzäunen, so unmöglich ist es seit jeher, Zugehörigkeiten zu kollektiven Erinnerungen und Landschaften vom seltsamen und streitbaren Gefühl der Heimat abzukoppeln. Nicht nur die beiden Weltkriege im vergangenen Jahrhundert haben Menschen entwurzelt, Familien auseinandergerissen, Familientragödien unter dem Mantel des Schweigens erstickt. Das Trauma bleibt, die in sich geschlossenen Kammern, in denen Geschichten gären, Mief, der irgendwann, der Anlass kann offensichtlich unbedeutend sein, mit zerstörerischer Kraft ausbricht.

Als die Studentin Gina zu Grossmutter und Tante, in ihr Zuhause zurückkehrt, ist ihre Grossmutter Lydia eine andere. Eingefroren in einen Schrecken, paralysiert, erstarrt. Gina, die in ihrem Leben von Unentschlossenheit gefangen ist, nimmt das Szepter in die Hand. Ihre Grossmutter muss zum Arzt, wenn nötig sogar in eine Klinik, auch wenn Gina weiss, dass Lydia das nicht zulassen würde. Und von Valli, ihrer Tante, will sie endlich Antworten.

Alisha Gamisch «Parasiti», Volant & Quist, 2026, 240 Seiten, ISBN 978-38-6-391466-0

Lydia wurde in den Wirren des Weltkriegs ins sibirische Nirgendwo deportiert, nach Novosibirsk, wurde „Russlanddeutsche“, die man während und nach dem Krieg nach Sibirien zwangsumsiedelte, denen man unter menschenunwürdigen Voraussetzungen blosses Überleben abverlangte. Dort wird sie die Frau von Sashka, einem gut aussehenden Nichtsnutz und Säufer. Mit ihm, ihrer Tochter Elvira und dem rotzigen Schwiegervater lebt sie in einer windigen Baracke, nur durch Tücher vor den Blicken anderer geschützt, permanent in Sorge ums Überleben und den Annäherungen ihres nach Alkohol stinkenden Gatten. Bis sie dann doch noch einmal schwanger wird und sich genötigt sieht, in einem sowjetischen Krankenhaus, das solche Frauen wie Dreck behandelt, ihr Kind auskratzen zu lassen. Ein Eingriff, der sie fast das Leben kostet, der ihr den Tod im Bett daneben vor Augen führt, die Wertlosigkeit einer Frau, die sich gegen das Schicksal stemmt.

Aber mit der Abtreibung hört der Schrecken, das Bedrängtsein, die Not nicht auf. Auch das Leid einer Mutter, einer Alleingelassenen, einer Bedrängten. Irgendwann schafft es Lydia mit ihrer Tochter mit Hilfe einer Rücksiedlungsinitative nach Deutschland. Ein Neuanfang mit den schlechtmöglichsten Vorzeichen, weil nicht nur Lydia die Vergangenheit im Schweigen erstickt.

Komisch, dass deine Muttersprache eine andere ist als meine – und die deiner Mutter eine andere als deine, und dass du als Kind eine Sprache konntest, die jetzt fast verflogen ist, und dass ich mich mit dir als Kind gar nicht hätte verständigen können.

Ein krasser Gegensatz zur zweiten Erzählebene, dem Leben ihrer Enkelin Gina. So sehr Gina ihr Leben selbst bestimmen kann, so sehr verliert sie sich im Unentschlossenen. So sehr sich Lydia gezwungen sah, sich dem Schicksal entgegenzustellen, so sehr verliert sich Gina. Bis sie das Schweigen, die Erstarrung ihrer Grossmutter aus der Lethargie schüttelt.

„Parasiti“ trifft. Lydia war fast ein ganzes Leben Fremde, Herumgeschobene. Männer wurden zu Parasiten, unmöglich abzuschütteln. Bei meiner Lektüre ein beklemmendes Gefühl. Nicht nur weil ich ein Mann bin, sondern weil die Geschichte nicht Vergangenheit ist, weil wir mit jedem Tag einen Schritt weiter wegrücken von der Hoffnung, dereinst würde gegenseitiger Respekt, aus welcher Seite auch immer, das Zusammenleben leichter machen. „Parasiti“ ist ein starkes Debüt, eine laute Stimme, ein mutiges Buch!

Alisha Gamisch studierte in München und London Anglistik und Germanistik und lebt heute in Berlin. Ihr erster Gedichtband »Lustdorf« (Verlagshaus Berlin, 2020) wurde vom Haus für Poesie zu den besten Lyrikdebüts des Jahres gewählt. 2022 erhielt sie den Nora-Pfeffer-Preis für Lyrik des Bayerischen Kulturzentrums der Deutschen aus Russland, 2023 war sie Stipendiatin der Romanwerkstatt des Literarischen Colloquiums Berlin. Sie ist Gründungsmitglied des feministischen Vereins ›Wepsert e.V.‹ sowie Mitkuratorin und Moderatorin der Lesungs- und Diskussionsreihe ›PostOst-Café‹ im Maxim Gorki Theater Berlin. Seit 2025 ist sie Teil der literarischen Girlband ›No Scribes‹. »Parasiti« ist ihr Debütroman.

Beitragsbild © Suzanne de Carrassco

Falun Ellie Koos «Zähe Hunde», Aufbau

Was entscheidet, wo man hingetragen wird, wo es einem hinverschlägt. Ob man untergeht, strandet, überlebt oder reüssiert? Wie viel ist Schicksal, Herkunft, Familie, Beziehung oder pures Glück? Falun Ellie Koos schrieb mit ihrem Debüt „Zähe Hunde“ eine etwas andere Familiengeschichte, eine aus der Kälte.

Noch eine Emanzipationsgeschichte? Die Geschichte einer jungen Frau, die sich aus den Umklammerungen ihrer Familiengeschichte winden muss? Die den Dreck ihrer Kindheit abschütteln, Zutrauen zu sich selber finden, einen Weg zum Miteinander aus all den Verletzungen schälen muss? Ich spüre während der Lektüre die Verwundungen einer gebeutelten Seele, aufgewirbelter Dreck brennt in den Augen, Schweiss sticht in der Nase. Was Falun Ellie Koos beschreibt, wird körperlich, legt sich wie ein immer schwerer werdendes Kettenhemd auf die Schultern.

Falun Ellie Koos «Zähe Hunde», Aufbau, 2026, aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann, 303 Seiten, ISBN 978-3-351-04277-6

Ada, die Erzählerin, und ihr zwei Jahre jüngerer Bruder Broos sind die Kinder einer Familie, die in die Brüche geht. Viel zu jung stolperten die Eltern in die Pflichten einer Elternschaft, strauchelten, fielen hin. Sie trennen sich. Ada versucht alles, um ihrem trinkenden Vater zu gefallen, Broos, ihr Bruder, bleibt bis zu Mutters viel zu frühen Tod der Liebling seiner Mutter. Bis sie stirbt und die beiden Kinder im gammligen Trailer ihres Vater bleiben müssen, weit ausserhalb der Stadt, nahe einer Autobahn, die letzten in einem Trailerpark, übrig geblieben. Adas Vater verdient sein Geld als Gelegenheitsgärtner, lebt ein Leben als Abgeschotteter, Enttäuschter, Kämpfer auf verlorenem Posten. Er ist davon überzeugt, seine Kinder durch Härte erziehen zu müssen. So lernen die beiden auch schwimmen – beinahe ertrinkend.

Ada und Broos wachsen isoliert und kontrolliert auf. Sie gehen wohl zur Schule, Koos mehr schlecht und recht, Ada als seine Beschützerin bis die Fäuste fliegen und Blut fliesst, aber Freundschaft ausserhalb wachsen nicht. So wie Mutter und Vater bleiben sie Sonderlinge, gezeichnet von den Verwundungen des Lebens.

Irgendwann, nachdem Ada schon Jahre an der Seite ihres Vaters Gartenarbeit macht, wagt Ada den ersten Schritt in die Selbstständigkeit; eine, wenn auch schlecht bezahlte Arbeit in einer Fleischfabrik. 5 Tage in der Woche bei 4 Grad. Dort lernt sie Frédérique kennen, eine Kunststudentin, deren Gründe, sich solcher Arbeit auszusetzen, ganz andere sind. Die beiden jungen Frauen nähern sich an, fasziniert vom Geruch einer ganz anderen Welt. Bis Frédérique es schafft, Ada dazu zu bewegen, ihre Zeichnungen zu zeigen und sich ein Weg öffnet, der ohne Frédérique verschlossen geblieben wäre. Ada beginnt an einer Kunstschule zu studieren. So wie sich die Zukunft wie Türen öffnen, so sehr verschliesst sich ihr Zugang zu dem, was an Familie übrig geblieben ist.

Bis Ada spürt, dass es eine Richtungsänderung braucht und sie Mitte Zwanzig in eine ehemalige Künsterkolonie weit weg von jeglicher Zivilisation zieht, in der bloss noch ein mürrischer Holzfäller geblieben ist. Mit einem Mal, zurückgeworfen auf sich selbst, erinnert an die kargen Jahre ihrer Kindheit, beginnt in der Einöde etwas Neues.

Falun Ellie Koos mischt die drei Erzählebenen; Kindheit, Studienzeit und die Monate in Galizien. Die Sprache ist ebenso karg und hölzern wie das rauhe Leben der Protagonistin. Ada ist ins Leben hineingeworfen, über weite Strecken sich selbst überlassen, vom Vater zum „zähen Hund“ erzogen, trotzig, wild, unnachgibig. Ein zäher Hund geblieben, bis das Schicksal eines Tiers, die Seele auftut. Noch ein Roman, der das hochstilisierte Idyll der Familie sandstrahlt. Szenerien, die manchmal beinahe dystopisch erscheinen, mitten in der Gegenwart. Kraftvoll, trotz allem strotzend vor Leben!

Falun Ellie Koos, geboren 1992, ist Schriftsteller und Filmemacher. Koos‘ Debütroman «Zähe Hunde» wurde für eine Vielzahl an Preisen nominiert, u.a. für die Shortlist des wichtigen Libris-Literaturpreises, und von der Zeitung Het Parool zu einem der zehn besten Bücher des Jahres gewählt. Koos gewann 2022 den Joost-Zwagerman-Essaypreis und erhielt 2023 ein Cronestipendium für vielversprechende Autor:innen der Stadt Utrecht.

Andrea Kluitmann, geboren 1966, studierte Germanistik und Filmwissenschaft in Bochum und Amsterdam. Heute arbeitet sie als Übersetzerin von Romanen, Theaterstücken und Graphic Novels und gibt Interviewtraining und Deutschunterricht.

Beitragsbild © Koos Breukel

Gernot Rainer «Bruchlinien», Kremayr & Scheriau

Wir standen alle mittendrin. Auch wenn wir es schaffen, die Erinnerungen daran auszublenden – die Pandemie steckt uns in den Knochen. Manchmal ganz direkt, manchmal aber auch die Kollateralschäden, die die Zeit angerichtet hat. Gernot Rainers Debüt „Bruchlinien“ ist ein starkes Stück, nicht nur darum, weil da einer schreibt, der weiss.

Wer erinnert sich nicht an den Frühling 2020. Nicht einmal ein Jahrzehnt ist seither vergangen, als Welle um Welle über den Globus schwappte und drohte, menschliches Leben aus allen Angeln zu heben, kein Stein auf dem andern zu lassen. In jenen Monaten, Jahren wich die Resthoffnung auf eine helle Zukunft der nackten Angst. Was würde bleiben angesichts der Schäden, die damals angerichtet wurden? Und damit sind in erster Linie die gesellschaftlichen, sozialen Schäden, die Beschädigungen in Beziehungen, in Familien gemeint.

Es gab eine Zeit, da war der Schrecken so nah, die Katastrophe so unmittelbar, dass es unmöglich schien, je einen Roman mit der gebotenen Distanz zu schreiben, der sich dieser Zeit und den eruptiven Auswirkungen widmen würde. Es gibt Gründe genug, Romane, die sich dieser Zeit widmen, nicht lesen zu wollen. Weil da zu viel beschädigt und vergiftet wurde. Weil man Menschen kennt, die noch immer mit den Nachwirkungen dieser Zeit zu kämpfen haben. Weil es naiv zu glauben ist, ein solches Ereignis wäre einmalig, wir hätten es jetzt im Griff.

Dass es Gernot Rainer wagt, ist beachtlich. Dass er es auf eindrückliche Art schafft, das heisse Eisen zu schmieden, ist erstaunlich. Gernot Rainer hat dem Geschehen mitten in der Pandemie Form gegeben, weil er zeigt, dass die Auswirkungen der Pandemie nicht nur medizinisch zu verstehen sind, sondern ebenso gesellschaftlich und sozial, bleiben die Erinnerungen an damals doch in mehreren Generationen präsent, die Verschiebung, das Unvereinbare, das Misstrauen, das Gefühl ausgeschlossen zu sein, ungewollt in einer Opferrolle verdammt zu sein.

Gernot Rainer «Bruchlinien», Kremayr & Scheriau, 2026, 264 Seiten, ISBN 978-3-218-01509-7

Paul ist seit kurzen Lehrer in Wien, voller Enthusiasmus, noch nicht lange zusammen mit Sarah, als Corona über den Globus schwappt und alles in Frage stellt. Es gibt Menschen wie Georg, die sich mit ihren Berufen ins Home-Office retten, solche wie die Schauspielerin Isi, der man die Ausübung ihres Berufes unmöglich macht und damit die Existenz bedroht, solche wie Nino, einen Schüler, der vor der Pandemie zu den besten gehört und während der Pandemie den Boden unter den Füssen verliert, solche wie Katharinas Vater, der einsam zuerst zuhause, dann im Spital vom Virus weggeschnitten wird. Oder solche wie Paul, die als Lehrer*innen mitten im Geschehen stehen, die für die einen zu lasch sind, für die anderen blind dem System folgen, grundsätzlich zwischen den Fronten, nur immer das Falsche tun.

Paul spürt überall, wie sich die Bruchlinien durch die Gesellschaft fressen; im Schulzimmer, im Lehrerzimmer, zwischen ihm und seinem Direktor, der kurz vor seiner Pensionierung doch bloss einen ruhigen Abgang haben will, bei den Eltern seiner Schüler, deren Vorhaltungen, Forderungen und Beschuldigungen immer dreister werden, bis Paul daran zu zerbrechen droht, bis man ihn suspendiert, er ganz auf sich selbst zurückgeworfen ist. Bis die Katastrophe eintrifft und Bruchlinien zu bodenlosen Abgründen werden.

Aber Gernot Rainers Romandebüt ist nicht nur mutig, sondern auch gut geschrieben. Ganz nah an seinen Protagonist*innen, mitten im Geschehen, unmittelbar und mit Sätzen und Szenerien gespickt, die hängen bleiben. Da schreibt kein Arzt, sondern ein genauer Beobachter, ein Mann, der damals wohl genau wie der Protagonist mitten drin stand, der verstehen will und kann, niemanden verurteilt und mit seinem Roman ein literarisches Portokoll einer schleichenden Katastrophe globalen Ausmasses schrieb.

Äusserst lesenswert!

Interview

Ich spüre die Verletzungen jener Zeit auch in mir. Die Bruchlinien sind geblieben, auch wenn sich die Risse wieder verfestigten. Wir alle haben auf die eine oder andere Art von dieser Zeit Schaden genommen. Was kann die Literatur, was ein Sachbuch über die Zeit nicht leisten kann?

Ein Sachbuch kann erklären und einordnen. Es kann Ursachen benennen, Fehler analysieren und Entwicklungen nachvollziehbar machen. Literatur leistet etwas anderes. Sie kann erfahrbar machen, wie Zeit in einem Menschen nachwirkt.
Mich hat weniger interessiert, noch einmal zu rekonstruieren, wer wann recht hatte. Mich interessierte, was geschieht, wenn vertraute Gewissheiten brüchig werden, wenn Nähe plötzlich als Gefahr erscheint, wenn Menschen einander nicht mehr nur widersprechen, sondern sich fremd werden. Solche Veränderungen lassen sich schwer in Thesen fassen. Im Roman kann man ihnen folgen, ohne sie sofort bewerten zu müssen.
Literatur darf Widersprüche stehen lassen. Sie muss nicht entscheiden, wer schuldig und wer unschuldig ist. Sie kann zeigen, dass Menschen zugleich vernünftig und verletzend, ängstlich und mutig, fürsorglich und rücksichtslos sein können. Gerade diese Uneindeutigkeit war für mich wesentlich.
Vielleicht kann Literatur auch etwas bewahren, das in der Rückschau leicht verloren geht: die Atmosphäre einer Zeit. Die Unsicherheit, die Gereiztheit, die kleinen Verschiebungen in Beziehungen und im Alltag. Ein Sachbuch beschreibt, was geschehen ist. Ein Roman kann im besten Fall spürbar machen, wie es war, darin zu leben.

Wir alle kenne sie, die Verwerfungen damals rund um uns; Lieben, die zerbrachen, Ehen, die wankten, Geschwister, die nicht mehr miteinander reden konnten, Freundschaften, die sich verloren. Der Virus, die Krankheit, die medizinischen und gesundheitlichen Folgen sind das eine, die Erdbeben zwischen und in den Menschen das andere. Ist ihr Roman auch ein bisschen ein Wachrütteln, weil man so leicht vergisst?

Ich weiß gar nicht, ob ich den Roman als Wachrütteln bezeichnen würde. Dafür ist Literatur vielleicht auch das falsche Medium. Sie überzeugt nicht durch Argumente, sondern dadurch, dass sie Menschen und ihre Erfahrungen ernst nimmt.
Aber ich glaube, dass wir zum Vergessen neigen. Nicht aus Böswilligkeit, sondern weil das Leben weitergeht. Wir erzählen uns im Nachhinein oft geradlinigere Geschichten, als wir sie tatsächlich erlebt haben. Die Unsicherheit, die Ambivalenz und auch die Verletzungen verschwinden mit der Zeit aus der Erinnerung.
Etwas hat mich in den Rückmeldungen vieler Leserinnen und Leser besonders überrascht: Sie haben mir geschrieben, dass sie sich beim Lesen plötzlich wieder mitten in dieser Zeit wiedergefunden hätten. Situationen, Gespräche und Gefühle seien zurückgekehrt, an die sie lange nicht mehr gedacht hatten. 
Mich hat beschäftigt, was von einer solchen gesellschaftlichen Ausnahmesituation zurückbleibt. Nicht in den Statistiken oder politischen Debatten, sondern in Beziehungen. Wie lange wirkt Misstrauen nach? Wie verändert eine Zeit, in der Menschen einander plötzlich als Gefahr oder Gegner wahrnehmen, den Blick aufeinander? Solche Veränderungen heilen nicht mit dem Ende einer Krise.
Wenn der Roman etwas bewirken kann, dann vielleicht dies: dass wir uns noch einmal in diese Zeit hineinversetzen, ohne sofort Partei zu ergreifen. Dass wir uns erinnern, wie kompliziert vieles war und wie verletzlich Menschen sein können. Vielleicht entsteht daraus auch wieder etwas, das in den vergangenen Jahren oft verloren gegangen ist: die Bereitschaft, dem anderen zunächst zuzuhören.

Als die Pandemie Fahrt auf den ersten Höhepunkt aufnahm, war ich zu Besuch bei einem Schriftsteller. Wir sprachen über das Schreiben. Ob es überhaupt noch Raum neben der Pandemie und ihrer Auswüchse gäbe. Brauchte es die Jahre dazwischen?

Ich glaube schon. Vielleicht brauchte es diese Jahre, vielleicht sogar noch ein paar mehr.
Während der Pandemie waren wir alle Teil des Geschehens. Man schrieb und sprach aus der Unmittelbarkeit heraus. Das ist wichtig, aber Literatur braucht oft Distanz. Nicht, um Gefühle abzuschwächen, sondern um sie besser verstehen zu können.
Mich hat nicht interessiert, einen Roman über Corona zu schreiben. Mich interessierte, was diese Zeit mit Menschen gemacht hat. Das wird oft erst sichtbar, wenn das Ereignis selbst bereits vorüber ist. Manche Verletzungen erkennt man erst, wenn sie zu Narben geworden sind.
Vielleicht war genau dieser zeitliche Abstand notwendig. Nicht, weil die Erinnerung verblasst wäre, sondern weil sie sich verändert hat. Man beginnt, nicht mehr nur auf das Geschehen selbst zu blicken, sondern auf das, was davon geblieben ist.
In diesem Sinn ist Bruchlinien für mich kein Roman über die Pandemie. Er ist ein Roman über das, was eine gesellschaftliche Ausnahmesituation mit Menschen, Beziehungen und ihrem Vertrauen ineinander machen kann. Dafür brauchte es Zeit.

Warum ist so wenig geblieben von dem, was man sich damals erhoffte?

Ich glaube, weil Krisen uns für einen kurzen Moment zeigen, wer wir sein könnten und der Alltag uns danach wieder zu dem macht, was wir meistens sind.
Damals war oft von einem Neuanfang die Rede. Von mehr Zusammenhalt, mehr Wertschätzung für bestimmte Berufe, mehr Demut gegenüber dem, was wir nicht kontrollieren können. Vieles davon war ehrlich gemeint. Aber Hoffnungen sind noch keine Veränderungen.
Der Mensch besitzt eine bemerkenswerte Fähigkeit, sich an nahezu alles zu gewöhnen. Das ist eine große Stärke, weil sie uns nach Krisen wieder handlungsfähig macht. Gleichzeitig führt sie aber auch dazu, dass wir vieles vergessen, was wir uns in außergewöhnlichen Zeiten fest vorgenommen haben.
Vielleicht ist das kein Versagen, sondern Teil unserer Natur. Gerade deshalb halte ich Literatur für wichtig. Sie kann solche Momente festhalten, bevor sie im Lärm des Alltags verschwinden. Sie erinnert weniger daran, was wir gedacht haben, als daran, wer wir für einen Augenblick gewesen sind.

Die Sprache hatte sich verändert; aus „positiv“ wurde plötzlich „negativ“. Die Wahrnehmung war mit einem Mal eine ganz eigene. Selbst der Begriff „Zertifikat“ hat eine andere Färbung. Mussten Sie ihre Sprache suchen für diesen Roman?

Ja, ich glaube schon. Jede Zeit entwickelt ihre eigene Sprache. Während der Pandemie hatten plötzlich Wörter und Begriffe eine Bedeutung, die sie davor nie hatten. Manche davon wirken heute fast schon wie Zeitkapseln.
Beim Schreiben habe ich aber gemerkt, wie schnell diese Begriffe den ganzen Raum einnehmen. Sobald von Inzidenzen, Lockdowns oder Zertifikaten die Rede ist, ist die Zeit sofort wieder präsent. Gerade deshalb wollte ich sparsam damit umgehen.
Mich interessierte weniger die Sprache der Pandemie als die Sprache der Menschen während dieser Zeit. Wie sie miteinander gesprochen haben, wie vorsichtig oder scharf manche Gespräche plötzlich wurden, wie viel auch unausgesprochen blieb. Das schien mir wichtiger als die Begriffe selbst.
Ich hoffe deshalb, dass der Roman auch in einigen Jahren noch funktioniert. Vielleicht nicht mehr als Roman über die Pandemie, sondern als Roman über Menschen in einer Ausnahmesituation.

Glauben sie, dass das Vertrauen in Politik, Wissenschaft und Fachleute nicht bleibenden Schaden genommen hat und dass es all die Instanzen bisher verstanden, dieses Vertrauen wieder herzustellen?

Vertrauen lässt sich schwer messen. Ich glaube aber, dass es leichter verloren geht, als es wieder entsteht.
Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass Wissenschaft, Politik und Medien in Krisenzeiten unter einem enormen Erwartungsdruck stehen. Gleichzeitig erwarten wir von ihnen Sicherheit – gerade in Situationen, in denen es sie oft gar nicht geben kann. Aus dieser Spannung sind viele Enttäuschungen entstanden.
Ich glaube allerdings nicht, dass Vertrauen durch Appelle oder Kampagnen zurückkehrt. Es entsteht langsam, durch Transparenz, durch die Bereitschaft, Unsicherheiten offen auszusprechen, und vielleicht auch durch die Fähigkeit, im Rückblick Fehler einzugestehen. Das gilt für Institutionen genauso wie für jeden einzelnen Menschen.
Mein Roman gibt darauf bewusst keine Antwort. Er beschreibt vielmehr, wie es sich anfühlt, wenn Vertrauen ins Wanken gerät. Die Frage, wie es wieder entstehen kann, muss jede Gesellschaft immer wieder neu beantworten.

Gernot Rainer, geboren 1978 in Klagenfurt, lebt als Facharzt für Lungenheilkunde in Wien. 2015 gründete er die Ärztegewerkschaft Asklepios, um auf Missstände im Gesundheitswesen aufmerksam zu machen. Als Gastkommentator schreibt er über gesellschaftliche Verantwortung und die Rolle von Institutionen. In seinem Sachbuch „Kampf der Klassenmedizin“ (2017) beleuchtet er die Strukturen des österreichischen Gesundheitssystems. „Bruchlinien“ ist sein erster Roman.

Beitragsbild © Cynthia Fischer

Martin Piekar «Vom Fällen eines Stammbaums», Rowohlt

Der preisgekrönte Dichter glänzt mit seinem Romandebüt, das bei der Lektüre in die Knochen fährt. Die Geschichte einer Mutter-Sohnbeziehung, die schmerzt. Ein Roman über Fremdsein, Abhängigkeit und Liebe. Die Geschichte jener, die sich in ihrer Verantwortung fast verlieren – und ein Buch über ein grosses Stück des 20. Jahrhunderts.

Marcim und seine Mutter leben in einer kleinen Zweizimmerwohnung in einer deutschen Stadt. Sie wuchs in Polen auf, floh zusammen mit ihrem Mann nach Deutschland. Ihr Mann ging nach Polen zurück, als Marcim 4 war, überliess er die beiden sich selbst, Marcim und seine Mutter zusammen, sich selbst und dem andern ausgesetzt. Die Mutter trägt ein vielfaches Trauma in sich; jenes der Verlassenen, jenes der Heimatlosen, jenes ihrer Eltern; ihre Mutter, Marcims Grossmutter floh einst aus einem sowjetischen Gulag und ihr Vater war im gleichen Lager ehemaliger SS-Major, ein Nazi. Marcims Mutter arbeitete Jahrzehnte in deutschen Pflegeheimen, genau dort, wo sie selbst nie hinwollte, Marcim das Versprechen erzwang, sie niemals in eine solche Einrichtung zu stecken. Marcims Mutter war einst Lehrerin in Polen. Aber in Deutschland war ihre einzige Chance, Arbeit zu bekommen, die in einer Pflegeeinrichtung, dort, wo allerorten Personalmangel herrscht und Pflegende unter denkbar schlechten Bedingungen all das zu kompensieren versuchen, was eine überalterte Gesellschaft nicht in der Lage ist, würdig zu organisieren.

Die Fremdheit und die Heimat trage ich zugleich. Dieses Gefühl nenne ich Bastard.

Ich begleite lesend Marcim und seine Mutter in den Jahren, in denen Marcim sich immer mehr und drängender seiner Rolle als Sohn bewusst wird. Nicht nur jener eines jungen Mannes, der seiner Mutter, die von der Gesellschaft isoliert im Kleinkosmos einer engen Zweizimmerwohnung zu überleben versucht und der Mutter jenes Versprechen gegeben hat, auch jener einer immer älter und kränklicher werdenden Frau, die ihre Traumatas mit Alkohol und Nikotin auszuhalten versucht, die laut mit den Wänden spricht, die den Sohn zudeckt mit überschäumender Liebe und schäumender Wut. Und jene eines Sohnes, eines Jugendlichen, eines Mannes, der in Sohnespflichten fast erdrückt wird, der nach Atem schnappt und sich glücklicherweise in Musik und Poesie einen Rettungsring greifen kann, der ihn vor dem Ertrinken rettet. Die Mutter mit Wodka und Zigaretten, der Sohn mit Videospielen, New Metal und Gedichten, die er früh zu schreiben beginnt. Für die Mutter ist er die Rettung, seine Rettung ist das Schreiben, das Glück, schnell Aufmerksamkeit und Anerkennung zu erhalten, nicht nur als Dichter, auch als Lehrer.

Je länger ich mich mit meinem Leben beschäftige, desto mehr merke ich, wie wichtig die Toten für mein Leben sind.

Martin Piekar «Vom Fällen eines Stammbaums»; Rowohlt, 2026, 464 Seiten, ISBN 978-3-498-00746-1

Martin Piekar erzählt aus der beklemmend engen Welt einer Mutter-Sohnbeziehung, die unzweifelhaft viel autobiographisches in sich trägt. Darunter sind Szenen, die derart bildlich werden, dass die Lektüre schmerzt. Eine immer schwächer werdende Mutter, die mit ihrem Leben, ihren Vorfahren, ihrer Geschichte, ihrer Herkunft hadert. Die sich nicht ergeben will, die auf verlorenem Posten kämpft, der das Trauma von Flucht, Heimatlosigkeit, Verrat und Verlassenwerdens aus der Seele schreit. Die damit ihren Sohn an sich kettet und Übermenschliches abverlangt. So sehr die beiden aneinandergebunden sind, so sehr spricht Liebe und Fürsorge aus dem, was zwischendurch wie Gewitterstürme durch die kleine Wohnung fegt. So sehr die Mutter ihre Geschichte aus ihrem Leben zu verdrängen versucht und doch immer und immer wieder von ihr eingeholt und überwältigt wird, so sehr versucht die Erzählstimme sich eben jener Geschichte zu stellen. Nicht nur aus Liebe und Respekt seiner Mutter gegenüber, sondern in der Erkenntnis, dass die Erinnerung das Erlebte ausdünnt, dass er seiner Mutter nur so nahe bleiben kann, auch über den Tod hinaus, wenn er erzählt, wenn er schildert, wenn er protokolliert.

Ich putze mir die Zähne, dabei blicke ich in den Spiegel und denke, dass ich meinem Leben nur zuschauen kann.

„Vom Fällen eines Stammbaums“ ist vieles. In erster Linie eine Liebeserklärung an eine verlorene Mutter, ebenso die Suche eines Bastards nach seinen Wurzeln. Gegen den Willen seiner Mutter macht sich Marcim auf den Weg nach Polen, trotz der Warnungen seiner Mutter, man werde ihn dort mit Sicherheit abstechen. Marcim trifft nicht nur das, was an Familie übriggeblieben ist, sogar seinen Vater, er trifft auch auf ein Stück Geschichte seines Landes, seiner Herkunft, das ihm bisher verborgen blieb. Eine Reise, die ihm Gewissheit und Verständnis schenkt – und wahrscheinlich auch noch mehr Kraft, seine Mutter bis zu ihrem letzten Tag zu begleiten.

Ein ungemein starker, ehrlicher Roman, durchsetzt von Musik und der Stimme einer Mutter, die selbst in ihrem Sprechen eine Heimatlose geworden ist. Ein vielschichter Roman, der es schafft, das Emotionale nicht überschwappen zu lassen, ohne die Nähe zu den Protagonisten zu verlieren. Und ein äusserst mutiges Buch; eine Selbstvergewisserung, eine Suche, sein Fundament.

Interview

Marcin und seine Mutter leben fast 30 Jahre auf engstem Raum zusammen. Eine symbiotische Beziehung, die viel Katastrophenpotenzial mit sich brachte, die mit den Jahren nicht nur räumlich sondern auch körperlich in der Enge fast erstickte. Marcin rettete seine Mutter. Er rettete sich in der Musik und der Poesie. Ist das die Insel, auf die sich der Schriftsteller und Dichter Martin Piekar rettete? Wie schafft man es, dass man auch wieder von der Insel runterkommt? Durch das Schreiben selbst?

– ob ich meine Mutter rettete… das weiß ich ehrlich gesagt nicht. Ich habe ihren Alkoholismus nicht kuriert, ihre Agoraphobie nicht. Gepflegt habe ich sie. Ich wünsche mir manchmal, ich hätte ihr durch ein noch schöneres Leben helfen können.
Das Schreiben selbst kann auch eine Insel sein, sie ist die Möglichkeit der gleichzeitigen Nähe und Distanz, Einsamkeit und Geborgenheit. Und ähnlich ist es auch in der Musik für mich. In manchen Songs fühle ich mich weniger allein. Manchmal braucht es Urlaub auf diesen Inseln. Das ist genauso eine Metapher wie keine. Der Mensch braucht auch den Urlaub, die Reise um mehr zu sich zu kommen. Deswegen mag ich auch Musik, die sehr emotional ist, chaotisch, wild, energetisch – die Musik ermöglicht es mir, mich emotional mehr auf mich einzulassen. Manchmal hab ich meine Lage erst durch die Musik besser verstanden. Lyrik und Lyrics sind nicht umsonst so verwandt und doch anders.Marcins Mutter redet mit den Wänden, manchmal leise, manchmal schreit sie. Marcins Mutter will und kann die Türen zum Flur nicht schliessen. Er bekommt alles mit; ihre Ausbrüche, ihr Saufen, ihr Hadern, ihr Flehen. Eine Kulisse, ein klaustrophobischer Schauplatz, der erdrückend sein könnte. Trotzdem schaffen sie es, dass ich Liebe lese, dass ich verstehen kann, dass gar Witz und Schalk aus den Szenen spricht. Gelang das von Beginn weg? War das ein Prozess?

Der Witz, der Schalk steckte im Leben meiner Mutter und steckt auch weiterhin in meinem. Humor ist eine mögliche Überlebensstrategie.
Lachen ist auch ein wunderschönes Geräusch der menschlichen Ausdrucksweise. D.h. ich finde, Menschen, die lachen, wunderschön.
Humor ist ein sehr wichtiges Mittel, weil es auch zeigt, wie ernst man Leben nimmt. Wer das Leben nehmen muss, wie es kommt, hat es leichter mit Lachen. Und damit verarbeitet man das Geschehen auch, es mag seltsam klingen aber Lachen verarbeitet direkt.
Die Welt ist manchmal irrwitzig. Und in diesem Irrsinn lachen zu können, gibt Kraft – es ist paradox, weil der Witz, den einer macht, der einem entgegenkommt, der passiert, lässt einen lachen, man entscheidet sich ja nicht, dass man etwas lustig findet – man lacht; in diesem Lachen, in der Vereinnahmung durch Humor, steckt etwas Befreiendes, der Ernst der Lage verschwindet nicht, aber die Ergriffenheit, in der man steckt, löst sich leicht.
Ganz viel des Humors ist einfach auch der Witz, der uns geholfen hat, unsere Gegenwart und Vergangenheit zu meistern. Sie lesen also direkt unseren Humor.

Marcins Mutter stirbt. Sie ist wohl stolz auf die Leistungen ihres schreibenden Sohnes, hat alles, jeden seiner Texte in Zeitschriften oder Anthologien in Kisten aufbewahrt. Wenn die Erzählstimme damit rechnete, seine Mutter würde den Text dereinst lesen, hätte sie die Liebe darin auch gelesen? 

Das weiß ich nicht. Und ich bin fein damit, es nie genau zu wissen. Es gibt in Beziehungen niemals diese völlige Klarheit, an die man sich manchmal klammern möchte.
Was ich weiß ist, meine Mutter hat viel von mir erwartet, mich gefordert, mich selten gelobt – aber vor anderen war sie immer stolz auf mich. Sie hat auch mit mir angegeben.
Ich hoffe, meine Mutter würde dieses Buch als Liebeserklärung verstehen, aber natürlich als eine kritische – ob dies so bei ihr ankäme, das weiß ich nicht.
Sie wollte auch Poetin sein, sie war es in ihrer Möglichkeit. Ich glaube, dass ich Poet geworden bin, hat sie an sich und mich glauben lassen. Ist durch diese internsive Auseinandersetzung Martin Piekar ein anderer geworden? Ist „Vom Fällen eines Stammbaums“ der literarische Prozess einer Abnabelung, eine Emanzipation? Sind sie durch diese schonungslose Ehrlichkeit in ihrem Text nicht noch dünnhäutiger geworden? Wie viel Risiko steckte in der Veröffentlichung dieses Romans?

Ich glaube, ich bin mir des Risikos immer noch nicht bewusst. Aber ich bin sehr davon überzeugt, dass zur eigenen Verletzlichkeit zu stehen, eine Stärke hervorbringt, die ich mit Hanteltraining nicht erreichen kann. Das was häufig Schonungslosigkeit im Kontext meines Romans genannt wird, ist mir auch wichtig – es bedeutet auch ehrlich mit sich zu sein. Das ist schon manchmal auch schmerzhaft; nur so bekomme ich auch eine Möglichkeit an mir zu arbeiten – ethisch, psychisch, persönlich. Mich selbst zu akzeptieren, wie ich bin – und meine Mutter auch – ist auch relevant dafür gewesen, welcher Schriftsteller ich sein will.
Lustigerweise, wenn Sie von Abnabelung und Emanzipation sprechen – um dieses Buch zu schreiben, musste ich ja wieder in jene Situationen gehen, ihnen nachfühlen, sie mental rekonstruieren, sie literarisieren. Die Distanz kommt dadurch, dass ich bereitwillig bin durch all das Geschehene durchzugehen, bewusst, mit Witz und Emotion.

In der Rezeption und Diskussion ihres Buches dreht sich viel um die Begriffe „Autobiographie“ und „Autofiktion“, eine Diskussion, die mich mehr und mehr ärgert. Nicht zuletzt darum, weil es Schreibende von der Schriftstellerei in die Ecke der Fachleute drängt. Jetzt sind sie ein Fachmann in Sachen „Selfcare“, Alkoholismus, gesellschaftliche Isolation… Ist dass nicht ein krasser Gegensatz zu ihrem Wahrgenommenwerden als Dichter und Poet?

Die Aufgabe eines Dichters ist meiner Ansicht nach die Welt und Aspekte ihrer durch neue Perspektiven und Sprache anders begreifbar zu machen. Dafür braucht es Fachkenntnis. Ob es Alkoholismus ist oder Botanik oder Doomscrolling. Ich glaube Dichter*innen müssen auch immer Fachleute werden. Recherche ist enorm wichtig, ebenso Phantasie.
Und Literatur kann andere Zugänge zu Themen schaffen als wissenschaftliche Sachbücher. Ich möchte das nicht gegeneinander stellen. Es ist mehr wie diverse Perspektiven auf Themen. Ich hatte schon viele Erkenntnisse durch Literatur. Ob ich erzählen kann, wie Sucht sich auf eine Eltern-Kind Beziehung auswirkt? – Ja. Ob ich klinische Entscheidungen bezüglich Entzugsprogrammen treffen sollte? – Nein.
Aber auch für mich als Historiker ist das so. Ich kenne mich sehr gut mit Kultur- und der Geistesgeschichte Europas aus – vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Wenn mich dann jemand zur antiken Architektur fragt, habe ich kaum Ahnung. Auch Fachleute sehen die Welt wie einen Käse – nur jeder sieht andere Löcher in der eigenen Kenntnis.

In „Vom Fällen eines Stammbaums“ räumen sie auf – bis ganz zuletzt, als sie auf dem letzten Stuhl in der leeren Wohnung ihrer Mutter sitzen. Haben sie ausgeräumt? Ist alles leer? Brauchte es dieses Buch, um erst recht durchzustarten? Eine Selbstvergewisserung?

Ich hoffe natürlich, dass dieses Buch gebraucht wird – auch von anderen Menschen als nur von mir. Dabei bin ich immer unsicher. Ich will Literatur machen, die nicht nur wichtig für mich ist. Da gibt es nicht so viel Gewissheit, der Zweifel schreibt immer mit.
Das Ausräumen war eher mental wichtig – aber auch eine Herausforderung. Das wollte ich literarisch darstellen. Die körperliche Anstrengung und auch die mentale Kraft, die notwendig ist, um so viele Gegenstände, die das Leben eines geliebten Menschen ausmachten, auszusortieren. – lustigerweise verkörpern manche Gegenstände ihre Menschen.
Die Wohnung des Aufwachsens zu leeren und abzugeben, fiel mir schwer. Ebenso war der Gedanke, dort dann einzuziehen, kurz da, aber dann schien es mir zu sehr ein Festhalten an der Vergangenheit zu sein. Die Vergangenheit ist immer in mir, ich bin ihre Manifestation. Aber es war ein Abschiednehmen, das mir wichtig war. Dieser Abschnitt meines Lebens war nun vorbei. Auch für das Vorbeisein, muss ich mich vorbereiten. Die Erschöpfung des Ausmistens war geradezu heilsam, nicht unbedingt angenehm.

Martin Piekar ist Gast an den Internationalen Tiroler Literaturtagen in Kufstein vom 11. – 13. September 2026

Martin Piekar, geboren 1990 in Bad Soden am Taunus, ist Schriftsteller, Lyriker, Lehrer und bringt seine Texte ebenso gerne auf die Bühne wie aufs Papier. Er veröffentlichte drei Lyrikbände: «Bastardecho» (2014), «Amokpervers» (2018) und zuletzt «Livestream & Leichen» (2023). Bei den 47. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt wurde er mit dem Kelag-Preis und dem BKS Bank-Publikumspreis ausgezeichnet. Für das Manuskript seines Debütromans erhielt er 2024 den Robert-Gernhardt-Preis und wurde 2025 für den Alfred Döblin-Preis nominiert. Martin Piekar lebt in Frankfurt am Main.  

Beitragsbild © Charlotte Werndt (Autorenfoto) & Martin Piekar

Nefeli Kavouras «Gelb, auch ein schöner Gedanke», Kiepenheuer & Witsch

Zwischen Sterbebegleitung, familiärer Entfremdung und kafkaesker Verwandlung: Nefeli Kavouras entfaltet in ihrem Debütroman eine Geschichte, die sich an existenzielle Fragen heranwagt. Dabei hinterlässt sie allerdings auch einige Fragezeichen.

Und der Tod riecht nach Rosinen
Gastrezension: Aline Anaïs Furter studierte Kunstgeschichte und Englisch an der Universität Basel. Im September beginnt sie den Masterstudiengang Kulturpublizistik an der ZHdK. Nach vier Jahren in Basel lebt sie seit kurzem in Zürich.

Georg, Ruth und Lea – Vater, Mutter und Tochter; Ehemann, Ehefrau und Kind. Diese Dreieckskonstellation bildet das Zentrum von Nefeli Kavouras’ Debütroman «Gelb, auch ein schöner Gedanke».

Seit sieben Jahren ist Georg schwer krank. Als der Arzt im Krankenhaus die Worte „Hospiz“ und „palliativ“ in den Raum stellt, entscheidet Ruth kurzerhand, ihren Mann nach Hause zu holen und selbst zu pflegen. Es ist Sommer, die 15-jährige Lea hat Ferien – und nutzt jede Gelegenheit, dem Haus zu entfliehen. Sie trifft sich mit Freund:innen am See und beschliesst, sich in Max zu verlieben, der in wenigen Sätzen zum Vaterersatz stilisiert wird (die mit dem Vater geteilten Orte – diese Orte könnten auch irgendwann Max und mir gehören). Mutter und Tochter entfernen sich zunehmend voneinander: Ruth lebt fortan im Sterbezimmer bei Georg, Lea überall sonst.

Was auf der Ebene der Figuren an Dialog ausbleibt, wird strukturell gespiegelt: In kurzen Kapiteln wechseln sich Ruths und Leas Perspektiven ab. Dieser Rhythmus wird genau einmal gebrochen – von Georg selbst. Nach dem ersten Drittel erhält er in einem biblisch anmutenden, lyrischen Einschub eine Stimme: Als niemand hinsah, erwachte Georg. Und so sprach Georg. Hier fällt auch der titelgebende Satz: Gelb, auch ein schöner Gedanke.

Zur Mitte des Romans erfolgt eine überraschende Zäsur: Georg wird zum Pferd. Mit der Verwandlung verschieben sich die Rollen zwischen Mutter und Tochter. Während Ruth in dem Gaul etwas Fremdes, Ekelhaftes, Bedrohliches erkennt, ist Lea vom Papapferd begeistert und kümmert sich hingebungsvoll. Die hinzugezogene Pferdespezialistin Edna Piotrowska bringt Georg schliesslich auf einen Gnadenhof, wo Lea fortan jede freie Minute verbringt. Edna wird für Lea zur Vertrauten, später auch zur Freundin Ruths.

Nefeli Kavouras «Gelb, auch ein schöner Gedanke», Kiepenheuer & Witsch, 240 Seiten, ISBN 978-3-462-00870-8

Im Zuge dieser Verwandlung wird doch etwas hölzern mit dem Wort «kafkaesk» auf «Die Verwandlung» von Franz Kafka verwiesen. Dort erwacht Gregor Samsa eines Morgens in verwandelter Gestalt und muss fortan seinen Platz im familiären Gefüge neu verhandeln. Ob die Namensverwandschaft – Georg und Gregor – als weiterer intertextueller Fingerzeig zu verstehen ist, sei dahingestellt.

Die Hamburgerin Nefeli Kavouras ist in der deutschen Literaturszene keine Unbekannte: Als Organisatorin und Moderatorin von Lesungen, als Podcasterin, als Kuratorin des Literaturprogramms der «altonale» sowie als Mitarbeiterin des mairisch Verlags hat sie sich längst einen Namen gemacht. Für einen Auszug aus ihrem Roman wurde sie 2023 mit dem Hamburger Literaturpreis ausgezeichnet; im vergangenen Jahr folgte eine Einladung zum Ingeborg-Bachmann-Preis.

Eingehend und empathisch widmet sie sich in «Gelb, auch ein schöner Gedanke» den Themen der Pflege, der (aktiven) Sterbehilfe, dem Loslassen und Nicht-loslassen-Können, der Trauer und den damit einhergehenden Verschiebungen innerhalb ohnehin fragiler Familienstrukturen. Auf gut 200 Seiten gelingt ihr ein in sich konsistenter Roman, dessen Aufbau stimmig abgerundet ist: Der Anfang nimmt das Ende vorweg und greift es später wieder auf.

Trotz der existenziellen Wucht der verhandelten Fragen droht der Text jedoch immer wieder in vorgefertigte Muster und Klischees zu rutschen. Manche Dialoge wirken bemüht, manche Metaphern allzu gefällig – etwa wenn Georgs Organe nach und nach das Licht ausschalten und bald Feierabend machen. Auch Textnachrichten wie Süsse, lass mich doch da sein für dich klingen eher nach übersetztem Young-Adult-Ton als nach eigenständiger literarischer Sprache.

Irritierend sind zudem einzelne pauschalisierende oder stereotype Bemerkungen der Figuren, wie wenn Ruth über eine Nachbarin sagt: Die ist fett geworden. Seit ihr Mann tot ist, hat sie richtig zugelegt, oder wenn Lea beim Rasieren der Beine über ihre Freundin anmerkt: Ich hatte noch nicht über Haarwuchs nachgedacht. Anna hingegen als Spanierin schon. Man könnte diese Sätze zwar als bewusste Spiegelungen des Innenlebens der Protagonistinnen lesen – als Ausdruck ihrer Überforderung, ihrer Engführung oder ihrer Unreife. Kombiniert mit den oben genannten, ebenfalls klischeehaft wirkenden Stellen, entsteht jedoch nicht der Eindruck einer bewussten Intention. Vielmehr bleiben solche Formulierungen weitgehend unreflektiert stehen.

So stellt sich am Ende die Frage, ob die Erzählung nicht auch von einer anderen Form – etwa der eines Jugendromans – profitiert hätte, wobei die vereinzelt expliziten sexuellen Anspielungen einer solchen Einordnung derzeit wohl noch im Weg stünden.

Dieser Text entstand im Rahmen eines Seminars zur Literaturkritik im Frühjahr 2026 an der Universität Basel unter der Leitung von Daniel Graf (Literaturkritiker beim Republik Magazin).
Rezension von Sina Aebischer zum gleichen Roman

Nefeli Kavouras, geboren 1996 in Bamberg, studierte Kulturwissenschaften in Lüneburg. Sie arbeitet für den mairisch Verlag, kuratiert das Literaturprogramm der »altonale«, führt mit Anselm Neft den Literaturpodcast »laxbrunch« und moderiert und organisiert regelmässig Lesungen. 2023 wurde sie für ihr Romanmanuskript mit dem Hamburger Literaturpreis ausgezeichnet. 2025 las sie auf Einladung von Laura de Weck daraus einen Auszug bei den 49. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt.

Beitragsbild © Stephan Obel

Martina Caluori «Schatten der Pinus», lectorbooks

Martina Caluoris Romandebüt „Schatten der Pinus“ ist ein 152 Seiten langes Fries der Innen- und Aussenwelten. Ein fast verlassener Campingplatz im Nirgendwo am Meer. Die vier, die geblieben sind, erwarten nichts mehr, leben ganz im Moment oder dämmern in Erinnerungen.

Es war einst ein Platz mit Kinderlärm, rufenden Eltern, Geruchswolken aus Sonnencreme und gegrilltem Fleisch, mit aufgespannten Sonnenschirmen und Fetzen von Musik. Geblieben sind eine Handvoll Gestrandeter, Zurückgebliebener, Ausharrender – und die Pinien, die von jeher ihre krummen Rücken nach dem Wind richten. Sand voller Abfall, Plastikresten. Das Meer ist grau geworden. Von Zeit zu Zeit werden sie mit dem Nötigsten versorgt, die geblieben sind in ihren Campingmobilen, die einst die Freiheit versprachen. Es ist nicht der Blick aufs Meer, nicht einmal auf die leise gewordenen Bewegnungen derer, die geblieben sind. Es ist der Blick nach innen, die Resignation, der Blick in blass werdende Vergangenheiten, die Restsehnsucht.

Vielleicht ist das die Gefahr der Vergangenheit: das sie nicht einfach war, sondern sich mit jedem Erinnern neu zeigt.

Martina Caluori «Schatten der Pinus», lectorbooka, 2026, 152 Seiten, CHF ca. 31.90, ISBN 978-3-907709-27-6

Phine, Jochen, Bo und eine namenlose, alte Frau; sie alle eingeschlossen sind in ihre eigene Geschichte, ihre eigene Welt, hadernd, trauernd, alleine, verlassen, einsam. Das einzige, was sie verbindet, ist der Ort, ein Leben ohne wirkliche Zukunft und das Gefühl des Vergessenseins. Gefangen von sich selbst. Nur manchmal sitzen die einen zusammen, trinken und sinnieren. Nur die alte Frau, die am Strand die langen Nadeln der Pinien sammelt, scheint sich einigermassen frei zu bewegen.

Martina Caluori erzählt keine Geschichte. Selbst die Erinnerungsfetzen, die in den ineinander verflochtenen Texten auftauchen und wieder verschwinden, sind Fragmente, Erinnerungsbilder, Gefühle, Stimmungen. Martina Caluori malt ein langes Bild, eine Stimmung, Szenen von Menschen, die sich nicht aufgegeben haben, aber auch nichts mehr von ihrem Leben erwarten, nicht einmal einen nächsten Tag. Mag sein, dass es die einen als Dystopie lesen, Bilder aus einer Zeit, in der der nächste Tag nur die Verlängerung der Gegenwart ist, in der man sich nicht einmal mehr in ein Zurück sehnt, in der man das Hoffen aufgegeben hat, von Menschen, die angesichts der grauen Gegenwart an den Farben der Vergangenheit zweifeln. Es geht bei Martina Caluoris Schilderungen nicht um die Erinnerungen selbst, nicht um die Bilder, nicht um die Inhalte, sondern was das Erinnern mit den ProtagonistInnen macht, den Akt selbst, das Hineinschauen.

Wenn du verhindern willst, dass sich Vergangenes verändert, müsstest du aufhören, daran zu denken.

Manchmal gibt es Bücher, die einem den gleichförmigen Lesefluss verweigern. Nicht weil die Spannung abbrechen würde, sondern weil einem bei der Lektüre Sätze anspringen, die sich festkrallen, mit denen man ringen muss, die nicht loslassen, die haften bleiben, sich nicht abschütteln lassen. In „Schatten der Pinus“ gibt es diese Sätze zuhauf. Manchmal staune ich einfach nur über die Klarheit eines solchen, die Weisheit oder die Prägnanz. Manchmal werfen sie mich aus dem Lesefluss, weil in meinem Kopf durch die Sätze eine Runde weg vom Text in meine eigene Gedankenwelt gemacht werden muss, weil mich das Nachdenken aufhält, weil ich es nicht zulassen will, so einfach über den einen oder anderen Satz hinwegzulesen.

Ein ungemein wundersames, atmosphärisches Buch.

im Literaturhaus Thurgau Gottlieben

Martina Caluori lebt als Lyrikerin und Autorin in der Schweiz. Nach einem Studium der Publizistik und Filmwissenschaften debütierte sie 2019 mit dem Lyrikband »Frag den Moment«, gefolgt von Mundartlyrik für »Öpadia: A Novella us Graubünda« (2021) und 2022 von ihrem Kurzprosadebüt »Weisswein zum Frühstück«. 2023 erschien ihr Gedichtband mit Audiowerk »Ich weine am liebsten in Klos« (beide lectorbooks). Für ihren Debütroman »Schatten der Pinus« (2026, lectorbooks) wurde sie mit dem Literarischen Werkbeitrag der Stadt Chur sowie mit dem Grossen Werkbeitrag des Kantons Graubünden ausgezeichnet.

Beitragsbild © Michel Gilgen

Nefeli Kavouras «Gelb, auch ein schöner Gedanke», Kiepenheuer & Witsch

In Nefeli Kavouras’ Debütroman «Gelb, auch ein schöner Gedanke» stirbt ein Ehemann und Vater über lange Zeit. Der Prozess des Abschieds verändert ihn und seine Familie.   

Der Tod als Verwandlung
Gastrezension: Sina Aebischer studiert Literaturwissenschaft in Basel und arbeitet für die Lesereihe Sofalesungen. Sie schreibt journalistisch für regionale Medien und literarisch als Teil des Kollektivs LITER. 

Die Beerdigungsgäste sind gegangen und wir wissen nicht, was wir mit den Kuchenresten anfangen sollen. Wir haben immer nur bis hierher geplant, nie weiter. Das Wir, mit dem die Hamburger Autorin Nefeli Kavouras ihren Roman «Gelb, auch ein schöner Gedanke» anfängt, besteht aus Ruth und Lea, Mutter und Tochter, Witwe und Halbwaise. Denn Georg ist gestorben, nach langer Zeit. Über Jahre hinweg hatte sich sein Zustand verschlechtert, bis Ruth ihn zur Palliativpflege nach Hause holte. Der Prolog nimmt das Ende der Geschichte vorweg, bevor Kavouras zurückkehrt in die Zeit des langsamen Sterbens. 

Für die gemeinsame Tochter ist die Präsenz des todkranken Vaters nur schwer zu ertragen: Wenn Mama ihn nicht so bescheuert pflegen würde, wäre er längst tot, und ich hätte ein richtiges Leben. Die Fünfzehnjährige wünscht sich ein ganz normales Teenager-Dasein ohne sterbenden Vater. Ruth hingegen steckt ihre ganze Energie in die Pflege Georgs und wünscht sich von Lea mehr Verständnis und Nähe zu ihm. Diese ekelt sich vor dem kranken Vaterkörper: Sein Körper ist unförmig und nur halb lebendig und komisch weich. Sein Körper stinkt und gibt Geräusche von sich, sein Körper gehört nicht mehr richtig zu ihm. Kavouras nähert sich dem sterbenden Körper ohne falsche Scheu, sie beschreibt, wie er sich verändert, wie er aussieht und riecht. Es gelingt ihr, ein Porträt des Sterbens zu zeichnen, indem sie den Prozess des Ablebens anhand der Angehörigen und ihres Empfindens ganz genau beobachtet. 

Kavouras lässt Ruth und Lea in kurzen Kapiteln abwechselnd zu Wort kommen. Jedes Kapitel trägt einen Titel, viele davon sind ziemlich humorvoll. Sowieso schleichen sich immer wieder Momente der Leichtigkeit in das eigentlich so schwere Buch. Lea verbringt einen Sommer damit, ihre eigene Liebesgeschichte zu planen, eine Teenager-Romanze, die durch ihre Unbeholfenheit die düstere Stimmung auflockert und erinnert, dass der Tod in Leas Leben zwar allgegenwärtig aber nicht das einzige Thema ist. 

Nefeli Kavouras «Gelb, auch ein schöner Gedanke», Kiepenheuer & Witsch, 240 Seiten, CHF ca. 33.90, ISBN 978-3-462-00870-8

Währenddessen versinkt Ruth in der Überforderung der Pflege, die sie längst alle Freundschaften und jeglichen Alltag gekostet hat. Manchmal vergesse ich, dass auch andere Menschen Themen haben, die sie beschäftigen, stellt Ruth fest. Themen, für die sie keine Kapazität hat, zu viel Platz nehmen das Sterben und die Trauer ein. Mutter und Tochter verlieren sich aus den Augen, leben aneinander vorbei, können die jeweils andere Perspektive nicht mehr nachvollziehen. Bis etwas gänzlich Unerwartetes passiert: Georg verwandelt sich in ein Pferd, ein Kunstgriff wie bei Kafka, auf dessen Werk der Text explizit verweist. 

Der Moment vor der Verwandlung ist der einzige, in dem Georg selbst zu Wort kommt. Ein paar Sätze wie aus einer Traumsequenz, dann wird der Sterbende wieder von Ruth und Lea abgelöst, deren Rollen sich mit der Verwandlung Georgs ändern. Lea wird zur zuverlässigen Pflegerin, während Ruth nicht mehr weiss wohin mit sich selbst. Dort, wo ein kranker Mann gepflegt werden musste, ist jetzt plötzlich frei nutzbare Zeit und ein Leben, das gefüllt werden will. 

Mit Georgs Verwandlung wirft der Roman Fragen nach unserem Umgang mit Krankheit und Tod auf. Ruth und Lea dienen dabei durch ihr gegensätzliches Verhalten exemplarisch und stellenweise ein wenig platt als Beispiel, wie eine Geschichte des Sterbens und der Trauer ablaufen kann. Lea als mürrischer Teenager, Ruth als aufopferungsvolle Ehefrau: Teils wirken sie eher wie Schablonen denn als ausgearbeitete Charaktere. Aber dann gibt es immer wieder Sätze, mit denen Kavouras direkt in die tiefe Menschlichkeit der Trauererfahrung vordringt: Drei, das Leben ist ja doch voller Leben. Zwei, es gibt Dinge, auf die ich mich freuen darf. Eins, ich werde immer einen Vater gehabt haben.

Mit Ruth und Lea zerrt Kavouras die Tabuthemen Trauer und Tod ins Scheinwerferlicht. Denn auch wenn Lea möchte, dass sie einfach mal an etwas anderes denken kann: Dem Sterben entkommen, kann sie nicht. Das Sterben wird im Roman zu einem Protagonisten, der nicht an den Rand oder das Ende eines Lebens gedrängt wird, sondern sich mittenrein setzt und bleibt. Und trotz allem einen leisen Optimismus zulässt. 

Dieser Text entstand im Rahmen eines Seminars zur Literaturkritik im Frühjahr 2026 an der Universität Basel unter der Leitung von Daniel Graf (Literaturkritiker beim Republik Magazin).

Nefeli Kavouras, geboren 1996 in Bamberg, studierte Kulturwissenschaften in Lüneburg. Sie arbeitet für den mairisch Verlag, kuratiert das Literaturprogramm der »altonale«, führt mit Anselm Neft den Literaturpodcast »laxbrunch« und moderiert und organisiert regelmässig Lesungen. 2023 wurde sie für ihr Romanmanuskript mit dem Hamburger Literaturpreis ausgezeichnet. 2025 las sie auf Einladung von Laura de Weck daraus einen Auszug bei den 49. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt.

Beitragsbild © Stephan Obel

Jehona Kicaj «ë», Wallstein

Der Buchstabe ë im Albanischen ist ein Buchstabe, der oft stumm bleibt. Eine Art Platzhalter. Vielleicht ein Platzhalter für all das Unausgesprochene, Verschwiegene. Dass die junge Autorin Jehona Kicaj mit ihrem Debüt „ë“ den Versuch einer Sprachfindung all dessen unternimmt, was ihre Heimat in ein kollektives Trauma trieb, ist mutig und mit dem Roman ein Sprachkunstwerk. Eine Ergründung der Sonderklasse!

Der 2006 im Gefängnis in Den Haag verstorbene ehemalige serbische Präsident Slobodan Milošević wurde als Kriegsverbrecher verurteilt, verantwortlich für tausendfachen Mord an unschuldiger Zivilbevölkerung. Einer der vielen Exponenten unmenschlicher Aktionen während der Balkankriege nach dem Zusammenbruch Jugoslawiens. Wie fatal zu glauben, dass all die Gräueltaten von damals, auf welcher Konfliktseite auch immer, mit Friedensverhandlungen und Waffenruhe zu Ende wären. Was damals tiefe Wunden ins Kollektiv ganzer Bevölkerungsgruppen riss, ist nicht mit einem Datum zu befrieden. Jene Wunden schmerzen noch immer. Die Narben nässen. Sollte der Angriffskrieg Putins in der Ukraine jemals ein Ende finden, der Bürgerkrieg im Sudan, das Blutvergiessen in Syrien und im Iran oder der tödliche Hass zwischen Juden und Palästinensern, wird es Generationen des aktiven Versöhnens brauchen, um wirklich zu befrieden, um den in die Gene eingeschriebenen Schmerz zu lindern, ein friedliches Nebeneinander zu ermöglichen.

Jehova Kicaj «ë», Wallstein, 2025, 176 Seiten, CHF ca. 29.90, ISBN 978-3-8353-5949-9

Jehona Kicajs Roman ist der literarische Versuch, Antworten zu bekommen, genau diesen Schmerz zu lokalisieren. Jenen Schmerz, der dann auftritt, wenn sie, die sie im Kosovo aufwuchs und in Deutschland studierte, feststellen muss, mit wie viel Unverständnis, Ignoranz und Ahnungslosigkeit einem Stück Geschichte begegnet wird, das nur zwei Generationen von der Gegenwart entfernt liegt.

Ich komme von einem Ort, der verwüstet worden ist. Ich wurde in einem Haus geboren, das niederbrannte. Ich hörte Schlaflieder in einer Sprache, die unterdrückt wurde. Ich möchte antworten: Ich komme aus der Sprachlosigkeit.

Die namenlose Erzählerin, die wohl albanisch spricht, aber für vieles die Worte nicht findet, die es bräuchte, um das zu sagen, was ihr nicht nur auf der Zunge, sondern auf dem Herzen liegt, wacht eines Morgens mit einem Zahnsplitter im Mund auf. Beim Zahnarzt wird sehr schnell klar, dass der Splitter das Resultat einer akuten Verkrampfung im Kiefer ist. Sie mahlt nachts mit ihren Zähnen. Die Erzählerin macht sich auf die Suche nach den Ursachen für dieses Mahlen. Bis in den Hörsaal einer Universität, wo eine deutsche Forensikerin über ihre Arbeit in den Kriegsgebieten erzählt, „Die Rolle der forensischen Anthropologie in Gewaltszenarien des 20. Jahrhunderts“, von der Suche nach Beweisen für all die Verbrechen, die ohne solche Arbeit ungesühnt bleiben würden. Bis in Konfratationen mit Menschen, die wie sie das Unausgesprochene wie einen Stein mit sich herumtragen. Kein Wunder löst sich irgendwann ein Splitter aus diesem Stein.

Auch wenn auf dem Debüt der 1990 im Kosovo geborenen Autorin „Roman“ steht, müsste viel eher „Ergründung“ stehen. „ë“ ist eine literarische Reflexion, was Sprachlosigkeit, die Unfähigkeit des Aussprechens, das „Keine-Worte-finden“ auslöst. Als der Kosovokrieg 1998 und 1999 wütete, flüchtete ihre Familie nach Deutschland. Was damals passierte, nicht zuletzt mit ihrer Muttersprache, drohte unter einer dicken Schicht Schutt und Sprachlosigkeit zu versteinern. Was Jehona Kicaj mit ihrem Roman gelingt, ist eine ungemein zärtliche und behutsame Konfrontation mit einem Stück ihrer selbst, einem tiefen Schmerz. Jehona Kicaj tut dies ohne Schuldzuweiung, auch wenn mich einzelne Passagen des Buches ganz unmittelbar mit den Gräueln jener Zeit konfrontieren.

„ë“ ist genau das, was es braucht, damit die Wunden nicht mehr nässen. Ich bewundere die Autorin für ihren Mut, die Kraft, sich all dem zu stellen und die Fähigkeit, daraus ein äusserst beeindruckendes Buch zu machen.

Jehona Kicaj, geb. 1991 in Kosovo und aufgewachsen in Göttingen, studierte Philosophie, Germanistik und Neuere Deutsche Literaturwissenschaft in Hannover. Nach wissenschaftlichen Publikationen erscheinen von ihr seit 2020 auch literarische Texte. Sie ist Mitherausgeberin der Anthologie «Und so blieb man eben für immer. Gastarbeiter:innen und ihre Kinder» (2023). Der Roman «ë» ist ihr Debüt.

Beitragsbild © Carl Philipp Roth

Julia Sutter «Und das wäre erst der Anfang», FVA

Krystina taumelt. Krystina ist 27. Es braucht nicht mehr viel, die Masterarbeit, die eine oder andere Entscheidung, und dann … Aber seit dem Tod ihrer Mutter ist nichts mehr so, wie es einmal war. Mit der Krankheit, dem Sterben und dem Tod bricht alles weg, auch der Boden, auf dem Krystina ihr junges Leben eingerichtet hatte.

Die St.Gallerin Julia Sutter (1987) befasst sich in ihrem Debütroman «Und das wäre erst der Anfang» mit der Orientierungslosigkeit nach dem frühen Tod eines Elternteils. Wenn jenes Gefüge, in dem man sich in Sicherheit wähnte, zu wanken beginnt. Wenn, wie bei Krystina, der Sturm so sehr wütet, dass er alles mitzureissen droht, woran man sich im Leben orientiert.

Krystinas Mutter stirbt an Krebs. Krystina ist die Jüngste. Ihre drei Schwestern verarbeiten Krankheit, Sterben und Tod der Mutter ganz unterschiedlich. Während Lisa genug zu tun hat mit ihrer eigenen Familie, ihrer Mutterschaft, Agnes auf Distanz geht und Zischge in ihren Forschungsprojekten Halt sucht, wankt Krystina – obwohl sie in Job und Beziehung alles hat, was ihr Sicherheit geben könnte: Arbeit bei einem Forschungsprojekt, das sich um den Zustand der heimischen Fichtenwälder bemüht und Maurin, ihren Freund, der in der Drogerie, in der er arbeitet, aufsteigen soll.

Julia Sutter «Und das wäre erst der Angang», Frankfurter Verlagsanstalt, 2026, 384 Seiten, CHF ca. 37.90, ISBN 978-3-627-00346-3

Aber Krystina schlingert. Und nicht einmal ihre Nächsten können sie aus diesem Taumeln befreien. Im Gegenteil: DasVerhalten ihres Vaters, der nach dem Tod der Mutter rasch mit der Entsorgung beginnt und nicht nur den Garten, das Reich ihrer Mutter sträflich vernachlässigt, sondern den Umzug in eine Wohnung plant, macht alles schlimmer. Im Gegenteil: Das Bemühen ihres Freundes, der alles versucht und alles in den falschen Hals manövriert, dessen Nähe Krystina immer weniger erträgt, verschärft die Lage nur noch weiter. Auch bei der Arbeit schwankt das Schiff. Ihre Arbeitspartnerin, zu der sich die Protagonistin hingezogen fühlt, scheint in eine Art Extremismus wegzukippen und wird irgendwann von ihren Vorgesetzten wegen Unregelmässigkeiten freigestellt.

Krystina sucht nach dem, was sie mit dem Tod ihrer Mutter verloren hat. Irgendwann sogar im ehemaligen Garten, von dem damals die Familie weggezogen war, wo Krystina und ihre Schwestern ihre Kindheit verbrachten, jenen Teil ihres Lebens, in dem sie sich aufgehoben fühlte, auch wenn damals schon Risse auftauchten. Risse, die sie nicht sehen wollte.

Mit der Familie ist es dasselbe wie mit den Bienen und Wespen. Auch wenn man ihnen die vielen schmerzhaften Stiche nicht verzeiht, formt man dennoch ohne Zögern die Hände zu Schöpfern, sobald man eins der Tierchen im dunklen Brunnenwasser zappeln sieht.

Das Debüt «Und das wäre erst der Anfang» von Julia Sutter erzählt mit Rückblenden in die Kindheit vom drohenden Zerfall einer Familie. Es sind die Mütter, die die Familie zusammenhalten, die auszugleichen wissen, die seismographisch erspüren, wenn Erschütterungen das Fundament erzittern lassen. 

Und gleichzeitig schreibt Julia Sutter vom Schmerz all jener Versäumnisse, für die sich ihre Protagonistin verantwortlich macht, von all dem Konjunktiv, den ihre Mutter vielleicht vor dem viel zu frühen Sterben bewahrt hätte. Nichts und niemand kann sie trösten. Der Roman schildert den unwillkürlichen Sog der Selbstzerfleischung, des Sich Verlierens, der Orientierungslosigkeit. Wie sehr eine junge Frau im Blick auf ihre Mitwelt den Blick auf sich selbst verliert. 

Dabei psychologisiert Julia Sutter nur unterschwellig. Sie erzählt in maximaler Nähe zu ihrer Protagonistin, was während der Lektüre eine beinahe klaustrophobische Enge erzeugt. Die Thematik, die Art des Erzählens – Sutters Schilderungen haben alles, was mir den Atem nehmen könnte. Aber die Autorin tut in ihrer Sprache genau das Gegenteil dessen, was der Gang der Geschichte tut. Sie öffnet eine Welt, eine immer ausweglosere Situation, die wie ein schwarzes Loch alles in sich hineinsaugt. Dieser Sog der Zerfleischung reisst beim Lesen auch an mir, ohne dass es mich in die Tiefe zieht.

«Und das wäre erst der Anfang» ist von überraschender Reife. Überraschend, weil es weit weg von autobiographischer Bewältigung angesiedelt ist. Ich staune über den langen Atem der Autorin, über die Prägnanz ihrer Sprache. Darüber, wie sie es immer wieder versteht, die mäandernde Handlung auf den Punkt zu bringen. 

Sutter ist ein Roman gelungen, der ein Spiegelkabinett unserer Gesellschaft ist – einer taumelnden Gesellschaft, einer Welt, der die Endlichkeit droht. Voller dezenter Metaphern wie der Garten der Mutter, um den sich niemand kümmert, und der Garten der Mutter Erde, dem es genauso ergeht.

Julia Sutter, geboren 1987, lebt mit ihrer Familie in St. Gallen. Sie absolvierte den Bachelor in Literarischem Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. Zur Förderung ihrer literarischen Projekte und für die Arbeit an »Und das wäre erst der Anfang« erhielt sie Atelierstipendien sowie Werkbeiträge von Stadt und Kanton St. Gallen. Neben dem Schreiben arbeitet sie in der Abteilung Kommunikation der reformierten Kantonalkirche.

Beitragsbild © Hanes Sturzenegger