Martin Piekar «Vom Fällen eines Stammbaums», Rowohlt

Der preisgekrönte Dichter glänzt mit seinem Romandebüt, das bei der Lektüre in die Knochen fährt. Die Geschichte einer Mutter-Sohnbeziehung, die schmerzt. Ein Roman über Fremdsein, Abhängigkeit und Liebe. Die Geschichte jener, die sich in ihrer Verantwortung fast verlieren – und ein Buch über ein grosses Stück des 20. Jahrhunderts.

Marcim und seine Mutter leben in einer kleinen Zweizimmerwohnung in einer deutschen Stadt. Sie wuchs in Polen auf, floh zusammen mit ihrem Mann nach Deutschland. Ihr Mann ging nach Polen zurück, als Marcim 4 war, überliess er die beiden sich selbst, Marcim und seine Mutter zusammen, sich selbst und dem andern ausgesetzt. Die Mutter trägt ein vielfaches Trauma in sich; jenes der Verlassenen, jenes der Heimatlosen, jenes ihrer Eltern; ihre Mutter, Marcims Grossmutter floh einst aus einem sowjetischen Gulag und ihr Vater war im gleichen Lager ehemaliger SS-Major, ein Nazi. Marcims Mutter arbeitete Jahrzehnte in deutschen Pflegeheimen, genau dort, wo sie selbst nie hinwollte, Marcim das Versprechen erzwang, sie niemals in eine solche Einrichtung zu stecken. Marcims Mutter war einst Lehrerin in Polen. Aber in Deutschland war ihre einzige Chance, Arbeit zu bekommen, die in einer Pflegeeinrichtung, dort, wo allerorten Personalmangel herrscht und Pflegende unter denkbar schlechten Bedingungen all das zu kompensieren versuchen, was eine überalterte Gesellschaft nicht in der Lage ist, würdig zu organisieren.

Die Fremdheit und die Heimat trage ich zugleich. Dieses Gefühl nenne ich Bastard.

Ich begleite lesend Marcim und seine Mutter in den Jahren, in denen Marcim sich immer mehr und drängender seiner Rolle als Sohn bewusst wird. Nicht nur jener eines jungen Mannes, der seiner Mutter, die von der Gesellschaft isoliert im Kleinkosmos einer engen Zweizimmerwohnung zu überleben versucht und der Mutter jenes Versprechen gegeben hat, auch jener einer immer älter und kränklicher werdenden Frau, die ihre Traumatas mit Alkohol und Nikotin auszuhalten versucht, die laut mit den Wänden spricht, die den Sohn zudeckt mit überschäumender Liebe und schäumender Wut. Und jene eines Sohnes, eines Jugendlichen, eines Mannes, der in Sohnespflichten fast erdrückt wird, der nach Atem schnappt und sich glücklicherweise in Musik und Poesie einen Rettungsring greifen kann, der ihn vor dem Ertrinken rettet. Die Mutter mit Wodka und Zigaretten, der Sohn mit Videospielen, New Metal und Gedichten, die er früh zu schreiben beginnt. Für die Mutter ist er die Rettung, seine Rettung ist das Schreiben, das Glück, schnell Aufmerksamkeit und Anerkennung zu erhalten, nicht nur als Dichter, auch als Lehrer.

Je länger ich mich mit meinem Leben beschäftige, desto mehr merke ich, wie wichtig die Toten für mein Leben sind.

Martin Piekar «Vom Fällen eines Stammbaums»; Rowohlt, 2026, 464 Seiten, ISBN 978-3-498-00746-1

Martin Piekar erzählt aus der beklemmend engen Welt einer Mutter-Sohnbeziehung, die unzweifelhaft viel autobiographisches in sich trägt. Darunter sind Szenen, die derart bildlich werden, dass die Lektüre schmerzt. Eine immer schwächer werdende Mutter, die mit ihrem Leben, ihren Vorfahren, ihrer Geschichte, ihrer Herkunft hadert. Die sich nicht ergeben will, die auf verlorenem Posten kämpft, der das Trauma von Flucht, Heimatlosigkeit, Verrat und Verlassenwerdens aus der Seele schreit. Die damit ihren Sohn an sich kettet und Übermenschliches abverlangt. So sehr die beiden aneinandergebunden sind, so sehr spricht Liebe und Fürsorge aus dem, was zwischendurch wie Gewitterstürme durch die kleine Wohnung fegt. So sehr die Mutter ihre Geschichte aus ihrem Leben zu verdrängen versucht und doch immer und immer wieder von ihr eingeholt und überwältigt wird, so sehr versucht die Erzählstimme sich eben jener Geschichte zu stellen. Nicht nur aus Liebe und Respekt seiner Mutter gegenüber, sondern in der Erkenntnis, dass die Erinnerung das Erlebte ausdünnt, dass er seiner Mutter nur so nahe bleiben kann, auch über den Tod hinaus, wenn er erzählt, wenn er schildert, wenn er protokolliert.

Ich putze mir die Zähne, dabei blicke ich in den Spiegel und denke, dass ich meinem Leben nur zuschauen kann.

„Vom Fällen eines Stammbaums“ ist vieles. In erster Linie eine Liebeserklärung an eine verlorene Mutter, ebenso die Suche eines Bastards nach seinen Wurzeln. Gegen den Willen seiner Mutter macht sich Marcim auf den Weg nach Polen, trotz der Warnungen seiner Mutter, man werde ihn dort mit Sicherheit abstechen. Marcim trifft nicht nur das, was an Familie übriggeblieben ist, sogar seinen Vater, er trifft auch auf ein Stück Geschichte seines Landes, seiner Herkunft, das ihm bisher verborgen blieb. Eine Reise, die ihm Gewissheit und Verständnis schenkt – und wahrscheinlich auch noch mehr Kraft, seine Mutter bis zu ihrem letzten Tag zu begleiten.

Ein ungemein starker, ehrlicher Roman, durchsetzt von Musik und der Stimme einer Mutter, die selbst in ihrem Sprechen eine Heimatlose geworden ist. Ein vielschichter Roman, der es schafft, das Emotionale nicht überschwappen zu lassen, ohne die Nähe zu den Protagonisten zu verlieren. Und ein äusserst mutiges Buch; eine Selbstvergewisserung, eine Suche, sein Fundament.

Interview

Marcin und seine Mutter leben fast 30 Jahre auf engstem Raum zusammen. Eine symbiotische Beziehung, die viel Katastrophenpotenzial mit sich brachte, die mit den Jahren nicht nur räumlich sondern auch körperlich in der Enge fast erstickte. Marcin rettete seine Mutter. Er rettete sich in der Musik und der Poesie. Ist das die Insel, auf die sich der Schriftsteller und Dichter Martin Piekar rettete? Wie schafft man es, dass man auch wieder von der Insel runterkommt? Durch das Schreiben selbst?

– ob ich meine Mutter rettete… das weiß ich ehrlich gesagt nicht. Ich habe ihren Alkoholismus nicht kuriert, ihre Agoraphobie nicht. Gepflegt habe ich sie. Ich wünsche mir manchmal, ich hätte ihr durch ein noch schöneres Leben helfen können.
Das Schreiben selbst kann auch eine Insel sein, sie ist die Möglichkeit der gleichzeitigen Nähe und Distanz, Einsamkeit und Geborgenheit. Und ähnlich ist es auch in der Musik für mich. In manchen Songs fühle ich mich weniger allein. Manchmal braucht es Urlaub auf diesen Inseln. Das ist genauso eine Metapher wie keine. Der Mensch braucht auch den Urlaub, die Reise um mehr zu sich zu kommen. Deswegen mag ich auch Musik, die sehr emotional ist, chaotisch, wild, energetisch – die Musik ermöglicht es mir, mich emotional mehr auf mich einzulassen. Manchmal hab ich meine Lage erst durch die Musik besser verstanden. Lyrik und Lyrics sind nicht umsonst so verwandt und doch anders.Marcins Mutter redet mit den Wänden, manchmal leise, manchmal schreit sie. Marcins Mutter will und kann die Türen zum Flur nicht schliessen. Er bekommt alles mit; ihre Ausbrüche, ihr Saufen, ihr Hadern, ihr Flehen. Eine Kulisse, ein klaustrophobischer Schauplatz, der erdrückend sein könnte. Trotzdem schaffen sie es, dass ich Liebe lese, dass ich verstehen kann, dass gar Witz und Schalk aus den Szenen spricht. Gelang das von Beginn weg? War das ein Prozess?

Der Witz, der Schalk steckte im Leben meiner Mutter und steckt auch weiterhin in meinem. Humor ist eine mögliche Überlebensstrategie.
Lachen ist auch ein wunderschönes Geräusch der menschlichen Ausdrucksweise. D.h. ich finde, Menschen, die lachen, wunderschön.
Humor ist ein sehr wichtiges Mittel, weil es auch zeigt, wie ernst man Leben nimmt. Wer das Leben nehmen muss, wie es kommt, hat es leichter mit Lachen. Und damit verarbeitet man das Geschehen auch, es mag seltsam klingen aber Lachen verarbeitet direkt.
Die Welt ist manchmal irrwitzig. Und in diesem Irrsinn lachen zu können, gibt Kraft – es ist paradox, weil der Witz, den einer macht, der einem entgegenkommt, der passiert, lässt einen lachen, man entscheidet sich ja nicht, dass man etwas lustig findet – man lacht; in diesem Lachen, in der Vereinnahmung durch Humor, steckt etwas Befreiendes, der Ernst der Lage verschwindet nicht, aber die Ergriffenheit, in der man steckt, löst sich leicht.
Ganz viel des Humors ist einfach auch der Witz, der uns geholfen hat, unsere Gegenwart und Vergangenheit zu meistern. Sie lesen also direkt unseren Humor.

Marcins Mutter stirbt. Sie ist wohl stolz auf die Leistungen ihres schreibenden Sohnes, hat alles, jeden seiner Texte in Zeitschriften oder Anthologien in Kisten aufbewahrt. Wenn die Erzählstimme damit rechnete, seine Mutter würde den Text dereinst lesen, hätte sie die Liebe darin auch gelesen? 

Das weiß ich nicht. Und ich bin fein damit, es nie genau zu wissen. Es gibt in Beziehungen niemals diese völlige Klarheit, an die man sich manchmal klammern möchte.
Was ich weiß ist, meine Mutter hat viel von mir erwartet, mich gefordert, mich selten gelobt – aber vor anderen war sie immer stolz auf mich. Sie hat auch mit mir angegeben.
Ich hoffe, meine Mutter würde dieses Buch als Liebeserklärung verstehen, aber natürlich als eine kritische – ob dies so bei ihr ankäme, das weiß ich nicht.
Sie wollte auch Poetin sein, sie war es in ihrer Möglichkeit. Ich glaube, dass ich Poet geworden bin, hat sie an sich und mich glauben lassen. Ist durch diese internsive Auseinandersetzung Martin Piekar ein anderer geworden? Ist „Vom Fällen eines Stammbaums“ der literarische Prozess einer Abnabelung, eine Emanzipation? Sind sie durch diese schonungslose Ehrlichkeit in ihrem Text nicht noch dünnhäutiger geworden? Wie viel Risiko steckte in der Veröffentlichung dieses Romans?

Ich glaube, ich bin mir des Risikos immer noch nicht bewusst. Aber ich bin sehr davon überzeugt, dass zur eigenen Verletzlichkeit zu stehen, eine Stärke hervorbringt, die ich mit Hanteltraining nicht erreichen kann. Das was häufig Schonungslosigkeit im Kontext meines Romans genannt wird, ist mir auch wichtig – es bedeutet auch ehrlich mit sich zu sein. Das ist schon manchmal auch schmerzhaft; nur so bekomme ich auch eine Möglichkeit an mir zu arbeiten – ethisch, psychisch, persönlich. Mich selbst zu akzeptieren, wie ich bin – und meine Mutter auch – ist auch relevant dafür gewesen, welcher Schriftsteller ich sein will.
Lustigerweise, wenn Sie von Abnabelung und Emanzipation sprechen – um dieses Buch zu schreiben, musste ich ja wieder in jene Situationen gehen, ihnen nachfühlen, sie mental rekonstruieren, sie literarisieren. Die Distanz kommt dadurch, dass ich bereitwillig bin durch all das Geschehene durchzugehen, bewusst, mit Witz und Emotion.

In der Rezeption und Diskussion ihres Buches dreht sich viel um die Begriffe „Autobiographie“ und „Autofiktion“, eine Diskussion, die mich mehr und mehr ärgert. Nicht zuletzt darum, weil es Schreibende von der Schriftstellerei in die Ecke der Fachleute drängt. Jetzt sind sie ein Fachmann in Sachen „Selfcare“, Alkoholismus, gesellschaftliche Isolation… Ist dass nicht ein krasser Gegensatz zu ihrem Wahrgenommenwerden als Dichter und Poet?

Die Aufgabe eines Dichters ist meiner Ansicht nach die Welt und Aspekte ihrer durch neue Perspektiven und Sprache anders begreifbar zu machen. Dafür braucht es Fachkenntnis. Ob es Alkoholismus ist oder Botanik oder Doomscrolling. Ich glaube Dichter*innen müssen auch immer Fachleute werden. Recherche ist enorm wichtig, ebenso Phantasie.
Und Literatur kann andere Zugänge zu Themen schaffen als wissenschaftliche Sachbücher. Ich möchte das nicht gegeneinander stellen. Es ist mehr wie diverse Perspektiven auf Themen. Ich hatte schon viele Erkenntnisse durch Literatur. Ob ich erzählen kann, wie Sucht sich auf eine Eltern-Kind Beziehung auswirkt? – Ja. Ob ich klinische Entscheidungen bezüglich Entzugsprogrammen treffen sollte? – Nein.
Aber auch für mich als Historiker ist das so. Ich kenne mich sehr gut mit Kultur- und der Geistesgeschichte Europas aus – vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Wenn mich dann jemand zur antiken Architektur fragt, habe ich kaum Ahnung. Auch Fachleute sehen die Welt wie einen Käse – nur jeder sieht andere Löcher in der eigenen Kenntnis.

In „Vom Fällen eines Stammbaums“ räumen sie auf – bis ganz zuletzt, als sie auf dem letzten Stuhl in der leeren Wohnung ihrer Mutter sitzen. Haben sie ausgeräumt? Ist alles leer? Brauchte es dieses Buch, um erst recht durchzustarten? Eine Selbstvergewisserung?

Ich hoffe natürlich, dass dieses Buch gebraucht wird – auch von anderen Menschen als nur von mir. Dabei bin ich immer unsicher. Ich will Literatur machen, die nicht nur wichtig für mich ist. Da gibt es nicht so viel Gewissheit, der Zweifel schreibt immer mit.
Das Ausräumen war eher mental wichtig – aber auch eine Herausforderung. Das wollte ich literarisch darstellen. Die körperliche Anstrengung und auch die mentale Kraft, die notwendig ist, um so viele Gegenstände, die das Leben eines geliebten Menschen ausmachten, auszusortieren. – lustigerweise verkörpern manche Gegenstände ihre Menschen.
Die Wohnung des Aufwachsens zu leeren und abzugeben, fiel mir schwer. Ebenso war der Gedanke, dort dann einzuziehen, kurz da, aber dann schien es mir zu sehr ein Festhalten an der Vergangenheit zu sein. Die Vergangenheit ist immer in mir, ich bin ihre Manifestation. Aber es war ein Abschiednehmen, das mir wichtig war. Dieser Abschnitt meines Lebens war nun vorbei. Auch für das Vorbeisein, muss ich mich vorbereiten. Die Erschöpfung des Ausmistens war geradezu heilsam, nicht unbedingt angenehm.

Martin Piekar ist Gast an den Internationalen Tiroler Literaturtagen in Kufstein vom 11. – 13. September 2026

Martin Piekar, geboren 1990 in Bad Soden am Taunus, ist Schriftsteller, Lyriker, Lehrer und bringt seine Texte ebenso gerne auf die Bühne wie aufs Papier. Er veröffentlichte drei Lyrikbände: «Bastardecho» (2014), «Amokpervers» (2018) und zuletzt «Livestream & Leichen» (2023). Bei den 47. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt wurde er mit dem Kelag-Preis und dem BKS Bank-Publikumspreis ausgezeichnet. Für das Manuskript seines Debütromans erhielt er 2024 den Robert-Gernhardt-Preis und wurde 2025 für den Alfred Döblin-Preis nominiert. Martin Piekar lebt in Frankfurt am Main.  

Beitragsbild © Charlotte Werndt (Autorenfoto) & Martin Piekar

Nefeli Kavouras «Gelb, auch ein schöner Gedanke», Kiepenheuer & Witsch

Zwischen Sterbebegleitung, familiärer Entfremdung und kafkaesker Verwandlung: Nefeli Kavouras entfaltet in ihrem Debütroman eine Geschichte, die sich an existenzielle Fragen heranwagt. Dabei hinterlässt sie allerdings auch einige Fragezeichen.

Und der Tod riecht nach Rosinen
Gastrezension: Aline Anaïs Furter studierte Kunstgeschichte und Englisch an der Universität Basel. Im September beginnt sie den Masterstudiengang Kulturpublizistik an der ZHdK. Nach vier Jahren in Basel lebt sie seit kurzem in Zürich.

Georg, Ruth und Lea – Vater, Mutter und Tochter; Ehemann, Ehefrau und Kind. Diese Dreieckskonstellation bildet das Zentrum von Nefeli Kavouras’ Debütroman «Gelb, auch ein schöner Gedanke».

Seit sieben Jahren ist Georg schwer krank. Als der Arzt im Krankenhaus die Worte „Hospiz“ und „palliativ“ in den Raum stellt, entscheidet Ruth kurzerhand, ihren Mann nach Hause zu holen und selbst zu pflegen. Es ist Sommer, die 15-jährige Lea hat Ferien – und nutzt jede Gelegenheit, dem Haus zu entfliehen. Sie trifft sich mit Freund:innen am See und beschliesst, sich in Max zu verlieben, der in wenigen Sätzen zum Vaterersatz stilisiert wird (die mit dem Vater geteilten Orte – diese Orte könnten auch irgendwann Max und mir gehören). Mutter und Tochter entfernen sich zunehmend voneinander: Ruth lebt fortan im Sterbezimmer bei Georg, Lea überall sonst.

Was auf der Ebene der Figuren an Dialog ausbleibt, wird strukturell gespiegelt: In kurzen Kapiteln wechseln sich Ruths und Leas Perspektiven ab. Dieser Rhythmus wird genau einmal gebrochen – von Georg selbst. Nach dem ersten Drittel erhält er in einem biblisch anmutenden, lyrischen Einschub eine Stimme: Als niemand hinsah, erwachte Georg. Und so sprach Georg. Hier fällt auch der titelgebende Satz: Gelb, auch ein schöner Gedanke.

Zur Mitte des Romans erfolgt eine überraschende Zäsur: Georg wird zum Pferd. Mit der Verwandlung verschieben sich die Rollen zwischen Mutter und Tochter. Während Ruth in dem Gaul etwas Fremdes, Ekelhaftes, Bedrohliches erkennt, ist Lea vom Papapferd begeistert und kümmert sich hingebungsvoll. Die hinzugezogene Pferdespezialistin Edna Piotrowska bringt Georg schliesslich auf einen Gnadenhof, wo Lea fortan jede freie Minute verbringt. Edna wird für Lea zur Vertrauten, später auch zur Freundin Ruths.

Nefeli Kavouras «Gelb, auch ein schöner Gedanke», Kiepenheuer & Witsch, 240 Seiten, ISBN 978-3-462-00870-8

Im Zuge dieser Verwandlung wird doch etwas hölzern mit dem Wort «kafkaesk» auf «Die Verwandlung» von Franz Kafka verwiesen. Dort erwacht Gregor Samsa eines Morgens in verwandelter Gestalt und muss fortan seinen Platz im familiären Gefüge neu verhandeln. Ob die Namensverwandschaft – Georg und Gregor – als weiterer intertextueller Fingerzeig zu verstehen ist, sei dahingestellt.

Die Hamburgerin Nefeli Kavouras ist in der deutschen Literaturszene keine Unbekannte: Als Organisatorin und Moderatorin von Lesungen, als Podcasterin, als Kuratorin des Literaturprogramms der «altonale» sowie als Mitarbeiterin des mairisch Verlags hat sie sich längst einen Namen gemacht. Für einen Auszug aus ihrem Roman wurde sie 2023 mit dem Hamburger Literaturpreis ausgezeichnet; im vergangenen Jahr folgte eine Einladung zum Ingeborg-Bachmann-Preis.

Eingehend und empathisch widmet sie sich in «Gelb, auch ein schöner Gedanke» den Themen der Pflege, der (aktiven) Sterbehilfe, dem Loslassen und Nicht-loslassen-Können, der Trauer und den damit einhergehenden Verschiebungen innerhalb ohnehin fragiler Familienstrukturen. Auf gut 200 Seiten gelingt ihr ein in sich konsistenter Roman, dessen Aufbau stimmig abgerundet ist: Der Anfang nimmt das Ende vorweg und greift es später wieder auf.

Trotz der existenziellen Wucht der verhandelten Fragen droht der Text jedoch immer wieder in vorgefertigte Muster und Klischees zu rutschen. Manche Dialoge wirken bemüht, manche Metaphern allzu gefällig – etwa wenn Georgs Organe nach und nach das Licht ausschalten und bald Feierabend machen. Auch Textnachrichten wie Süsse, lass mich doch da sein für dich klingen eher nach übersetztem Young-Adult-Ton als nach eigenständiger literarischer Sprache.

Irritierend sind zudem einzelne pauschalisierende oder stereotype Bemerkungen der Figuren, wie wenn Ruth über eine Nachbarin sagt: Die ist fett geworden. Seit ihr Mann tot ist, hat sie richtig zugelegt, oder wenn Lea beim Rasieren der Beine über ihre Freundin anmerkt: Ich hatte noch nicht über Haarwuchs nachgedacht. Anna hingegen als Spanierin schon. Man könnte diese Sätze zwar als bewusste Spiegelungen des Innenlebens der Protagonistinnen lesen – als Ausdruck ihrer Überforderung, ihrer Engführung oder ihrer Unreife. Kombiniert mit den oben genannten, ebenfalls klischeehaft wirkenden Stellen, entsteht jedoch nicht der Eindruck einer bewussten Intention. Vielmehr bleiben solche Formulierungen weitgehend unreflektiert stehen.

So stellt sich am Ende die Frage, ob die Erzählung nicht auch von einer anderen Form – etwa der eines Jugendromans – profitiert hätte, wobei die vereinzelt expliziten sexuellen Anspielungen einer solchen Einordnung derzeit wohl noch im Weg stünden.

Dieser Text entstand im Rahmen eines Seminars zur Literaturkritik im Frühjahr 2026 an der Universität Basel unter der Leitung von Daniel Graf (Literaturkritiker beim Republik Magazin).
Rezension von Sina Aebischer zum gleichen Roman

Nefeli Kavouras, geboren 1996 in Bamberg, studierte Kulturwissenschaften in Lüneburg. Sie arbeitet für den mairisch Verlag, kuratiert das Literaturprogramm der »altonale«, führt mit Anselm Neft den Literaturpodcast »laxbrunch« und moderiert und organisiert regelmässig Lesungen. 2023 wurde sie für ihr Romanmanuskript mit dem Hamburger Literaturpreis ausgezeichnet. 2025 las sie auf Einladung von Laura de Weck daraus einen Auszug bei den 49. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt.

Beitragsbild © Stephan Obel

Martina Caluori «Schatten der Pinus», lectorbooks

Martina Caluoris Romandebüt „Schatten der Pinus“ ist ein 152 Seiten langes Fries der Innen- und Aussenwelten. Ein fast verlassener Campingplatz im Nirgendwo am Meer. Die vier, die geblieben sind, erwarten nichts mehr, leben ganz im Moment oder dämmern in Erinnerungen.

Es war einst ein Platz mit Kinderlärm, rufenden Eltern, Geruchswolken aus Sonnencreme und gegrilltem Fleisch, mit aufgespannten Sonnenschirmen und Fetzen von Musik. Geblieben sind eine Handvoll Gestrandeter, Zurückgebliebener, Ausharrender – und die Pinien, die von jeher ihre krummen Rücken nach dem Wind richten. Sand voller Abfall, Plastikresten. Das Meer ist grau geworden. Von Zeit zu Zeit werden sie mit dem Nötigsten versorgt, die geblieben sind in ihren Campingmobilen, die einst die Freiheit versprachen. Es ist nicht der Blick aufs Meer, nicht einmal auf die leise gewordenen Bewegnungen derer, die geblieben sind. Es ist der Blick nach innen, die Resignation, der Blick in blass werdende Vergangenheiten, die Restsehnsucht.

Vielleicht ist das die Gefahr der Vergangenheit: das sie nicht einfach war, sondern sich mit jedem Erinnern neu zeigt.

Martina Caluori «Schatten der Pinus», lectorbooka, 2026, 152 Seiten, CHF ca. 31.90, ISBN 978-3-907709-27-6

Phine, Jochen, Bo und eine namenlose, alte Frau; sie alle eingeschlossen sind in ihre eigene Geschichte, ihre eigene Welt, hadernd, trauernd, alleine, verlassen, einsam. Das einzige, was sie verbindet, ist der Ort, ein Leben ohne wirkliche Zukunft und das Gefühl des Vergessenseins. Gefangen von sich selbst. Nur manchmal sitzen die einen zusammen, trinken und sinnieren. Nur die alte Frau, die am Strand die langen Nadeln der Pinien sammelt, scheint sich einigermassen frei zu bewegen.

Martina Caluori erzählt keine Geschichte. Selbst die Erinnerungsfetzen, die in den ineinander verflochtenen Texten auftauchen und wieder verschwinden, sind Fragmente, Erinnerungsbilder, Gefühle, Stimmungen. Martina Caluori malt ein langes Bild, eine Stimmung, Szenen von Menschen, die sich nicht aufgegeben haben, aber auch nichts mehr von ihrem Leben erwarten, nicht einmal einen nächsten Tag. Mag sein, dass es die einen als Dystopie lesen, Bilder aus einer Zeit, in der der nächste Tag nur die Verlängerung der Gegenwart ist, in der man sich nicht einmal mehr in ein Zurück sehnt, in der man das Hoffen aufgegeben hat, von Menschen, die angesichts der grauen Gegenwart an den Farben der Vergangenheit zweifeln. Es geht bei Martina Caluoris Schilderungen nicht um die Erinnerungen selbst, nicht um die Bilder, nicht um die Inhalte, sondern was das Erinnern mit den ProtagonistInnen macht, den Akt selbst, das Hineinschauen.

Wenn du verhindern willst, dass sich Vergangenes verändert, müsstest du aufhören, daran zu denken.

Manchmal gibt es Bücher, die einem den gleichförmigen Lesefluss verweigern. Nicht weil die Spannung abbrechen würde, sondern weil einem bei der Lektüre Sätze anspringen, die sich festkrallen, mit denen man ringen muss, die nicht loslassen, die haften bleiben, sich nicht abschütteln lassen. In „Schatten der Pinus“ gibt es diese Sätze zuhauf. Manchmal staune ich einfach nur über die Klarheit eines solchen, die Weisheit oder die Prägnanz. Manchmal werfen sie mich aus dem Lesefluss, weil in meinem Kopf durch die Sätze eine Runde weg vom Text in meine eigene Gedankenwelt gemacht werden muss, weil mich das Nachdenken aufhält, weil ich es nicht zulassen will, so einfach über den einen oder anderen Satz hinwegzulesen.

Ein ungemein wundersames, atmosphärisches Buch.

im Literaturhaus Thurgau Gottlieben

Martina Caluori lebt als Lyrikerin und Autorin in der Schweiz. Nach einem Studium der Publizistik und Filmwissenschaften debütierte sie 2019 mit dem Lyrikband »Frag den Moment«, gefolgt von Mundartlyrik für »Öpadia: A Novella us Graubünda« (2021) und 2022 von ihrem Kurzprosadebüt »Weisswein zum Frühstück«. 2023 erschien ihr Gedichtband mit Audiowerk »Ich weine am liebsten in Klos« (beide lectorbooks). Für ihren Debütroman »Schatten der Pinus« (2026, lectorbooks) wurde sie mit dem Literarischen Werkbeitrag der Stadt Chur sowie mit dem Grossen Werkbeitrag des Kantons Graubünden ausgezeichnet.

Beitragsbild © Michel Gilgen

Nefeli Kavouras «Gelb, auch ein schöner Gedanke», Kiepenheuer & Witsch

In Nefeli Kavouras’ Debütroman «Gelb, auch ein schöner Gedanke» stirbt ein Ehemann und Vater über lange Zeit. Der Prozess des Abschieds verändert ihn und seine Familie.   

Der Tod als Verwandlung
Gastrezension: Sina Aebischer studiert Literaturwissenschaft in Basel und arbeitet für die Lesereihe Sofalesungen. Sie schreibt journalistisch für regionale Medien und literarisch als Teil des Kollektivs LITER. 

Die Beerdigungsgäste sind gegangen und wir wissen nicht, was wir mit den Kuchenresten anfangen sollen. Wir haben immer nur bis hierher geplant, nie weiter. Das Wir, mit dem die Hamburger Autorin Nefeli Kavouras ihren Roman «Gelb, auch ein schöner Gedanke» anfängt, besteht aus Ruth und Lea, Mutter und Tochter, Witwe und Halbwaise. Denn Georg ist gestorben, nach langer Zeit. Über Jahre hinweg hatte sich sein Zustand verschlechtert, bis Ruth ihn zur Palliativpflege nach Hause holte. Der Prolog nimmt das Ende der Geschichte vorweg, bevor Kavouras zurückkehrt in die Zeit des langsamen Sterbens. 

Für die gemeinsame Tochter ist die Präsenz des todkranken Vaters nur schwer zu ertragen: Wenn Mama ihn nicht so bescheuert pflegen würde, wäre er längst tot, und ich hätte ein richtiges Leben. Die Fünfzehnjährige wünscht sich ein ganz normales Teenager-Dasein ohne sterbenden Vater. Ruth hingegen steckt ihre ganze Energie in die Pflege Georgs und wünscht sich von Lea mehr Verständnis und Nähe zu ihm. Diese ekelt sich vor dem kranken Vaterkörper: Sein Körper ist unförmig und nur halb lebendig und komisch weich. Sein Körper stinkt und gibt Geräusche von sich, sein Körper gehört nicht mehr richtig zu ihm. Kavouras nähert sich dem sterbenden Körper ohne falsche Scheu, sie beschreibt, wie er sich verändert, wie er aussieht und riecht. Es gelingt ihr, ein Porträt des Sterbens zu zeichnen, indem sie den Prozess des Ablebens anhand der Angehörigen und ihres Empfindens ganz genau beobachtet. 

Kavouras lässt Ruth und Lea in kurzen Kapiteln abwechselnd zu Wort kommen. Jedes Kapitel trägt einen Titel, viele davon sind ziemlich humorvoll. Sowieso schleichen sich immer wieder Momente der Leichtigkeit in das eigentlich so schwere Buch. Lea verbringt einen Sommer damit, ihre eigene Liebesgeschichte zu planen, eine Teenager-Romanze, die durch ihre Unbeholfenheit die düstere Stimmung auflockert und erinnert, dass der Tod in Leas Leben zwar allgegenwärtig aber nicht das einzige Thema ist. 

Nefeli Kavouras «Gelb, auch ein schöner Gedanke», Kiepenheuer & Witsch, 240 Seiten, CHF ca. 33.90, ISBN 978-3-462-00870-8

Währenddessen versinkt Ruth in der Überforderung der Pflege, die sie längst alle Freundschaften und jeglichen Alltag gekostet hat. Manchmal vergesse ich, dass auch andere Menschen Themen haben, die sie beschäftigen, stellt Ruth fest. Themen, für die sie keine Kapazität hat, zu viel Platz nehmen das Sterben und die Trauer ein. Mutter und Tochter verlieren sich aus den Augen, leben aneinander vorbei, können die jeweils andere Perspektive nicht mehr nachvollziehen. Bis etwas gänzlich Unerwartetes passiert: Georg verwandelt sich in ein Pferd, ein Kunstgriff wie bei Kafka, auf dessen Werk der Text explizit verweist. 

Der Moment vor der Verwandlung ist der einzige, in dem Georg selbst zu Wort kommt. Ein paar Sätze wie aus einer Traumsequenz, dann wird der Sterbende wieder von Ruth und Lea abgelöst, deren Rollen sich mit der Verwandlung Georgs ändern. Lea wird zur zuverlässigen Pflegerin, während Ruth nicht mehr weiss wohin mit sich selbst. Dort, wo ein kranker Mann gepflegt werden musste, ist jetzt plötzlich frei nutzbare Zeit und ein Leben, das gefüllt werden will. 

Mit Georgs Verwandlung wirft der Roman Fragen nach unserem Umgang mit Krankheit und Tod auf. Ruth und Lea dienen dabei durch ihr gegensätzliches Verhalten exemplarisch und stellenweise ein wenig platt als Beispiel, wie eine Geschichte des Sterbens und der Trauer ablaufen kann. Lea als mürrischer Teenager, Ruth als aufopferungsvolle Ehefrau: Teils wirken sie eher wie Schablonen denn als ausgearbeitete Charaktere. Aber dann gibt es immer wieder Sätze, mit denen Kavouras direkt in die tiefe Menschlichkeit der Trauererfahrung vordringt: Drei, das Leben ist ja doch voller Leben. Zwei, es gibt Dinge, auf die ich mich freuen darf. Eins, ich werde immer einen Vater gehabt haben.

Mit Ruth und Lea zerrt Kavouras die Tabuthemen Trauer und Tod ins Scheinwerferlicht. Denn auch wenn Lea möchte, dass sie einfach mal an etwas anderes denken kann: Dem Sterben entkommen, kann sie nicht. Das Sterben wird im Roman zu einem Protagonisten, der nicht an den Rand oder das Ende eines Lebens gedrängt wird, sondern sich mittenrein setzt und bleibt. Und trotz allem einen leisen Optimismus zulässt. 

Dieser Text entstand im Rahmen eines Seminars zur Literaturkritik im Frühjahr 2026 an der Universität Basel unter der Leitung von Daniel Graf (Literaturkritiker beim Republik Magazin).

Nefeli Kavouras, geboren 1996 in Bamberg, studierte Kulturwissenschaften in Lüneburg. Sie arbeitet für den mairisch Verlag, kuratiert das Literaturprogramm der »altonale«, führt mit Anselm Neft den Literaturpodcast »laxbrunch« und moderiert und organisiert regelmässig Lesungen. 2023 wurde sie für ihr Romanmanuskript mit dem Hamburger Literaturpreis ausgezeichnet. 2025 las sie auf Einladung von Laura de Weck daraus einen Auszug bei den 49. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt.

Beitragsbild © Stephan Obel

Jehona Kicaj «ë», Wallstein

Der Buchstabe ë im Albanischen ist ein Buchstabe, der oft stumm bleibt. Eine Art Platzhalter. Vielleicht ein Platzhalter für all das Unausgesprochene, Verschwiegene. Dass die junge Autorin Jehona Kicaj mit ihrem Debüt „ë“ den Versuch einer Sprachfindung all dessen unternimmt, was ihre Heimat in ein kollektives Trauma trieb, ist mutig und mit dem Roman ein Sprachkunstwerk. Eine Ergründung der Sonderklasse!

Der 2006 im Gefängnis in Den Haag verstorbene ehemalige serbische Präsident Slobodan Milošević wurde als Kriegsverbrecher verurteilt, verantwortlich für tausendfachen Mord an unschuldiger Zivilbevölkerung. Einer der vielen Exponenten unmenschlicher Aktionen während der Balkankriege nach dem Zusammenbruch Jugoslawiens. Wie fatal zu glauben, dass all die Gräueltaten von damals, auf welcher Konfliktseite auch immer, mit Friedensverhandlungen und Waffenruhe zu Ende wären. Was damals tiefe Wunden ins Kollektiv ganzer Bevölkerungsgruppen riss, ist nicht mit einem Datum zu befrieden. Jene Wunden schmerzen noch immer. Die Narben nässen. Sollte der Angriffskrieg Putins in der Ukraine jemals ein Ende finden, der Bürgerkrieg im Sudan, das Blutvergiessen in Syrien und im Iran oder der tödliche Hass zwischen Juden und Palästinensern, wird es Generationen des aktiven Versöhnens brauchen, um wirklich zu befrieden, um den in die Gene eingeschriebenen Schmerz zu lindern, ein friedliches Nebeneinander zu ermöglichen.

Jehova Kicaj «ë», Wallstein, 2025, 176 Seiten, CHF ca. 29.90, ISBN 978-3-8353-5949-9

Jehona Kicajs Roman ist der literarische Versuch, Antworten zu bekommen, genau diesen Schmerz zu lokalisieren. Jenen Schmerz, der dann auftritt, wenn sie, die sie im Kosovo aufwuchs und in Deutschland studierte, feststellen muss, mit wie viel Unverständnis, Ignoranz und Ahnungslosigkeit einem Stück Geschichte begegnet wird, das nur zwei Generationen von der Gegenwart entfernt liegt.

Ich komme von einem Ort, der verwüstet worden ist. Ich wurde in einem Haus geboren, das niederbrannte. Ich hörte Schlaflieder in einer Sprache, die unterdrückt wurde. Ich möchte antworten: Ich komme aus der Sprachlosigkeit.

Die namenlose Erzählerin, die wohl albanisch spricht, aber für vieles die Worte nicht findet, die es bräuchte, um das zu sagen, was ihr nicht nur auf der Zunge, sondern auf dem Herzen liegt, wacht eines Morgens mit einem Zahnsplitter im Mund auf. Beim Zahnarzt wird sehr schnell klar, dass der Splitter das Resultat einer akuten Verkrampfung im Kiefer ist. Sie mahlt nachts mit ihren Zähnen. Die Erzählerin macht sich auf die Suche nach den Ursachen für dieses Mahlen. Bis in den Hörsaal einer Universität, wo eine deutsche Forensikerin über ihre Arbeit in den Kriegsgebieten erzählt, „Die Rolle der forensischen Anthropologie in Gewaltszenarien des 20. Jahrhunderts“, von der Suche nach Beweisen für all die Verbrechen, die ohne solche Arbeit ungesühnt bleiben würden. Bis in Konfratationen mit Menschen, die wie sie das Unausgesprochene wie einen Stein mit sich herumtragen. Kein Wunder löst sich irgendwann ein Splitter aus diesem Stein.

Auch wenn auf dem Debüt der 1990 im Kosovo geborenen Autorin „Roman“ steht, müsste viel eher „Ergründung“ stehen. „ë“ ist eine literarische Reflexion, was Sprachlosigkeit, die Unfähigkeit des Aussprechens, das „Keine-Worte-finden“ auslöst. Als der Kosovokrieg 1998 und 1999 wütete, flüchtete ihre Familie nach Deutschland. Was damals passierte, nicht zuletzt mit ihrer Muttersprache, drohte unter einer dicken Schicht Schutt und Sprachlosigkeit zu versteinern. Was Jehona Kicaj mit ihrem Roman gelingt, ist eine ungemein zärtliche und behutsame Konfrontation mit einem Stück ihrer selbst, einem tiefen Schmerz. Jehona Kicaj tut dies ohne Schuldzuweiung, auch wenn mich einzelne Passagen des Buches ganz unmittelbar mit den Gräueln jener Zeit konfrontieren.

„ë“ ist genau das, was es braucht, damit die Wunden nicht mehr nässen. Ich bewundere die Autorin für ihren Mut, die Kraft, sich all dem zu stellen und die Fähigkeit, daraus ein äusserst beeindruckendes Buch zu machen.

Jehona Kicaj, geb. 1991 in Kosovo und aufgewachsen in Göttingen, studierte Philosophie, Germanistik und Neuere Deutsche Literaturwissenschaft in Hannover. Nach wissenschaftlichen Publikationen erscheinen von ihr seit 2020 auch literarische Texte. Sie ist Mitherausgeberin der Anthologie «Und so blieb man eben für immer. Gastarbeiter:innen und ihre Kinder» (2023). Der Roman «ë» ist ihr Debüt.

Beitragsbild © Carl Philipp Roth

Julia Sutter «Und das wäre erst der Anfang», FVA

Krystina taumelt. Krystina ist 27. Es braucht nicht mehr viel, die Masterarbeit, die eine oder andere Entscheidung, und dann … Aber seit dem Tod ihrer Mutter ist nichts mehr so, wie es einmal war. Mit der Krankheit, dem Sterben und dem Tod bricht alles weg, auch der Boden, auf dem Krystina ihr junges Leben eingerichtet hatte.

Die St.Gallerin Julia Sutter (1987) befasst sich in ihrem Debütroman «Und das wäre erst der Anfang» mit der Orientierungslosigkeit nach dem frühen Tod eines Elternteils. Wenn jenes Gefüge, in dem man sich in Sicherheit wähnte, zu wanken beginnt. Wenn, wie bei Krystina, der Sturm so sehr wütet, dass er alles mitzureissen droht, woran man sich im Leben orientiert.

Krystinas Mutter stirbt an Krebs. Krystina ist die Jüngste. Ihre drei Schwestern verarbeiten Krankheit, Sterben und Tod der Mutter ganz unterschiedlich. Während Lisa genug zu tun hat mit ihrer eigenen Familie, ihrer Mutterschaft, Agnes auf Distanz geht und Zischge in ihren Forschungsprojekten Halt sucht, wankt Krystina – obwohl sie in Job und Beziehung alles hat, was ihr Sicherheit geben könnte: Arbeit bei einem Forschungsprojekt, das sich um den Zustand der heimischen Fichtenwälder bemüht und Maurin, ihren Freund, der in der Drogerie, in der er arbeitet, aufsteigen soll.

Julia Sutter «Und das wäre erst der Angang», Frankfurter Verlagsanstalt, 2026, 384 Seiten, CHF ca. 37.90, ISBN 978-3-627-00346-3

Aber Krystina schlingert. Und nicht einmal ihre Nächsten können sie aus diesem Taumeln befreien. Im Gegenteil: DasVerhalten ihres Vaters, der nach dem Tod der Mutter rasch mit der Entsorgung beginnt und nicht nur den Garten, das Reich ihrer Mutter sträflich vernachlässigt, sondern den Umzug in eine Wohnung plant, macht alles schlimmer. Im Gegenteil: Das Bemühen ihres Freundes, der alles versucht und alles in den falschen Hals manövriert, dessen Nähe Krystina immer weniger erträgt, verschärft die Lage nur noch weiter. Auch bei der Arbeit schwankt das Schiff. Ihre Arbeitspartnerin, zu der sich die Protagonistin hingezogen fühlt, scheint in eine Art Extremismus wegzukippen und wird irgendwann von ihren Vorgesetzten wegen Unregelmässigkeiten freigestellt.

Krystina sucht nach dem, was sie mit dem Tod ihrer Mutter verloren hat. Irgendwann sogar im ehemaligen Garten, von dem damals die Familie weggezogen war, wo Krystina und ihre Schwestern ihre Kindheit verbrachten, jenen Teil ihres Lebens, in dem sie sich aufgehoben fühlte, auch wenn damals schon Risse auftauchten. Risse, die sie nicht sehen wollte.

Mit der Familie ist es dasselbe wie mit den Bienen und Wespen. Auch wenn man ihnen die vielen schmerzhaften Stiche nicht verzeiht, formt man dennoch ohne Zögern die Hände zu Schöpfern, sobald man eins der Tierchen im dunklen Brunnenwasser zappeln sieht.

Das Debüt «Und das wäre erst der Anfang» von Julia Sutter erzählt mit Rückblenden in die Kindheit vom drohenden Zerfall einer Familie. Es sind die Mütter, die die Familie zusammenhalten, die auszugleichen wissen, die seismographisch erspüren, wenn Erschütterungen das Fundament erzittern lassen. 

Und gleichzeitig schreibt Julia Sutter vom Schmerz all jener Versäumnisse, für die sich ihre Protagonistin verantwortlich macht, von all dem Konjunktiv, den ihre Mutter vielleicht vor dem viel zu frühen Sterben bewahrt hätte. Nichts und niemand kann sie trösten. Der Roman schildert den unwillkürlichen Sog der Selbstzerfleischung, des Sich Verlierens, der Orientierungslosigkeit. Wie sehr eine junge Frau im Blick auf ihre Mitwelt den Blick auf sich selbst verliert. 

Dabei psychologisiert Julia Sutter nur unterschwellig. Sie erzählt in maximaler Nähe zu ihrer Protagonistin, was während der Lektüre eine beinahe klaustrophobische Enge erzeugt. Die Thematik, die Art des Erzählens – Sutters Schilderungen haben alles, was mir den Atem nehmen könnte. Aber die Autorin tut in ihrer Sprache genau das Gegenteil dessen, was der Gang der Geschichte tut. Sie öffnet eine Welt, eine immer ausweglosere Situation, die wie ein schwarzes Loch alles in sich hineinsaugt. Dieser Sog der Zerfleischung reisst beim Lesen auch an mir, ohne dass es mich in die Tiefe zieht.

«Und das wäre erst der Anfang» ist von überraschender Reife. Überraschend, weil es weit weg von autobiographischer Bewältigung angesiedelt ist. Ich staune über den langen Atem der Autorin, über die Prägnanz ihrer Sprache. Darüber, wie sie es immer wieder versteht, die mäandernde Handlung auf den Punkt zu bringen. 

Sutter ist ein Roman gelungen, der ein Spiegelkabinett unserer Gesellschaft ist – einer taumelnden Gesellschaft, einer Welt, der die Endlichkeit droht. Voller dezenter Metaphern wie der Garten der Mutter, um den sich niemand kümmert, und der Garten der Mutter Erde, dem es genauso ergeht.

Julia Sutter, geboren 1987, lebt mit ihrer Familie in St. Gallen. Sie absolvierte den Bachelor in Literarischem Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. Zur Förderung ihrer literarischen Projekte und für die Arbeit an »Und das wäre erst der Anfang« erhielt sie Atelierstipendien sowie Werkbeiträge von Stadt und Kanton St. Gallen. Neben dem Schreiben arbeitet sie in der Abteilung Kommunikation der reformierten Kantonalkirche.

Beitragsbild © Hanes Sturzenegger

Pius Strassmann «Fantast!», edition bücherlese

Pius Strassmann schildert in seinem erzählerischen Debüt die vermeintlich kleine Welt eines Jungen, der bei seiner Grossmutter aufwächst. Einer Frau, die sich ihrer Aufgabe hingibt, den Jungen aber nimmt wie eine permanente Zumutung. Pius Strassmann erzählt von einem Kind, das letztlich allein aufwächst, sich die Welt ganz alleine zusammensetzen muss.

Erinnern sie sich an ihre Grossmütter? Zumindest bei mir war die eine distanziert, fremd, schon ihre Brille ein Statment „Komm mir nicht zu nahe“. Und jene müttelicherseits? Dort war ich manchmal in den Ferien, durfte mit dem Fahrrad ihres zweiten Gatten herumfahren, das mir so gross war, dass ich unter der Stange, dem Oberrohr treten musste. Vergnügen gab es nur bei den Nachbarkindern, wo ich ganze Nachmittage Monopoly spielte. War ich bei Grossmutter, musste ich im Garten helfen, Bohnen zum Dörren auffädeln. Mir wurden keine Geschichten erzählt. Radio und Fernsehen blieben stumm. Gegessen wurde in der Küche mit Wachstischtuch und die einzigen Bücher, die ich mir mit sauberen Händen ansehen durfte, waren Mondo- und Silvabücher. Aber wehe, wenn eines der eingeklebten Bilder herausfiel oder beim Blättern geknickt wurde.

Es waren die Grossmütter, die ihr ganzes Leben gearbeitet hatten, vielleicht sogar geschuftet. Es waren die Grossmütter, die ein Leben lang sparten und sich kaum etwas gönnten, ausser die Genugtuung eines wachsenden Kontos. Leben war Arbeit. Und warum sollten es die Kinder anders haben?

Pius Strassmann «Fantast!», edition bücherlese, 2025, 160 Seiten, CHF ca. 28.00, ISBN 978-3-03981-020-8

Pius Strassmann lässt mich im Dunkeln darüber, warum der Junge, den die Grossmutter nie beim Namen nennt, bloss Kind, nicht bei seinen Eltern aufwächst. Aber dafür wird umso deutlicher, dass der Junge nicht geliebt, sondern bloss geduldet ist. Seine Grossmutter ist Witwe, der Junge ein Anhängsel, das sich gefälligst nach ihren Regeln zu richten hat. Regeln, die nicht ausgesprochen werden, die der Junge erfahren muss. Alles ist in gut und schlecht eingeteilt, das Leben klar gegliedert zwischen hell und dunkel. Selbstverständlich lauert hinter allem Dunkeln und Schlechten der Mahnfinger der Religion. 

Heute verkörpern Grossmütter und Grossväter ein ganz anderes Bild. Sie kümmern sich liebevoll um ihre Enkel, opfern bereitwillig ihre eben erst gewonnene Freizeit, bereiten ein kleines Paradies, wenn die kleinen Racker sie besuchen oder ein paar Tage in die Ferien kommen. Der Grossvater verzieht sich in den Nächten ins Gästezimmer, weil die Enkel Rundumbetreuung brauchen. Und tagsüber schenkt man ihnen voller Freude die ganze Aufmerksamkeit, erzählt Geschichten, liegt auf dem Boden und spielt mit, schiebt das Rad die Strasse hoch, geht Eis oder Pommes essen oder bastelt mit so viel Eifer, dass sich das Wohnzimmer in ein Atelier verwandelt.

In „Fantast!“ ist nichts so, wie es heute sein würde. „Fantast!“ ist Grossmutters Ausruf, wenn sich der Junge traut, wenn er seiner Grossmutter etwas davon zeigt, was in seinem Innern zu Wirklichkeit wird, zur zusammengeschusterten Realität, weil sich die Grossmutter weigert, ihm jene Fragen zu beantworten, die das Leben stellt. 

Zum Glück gibt es in dieser kleinen begrenzten Welt einen Dachboden, den die Grossmutter nicht mehr betritt. Ein verwinkelter, mehrräumiger Kosmos, der den Jungen mit seinen Gegenständen und Geschichten wegträgt. Dort oben, wo auch Bücher und alte Illustrierte liegen, offenbart sich das Tor zur Welt, auch wenn er sich die Erklärungen selbst geben muss. Eigentlich möchte er die Zeichen auf Papier gerne lernen. Aber seine Grossmutter vertröstet ihn auf später, weil sie ahnt, dass sie damit ein Fass aufmacht, das sie nicht mehr schliessen kann.

Sei es in dem kleinen Haus mit Sonntagsstube, Glasvitrinen mit Büchern, die man nicht in die Hand nehmen darf. Sei es der Keller, wo sinnbildlich für alle Gefahren, die bei unerlaubtem Betreten lauern, eine offene Wäscheschleuder steht, nur eine der vielen Gefahren. Sei es der Garten, der nur der Arbeit dient und selbst die Brombeeren nicht zum Naschen, sondern für Konfitüre am Strauch wachsen. Sei es der Zaun im Wald, hinter dem der Bär lauert. Sei es der Fernseher, wo allabendlich ein Mann mit Kravatte die Nachrichten liest. Wenn Grossmutter am Mittag um Punkt halb eins die Nachrichten hört und nach einem hastig verzehrten Mittagessen regelmässig auf den Chaiselongue einschläft. Wir begleiten den Jungen, der die Welt in kleinen Bissen verdaut, sich auf das meiste selbst einen Reim machen muss, tunlichst vermeidend, die Grossmutter in ihrem Alltagstrott zu stören. Eine kleine Welt, eine beklemmende Welt. Als wäre der kleine Junge ein Tier, das in seinem engen Käfig gar nicht weiss, wie die Welt draussen aussieht.

Auch wenn „Roman“ auf dem Buchdeckel steht; „Fantast!“ ist ein Stück Geschichte. Als wäre sie Lichtjahre entfernt.

Pius Strassmann, geboren 1963, lebt und arbeitet als Musiker und freier Autor in Luzern und im Emmental. Nach Berufstätigkeiten als Primarlehrer, Musiker, Musik-Kinesiologe und Lehrtätigkeit an Musikschulen und Musikhochschulen widmet sich Pius Strassmann heute ausschliesslich dem Schreiben und seinen musikalischen Interessen als Blockflötist. Seit 1994 Veröffentlichung mehrerer Lyrikbände, zuletzt «blauklang» und «erinnerungsleicht», beide bei edition bücherlese.

Beitragsbild © Lydia Segginger

Anna Maschik «Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten», Luchterhand

Manchmal überraschen mich Bücher, die Sprache in einem Buch so sehr, dass ich regelrecht betört bin. Dass die Autorin eine Österreicherin ist, wundert mich wenig, denn wie kein anderes Land scheint Österreich immer und immer wieder Stimmen hervorzubringen, die mit einem ganz eigenen Sound bestechen.

Eine Bäuerin in einem kleinen, norddeutschen Bauernhof schlachtet zu Beginn des 20. Jahrhunderts illegal ein Schaf. In einer Zeit, in der alles, was man brauchte, von der Scholle kommen musste, auf der man lebte. In einer Zeit, in der die Bäuerin alles können musste, um eine Familie am Leben zu halten. Wie man schlachtet, pökelt, räuchert, wie man Früchte und Gemüse konserviert, wie man Wunden versorgt. Zur Not, und von der Not gab es viel, musste eine junge Frau den Hof auch alleine führen, wenn die Mutter viel zu jung starb oder Vater und Ehemänner aus dem Krieg nicht zurückkehrten.

Henrike führt das Schaf in die Waschküche, wo sie alle Fenster abgedunkelt hat, damit niemand im Dorf das heimliche Schlachten mitbekommt. Schweine würden schreien. Schafe sterben still. Henrike hängt das tote Schaf an eine Holzleiter und zieht das Messer in gerader Linie bis zum Brustknochen, öffnet den Körper wie ein Buch, kehrt das Innerste nach aussen. So wie Anna Maschik es mit dem Erzählen durch ein ganzes Jahrhundert tut.

Anna Maschik «Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten», Luchterhand, 2025, 240 Seiten, CHF ca. 33.90, ISBN 978-3-630-87814-0

Die einzigen im Dorf, auf die niemand verzichten kann, sind Anna, die Hebamme, und Nora, die Totenfrau. Nicht etwa ein Priester. Beides sind Begleiterinnen in Momenten, in denen die Kraft zum eigenen Handeln fehlt; bei der Geburt und beim Gang in den Tod. Anna Maschiks von Bildkraft strotzender Roman macht bewusst, wie nah die Zeiten waren, in denen das Schicksal einer Frau unabwendbar im Zyklus von Werden und Vergehen, von Dienen und Aufopferung eingebunden war. Das Leben auf einem Bauernhof oder später in der Stadt, „an der Seite eines Mannes“, ist weit weg vom romantisierten Blick auf die Liebe, von der Selbstverständlichkeit der Gegenwart. Man wird in eine Famlie geboren, begleitet von Liebe oder nicht, hat zu überleben, zu arbeiten, vorbestimmt in einer Aufgabe, in Traditionen, aus denen es kein Entrinnen gibt.

Von der Urgrossmutter Henrike, der Grossmutter Hilde, der Mutter Miriam; sie alle bringen ungefragt Kinder zur Welt, die einen stumm, die andern laut. Hildes Bruder Benedikt verschläft die ersten 15 Jahre seines Lebens. Miriams Bruder Wolfgang bleibt ungeliebt, ein Aussenseiter, ein Wolf. Und als alle Kinder Hildes mit einem Mal aus dem Haus ausziehen, bricht das Familiengefüge auseinander, weil das, was sie zusammenschweisst, die Not war. Alle Mütter tun sich schwer mit ihren Töchtern, auch wenn alle Frauen in der Familie alles daran setzen zu überleben. Auch wenn dieser kleine Rest Überleben nur das Stück Garten beim Haus ausmacht. Was für ein Schmerz, wenn dann auch noch die Farben aus dem Garten verschwinden.

Alma, die letzte in der Ahnenreihe der Frauen, ist die Erzählerin. Sie öffnet nicht den Körper des geschlachteten Schafs. Sie öffnet die Innereien einer Familie. Sie zieht das Messer bis zum Brustbein, bis zum Innersten. Dass Anna Maschik dabei Traumbilder hineinnimmt, dass sie Wiederholungen einbaut, die das „Immergleiche“ des Lebens spiegeln, dass Anna Maschik Listen mitnimmt, die sich wie Litaneien lesen, die sich die Frauen vorbeten müssen, um zu überleben, macht dieses Buch zu einem ungewohnt brachialen Leseerlebnis.

Und wenn man sich vor Augen hält, das „Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten“ ein Debüt ist, bewundert man den Guss, aus dem dieses aussergewöhnliche Buch geschrieben ist. Ein Versprechen! Grossartig!

Anna Maschik, 1995 in Wien geboren, studierte Sprachkunst/Literarisches Schreiben und Vergleichende Literaturwissenschaft in Wien und Leipzig. Sie arbeitete als Produktionsleitung eines Theaterfestivals und unterrichtet Deutsch und Spanisch an einem Wiener Gymnasium. Sie hat Kurzprosa und Lyrik in verschiedenen Anthologien und Literaturzeitschriften veröffentlicht. »Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten« ist ihr erster Roman.

Beitragsbild © Luca Senoner

Franziska Meister «Der Geruch von Lehm», Zeitkind

Bei einem Gewaltdelikt auf einem Zürcher Bahnhof stirbt ein Mann. Ein zweiter wird verwundet, auf die Intensivstation gebracht und kann sich nicht an das Verbrechen an seinem Freund erinnern. Franziska Meisters Debüt hat die Zutaten eines Krimis, ist aber viel mehr ein Psychogramm einer Handvoll Menschen, die sich verloren haben.

Paul und Joshua waren Freunde, zu gewissen Zeiten fast symbiothisch. Joshua ist der Tote, Paul der Verwundete, der sich an rein gar nichts erinnern kann. Das, was auf dem Bahnhof zum Tod seines Freundes führte, bleibt eine Black Box. Ungemütlich wird die Sache auch darum, weil sich die Polizei in ihren Ermittlungen immer mehr darauf konzentriert, dass Paul nicht nur das zweite Opfer war, sondern Indizien darauf hinweisen, dass Paul durchaus auch Gründe gehabt haben könnte, als möglicher Täter gesehen zu werden.

Dominik, ein alter Studienfreund von Paul, der ans Krankenbett gerufen wird, kann sich nicht vorstellen, dass Paul Täter sein soll. Nic ist Psychologe und LSD-Forscher, will endlich klinisch überzeugen, dass der Einsatz dieser synthetischen Droge jenen Patienten helfen kann, die sich mit konventionellen Methoden nicht aus den Schlingen ihrer Psyche befreien können. Letztlich ist er auch davon überzeugt, dass er damit seinem alten Freund, zu dem der Zugang in den letzten Jahren schwieriger geworden war, helfen könnte, seine Erinnerungen an die Tatnacht aufzufrischen.

Auch Florence will Klärung. Florence ist die Schwester des Ermordeten. Sie und ihren Bruder verband viel, nicht zuletzt eine trübe Familiengeschichte. So sehr sie anfänglich auf den Freund ihres Bruders, auf Paul mit Misstrauen reagiert, umso mehr wird dieser für sie zu einem Schlüssel, nicht zuletzt, weil sie das Verbrechen an ihrem Bruder nicht einordnen kann, weil ihr Selbstverständnis mit dem Tod ihres Bruders ins Wanken gerät, weil mit einem Mal kein Stein mehr auf dem anderen sein soll. Trotz Widerständen und Alarmglocken wächst zwischen ihr und Paul eine Verbindung.

Doch während die Polizei sich immer mehr in ihren Ermittlungen verliert, verschwindet Paul. Ein Zeichen seiner Schuld oder ein weiterer Schritt in die schwarzen Löcher seiner unmittelbaren Vergangenheit, die nur das Resultat jener Geschehnisse ist, die Paul schon ein Leben lang mit sich herumschleppt.

Franziska Meister «Der Geruch von Lehm», Zeitkind, 2025, 256 Seiten, CHF ca.30.00, ISBN 978-3-907724-02-6

„Der Geruch von Lehm“ ist ein schillerndes Geflecht an Geschichten, Innenwelten und Andeutungen. Ein Roman, der in seinem Aufbau zwar chronologisch erzählt, die Geschehnisse und Interpretationen immer aus der Sicht der jeweiligen ErzählerInnen. Was von der einen Seite logisch erscheint, wird durch die Spiegelung einer anderen Seite verzerrt und trübe. Franziska Meister geht es nicht um die Aufklärung eines möglichen Verbrechens, schon gar nicht darum, Ordnung in die Leben ihrer ProtagonistInnen zu bringen. Sie spiegelt mit ihrer Art des Erzählens einen Teil der Wirklichkeit; dass es letztlich keine Ordnung gibt, dass die Wirklichkeit permanent der Interpretation unterworfen ist. Selbst die Dunkelstellen in den Familiengeschichten der ProtagonistInnen bleiben wage. Ich lese von den Auswirkungen, von den Verwundungen, vom Gezeichnetsein.

Nicht zuletzt ist „Der Geruch von Lehm“ eine Auseinandersetzung mit der psychoaktiven Substanz LSD, eines Halluzinogens, dass im Verlaufe seiner Geschichte für eine breite Öffentlichkeit bloss eine chemische Droge geblieben ist, die aber ganz offensichlich in therapeutischem Setting Durchbrüche bei PatentInnen provozieren kann, die man sonst als therapieresistent klassifiziert.

Auch wenn der Aufbau des Romans labyrinthisch wirkt und damit ein Spiegel der Innenwelten ihrer ProtagonistInnen, überzeugt „Der Geruch von Lehm“ in seiner Sprache. Franziska Meister erzählt gekonnt, mit frappierender Souveränität und eigenständig. Ich mag jene Portion Verunsicherung, die solche Romane erzeugen, weil Literatur mehr sein muss als eine gefällige Geschichte!

Franziska Meister, geboren 1967, ist promovierte Historikerin und Wissenschafts- und Kulturredaktorin bei der «Wochenzeitung» in Zürich. Sie hat eine Monografie zur Black Panther Party in den USA verfasst und lebt mit ihrer Familie in Zürich. «Der Geruch von Lehm» ist ihr erstes literarisches Werk.

Beitragsbild © Ursula Häne

Jina Khayyer „Im Herzen der Katze“, Suhrkamp

Jina Khayyer stand mit ihrem Debüt „Im Herzen einer Katze“ auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2025. Ein Buch, das gleichermassen aufwühlt wie verunsichert. Ein Buch, das LeserInnen mit Sicherheit aus der Komfortzone lockt und Fragen aufdrängt, die man eigentlich nur ungerne zulassen will.

Dass uns vieles an der Welt sprachlos zurücklässt, daran scheinen wir uns gewöhnt zu haben. Vielleicht auch eine natürliche Reaktion darauf, dass vieles unbegreiflich erscheint, unlösbar, durch fast nichts mehr zu korrigieren. Sprachlosigkeit einhergehend mit Tatenlosigkeit. Aber wenn ich dann durch die Lektüre eines Buches gezwungen werde, mich Tatsachen zu stellen, die Menschen zu Tausendenden nicht nur die Freiheit, sondern das Leben kostet, dann kann Lesen beinahe unerträglich werden. 

Jina Khayyer stammt aus dem Iran. Einem Land, das von Mullahs, bärtigen Männern regiert wird, das sich im Würgegriff einer Form des Islams befindet, willkürlicher Macht, die auf dem Rücken all derer zementiert wird, die sich dem Regime widersetzen und nicht akzeptieren wollen, dass das Recht auf Freiheit, Meinungsäusserung mit Füssen getreten wird. Am allermeisten leiden Frauen darunter, eine ganze Generation, die in den Medien mitansehen muss, wie auf der anderen Seite der Grenzen weibliche Freiheit gelebt werden kann, deren Mütter in Zeiten des Aufbruchs, als mit dem Wahlsieg Mohammad Chātamis bei den Präsidentschaftswahlen 1997 mit einem Mal Presse- und Bewegungsfreiheit möglich schienen und Frauen sich unverhüllt, geschminkt und in voller Haarpracht in den Strassen der Metropolen bewegten.

Jina Khayyer «Im Herzen der Katze», Suhrkamp, 2025, 253 Seiten, CHF ca. 36.90, ISBN 978-3-518-43248-8

Die Autorin lebt und wirkt in Deutschland. Ein grosser Teil ihrer Familie lebt aber noch immer im Iran, allen voran ihre Schwester, die einen Iraner heiratete und durch nichts aus diesem Land zu vertreiben ist. Über ihre sozialen Kanäle erfährt die Erzählerin dieses Romans, dass in den Strassen von Teheran eine junge Frau mit gleichem Vornamen wie sie von Sittenwächtern umgebracht wurde. Der Mord an Jina Mahsa Amini am 16. September 2022 wird der Anfang einer weiteren, blutigen Revolte gegen ein Regime, das sich mit ebenso massloser wie gezielter Gewalt an der Macht zu halten versucht. Jina in Deutschland muss aus der Ferne zuschauen, wie sich auf dem Bildschirm manifestiert, was nicht einmal in den wüstesten Träumen vorstellbar ist. Obwohl es Dank des Mutes vieler Verzweifelter immer wieder zu Kundgebungen und einem Aufflammen der Revolte kommt, macht das iranische Regime mit aller Härte klar, dass vor nichts zurückgeschreckt wird, auch nicht vor öffentlichen Hinrichtungen von Menschen, deren Vergehen einzig und allein die Hoffnung auf Freiheit war.

Jina Khayyer erinnert sich an eine Reise in ihr Ursprungsland, als sie als junge Frau für kurze Zeit in den Schoss ihrer grossen Familie zurückkehrte, als sie als westlich sozialisierte Frau mit einem Schleier verhüllt mit dem Auto eine Reise durch den Iran unternahm. Eine Reise durch ein einst blühendes, buntes, kulturell vielfältiges Land mit vielen Sprachen und ebenso vielen Ethnien. Durch ein Land, das aber schon damals nur noch ein Schatten seiner selbst war, in der Angst erstarrt, kontrolliert von bärtigen Männen, die ihre Kalaschnikows ganz offen tragen und nur schon durch einen „falschen“ Blick provoziert werden können. Und wer, vor allem als Frau, erst recht als junge Frau, einmal in die Mühlen dieses Machtapparts gelangt, entkommt ihm kaum mehr unverletzt in Geist und Seele.

„Im Herzen einer Katze“ ist im wahrsten Sinne des Wortes ein Road-Tripp. Ein Höllentripp! Nichts für zarte Seelen, die sich nicht in der Lage sehen, der Fratze des lachenden Unrechts ins Gesicht zu schauen. Auch wenn der Roman seine Längen hat und damit vielleicht die scheinbare Idylle in der Quarantäne einer Familie zeigen will, ordnet die Autorin auf beeindruckende Weise, was in seiner Gesamtheit fast nicht zu ertragen ist. Immer wieder blitzt die arabische Kunst des Fabulierens, der blumigen Erzählung auf, der Weisheit in einer Sprache, die schon über viele Jahrhunderte ihre Blüten trägt und auch durch die graue Gegenwart nicht auszulöschen ist.

Mit Sicherheit war die Nominierung zum Deutschen Buchpreis auch ein Signal, ein Manifest, ein Zeichen. Ein Zeichen, das unmissverständlich ist und an all jene gerichtet ist, die sich den gegenwärtigen Verhältnissen im Iran strategisch verschliessen.

Jina Khayyer ist Schriftstellerin, Dichterin, Malerin und Journalistin. In Deutschland geboren, iranischer Abstammung lebt und arbeitet sie seit 2006 in Paris und in der Provence. Sie ist Autorin für die Zeitschriften ‚The Gentlewoman‘, ‚Fantastic Man‘ und ‚Apartamento‘. Zuletzt wurden ihre Gedichte und Zeichnungen in der Kunsthalle Baden-Baden im Rahmen der Gruppenausstellung SEA AND FOG (2024) ausgestellt. «Im Herzen der Katze» ist ihr Romandebüt und stand in der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2025.