Dorothy Gallagher „Und was ich dir noch erzählen wollte“, aki

Dieses Buch ist weder Abrechnung noch ein Versuch, Ordnung in eine Beziehung zu bringen, die durch den Tod ein jähes Ende fand. „Und was ich dir noch erzählen wollte“ ist eine zarte Liebeserklärung über den Tod hinaus. Das Buch selbst ein Geschenk!

Ich lebe seit 40 Jahren mit meiner Frau zusammen, mit allen Krisen, die ein so langes Experiment birgt. Nach der Lektüre von Hansjörg Schertenleibs Novelle „Die Fliegengöttin“ fragte ich sie, wie es wohl sein würde, wenn jemand von uns sterben würde. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Ereignis uns beide gleichzeitig dem irdischen Dasein entreissen würde, ist verschwindend klein. Irgendwann würde der Moment da sein, wo entweder sie oder ich allein zurückgelassen sein und einer von uns erwachen würde, mit einem Mal unwiederbringlich darüber im Klaren, wen und wie viel man verloren hatte. Ich lebe mit einer an Naivität grenzender Selbstverständlichkeit, dass immer alles so bleiben wird, wie es jetzt ist, dass selbst Krisen bewältigt werden können. Aber dass mit dem Tod des Gegenübers, mit dem man Jahrzehnte teilte, alles mit einem Mal ganz anders wird, blende ich tunlichst aus.

Dorothy Gallangher „Und was ich nocherzählen wollte“, aus dem Afrikanischen von Monika Baark, 2021, 128 Seiten, CHF 29.90, ISBN 978-3-311-35002-6

Dorothy Gallagher ist ein Leben lang Fotografin und Autorin, eine Frau, die ihre Welt ganz genau wahrzunehmen versucht und alles zum Anlass nimmt, ihr Tun, ihr Denken zu reflektieren. Das tat sie auch, als sie nach einem Vierteljahrhundert Ehe mit ihrem Mann die Wohnung in New York räumen musste, weil sie wusste, dass sie ihr Leben nach dem Tod ihres Mannes nicht einfach so würde weiterführen können. So „kreativ“ dieses Leben, der Austausch zwischen den beiden war, so erschöpfend die Krankheit ihres Mannes (Multiple Sklerose) in den Jahren vor seinem Tod, die immer wieder aufflammenden Hoffnungen und die Einsicht, dass ihr Mann immer weniger werden würde, sein Sterben schon lange vor seinem Tod begonnen hatte. Und weil eben in der Zeit nach dem Tod ihres Mannes ein Buchprojekt seinen Abschluss fand und die schreibende Auseinandersetzung zu einer lieb gewonnenen Gewohnheit geworden war, begann sie in den Monaten nach dem Tod ihres Mannes und dem Auszug aus der gemeinsamen Wohnung aufzuschreiben. „Und was ich dir noch sagen wollte“ ist daraus geworden.

Keine rührselige Abschiedsrede, keine schmerzerfüllte Reflexion über ein gemeinsames Leben, das der Tod ihr genommen hatte. So wie die Partnerschaft mit ihrem Mann stets ein Leben des Gegenseitigen war, so sehr bleibt es das auch über den Tod hinaus, auch wenn die Schreibende nur mehr den Nachhall jener Stimme hört, die sie ein Leben lang begleitete. Ihre Sprache, ihr Erzählen ist durchsetzt von Liebe und Respekt. Selbst scheinbar Banales wird zum Geheimnisvollen, zu einer Offenbarung. Das schmale Büchlein ist eine Liebeserklärung an das Abenteuer einer Langzeitbeziehung. Ein Buch, das einem einen Abend lang lesend und dann mit Nachhall zu wärmen weiss, ein kleines Geschenk!

Dorothy Gallagher wurde 1935 als Tochter russisch-jüdischer Emigranten in New York geboren. Die Welt ihrer Kindheit in Washington Heights war bunt und wild: Im Wohnzimmer hing ein Porträt von Lenin, den sie für ihren Grossvater hielt. Obwohl ihre Eltern grösste Vorbehalte gegen alles Bourgeoise hatten, wurde die kleine Dorothy für Partys bei Macy’s eingekleidet. Behalten durfte sie die Kleider natürlich nicht, nach der Party wurden sie wieder zurückgebracht. Ihr Studium konnte Gallagher nicht beenden, weil sie vom College geschmissen wurde. Eine ganze Weile schrieb sie Artikel über die Welt der Reichen und Schönen, um sich finanziell über Wasser zu halten, ehe sie schliesslich Redakteurin beim Magazin Redbook wurde und als Journalistin reüssierte. Später machte sie sich selbstständig, schrieb u.a. für die New York Times und Grand Street. Zu ihren Büchern zählen das Memoir Life Stories, Hannah’s Daughters, ein Bericht über eine matrilineale Familie, und All the Right Enemies, die Biographie des italienisch-amerikanischen Anarchisten Carlo Tresca.

Monika Baark, geboren 1968 in Tel Aviv, gehegter Migrationshintergrund, studierte in Heidelberg Anglistik und Kunstgeschichte. Sie lebt in Berlin und im Wendland. Ins Deutsche übertragen hat sie unter anderem Werke von Margaret Atwood, Vendela Vida und Sheila Heti. Die Übersetzung von Dorothy Gallaghers Buch lieferte ihr den erneuten Beweis, dass sich die Menschheit in drei Lager teilt: Hundeliebhaber, Katzenliebhaber – und Hunde- und Katzenliebhaber.

Beitragsbild © Lisa Silvestri

Marijke Schermer «Sozusagen Liebe», Kampa

Auch wenn «Sozusagen Liebe» nie rosa schimmert und ich als Leser in die Wirrungen einer sich auflösenden Familie hineingezogen und gezwungen werde, all den Schmerz, der sich in diesem Roman offenbart, zu begleiten, ist der Roman eine Liebesgeschichte. Darüber was passiert, wenn man sich vergisst!

Definitionen der Grenze zwischen Verliebtheit und Liebe trauen wir uns sehr wohl zu. Aber wo hört Liebe auf und wird zum reinen Arrangement? Was in Liebe beginnt mit Treueschwüren „bis dass der Tod uns scheidet“ und der Unvorstellbarkeit, dass es einmal anders, ganz anders sein könnte, schleicht sich aber allzu leicht in einen Zustand gegenseitiger Abmachungen und zu erfüllender Erwartungen, bis man an einem gewissen Tag, einer Lebensituation oder ganz einfach im trügerischen Gefühl des Erwachens glaubt, etwas versäumt zu haben, auf dem falschen Weg zu sein, die entscheidende Abzweigung verpasst zu haben. Marine Schermer wagt es, genau eine solche Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte, die tausendfach passiert, die keine Liebesgeschichte mehr ist, sondern die Geschichte von Verrat, Enttäuschung, tiefen Ängsten und der drohenden Einsicht, während Jahren oder Jahrzehnten das falsche Leben geführt zu haben.

Marijke Schermer «Sozusagen Liebe», aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers, 2021, 240 Seiten, CHF 32.90, ISBN 978-3-311-10063-8

Terri und David sind seit fünfundzwanzig Jahren verheiratet. Ein Haus, Kinder und vorgezeichnete Bahnen. Bis sich Terri aus latenter Unzufriedenheit in einen anderen Mann verliebt – oder zumindest mit aller Kraft hingezogen fühlt. Denn Lucas ist so ganz anders als David, sei es im Drang, sich trotz aller Leidenschaft nicht zu binden oder in der Lust, auf dem Spielfeld seiner Leidenschaft alles auszuprobieren, auch mal die Sau rauszulassen. Und weil Terri unter dem permanenten Druck von Erwartungen und Verpflichtungen leidet, ausbrechen will, selbst aus ihrer Mutterrolle, stellt sie Ehemann und halbwüchsige Kinder vor vollendete Tatsachen und beschliesst Trennung und Scheidung. David ist am Boden zerstört, ahnt dass er Signale nicht wahrhaben wollte. Und als Krista, die eben erst die romantische Liebe mit Rafik entdeckt, im versehentlich liegen gelassenen Telefon ihrer Mutter das hemmungslose Hinundher zwischen ihrer Mutter und ihrem Lover zu lesen bekommt, droht auch der Rest von Familie und Zuhause zu zerbrechen.

«Sozusagen Liebe» ist kein Bericht aus dem Kriegsgebiet einer Kampfscheidung. Die Liebe in den beiden ist nicht gelöscht, aber von Bedürfnissen überlagert, die sich mit den tiefen Schichten darunter nicht mehr vereinbaren lassen. Der Roman beschreibt den Vorgang der ausbrechenden Entfremdung, die Trennung von jenem Moment weg, wo es kein Zurück mehr geben kann. Marijke Scherrer ist eine feine Beobachterin, die mit einem analytischen Gespür in Wunden bohrt, bis es weh tut. Aber ihr Drang in Tiefen vorzudringen entspringt nicht dem Bedürfnis des Sezierens, des Entblössens. Terri und David können nicht mehr verstehen. Und Marijke Scherrer will mit ihrem Schreiben jene Mechanismen verstehen, die ablaufen, wenn der Stein, der Fels ins Rollen gebracht wurde, wenn das, was geschieht, nur mehr eine Schneise der Verwüstung hinter sich herzieht.

Dass der Roman beim Schreiben dieser Rezension beim Buchhaus Lüthy-Balmer-Stocker den Verkaufsrang 6978 einnimmt, ist frustrierend – aber vielleicht der Beweis dafür, dass sich Leser:innen nicht gerne in Abgründe ziehen lassen wollen, in Kämpfe, aus denen schlussendlich nur Verlierer:innen resultieren. «Sozusagen Liebe» moralisiert in keinem Satz und doch mahnt einem der Roman, die Liebe nicht als Fundament zu sehen, sondern all das, was man für sie investieren muss, dass sie bleibt.

Lesen!

Marijke Schermer wurde 1975 in Amsterdam geboren, wo sie auch heute noch als Dramatikerin und Autorin lebt. Ihr Roman Unwetter wurde von der Kritik hymnisch gelobt, NRC Handelsblad nannte ihn «einen Roman, der keine Wünsche offen lässt», Trouw setzte noch einen drauf: «Ein explosives Thema, ein überraschender Höhepunkt und zutiefst menschliche Figuren. Marijke Schermer hat den perfekten Roman geschrieben.»

Hanni Ehlers, geb. 1954 in Ostholstein, studierte Niederländisch, Englisch und Spanisch am Institut für Übersetzen und Dolmetschen der Universität Heidelberg und ist die Übersetzerin von u.a. Joke van Leeuwen, Connie Palmen und Leon de Winter.

Beitragsbild © Tessa Posthuma Boer

«Bergisch teils farblos» Buchtaufe mit Zsuzsanna Gahse

Zusammen mit der Kulturstiftung Thurgau lud das Literaturhaus Thurgau die Grande Dame der Dichtkunst zur Buchtaufe ihres neuen Werk «Bergisch teil farblos» ein. Nicht zufällig brach die Nebeldecke auf und die Sonne schien ins Haus. Zsuzsanna Gahse brachte das warme Licht auch ins gut besuchte Haus der Literatur!

«Hauptsache, dass die Geschichten und Notizen nicht zu abgerundet sind. (467)»

40 Bücher würden im Regal stehen, hätte ich sie alle gelesen. Mein erstes war ein schmales, aber über alles hübsches Bändchen; «Nachtarbeit», mit rotem Faden geheftet, signiert am 19. September 1992. Seither begleite ich das Werk der Dichterin, immer wieder neu fasziniert, zum einen von der Konsequenz, zum andern von den Überraschungen, die jeder Band aus der Hand der Dichterin birgt. Eine grosse Schriftstellerin, die stets gefällt, ohne je gefällig zu sein. Eine grosse Dichterin, die schon so lange im Thurtal lebt, dass man sie getrost eine Thurgauerin nennen kann, auch wenn ihr Blick in ihrem neusten Werk in die Berge schweift.

mit Moderatorin Rebecca Höhner

Zsuzsanna Gahse nennt ihre Bücher «Buchkörper», zum einen weil nichts an einem ihrer Bücher dem Zufall überlassen sind, alle ein Konzept bergen, zuerst zeichnerisch skizziert, später handschriftlich festgehalten und schlussendlich in eine Endfassung getippt. Obwohl das Buch beim Durchblättern als durchnummerierte Sammlung von Textfragmenten erscheint, ist «Bergisch teil farblos» viel mehr. Ihre Bücher, vor allem jene, die bei der Edition Korrespondenzen erscheinen, sind haptisch greifbare Gesamtkunstwerke, die nach innen und aussen strahlen. Die, so Zsuzsanna Gahse, in der Form nur entstehen können, weil die Zusammenarbeit mit ihrem Verleger und Lektor Reto Ziegler ein Glücksfall nicht nur für die Dichterin selbst, sondern für alle Liebhaber der Dichtung ist.

«Wo ist der Witz in den Bergen? Fehlanzeige. (4)»

Zsuzsanna Gahse hat ihn gefunden, in mehr als 500 kurzen und kürzesten Prosatexten, die alle miteinander verbunden sind, die alle für sich Kostbarkeiten sind. Prosa mit Witz und Lakonie geschrieben. Texte, die mit Sprache und Wörtern spielen, mit Landschaften, den Bergen, vom Meer bis ins kantige Gebirge, von fast lieblichen Betrachtungen bis bissigen Feststellungen, schroff wie die Felsen selbst, dann wieder weich wie sanfte Hügel. Texte, die ernst zu nehmen sind, die politischen Zündstoff ebenso «bergen», wie Liebeserklärungen an das Leben und ihre Landschaften.

Tele Top Nachrichten

„In Gottlieben habe ich mein Literatur-Wohnhaus, heimisches Literaturhaus, im Laufe der Jahre mehr und mehr.“

Zsuzsanna Gahse erforscht mit ihrem Schreiben die Sprache, lotet aus, was ihr Instrument an Klangformen entwickeln kann. Sie schafft mit ihrem Schreiben, was nur ganz wenigen gelingt: Sie verdichtet sich in die Sprache hinein, Gedanken, Betrachtungen, Erinnerungen, die durchleuchten, ausleuchten und einleuchten.
Sie habe von einem Bekannten eine Karte bekommen. Darauf standen bloss zwei Nummern, die auf Texte in ihrem neuen Buch verwiesen. So werden zwei Nummern zu einem Code!
«Bergisch teils farblos» – Ein Ohrenschmaus!

Zsuzsanna Gahse, geb. 1946 in Budapest, aufgewachsen in Wien und Kassel, lebte längere Zeit als Schriftstellerin in Stuttgart und Luzern, seit vielen Jahren nun in Müllheim, Schweiz. Zahlreiche Preise und Auszeichnungen, u. a. aspekte-Literaturpreis (1983), Adelbert-von-Chamisso-Preis (2006), Italo-Svevo-­Preis (2017), Werner-Bergengruen-Preis (2017), Schweizer Grand Prix Literatur (2019).

Webseite der Autorin

Beitragsbilder © Gallus Frei

Max Annas «Der Hochsitz», Rowohlt

Manchmal werde ich für meine Weigerung, Krimis zu lesen, bestraft. Obwohl man mit der Gattungsbezeichnung „Krimi“ im Fall von Max Annas Büchern wohl nicht gerecht wird. „Der Hochsitz“ ist eine Gesellschaftsanalyse der späten Siebziger, stierem Spiessbürgertum und der allgegenwärtigen Angst vor dem Bösen, die nicht nur bei den Nachbarn oder weit weg stattfinden kann.

Frühlingsferien 1978 in einem kleinen Nest in der Eifel, nahe an der Grenze zu Luxemburg. Sanne und Ulrich sind elf und haben Zeit, unendlich viel Zeit. Wenn sie nicht auf „ihrem Hochsitz“ über ihrem Dorf sitzen, dann streifen sie durch den Ort, auch mal in den kleinen Laden von Trines, die sie Hanukas klauen lässt, in denen immer ein Bildchen von der kommenden Fussballweltmeisterschaft in Argentinien steckt. Die Jungs im Dorf bekommen sogar mehr Taschengeld, um ihre Alben mit den Fussballern zu füllen. Sanne und Ulrike klauen sie und kleben sie oben auf ihrem Hochsitz in ein getarntes Heft. Voll wird es nicht werden, schon gar nicht in diesen Frühlingsferien. Und weil es neben Ronnie Worm, Rudi Kargos, Harald Konopka, Hansi Müller, Rainer Bonhof und Karl-Heinz Rummenigge noch Platz hat, kleben sie auf die leeren Stellen die ausgeschnittenen Gesichter vom RAF-Fahndungsplakat, das sie ebenfalls geklaut haben. Aber es sind nicht nur die Gesichter der Fussballer und Terroristen, die in diesem Frühling die sonst tote Zeit füllen.

Max Annas «Der Hochsitz» Rowohlt, 2021, 272 Seiten, CHF 32.90, ISBN 978-3-498-00208-4

Im Nachbarort passiert ein Banküberfall und eines Nachts, Ulrike übernachtet bei Sanne, beobachten die beiden Mädchen in einer durchquatschten Nacht auf der Strasse vor dem Haus, wie ein Mann von seinem Motorrad kippt und eine Gestalt in Mantel und Hut mit einem Gewehr den am Boden liegenden exekutiert. Aber Sanne und Ulrike bleiben auf dem hocken, was sie gesehen haben und erzählen wollen, denn niemand glaubt ihnen, nicht einmal die Mütter, die Väter schon gar nicht. Wer glaubt schon kleinen Mädchen. Zudem fährt seit ein Paar Tagen ein übergrosser Cadillac durch die Dörfer an der Grenze. Betont langsam und immer wieder an Orten Pause machend, an dem das unpassende Gefährt gesehen werden muss. Ein Mann, der im Fond sitzt, lässt sich von Hof zu Hof chauffieren und bietet den Besitzern für Haus und Grund Summen, die träumen lassen, die einen von einer rosigen Zukunft, die anderen über die Gründe, warum der Mann noch nicht auftauchte oder dem einen viel mehr bieten sollte als ihnen.

Es kocht im Dorf, in dem sonst nie etwas passiert. In dem jede und jeder jede und jeden kennt, ausser die Hinzugezogenen. In einem Dorf, in dem  alle fast allen alles zutrauen. Der verrückten Gaby Teichert, die schon seit Jahren allein im Haus am Bach lebt und immer wieder mal nur in Mantel und Schlapfen an den Füssen zum Bach geht, um sich platt Gesicht voran ins kniehohe Wasser zu schmeissen. Vor Jahren fuhr ihr einziger Sohn ohne zu bremsen gegen einen Baum und der Mann weg. Aber ganz bestimmt die Peters vom Petershof. Die drei Brüder, von denen der jüngste Peter heisst, die aber auf dem Hof schon lange nichts mehr auf die Reihe bringen, es zuerst mit Zigarettenschmuggel versuchten, um dann später härteres Zeug über die Grenze zu bringen. Und als man wegen des Banküberfalls den langhaarigen Lehrling, der noch nicht lange frisch im Dorf wohnt und den jungen Frauen den Kopf verdreht, festnimmt, wo doch Sanne und Ulrike in einer Scheune ganz deutlich sahen, dass dieser sich mit ganz anderen Dingen leidenschaftlich beschäftigte, ist für die beiden Mädchen klar, dass die den Geheimnissen im Dorf auf die Spur kommen wollen. Auf ihre Art und Weise. Denn elfjährige Mädchen sieht man nicht.

Max Annas ist einer, der in seiner Hexerküche sitzt und mit List und grenzenlosem Vergnügen an den vielen kleinen Feuern werkelt, über denen die giftig explosiven Tinkturen köcheln, von denen ich als stiller Betrachter nie weiss, wann ihre schlummernde Gewalt ausbricht. Max Annas experimentiert mit den Untiefen menschlichen Seins in einem Dorf „am Ende der Welt“. In diesem kleinen Dorf in der Eifel, in dem jedes fremde Auto wie ein Eindringling wahrgenommen wird, hat Max Annas Lunten ausgelegt, verschlungen und versteckt, die alle gleichzeitig brennen, von denen ich als Leser genau weiss, dass irgendwo Dynamitstangen liegen, die zu explodieren drohen. „Der Hochsitz“ ist ein literarischer Flickenteppich, der sich vor meinen Augen zusammenwebt, der mich atemlos und fasziniert lesen lässt, weil der Roman viel mehr ist, als ein „Krimi“ aus Sicht des Ermittlers.

Wenn ich nun eines sicher weiss: Es gibt noch mehr von Max Annas!

Interview:

Obwohl ich noch nie in der Eifel war, bin ich es literarisch immer wieder. Erst mit den Romanen von Norbert Scheuer, den ich sehr verehre und nun mit Ihnen. War es einfach die nahe Grenze zu Luxemburg? Der ideale Kontext? Maximale Provinz? Oder doch eigene Erfahrungen, waren sie doch 1978 wenig älter als die beiden Mädchen Sanne und Ulrike?
In dem (fast) nicht genannten Dorf, in dem die meisten Kapitel spielen, ist meine Partnerin aufgewachsen. Die Kapitel, die sich mit den Fussballsammelbildern zur WM in Argentinien beschäftigen, und die Episode mit dem geklauten RAF-Fahndungsplakat sind dokumentarisch. Das ist der Auslöser gewesen für den Roman. Und die Geographie, die Geschichte und die Leute der Gegend hab ich natürlich sehr ernst genommen. Aber Sie haben Recht, ich bin damals nicht viel älter gewesen als die beiden Protagonistinnen. Vieles im Binnenleben der Familie Klein stammt also aus meinem eigenen Aufwachsen, aus der Erinnerung an meine Jugend in Köln, an meine Familie. Politisch, denke ich, waren sich viele Dialoge jener Zeit sehr ähnlich. Das konnte schon mal so wirken wie eine Fortsetzung der Moderationen des ZDF-Magazins unter Gerhard Löwenthal.

Sie bauen ein ganzes Dorf. Ein paar alt eingesessene Bauernfamilien, gescheiterte und gestandene, Zugezogene, Verschrobene, Verschlossene, Verrückte, Versteckte, ein Polizist, ein paar Grenzer und mittendrin zwei Mädchen. Sie erzählen aus allen möglichen Perspektiven. Wie bauen sie eine solche Geschichte? Wächst das nach und nach oder folgt die Geschichte einem Plan?
Tastend. Oder: Sowohl als auch. Ich baue eine solche Geschichte langsam und schreibend. So wie jeder neue Roman ein neues Vorgehen und einen neuen Plan braucht, so gibt es sicher Gemeinsamkeiten hinter den individuellen Plänen. Ein ganz und gar durchgeplotteter Roman, der alle Kapitel schon kennt, erscheint mir für den Schreibprozess nicht interessant. Ich muss mich mit den Figuren suchend im Terrain bewegen, mit ihnen im Dialog stehen. Vor allem mit den wichtigsten Figuren. Aber es gibt stets auch andere Fixpunkte. Bei «Der Hochsitz» war vom Beginn des Schreibens an klar, dass ich mich auf diesen doppelten Showdown zu bewegen würde.

Es ist die grosse Geschichte die fasziniert, ebenso die Kulisse, in der sie spielt. Aber auch die vielen kleinen Geschichten, sei es die Geschichte einer Mutter, die Mann und Sohn verliert, jeden Halt und irgendwie auch den Verstand. Oder die Minigeschichten wie die der beiden Mädchen, wie sie im Hochsitz Fussballerbildchen neben Fahndungsfotos von RAF-Terroristen kleben. Mussten Sie sich zusammenreissen, um sich nicht zu verlieren?
Die ganze Geschichte ist nur so gut wie deren einzelne Teile. Das Wunderbare an ihnen ist nun, das sie gar nicht ohne einander existieren können. Alles geschieht neben- und über- und gegen- und miteinander. Die Erzählebenen kreuzen sich, widersprechen sich, belauern sich beinah. Was ich in der inneren Stimme nicht erfahre, lerne ich dann durch die äußere Betrachtung. Drei Kapitel später. Der Prozess selbst, das Schreiben: Aufregend.

Damals hatten Kinder, wenn sie ihre Aufgaben in Haus oder Hof hinter sich hatten, Freiheiten, die Kinder heute gar nicht mehr kennen. Ihre Geschichte hätte so in der Gegenwart gar nicht spielen können, wo Eltern ihre Kinder mit dem Auto von der Schule abholen, Kinder in ein eigentliches Freizeitprogramm gepresst werden, um sie ja nicht auf „dumme Gedanken“ kommen zu lassen, in den Ferien in Kurse, ein Camp oder in ein Ferienressort mit Unterhaltungsmaschinerie. Die gute, alte Zeit?
Sicher ist «Der Hochsitz» ein Buch über das Erinnern. Hier und da möglicherweise ein Reflex auf die rechte Forderung, es möge alles so bleiben, wie es ist. Dann schauen wir doch einmal darauf, wie es gewesen ist. Werfen wir einen Blick in die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland in der zeitlichen Mitte ihrer Existenz, der relativ kurzen sozialdemokratischen Phase. Und atmen wir also die Luft der guten alten Zeit. – Auf der anderen Seite war es für mich interessant, nach zwei Büchern, die in der DDR spielen, den Blick auf Westdeutschland zu justieren. Herauszufinden, wie sich mit dem Schreiben über das andere Deutschland der Blick aufs Eigene entwickelt.

Und auf der anderen Seite begegnet man in ihrem Roman all jenen, die durch die Zeit, durch die Maschen fallen. Denen, die es nicht schaffen, ob privat oder geschäftlich, in der Beziehung oder vor dem Spiegel. Ist Schreiben auch ein Mittel des Trosts?
Trost, natürlich, immer. Für den Autor. Er speist sich aus der Gewissheit, dieser Zeit lebend entkommen zu sein, lebend und lebendig. Vielleicht fehlt mir im Blick auf diese Zeit die Fähigkeit, jene zu sehen, die nicht durch die Maschen fallen. Liegts am Autor? Aufgewachsen in der Arbeiterklasse, prekär. Gut möglich. Liegts an der Zeit? An den falschen Versprechen, die samt und sonders bald wieder gebrochen werden sollten. Die Sicherheit, die soziale. Das Teilen. Das gesellschaftliche Miteinander. Alles gelogen. Alles aufgehoben.

Eine Figur in ihrem Roman erinnert ein bisschen an Dürrenmatts alte Dame. Ein Mann mit Geschichte kurvt in einem gemieteten Cadillac mit Chauffeur durch die Gegend und täuscht Kaufabsichten bei einer ganzen Reihe von Höfen vor. Was wie eine Einkaufstour ohne sichtbare Strategie aussieht, hetzt das Dorf, Nachbarn gegeneinander auf. Neid, Missgunst artet in Gewalt aus. Zufall?
Den Dürrenmatt kenne ich am besten über den Umweg via Senegal. Djibril Diop-Mambetys Verfilmung HYÈNES von 1992 war mir ein Fixpunkt in der Beschäftigung mit dem Kino des afrikanischen Kontinents. Aber der Stoff hat als Vorlage eigentlich keine Rolle gespielt. Das liegt an dem Fokus auf dem Chauffeur, der diese Erzählebene zieht. Der Mann, über den er uns erzählt, bleibt für uns im Undeutlichen, weil es der Chauffeur selbst ist, der nicht versteht. Ich bauchte hier einen Vermittler, der nichts zu vermitteln hat. Einen, der Augen hat, aber nicht sieht. Und damit gewiss nicht allein steht.

Müssen Sie Briefe aus der Eifel fürchten?
Tweets vielleicht? Grimmiges Gezwitscher aus der Eifel? Ich habe meine Premierenlesung in der Eifel gehabt, in Hillesheim, das ist ein paar Mal zehn Kilometer vom Schauplatz des Romans entfernt, da war alles ganz friedlich und freundlich. «Der Hochsitz» ist ja auch kein Schlüsselroman über die Eifel. Er nutzt das dort eigene, um darüber hinaus zu schauen. Dorf, Grenze, sich verändernde Strukturen, Mädchenleben im Aufbruch. Aber ich nehm die Briefe gern in Empfang. Furchtlos.

Max Annas, geboren 1963, arbeitete lange als Journalist, lebte in Südafrika und wurde für seine Romane «Die Farm» (2014), «Die Mauer» (2016), «Finsterwalde» (2018) und «Morduntersuchungskommission» (2019) sowie zuletzt «Morduntersuchungskommission: Der Fall Melchior Nikolai» (2020) fünfmal mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet. Bei Rowohlt erschien ausserdem «Illegal» (2017).

Beitragsbild © Max Annas

«Ein Körper von Erinnerungen», Lesung mit Annina Haab aus ihrem Debüt

Annina Haab las in Gottlieben aus ihrem Debüt «Bei den grossen Vögeln», einer eigentlichen Liebesgeschichte zwischen einer jungen Frau und ihrer Grossmutter, von der sie nicht will, dass sie ihre Geschichte, ihre Geschichten mit in den Tod nimmt. Ein Buch über beiderseitiges Loslassen.

Seit 2019 präsentiert die Literaturvermittlerin Judith Zwick unterstützt durch das Kulturamt Konstanz, das Literaturhaus Thurgau, thurgaukultur.ch, die Buchhandlung Homburger und Hepp und den Fonds Neustart Kultur des Deutschen Literaturfonds die Reihe «Debüt. Der erste Roman.» Eine grenzüberschreitende Veranstaltungsreihe, die sich ausdrücklich jenen Autor:innen widmet, denen nicht schon ihr Ruhm vorauseilt.

In ihrem im Frühling erschienenen Roman «Bei den grossen Vögeln» sieht eine junge Frau ihre Grossmutter sterben. Sie will, dass Ali, so heisst sie ihre Grossmutter, weil sie keine Oma und auch keine Grossmutter ist, aus ihrem Leben erzählt. Ali wird sterben. Nur noch nicht jetzt. Sie ist fast 90 Jahre alt und liegt im Krankenhaus – Leberzirrhose. Sie entscheidet sich für das Altersheim. Weil sie es so will. Und der Familie zur Last fallen, das will sie nicht. Aber Ali will nicht erzählen, weil sie sich in ihrem langsamen Sterben viel lieber mit dem Gegenwärtigen beschäftigen will. Und weil sie sich dann doch zum Erzählen drängen lässt, erzählt sie dann eben doch, auch wenn ihr Erzählen manchmal vom Boden abhebt. 

«Was wir erinnern, erinnert an uns.»

Ein Roman, der stark dialogisch gestaltet ist, weder Biographie noch Erinnerungsbuch. «Bei den grossen Vögeln» ist eine Huldigung an das Erzählen. Eine Liebesgeschichte an eine unerschrockene, humorvolle, alte Frau. Eine Frau, die sich immer wieder ihrer scheinbaren Bestimmung verweigerte, wegging, wegfuhr.

Älter werden wir alle, Grossmütter haben wir alle, manchmal nicht lange, manchmal zu lange. Annina Haab erzählt über die Endlichkeit, all die grossen und kleinen Übergänge, die einem erst im Erzählen und damit auch im Lesen bewusst werden. «Bei den grossen Vögeln» ist auch ein Buch, das sich mit institutioneller Alterspflege auseinandersetzt. Kein Abschiedsbuch, aber ein Buch über das Loslassen.

«Zwischen den Balken unterm Dach sprachen wir über das Altern und das Sterben, das Zurückbleiben, während draussen im Novembernebel die Fastnachtsmusik für einen trefflichen Kontrast sorgte. Liebe Judith, lieber Gallus, danke für den schönen Abend und auf ein andermal.» Annina Haab

Rezension von «Bei den grossen Vögeln» auf literaturblatt.ch

Christine Fischer «Herz.Kranz.Gefäss», orte

Luise will über ihre Mutter schreiben, nachdem sie schon lange Textschnipsel gesammelt hatte. Jetzt in den Tagen des ersten Lockdowns, als die Mutter im Altenheim allein zu sterben droht. Eine Auseinandersetzung, die immer mehr eine mit ihr selber wird, dem eigenen Muttersein, den vielen kleinen angestauten, nie verarbeiteten Verletzungen, der Endlichkeit und der unstillbaren Sehnsucht nach Nähe.

Eine Erzählung im Corona-Licht, der Corona? Ich habe eigentlich gar keine Lust, solche Bücher zu lesen. Schon gar keinen Corona-Roman, eine Corona-Erzählung. Als ich im Juni die Erzählung „Corona“ von Martin Meyer zugesandt bekam, rutschte sie ungeöffnet, in der Plastikfolie eingeschlossen auf die Beige jener Bücher, die schon nach dem ersten Blick darauf unlesbar wurden. Vielleicht kann ich dereinst Literatur lesen, die sich mit dem Thema auseinandersetzt. Aber solange ein zu grosser Teil der Bevölkerung paralysiert von diesem Thema zu sein scheint, solange sich Menschen förmlich an der Auseinandersetzung aufgeilen und alle Contenance verlieren, Gift und Galle spucken, solange habe ich keinen Bock (Man verzeihe mir die Ausdrucksweise!), mich auch noch in der Welt der Literatur, im Sprachgenuss, meinen Sinnesreisen freiwillig in diese aufgeladenen, explosiven Gefilde zu wagen, in denen man immer mehr und aggressiver dazu gezwungen wird, Partei für eine der beiden Lager zu ergreifen.

„Vielleicht sind es Reisen, die nirgendwo hinführen.“

Christine Fischer «Herz.Kranz.Gefäss», orte Verlag, 2021, 44 Seiten, CHF 28.90. ISBN 978-3-85830-293-9

Aber weil es eine Erzählung von Christine Fischer war und nichts im Titel auf das Virus hinwies, begann ich zu lesen, ausgerechnet an jenem Sonntag, an dem ich ganz direkt an den Auswirkungen des Virus zu leiden hatte. Ich las das Buch, weil es mich auf eine seltsame Weise tröstete. Nicht weil da jemand litt, weil ich mit einem Mal ins grosse Kollektiv der Betroffenen gehörte, sondern weil es Christine Fischer in ihrer Erzählung nicht um das Virus, nicht einmal um die Auswirkungen geht, sondern weil „Herz.Kranz.Gefäss“ ein zärtliches Nachspüren ist. Christine Fischer beschreibt das Augenreiben, das Erwachen, die Aggregatzustände des Bewusstseins, wenn eine greise Mutter langsam entschwindet, wenn sie unsichtbar wird, wenn man sie zu verlieren droht im Wissen darum, dass es unvermeidlich ist. Eine Erzählung über Mutter-Tochter-sein, wenn man selbst schon alt und doch noch immer Tochter oder Sohn einer Mutter ist, wenn einem bewusst wird, dass Versäumnisse nicht mehr nachzuholen sind, wenn der Tod sich unmissverständlich ankündigt.

„Mütter sind das Plasma, das dir in den Adern kreist, denkt Luise. Sie sind die Schwelle an deiner Tür und der Riegel an deinem Fenster.“

Erinnern sie sich, als man während der ersten Corona-Monate von einem neuen Bewusstsein sprach, einer neuen Solidarität? Nichts ist geblieben davon. Mit jeder neuen Welle wird die Stimmung gehässiger. Menschen damals applaudierten den Tapferen in den Spitälern. Das war durchaus ein Zeichen, wenn auch wenig daraus geworden ist. Andere machten auf Balkonen Musik, man kaufte füreinander ein und spürte mit einem Mal, was eigentlich wichtig wäre, worauf man alles verzichten könnte, wie schnell ein Wandel vollziehbar wäre, wie dünn das Eis ist, auf dem wir uns mit schlafwandlerischer Selbstgefälligkeit bewegen. Nichts ist geblieben. Statt dessen keifen die einen, erpressen die andern. Des einen Wort wird des andern Speer!

Christine Fischer erzählt mit spürbarer Betroffenheit, grosser Empathie. Und doch ist ihre Erzählung weit weg von einer Abrechnung, von Stimmungsmache. Luise will verstehen, die Vergangenheit, die Gegenwart und das kleine Fitzelchen Zukunft, das noch bleibt.

Christine Fischer, 1952 in Triengen LU geboren, studierte Logopädie am Heilpädagogischen Institut der Universität Freiburg. Sie wohnt in St.Gallen und war vierzig Jahre lang als Sprachtherapeutin tätig. Veröffentlichung der Bücher «Eisland» (1992), «Lange Zeit» (1994), «Augenstille» (1999), «Solo für vier Stimmen» (2003), «Von Wind und Wellen, Haut und Haar» (2004), «Vögel, die mit Wolken reisen» (2005), «Nachruf auf eine Insel» (2009), «Els» (2014), «Lebzeiten» (2015) und «Der Zweifel, der Jubel, das Staunen» (2017). Ausgezeichnet mit verschiedenen Förder- und Werkpreisen. 

www.christinefischer.ch

Beitragsbild © Carmen Wuest

Anne Weber «Heldinnenepos», Matthes und Seitz

Noch lebt Anne Beaumanoir. 2023 wird sie hundert Jahre alt. Anne Beaumanoir wurde wegen ihres Einsatzes für Juden im besetzten Frankreich nach dem Krieg als „Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet, eine Auszeichnung, die nur nichtjüdischen Personen für ihren Einsatz ein Denkmal setzen will. Anne Weber erschrieb Anne Beaumanoir ein weiteres, diesmal literarisches Denkmal.

Anne Weber lernte Anne Beaumanoir kennen, sprach mit ihr und erzählte ihr von ihrer Absicht, über ihr Leben ein Buch zu schreiben. Aber wie erzählt man über eine noch lebende «Heldin» ein Buch, das ihre Geschichte erzählen soll, das ganz nahe an der Geschichte bleiben soll, ohne die Handlung mit Fiktionalem aufzublasen? Wie soll man Dialoge gestalten, wenn die Person, über die man schreibt, noch lebt und man sich in der Pflicht fühlt, authentisch zu bleiben? Wie soll man so eine Geschichte schreiben, die nicht blutleer und leblos wirken soll? 

Als der Nationalsozialismus nach Frankreich überschwappte und grosse Teile des Landes mit der Hauptstadt Paris Teil eines Tausendjährigen Reiches werden sollte und die noch nicht einmal zwanzigjährige Anne Beaumanoir Medizin studierte, schlug sich die junge Studentin auf die Seite des Untergrunds, der Résistance und rettete Juden aus eigener Initiative vor dem sicheren Tod. Nach dem Krieg nahm Anne Beaumanoir ihr Medizinstudium wieder auf und ergriff in den 50ern Partei für die nach Unabhängigkeit strebenden Algerier, die sowohl in Frankreich selbst wie in ihrem Herkunftsland unter der Herrschaft Frankreichs zu leiden hatten. Eine Herrschaft, die sich zu oft an jenen Machtmitteln vergriff, gegen die sich die junge Anne Beaumanoir im besetzten Frankreich zur Wehr setzte. Es muss ein tief verwurzeltes Gerechtigkeitsempfinden gewesen sein, dass es der Medizinerin unmöglich machte, das an den Algeriern verübte Unrecht hinzunehmen. Zusammen mit ihrem Mann beteiligte sie sich an Geldbeschaffungsaktionen für den Algerischen Widerstand (FLN), wurde verraten, festgenommen, schwanger eingesperrt und zu zehn Jahren Haft verurteilt. Anne Beaumanoir allerdings entzog sich der Haft spektakulär, schlug sich allein bis nach Algerien durch und beteiligte sich dort nach der Unabhängigkeit am Aufbau eines funktionierenden Gesundheitswesens. Nach dem Putsch der damals noch durchaus liberalen Regierung floh Anne Beaumanoir in die Schweiz, wo sie in einer Klink als Neurophysiologin bis zu ihrer Pensionierung arbeitete. Bis in die Gegenwart engagierte sie sich gegen Faschismus und Rassismus, hielt Vorträge und besuchte Schulen. 

Anne Weber «Annette, ein Heldinnenepos», Matthes & Seitz, 2020, 208 Seiten, CHF 29.90, ISBN 978-3-95757-845-7

Während des 2. Weltkriegs war Anne Beaumanoir auf der Seite jener, die man nach dem Krieg zu Helden erklärte. Mit Recht. Ihr Kampf an der Seite der FLN, die sich bis heute als treibende Kraft in Algerien aber alles andere als liberal zeigt und zu einer korrupten Einparteienregierung mit Unterstützung des Militärs wurde, bekommt aus heutiger Sicht ein ganz anderes Licht. Was als Unabhängigkeitskampf gegen eine Kolonialmacht begann, kochte zu einem zähen Machtapparat ein, der sich weit von dem entfernte, was einst das Ziel gewesen war: ein liberaler, demokratisch funktionierender Staat.

Anne Beaumanoir folgte ihrer inneren Stimme, ob als Mitglied der Résistance, als Mitstreiterin im Algerienkrieg oder als Ärztin in einer Klinik. Mag sein, dass der Begriff einer Heldin heute kein unproblematischer mehr ist. Erst recht in einer Gegenwart, in der Film und Kino ein Heldenbild konstruiert, dass so gar nicht dem einer Anne Beaumanoir entspricht. Aber wie kann man heute von so einem Menschen erzählen, von einer Frau, die noch immer lebt, während man schreibt. Anne Beaumanoir ist eine Heldin mit Selbstzweifeln, dauernd zerrissen von Gefühlen zwischen Liebe und Hass. Anne Weber erzählt von einer Frau, die immer wieder Zweifel an ihrem eigenen Leben hegt, für die der Kampf für die Freiheit zu einer Kontinuität eines langen Lebens wurde.

Dass Anne Weber für ihr Erzählen die Form des Held(inn)enepos gewählt hat, zeigt, wie sehr die Form den Inhalt zu verstärken vermag. So sehr Anne Beaumanoirs Leben ein Experiment war, das immer wieder hätte scheitern können, das alles riskierte und dabei Leben schenkte, so sehr ist die Form dieses Buches ein Experiment, haben doch Epen eine Tradition zurück bis Homer. Eine Lebensgeschichte «Heldinnenepos» zu nennen, war ein Wagnis. Eines, das im vergangenen Jahr zu Recht mit dem Deutsch Buchpreis belohnt wurde.

Beitragsbild: Anne Weber nach einer Lesung im Kunstmuseum St. Gallen mit der Leiterin des St. Galler Literaturhauses Wyborada Anya Schutzbach

Peter Henisch «Über Rilke (eine Textstelle, die es nicht in den Jahrhundertroman schaffte)»

Angeblich schrieb er zuerst etwas ganz Anderes. Sollte irgendwelche Briefe beantworten, die ihm lästig waren, vielleicht Fanpost. Saß, so heißt es, im Zimmer, das war wahrscheinlich ein hoher Raum. Aber trotzdem, so empfand er es möglicherweise in diesem Moment, von einer beklemmender Enge.

Draußen blies die Bora, dieser berüchtigte, enervierende Wind. Da spürte er den Druck an den Schläfen, den wetterfühlige Leute schon bei Föhn spüren. Und gewiss war er wetterfühlig, das kann man sich vorstellen, wenn man ein Foto von ihm ansieht. Er hat so was im Gesicht, so eine Hypersensibilität, so eine mit der Zeit zum physiognomisch sichtbaren Ausdruck gewordene Überempfindlichkeit.

Und er steht auf vom Schreibtisch auf und tritt ans Fenster.

Und sieht, fast erschrocken über so viel plötzlich über ihn hereinbrechende Helligkeit das Meer glänzen.

Und obwohl das Licht draußen noch greller sein wird, und seine Augen erst recht überempfindlich sind, wird er hinaus ins Freie stürmen. Und wird aus dem Sturm eine Stimme hören – vielleicht das Echo seiner eigenen Stimme, obwohl er noch gar nicht gerufen hat.

Wer, wenn ich schriee –

hörte mich denn aus der Engel

Ordnungen

Und das ist zweifellos eine recht hochgestochene, hochgeschraubte Formulierung, aber gewiss auch, ja doch, ein gewaltiger Satz.

Den habe Rilke, heißt es, sofort niedergeschrieben, Notizbuch und Bleistift hatte er anscheinend bei sich, der heftige Wind hat ihn dabei merkwürdigerweise nicht gestört.

Stimmt, Roch erinnert sich: Er war mit Ingrid dort gewesen. Auf dem Rilke-Pfad, zwischen Duino und Sistiana. Unten das Meer, glitzernd, oben ein Raubvogel mit von der Sonne durchleuchteten Flügeln. Schön, aber trotzdem enttäuschend – der Pfad war auf halbem Weg gesperrt.

Sie wollten über das Gitter klettern, sie fühlten sich damals noch jung. Aber da war ein Custode, der sie daran hinderte. E pericoloso! Der Weg sei durch Unwetter beschädigt. Der Rand drohe abzurutschen. Sie würden abstürzen.

Dann am Abend, im Albergo, hatten sie die erste Elegie nachgelesen.

Wer, wenn ich schriee … Zweifellos beeindruckend … Aber nicht doch auch eine Spur zu prätentiös?

Übrigens sei dieser Text, so groß er im Ansatz klang, in gewisser Hinsicht auch kleinmütig

Um an sich als Engelbeschwörer zu glauben, dazu war dieser beinah Begnadete dann doch wieder zu skeptisch.

Dann am Abend, im Albergo, hatten sie die erste Elegie nachgelesen.

Wer, wenn ich schriee … Zweifellos beeindruckend … Aber nicht doch auch eine Spur zu prätentiös?

Übrigens sei dieser Text, so groß er im Ansatz klang, in gewisser Hinsicht auch kleinmütig

Um an sich als Engelbeschwörer zu glauben, dazu war dieser beinah Begnadete dann doch wieder zu skeptisch.

Sie blätterten damals auch in einer Biographie, die, adrett arrangiert, unter einer Vase mit parfumierten Kunstblumen, auf dem Tisch ihres Zimmerchens lag. Rainer Maria Rilke, in vergoldeten Lettern. Dieser Mensch hatte (abgesehen von seiner literarischen Begabung) ein erstaunliches Talent, noble Bekanntschaften zu machen. Gast auf Schloss Duino, eingeladen von einer Fürstin, Marie von Thurn & Taxis Hohenlohe und weiß Gott was noch.

Anfangs leistete sie ihm noch Gesellschaft, lud ein paar andere Gäste ein, die den Dichter besichtigen durften, aber dann (ab Mitte Dezember 1911) überließ sie ihn sich selbst. Begab sich auf ein anderes ihrer Schlösser. Aber die Köchin und der Kammerdiener blieben natürlich zu Rilkes Verfügung. Offenbar dezente Personen, die er nur sehr nebenbei bemerken musste.

Nun bin ich wirklich, seit vorgestern, ganz allein in dem alten Gemäuer, schrieb der Dichter an eine andere edle Freundin, eine geborene Prinzessin von und zu – den Adelsnamen hatte Roch vergessen.

Nein, hatte Ingrid gesagt, ich halte diesen Typ nicht aus!

Aber er ist ein Jahrhundertdichter, hatte Roch eingewandt.

Schon möglich, so Ingrid, aber dann hat sich im Jahrhundert geirrt – in was für einer Welt hat denn der gelebt, ich bitt dich!?

Aber er habe doch auch Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge geschrieben und das sei doch ein durch und durch moderner Roman.

Ach was, sagte Ingrid, der Protagonist, dieser überempfindsame Däne in Paris, sei ja im Grunde auch von einem anderen Stern.

Ein Wort gab das andere. Am Ende waren sie fast aufeinander böse gewesen wegen Rilke. Und hatten sich erst im Bett versöhnt, in dem sie, zuerst voneinander abgewandt, bald aufeinander zu rollen mussten, weil die Matratze derart durchhing.

Und Roch blättert weiter. Er sucht ja nach wie vor Musil. Doch ein paar Seiten später: noch immer Rilke. Allerdings nicht mehr in Duino, in diesem Schloß mit der atemberaubenden Aussicht. Sondern in der Stiftskaserne, einem schmutzig- kaisergelben Gebäude im siebenten Wiener Bezirk.

Die Fenster sind offen, die Räume müssen täglich zwei Mal gelüftet werden. Das hat der Major, dem die dubiosen Schreiber in dieser Abteilung unterstellt sind, so angeordnet. Rilke hüstelt, er ist für Verkühlungen anfällig. Doch so viel ist wahr, gelüftet muss werden, jeweils mindestens zehn Minuten sollen die Fensterflügel sperrangelweit offen stehen, sonst hält man den Mief hier drinnen einfach nicht aus.

Da sitzt er nun, Rilke – hängende Schultern, runder Rücken, vor sich eine verblichen grüne Schreibunterlage aus Filz. Durch die halb vergitterten Fenster sieht man nichts als die Häuserfront vis à vis. Und dort auf dem Dachfirst ein paar steinerne Engel. Allerdings elend schlecht gelungene, zu Karikaturen misslungene Engel aus irgendeiner mediokren Manufaktur.

Rilke, der zu einer Zeit, die nun sehr fern scheint, fast unwirklich, weil es damals zwischen Deutschland und Frankreich noch keine von Tag zu Tag wachsende Barriere aus Leichen gab –

Rilke, der die Arbeit des großen Rodin in seinem Atelier zu Paris beobachtet und beschrieben hat –

der die Entstehung von Skulpturen bis in die Fingerspitzen, bis an die Schmerzgrenze nachfühlt –

Rilke kann diese Engel gar nicht länger ansehen.

Diese bedauernswerten Engel, die später dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer fallen werden. (Von dem man damals, mitten im ersten, noch nichts ahnt.) Diese Engel haben Käppchen aus dreckigem Schnee auf den Köpfen. Unter ihren Füßen hängen Wächten,

von denen ab und zu ein Stück abstürzt, was jedes Mal ein dumpfes Geräusch auf dem Gehsteig verursacht.

Und da sitzt er nun also fröstelnd am Schreibtisch. Es ist Februar 1916, die Nachrichten von den Fronten sind schlecht. Eine trübe Verdrießlichkeit liegt in der Luft, ein bis in die Knochen spürbarer Pessimismus. Sogar die Stimmen der Fiakerkutscher, die unten vor dem Tor der Stiftskaserne auf Offiziere warten, klingen inzwischen kleinlaut.

Ein paar Wochen wird es dauern, hat es im August 1914 geheißen, vielleicht ein paar Monate. Und gewiß wird man Opfer bringen müssen, Soldaten werden fallen, doch dazu sind sie schließlich da. Aber das wird sich unten in Serbien abspielen oder oben in Galizien und der Bukowina. Na ja und wenn die deutschen Bundesgenossen durchaus wollen, dann sollen sie halt dort drüben in Frankreich einmarschieren.

Bloß: Dass man hier, in dieser Haupt- und Residenzstadt, in der zwar vielleicht manchmal streitlustige aber im Grund ihres Herzens doch friedliche Menschen (ungefähr zwei Millionen) wohnen, auf einmal von der Heimatfront reden wird, das hat man nicht erwartet. Und dass man nicht nur Fleisch und Gemüse kaum mehr bekommt, sondern nun auch schon Marken für Brot und Mehl braucht. Die Freude am Krieg, falls es die je gegeben hat, kommt da leicht abhanden. Dagegen muss was getan werden, diesen defätistischen Schlendrian, darf man nicht einfach einreißen lassen.

So der Major. Das ist doch nicht zu viel verlangt. Ein bisschen dichten, meine Herrn, ein bisschen über den Krieg dichten. Über die Tapferkeit und das Durchhaltevermögen unserer Feldgrauen, über den auch bei taktischen Rückzügen ungebrochenen Willen zum Vormarsch. Sie haben doch Fantasie, sie müssen nicht wirklich dabei sein, ich würde sagen, das ist ein entscheidender Vorteil.

Und Sie, Rilke, werden doch auch noch was zustande bringen. Sie können das nicht? Sie würden einfache Abschreibarbeiten vorziehen? Jetzt reden Sie keinen Blödsinn, dafür haben wir Sie nicht hierhergeholt! Nehmen Sie sich ein Beispiel an Ihren Kollegen Werfel und Kisch, die können das ja auch.

Peter Henisch, geboren 1943 in Wien. Nachkriegskindheit, Wiederaufbaupubertät. Studium der Philosophie und Psychologie. 1969 gemeinsam mit Helmut Zenker Begründung der Zeitschrift «Wespennest». Seit den 1970er­n freischwebender Schriftsteller. 1975 erschien Henischs erster Roman «Die kleine Figur meines Vaters», seitdem zahlreiche Romane. Zahlreiche Auszeichnungen, u. a. den Österreichischen Kunstpreis

Rezension von «Der Jahrhunderroman» auf literaturblatt.ch

Beitragsbild @ Eva Schobel

Daniela Krien «Der Brand», Diogenes

Ein Viertel Jahrhundert verheiratet. Eltern zweier Kinder. „Aus dem Gröbsten raus“. Aber die beiden Stadtmenschen Rahel und Peter ahnen, dass ihre Ehe an einem Wendepunkt angekommen ist. Daniela Krien leuchtet in ein Zerwürfnis. Wenn auch mit schwacher Funzel.

Zwischen Rahel und Peter ist das Brennen erloschen. Nach beinah dreissig Jahren ist ihnen die Leidenschaft abhanden gekommen. Sie ist Psychotherapeutin, er Literaturprofessor, beide fest eingebunden planen sie Ferien in den Bergen, Zeit füreinander. Obwohl das Virus sie zwang, ihre Ferien nicht allzu weit von ihrem Zuhause zu verbringen und sie beide nicht mehr wirklich an Aufwind glauben, erreicht sie kurz vor der Abreise die Mitteilung, dass das Haus in den Bergen abgebrannt sei und man ihnen eine Alternative im Dorf anbieten könne. Kaum abgesagt und den Ärger fürs erste geschluckt, erreicht sie ein weiterer Anruf einer Freundin Rahels Mutter, ihr Mann Viktor habe einen Schlaganfall erlitten und man suche jemanden, der für ein paar Wochen das Haus in der Uckermark hüten würden, während sie ihrem Mann in der Klinik beizustehen versuche.

Daniela Krien «Der Brand», Diogenes, 2021, 272 Seiten, CHF 29.90, ISBN 978-3-257-07048-4

Was am Anfang bloss einzige Alternative ist und ein Liebesdienst an einem Paar, mit dem man sich schon ein Leben lang verbunden fühlt, wird immer mehr zu einem Ort, der Klarheit und Perspektiven in das Leben der beiden Verlorenen bringen könnte. Rahel, geplagt von ihren Stimmungsschwankungen, vermisst Peters Leidenschaft. Auch wenn das noch nie viel war, das grosse Feuerwerk ausgeblieb, erklärt Peter ziemlich trocken, dass er keine Lust mehr verspüre. Die Lunte brennt nicht mehr. Rahel hat zu akzeptieren, mehr noch. Das Auseinanderleben, die immer grösser werdende Distanz, reisst an ihrem Selbstverständnis. Und Peter? Peter will einfach nur weg. Weg aus dem aufgeheizten Universitätsbetrieb. Weg von den Brandherden dort, weil er während einer Vorlesung mit einer non-binären Studierenden ungewollt und tollpatschig in einen Konflikt vor Publikum geriet. Ein Konflikt, dem man ihm aufzwang, für den er schlicht weder Lust noch Kraft hatte, sich zu stellen.

Drei Wochen auf einem Hof in der Uckermark. Mit Pferden, Hühnern und Katzen, einem grossen Haus mit vielen Zimmern, einem Stall und einem Nebengebäude, in dem Viktor, der den Schlaganfall erlitten hatte, schon Jahrzehnte ein Künstleratelier führt. Für Rahel ist der Ort ein Ort der Erinnerungen. Und als sie aus Neugier und Unruhe Schubladen öffnest und in Skizzen und Zeichnungen blättert, erhärtet sich ein Verdacht, den sie als Keim schon ein Leben lang mit sich herumträgt.

Daniela Krien erzählte in einem Interview, dass sie eben solche Ferien in einem Haus machte, weil ein Feuer einen Strich durch Ferienpläne machte. Der Hof dort draussen in der Einsamkeit wird zur Bühne eines Zweipersonenstücks. Während der Mann ganz unerwartet auf diesem Hof seine perfekte Erholung zu finden scheint, beginnt ein anderes Feuer, ein Schwelbrand aus Rahels Vergangenheit, der die Krise der sonst rational Denkenden noch potenziert. Eigentlich ein perfektes Setting über ein Paar, das sich aufgezwungenen Veränderungen stellen muss. Ein Geschichte, die mich eigentlich berührt, zumal es doch reichlich eigenartig ist, dass es noch immer Paare gibt, die sich dem Abenteuer einer Langzeitbeziehung oder gar einer lebenslangen Partnerschaft stellen. Trotzdem hätte ich mir in dieser Geschichte etwas mehr Pfeffer gewünscht. Die Figuren bleiben eigenartig blass. Die Geschichte kocht auf kleinem Feuer. Wo bleibt der innere Kampf um eine Ehe, die ausgelutscht zu sein scheint? Wo jener Kampf der Psychologin mit der eigenen Überforderung? Wo jener mit einer Vergangenheit, die sich immer mehr querstellt? Wo der Brand im Leben des Professors, der doch eigentlich nur seine Arbeit machen will und von gegenwärtigen Verbalauseinandersetzungen zerfressen wird?

„Der Brand“ ist ein schöne Geschichte, leicht zu lesen, gute Unterhaltung. Mehr nicht. Schade.

Daniela Krien, geboren 1975 in Neu-Kaliss, studierte Kulturwissenschaften und Kommunikations- und Medienwissenschaften in Leipzig. Seit 2010 ist sie freie Autorin, 2011 erschien ihr Roman «Irgendwann werden wir uns alles erzählen», der von Emily Atef verfilmt wird. Ihr letzter Roman, «Die Liebe im Ernstfall«, stand monatelang auf der Bestsellerliste und wurde in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Daniela Krien lebt mit ihren zwei Töchtern in Leipzig.

Beitragsbild © Maurice Haas / Diogenes

Bei Joachim B. Schmidt braut sich was zusammen.

Winterschlaf? Joachim B. Schmidt hat ihn sich redlich verdient. Am 23. Februar nächsten Jahres erscheint sein nächster Roman «Tell», Nach «Kalmann» sein zweiter, bei Diogenes erscheinender Roman.

Aus der Vorschau des Verlags:
Joachim B. Schmidt schreibt Geschichte neu. In seinem fulminanten Roman wird die Tell-Sage ein Pageturner, ein Thriller, der an moderne Netflix-Serien erinnert. Beinahe 100 schnelle Sequenzen, erzählt von 20 verschiedenen Protagonisten, rasen wie an einer Lunte auf einen überwältigenden Showdown zu, der sich nicht vor denen grosser Blockbuster verstecken muss. Schmidts Fiktion, seine Vision des Tell machen die Erzählung so einzigartig, frisch und zwingend. Die moderne Erzählweise hat er sich bei einem der grossen isländischen Erzähler abgeschaut: Einar Karáson, der die Sturlungen-Saga neu erzählte. Hier wie dort sprechen die Protagonisten, was dem Text Gegenwärtigkeit und Authentizität verleiht. Im Zentrum von Schmidts Erzählung steht der ›Mensch‹ Wilhelm Tell – ein Wilderer und Familienvater, ein Eigenbrötler und notorischer Querulant; ein Antiheld, einer, der überhaupt kein Held sein will, der eigentlich nur seine Ruhe, genug zu essen und seinen Leiterwagen haben will. Und eine Kuh verkaufen. Immer näher kommen ihm die verschiedenen Stimmen und erkunden, wie eine einzige Gewalttat grössere und grössere Kreise zieht. Schmidt bringt uns die Figuren des Mythos nahe und erzählt eine unerhört spannende Geschichte – auch für diejenigen, die noch nie etwas von Wilhelm Tell gehört haben.

Joachim B. Schmidt, geboren 1981, stammt aus Graubünden und lebt seit über zehn Jahren mit seiner Familie in Reykjavik. Er ist Autor mehrerer Romane und diverser Kurzgeschichten. Ausserdem betreibt er einen Reiseblog und arbeitet als Touristenführer in Island.

«Einsame Weihnachten in Island» Kurzgeschichte auf der Plattform Gegenzauber

“Kalmann“, „Mossflüstern“, Rezensionen auf literaturblatt.ch

Kristín Elva Rögnvaldsdóttir

Joachim B. Schmidt