Wann schmerzt Einsamkeit? Wann wird Einsamkeit zur Sehnsucht? Milena Michiko Flašar schrieb in ihren Büchern immer wieder über Einsamkeit. Einen „Zustand“, der im Dichtestress der Neuzeit weit verbreitet ist. «Gedankenspiele über die Einsamkeit» ist ein Essay, das ermutigt.
Die Reihe „Gedankenspiele“ aus dem Hause Droschl; schmale, klar formulierte Texte zu Themen, die den Nerv treffen. Geschrieben von DichterInnen und SchriftstellerInnen, die nicht durch intellektuelle Kapriolen bestechen wollen, sondern durch ihre Offenheit, den Blick in ihr eigenes Leben. So wie Milena Michiko Flašar, die von den Erlebnissen ihrer Kindheit erzählt, von den Erfahrungen, dass die Welt draussen nicht der Welt drinnen entspricht. Dass alle schon in der Kindheit ihre ersten Erfahrungen der Entfernung, unfreiwilliger Distanz machen.

In Einsamkeit ist ebenso viel Angst und Schmerz eingeschlossen wie Sehnsucht. Milena Michiko Flašar erzählte in ihrem Roman „Ich nannte ihn Kravatte“ vom Phänomen „Hikikimori“, von Menschen, die sich ganz in ihre vier Wände zurückziehen, die von ihren Familien aus Scham verleugnet werden. Ein Phänomen, das längst über Japan hinaus übergeschwappt ist. Oder das Phänomen „Kodokushi“ (einsames Sterben), Menschen, die unbemerkt leben und sterben, deren Tod erst dann bemerkt wird, wenn es zu stinken beginnt, wenn die Rückstände eines Lebens durch eine Spezialfirma beseitigt werden müssen. Phänomene, derer sich die Schriftstellerin nicht wegen der Faszination des Grauens annimmt, sondern weil sie symtomatisch sind für eine Gesellschaft, die auf der einen Seite am Dichtestress leidet, andererseits an zunehmender Anonymität und sozialer Inkompetenz.
Alleinsein ist eine Form des Eskapismus. Und Einsamkeit? Ist harte Realität.
Dabei ist Einsamkeit mit ebenso viel Sehnsucht verbunden. Mit der Lust, sich für eine gewisse Zeit zurückzuziehen, eine Zeit nur ganz allein, sei es in den Bergen, in der Wüste, im Kloster, im freien Fall, allein auf einer Reise. Aber diese Einsamkeit ist selbst gewählt. Sie ist durch einen Entschluss begrenzt. Sie ist aus eigenem Antrieb endlich. Einsamkeit ist ein Zustand, hineingestossen oder hineingegangen. Alleinsein eine permanente Auseinadersetzung, begonnen mit der Geburt, dem Schnitt durch die Nabelschnur, dem ersten deutlichen „Nein“ als Kind, der Abwendung während der Pubertät und der Emanzipation als junge Erwachsene, der Feststellung, dass selbst die Liebe einem nicht vor Einsamkeit bewahrt und das Sterben und der Tod der letzte Akt des Alleinseins, manchmal auch der Einsamkeit ist.
Milena Michiko Flašar schreibt davon, dass letztlich sowohl das Lesen wie das Schreiben, obwohl einsamer Zeitvertreib, Anteilnahme, Zuwendung, Hingabe sind. Wenn wir lesen, sind wir „mit“ dabei. Literatur ist die Fähigkeit, uns „mit“ einem Gegenüber zu identifizieren. Letztlich auch eine Auseinandersetzung mit uns selber, der Endlichkeit, sowohl körperlich wie zeitlich.
Milena Michiko Flašar denkt und schreibt offen und öffnend. Nicht die Spur von Besserwisserei. Selbst in ihrer Kritik an der Gesellschaft ist sie behutsam, vermeidet jede Form des Urteilens. Bestimmt ein Grund, warum sich die Schriftstellerin auch in ihren Romanen und Erzählungen immer wieder mit Einsamkeit auseinandersetzt.
Milena Michiko Flašar, geboren 1980 in St. Pölten, hat in Wien und Berlin Germanistik und Romanistik studiert. Sie ist die Tochter einer japanischen Mutter und eines österreichischen Vaters. Ihr Roman «Ich nannte ihn Krawatte» wurde über 100.000 Mal verkauft, als Theaterstück am Maxim Gorki Theater uraufgeführt und mehrfach ausgezeichnet. Er stand unter anderem 2012 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Zuletzt sind der Erzählband «Der Hase im Mond» und der Essay «Sterben lernen auf Japanisch» erschienen. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Wien.
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Beitragsbild © Julius Erler
