Michael Georg Bregel «siebzehn», Neue Cranach Presse Kronach

Auch wenn Michael Georgs Bregels Gedichte in diesem Band nur jeweils drei Zeilen lang sind und sich auf ein halbes hundert Seiten verteilen – kein Leichtgewicht. Hinter den Zeilen versteckt sich weit mehr. Es sind Gedanken, die mir entgegenfliegen, viele hängenbleiben und sich in mir einnisten.

Was fettgedruckt wie Titel von längeren Gedichten erscheint, sind wohl eher Kapitelüberschriften, kleine Wimpel, die dem Folgenden eine Richtung geben, Pausen von Portionen, die ich als Leser zum Verdauen brauche. Gedruckt auf dickes Papier, das nicht aufgeschnitten ist, nicht gebunden ein langes Leporello wäre, eine Spur durch Gedanken.

 

spiel

zieh, aber lass dir
nie das spielbrett unter den
füßen wegziehen

dein stein bedroht mich
mein stein hängt um meinen hals
wir spielen mühle

sobald du den stein 
berührst, gilt das als dein zug,
du bist verloren

was wir spielen, wenn
wir spielen, spielen wir, wenn,
ohne Anleitung

 

Verdichtung im wahrsten Sinne des Wortes. Zeilen mit vielen Sichten, vielen Böden. Bilder, die mehr als deutlich machen, dass sich da noch viel mehr sagen lässt, dass die Zeilen nur die Berührungen auf den Oberflächen bleiben.

Michael Georg Bregel «siebzehn», 2026, Euro 22.00, Buchdruck, Durchstichbindung, Haiku, handgeschöpfter Umschlagkarton, direkt zu beziehen bei NEUE CRANACH PRESSE Kronach

Ich trug das Buch ein Weile mit mir herum. Es passte wie ausgemessen in die Tasche meines Wintermantels. Es war mir ein Begleiter, ein Mitdenker, eine Zündkapsel, ein Vervielfacher, ein Spiegel. Ich nahm das Buch hervor – und manchmal reichte das Innehalten, das Halten des Buches allein, die rauhe Oberfläche seines Buchumschlags aus handgeschöpftem, dickem Papier. Als hätte der Autor all das zwischen und unter den Zeilen, all die Zischenräume zu einem grossen Brei zerdrückt, eingeschwärzt und an der Luft getrocknet. Das Leporello jener Zeilen, die als Kondensat übriggeblieben in diesen schwarzen Bodensatz mit fester Schnur eingebunden und wie ein Paket aus Worten in die Welt hinausgeschickt.


ende

man dachte es muss
erst einen anfang geben 
bevor es endet

abenderwartung
bedeutender eingebung
tiefe enttäuschung

irgendwann wenn wir
alles vergessen haben
fängt es von vorne an

 

Die Zeilen nisten sich ein, haken sich fest, treiben mich um. Nicht die Spur von Larmoyanz, nichts von entrückter Unsachlichkeit. Für diesen Band denkt man zu zweit, taucht ein in die Falten eines Spaziergangs durch die Welt.

„Siebzehn“ erschien in der Neuen Cranach Presse Kronach, herausgegeben von Ingo Cesaro in einer nummerierten und signierten 1. Auflage von 100 Exemplaren.

Michael Georg Bregel, geb. 1971 in München, lebt in Berlin. Studium der Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin, Diplom-Politologe. War Redakteur bei Radio Mainwelle, Bayreuth und bei der Berliner Morgenpost. Seit 2005 freiberuflicher Autor, Übersetzer, Redakteur und bildender Künstler. Übersetzt vorwiegend Comics für verschiedene große Verlage. Seine künstlerische Arbeit, hauptsächlich Fotografie, Sieb- und Stempeldrucke sowie experimentelle Videos war und ist in Ausstellungen, Museen und Kinos zu sehen. Texte und Bilder in zahlreichen Zeitschriften und Anthologien, mehrere Herausgeberschaften. 

Michael Georg Bregel «Raunacht», Rezension auf literaturblatt.ch

Zsuzsanna Gahse «Spielbeginn», Edition Korrespondenzen

Zsuzsanna Gahse schreibt längst nicht mehr, um sich zu beweisen. „Spielbeginn“, ihr neustes Buch, gibt sich wie ein Theater, gibt wieder, was Menschen sprechen, was die vielen Stimmen, die die Autorin mit sich trägt zum dem einen Instrument zu sagen haben, das die meisten von uns gedankenlos mit sich herumtragen; die Stimme, die Sprache.

Zsuzsanna Gahse, eine der eigenwilligsten Stimmen der Literatur im deutschsprachigen Raum, hat mit ihrem neusten Werk „Spielbeginn» schon über 30 Bücher verfasst, das erste vor über 40 Jahren. Keine Bücher, die sich um ein möglichst breites Publikum bemühen, die möglichst oft verkauft werden sollen.

„Spielbeginn“ ist Spracherkundung, Spracherfahrung und Sprachlandschaftsbegehung. Ein vielstimmiges „Theaterstück“, in dem sich die Stimmen treiben lassen, die sich in Stimmung bringen, die sich ins Wort fahren, sich gegenseitig herausfordern. „Spielbeginn“ ist Bühne für die Sprache, jenes Instrument, das uns in den Mund gelegt ist, das einen ganzen Körper zum Schwingen bringt und seine Umgebung in Verrutschungen treiben kann, manchmal in neue Sphären, manchmal auf Neuland, aufs Glatteis, ins Offsite, in Rage, in Verzückung, ins Schwärmen, in Zorn… Zsuzsanna Gahse will keine Geschichte erzählen, auch wenn ihr Buch voller kleiner Binnengeschichten (Die Autorin nennt sie Erzählinseln.) ist. Sie gibt ihre Stimme ihre Sprache, forscht ihr entgegen, erzählt, was die Simmen auf der Bühne ihrer Vorstellung in Worte zu fassen versuchen. 

Zsuzsanna Gahse «Spielbeginn. Vertuschungen», Edition Korrespondenzen, 2025, 144 Seiten, CHF ca. 34.90, ISBN 978-3-902951-83-0

Eine Bühne mit Personal. Die einen tragen  Namen, die andern nur Nummern. Die einen haben ein Gesicht, die andern tragen die Farbe Grün, wirken gesichtslos, sind Stimme und Sprache allein. Es ist die Hauptprobe zu einem Stück. Noch setzt man sich mit dem auseinander, was im Stück gesagt, gesprochen werden soll. Wie ein Orchester bei der Hauptprobe. Die Noten, die Partitur sind da, aber die SpielerInnen an den Instrumenten scheinen in einem demokratischen Diskurs darüber, wie das Stück gespielt werden muss, in welcher Stimm- oder Stimmungslage. Die Protagonisten mit Namen sind Solisten, das durchnummerierte Personal das Orchester. Dirigentin ist Zsuzsanna Gahse selbst mit dem Text, der Partitur ist.

„Spielbeginn“ ist nur Partitur und verlangt deshalb von mir als Leser einiges ab. Nur wer bereit ist, den eigenen Körper, die Vorstellung während des Lesens zu einem Instrument zu machen, vielleicht sogar den Mut aufbringt, laut zu lesen, wer sich wegbewegen kann von der Vorstellung, dass Sprache bloss Träger von Informationen, einer Geschichte ist, erahnt, worum es der Dichterin in ihrem Buch geht. Ein Buch, das sich den meisten Erzähltraditionen entzieht, sich aktiv sperrt.

Im zweiten Teil des Buches wird aus dem Theaterstück Prosa. Zwei Männer notieren, was ihnen unterwegs im Bodenseeraum begegnet. Sie kommunizieren noch immer miteinander, schreiben auf, denken nach. „Spielbeginn“ nimmt kontemplative Züge an und doch geht es nicht um die Geschichten zweier Männer, sondern was Sprache und das Sprechen mit ihnen macht.

Gahse beschreibt als Erzählstimme das Archaische, die Szenerie, die Bühne, die Landschaft, aber auch die Geräusche, die Töne, das Sprechen selbst mit all dem, was an Nebengeräuschen hörbar wird. Ganz nebenbei fallen Sätze wie Meisselschläge, markant und kantig. Betrachtungen bis hinein in den Laut selbst, hinein in den Muskel einer Zunge, des Mundes, des Gaumens, der Lippen.

„Spielbeginn“ ist ein mutiges Buch. Zsuzsanna Gahse vertraut darauf, dass Leserinnen und Leser ihr Spiel mitmachen, dass sie sich einlassen. Wer dies tut, bewegt sich auf ungewohnten Pfaden – ein Abenteuer. Aber wer genau das will, wer mit auf die Bühne, hinaus in die Landschaft der Sprache, hinein in das grosse Orchester der Sprache will, sind genau jene, mit denen sich die Autorin in ihrem Spiel einlassen will. Eine Liebeserklärung an die Sprache, in Zeiten des Sprachverlusts.

Zsuzsanna Gahse, geb. 1946 in Budapest, aufgewachsen in Wien und Kassel, lebte längere Zeit als Schriftstellerin in Stuttgart und Luzern, zurzeit wohnt sie in Müllheim, Schweiz. Zahlreiche Preise und Auszeichnungen, u. a. aspekte-Literaturpreis (1983), Adelbert-von-Chamisso-Preis (2006), Italo-Svevo-­Preis (2017), Werner-Bergengruen-Preis (2017), Schweizer Grand Prix Literatur (2019).

Beitragsbild © Ch. Rütimann

Zigmunds Skujiņš «Das Bett mit dem goldenen Bein», mare

Da ich bald erstmals nach Riga reise, habe ich mich über lettische Literatur informiert und bin auf «Das Bett mit dem goldenen Bein» von Zigmunds Skujiņš gestossen. Begeistert nur schon vom hervorragend gestalteten Cover mit Schuber aus der Reihe Mare Klassiker habe ich bei der Lektüre erfahren, dass die «Legende einer Familie» ein literarischer Leckerbissen ist.

Lieber Gallus

Auf 538 Seiten betreten mehrere Generationen der Familie Vejagals die Weltbühne. Die Geschicke einzelner Familienmitglieder vor dem Hintergrund der lettischen Geschichte über mehr als 100 Jahre, ausgehend von einer durch Agrarwirtschaft geprägten Gesellschaft, welche die Seefahrt entdeckt. Vom Lettland als Schlachtfeld in den Weltkriegen zwischen Deutschland und der Sowjetunion berichtet der Erzähler bis in die Nachkriegszeit.

Nein, was ihn wirklich von der Reise abhielt, war der Vejagal’sche Charakter, ein gegen sich selbst gerichteter Trotz, der Unwille, etwas Angefangenes nicht zu Ende zu bringen. Man konnte es Ehrgeiz oder Stolz nennen.

Zigmunds Skujiņš «Das Bett mit dem goldenen Bein», mare, aus dem Lettischen von Nicole Nau, mit einem Nachwort von Judith Leister, mit Lesebändchen im Schuber, 2022, 608 Seiten, CHF ca. 65.90, ISBN: 978-3-86648-658-4

Dank der Ahnentafel der Familie Vejagals auf der ersten Seite und der grossartigen Erzählart findet sich die Leserin, der Leser gut zurecht. Zuerst erfahren wir die Geschichte von Noass, dem erfolgreichen Seefahrer und von seinem Bruder Augusts, dem sesshaften, sein Handwerk liebenden Bauer. Schon hier entsteht Spannung, weil Augusts während der langen Abwesenheit Noass’ auf See dessen Ehefrau schwängert. Nach und nach treten andere Vejagals auf, vielen wird ein Kapitel gewidmet, grob chronologisch angeordnet ohne genaue Daten. Hilfreich ist ein ausführliches Glossar im Anhang.

«Legt mich mit Brille in den Sarg. Ich will euch alle sehen, aber die Augen tun’s nicht mehr so recht» und fügte hinzu: «In den Bienenstöcken summt es gewaltig, das wird ein gutes Jahr.»

Die Verknüpfung der so unterschiedlichen Geschichten der Familienmitglieder gelingt literarisch wunderbar, sodass ein spannender Lesefluss entsteht und ich immer wieder von neuem mitgerissen werde. Packend und lebendig werden die Menschen geschildert. Lettland mit seinem landschaftlichen, gesellschaftlichen und historischen Hintergrund wird filmisch erlebbar. 

Ein Morgen wie im Bilderbuch. Leichter Tau, wolkenloser Himmel, man könnte sich sofort an die Arbeit machen, aber nein, man muss zu seinem Einsatzort gehen, wo man gesagt bekommt, was heute zu tun ist. (Kolchose)

Die Vejagals haben sehr unterschiedliche Lebenswege, packen ihr Schicksal oft kämpferisch an und sind dem Leben zugewandt. Ob erfolgreicher Seefahrer in Lateinamerika, naturnaher Bauer, der sich in der Kolchose nicht mehr zurechtfindet, Bibliothekarin in besonderer Liebesbeziehung oder nach England flüchtender Chaot, Skujiņš beschreibt die Charaktere subtil und plastisch.

Dieses Buch ist sowohl von der Gestaltung wie vom Inhalt her unbedingt zu empfehlen.

Herzlich

Bär

Zigmunds Skujiņš (sprich: Skuiensch) wurde 1926 in Riga geboren. Nach Anfängen im Journalismus wandte er sich ganz dem literarischen Schreiben zu. Zu seinem Werk gehören zahlreiche Romane und mehrere Erzählbände sowie Theaterstücke, Drehbücher und Essays. Skujiņš ist einer der renommiertesten Schriftsteller seines Landes. Sein Werk wurde in viele europäische Sprachen übersetzt und millionenfach verkauft. «Das Bett mit dem goldenen Bein» (1984) gilt als sein grösster Erfolg. Skujiņš starb im März 2022 in Riga.

Nicole Nau, geboren 1962 in Giessen, ist Professorin für Allgemeine Sprachwissenschaft und Lettische Philologie an der Adam-Mickiewicz-Universität in Poznan (Posen). Sie übersetzt zeitgenössische lettische Prosa, u.a. von Nora Ikstena und Māra Zālīte. Auf ihrer Website lettlandlesen.com informiert sie über Literatur aus Lettland.

Judith Leister (Nachwort) studierte Germanistik, Komparatistik und Slawistik in München und Berlin. Seit 2005 verfasst sie Beiträge für verschiedene Medien, u.a. die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Neue Zürcher Zeitung und den Deutschlandfunk. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf osteuropäischer Kultur und Geschichte sowie jüdischen Themen. Sie lebt in München.

Beitragsbild © Gunārs Janaitis

Samuel Herzog «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden», Edition Frida

Es sind Besessene, die ein Buch schreiben. Es sind Verrückte, die zwei Jahrzehnte an ein und demselben Projekt weiter und weiterarbeiten, die weder Zeit noch Energie scheuen. Es sind Wilde, die sich von gar nichts zurückschrecken lassen. Samuel Herzog gehört zu dieser ganz besonderen Spezies Mensch! Ich liebe sie!

Reisen sie gerne in ferne, fremde Länder? Mögen sie Abenteuer, den Schritt ins Unbekannte? Lieben sie die Vorbereitungen auf eine grosse Reise, das Stöbern im Netz, das Blättern in Reiseführern, das Zusammenstellen einer Tour, bei der man möglichst viele Sehenswürdigkeiten entdecken kann, der Bevölkerung des Landes möglichst nahe kommt? Oder fürchten sie sich davor, ein Ziel ins Auge zu fassen, weil sie genau wissen, dass das Budget nicht reichen wird? Meldet sich das schlechte Gewissen, weil sie wissen, dass sie damals beschlossen, kein Flugzeug mehr zu besteigen? Oder fehlt ihnen die Zeit? Samuel Herzog bietet ihnen die einmalige Chance, eine Reise zu wagen, die ihr Budget nicht überstrapaziert, minimale Belastungen für die Umwelt verursacht und erstaunlich viele neue Perspektiven eröffnet, ohne dass sie sich aus dem Sofa erheben müssen.

Lemusa ist eine Insel auf 33° N / 44° W, mitten im atlantischen Ozean, etwa 130 Kilometer lang und 60 Kilometer breit. Eine Insel, die alles bietet, was AbenteuerInnen lockt; eine wechselhafte Geschichte, gastfreundliche Einheimische, romantische Buchten, sagenhafte Landschaften, pikante Gerichte, geheimnisvolle Urwälder, und blühende Ortschaften. Eine eigene Fluggesellschaft, eine unabhängige, wenn auch streitbare Regierung und eine blühende Kultur. 

Samuel Herzog «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden», Edition Frida, 2025, 3500 Seiten, Auflage: 333 Exemplare, CHF ca. 198.00, ISBN 978-3-03908-008-3

Niemand auf diesem Planeten kennt die Insel Lemusa so gut, wie Samuel Herzog. Kein Wunder, denn Samuel Herzog hat die Insel vor einem Vierteljahrhundert erfunden. Lemusa gibt es als real existierende Insel nicht, in seiner Vielfalt nur im Kopf ihres Schöpfers und in der einen oder anderen Facette in Köpfen jener, die sich durch «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden» von der Faszination einer (verrückten) Idee verführen lassen. Alles fing an mit dieser einen Idee; einmal ein Schöpfer sein, einmal eine Welt erfinden, einmal alle Wenn und Aber zur Seite legen, sich durch nichts und niemanden einengen lassen. Zuerst wuchs die Idee, die Insel im Kopf, dann auf einer Webseite, und nun ist sie in sieben Bänden in einem Schuber auf Papier gebannt. Reiseführer in die Fantasie, ein Durstlöscher für Sehnsüchte, ein Bilderbuch für Unersättliche.

Ich liebe Menschen, die unbeirrt eine Idee verfolgen, die sich nicht abbringen lassen, vor allem in Absichten, die keinen wirtschaftlichen Zweck verfolgen. Samuel Herzog ist einer, der sich längst in den Winkeln, Höhlen und Zwischenwelten seiner Insel verloren hat. Sogar eine Sprache hat er für seine Insel erfunden, eine Schrift, Literatur. Eine Fülle von Rezepten, die man nachkochen kann, mit denen man sich in der Küche die Düfte dieser ewig fremden Insel nach Hause holen kann. Über QR-Codes rezitiert Samuel Herzog Gedichte verschiedener lemurischer Stimmen. Ich lese Reportagen zu den verschiedensten Themen, Samuel Herzog erzählt von seinen ausgedehnten Spaziergängen auf der Insel. «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden» sind Reiseführer nach innen, vielfarbige Fächer einer bunten Welt, die in nichts von der Realität in den Schatten gestellt wird.

«Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden» ist Kunst, sowohl sprachlich wie in seiner Konsequenz. Ich blättere und lese, staune und schmunzle. SchriftstellerInnen erfinden Geschichten, Welten, Leben. Samuel Herzog ein Stück Welt!
Aber Achtung: Wer sich den Schuber kauft und für diesen auf dem stillen Örtchen den geeigneten Platz findet, braucht die Nachsicht seiner Mitbewohner oder das Glück einer zweiten Nasszelle. Auf Lemusa kann man sich verlieren.

Phantastisch – im wahrsten Sinne des Wortes!

Ein dreiminütigen Video übers «Lemusa-Projekt»
Romana Ganzoni, Samuel Herzog, Lis Künzli, Karin Rey «Der Verlag», Roman, Rotpunkt

Samuel Herzog, geboren 1966, führte einen unabhängigen Kunstraum mit Küche in Basel, gab verschiedene Mikrozeitschriften heraus, betreute einen Kleinstverlag, erforschte als Ausgrabungstechniker die Bronzezeit und war jahrelang als Begleiter von Liegewagen in Europa unterwegs. Er studierte Kunstgeschichte und war als Kunstkritiker und Redakteur für diverse Medien tätig. Heute bewegt er sich im Grenzbereich von Kunst, Literatur und Journalismus. Er schreibt über seine Reisen, beschäftigt sich mit kulinarischen Themen und widmet sich literarisch-künstlerischen Projekten wie der fiktiven Insel Lemusa, deren facettenreiche Kultur er seit 2001 in Museen, Publikationen und im Internet vorstellt.

Fotos © Edition Frida (Mathias Balzer)

Rina Jost «WEG», Edition Moderne

Wer wird nicht irgendwann im Leben mit Depression konfrontiert, sei sie individuell oder kollektiv, sei es im eigenen Leben oder bei Angehörigen, sei es als einmalige Krise oder immerwährende Auseinandersetzung. Rina Jost erzählt in ihrer Graphic Novel von den Tiefen der Depression, beeindruckend und mit grossem Einfühlungsvermögen.

Der Titel „WEG“ lässt sich vielfach deuten. Depression kann als Weg in die Tiefe verstanden werden, in ein unbekanntes Land, in Abgründe, auch wenn sich in Zeiten der Not kein Rückweg abzeichnet. Ein Weg, der alleine gegangen werden muss, der auszuhalten ist, auch wenn er an der Substanz reisst und glauben macht, man sei allein, in sich eingeschlossen. „WEG“ kann auch als Zustand gesehen werden, wenn man sich von sich selbst entfernt sieht, wenn man in sich eingeschlossen ist, bis zur Unerreichbarkeit, absorbiert.

Über eine solche Reise, einen solchen Zustand ein Buch zu schreiben, zu zeichnen, ist ein Wagnis. Erst recht dann, wenn man über eine Geschichte schreibt, in der viel Betroffenheit steckt, in der man spürt, dass ein Teil eines Selbst darin verarbeitet ist. Wie will man sonst nachempfinden, was Menschen in oder um eine Depression zu erleiden haben, wie viel auszuhalten ist, wie sehr man sich in den Tiefen einer Depression verlieren kann.

Rina Jost «WEG», Edition Moderne, 120 Seiten, farbig, CHF ca. 29.80, SBN 978-3-03731-253-7

Rina Jost erzählt von Geschwistern. Malin und Sybil. Sybil ist weg, zu einem Stein geworden, in eine Welt abgetaucht, die für all jene, die zurückbleiben, unerreichbar zu sein scheint. Mag sein, dass Sybil nur im Bett in ihrem Zimmer liegt. Aber was da liegt, ist nur ihre Hülle. Sybil ist weg. Weil Malin ihre Schwester liebt, macht sie sich auf den Weg, versucht zu ergründen, wo sich ihre Schwester hin verloren hat. Eine Reise nach innen, eine Reise in die Tiefen der Psyche. Hinein in Bilder, die sich wie Traumbilder, psychodelische Projektionen lesen. Malin begegnet Figuren, die wie Wächterinnen an den Übergängen von der einen zur anderen Welt stehen. Rina Josts Graphic Novel ist voller Anspielungen, doppelter Böden, Andeutungen und Zeichen. Keine Geschichte, die man einmal liest und dann hat es sich.

Im hinteren Teil des Buches wird dann klar, wie sehr es Rina Jost um Aufklärung und Handbietung geht. So allein wie sich die Hauptfiguren Malin und Sybil in ihrer Lebenssituation fühlen, so sehr will die Autorin und Zeichnerin all jenen eine Hand bieten, die sich in ähnlichen Situation allein gelassen fühlen, denen nicht einmal mehr die Kraft bleibt, sich aktiv um Hilfe zu bemühen. „WEG“ strotzt vor Kraft, umwerfender Bilder und der Fähigkeit, sich in diese Schattenwelt hineinzufühlen.

Rina Jost, 1987 geboren, Illustratorin und Comicautorin, arbeitet und lebt in Frauenfeld. Sie schloss an der Hochschule Luzern – Design & Kunst im Studiengang Illustration Fiction mit einem Bachelor ab. Heute arbeitet sie für Kultur- und Firmenkund*innen und verfolgt parallel dazu eigene Projekte.

Webseite der Künstlerin

Beitragsbild © Balz Kubli

Clemens J. Setz «Die Reststrahlung der Zukunft – Einundzwanzig wahre Geschichten», Edition Thurnhof

Eine Perle aus der Edition Thurnhof. «Die Reststrahlung der Zukunft, Einundzwanzig wahre Geschichten» ist eine gestalterische Offenbarung, Papier gewordene Kunst. Ein Fetisch!

Andere kaufen sich Schuhe, auch wenn keine Anschaffung notwendig wäre. Eine Tasche, einfach nur, weil sie schön ist. Oder ein Nippes, das sich dann irgendwann in den Tiefen des Hausstands verliert. Ich glaube, dass 95 % aller Onlinekäufe Kompensationshandlungen sind, auch wenn alle wissen, wie kurz die Befriedigung ist. Einmal beim Klicken auf den Button „Kaufen“ und ein zweites Mal beim Auspacken, beim Entfernen der Plastiktüte. Ich wohne in einem Mehrfamilienhaus und kann mir nicht vorstellen, dass alles, was sich dort an gewissen Tagen stapelt, notwendig und unverzichtbar sein sollte. Über die Gründe all dieser Kompensionshandlungen liesse sich ellenlang spekulieren. Und ich gestehe feierlich, dass ich nicht davor gefeit bin.

Ich kaufe aber nur noch selten Bücher, bin in der komfortablen Situation, dass die Bücher, manchmal auch ungefragt, zu mir kommen. Nicht als Geschenk, aber mit der unausgesprochenen Aufforderung, doch bitte darüber zu schreiben. Aber manchmal kaufe ich doch. Zahle gar Preise, die in keiner Weise der gekauften Lesezeit entsprechen, einfach nur, weil ich das Buch besitzen will, weil ich mit den Fingern über das dicke Papier streicheln will, weil ich lesen, schauen, staunen und verweilen will. Kompensation? Als stiller Protest gegen den reinen Konsum? Gegen die Schnelligkeit? Das Verbrauchen?

Clemens J. Setz «Die Reststrahlung der Zukunft, einundzwanzig wahre Geschichten», Edition Thurnhof
Offsetlith, 2025, Offsetlithografien vom Stefan Zsaitsits, € 27.00, ISBN 978-3-900678-72-2

Bei diesem einen Buch ist die Anschaffung ein Statement. Für das Schöne und Gute. Für die Kunst. Für die Liebe zur Leidenschaft. Für ein Objekt, mit dem nicht einfach Gewinn generiert werden soll, ganz nach dem Motto „Mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel Kohle“. Ein Buch aus der Edition Thurnhof, aus der Hand eines Verlegers, der nicht die grosse Bühne sucht, dessen Bücher nie auf Bestsellerlisten landen, dessen Leidenschaft nichts mit den Gesetzen von Aufwand und Ertrag gemein haben.

Seit über 40 Jahren entstehen im Niederösterreichischen Horn (wenn man dem Blick vom Satelliten glaubt mitten im Wald) Bücher, die ihresgleichen suchen. Toni Kurz und seine Frau Christa schaffen Druckkunstwerke, die Literatur und Illustration mit Sorgfalt,  Kompromisslosigkeit und dem unbestechlichen Blick für Qualität vereinen. Über die Jahre muss der Verleger Toni Kurz ein bestechendes Netz zwischen Kunstschaffenden aufgebaut haben, das auch den Schreibenden, Malenden, Zeichnenden und Druckenden jenen Wert verspricht, der weit über das Finanzielle hinausgeht.

Auf die Frage, warum gerade Clemens J. Setz schrieb Toni Kurz: Ich habe natürlich schon gewusst, wer Setz ist, aber ich war nie der, der hinter den bekannten Namen her ist wie der Teufel hinter den armen Seelen. Ich lass auch den Leuten gerne Zeit, die sie ja brauchen, die Dinge werden schon, wenn sie reif sind.

Clemens J. Setz, ein ganz Grosser der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, Büchner Preisträger 2021 und Stefan Zsaitsits, Künstler, Grafiker und Zeichner schufen in der Reihe der Edition Thurnhof mit „Die Reststrahlung der Zukunft – Einundzwanzig wahre Geschichten“ ein Buchkunstwerk, das mein Herz schneller schlagen lässt. Literarische Miniaturen erzählt mit Schalk und der Überzeugung, dass Literatur auch ein Kampf gegen die Bedeutungslosigkeit ist, gepaart mit messerscharfen Illustrationen, gekonnt in Szene gesetzt, weit mehr als die Bebilderung dessen, was Setz inszeniert.

Auf die Frage, wie er zum Künstler Stefan Zsaitsits kam: 2012 habe ich ein Buch mit Barbara Frischmuth gemacht, die damals auf meine Anfrage geantwortet hat, sie kennt meine Reihe Oxohyph und würde gerne was machen, nur würde das länger dauern, weil sie mit einem neuen grossen Roman viel auf Lesereisen unterwegs wäre und keine Ruhe zum Schreiben hätte. Als ich auf ihre Frage, wer denn da die Bilder machen sollte, Zsaitsits genannt habe, hat sie erfreut ausgerufen „Der Stefan? Von dem habe ich zwei Zeichnungen in meiner Schreibstube hängen“, und mir binnen einer Woche in einem Express-Brief die Erzählungen „Der Hals der Sängerin“ geschickt, ein Buch, das schon vergriffen ist.

In kleiner Auflage für LiebhaberInnen, in noch viel kleinerer Auflage für all jene, die noch eins oder zwei drauf haben wollen, nummeriert und signiert, in Holzschuber mit Orignalzeichnung. Ich liebe es!

Clemens J. Setz wurde 1982 in Graz geboren, wo er Mathematik und Germanistik studierte. Heute lebt er mit seiner Frau und seiner Tochter als Übersetzer und freier Schriftsteller in Wien. 2011 wurde er für seinen Erzählband Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Zuletzt wurde er mit dem Georg-Büchner-Preis 2021 und dem Österreichischen Buchpreis 2023 geehrt.

Stefan Zsaitsits, geboren 1981 in Niederösterreich, Künstler, Grafiker und Zeichner, studierte von 2001 bis 2006 Malerei in der Meisterklasse von Adolf Frohner an der Universität für angewandte Kunst Wien. Seine Werke werden in Ausstellungen im In- und Ausland gezeigt und sind in nationalen sowie internationalen Sammlungen vertreten, darunter in der Albertina Wien, ebenso wie in zahlreichen privaten Sammlungen.

Webseite des Künstlers Stefan Zsaitsits

Beitragsbilder © Stefan Zsaitsits

edition aequinoctium – aus Liebe zu Wort und Bild

Wenn unbeirrbare Leidenschaft, das sichere Gefühl für Ästhetik und ein Plan, der sich in keiner Weise von wirtschaftlichem Denken leiten lässt, zusammenfinden, dann entstehen Kostbarkeiten, die ihresgleichen suchen, papierene Kunst, die einen Verkaufsort bräuchte, der sich grundlegend von den Gemischtwarenläden der Gegenwart unterscheidet.

Als nach der Erfindung des Buchdrucks das gedruckte Buch zu einem Kulturgut wurde, auch für «Normalsterbliche» erschwinglich, jedes Buch ein Manifest von Sorgfalt und Kompromisslosigkeit war, war Literatur noch weit weg vom Verbrauchsmaterial der Gegenwart. Dass es noch immer Verlage, BuchkünstlerInnen und BannerträgerInnen des Guten und Schönen gibt, grenzt an ein Wunder. Aber dass der Schweizer Schriftsteller, Herausgeber, Dichter und Lektor Markus Bundi zu ihnen gehört, verwundert nicht. Zusammen mit dem Grafiker Claudius Fischer erscheinen jährlich zwei Hefte, die eigentlich auf Samtkissen und Marmorsockeln zu Ansicht und Verkauf präsentiert werden müssten. Papierobjekte zum Lesen, Staunen und Verweilen, Kunststücke, die sich nach der Lektüre nicht so einfach in ein Regal schieben lassen, Hefte, die man nach der Lektüre in jedem Fall noch eine Weile mit sich herumträgt, weil sie einem ans Herz wachsen.

Markus Bundi: Menschen werden von Bildern inspiriert, und seit es Sprache gibt, evozieren Texte in deren Köpfen Bilder. Wenig erstaunlich also, dass das altgriechische Wort Idee nichts anderes meint als »Bild«. Darin trafen wir uns, die Herausgeber der edition aequinoctium schon früh. Claudius Fischer, der Zeichner und Gestalter, und ich, der Wörtermensch. Manchmal als ein scharfer Gegensatz – wie Tag und Nacht –, dann wieder ganz nah beieinander wie die Tag- und Nachtgleiche. Diese Wechselwirkung wollen wir befördern, indem wir sie nach aussen tragen, uns darüber austauschen, welches Tandem aus Kunst und Literatur gemeinsam abheben und fliegen könnte. Und so wird, wenn alles gut geht, auf das kommende Aequinoctium das nächste Heft erscheinen …

Am 22. September 2024 erschien das erste Heft der beiden Initianten selbst; «Als Sisyphos seinen Stein verlor», eine Kurzgeschichte von Markus Bundi (Erstveröffentlichung) und Zeichnungen aus dem Abreisskalender-Tagebuch von Claudius Fischer.

Die Hefte der edition aequinoctium haben einen Umfang von 16 bis maximal 24 Seiten, sind in ein Format 13 mal 21 gekleidet und werden mit grösster Sorgfalt von Hubert Oeschger in Bad Zurzach gedruckt. Die Auflage jedes Heftes ist limitiert, die einzelnen Exemplare handsigniert.

Im Frühling 2025 erschien «Nicht ganz stabil», ein Text von Zsuzsanna Gahse (Gewinnerin des Schweizer Grand Prix Literatur) und Fotografien des Künstlers Christoph Rütimann. Ein kongeniales Paar! Betrachtungen über den Mittelpunkt und die Wölbungen darüber.

Das dritte Heft, erschienen zur Tag- und Nachtgleiche im Herbst 2025, enthält neue Gedichte von Katharina Lanfranconi sowie einen durch das Heft fliessenden Farbrausch. Tuschearbeiten, die Sadhyo Niederberger aus Aarau speziell für die Edition geschaffen hat. Text und Bilder durchdringen sich, spiegeln sich wider und setzen Kontrapunkte.

Das ideale Weihnachtsgeschenk für kunstaffine HaptikerInnen!

Markus Bundi, lic. phil. I, geboren 1969, studierte Philosophie, Neue Deutsche Literatur und Linguistik an der Universität Zürich. Er arbeitete in jungen Jahren als Journalist, erst als Sport-, dann als Kulturredaktor bei einer Schweizer Tageszeitung. Seit über zwanzig Jahren unterrichtet er Philosophie an der Alten Kantonsschule Aarau. Er lebt als freier Autor, Literaturvermittler, Lektor und Herausgeber (u. a. der Werkausgabe Klaus Merz) in Neuenhof/ Schweiz. Für seien literarische Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet. Er ist Mitglied bei PEN Deutschland.

Claudius Fischer, geboren 1962, lebt in Würenlingen. Ausbildung zum Grafiker. Weiterbildung an der F+F Schule für Kunst und Design und an der Schule für Gestaltung in Bern/Biel. Arbeit als Grafik-Designer in verschiedenen Agenturen und viele Jahre als Hausmann. Seit 2000 eigenes Studio für Grafik-Design. Diverse Auszeichnungen, zuletzt 20214 Red Hot Design Award in visueller Kommunikation.

edition aequinoctium

Beitragsbild © Sadhyo Niederberger

Eva Schmidt «Sonne in einem leeren Zimmer», Golden Luft

Manchmal muss mir der Zufall helfen, dass ich literarische Kostbarkeiten entdecke. So eine Kostbarbeit sind die Prosastücke der Vorarlbergerin Eva Schmidt, erschienen im Mainzer Golden-Luft-Verlag. Nicht nur literarisch ein Kleinod, auch haptisch, in Aufmachung und Gestaltung.

Blättert man in den bereits erschienenen Veröffentlichungen des Verlags, stets fadengeheftet, die Umschläge von KünsterInnen gestaltet, zeigt sich Eva Schmidt in bester Gesellschaft; Franz Kafka, Stefan Zweig, John Burnside… und Eva Schmidt. Das mag Zufall sein. Aber viel eher das verlagseigene, sichere Gespür für Qualität. Für die Qualität in der Kürze, im Eingedampften, Konzentrierten. In dem, was bleibt, wenn nur noch der hochprozentige Sud übrig bleibt.

Auch wenn Eva Schmidt in den letzten drei Jahrzehnten längst zu einem Eckpfeiler der deutschsprachigen Literatur geworden ist, Eva Schmidt zu den Grossen der österreichischen Gegenwartsliteratur gehört, muss man sie noch immer als Geheimtipp deklarieren. Wahrscheinlich deshalb, weil Eva Schmidt weder eine Autorin der grossen Gesten, noch eine der spektakulären Plotts ist. Wer Eva Schmidts Bücher liest, blickt ins pure Leben, in die Normalität, die Stille. Es sind beinahe Standbilder, die die Autorin mit ihrem feinen Blick in den Fokus bringt. Eva Schmidt scheint ein spezielles Gespür für Situationen, Augenblicke zu haben, denen die meisten Menschen keine Aufmerksamkeit schenken würden.

Eva Schmidt «Sonne in einem leeren Zimmer», Golden Luft Verlag, 2019, mit einem Nachwort von Daniela Strigl, Umschlagabbildung: Tjark Ihmels, 24 Seiten, 14 Euro (D), ISBN 978-3-9818555-6-2

Kein Wunder, tragen einige ihrer Miniaturen Titel der Bilder des amerikanischen Malers Edward Hopper. „Sonne in einem leeren Zimmer“, „Zimmer am Meer“ und „Nachtschwärmer“ setzen seine Bildlandschaft bis hin zu seinen Farben in meine ganz eigene Erfahrungswelt. Eva Schmidts Prosastücke sind literarische Meditationen des Normalen. Kein Sog, kein Rausch, aber hörbare Stille. Sätze, die wie Kristalle spiegeln, ganz klar in der Kontur, im Einen die Vielfalt spiegelnd.

Wer literaisch geniessen will und nicht bloss aus Lust nach Zerstreuung liest, wer die Muse hat, einen Text wirken zu lassen, diesen wie ein Gedicht mehrmals zu lesen, dem ist „Sonne in einem leeren Zimmer“ genau der richtige Stoff, um dem medialen Dauerrauschen zu entkommen. Man wünscht sich ein kleines Podest, auf dem man das schmucke Büchlein auflegen kann, um immer und immer wieder daran vorbeizugehen, um einen Text lang aus dem Herumgerenne auszusteigen.

„Sonne in einem leeren Zimmer“ ist als Titel Programm, wirkt ganz tief. Es wäre der Autorin (und dem Verlag) zu gönnen, wenn die stille Autorin aus Bregenz die Aufmeksamkeit erhalten würde, die ihr zusteht.

Ein Kleinod!

Eva Schmidt, geboren 1952 in Lustenau, lebt in Bregenz, Vorarlberg. Sie debütierte 1985 mit Erzählungen («Ein Vergleich mit dem Leben», Residenz Verlag), der erste Roman folgte erst zwölf Jahre später unter dem Titel «Zwischen der Zeit» (1997). Nach einer Unterbrechung von fast zwanzig Jahren erschienen die beiden gefeierten Romane «Ein langes Jahr» (2016) und «Die untalentierte Lügnerin» (2019), mit beiden war sie für den Deutschen Buchpreis nominiert. 2019 veröffentlichte sie den Band «Sonne in einem leeren Zimmer», Erzählungen unter dem Titel «Die Welt gegenüber» (2021) und 2025 ihren neusten Roman «Neben Fremden«.

Beitragsbild © Klaudia Longo

Waseem Hussain & Sascha Reichstein «Habitus», editionR

Ein ganz spezieller Auftritt zweier Künstler*innen, die mit ihrer Kunst nicht nur innere Bilder erzeugen und Fragen stellen wollen. Zusammen mit der Künsterin Sascha Reichstein schuf Waseem Hussain ein überaus sinnliches Buch über innere und äussere Landschaften, über die Frage, was den Menschen ausmacht, wie weit Abbild und Tatsächliches übereinstimmen. „Habitus“ ist viel mehr als ein Buch.

Da haben sich zwei etwas ganz Besonderes vorgenommen. Kaum etwas an diesem Buch entspricht der Norm. Schon in seiner äusseren Erscheinung, seiner Grösse, seinem reduzierten Einband und der Tatsache, dass man die Namen der beiden Künster*innen nur auf dem Buchrücken lesen kann – das Resultat einer ausserordentlichen Zusammenarbeit. Schweres Papier, Fadenheftung, mehrheitlich doppelseitige Fotografien in bestechender Qualität, überaus sorgfältig gesetzt, in schönster Schrift, wie geschaffen, um offen auf einem Tisch oder Stehpult liegenzubleiben, als Einladung, seine Wirkung als Gesamtkunstwerk zu entfalten, als ginge es nicht nur in der Geschichte, in den Fotografien, im Zusammenspiel zwischen Bild und Text um den „Habitus“, ein Erscheinungsbild, sondern auch um das Erscheinungsbild des Buches, des Gesamtkunstwerks an sich.

Ein Buch als Statement! Hier manifestiert sich Wort und Bild in einem Buch als Monument, kompromislos, gradlinig und in Vollendung präsentiert. Fotografien und Text verschrenken sich ineinander, spielen miteinander, reiben und ergänzen, ohne jemals erklären zu wollen. Das „Habitus“ weder als Roman noch als Erzählung betitelt ist, verweist auf die Einzigartigkeit dieses Kunstwerks. „Habitus“ ist weder erläuterter Bildband noch illustrierte Erzählung. „Habitus“ ist in seinem Habitus alles, ein Kunstwerk, das sich mehrfach spiegelt. 

Waseem Hussain & Sascha Reichstein «Habitus», editionR, 2025, mit einem Essay von Silvia Henke, 144 Seiten, davon ca. 90 Seiten Farbabbildungen, CHF ca. 47.00, ISBN: 978-3-9526200-0-7

Damit sich mutige Leser*innen aber doch nicht ganz und gar alleine mit Interpretation, Spekulation und sich aufdrängenden Fragen auseinandersetzen müssen, ist dem Buch ein Essay der Kulturwissenschaftlerin Silvia Henke mit dem Titel „Phantasmen und Herkunft“ beigefügt, in dem die Publizistin versucht, Text und Bild in Zusammenhang zu bringen, mögliche Schlüssel zu Bild und Text offerierend, nicht weil Text und Bild das brauchen würden, sondern weil hinter Bild und Text auch die Entstehung dieses Buches Schlüsse und Schlüssel liefert.

Und weil ich den Autor seit vielen Jahren kenne und mir viel daran liegt, dass diesem speziellen Buch auch eine spezielle Buchbesprechung folgt, stelle ich einige Fragen ganz direkt an den Autor Waseem Hussain.

Wer eine Geschichte über Herkunft schreibt, letztlich beschäftigt sich ein Grossteil der erzählenden Literatur mit Fragen der Herkunft, könnte ja einfach eine Geschichte erzählen und ein Buch daraus machen. Ganz offensichtlich war die Intention zu „Habitus“ aber eine andere. Wann und wie wurde dir klar, aus Text und Bild ein Buch werden zu lassen, das fast alle Massstäbe sprengt?

Als ich die Manuskriptblätter nebeneinander auf dem Tisch liegen sah, hatte ich einen Januar des Schreibens im Delirium hinter mir. Ich mochte den Abschluss nicht wahrhaben und zog ruhelos durch die Winterkälte. Eines Tages kehrte ich zurück mit diesem grossen Traum: mein Text Seite an Seite mit Kunst, das Buch erstklassig gestaltet und hochwertig hergestellt. Ich wusste, dass seine Verwirklichung es ermöglichen würde, über ein Trauma zu sprechen, das viele Menschen kennen.

Das Trauma, nicht als der wahrgenommen zu werden, der man ist, der man glaubt zu sein, falsch verstanden zu werden. Den Schlüssel seiner Herkunft, seiner Heimat, seiner Familie nie zu finden, dieses zerstörerische Gefühl, ausgeschlossen zu bleiben. Sascha Reichsteins Fotografien sind Nahaufnahmen kristalliner Oberflächen, ihre graphische Arbeiten, die sich manchmal mit den Fotografien überschneiden, Annäherungen, Interpretationen dieser Oberflächen. Khemjis Reise ins Land seiner Herkunft, deine Erzählung ist ebenso Annäherung und die Konfrontation mit Interpretation. Oberflächlich eine Traumreise, die zusammen mit den Bildern zu einer Mehrfachspiegelung wird. Warum sind Fragen nach Herkunft, Heimat, Zugehörigkeit so wichtig?

Ich antworte mit einer Philosophie aus dem Süden Afrikas: Ich bin, weil du bist. Verweigere einem Menschen Herkunft, Heimat oder Zugehörigkeit und er wird sich unvollständig, haltlos, löchrig fühlen. Diese traumatische Erfahrung wird sich in seinem Empfinden, Denken und Handeln widerspiegeln. Die Fragen, nach denen du dich erkundigst, sind also nicht nur politisch oder kulturell. Sie sind existenziell.

Erzählst du ein bisschen von der Zusammenarbeit mit Sascha Reichstein, treffen doch zwei ziemlich verschiedene „Sprachen“ aufeinander, die ganz unterschiedliche Bilder erzeugen. Was stand von Beginn weg fest? Wo lagen die Knackpunkte einer derart aufwändigen Arbeit?

Sascha hat einen aussergewöhnlich genauen Blick für das Einzelne im Ganzen und für dieses im Kleinsten, und sie bezieht das Räumliche und das Akustische immer mit ein. Ich schickte ihr meine Erzählung, wir trafen uns in Zürich. Am Ende eines Abendessens und langen Gesprächs waren wir uns einig, dass wir dieses Buch machen wollten. Gerade weil wir ergänzende Sprache sprechen. Wir waren nie versucht, einander Ratschläge zu geben, Änderungen zu fordern, Erwartungen zu stellen. Es ist dem handwerklichen Geschick von Hanna Williamson-Koller, unserer Buchgestalterin, zu verdanken, dass durch die Verbindung unserer Werke eine neue, eigenständige Spannung entstanden ist und gleichzeitig mein Text und Saschas Bilder ihre eigene Spannung behalten haben.

Stein, Gesteinsschichten, Ablagerungen, kristalline Formationen sind Momentaufnahmen der Erdgeschichte, eingelagerte Zeit, nicht weit weg von dem, was wir an Schichten, Versteinerungen, Ablagerungen mit uns herumtragen. Nicht nur das, was wir selbst erlebten, auch all das, was in unseren genetischen Erinnerungen festgeschrieben ist, über Generationen. Soll man sich lösen wollen, oder ist nicht viel entscheidender das Bewusstsein dessen?

Jeder Versuch, diese Schichtungen abzustreifen, ohne sie sichtbar und fühlbar zu machen, ohne ihnen Ausdruck zu geben, führt dazu, dass sie in unserer Beziehung zu uns selbst und zu unserer Umwelt wirken. Manchmal als Geisterspuk.
 

Waseem Hussain ist Schriftsteller, Essayist und Songwriter. Er wurde 1966 in der pakistanischen Hafenstadt Karachi geboren und wuchs in Kilchberg am Zürichsee auf. In jungen Jahren kuratierte er Kunstausstellungen, organisierte Kulturveranstaltungen und war Mitglied der Independent Regional Experts Group der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia. Als Journalist berichtete er für die Schweizer Presse aus Südasien und wurde für seine investigativen Recherchen mit dem Prix Mass-Médias der Fondation Christophe Eckenstein ausgezeichnet. Er lebt in der Nähe von Zürich.

Sascha Reichstein ist Künstlerin, Gestalterin und Dozentin. Sie wurde 1971 in Zürich geboren und lebt und arbeitet in Wien. Im Zentrum ihrer künstlerischen Arbeit stehen die Auseinandersetzung mit kulturellen Verschiebungen sowie das Spannungsfeld zwischen Tradition und Erneuerung. Reichsteins Werke gehen von regionalen westlichen Kontexten aus, die sich durch Übertragungen, Übersetzungen oder Verflechtungen in den Rest der Welt ausdehnen. Ihre künstlerischen Medien umfassen Fotografie, Video und Installation und werden international in diversen Kontexten und Institutionen gezeigt.

Webseite der Fotografin

Webseite des Autors

Beitragsbild © Franziska Willimann

Marion Poschmann «Die Winterschwimmerin», Suhrkamp

Es ist, als ob die Dichterin Marion Poschmann eine Seherin wäre. Ihre Fähigkeit, durch die Dinge zu sehen, ist bestechend. In «Die Winterschwimmerin» begegnet man einer Sprache, die in Bilder zu fassen vermag, was sonst unfassbar bleibt. Dieses schmale Buch ist ein tiefer Tauchgang in die Vielschichtigkeit des Lebens!

Vor ein paar Wintern war ich einquartiert in ein kleines Haus an einem Baggersee. Es regnete und schneite oft. Auf der anderen Seite des Sees sammelten sich immer wieder Wildgänse auf dem offenen Feld und am Ufer des kleinen Sees hartgesottene Gestalten, die sich mit offenkundiger Regelmässigkeit am Ufer trafen, um kurz und schmerzlos ins kalte Nass zu tauchen. Nur ein paar Züge lang, nachdem man die Kleider zuvor sorgfältig in eine Tasche unter einem Schirm auf einer Bank eingelagert hatte. Ich hinter der grossen Fensterfront mit Bodenheizung und einer Tasse Kaffee in der Hand. Sie dort draussen, fest entschlossen, alle Annehmlichkeiten winterlicher Zivilisation für ein paar Minuten abzustreifen. Ein Warmduscher hinter Glas, unerschrockene Winterschwimmer zwischen dünnen Eisinseln.

Grenzen verbrennen.
Grenzen, die nichts sind als Vorurteile.
Nicht mehr hier enden.

Marion Poschmann, in der deutschen Literaturszene so reich dekoriert wie kaum eine andere, schrieb eine Verslegende, kein Langgedicht, aber auch kein Märchen, keine Sage, auch wenn in ihrem Text immer wieder ein Tiger auftaucht. Vielleicht ist es die Szenerie, aber vielmehr die Sprache, die eigenartig oszilliert zwischen Bildern und Empfindungen, zwischen einer beschaulichen Erzählstimme und beinah metaphysischen Bildern. Thekla, eine literarische Figur aus dem zweiten Jahrhundert, begibt sich eines Tages in die Welten zwischen den Elementen. Zwischen Hitze und Kälte, Feuer und Wasser, genau das, was man empfindet, wenn man als Winterschwimmerin abtaucht.

Marion Poschmann «Die Winterschwimmerin», Suhrkamp, 2025, 80 Seiten, CHF ca. 31.90, ISBN 978-3-518-43235-8

Marion Poschmann, die während der Coronazeit zur Winterschwimmerin wurde, während des Lockdowns an einem ruhigen See in aller Abgeschiedenheit. Grenzerfahrungen in einer Zeit der Grenzerfahrungen. Den inneren Tiger loslassen, während rundum alles zurückgebunden wird. Thekla will den Tiger suchen, den Tiger in sich, diese Urkraft. Auf dem Umschlag des wunderschön gestalteten Buches sieht man sie Rückenansicht einer Frau mit Streifenmuster auf der Haut. Die Verschmelzung von Frauen- und Tigerkörper, eine Darstellung aus einer mittelalterlichen Schrift aus dem Mittelalter.

Winterschwimmerinnen tauchen aber nicht einfach zu Abhärtung ins kühle Nass. Es ist das, was während des Eintauchens und danach passiert, was Endorphine auslösen und an Beseelung, Erkenntnis und inneren Bildern zurücklassen. «Die Winterschwimmerin» ist ein üppiges Sprachkunstwerk, vielfach unterlegt, das Zeugnis einer sprachlichen Erleuchtung.

Es ist so klar,
so wahr
wie dunkel. Nicht zu fassen.

Ein Vers, ein Gedicht ist ein gestreiftes Wesen, ein in Zeilen geteiltes Ganzes, das in der Realität genauso wie in den Zwischen- und Traumwelten durch unser Bewusstsein streift. Der Tiger hat sich befreit. Marion Poschmanns Tiger hat sich befreit und streift durch ihre Seelenlandschaft. «Die Winterschwimmerin», ein ungemein mutiges Buch, ist eine sprachliche Offenbarung. Anspruchsvoll, voller Anspielungen. Ein Buch, das auf der letzten Seite noch lange nicht zu Ende gelesen ist.

Marion Poschmann (1969) wurde in Essen geboren und lebt heute in Berlin. Für ihre Lyrik und Prosa wurde sie mit zahlreichen renommierten Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Bremer Literaturpreis 2021 für ihren Lyrikband «Nimbus» und im selben Jahr mit dem Wortmeldungen-Literaturpreis. Zuletzt erhielt sie 2023 den Joseph-Breitbach-Preis für ihr Gesamtwerk.

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Beitragsbild © Heike Steinweg/Suhrkamp Verlag