Beat Schweizer, Fotograf in Bern, und Urs Mannhart, Schriftsteller in La Chaux-de-Fonds bereisten vier Wochen Barrow/Utqiaġvik ganz im Norden Alaskas, eine 5000 Einwohner zählende Kleinstadt, einen Ort, der seit mehr als 1500 Jahren von Menschen bewohnt wird. Jeder der beiden in seiner ganz eigenen Art des Sehens.
In einem grossen Pappkarton im Format A3 schickt mit der Fotograf Beat Schweizer eine Mappe mit zeitungsgrossen Fotografien, einer Originalfotografie und einem roten Büchlein im Format A5 mit Texten von Urs Mannhart, einem Schriftsteller, der sich nicht erst mit seinem Buch «Lentille. Aus dem Leben einer Kuh» und seinen vielen Reportagen aus fast allen Gegenden der Welt mit den menschgemachten Veränderungen der Gegenwart auseinandersetzt. «Early Open Fire» ist eine ganz besondere Reportage, so lyrisch die grossformatigen Fotografien, so kantenscharf die Textbilder des Schriftstellers. Beide inszenieren nicht. Ihr Blick ist kein voyeuristischer, kein sensationslüsterner.

Ich habe Beat im Jahr 2008 kennengelernt; zusammen mit ihm bin ich in jenem Jahr in den Kosovo gereist, habe dort sein Fotografieren, seine leichtfüssige Art und Weise, auf Menschen zuzugehen und seine liebenswürdige Persönlichkeit schätzen gelernt. Seither bin ich immer wieder, manchmal mit längeren Pausen, gemeinsam mit ihm unterwegs. Ich fühle viel Wertschätung für die ethischen und ästhetischen Werte, an welchen sich Beat als Fotograf und Mensch orientiert.
Genau darin besticht diese Arbeit. Eine Arbeit, die von Respekt und Liebe getragen ist. Nichts daran klagt an, beschönigt aber auch nichts. Fotografien, die ich an einem Nachmittag im Wohnzimmer auslegen musste, sie immer wieder neu ordnete, die grossen zeitungsdünnen Blätter, die sich nur widerspenstig niederlegen liessen. Mannharts Text ist der Soundtrack zu dieser langen Reise, einer Reise in der arktische Gegenwart, durch die die Geschichte von Menschen spricht, deren Verständnis für die Natur man gewinnen muss.
In den ersten Jahren unserer Kooperationen haben wir uns noch nahe an dem bewegt, was sich als klassische Reportage bezeichnen lässt. Deswegen wohl auch unsere Liebe zum Zeitungspapier. Inzwischen jedoch ist der journalistisch motiverte Anspruch an unsere Arbeiten einer Haltung gewichen, die Beat, wie andere auch, gerne als lyrical documenrty bezeichnet. Unsere Herangehensweise ist somit weiterhin klar dokumentarisch; meine Texte sind non-fiction, Beat inszeniert seine Bilder nicht. Aber wir lassen heute mehr von jener Atmosphäre und mehr von jenen Emotionen zu, die in einer Reportage oft kaum Platz finden. Dass unsere Materialen schliesslich zu einer ansprechenden Form finden, liegt meist an einem beherzten Engagament eines Menschen, der sich mit Grafik auskennt. So hat Early Open Fire dank Vinzenz Meyner und seinem Verlag «Energie für alle» zu seiner Form gefunden.
Beat Schweizer und Urs Mannhart holen ein Stück Welt in mein Wohnzimmer, ganz nah und unmittelbar. Ihre vorsichtige Herangehensweise, die Zartheit, die aus Text und Bild spricht, die Ehrlichkeit und Direktheit, machen betroffen, zeigen auf, wie weit ich entfernt davon bin. Nicht zuletzt entfernt von der Natur selbst.
Für mich als Schriftsteller ist es sicher erhellend, so lange auf Umstände blicken zu können, die mir fern und fremd anmuten, bis mir die Dinge meines eigenen Alltags fern und fremd anmuten. Da ich mich seit einer Weile vermehrt mit Nature writing beschäftige, hat mich insbesondere der Naturbezug jener Menschen interessiert, die wir besucht haben. Jüngst habe ich jemandem in der Schweiz ganz begeistert von Mauerseglern erwähnt, welche in den Sommermonaten den Luftraum in meiner Nachbarschaft in La Chaux-de-Fonds bevölkern. Da bin ich gefragt worden, wozu Mauersegler denn nützlich seien. Das hat mich empört. Eine Frage dieser Art wäre im hohen Norden wohl undenkbar: Die Menschen leben eng verbunden mit Tieren, mit den Elementen, den Jahreszeiten, der Landschaft.
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Urs Mannhart hat als Velokurier, Nachtwächter, Journalist und in der Landwirtschaft gearbeitet. 2004 erschien sein Erstling »Luchs«, 2006 dann »Die Anomalie des geomagnetischen Feldes südöstlich von Domodossola«. Als Reporter berichtet Mannhart aus Ungarn, Serbien, Kosovo, Rumänien, Russland, Weißrussland und der Ukraine. »Bergsteigen im Flachland« ist sein dritter Roman, für den er 2016 mit dem Conrad Ferdinand Meyer-Preis ausgezeichnet wurde.
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Beat Schweizer arbeitet für Kunden aus den Bereichen Editorial und Corporate und verfolgt eigene Projekte mit dokumentarischem Ansatz. Seine Arbeiten wurden in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland gezeigt, unter anderem in Frankreich, Russland, Deutschland und England. Im Rahmen seiner fotografischen Tätigkeit hat er mehrere Magazine und Zeitungen im Eigenverlag herausgegeben. Seine erste Monografie, damals schon in Zusammenarbeit mit Urs Mannhart, «Mikhailovna Called», erschien 2018.
Beitragsbilder © Beat Schweizer (mit freundlicher Genehmigung)










Rina Jost, 1987 geboren, Illustratorin und Comicautorin, arbeitet und lebt in Frauenfeld. Sie schloss an der Hochschule Luzern – Design & Kunst im Studiengang Illustration Fiction mit einem Bachelor ab. Heute arbeitet sie für Kultur- und Firmenkund*innen und verfolgt parallel dazu eigene Projekte.
Ich kaufe aber nur noch selten Bücher, bin in der komfortablen Situation, dass die Bücher, manchmal auch ungefragt, zu mir kommen. Nicht als Geschenk, aber mit der unausgesprochenen Aufforderung, doch bitte darüber zu schreiben. Aber manchmal kaufe ich doch. Zahle gar Preise, die in keiner Weise der gekauften Lesezeit entsprechen, einfach nur, weil ich das Buch besitzen will, weil ich mit den Fingern über das dicke Papier streicheln will, weil ich lesen, schauen, staunen und verweilen will. Kompensation? Als stiller Protest gegen den reinen Konsum? Gegen die Schnelligkeit? Das Verbrauchen? 
Clemens J. Setz, ein ganz Grosser der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, Büchner Preisträger 2021 und Stefan Zsaitsits, Künstler, Grafiker und Zeichner schufen in der Reihe der Edition Thurnhof mit „Die Reststrahlung der Zukunft – Einundzwanzig




Ein Buch als Statement! Hier manifestiert sich Wort und Bild in einem Buch als Monument, kompromislos, gradlinig und in Vollendung präsentiert. Fotografien und Text verschrenken sich ineinander, spielen miteinander, reiben und ergänzen, ohne jemals erklären zu wollen. Das „Habitus“ weder als Roman noch als Erzählung betitelt ist, verweist auf die Einzigartigkeit dieses Kunstwerks. „Habitus“ ist weder erläuterter Bildband noch illustrierte Erzählung. „Habitus“ ist in seinem Habitus alles, ein Kunstwerk, das sich mehrfach spiegelt.

Sascha hat einen aussergewöhnlich genauen Blick für das Einzelne im Ganzen und für dieses im Kleinsten, und sie bezieht das Räumliche und das Akustische immer mit ein. Ich schickte ihr meine Erzählung, wir trafen uns in Zürich. Am Ende eines Abendessens und langen Gesprächs waren wir uns einig, dass wir dieses Buch machen wollten. Gerade weil wir ergänzende Sprache sprechen. Wir waren nie versucht, einander Ratschläge zu geben, Änderungen zu fordern, Erwartungen zu stellen. Es ist dem handwerklichen Geschick von Hanna Williamson-Koller, unserer Buchgestalterin, zu verdanken, dass durch die Verbindung unserer Werke eine neue, eigenständige Spannung entstanden ist und gleichzeitig mein Text und Saschas Bilder ihre eigene Spannung behalten haben.