Markus Bundi ist ein Tausendsassa! Er schafft es sogar, mich mit einer Katze zu locken. Das schaffen nicht viele. Markus Bundi ganz leicht, leichtfüssig und tiefschürfend. So wie es auch seine Gedichte sind. Wenig verwunderlich, dass es Bundi auf nicht einmal hundert Seiten schafft; ein eingedamfter Roman, literarischer Sud!
Es ist ein Roman für die Brusttasche. Dementsprechend nah geht er einem ans Herz. Nicht weil im Roman über eine Katze oder zumindest die symbiotische Beziehung zu einer geschrieben wird. Zu einem „Büsi“, wie wir Schweizer sagen, einer Bezeichnung, die genau jene Wesensart oder Sehnsucht beschreibt, die mich diesem Tier gegenüber misstrauisch werden lässt. Ich bin kein Katzenfreund, auch wenn immer ich der bin, dem Katzen unaufgefordert auf den Schoss sitzen und unmissverständlich klarmachen, was sie augenblicklich von mir fordern. „Hayo“ ist kein Katzenbuch, kein Katzenroman, auch wenn der Titel des Romans der Name einer Katze ist. „Hayo“ ist ein Familienroman im Kleinformat, eine Emanzipations-, eine Auferstehungsgeschichte einer jungen Frau, Séraphine, die den Tod ihres Katers, des Familienkaters zu verschmerzen hat.

Séraphine und Hayo sind gleichzeitig zur Welt gekommen, Seelenverwandte. Aber während Séraphine sich an der Grenze zum Erwachsensein abmüht, ist aus Hayo ein alter, gebrechlicher Kater geworden, der sich eines Morgens aus dem Schlafzimmer von Séraphine schleicht, um unter dem Sofa im Wohnzimmer, mitten in der Familie, sein Katzenleben zu beenden. Séraphine legt sich zu ihm auf den Teppich, so wie all die Jahre zuvor, in denen sie alles gemeinsam teilten, ihr Leben stets als Gemeinsamkeit verstanden. Mit dem Tod des Katers stirbt viel mehr als ein Haustier, viel mehr als ein eigenwilliger Vierbeiner, ein alt gewordener Gefährte mit Mundgeruch. Séraphine fühlt sich zurückgelassen, alleingelassen, das erste Mal in ihrem noch jungen Leben.
Wir waren immer von Beginn an eins, auch wenn mir das erst später bewusst wurde.
Mit Hayos Tod ist Séraphine genommen, womit sie nicht rechnete. Mit einem Mal fehlt der Mut, die Kraft, sich aufzurichten, das Leben weiterzuführen, als wäre nichts geschehen. Séraphine ist zum ersten Mal mit Sterben und Tod konfrontiert. Sie ist aus Selbstverständlichkeiten gerissen, unausweichlich damit konfrontiert, dass eine neue Ära beginnt, eine neue Zeitrechnung, dass sie nicht mehr gefragt wird, dass sie in ein eigenes Leben, in Selbstständigkeit gestossen wird. Hayos Tod ist viel mehr als der Verlust eines Haustiers, sondern das untrügliche Vorzeichen dafür, dass das Nest der Familie nicht für immer seine Wärme ausstrahlen soll.
Seit Hayo tot ist, will ich nicht mehr aufwachen.
Hayo und Séraphine waren eins. Eine Seele, zwei schlagende Herzen. Und weil diese Einheit zerbrach, hat Séraphine zu schreiben begonnen. Eigentlich das Geschäft ihres Vaters, der Hausmann und leidlich erfolgreicher Schriftsteller ist. Sein Stadtführer ist die einzige Veröffentlichung, mit der er mässigen Erfolg hatte. Ausgerechnet, denn das Buch steht auf seiner Liste ganz unten. Séraphines Vater ist Dichter, schreibt Gedichte, brotlose Kunst. Als ihre Mutter und ihr Vater sich kennenlernten, war er Musikjournalist. Man lernte sich in einem Konzert kennen. Ihr Vater, dessen Handschrift nur sie zu entziffern weiss, der ihr aber auch zeigt, dass die Wege durchs Leben nicht mit den eigenen Händen ausgelegt werden. Mit einem Mal ist da das Bewusstsein, dass man letztlich immer auf sich selbst zurückgeworfen ist, dass man in aller Gemeinschaft allein bleibt.
Markus Bundi schreibt sich in die Seele einer jungen Frau. Und das gelingt ihm ausgezeichnet. In die Verzweiflung, die Trauer, das Erwachen, das Aufstehen, das Bewusstwerden. Es ist nicht der Blick nach innen, sondern jener nach aussen. Eine junge Frau, die sich neu ausrichten, die den Kompass neu ausrichten muss. Ein zartes Buch voller Einsichten. Nicht zuletzt ein Buch über Familie, einen Schriftsteller als Vater, einen Vertrauten. Für einmal kein Kriegsschauplatz, dafür ein Buch zum Verlieben!
Markus Bundi, geboren 1969, studierte Philosophie, Neue Deutsche Literatur und Linguistik an der Universität Zürich. Er arbeitete in jungen Jahren als Journalist, erst als Sport-, dann als Kulturredaktor bei einer Schweizer Tageszeitung. Seit über zwanzig Jahren unterrichtet er Philosophie an der Alten Kantonsschule Aarau. Er lebt als freier Autor, Literaturvermittler, Lektor und Herausgeber (u. a. der Werkausgabe Klaus Merz) in Neuenhof/ Schweiz. Für seine literarische Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet. Er ist Mitglied bei PEN Deutschland.
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Beitragsbild © Christian Doppler
