Max Annas „Local Train“, Plattform Gegenzauber

Neukölln
»Dahinten.« Kareem zeigte durch die Blätter vor ihren Augen. »Die S-Bahn …« Sein Körper spannte sich.
Vom Bahnhof Hermannstraße kommend, tauchten die Scheinwerfer auf, noch fern. Der surrende Ton, den die Bahn mit sich brachte, erreichte die Ohren etwas später.
»Hmhm …« Issam steckte die Hände in die Hosentaschen. Schwieg. Rührte sich nicht.
»Jetzt ist es sowieso zu spät.« Kareem entspannte sich wieder.
»Wir müssen darüber reden, wie wir das genau machen«, sagte Issam.
Die Scheinwerfer waren fast auf ihrer Höhe, zogen unter der Brücke vorbei. Kareem und Issam schauten dem Vorortzug hinterher. Durch das Blätterwerk vor ihren Augen und über das Grün auf der Böschung am Gleis flackerten die Lichter vorbei.
»Was gibt es da zu reden? Ist doch alles gesagt.«
»Na ja … Ob wir erst losgehen, wenn die Lichter zu sehen sind. Zum Beispiel.«
Jetzt sagte Kareem keinen Ton.
»Oder ob wir rennen. Ich meine … Wir wollen ja nicht, dass es so lange dauert, weil wir wollen ja auch nicht, dass uns jemand sieht und so. Oder ob wir …«
»Da …« Kareem zeigte in Richtung Tempelhof, wohin die erste S-Bahn verschwunden war. Scheinwerferflackern, das Surren. Auch von dort kam eine S-Bahn. »Aber wir wollten ja die von der anderen Seite nehmen.«
»Hmhm …« Issam drückte mit einer Hand ein paar Zweige neben seinem Kopf zur Seite. »… also ob wir am Geländer warten. Wie oft kommen die um diese Uhrzeit? Und wie lange noch?«
»Woher soll ich das wissen? Immer noch ganz schön oft. Und am Geländer zu warten ist zu gefährlich. Was, wenn die Bahn dann einfach nicht kommt? Wir können da ja nicht so rumstehen. Dahinten …« Kareem zeigte nach Norden. »Da sind Leute.«
»Kommen die hier vorbei? Aber irgendwann fahren die auch nicht mehr. Die Leute …«
»Sieht so aus. Ja … irgendwann ist Schluss mit den Bahnen.«
»Was machen wir?«
»Einfach leise sein. Aber es ist Freitag …« Kareem redete jetzt tonlos. »Da fahren die doch die Nacht durch.«
»Nnnnnnnnnn …« Hinter ihnen im Gebüsch war ein Rascheln zu hören. »Nnnnnnnnn …«, machte es wieder.
Kareem drehte sich um und trat dem Bündel fest in die Seite. »Ng …«, machte es und hörte auf, sich zu regen.
Kareem bückte sich und überprüfte den Knebel im Mund. Seine Fußballshorts saßen bombenfest zwischen den Zähnen. Er stand wieder auf und trat noch einmal zu.
»Die Schnürsenkel halten?«, fragte Issam leise.
»Bombenfest.« Kareem hob einen Daumen, checkte trotzdem noch einmal Hände und Füße.
Die Leute waren nähergekommen. Ihre Stimmen waren deutlich vernehmbar. Kareem erkannte drei Gestalten. Drei Männer. Leicht schwankend.
»Alles piccobello sonst …«, sagte einer.
»Die Strände?« Der zweite.
Der dritte lag einige Meter zurück und blickte sich um. Suchte einen Platz im Gebüsch. Kareem tippte Issam an. Legte den Finger auf die Lippen.
»Alles in Antalya. Leute nett und höflich. Strände sauber und nicht zu voll. Und kein Mensch redet über Politik.«
»Komm schon«, sagte der zweite und drehte sich dabei um. Der dritte beschleunigte seine Schritte.
Von Osten, von der Hermannstraße, kam die nächste S-Bahn gefahren. »Zu spät«, sagte Kareem. »Guck mal. Wenn die abfährt in der Hermannstraße, das kann man ja hören. Dann gehen wir los.«
»Hmhm …« Issam drehte sich um und blickte zu dem Bündel hinab.
»Wir können es nicht austesten. Gibt keinen Probedurchgang. Bahn fährt los. Wir starten und ziehen das durch.«
»Doch. Wir können das schon einmal durchgehen. Wenn wir hören, dass die Bahn abfährt, gehen wir zum Geländer. Dann sehen wir ja, ob das mit der Zeit hinhaut. Das sind … guck … 40 Meter?«
Kareem sagte nichts.
»Der hier kann ja nicht weg. Oder?«
»Du willst gar nicht mehr.«
»Doch … Aber … Ich meine … Washington kommt jetzt bald aus dem Krankenhaus.«
Kareem schüttelte den Kopf. »Er war eine ganze Woche im Koma.«
»Ja, aber jetzt ist er bald wieder bei uns.«
»Er wird die nächsten Monate mit Schienen an den Beinen rumlaufen. Nix Fußball und so.«
»Die Ärzte haben gesagt …«
»Mann, der Typ hat Washington fast umgebracht. Hast du das vergessen?« »Nein, natürlich nicht.«
»Wir haben nicht mal gewusst, ob er das überleben wird. Am Anfang haben sie gesagt, das wird nix mehr.«
»Ja …« Issam war ganz leise geworden.
»Gleich, da, die nächste Bahn. Komm …« Kareem bückte sich und fasste die Füße des Bündels.
Als sich Issam nicht rührte, erhob er sich wieder. Die Bahn näherte sich und fuhr vorüber.
»Guck mal«, sagte Issam.
»Was?«
»Da …«
»Der Hund? Der ist gleich wieder weg.« »Das ist kein Hund.«
Kareem sah genauer hin. Vier Beine, nicht so lang, dichtes Fell, braun oder rot, spitze kleine Ohren, der Schwanz buschig. Er hatte das Tier gar nicht kommen sehen. Es guckte die eine Straße entlang, dann über die Brücke.
»Ein Fuchs«, sagte Issam. »Hab ich auf YouTube gesehen.« »Was guckst du denn auf YouTube?«
»So was eben … Alles Mögliche.«
Ein Motor wurde in der Nähe gestartet. Viel zu viel Schwung beim ersten Kontakt mit dem Gaspedal.
»Wenn sie krank sind, greifen sie sogar Menschen an«, sagte Issam. »Haben sie da gesagt. Echt interessant.«
Der Fuchs drehte den Kopf ein paar Mal und verschwand dann Richtung Tempelhofer Feld. Ohne Eile.
Kareem beobachtete die Kreuzung aus dem Gebüsch heraus. Der Motor lief weiter, ohne dass der Wagen bewegt wurde. Noch keine Scheinwerfer zu sehen.
Das Tempelhofer Feld und Grün und Laubenwirtschaft im Rücken. Wohnhäuser auf der anderen Seite, zu viele Balkone für seinen Geschmack. Die kleine Brücke über die S-Bahn-Trasse ein Teil der T-Kreuzung. Bis zum Geländer auf der Brücke 50 Meter. Vielleicht sogar nur 40, da konnte Issam Recht haben. Jetzt wurden die Scheinwerfer angestellt. Das Geräusch des Motors wurde höher. Der Wagen kam um die Ecke gerollt. Die Scheinwerfer blendeten ihn für einen Moment. Er war froh, dass sie beide dunkle Klamotten trugen.
Als der Wagen gerade um die Ecke in der Emser Straße verschwunden war, tauchte genau dort eine Figur auf, die Kareem zu erkennen glaubte. Der Typ orientierte sich kurz, checkte den Grünstreifen, in dem sie sich verborgen hielten. Er sah dann auf sein Telefon und kam zielstrebig auf sie zu.
Nach dem Fußballspiel hatte sich Emeka geduscht und zurechtgemacht. Er war es tatsächlich. Als er vor dem Gebüsch stand, in dem sie sich verborgen hatten, guckte er noch einmal aufs Telefon. »Hey«, rief er.
Kareem packte ihn und zog ihn ins Versteck. »Was ist los?«, fragte er.
»GPS«, sagte Emeka. »Ganz einfach.« Er klopfte Issam auf die Schulter.
»Ja, ist ja gut …«, sagte Issam. »Ich hab ihm ein Foto geschickt.«
»Ein Foto?«
»Hier.« Emeka reichte Kareem das Telefon. Auf dem Foto war das Bündel zu sehen. Gefesselt und mit dem Knebel im Mund. Erstaunlich, wie gut diese Fotos heute waren, dachte Kareem. Die gelbe Borussia-Dortmund-Hose war selbst im Dunkeln gut zu sehen. Sie quoll aus dem Mund von dem Arschloch raus.
»Krass«, sagte Emeka und betrachtete das echte Bündel. Den geschorenen Schädel. Die isolierten Koteletten, gerade noch im Widerschein der Straßenlaternen zu sehen. »Wo habt ihr den her?«
»Auf dem Heimweg.« Kareem. »Wir wollten eigentlich Richtung Hermannstraße. Dann haben wir ihn gesehen.«
»Er hat uns gesehen und ist auf die andere Straßenseite.« Issam.
»Nein. Er hat uns nicht gesehen. Wir sind ihm einfach nach.«
»Und dann waren wir auf einmal hinter ihm.« »Genau hier.«
»Und dann hab ich ihn ins Gebüsch gezogen.« »Ich eher …«
»Also … wir haben das zusammen gemacht.«
»Aber wer ist das?« Emeka hatte den Blick bislang nicht von dem Bündel gelassen.
»Das ist der, der Washington fast umgelegt hat«, sagte Kareem.
»Scheiße.« Emeka sah jetzt hoch. »Der ist das?«
»Hmhm …« Issam. »So sieht’s aus.«
»Jou …« Emeka holte aus und trat dem Bündel in die Seite. Hinter der gelben Hose war ein Röcheln zu hören. Emeka trat noch einmal zu. Das Röcheln wurde schwächer.
»Und jetzt?«, fragte Emeka.
Eine S-Bahn fuhr vorbei. Kareem blickte sich um und sah den Lichtern hinterher.
Emeka sagte zuerst keinen Ton. Und blies dann langsam Luft durch die Lippen. »Okay«, meinte er.
»Und jetzt, wo wir zu dritt sind, geht das viel besser. Passt auf, da kommen schon wieder Leute.«
Eine Gruppe junger Frauen näherte sich. Die letzte von ihnen, die den anderen mit etwas Abstand folgte, blieb genau auf der Höhe ihres Verstecks stehen und nahm einen langen Schluck aus einer Sektpulle. Die drei anderen waren schon ein paar Meter weiter und blieben stehen. Eine von ihnen kam zurück und nahm die Flasche in die Hand. Sie sagte irgendetwas auf Spanisch, schnell und rau, bevor sie die Flasche an den Hals setzte. Dann noch etwas. Kareem verstand nicht ganz, worum es ging. Irgendwas mit einem Job. Dann trank sie noch einen Schluck, gab die Flasche zurück und ging wieder zu den anderen. Die Nachzüglerin folgte ihr langsam. Schweigend zogen die Frauen von dannen. Zwei S-Bahnen begegneten sich unter der Brücke, als die Frauen noch zu sehen waren. In Kareems Hose brummte das Telefon, dass er dem Bündel abgenommen hatte.
»Einer nimmt die Füße.« Kareem stellte sich so, dass er die aneinander gefesselten Hände des Bündels greifen konnte. »Ich glaube, ich höre die S-Bahn schon. Kommt!«
»Da ist einer.« Emeka stand halb auf dem Gehweg und lugte zur Seite. Auf der Brücke war ein Mann stehen geblieben. Er trug eine viel zu weite graue Jacke. Kareem zog Emeka ins Gebüsch zurück. Der Mann machte ein paar Schritte, blieb stehen, blickte hoch und zur Seite. Kam wieder näher.
»Was macht der da?«, fragte Issam.
»Pssst!« Kareem legte den Finger auf die Lippen. »Nnnnnnnnnnnn …«, kam es vom Boden.
Kareem trat dem Bündel in die Seite.
»Krrr …«, machte es von unten.
Der Mann hatte die Brücke mittlerweile überquert und schaute ins erste Auto, das gegenüber dem Grünstreifen geparkt war. Ein Kombi. Checkte den nächsten Wagen, einen Golf. Sah in den daneben. Bückte sich. Ging weiter. Neben einem kleinen Sportwagen ging er in die Hocke. Im Licht einer Straßenlaterne konnte Kareem sehen, dass seine Hose einen Riss im Schritt hatte. Die Schuhe fielen beinah auseinander. Der Mann stand auf und blickte sich wieder um. Dann holte er aus und hieb mit dem Ellbogen gegen das Fenster der Fahrertür.
Nichts passierte.
Er holte etwas weiter aus und versuchte es noch einmal. Jetzt zerbrach die Scheibe.
»Scheiße!«, sagte Emeka.
Kareem wartete auf den Alarm. Aber der kam nicht.
Der Mann griff ins Auto hinein. Steckte, was er rausholte, schnell in die Jacke und ging davon. Er sah sich nicht noch einmal um.
»Wow«, sagte Issam. »Das macht der aber nicht zum ersten Mal.«
»Kann man von so was leben?«, fragte Emeka.
Eine S-Bahn passierte die Brücke von Tempelhof kommend. Eine andere gleich darauf von der Hermannstraße aus.
»Was ist jetzt?«, fragte Kareem und bückte sich.
Issam und Emeka standen neben dem Bündel.
»Okay, na gut, ich nehme die Füße«, sagte Issam.
»Ich glaub’s nicht.« Kareem stand wieder auf.
»Was?« Issam stand sofort neben ihm. »Wer ist das denn?«, fragte er, als er den Blick justiert hatte. Eine Frau kam zielgenau auf das Gebüsch zu. Sie stützte sich auf einen Gehstock. Die Schritte waren unterschiedlich lang.
»Auntie Mo«, sagte Kareem. »Hast du ihr auch das Foto geschickt?«
»Ich kenne die gar nicht.« Issam.
»Ich hab’s ihr gezeigt.« Emeka.
»Scheiße. Die hat uns gerade noch gefehlt.« Kareem drehte sich ab und starrte auf das Bündel.
Der Stock klackerte deutlich, als sich Auntie Mo näherte. Sie stand schon vor dem Gebüsch. »Wo ist er?«, fragte sie, ohne sich Mühe zu geben, ihre Stimme zu senken.
»Schsch …« Kareem blickte auf das Haus gegenüber, als die Frau durch das Gesträuch brach.
»Ist er das?«, fragte sie in derselben Lautstärke. Dann spuckte sie auf ihn. Sie holte mit dem Stock aus, überlegte es sich aber anderes, bevor er auf dem Bündel niederging.
Kareem atmete aus. »Lass uns bitte leise sein, Auntie.« »Sie ist die Tante von Washington«, sagte Emeka zu Issam. »I am not«, sagte Auntie Mo, immer noch in voller Lautstärke. »I happen to know him from Lagos.«
»Okay.« Kareem legte Auntie Mo die freie Hand auf die Schulter. »Keine Tante. Aber wir müssen leise sein.«
Ein stotternder Motor kam langsam näher. Zu niedriger Gang, Aussetzer, wieder der Motor, erneut ein Aussetzer. In dem alten Toyota waren die Scheiben herabgelassen. Kareem machte ein leises »Sssss!« Sofort waren alle ganz ruhig.
Vier junge Männer saßen in dem Wagen. Glotzten in die Gegend. Einer war eine Glatze, die anderen sahen aus wie alle. Der Wagen war hellgrün, hatte aber rostbraune Türen. Das Dach war eingedellt. Ganz kurz stockte der Motor wieder, als der Wagen den Busch passierte. Der Fahrer blickte in den Fußraum unter sich und gab dem Gaspedal unter vollem Körpereinsatz ein paar Tritte. Der Motor hustete und fing sich dann wieder. Die vier fuhren schweigend um die Ecke.
Eine S-Bahn kam von der Hermannstraße angefahren. Dann eine aus der anderen Richtung. Kareem sah sich um. Die anderen machten keine Anstalten, ihm zu helfen. Issam schaute auf die Straße. Emeka war mit sich selbst beschäftigt. Auntie Mo blickte nach unten. Sie schüttelte den Kopf. Der Arm mit dem Stock zuckte.
»Wir können das jetzt ganz schnell machen«, sagte Kareem. »Zu viert geht das ganz einfach.«
Emeka bückte sich, Issam drehte sich zu dem Bündel. »Ich kann das nicht«, sagte Auntie Mo. »Mein Bein.«
Laufende Schritte, die näherkamen.
»Nnnnnnnnnnn …«, kam es vom Boden. Die vier Stehenden wandten sich der Straße zu.
»Nnnnnnnnnnn …«
Die Schritte waren jetzt deutlicher hören. Schnell und leicht. Keine Sneakers.
Eine S-Bahn übertönte die Laufgeräusche. Als die S-Bahn verklungen war, tauchte die Gestalt aus der Emser Straße kommend auf.
»Fuck me«, sagte Kareem. »Wo kommt die denn jetzt her?«
»Tanja.« Emeka schien weniger überrascht. »Das Foto?«, fragte Kareem.
»Ja … Sie auch.«
»Wo seid ihr?«, rief Tanja.
»Komm.« Emeka hielt eine Hand aus dem Gebüsch heraus. Tanja sprang durch die Lücke, die er mit dem Arm schuf.
»Die sind hinter mir her.« Tanja war außer Atem. »Wer?«
»So … Rechte … Nazis …« Tanja atmete aus. »Ein ganzer Wagen voll.«
»Mist«, sagte Issam.
»Haben angehalten. Und … Kacke geredet. Das war voll unangenehm.«
Kareem wollte wissen, was sie gesagt hatten, wollte aber nicht fragen.
»Das ist er?« Tanja hatte wieder Luft und zeigte nach unten.
»Hmhm«, sagte Kareem. »Die Narbe.«
Sie bückte sich und verteilte eine Reihe von Backpfeifen. »Hnnn …«, kam es vom Bündel.
Tanja schlug weiter, bis sie erneut außer Atem war. »Hnnn … hnnn … hnnn…«
»Komm«, sagte Emeka und nahm Tanja in den Arm.
»Reicht.«
»Und die Nazis?«
»Sind mir nicht hinterher.«
Der stotternde Motor war fern wieder zu hören. Kam näher. Jetzt war auch Rockmusik im Spiel. Sie wurde gleichzeitig mit den Motorgeräuschen lauter.
»Arschlöcher.« Kareem wartete darauf, dass der Wagen auftauchte. »Wir könnten einfach rausgehen und sie alle zusammenschlagen.«
»Bist du bescheuert?« Tanja war jetzt ganz laut. »Die sind bestimmt bewaffnet.«
Der Wagen tauchte wieder auf. Er kam aus der Emser Straße und blieb vor dem Gebüsch stehen, in dem sie verborgen waren. Der Fahrer stellte die Musik aus und öffnete die Tür. Er stieg aus und schaute die Straße erst in die eine, dann in die andere Richtungen hinunter. »Die muss doch irgendwo sein«, sagte er.
»Oder sie wohnt hier«, rief jemand aus dem Auto.
»Komm.« Noch eine andere Stimme. »Wir haben zu tun. Wir suchen doch den Björn.«
Der Fahrer setzte sich in den Wagen, stellte die Musik wieder an. Es war fürchterlicher Krach. Neben sich hörte Kareem jemanden kichern.
Hinter einem Balkon auf der gegenüberliegenden Straßenseite ging das Licht an. Zweiter Stock. Ein großer Mann trat heraus und sah auf die Straße. Er stellte sich an die Brüstung und zündete sich eine Zigarette an. Die vier Män- ner fuhren davon. Der auf dem Balkon beugte sich so über die Brüstung, dass er dem Auto nachsehen konnte.
»Ganz leise jetzt«, sagte Issam.
»Hnnnnnnnn!«, machte das Bündel. Kareem trat nach hinten aus.
In der gleichen Etage ging ein weiteres Licht an. Ein anderer Mann kam heraus. Auch er zündete sich eine Zigarette an. Die beiden Männer blickten sich nicht an. Kein Wort fiel zwischen ihnen. Als der erste zu Ende geraucht hatte, schnippte er die Kippe nach unten und zog sich zurück. Der andere tat es ihm kurz darauf gleich und verschwand auch.
Emeka hielt Tanja immer noch im Arm, als sich Kareem umdrehte. Er sah, wie sie sich befreite und mit dem Absatz genau in die Mitte des Bündels trat.
»Iiiiiirrr …«, kam es hinter der Borussia-Hose hervor. »Iiiiiirrr …«
Er wusste, dass der Verschnürte ein Nazi war, aber Kareem tat es beim Zusahen weh. Instinktiv zog er die Hoden ein.
Tanja trat noch einmal zu und dann noch einmal. Das Bündel krümmte sich, so gut es ging. Kareem zog sie weg.
Sie blies vor Wut. »Am Anfang haben sie gesagt, dass Washington nie wieder einen hochkriegt. So sehr haben sie ihn getreten. Da lag er ja schon am Boden. Und …«
»Wie viele waren die denn?«, fragte Issam.
»Drei. Der eine hat mich festgehalten. Und die anderen haben Washington verprügelt. Und als er am Boden lag haben sie ihn zuerst gegen den Kopf getreten. Und dann … Es war so schrecklich. Der war das.«
»Und dann?«, fragte Issam.
»Der, der mich festgehalten hat, der hat mir eine geschallert. Ganz fest. Aber ich hab das gar nicht gemerkt. Ich hab nur Washington gesehen. Dann sind sie weg.«
Eine S-Bahn passierte die Brücke von Tempelhof kommend.
»Jetzt?«, fragte Kareem und ließ Tanja los.
Issam griff sich die Füße. Tanja griff unter die Knie. Kareem bückte sich und wartete auf Emeka. Auntie Mo stand dabei und sagte kein Wort. Das Bündel wand sich. Vor Schmerz oder um sich zu wehren.
»Bestimmt kommt bald eine«, sagte Tanja.
»Beeilung«, sagte Issam.
»Kommt«, sagte Emeka.
Als sie ihn sicher im Griff hatten, erlahmte der Widerstand des Bündels etwas. Kareem überprüfte, ob die Straße frei war. »Also«, sagte er.
Sie stürzten aus dem Gebüsch und gingen eilig zur Brücke. Der Typ war mager und leicht.
An der Hermannstraße wartete eine S-Bahn auf die Weiterfahrt. Sie konnten die Scheinwerfer sehen. Ganz leise war die Ansage zu hören. Das Bündel begann, sich zusammenzuziehen. Die Türen der Bahn würden sich jetzt schließen. Sie hatten ihn immer noch fest im Griff, als die S-Bahn losfuhr.
»Wir müssen ihn aufs Geländer legen«, sagte Emeka.
»Mit Schwung dann.« Kareem war der Zug schon viel zu nah. Jetzt mussten sie sich beeilen. »Auf drei«, sagte er. »Eins …«
»Zwei …«, sagte Issam.
»Halt«, rief Tanja. »Das ist er nicht.«
Alle ließen zur gleichen Zeit los. Das Bündel knallte gegen das Geländer und fiel dann vor ihnen auf den Fußweg. Die S-Bahn rauschte unter ihnen hindurch.
»Was heißt: Das ist er nicht?« Emeka stand direkt vor Tanja. Auntie Mo schüttelte den Kopf.
»Da«, sagte Kareem. Er zeigte auf das Gesicht. »Die Narbe.«
»Sie ist auf der falschen Seite.«
»Wie falsche Seite?«
»Die falsche Seite.«
Alle beugten sich über das Bündel.
»Da …«, sagte Tanja. Sie fuhr die Narbe unter dem rechten Auge nach. Kurz und dick gab sie dem Auge den Anschein, als würde es leicht schräg zu dem anderen liegen.
»Die muss da sein«, sagte Tanja. Sie zeigte auf die linke Wange. »Von hier …« Das war direkt neben dem Auge. »Bis da …« Das war fast am Mundwinkel. »Ganz anders.«
»You sure?«, fragte Auntie Mo.
»Ja. Absolut. Er hat mich immer wieder so angegrinst, als er Washington zwischen die Beine getreten hat. Das vergisst man ja nicht.«
Alle richteten sich wieder auf.
»Und was machen wir jetzt?«, fragte Issam.
Schweigen. Eine S-Bahn kam aus Tempelhof.
»Nazi ist er auf jeden Fall«, sagte Emeka. »Keine Frage.« »Hast du denn die beiden anderen gesehen«, fragte Kareem.
»Den einen gar nicht. Den, der mich festgehalten hat. Und den anderen nicht richtig.«
»And these guys in the car?«, fragte Auntie Mo.
»Keine Ahnung. Die konnte man ja nicht erkennen.« »Wisst ihr was?« Issam hielt den Zeigefinger hoch. »Wir lassen ihn hier liegen. Dann kommt die Polizei und findet ihn. Der hat bestimmt einen Haftbefehl offen …«
»Wenn die Polizei das überhaupt mal interessiert?«, sagte Kareem. »Aber okay …« Er dachte nach. »Schillerkiez? Ein letztes Bier?«
Alle setzten sich in Bewegung. An der Kreuzung, ganz in der Nähe vom Gebüsch, wo sie sich versteckt hatten, fiel Kareem noch etwas ein. Er ging zurück zu dem Bündel.
Als er sich über den Jungen beugte, weiteten sich dessen Augen. Er hatte immer noch Angst. Kareem zog ihm die Borussia-Dortmund-Hose aus dem Mund.
Die Augen des Jungen wurden schmaler. Kareem sah, wie er die Muskeln um seinen Mund herum anspannte. »Kanacke«, sagte der Junge heiser.
Kareem holte das Telefon des Nazis aus der Hosentasche. Er warf es auf die Gleise, als an der Hermannstraße eine S-Bahn startete. Dann drehte er sich um und ging den ande- ren hinterher. Er freute sich auf das Bier.

Max Annas «Der Hochsitz» Rowohlt, 2021, 272 Seiten, CHF 32.90, ISBN 978-3-498-00208-4

Max Annas, geboren 1963, arbeitete lange als Journalist, lebte in Südafrika und wurde für seine Romane «Die Farm» (2014), «Die Mauer» (2016), «Finsterwalde» (2018) und «Morduntersuchungskommission» (2019) sowie zuletzt «Morduntersuchungskommission: Der Fall Melchior Nikolai» (2020) fünfmal mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet. Bei Rowohlt erschien ausserdem «Illegal» (2017).

Rezension mit Interview von «Der Hochsitz» auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Max Annas

«Ein verinnerlichtes Buch» Meinrad Inglin in der orte-Literaturzeitschrift

Rechtzeitig zum 50. Todestag des Schriftstellers Meinrad Inglin finden nicht nur verschiedene Gedenkanlässe statt und gab sich die Meinrad Inglin-Stiftung ein neues Gesicht, es erscheint im appenzelleschen Schwellbrunn auch eine neue Ausgabe der Literaturzeitschrift orte, die sich ganz dem grossen Schweizer Autor widmet. Meinrad Inglin ist eine Entdeckung wert!

 

zur Literaturzeitschrift orte

Beitragsbilder mit freundlicher Genehmigung der Meinrad Inglin-Stiftung

Heinrich Steinfest „Amsterdamer Novelle“, Piper

«Das Foto täuscht nicht, natürlich nicht. Sondern wir täuschen uns.» Das wir dem nicht mehr trauen, was wir sehen, zeigt die Gegenwart mehr als deutlich. Dabei ist es nicht das, was wir sehen, sondern wie wir sehen. Heinrich Steinfest hat eine kluge Novelle geschrieben. Von einem Mann, der sich in einen tödlichen Strudel ziehen lässt.

Ein paar Monate nachdem mein Vater gestorben war, sass ich in einer Strassenbahn in Zürich. Ein paar Reihen vor mir setzte sich ein Mann im Mantel, ohne Hut und legte seine Hände auf den Sitz vor sich. Ich sass paralysiert in meinem Sitz schräg hinter ihm und hätte für einen langen Augenblick wetten können, dass mein Vater dort sitzt: die gleiche Figur, die gleiche Haltung, die gleichen sich lichtenden Haare, und was mich am meisten verunsicherte, die gleichen Hände, die gleiche Art, den Daumen an den Zeigerfinger zu legen. Ich wäre am liebsten aufgestanden, hätte sanft seine Schulter berührt. Aus meiner Starre erwacht war ich sicher, einem Doppelgänger begegnet zu sein. Allerdings nur, bis sich der Mann von seinem Sitz erhob, sich umdrehte und die Strassenbahn verliess. Mit einem Mal war alle Ähnlichkeit abgefallen.

Heinrich Steinfest «Amsterdamer Novelle», Piper, 2021, 112 Seiten, CHF 23.90, ISBN 978-3-492-07117-8

Roy Paulsen ist Visagist in einer Fernsehstation, deckt das zu, was Scheinwerferlicht und Nahaufnahmen unweigerlich zeigen würden. Sein Sohn fotografiert zu Recherchezwecken in Amsterdam und schickt ihm eines der Fotos, überzeugt davon, seinen Vater auf einem Fahrrad, eine der Grachten entlangradelnd fotografiert zu haben. Aber Roy Paulsen war noch nie in Amsterdam. Paulsen pinnt das Foto in seinem Arbeitszimmer an die Wand, aber es bleibt viel mehr in seinem Kopf hängen als an der Wand zuhause. Ein Mann in kurzen Hosen vor einem dreistöckigen Klinkerbau, ein Mann mit seinem Profil, seiner Nase, seiner Brille. Und neben dem Mann auf dem Rad entdeckt Paulsen in einem Fenster des Hauses ein Gesicht.
Das Foto lässt ihm keine Ruhe, als ob es sich über alles andere darüber gelegt hätte. Paulsen beschliesst, seinen Sohn in Amsterdam zu besuchen, obwohl dieser ihm deutlich macht, eigentlich keine Zeit für ihn zu haben. Nachdem die Internetrecherche, digitale Fahrten durch Amsterdam ohne Erfolg blieben, das Haus nicht zu verorten war und sein Sohn auch keine Angaben über den Moment des Abdrückens machen konnte, macht sich Paulsen auf in die Stadt, in der er noch nie war. Es sollte eine Verifizierung werden, fünf Tage, die wenigstens Klarheit liefern sollten, wo dieses Haus steht.

Und tatsächlich, nach einem heftigen Gewitter sieht er auf der anderen Seite einer Gracht dieses Haus, unzweifelhaft. Er geht hin, steht davor und sieht, dass die Eingangstür über der Treppe bloss angelehnt ist. Von unstillbarer Neugier getrieben geht er hinein in das stille Haus, bis er mit einem Mal in einem Raum im Rücken zweier bulliger Männer mit Pistolen steht, die vor einem auf Stühlen gefesselten Paar vor sich deutlich machen, dass die Lage gleich endgültig werden würde. Ein Schuss fällt, der gefesselte Mann auf dem Stuhl kippt zu Seite, Paulsen greift ein und nichts ist mehr so, wie im sonst so geregelte Leben des Visagisten bisher. Aus blosser Neugier wird existenzieller Ernst.

Heinrich Steinfest erforscht nicht nur, was Wahrnehmung anzurichten weiss. Er entwickelt aus einem unscheinbaren Szenario einen wahren Krimi, bei dem es aber nur hintergründig um ein Verbrechen und die eventuelle Aufklärung geht. Neben dem „Doppelgängermotiv“ geht es auch um die Erfahrungen von Déjà-vus, Momenten, die einem glauben machen, man sei in einer Schlaufe gefangen. Paulsen ist getrieben vom Wunsch einer Erklärung. Ein Wunsch, der ihn immer tiefer in einen Strudel rutschen lässt, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt, dass ihm sein altes Leben entreisst.

„Amsterdamer Novelle“ ist ein virtuos erzähltes, literarisches Kleinod, viel mehr als ein Geschichtchen, schon gar kein Krimi – aber steinfestes Kunsthandwerk!

Heinrich Steinfest wurde 1961 geboren. Albury, Wien, Stuttgart – das sind die Lebensstationen des erklärten Nesthockers und preisgekrönten Autors, welcher den einarmigen Detektiv Cheng erfand. Er wurde mehrfach mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet, erhielt 2009 den Stuttgarter Krimipreis und den Heimito-von-Doderer-Literaturpreis. Bereits zweimal wurde Heinrich Steinfest für den Deutschen Buchpreis nominiert: 2006 mit «Ein dickes Fell»; 2014 stand er mit «Der Allesforscher» auf der Shortlist. 2016 erhielt er den Bayerischen Buchpreis für «Das Leben und Sterben der Flugzeuge», 2018 wurde «Die Büglerin» für den Österreichischen Buchpreis nominiert.

Beitragsbild © Burkhard Riegels

Literaturhaus Thurgau: Das Programm Januar – Mai 2022 steht!

Mit grosser Vorfreude präsentiere ich das neue Programm von Januar bis Mai 2022 im Literaturhaus Thurgau. Klar bleibt ein Vorbehalt, die leise Angst, dass uns wie im ersten Quartal 2021 ein Strich durch die Rechnung gemacht werden könnte. Aber wäre die Zuversicht nicht da, dann würden sich all die ProgrammmacherInnen nicht die Mühe machen, der Kultur einen Bühne zu bieten.

Das neue Programm bietet viel: Prosa und Lyrik, Musik und Installation, Ausstellung und Diskurs! Bleiben Sie uns auch in schwierigen Zeiten treu, treu dem schmucken Haus am Seerhein aber auch all den Kunstschaffenden, denen Orte wie das Literaturhaus Thurgau Lebensader ist!

Sämtliche Illustrationen © leafrei.com / Literaturhaus Thurgau

Gine Cornelia Pedersen «Null», Luftschacht

Eine junge Frau allein mit sich selbst, ohne Filter, ohne Grenzen, sich selbst und allem andern unmittelbar ausgeliefert. «Null» ist sprachlicher Hardrock, literarischer Sprengstoff.

Zuerst dachte ich, ich müsse das Buch weglegen, es sei nichts für mich, biete bei der Lektüre weder Genuss noch Fluss, legte es wirklich weg, um es nach ein paar Tagen doch noch einmal zu versuchen. „Null“ ist kein Genuss-Roman. Aber der Lesefluss stellt sich dann doch ein, wenn man sich auf die formalen Eigenheiten dieses Buches einlässt.
Als „Null“ 2013 in Norwegen erschien, löste das Buch eine Welle aus, mit Sicherheit deshalb, weil Gine Cornelia Pedersen aus einer Perspektive erzählt, die zumindest mir bisher verborgen blieb, weil ich so nie hätte beschreiben können, einer Perspektive, die entweder ihrer überragenden Einfühlung zu verdanken ist, mit der sie als Schauspielerin in tiefere Sphären eindringen kann – oder ganz persönlichen Erfahrungen. Eine unwichtige Frage, aber als Feststellung während der Lektüre beeindruckend.

Gine Cornelia Pedersen «Null», Luftschacht, 2021, aus dem Norwegischen von Andreas Donat, 185 Seiten, CHF 28.90, ISBN 978-3-903081-90-1

„Null“ erzählt von einer jungen Frau, in Rückblenden bis in ihre Kindheit und Schulzeit. Von einer jungen Frau, die sich nur in ganz seltenen und kurzen Phasen dieser für uns normalen Welt zugehörig fühlt. Einer jungen Frau, die immer wieder in einen selbstzerstörerischen Wahn verfällt, permanent kippt zwischen Hass, Verzweiflung und den kurzen Momenten der Hoffnung, doch irgendwo ein Stück Glück zu erhaschen. Aber Konstanz, Ruhe, Geborgenheit, Ausgeglichenheit, all das, was den „zufriedenen Menschen» auszumachen scheint, ist bei der fast permanent leidenden und getriebenen Protagonistin gleich „Null“.

Sie wächst auf dem Land auf, ist schon als Kind eine Aussenseiterin, die ihre Umgebung verunsichert und überfordert. Ihre Eltern trennen sich. Ihre Mutter versucht krampfhaft, ihrer Tochter das zu geben, was ihr aus ihrer Sicht zu fehlen scheint. Statt dessen muss die Mutter bis zur Unerträglichkeit zusehen, wie sich ihre Tochter von Katastrophe zu Katastrophe hangelt, Zerstörungen gegen innen und gegen aussen. Seien es Selbstverletzungen, Drogenexzesse, selbst für die junge Frau unkontrollierbare Sexualität, aber auch Zerstörungen an Menschen und Dingen um sie herum – die junge Frau ist weder von aussen noch durch Medikamente zu bändigen, obwohl alles an ihr nach Erlösung und Hilfe schreit. Immer wieder wird sie in Kliniken eingewiesen, mit Medikamenten abgefüllt oder mit Spritzen sediert. Nichts scheint ihr helfen zu können, ausser ihr grosser Traum, dereinst Schauspielerin zu werden, auf der Bühne zu stehen, in eine andere Haut zu schlüpfen.

„Null“ ist weit weg von Erbauungslektüre. Aber auch weit mehr als Betroffenheits- oder Erfahrungsbericht. Was das Buch, den Roman einzigartig macht, ist seine Form, die Sprache, die Unmittelbarkeit, die die junge Autorin nicht durch verschriftlichte Emotionen zu erzeugen versucht, sondern durch den Duktus ihrer Sprache, ihres Ausdrucks. Gine Cornelia Pedersen setzt jeden Satz. Jeder Satz ein Hilferuf ohne Interpunktion. Die Worte, die Sätze brauchen sie nicht. So wie das Leben der Protagonistin auch ein atemloses ist, ein zerstückeltes, im Stakkato eines grellen Lichts, von Blitz zu Blitz. Nach jedem Satz eine neue Zeile, weil dieses Leben nie in jenen Fluss gerät, den es braucht, um Atem zu schöpfen, zu sich zu kommen.
Zugegeben, die Lektüre schmerzt. Keine Nachttischchenlektüre, denn die Gefahr, dass sich das Gelesene in die eigenen Träume einschleicht, ist gross. „Null“ ist ein Höllentripp, auf den man sich einlassen muss, der mich vorsichtiger werden lässt, nicht zuletzt im Urteil darüber, wie ich Menschen begegne, denen man den Kampf ansieht.

Gine Cornelia Pedersen ist 1986 in Oslo geboren. Für ihren von der Kritik gefeierten ersten Roman Null erhielt sie 2013 den Tarjei Vesaas Debutantpris. Sie studierte Schauspiel an der Kunsthøgskolen in Oslo und und ist als Schauspielerin und Autorin tätig.

Andreas Donat ist Literaturübersetzer und klassischer Pianist in Berlin. Er wurde 1983 in Wien geboren, studierte Skandinavistik an der Universität Wien und Klavierspiel an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, dem Barratt Dues Musikkinstitut in Oslo und der Universität der Künste in Berlin. Andreas Donat übersetzt aus dem Norwegischen, Schwedischen und Dänischen ins Deutsche.

Beitragsbild © Borg Hakon

Regenbogenlicht – Lubna Abou Kheir und Ivna Žic im literarischen Gespräch

Lubna Abou Kheir kam 2016 aus Syrien in die Schweiz, zuerst eingeladen von hiesigen Theaterveranstaltern, später blieben sie, weil die politischen und kriegerischen Verhältnisse in ihrem Land nicht mehr auszuhalten waren. Zusammen mit ihrer «Künstlerschwester», der Theaterautorin und Regisseurin Ivna Žic lud das Literaturhaus Thurgau zu einem literarischen Gespräch ein.

weiterschreiben-schweiz.jetzt ist eine Plattform für Autor:innen aus Kriegs- und Krisengebieten. Seit Mai 2017 veröffentlichen monatlich 2 – 4 Autor:innen aus Syrien, dem Irak, dem Iran, dem Jemen, dem Sudan, Afghanistan sowie Angehörige der Roma und Sinti Kurzprosa, Gedichte und Erzählungen auf diesem Online-Portal und arbeiten mit bekannten deutschsprachigen Autor.innen im Tandem. Die Texte werden zudem von Künstler:innen aus Kriegs- und Krisengebieten illustriert. Im Rahmen von Literatur- und Musik-Veranstaltungen treten die Autor:innen mit ihren Tandem-Partner:innen auf.

Ziel dieses Projektes ist es, dass renommierte geflüchtete Autor:innen in der Schweiz weiterschreiben können, die literarischen Perspektiven der neuangekommenen Autor:innen im deutschsprachigen Diskurs sichtbarer zu machen, Türen zum hiesigen Literaturbetrieb zu öffnen und einen künstlerischen Austausch zu ermöglichen.

«Schreiben ist ein Versuch, die Freiheit in der Sprache zu entdecken.“ Ivna Žic

Lubna Abou Kheir ist in Damaskus geboren und aufgewachsen. Sie ist Autorin, Theaterwissenschaftlerin und Schauspielerin. Lubna Abou Kheir studierte und arbeitete in diversen Kontexten in Damaskus und Beirut. Seit 2016 lebt Lubna Abou Kheir in die Schweiz, lernt Deutsch und arbeitet als Freelance-Journalistin. Sie schreibt Theatertexte und ist in verschiedene Projekte u.a. am Schauspielhaus Zürich und an der Zürcher Hochschule der Künste involviert. Im August 2018 brachte sie ihr Kurzstück «Damaszener Café» in Zusammenarbeit mit Isabelle Menke und Barbara Peter im Theater Tuchlaube Aarau zur Premiere. Es folgten im September Aufführungen in der Kaserne Basel, Anfang Februar wurde es auf dem Festival «Moussem Cities» in Brüssel gezeigt. Am Theater Neumarkt kam 2019 ihr Stück «Gebrochenes Licht» in der Regie von Ivna Žic zur Uraufführung.

«Wer schreibt, ist in erster Linie Autor oder Autorin, egal, aus welchem Land er oder sie stammt. Die Herkunft eines Menschen darf kein Grund sein, dass ihm das Schreiben und das Publizieren verunmöglicht wird.» Peter Stamm

«Wenn wir sprechen, sprechen wir Gegenwart– so hat sich der Abend gestern im Bodmanhaus angefühlt, gemeinsam durch Sprachen, Länder und Zeiten wandernd– du, lieber Gallus, mit Lubna und mir. Danke für deine genauen Frage und die schöne, intensive Atmospähre, die dadurch entstanden ist. Danke fürs Hinhören, Zuhören. Ja, vielleicht sind Arabisch und Deutsch wie Wasser und Öl im Glas. Aber sie können sich im gleichen Raum bewegen und sich gegenseitig in Bewegung bringen. Dafür danke ich Lubna und Weiterschreiben Schweiz.» Ivna Žic

 

Herta Müller «Der Beamte sagte», Hanser

Romane erzählen Geschichten, manchmal auch mehr. Gedichte malen Bilder, manchmal mehr. Essays erklären, aber auch sie wollen manchmal mehr. Herta Müller will vielleicht gar nicht so viel, weder eine Geschichte erzählen noch die Welt erklären. Aber weil sie mit ihren Collagengedichten seit einem Jahrzehnt eine ganz eigene Ausdrucksart gefunden hat, war es nur eine Frage der Zeit, bis ihr durchaus ernst zu nehmendes Spiel bis in die Prosa wirkt.

Herta Müller schnipselt und klebt. Es gibt Fotos von ihr während ihrer Arbeit. Sie sitzt an einem Tisch, der übersät ist mit Wörtern und Wortfragmenten, kleinen farbigen Textbausteinen, mit denen sie bisher Lyrik und Kurzprosa zusammen mit kleinen Illustrationen zu eigentlichen Wortbildern zusammenfügte. Eine Technik, die ein wenig an Droh- und Erpresserbriefe erinnert, als sich Kriminelle noch die Zeit nahmen, aus Zeitungen Wörter zu schneiden und sie zu Texten zusammenzukleben. Was damals Angst und Schrecken auslöste, tut bei Herta Müller das genaue Gegenteil. Allein das Wissen, dass da jemand Text mit aller Akribie, Geduld und Muse so lange ordnet, arrangiert und platziert, macht das Lesen Herta Müllers Textseiten zu einer eigentlichen Meditation. Man wird ihnen nicht gerecht, wenn man einfach über sie hinwegliest, ihnen nicht jene Zuwendung schenkt, mit der die Autorin die Bilder erschuf.

Herta Müller «Das Beamte sagte», Hanser, 2021, 164 Seiten, CHF 35.90, ISBN 978-3-446-27082-4

Herta Müller erzählt von jemandem, der vorgeladen wird. Zuerst beim Beamten A, dann beim Beamten B, einem Herrn Fröhlich und schlussendlich bei einem Beamten in den oberen Etagen. Man wirft ihr fehlendes Heimatgefühl vor, heisst sie eine Staatsfeindin. Die Beamten führen Gespräche, Gespräche, die aneinander vorbeiführen. Sie, die Angeklagte, hält sich auf in dem Gebäudekomplex, dem Lager mit Kantine, nicht eingesperrt, manchmal auch in einem Café in der Stadt, begegnet Menschen, einem leeren Vogelkäfig und immer wieder einem Vogel mit Silberkragen. Doch, Herta Müller erzählt eine Geschichte. Aber sie breitet die Geschichte nicht aus, will keine Klarheit schaffen, nicht einmal Ordnung, obwohl die Schnipsel selbst doch so einen ordentlichen Eindruck machen. Aber vielleicht ist das das HertaMüller’sche. Wenn Ordnung gemacht werden kann, dann höchstens in die Form, aber nicht im Inhalt, der einem stets die Erklärung schuldig bleibt.

Ich habe Herta Müllers Buch ganz langsam gelesen. Einzelne Seiten wie Gebetstafeln vor mir auf dem Schreibtisch liegen lassen. Manches scheint sich erst mit vielfachem Lesen zu erschliessen, vieles bleibt nur eine Ahnung. Das Skurrile, Absurde wendet sich. Manchmal weht es den lichten Vorhang vor dem Hintergrund für einen kleinen Moment. Und manchmal geben mir einzelne Seiten einen Stoss. Schon der erste Satz der Erzählung (keine Satzzeichen!) Ist Programm für das ganze Buch: „Manchmal hab ich mich vermisst.“ Ein Satz, der mich mitnimmt. Ein Satz, der mich für einen langen Moment tief in mich zurückwirft. Oder: „Gegen Abend schob sich eine schrecklich müde körperwarme Ferne über unser Haus. Dann kam ein Wind und zog das letzte Hemd aus.“ Oder noch viel mehr!

Ein rätselhaftes, geheimnisvolles, zauberhaftes, wunderschönes Buch! Ein bisschen grösser als „normale“ Bücher, dickes Papier und so geklebt, dass man es offen auf einem Tisch liegen lassen kann, was sein muss, um es wirken lassen zu können. Eine Kostbarkeit!


Herta Müller
, 1953 in Nitzkydorf/Rumänien geboren, lebt seit 1987 als Schriftstellerin in Berlin. Ihr Werk erscheint bei Hanser. Sie wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und ist die Literaturnobelpreisträgerin 2009.

Beitragsbilder © Laurence Chaperon

Ein Leben für die Kunst – Sophie Taeuber-Arp», Silvia Boadella, Skira Verlag

Die ganzheitliche Suche nach Schönheit
Silvia Boadella widmet sich mit einem lesens- und betrachtungswerten Buch dem Leben der Künstlerin und ihrer Großtante Sophie Taeuber-Arp.

Interview von Urs Heinz Aerni

Urs Heinz Aerni: Auf dem leider nicht mehr im Umlauf befindlichen 50-Franken-Geldschein war Sophie Taeuber-Arp abgebildet. Haben Sie als deren Grossnichte noch ein paar von diesen Scheinen aufbewahrt?

Silvia Boadella: Ja, ich habe einige davon zurückgelegt und werde sie später verschenken. Was mir darauf besonders gefällt ist ihr aufmerksamer Blick, mit dem sie uns anschaut.

Aerni: Durch Retrospektiven im Kunstmuseum Basel, in der Tate Modern in London und im Museum of Modern Art in New York wird die Künstlerin, die auch im Zentrum der Zürcher Dada-Bewegung stand, wieder ins mediale Bewusstsein gerückt. Sie widmen ihr nun mit diesem Buch in Ihrer eigenen literarischen Sprache eine Hommage. Was hat Sie dazu bewogen?

Boadella: Ich bin aufgewachsen mit Sophie Taeuber-Arps Kunst und mit Menschen, die ihr sehr nahe standen. In Erzählungen über sie und in ihrem Werk habe ich immer eine enorme Lebensenergie dieser Frau und Künstlerin wahrgenommen. Dieser Kraft wollte ich in einem eigenen Werk nachspüren. Auch hatte ich einen entscheidenden Traum über sie. Darin hörte ich den Satz: „Sophie hat einen Albtraum in einen Traum verwandelt.“ Ich wollte in diesem Buch ergründen, was es damit auf sich hat und wie Sophie dies geschafft hat. Ich habe das Buch also auch aus einem eigenen Interesse heraus geschrieben, um von Sophie zu lernen.

Aerni: Sie wurden fünf Jahre nach dem Tod Ihrer Grosstante Sophie Taeuber-Arp, 1943, geboren. Wie präsent war sie in Ihrer Familie?

Boadella: Die Erinnerung an Sophie war sehr wach und es wurde vieles über sie erzählt, gerade weil sie eine so lebendige und vielseitige Frau war und ein aussergewöhnliches Leben führte. Sophie war eine Ausnahmekünstlerin unter den Künstlerinnen ihrer Zeit. Sie war schon zu ihren Lebzeiten sehr bekannt, renommiert und international angesehen. So wurde sie zum Beispiel bereits damals vom Museum of Modern Art in New York ausgestellt. In den 13 Jahren, in denen sie nicht mehr unterrichten musste – 1929-1943, nahm sie an vierzig internationalen Ausstellungen teil – auch das zeigt ihre enorme Lebenskraft.

Aerni: In Ihrem Buch zeigen Sie nicht nur ausgesuchte Werke und Illustrationen von Taeuber-Arp, Sie verknüpfen diese mit Ihrer persönlichen Art der Poesie. Eigentlich im Sinne der porträtierten Künstlerin, da sie ebenso interdisziplinär gestaltete. Oder anders gefragt: Warum keine klassische Biografie?

«Sophie Taeuber-Arp – Ein Leben für die Kunst» von Silvia Boadella, zweisprachige Ausgabe (Englisch – Deutsch) 224 Seiten mit 80 Abbildungen, Skira Verlag, 2021, ISBN 978-88-572-4332-0

Boadella: Ich habe in meinem Buch eine neue Form des Porträtierens entwickelt. Biografische Details werden mit den Prozessen verflochten, die Sophie Taeuber-Arps vielseitiges Schaffen antrieben. Das Buch fühlt sich wie ein Roman an und hat auch dessen Form, basiert aber eher auf Fakten als auf Fiktion. Und doch wagt es zugleich, uns einen Einblick in das Denken und Fühlen der Künstlerin zu geben. Es soll gleichzeitig persönlich und informativ sein. Ich habe versucht, es mit genauso viel Sorgfalt und Aufmerksamkeit fürs Detail zu schaffen wie Sophie Taeuber-Arp ihre eigenen Werke. So pflege ich das Vermächtnis der Künstlerin und beschreibe es auf eine poetische und innige Weise, die ebenso voller Sehnsucht ist wie die Werke der Künstlerin.

Aerni: Die Welt, in der Sophie Taeuber-Arp lebte, geriet aus den Fugen. Flucht, Angst und Unsicherheiten hinderten sie nicht, künstlerisch aktiv zu bleiben. Vielleicht nicht auch ein Weg, das alles ertragen zu können?

Boadella: Ja, es war ihr Weg, dies alles auszuhalten. Trotz der Bedrohung durch zwei Weltkriege widmete sie sich leidenschaftlich ihrer Kunst. Sie fand und bewahrte durch ihre Arbeit nicht nur unter äusserst schwierigen Umständen ihr inneres Selbst und ihre Freude, sondern schöpfte daraus auch eine grosse Kraft, um zu überleben, den Herausforderungen standzuhalten und sich selbst treu zu bleiben.

Aerni: Bewirkte Ihre erzählerische Hinwendung an Taeuber-Arp eine Veränderung in Ihrem Verhältnis zu ihr?

Boadella: Es vertiefte meine Beziehung zu ihr. Beim Schreiben über sie fühlte es sich so an, als würden wir uns in einem gemeinsamen Resonanzraum befinden. Wenn ich also die Entstehung eines Werkes von ihr beschrieb, versuchte ich in den Raum einzutauchen, aus dem heraus sie ihre Kunst erschuf. Was mir bei der Arbeit am Buch besonders bewusst wurde, ist ihre holistischer Weltsicht. Sophie hat ganzheitlich nach Schönheit gesucht. Mit Schönheit meine ich hier nicht etwas rein Visuelles, auch nichts Fertiges, sondern ein Handeln. Schönheit ist für Sophie ein Vollzug, ein Lebensbezug. Zudem findet in ihrer Arbeitsweise ein Ausscheidungsprozess von Überflüssigen und ein Einkreisungsprozess auf das Wesentliche statt – wie es in einem japanischen Lehrspruch heisst: Beschränke dich auf das Wesentliche, ohne die Poesie zu entfernen. Diese Einstellung hat mich sowohl für meine Arbeit als Schriftstellerin als auch als Psychotherapeutin beeinflusst.

Aerni: Sie selber stammen aus Basel und leben als Psychotherapeutin und Schriftstellerin in der Ostschweiz. Zudem studierten Sie Philosophie, Literatur und Kunstgeschichte. In welchen Bereichen finden Sie denn die Energie und Inspiration, um mit den Unabwägbarkeiten der Zeit umgehen zu können?

Boadella: Alle diese Bereiche inspirieren mich und vitalisieren meine Kreativität. Inspiration und Kreativität sind mein Schutz und geben mir Stabilität, denn sie verbinden mich mit meinen inneren Ressourcen. Ein Leitsatz auch von unserer psychotherapeutischen Arbeit ist: Anstelle von burn out: light up! Anstelle von Ausbrennen: aufleuchten lassen.

Aerni: Sie entwickelten zusammen mit Ihrem Ehemann David Boadella die psychotherapeutische Methode «Biosynthese». In den grossen Krisenjahren anfangs des 20. Jahrhunderts reagierten viele Kunstschaffende auf die Industrialisierung und den Nationalismus mit der Suche nach neuen Formen der Kunst und des Lebens, wenn wir an den Dadaismus oder an den Monte Verità denken. Wie sehen Sie heute die Kraft der Kunst als Kontrastmittel zur jetzigen Gesellschaft?

Boadella: Die Kunst hat die Fähigkeit, eine Gegenwelt zu bestehenden Verhältnissen aufzubauen, sei dies zu allgemeinen Gesellschaftsformen oder zu persönlichen Lebensweisen. Insofern wohnt ihr eine subversive Kraft inne, die das Bewusstsein für Missverhältnisse schärft und dadurch Veränderung anregen kann – heute auch gerade in Bezug auf die zunehmende „Instrumentalisierung“ von Mensch und Welt. Ich habe dies in meinem Buch „Erinnerung als Veränderung“ ausgeführt.

Aerni: Wenn Sie die Chance hätten, Ihrer Grosstante Sophie Taeuber-Arp eine Frage stellen zu können, wie würde sie lauten?

Boadella: Sophie, du bist durch deinen Unfalltod – einer Kohlenmonoxyd-Vergiftung – mitten aus deinem Leben und deinem künstlerischen Schaffen herausgerissen worden. Würdest du es trotzdem als erfüllt anschauen? Wie würde ein Neubeginn in der jetzigen Zeit für dich aussehen, als Frau und als Künstlerin?

Das Buch: «Sophie Taeuber-Arp – Ein Leben für die Kunst» von Silvia Boadella, zweisprachige Ausgabe (Englisch – Deutsch) 224 Seiten mit 80 Abbildungen, Skira Verlag Mailand, ISBN 978-88-572-4332-0, 2021

Silvia Boadella ist die Grossnichte von Sophie Taeuber-Arp, wurde 1948 geboren und lebt heute als Psychotherapeutin und Schriftstellerin in Heiden. Nach dem Studium der Philosophie, Literatur, Psychologie und Kunstgeschichte in Basel promovierte sie in Philosophie an der Universität Tübingen. Sie war Gastprofessorin an der Universität Kanazawa in Japan und lehrte Philosophie am Goethe-Institut in Neu-Delhi. Seit 1985 leitet sie zusammen mit ihrem Ehemann David Boadella das internationale Institut für Biosynthese in Heiden. 2014 erschien von ihr der Roman «Die tragende Haut».

Alexandra Lavizzari «Silke», ein Romananfang

Seit Tagen herrschte mieses Wetter. Ich meine, wirklich mieses Wetter. Nicht grollender Donner und blendende Blitze, das wäre ja noch aufregend gewesen, auch stürzten keine golfballgrossen Hagelkörner runter, nein, es tröpfelte nur leise, dafür anhaltend. Das war eine Weile in Ordnung, tut ja den Blumen im Garten gut, aber als es dann am nächsten und übernächsten Tag immer noch leise und anhaltend tröpftelte, wurde es langweilig, zumal das Grau über den Dächern sich auch nie veränderte oder, wenn man genau hinschaute, höchstens mal von asch- zu mausgrau wechselte und umgekehrt.
Mies eben.
Als ich jung war, verliefen meine Launen und Gemütsschwankungen unabhängig vom Wetter. Ich konnte im tiefsten Winter die glücklichste Schneeprinzessin sein und im Hochsommer ein Häufchen Elend. Mit zunehmendem Alter begann ich jedoch, mein inneres Klima dem äusseren anzugleichen, ich weiß nicht, warum das so ist; vielleicht waren es die Hormone, es sind ja immer die Hormone, wenn man nicht weiß, warum einem so oder so zumute ist, jedenfalls funktionieren wir inzwischen fast schon in vollkommener Harmonie, das Wetter und ich, womit ich letztlich sagen will, dass es mir damals seit Tagen mies ging.
Wenn es mir mies geht, schlurfe ich entweder ziellos durchs Haus oder verkrieche mich mit einem Buch ins Bett, das ich nach drei Seiten weglege, um mich unter der Decke zu verstecken. Das Herumschlurfen tue ich im Bademantel, denn zur miesen Befindlichkeit gehört, dass ich den Sinn des Duschens, Haarekämmens und Ankleidens nicht einsehe und es mir auch egal ist, was Martin von mir denkt. Jene Tage aber waren anders. Ich fühlte mich mies, keine Frage, doch duschte ich morgens, kämmte mich und zog auch was einigermaßen Hübsches an. Ich konnte sogar mit Martin einen Spaziergang machen und die Kirschblüten bewundern – wir waren im Mai – , und wenn es sein musste, führte ich auch ein Gespräch mit ihm. Es waren keine tiefen Gespräche, nichts Philosophisches oder Politisches, aber besprechen, was wir einkaufen sollten und wer diese Woche den Rasen mäht, das ging. Alles andere war verlorene Mühe, ich war einfach nicht dabei. Wer redete, war weit weg von mir, und ebenso erging es mir, wenn ich Nachrichten oder einen Film schaute. Bilder und Wörter bedeuteten rein gar nichts, und da sass ich dann Abende lang neben Martin auf dem Sofa und hatte keine Ahnung, was ablief.
Immerhin wusste ich diesmal, warum ich in diesem Zustand war. Das Wetter spielte sicher eine Rolle. Jedesmal wenn ich aus dem Fenster blickte, schlugen mir das leise, anhaltende Tröpfeln und ewige Himmelgrau ein bisschen mehr aufs Gemüt, aber der eigentliche Grund lag anderswo, nämlich buchstäblich in der obersten Schublade des Flurmöbels zwischen Schlüsselbund und Sonnenbrillenetui. Dort hatte ich Silkes neue Ansichtskarte versorgt. Ad acta gelegt sozusagen.
Wobei ich mir keine Illusionen machte; nach unzähligen ähnlichen Karten wusste ich, dass ich sie nicht so ohne weiteres würde ad acta legen können. Die Karte blieb in meinem Kopf eingraviert, ob sie nun im Flurmöbel lag oder im Papierkorb landete. Einstweilen hatte das Flurmöbel den Vorteil, dass die Ansichtskarte unsichtbar und gleichzeitig in Reichweite blieb. Ich konnte daneben stehen und es beim Zuknöpfens der Jacke bei einem flüchtig unangenehmen Gefühl belassen, oder, auch möglich, vor dem Hinausgehen die Schublade ziehen und mich der Ungeheuerlichkeit stellen. Letzteres wagte ich selten und nur, wenn ich allein war. Das unangenehme Gefühl war schwer genug zu verkraften, es schwankte zwischen Wut und Hilflosigkeit und machte mich grantig, doch mit etwas Glück lenkte mich Martin ab, weil er gerade den Mantelärmel nicht erwischte oder den Schirm nicht fand, so dass ich beim Helfen auf andere Gedanken kam.
Besagte Ansichtskarte war nicht irgendeine Ansichtskarte, sondern Silkes Ansichtskarte. Der Name stand gut lesbar am unteren rechten Rand hinter den herzlichen Grüssen, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt gewesen, dass sie mir welche schickt. Überhaupt gab sich diese Karte verglichen mit früheren ziemlich harmlos. Keine Ansicht von Weimar mit tiefgründigem Goethezitat, keine Reproduktion von Magrittes ‚Die durchbohrte Zeit‘, über deren Bedeutung ich mir den Kopf zerbrechen musste, nichts Verfängliches diesmal, sondern bloss ein Strand, weit und golden wie auf Werbeprospekten, dahinter ein Streifen Meer, in das eine Seebrücke hineinwächst, und das Wort ‚Ahlbeck‘ in Kursivschrift quer über den Himmel gezogen. Ich hatte noch nie was von Ahlbeck gehört, doch dank Google war ich bald im Bild: Ahlbeck liegt auf der Insel Usedom nahe der polnischen Grenze, zählt zusammen mit Heringsdorf und Bansin zu den drei sogenannten Kaiserbädern und besitzt eine der imposantesten Seebrücken der Ostsee. Ein eleganter Bade-, Ferien- und Kurort also: Das passte zu Silke. Wenn ich mich nicht täusche, kam sie sogar von dieser Ecke.
Martin habe ich nie von Silke erzählt. Selbst am Anfang nicht, als wir uns noch für unsere Vorgeschichten interessierten. Ich beichtete ihm damals ein paar Ladendiebstähle und Tändeleien mit Unikollegen, erwähnte vielleicht auch diese oder jene Schulfreundin, mit der ich nach der Matur eine Weile in Kontakt blieb, aber über das letzte Schuljahr, jenes, in dem Silke zu uns stieß, habe ich stets geschwiegen. Hätte die Karte im Flurmöbel doch mal Martins Neugier geweckt, was ich bezweifelte, hätte ich versucht, so gelassen wie möglich zu antworten: „Silke? Ach, das ist eine ehemalige Schulkameradin von mir. Keine Ahnung, warum sie mir immer wieder Karten schreibt. Ich schreibe jedenfalls nie zurück, wüsste nicht einmal, wohin.“ Es wäre nicht gelogen gewesen – aber die Wahrheit wiederum auch nicht. Wie auch immer, ich brauchte mir deswegen keine Gedanken zu machen, Martin fragte nicht. Er stellt mir kaum Fragen, über meine Vergangenheit schon gar nicht. Vielleicht fürchtet er, ich könnte mit etwas Unerhörtem aufwarten, das ihm sein Bild von mir zerstört; er schaut mich manchmal ganz unauffällig von der Seite an und beisst sich dabei auf die Unterlippe, das tut er immer, wenn ihn etwas beschäftigt, aber wenn ich ihn frage, was los ist, ob ich Zahnpasta im Mundwinkel habe oder meine Wimperntusche schmiert, sagt er immer „nichts, Schatz, alles ist in Ordnung“ und blickt auf den Boden. So einer ist Martin. Ein Verschlossener, nach innen Gewandter. Einer, den ich an guten Tagen ‚mein stilles Wasser‘ nenne und an schlechten ‚die Wand‘.
An dem Tag war er irgendwie beides. Wir schwiegen während der ganzen Dauer unseres Spaziergangs zum Fluss und anschliessenden Einkaufsbummels. Daran ist an sich nichts Aussergewöhnliches, wir schweigen fast immer, wenn wir nebeneinander gehen, aber der Einkauf nahm dieses Mal mehr Zeit in Anspruch, weil ich im Bioladen Sanddornsaft und in der Papeterie Pauspapier kaufen wollte, und dort kam Martins zwiespältiges Schweigen plötzlich zu voller Geltung. Im Bioladen war es noch das klassische Stilles-Wasser-Schweigen, an das ich mich über die Jahre gewöhnt habe, aber als ich mir in der Papeterie noch das neu eingetroffene handgeschöpfte japanische Papier zeigen liess, spürte ich, wie sich Martin hinter meinem Rücken versteifte. Beim vierten Papierbogen war die Verwandlung vollzogen und es herrschte Wandschweigen. Klar, einkaufen ist nicht Martins Ding, ich weiß das, er kommt nur mit, um die Taschen zu tragen und mir nicht das Gefühl zu geben, dass ich immer alles allein machen muss. Vielleicht war es sogar meine Schuld, das Wandschweigen. Weil ich seine Geduld strapazierte, weil ich mich zu sehr ablenken liess, weil ich zu neugierig auf neue Produkte war, will heissen ‚zu kapitalistisch veranlagt‘, meinetwegen. Ich habe das alles, und mehr, schon hundert Mal aus seinem Schweigen herausgehört. Da Martin seine Vorwürfe jedoch nur im Extremfall ausspricht, kann ich nicht sicher sein, was ihn genau stört, und an jenem Morgen, da ich nicht bei der Sache war, schon gar nicht.
Immerhin hatte ich mir mit einem japanischen Papierbogen eine kleine Freude gegönnt. Es brauchte wenig, um meine Laune um ein paar Grad und ein paar Stunden zu heben, ein mit Goldpailletten durchzogenes Stück Washi, keine zehn Gramm schwer, und schon verzog sich ein Wölkchen am dunklen Horizont. Die schwerste Wolke aber drückte weiter auf meinem Gemüt. Als ich den Papierbogen im Atelier auspackte und mir schon ausmalte, wie der nächste Holzdruck darauf wirken würde, überrollte mich die Ungeheuerlichkeit von Silkes Karte wie ein Tsunami. Ich spürte, wie das Blut mir in den Kopf raste, sah für den Bruchteil einer Sekunde schwarz, ja, ich schwamm plötzlich in einem Meer unendlicher, tiefster Schwärze, schwankte haltlos, bevor ich irgendwie die Stuhllehne erwischte, mich setzen konnte und langsam wieder klar sah. Silke! Sie war vor neununddreissig Jahren gestorben! Sie konnte mir gar keine Karten schreiben, weder aus Ahlbeck noch aus Weimar. Und aus dem Jenseits schon gar nicht. Diese Einsicht war natürlich nicht neu, ich wusste in jeder Minute meines Lebens, dass Silke tot ist. Aber es gibt wissen und wissen. Wie beim eigenen Tod. Man weiß, dass man irgendwann drankommt, doch dieses Wissen dringt gewöhnlich nicht durch, es bleibt beim vagen Irgendwann, das kann man aushalten, und dann gibt es wie aus heiterem Himmel Momente, in denen die Einsicht tiefer dringt und unseren ganzen Körper, unser Denken und Fühlen schlagartig mit Grausen erfüllt.

Alexandra Lavizzari, 1953 geboren in Basel, studierte sie Ethnologie und Islamwissenschaft. Nach langjährigen Aufenthalten in Nepal, Pakistan und Thailand lebt sie seit 1999 in Rom, in der Schweiz und in England. Sie schreibt für Schweizer Zeitungen und ist Autorin von zahlreichen belletristischen, kunstgeschichtlichen und literaturkritischen Werken. Für ihr Schaffen wurde sie mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Bieler Literaturpreis, dem 13. Würth Literaturpreis, der Poetik-Dozentur der Universität Tübingen und dem Feldkircher Lyrikpreis.

«Weil Groll am Scheideweg schön ist», Lubna 2012–2021

Erster Brief an Ivna
4. Januar 2021, Montag,

5. Februar 2012, Sonntag,

Nein, einen Moment …

Immer wieder verrät mich die Erinnerung …

Damit das Bild genauer wird: Das ist passiert an allen Tagen und es ist los, und wird immer wieder passieren, vielleicht in anderen zehn Jahren Krieg, und es ist: ein Gefühl.

Ein Gefühl, das aus dem Darm kommt und durch den Magen geht,
übt Druck auf das Zwerchfell aus und bildet Kurzatmigkeit.

Der Brustkorb wird flach wie eine Plastiktüte ohne Luft (Vakuumbeutel).

Alles wird eng, auch das Feld der leichten leuchtenden Schmetterlinge (biolumineszierende Insekten) erstickt, das Feld, das Vergnügen ausstrahlt und in Liebessituationen den Magen kitzelt.

Vom Arsch wird der Befehl erteilt, das Denken und die Logik vom Kopf zu nehmen, und alles wird zusammengedrückt und geschrumpft, so dass das Blut im Gehirn langsamer zirkuliert und der Körper zusammenbricht und auf die Erde prallt.

Der Strom der Tränen schliesst sich diesem Karneval des Schmerzes an und drückt seine Meinung darüber aus, was passiert und fliesst und fliesst.

Die Diagnose lautete: «Abwesenheit der Logik».

Also, liebe Ivna, der Groll am Scheideweg ist schön.

Die Liebe zum Aufbruch, die Anziehungskraft zum Bleiben

Zweiter Brief an Ivna

03.2020

Ich öffnete meinen roten Koffer, dreissig Kilo schwer. Er war voller Spielzeug und sehr kleiner Dinge. Es gab keine Bücher, keine Kleidung, nur Bilder und Details …
Ja, die Details … Wie oft am Tag sterben wir wegen der Details?

Details: Gerüche, Augenblicke, Staub auf den glänzenden Schuhen,

dunkle Flecken auf weissen Oberflächen folgen Löchern in den schönen, teuren Markensocken, und wir folgen rechten Winkeln und Dreiecken in den Badezimmerfliesen.

Diese Details gehören zu bestimmten Orten, Orten, die, wenn sie von ihren Details ausgeschlossen werden, fremd sind.

Am 03.03.2020 fing ich an, den Koffer auszupacken.

Er war voll mit kleinen Plastiksoldaten aus Russland. Mein Onkel brachte sie uns mit, als er dort war, und ich weiss nicht, was es bedeuten soll, uns Soldaten zu schenken.

Im Koffer gibt es eine Tasse, in die wir Buntstifte und Bleistifte gesteckt haben

Es gibt einen Glaskuh-Salzstreuer

Es gibt Notizbücher mit Gedichten voller vulgärer Liebe

Es gibt Seifenblasen

Es gibt Stühle und Holztische und Cafés

Es gibt Männer, die von der Liebe und der Religion zerstört wurden

Es gibt die Langeweile des Freitags

Er gibt und gibt und gibt.

Meine liebe Ivna, all diese Details haben ihren Platz in unserem Haus in Syrien. In meiner neuen Wohnung habe ich versucht, einen Platz für sie zu bauen, und bin gescheitert, der Platz hat sich nicht dem Wunsch der Erinnerungen gebeugt.
Also legte ich mich in den Koffer hinein und stülpte ihn wie eine schmutzige Socke um, deren Reinigung tausend Umdrehungen in der Waschmaschine erfordert.

Die Zerbrechlichkeit der Details beherrschte mich so, dass ich gehen wollte, aber die Schwerkraft zwingt mich, hier zu bleiben.

Liebe Ivna: Das Schreiben ist manchmal eine Alternative zur Psychotherapie.

Wenn wir sprechen, sprechen wir Gegenwart

13. August 2021, Europa
Liebe Lubna,
kürzlich wurde ich gefragt, ob mein Name ein Tippfehler sei.

Namen sind Lose, las ich einst und schreibe es nach, schreibe es fort, in diese lose Lücke hinein. Begegnungen sind ebenfalls Lose, wenn sie bleiben, füllen sie etwas auf. Manchmal eine Lücke, von der wir davor nichts wussten, die wir nicht in uns ahnten. Doch ist der neue Mensch da, ist die Begegnung eine Kette, die bleibt, fragen wir uns nach dem Davor und wollen die fehlende Zeit, die nicht die gemeinsame war, so schnell es geht nachholen. Das ist Beziehung. Unerwartete Sehnsucht nach gemeinsamer Geschichte. Beziehung ist Erzählung.

Namen sind Lose, so auch der Ortsname unserer Geburtsstadt, der Grossmuttername, verdeckt durch die Heirat mit einem Mann, der Strassenname des Elternhauses, der Name des ersten Kusses, der Name der ersten Beleidigung, die wir erfahren – und schliesslich auch der Stadtname, der heute unseren Wohnort benennt und unsere Begegnung mitschreibt.

Liebe Lubna,
deine fünf Buchstaben und meine vier, rätselhaft verschlungen, freundschaftlich tanzen sie durch Gassen, die von ihnen davor nicht gehört haben. Wir verbinden uns mit Strassennamen, die uns nun auch umgeben, die ohne unsere Geschichten lange standen und nun in Erwartung dieser zuhören.
Liebe Lubna, wenn wir sprechen, sprechen wir Gegenwart. Du und ich auch. Nicht gleich, eher anders, manchmal unerwartet ähnlich, nur manchmal, doch gegenwärtig zusammen. Findest Du das auch?
Unsere Geschichten schwingen und verästeln sich, umschlingen andere Buchstaben, Worte, die wir suchen, die wir finden.
Manchmal fragen sie uns: Ist das ein Tippfehler?
Und wir sagen, klar und ehrlich: Nein.
Nein, das ist unsere Sicht- und Hörweise, das ist unser Geschmack, unsere Mundbewegung in dieser Sprache, das ist unser Rhythmus, so tanzen wir in diesen Strassen – das ist unsere Verbindung, in der wir Gegenwart mit schaffen. In der wir Raum schaffen, ihn vergrössern, in dem wir alle leben. So hören und fühlen wir.
Und wir fragen euch: Kommt ihr dazu?
Und wir bitten euch, höflich, aber ebenso klar und ehrlich, uns neue Fragen zu stellen.
Herzliche Grüsse

Deine Ivna

Lubna Abou Kheir studierte dramatisches Schreiben an der Hochschule in Damaskus. Seit 2016 lebt sie als Autorin, Theaterwissenschaftlerin und Schauspielerin in Zürich. Als Theaterautorin debütierte sie in der Schweiz mit dem Stück «Damaszener Café» im Theater Tuchlaube in Aarau. Seitdem folgten weitere Engagements u. a. in der Kaserne Basel und am Theater Neumarkt in Zürich.

Ivna Žic, 1986 in Zagreb geboren, aufgewachsen in Zürich, studierte Angewandte Theaterwissenschaft, Schauspielregie und Szenisches Schreiben in Gießen, Hamburg und Graz. Seit 2011 arbeitet sie als freie Autorin, Dozentin und Regisseurin u. a. am Berliner Maxim Gorki Theater, Schauspielhaus Wien, Luzerner Theater, Theater Neumarkt, Schauspiel Essen, Theater St. Gallen und bei uniT. Žic erhielt für ihre Texte eine Vielzahl von Stipendien und Preisen. Für ihren Debütroman «Die Nachkommende» wurde sie 2019 sowohl für den Österreichischen Buchpreis als auch für den Schweizer Buchpreis nominiert. 2020 erhielt sie den renommierten Anna Seghers-Preis. Žic lebt in Zürich und Wien.

Der Verein «Weiter Schreiben Schweiz» will Autor:innen, die aus Kriegs- und Krisengebieten in die Schweiz fliehen mussten und in ihren Heimatländern nicht mehr veröffentlichen können, das Weiterschreiben in der Schweiz ermöglichen, sie mit der Schweizer Literaturszene vernetzen und den öffentlichen Diskurs für diese Stimmen öffnen.

Das Projekt verbindet dafür Exil- und in der Schweiz etablierte Autor:innen in Tandems. Die Exil-Autor:innen veröffentlichen literarische Texte in der Originalsprache und auf Deutsch auf www.weiterschreiben-schweiz.jetzt und präsentieren ihr Werk auf Lesungen im ganzen Land. Das Projekt startete in der deutschsprachigen Schweiz, 2022 und 2023 folgen dann die französisch- und die italienischsprachige Schweiz.

Beitragsbild © leafrei.com / Literaturhaus Thurgau