2019 holte sich Ronya Othmann mit ihrem Text am Bachmannpreislesen in Klagenfurt den Publikumspreis. 2020 doppelte sie in eindrücklicher Weise mit ihrem Roman „Die Sommer“ nach, einem Buch, dass von Leyla erzählt, der Tochter einer Deutschen und eines êzîdischen Kurden. Nun bringt sie mit ihrem ersten Gedichtband „die verbrechen“ eine Stimme auf die Bühne, der man mit einer eigenartigen Mischung aus Faszination und tiefer Betroffenheit lauschen wird.
Man kann Ronya Othmanns Gedichtband „die verbrechen“ auf ganz verschiedene Arten lesen. Ich gebe zu, dass mir der Einstieg in ihre Sprachwelt nicht ganz leicht fiel, was auch damit zusammenhängt, dass sich Ronya Othmann nicht vor langen Gedichten scheut, Texten, die sich wie breite Sprachkaskaden über mich als Leser ergiessen. Sie verlangen von mir als Leser alles ab, reissen mich in eine Welt, der ich mich nur ungern stelle, die mich aus meiner Komfortzone drängen, mir meine wohlgefällige Sattheit vor Augen führen.
„die verbrechen“ ist ein vielschichtiges Buch, das mich in sechs Ebenen in eine Welt mitnimmt, die mir sonst verborgen bliebe, eine Welt aus Schmerz, Sehnsucht, Trennung und Verdrängung. Ein Buch, das einem in die Träume begleitet, wenn man Ronya Othmanns Gedichte vor dem Einschlafen liest. Legt man ihr Buch offen mit den Seiten nach unten aufs Nachttischchen, leuchtet einem der orange-grüne Umschlag entgegen, ein Bild, dass an aufgeschlagene Melonen erinnert, aber im Zusammenhang mit dem Titel „die verbrechen“ ganz andere Assoziationen provoziert.
Eine weitere Ebene offenbart sich in den Überschriften zu den vier „Kapiteln“, in die das Buch unterteilt ist. Vier Titel, die untereinander wie ein Vierzeiler erscheinen:
abgesang ich habe gesehen was nicht in den akten steht was dir bleibt, ist diese wunde
„die verbrechen“ sind die Gedichte einer Vertriebenen. Von jemandem geschrieben, dem man nicht nur die Heimat verwehrt. Man zerstörte sie. Man mordete und verwüstete. Man nahm Leben und Geschichte. Eine Perspektive, die bei der Lektüre angesichts dessen, was gerade eben in der Ukraine geschieht, wie Faustschläge auf die Seele trommelt. Es ist die Stimme einer tief Verwundeten, eine Stimme, der ich verwundert lausche, weil sie sich nicht der Wut, dem Zorn und Hass ergibt, sondern in die „Schönheit“ jener innigen Liebe zu einer Welt eintaucht, die verloren ist, die man ihr genommen hat.
Vielleicht sind die Überschriften zu den Kapiteln genauso zu lesen, wie die Überschriften zu den einzelnen Gedichten. Auch wenn ich sie untereinander zusammenfüge, werden sie zu einer langen Spur, die sich durch den ganzen Gedichtband zieht:
… dann bist du in die hitze gekippt. unter dir war dunst und über dir das dach deines hauses das wagenrad, der wegesrand öldistel, kurkuma, walnuss, indigo die hunde erkennen dich an deinen schritten und bellen nicht staatenlos bin ich gekommen, staatenlos bin ich gegangen …
Es sind starke Bilder, Sinneseindrücke einer überaus Empfindsamen. Reflexionen in ein Sein, das sich nur mehr an Erinnerungen, Träume und Gedanken koppelt. Verbindungen mit einer Welt, die rohe Gewalt, Vertreibung, Krieg und Mord wegriss. Ein Bewusstsein einer durch Krieg und Zerstörung Vertriebenen. Damals und heute in Syrien. Gedichtüberschriften, die mehr sind als Titel. Sie bohren sich ein. Ich brauche als Leser den Raum dazwischen.
Die letzten beiden Ebenen sind die Gedichte selbst und die Bilder, die sie in mir zurücklassen. Bilder, die sich unweigerlich mit jenen aus den Medien vermischen, seien es solche aus dem Syrienkrieg, der nicht erst mit dem Krieg selbst zu einem Drama wurde. Oder mit dem Krieg in der Ukraine, der auch nicht erst Ende Februar 2022 begann. Aus den Gedichten spricht die Kraft einer Stimme, die nicht akzeptieren will und kann, dass eine Welt untergegangen ist, die sich nicht von den Bildern trennen kann, die sie wie Tagträume mit sich herumschleppt, Erinnerungen an ein Damals, das nicht mehr existieren darf. Bilder einer immerwährenden Trennung.
„die verbrechen“ ist mehr als Lyrik. Die Gedichte erinnern mich an Gesänge voller Leidenschaft und Kraft, voller Sehnsucht und Liebe!
Ronya Othmann wurde 1993 in München geboren und lebt in Leipzig. Sie erhielt u.a. den MDR-Literaturpreis, den Caroline-Schlegel-Förderpreis für Essayistik, den Lyrik-Preis des Open Mike, den Gertrud-Kolmar-Förderpreis und den Publikumspreis des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs. 2018 war sie in der Jury des Internationalen Filmfestivals in Duhok in der Autonomen Region Kurdistan, Irak, und schrieb bis August 2020 für die taz gemeinsam mit Cemile Sahin die Kolumne «OrientExpress» über Nahost-Politik. Seit 2021 schreibt sie für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung die Kolumne «Import Export». Bei Hanser erschienen ihr Debütroman «Die Sommer» (2020), für den sie mit dem Mara-Cassens-Preis ausgezeichnet wurde.
Ihre journalistische Arbeit kann man sich auf Torial ansehen.
„Tick Tack“ ist ein Roman, der mir das Blut in den Kopf treibt, der mich schwindlig macht, der mich hin- und herschlägt zwischen Entsetzen, Verunsicherung und dem Schmerz darüber, in der Gegenwart der Hölle ein schönes Stück näher gekommen zu sein.
Almette ist 15, hochbegabt, mit dem Gefühl, jener Welt, in die sie hineingeboren wurde, alles andere als zugehörig zu sein. Nach einer Aktion, die als Suizidversuch gewertet werden musste, sitzt sie einer Psychologin gegenüber, nach ihrer Mutter die einzige Möglichkeit, die „Sache“ an den Nagel hängen zu können. Mette selbst hatte die Aktion in den sozialen Medien inszeniert, weil der Konsum solcher Videos jenes Prickeln verursacht, das einem Leben beweist. Almette fühlt sich nicht nur der Psychologin überlegen. Alles was sie sieht, was passiert, ist die permanente Bestätigung dessen, dass die Welt ihrer nicht gewachsen ist. Eigentlich will Mette nichts mehr, als sich aus dem ganzen Theater ausklinken. Einzige Vertraute ist Yağmur, ihre Freundin mit türkischen Wurzeln, Tochter eines Ärzteehepaars, das kaum je Zeit zuhause verbringt. Auch eine intellektuelle Überfliegerin, wenn auch nicht derart zur Kompromisslosigkeit bereit wie Mette, die mit 15 nichts mehr will, als aus dem Dunstkreis ihrer Bemutterung und dem aufgesetzten Feminismus ihres Vaters entfliehen.
Almette ist das beklagenswerte Opfer einer entstellten Gegenwart, die ihr Sein nur noch auf Bildschirmen und Displays gespiegelt sieht, die in „Existenzängste“ gerät, wenn sie die „Natur zu radikal an sich heranlässt“. Almette und Yağmur wollten die Macht jenen entreissen, die das „Schicksal der Menschheit in den Händen von geriatrischen, testosterongesteuerten, geldgierigen CEOs lassen“. Almette führt gar ein Fake-Tagebuch, um darin eine alternative Storyline ihres Lebens zu ziehen, für den hundertprozentigen Fall, dass ihre Eltern dieses lesen und glauben, was sie lesen. Alles, was Almette tut, schreit nach Bestätigung im Netz, nach FollowerInnen. Die Resonanz im Netz spiegelt ihre Existenz. Almette ist die Verkörperung dessen, was passiert, wenn individualisierter Hochmut und selbst befeuerte Arroganz die einzigen Waffen werden, um gegen den Strom anzukämpfen, den letzten Rest Selbstwahrnehmung zu retten.
Julia von Lucadou «Tick Tack», Hanser Berlin, 2022, 256 Seiten, CHF 34.90, ISBN 978-3-446-27234-7
Almette lernt Jo kennen, den älteren Bruder von Mia aus ihrer Klasse. Almette bestimmt Mia zu ihrer Musterfreundin, aber wieder nur, um falsche Fährten zu legen. Denn fasziniert ist sie von Jo, eigentlich Joshua, 10 Jahre älter als sie. Er liegt in seinem ehemaligen Kinderzimmer, von seinem „Muttertier“ umsorgt, weigert sich, an dem teilzunehmen, was sich vor seiner Tür abspielt. Jo ist ein Radikaler. Exmatrikuliert, was aus der Sicht seines Muttertiers nur ein grosses Missverständnis sein kann. Einer, der auch mit Unverpacktläden und Lastfahrrädern nicht an ein Überleben der Spezies glaubt. Für Jo ist die Menschheit verloren, einziger Ausweg; der Massensuizid. Einer, der nur mit absoluter Radikalität an einen Systemwandel glaubt und all das, was in den sozialen Medien kocht zu seinen Gunsten nutzen will, nicht zuletzt das Inszeniertalent der Freundin seiner kleinen Schwester.
Jo und Mette freunden sich an. Wobei bis fast zum Schluss des Buches nicht klar ist, ob diese scheinbare Freundschaft Mittel zum Zweck ist oder die sanfte Annäherung zweier sich von der Gravitation verabschiedeter Fremdkörper. Beide sind der Überzeugung, sich der grossen Lüge entziehen zu müssen. Und als Corona all jenen in die Hände spielt, die schon immer ahnten, dass die Allmacht der Verborgenen die unsichtbaren Fäden zieht, wird es der Kampf gegen all die Lemminge, die fremdgesteuert gegen den Abgrund rennen. Jo wird Mettes Priester, Mette Jos Messias, der die Botschaft in die Welt bringen soll. Eine Lunte, die zu brennen beginnt, aber eigentlich nichts anderes will, als den grossen Knall am Ende dieser Lunte. Jo hat seine Lunte gefunden. Mette brennt lichterloh.
In den 70ern und 80ern war die Hippiebewegung der Kampf gegen das Establishment, das Spiessbürgertum, gegen Konvention und Verknöcherung. Jo und Mette wollen, dass kein Stein auf dem andern bleibt. Ihr Kampf ist einer gegen die Welt ihrer ErzeugerInnen.
Julia von Lucadou erzählt in zwei ineinander verwobenen Strängen. Aus der Sicht der 15jährigen Mette, einer Sicht, die den ganzen Kampf der jungen Frau schmerzhaft nachvollziehbar zeichnet. Und die nur schwer durchschaubare Sicht von Jo, der sich wie ein Hikikomori im Zimmer seiner Kindheit suhlt, um von dort den Flächenbrand zu zünden, der das Blatt wenden soll. Julia von Lucadous Roman „Tick Tack“ ist von einer sprachlos machenden Unmittelbarkeit. Als wäre sie mit dem Stoff unmittelbar aus der zähen Suppe der Pandemie entstiegen. Die Autorin spiegelt genau das, was mich viel zu oft zu Sprachlosigkeit verdammt angesichts der Argumentlawine, die mich niederwalzt, wenn ich mich naiv den Priestern und Aufklärern der digitalen Gegenwelt entgegenstemme.
Nach dem ersten Lockdown fragte mich einmal ein Schriftsteller: „Worüber schreiben, wenn sich alles versteckt.“ Warum nicht so wie Julia von Lucadou und die Hand mitten ins Feuer halten!
Julia von Lucadou wurde 1982 in Heidelberg geboren und ist promovierte Filmwissenschaftlerin. Sie arbeitete als Regieassistentin, Redakteurin beim Fernsehen und als Simulationspatientin; sie lebt in Biel, New York und Köln. Ihr erster Roman «Die Hochhausspringerin» (2018) stand auf der Shortlist für den Schweizer Buchpreis und wurde mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet.
Die Zeit verdunstet. In den Parks sprechen Alte mit winterharten Vögeln und üben bereits die Litanei der Namen für den nahenden Frühling. Viele Freunde sind verschwunden in den letzten zwei Jahren. Himmelwärts, vermutlich, aber ohne Sang und ohne Klang. Die Begabten unter den Zurückgebliebenen, schüchterner denn je, skizzieren ein neues Heimweh und kaufen Postkarten: Meer und Himmel, abstrahiert in Strichen. Oder eine Carte Blanche, von ihnen dann beidseitig beschrieben: Lebst du noch? Die, die noch können, stolpern ungelenk über den Friedhof. Auf den Gräbern gutmütige Blumen wie Druckfehler im Gras. Viel Wind wühlt in fast tauben Ohren, fährt unter die Kleider der Schmächtigen und beinahe fällt sie der Föhn. Die Jahre mussten wir an der Grenze lassen, sagen die Toten.
In der Altersresidenz tobt das Heimspiel. Leib gegen Leben. Die Partie endet unentschieden. Es sind ja bloss Wörter, beschwichtigt Eine ihr einsilbiges Herz. Dieweil ihre Zimmernachbarin täglich Eigenschaften abgibt, eine nach der andern. Eine der Fröhlichen der zweiten Etage streicht unentwegt Teppichfransen glatt und stellt ein paar verpixelte Fotos nach. Flausen im Kopf, ausschliesslich. Ich muss hier schliessen, schreibt Einer im Einzelzimmer. Seinem Sohn. Schicke liebe Grüsse an dich und deinen Anhang. Dann ertränkt er seine Orchideen auf dem Fensterbrett, pünktlich wie jeden Tag. Um fünfzehn Uhr kommt die Pflegerin. Sie bringt Tee. Einen Lappen hat sie stets dabei. Für alle Fälle. Das sei doch keine Zuversicht, diese täglichen Überschwemmungen, stellt sie fest. Der Alte nickt. Stimmt, sagt er, und wir wissen wenig über Pflanzen. Stimmt auch, sagt die Pflegerin, vermutlich sind sie in einem der weichsten Momente entstanden.
Eine Glückliche lebt noch daheim. Ist bei sich. Dein Reich komme. Morgens, mittags und abends. Die Spitex. Die Augen wollen nicht mehr recht. Die Beine geben nur noch Kurzstreckentickets aus. Der Rest sei eine Sache des Willens. Und der Vorfreude auf den Frühling. Auf die Gartenarbeiten. Auf die Luft. Sie ist bald hundert Jahre alt. Sie macht täglich ein paar Übungen. Knie hochziehen, auf Zehenspitzen gehen, auf einem Bein stehen und dabei kurz die Augen schliessen. Nicht stolpern. Nicht fallen. Das sei im Alter das Wichtigste, sagt sie. Standfest sein. Im Gleichgewicht bleiben. Haltung bewahren. Ab und zu strauchle sie über die eigenen Regeln. Ich habe genascht. Der Herrgott werde ihr die lässliche Sünde nachsehen. Und, sie sei ready, im Fall. Jederzeit abholbereit. Dein Reich komme. Wobei, die Tulpen und die Narzissen in ihrem Garten würde sie doch gerne noch einmal sehen. Wenn sie es recht bedenke, seien Blumen schon immer ihre grösste Freude gewesen. Die Anemonen, die Osterglocken, der Sommerflor erst, die wilden Rosen, Astern und Dahlien im Herbst, und Erika und Christrosen schliesslich zu Allerheiligen auf dem Friedhof. Wo sie lieber nicht hin wolle. Sie wünsche, dass sich ihr letztes Bett im Garten befinde. Sorgst du dafür?
Und dann noch die uneinigen Paare. Einer von beiden ist aus dem Leim gegangen. Hat sich einen schlurfenden Gang angewöhnt. Kommt nicht mehr aus Morgenmantel und Pantoffeln raus, nicht mehr hoch aus dem Lehnstuhl. Zeitung und TV. Zwei, drei Gläser Rotwein, Weissbrot, Käse und Trockenfleisch. Dem andern ist das zu zäh. Nun beissen sie sich aneinander die Zähne aus. Getreulich.
Theres Roth-Hunkeler, geboren 1953 in Hochdorf Luzern, lebt heute in Baar bei Zug und oft in Berlin. Schreiben, Lesen und Literaturvermittlung sind ihre Schwerpunkte, die auch ihre langjährige Lehrtätigkeit an Kunsthochschulen prägten. Die Autorin hat neben Erzählungen und journalistischen Texten fünf Romane publiziert, zuletzt «Allein oder mit andern» (2019) und das Text-Bild-Werk «Lange Jahre» (2020) mit Bildern der Malerin Annelis Gerber-Halter. Zu «Geisterfahrten» (2021): «Die Autorin versteht es meisterhaft, uns sowohl das unmittelbare Geschehen der Gegenwart vor Augen zu führen wie dieses mit vergangenen und nachwirkenden Hintergründen so zu verbinden, dass die verschiedenen Zeitebenen fliessend ineinander übergehen. So gelingt ihr ein psychologischer Familienroman, der auf kunstvolle Weise die faktische Realität der Vergangenheit mit dem Realismus einer fiktiven Gegenwart verbindet.» Daniel Rothenbühler
Das Buchcover erlaubt eine dunkle Vorahnung: Der abgebildeten, durchaus noch im Leben stehenden Taube fehlt der Kopf. Kopflose Wesen kennt man aus Horrorfilmen, doch so schlimm kommt es dann doch nicht. Das Leben der Toten ist in Angelika Klüssensdorfs neuestem Roman «Vierundreissigster September» ein eher beschaulicher Ort.
Gastbeitrag von Cornelia Mechler, Leiterin Verwaltung und Marketing im Kunstmuseum Thurgau, Moderatorin im Literaturhaus Thurgau
Der Roman beginnt mit einem Mord: «Sie hätte das Gewehr nehmen können, entschied sich aber für die Axt. Hilde liess sie auf Walters Kopf niedersausen, als wollte sie ein Holzscheit spalten.» Mit dieser Tat endet eine unglückliche Ehe, die zum Leidwesen der Frau nach einer Fehlgeburt auch noch kinderlos geblieben war. Hilde verschwindet im Schneesturm und gilt ab jenem Moment als vermisste Person. Walter aber kommt ins Reich der Toten und wohnt erst mal seiner eigenen Beerdigung bei. Schon hier zeigt sich der lakonische Witz der Autorin. Die folgenden Sequenzen schwanken zwischen schwarzem Humor, etwas Melancholie und einer Prise Heiterkeit.
Walter lebt nun auf dem Friedhof und trifft zahlreiche Bekannte wieder, die bereits vor ihm verstarben. Alle Verstorbenen sind in dem Zustand in ihre neue «Welt» eingezogen, den sie zuletzt innehatten. Bei Walter bedeutet dies: Er wandelt mit einem gespaltenen Schädel unter den Toten umher und hat nun viel Zeit, das Leben der Lebenden zu beobachten. Er wird zum Berichterstatter, zum Chronisten, wobei sich sein Bewegungsradius auf die Dorfgrenzen beschränken. Ihn selbst treiben drei entscheidende Fragen um: Wer war er früher? Wieso wurde er ermordet? Und wo ist eigentlich Hilde abgeblieben?
Im Dorf ist Hildes Verschwinden kaum ein Thema mehr. Einige Bewohner beschäftigt in diesem Sommer vor allem der angekündigte Besuch von Steven Spielberg, der im Ort einen Film drehen möchte. Das Warten auf die Ankunft des Starregisseurs beginnt, und da werden auch die pessimistischsten Träumer nochmals wach. Überhaupt ist auch das lebende Personal in diesem Buch ein sehr besonderes. Da gibt es die dicke Huber, das Rollschuhmädchen, Eisenalex und Bipolarchen. Jede und jeder im Dorf trägt eine mal mehr mal weniger schwere Lebenslast mit sich herum. Die eindrücklichen Charakterbeschreibungen werden getragen durch eine Grundsympathie der Autorin für ihre Figuren.
Der Wechsel der Erzählperspektiven ist sehr gut gewählt, das Leben der Toten steht damit immer in engem Bezug zu dem der noch Lebenden. Auch wenn Letztere nichts von ihren Schatten ahnen, so ist es für die allwissende Leserschaft ein äusserst kurzweiliges Lektürevergnügen.
Speziell auch dies: Die Toten können die Träume der Lebenden sehen, wenn diese schlafen. Da ist ein spannendes Nachtprogramm geboten, das vor allem Walter äusserst gelegen kommt. Aber auch in den Träumen der anderen kommt bei niemandem Hilde vor. Doch dann findet er eine wage Spur – und er muss erkennen, dass seine Frau ein ganz anderes Leben führte, als er es zu kennen meinte…
«Ein hintersinniges Meisterwerk über eine Zeit der Wut, Melancholie und Zärtlichkeit», so heisst es im Klappentext. Wahrlich, das ist nicht zu hoch gegriffen. Es gilt: Lesen und staunen!
Angelika Klüssendorf, geboren 1958 in Ahrensburg, lebte von 1961 bis zu ihrer Übersiedlung 1985 in Leipzig; heute wohnt sie auf dem Land in Mecklenburg. Sie veröffentlichte mehrere Erzählbände und Romane und die von Kritik und Lesepublikum begeistert aufgenommene Roman-Trilogie «Das Mädchen», «April» und «Jahre später«, deren Einzeltitel alle für den Deutschen Buchpreis nominiert waren und zweimal auch auf der Shortlist standen. Zuletzt wurde sie mit dem Marie Luise Kaschnitz-Preis (2019) ausgezeichnet.
Charles Linsmayer veröffentlichte mit seinem gewichtigen Lesebuch «20/21 Synchron» nicht nur einen persönlichen Überblick über die Schweizer Literatur der letzten hundert Jahre, sondern mit jeder von ihm verfassten Kurzbiographie eine Liebeserklärung an die Literatur der jeweiligen Dichterinnen und Dichter!
Im Gespräch zwischen Moderator Peter Surber und Charles Linsmayer konnte sich der Fragende die Bemerkung nicht verkneifen, warum denn so gewichtigen Stimmen aus der Gegend wie jene von Zsuszanna Gahse, Michelle Minelli oder Christian Uetz der Eingang zu diesem Buch verwehrt blieb. Charles Linsmayers sympathischer Erklärungsversuch bewies wie all sein Tun seinen Respekt vor der grossen Vielfalt der hiesigen Literaturszene. Hätte er all jene in den Band mitgenommen, die es verdient hätten, wäre aus dem Band ein Koloss geworden. Seine Auswahl war eine subjektive Wertung, aber niemals ein Ausschliessen. So wichtig es ihm war, Stimmen aus dem Vergessen zu tragen, so wichtig war ihm die Viersprachigkeit, selbst sie Ausgewogenheit der Geschlechter («Das muss heute ja so sein.»).
«Es gab schon Veranstaltungen zu meinem Buch «20/21 Synchron» in Bern, Basel, Zürich und St. Gallen. Aber so geglückt wie der Abend im heimeligen Dachgeschoss des Literaturhauses Thurgau war keine von ihnen. Es stimmte einfach alles: die mit Emphase vorgetragenen Beiträge von Silvia Tschui und Klaus Merz, die zu ihren eigenen Texten noch je einen von Raphael Urweider und Helen Meier gestellt und gelesen haben. Die musikalische Begleitung durch den Gitarristen Philipp Schaufelberger und die Lieder, die Silvia Tschui aus ihrem Text herauszauberte und zur Freude des Publikums gekonnt und mit Verve vortrug, und nicht zuletzt das Gespräch, das Peter Surber als Moderator mit mir führte und das mir Gelegenheit gab, meiner eigenen Freude über das geglückte Buch und die Aufnahme durch die beteiligten Autorinnen und Autoren Ausdruck zu geben.Auch das Publikum, das den Saal bis zum letzten Platz füllte, schien in die schöne Bewegung, die das Buch unter den Anwesenden auslöste, mit einbezogen zu sein, und am schönsten für mich war wohl Gallus Freis Erklärung in seiner Begrüssung, dass man das Gefühl, das mich mit der Schweizer Literatur verbinde, Liebe nennen müsse. Der Abend vom 10.März 2022 in Gottlieben wird mir jedenfalls für immer in schöner und dankbarer Erinnerung bleiben.» Charles Linsmayer
«20/21 Synchron» ist kein Kanon der Schweizer Literatur des 20. Jahrhunderts. Charles Linsmayer, der als Autor und Herausgeber von mehr als 120 Buchveröffentlichungen über die Jahrzehnte ein Leuchtturm in der Schweizer Literaturszene wurde, wählte für diesen 40. Band der Reihe «Reprinted by Huber» seine ganz persönlichen Favoriten, all jenen, denen er in seinen unzähligen Begegnungen, seien sie nun persönlich oder schriftlich, nahe gekommen war.
Und nicht zuletzt ist «20/21 Synchron» ein Gegenentwurf zur «um sich greifender Lesemüdigkeit und dunkler Prognosen vom Ende des Buchzeitalters und dem Heraufziehen einer digital unterfütterten Jekami-Unterhaltungskultur». Nicht nur Charles Linsmayer, auch Silvia Tschui und Klaus Merz vermochten im Gespräch ihre pessimistische Sicht auf die Zukunft des Buches nicht zu verbergen. Der beinahe volle Veranstaltungssaal des Literaturhauses an diesem Abend konnte das bisschen nötige Hoffnung nicht wecken, denn junges Publikum ist rar.
Besonders beeindruckend war «Oben», der Text von Helen Meier, der grossen Dichterin, die im Februar 2021 ganz still und leise aus dem Leben schied, die mit ihren Erzählungen und Romanen eine ganz Grosse der Schweizer Literatur wurde und mit der Charles Linsmayer in den letzten zehn Jahren ihres Lebens eine tiefe Freundschaft verband. Mit der Stimme von Klaus Merz hörte man ihr beim Schreiben zu.
Wie sehr Charles Linsmayer seine Liebe zur Literatur mit sich trägt, wurde an einer Lesung aus seinem Lesebuch in St. Gallen zusammen mit Ilma Rakusa sichtbar, als der Herausgeber mit den Tränen zu kämpfen hatte. Nicht nur weil ihn der Text berührte, sondern die Intensität der Sprache und die vollendete Komposition der Geschichte.
«Wie schön der gestrige Abend zur Feier von Charles Linsmayers überwältigendem Werk «20/21 Synchron» im schönen Gottlieben doch war! Ein neugieriges, offenes Publikum, und ein Veranstalter, der sich auf Experimente einlässt. Man kann sich mehr nicht wünschen. Danke!» Silvia Tschui
Silvia Tschui wird zusammen mit dem Musiker Philipp Schaufelberger das traditionelle Sommerfest in und ums Literaturhaus Thurgau am 20. August 2022 mitgestalten. Reservieren Sie sich den Termin!
Dass mit Yael Inokai eine gewichtige literarische Stimme schreibt, bewies die junge Autorin schon mit ihren ersten beiden Romanen, aber sicher mit „Mahlstrom“, mit dem sie 2018 den Schweizer Literaturpreis gewann. Ihr neuer Roman „Ein simpler Eingriff“ setzt noch einen drauf und geht tief unter die Haut!
Meret ist ein junge, verantwortungsbewusste Krankenschwester. Jemand, der nicht einfach seinen Job macht, der die Menschen, die sie umsorgt, ans Herz gehen. Ihr Chefarzt weiss um die Fähigkeiten der jungen Frau und nimmt sie mit in seinen Operationssaal, wo Meret bei einem neuartigen Verfahren assistieren soll, bei dem Patienten bei vollem Bewusstsein am offenen Schädel mit einem gezielten Eingriff genommen werden soll, was sie unfähig macht, als produktives Glied einer Gesellschaft zu funktionieren. Ein kleiner Schnitt, ein gezieltes Abklemmen und Unkontrollierbarkeiten der Patienten lassen sich beheben. Merets Aufgabe bei diesen Eingriffen; Sie kommuniziert mit den Patienten während des Eingriffs, um dem Operierenden die Wirksamkeit des Eingriffs sofort spiegeln zu können.
Meret fühlt sich in ihrer Aufgabe, in den immer häufiger werdenden Treffen im Büro des Chefarzt geschmeichelt, bis eine der Patientinnen, der sie sich schon bei der Einweisung auf ganz spezielle Weise verbunden fühlt, nach der Operation nicht mehr aufwacht. Meret bleibt an der Seite Mariannes, besucht sie, bleibt an ihrem Bett sitzen. Marianne ist eine Frau aus reichem Haus, von ihren Eltern mehr oder weniger zum Eingriff gedrängt.
So wie Meret Marianne immer weiter in einen komatösen Zustand entgleitet, so unmittelbar wird die Nähe zu Sarah, einer Mitkrankenschwester, die im Schwesternhaus das Zimmer mit Meret teilt. Ebenfalls eine junge Frau, wie Meret seltsam eingeschlossen in einen Klinikkosmos, in dem sich die Schwestern eingekleidet bewegen, diesen nur selten und seltsam ärmlich gekleidet verlassen und kaum Möglichkeiten zu haben scheinen, Beziehungen nach Aussen zu pflegen, selbst zu ihren Familien.
Zwischen Meret und Sarah beginnt sich ganz zaghaft eine Liebe zu entwickeln, eine Liebe, die nicht sein darf, die in diesem einen Zimmer eingeschlossen bleiben muss. Eine Liebe, die in ihrer Leidenschaft und Körperlichkeit aber diametral zur Eingeschlossenheit auf den andern und in das eigene Leben ein- und übergreift. So sehr jene Liebe, jene Zugewandtheit zur Patientin Marianne an der medizinischen Wirklichkeit zu scheitern droht, so sehr wird die leidenschaftliche Liebe zu Sarah zu einem Sturm, den Meret immer mehr mit- und wegreisst. Bis Meret, die bislang bedingungslos hinter den Behandlungsmethoden ihres Chefs stand, Widerstand zeigt.
Da ist diese eigenartige, nur schwer in Zeit und Raum zu verortende Krankenhausgeschichte. Diese seltsame Methode, mit der man unbequeme Zeitgenossen mit einem Schnitt zu nützlichen Mitgliedern einer Gesellschaft machen kann. Dieser in sich geschlossene Krankenhauskosmos, in dem junge Frauen so lange erfolgreich dienen, bis sie zu alten Schwestern werden, stets folgsam, immer sauber und makellos. Das Setting des Romans erzeugt eine eigenartig beklemmende Stimmung. Junge Frauen, die ihr Gesicht nicht zeigen dürfen, ihr wahres Sein verstecken, einer Linie zu gehorchen haben.
Yael Inokais neuer Roman ist auf eine seltsam eigenartige Weise gesellschaftskritisch. Nicht nur der Eingriff im Kopf der meist unfreiwillig Eingewiesenen scheint simpel. Auch die Welt, in der sich das Personal bewegt. Yael Inokais Roman schleicht sich unmerklich in meinen Kopf, spiegelt eine Welt, die eine komplizierte Welt simpel machen will. Ob nun ein simpler Eingriff im Kopf direkt, mit Medikamenten, eine politische oder gar militärische Operation. Meret begehrt auf, in ihrem Innern, gegen Aussen. „Ein simpler Eingriff“ ist die Emanzipationsgeschichte einer jungen Frau in den Machtstrukturen der Gesellschaft, der Tradition, der Geschichte.
Der jungen Autorin ist ein ausserordentlicher Roman gelungen, etwas ganz Eigenes. Nicht zuletzt in einer Sprache, die wie die seltsame Geschichte aus seltsam unaufgeregte Weise von den grossen Regungen des Lebens erzählt.
Yael Inokai liest und diskutiert am Wortlaut Literaturfestival in Sta. Gallen am Samstag, den 26. März um 11 Uhr im Stadthaus, Festsaal, Gallusstrasse 14. Eine Veranstaltung in Kooperation mit dem Literaturhaus Wyborada. Moderation: Anya Schutzbach
Yael Inokai, geboren 1989 in Basel, studierte Philosophie in Basel und Wien, anschliessend Drehbuch und Dramaturgie in Berlin. 2012 erschien ihr Debütroman «Storchenbiss». Für ihren zweiten Roman «Mahlstrom» wurde sie mit dem Schweizer Literaturpreis 2018 ausgezeichnet. Sie ist Redaktionsmitglied der Zeitschrift «PS: Politisch Schreiben» und lebt in Berlin.
Ein schmaler Roman – aber alles andere als schmalbrüstig! Hansjörg Schertenleibs neuster Streich ist starke Kost, sprachlicher Hochgenuss und „herrliches“ Vergnügen. Ein dunkel irisierendes Kammerstück in einem abgelegenen Landhaus im Norden Irlands.
Eigentlich sind Feen gute, freundliche und doch mächtige Wesen. Dass Absinth, jene grün schimmernde Spirituose, „grüne Fee“ genannt wird, kann nur mit deren Wirkung in Verbindung gebracht werden, auch wenn die grüne Fee keine Wünsche, ausser ganz kurzfristige, zu erfüllen vermag. Und trotzdem passt der Titel zu Hansjörg Schertenleibs neuem Sprachkunstwerk, denn der Rausch, den eine Flasche Absinth hervorrufen kann, ist wie der Sprachrausch, in den sich Hansjörg Schertenleib geschrieben hat und in den man Seite an Seite mit ihm in die Geschichte um Freundschaft abtauchen kann – nur hier garantiert ohne schlechte Nebenwirkungen, ohne morgendlichen Kater.
Arthur Dold ist Sonderling und Einzelgänger, ohne Familie, ohne Verwandtschaft. Schon längst im Pensionsalter handelt er noch immer mit dem, womit er schon ein Leben lange sein Geld verdiente; alte Landkarten, Atlanten und Globen. Er tut es, weil es sein Leben ist, weil es nichts anderes gibt. Zu den wenigen Menschen, zu denen er in seinem Leben Freundschaft fand, zählte Christian Aplanalp, den er während ihrer gemeinsamen Schulzeit kennenlernte, den er zwar immer wieder einmal aus den Augen verlor, vor allem als er als Maler, Künstler berühmt wurde, in die Staaten zog und Stoff für Boulevardblätter lieferte. Aplanalp ist tot, schon lange, ein Jahrzehnt. Die Umstände seines Todes waren damals mysteriös und sind es geblieben, haben sich tief ins Bewusstsein Arthur Dolds eingegraben. Weil er damals dabei war. Weil sein Freund ihn damals zu seinem Sechzigsten eingeladen hatte. Weil Dold bis heute nicht weiss, was in jenen Tagen in einem abgelegenen Landhaus im irischen County Donegal passiert sein musste.
Dold erhält zehn Jahre später ein Päckchen mit einem Brief von Bernadette, Aplanalps damaliger Haushälterin. Ein Brief und ein Päckchen, das Arthur zwingt, sich noch einmal mit den Geschehnissen jener Tage, die ein Jahrzehnt zurückliegen, auseinanderzusetzen. Christian Aplanalp lebte damals schon eine Weile nicht mehr in den Staaten, hatte sich in den einsamen Norden Irland zurückgezogen, in ein Haus, das er geerbt hatte. Arthur Dold hatte ganz unerwartet einen Brief mit einer Einladung zu Aplanalps sechzigsten Geburtstag bekommen, machte sich kurz entschlossen auf den Weg, um noch einige Autostunden entfernt vom Haus seines Freundes festzustellen, dass er nicht von Aplanalp selbst am Bahnhof erwartet wurde, sondern von einem Mann, der ihm einen Brief übergab, sich Seamus nannte und ihn mit einem Vauxhall zum Haus seines Freundes fuhr. Ein grosses Haus, das 1857 erbaut wurde, irgendwo im nirgendwo, weit ab von der nächsten Ortschaft. Arthur Dold muss feststellen, dass er der einzige Gast zum Geburtstag seines Freundes ist, eines Freundes, der ihn zuerst einmal einen Abend warten lässt und er mitten in der Nacht aus Dolds Träumen aufgewacht in aller Realität neben seinem Bett im Dunkeln sitzt.
Es treffen sich zwei. Zwei Sonderlinge. Zwei Sechzigjährige, die das Lebe zu Sonderlingen machte. Hansjörg Schertenleibs Roman erzählt jene schicksalshafte Begegnung so, als wären die beiden Protagonisten zwei erkaltete Monde, deren Gravitation sie unaufhaltsam auf eine Kollision zutreiben lässt. Zwei ergraute Männer, die sich in einem grossen Haus verlieren, das von der nicht mehr jungen Bernadette am Leben erhalten wird, deren Mutter schon in den Diensten Aplanalps Vorfahren stand. Aplanalp hat als Künstler den Faden verloren, zeichnet wohl noch mit Grafit grossvormatig, genauso düster wie die vielen geheimnisvollen Ecken, Winkel, Räume und Gänge des Hauses. Schertenleib versteht es meisterlich, eine Doyle’sche Stimmung zu erzeugen, was wohl auch den Grund gab, warum Schertenleibs Roman mit „Gespenstergeschichte“ untertitelt ist. Gespenster gibt es in jedem Leben, nicht ausgeleuchtetes Leben, das in der Gegenwart mitspielt. Schatten aus der Vergangenheit, Falltüren, die man lieber nicht mehr öffnen will. Aplanalp ist aus dem Tritt geraten. Dold so etwas wie ein Vollstrecker dessen, was Aplanalp selbst nicht ins Rollen bringt.
Es gibt AutorInnen, die eigentlich immer die gleiche Geschichte erzählen, in immer noch einer Variation. So wie Malerinnen das immer gleiche Bild aus unterschiedlicher Perspektive. Hansjörg Schertenleib fasziniert, weil er sich mit jedem neuen Roman neu positioniert, nicht in seiner Virtuosität, aber mit Themen und Stimmungen. „Die grüne Fee“ ist starker Stoff. Kann gut sein, dass man dazu oder danach einen kräftigen Schluck trinken muss.
Und ganz nebenbei: Ein wunderschön gestaltetes Buch!
Hansjörg Schertenleib, geboren 1957 in Zürich, gelernter Schriftsetzer und Typograph, ist seit 1982 freier Schriftsteller. Seine Novellen, Erzählbände und Romane wie die Bestseller «Das Zimmer der Signora» und «Das Regenorchester» wurden in ein Dutzend Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet, seine Theaterstücke auf der ganzen Welt gezeigt. Schertenleib, der auch aus dem Englischen übersetzt, lebte zwanzig Jahre in Irland, vier Jahre auf Spruce Head Island in Maine und wohnt seit Sommer 2020 bei Autun im Burgund. Im Kampa Verlag sind bislang erschienen: «Die Fliegengöttin«, «Palast der Stille» und «Offene Fenster, offene Türen» sowie die Maine-Krimis «Die Hummerzange» und «Im Schatten der Flügel».
Eigentlich flieht Matteo. Er flieht, weil ihm das Leben die Stimme nahm. Weil er als König mitten im Stück den Text verlor, auf der Bühne in Shakespeares King Lear. Weil wenige Tage zuvor Zofia, die Frau seines Lebens gestorben war. Weil er von all dem weg wollte, was sich seinem einsam gewordenen Leben querstellte. „Die Zartheit der Stühle“ ist ein Buch der Liebe, ein unsäglich zartes Buch.
Dass Jürg Beeler kein ganzes Regalbrett füllt, obwohl er schon vierzig Jahre schreibt, mag daran liegen, dass sich Beeler als Lyriker sieht und nicht eigentlich als Erzähler, obwohl „Die Zartheit der Stühle“ sein siebter Roman ist. „Das ist viel Arbeit“, meint der Schriftsteller in einem Porträt lakonisch. Vielleicht liegt es auch daran, dass Jürg Beeler wie ein Lyriker Romane schreibt, auf jedes Wort achtend, viel mehr als blosses Erzählen. Das spüre ich diesem Buch an, einem Buch, dem ich die Nominierung für den Schweizer Buchpreis 2022 wünsche, weil es sinnlich erzählt, weil es sich nicht dem Spektakel verschreibt, dafür umso mehr den unendlichen Irrgärten des menschlichen Seins, weil das Kleine, Zarte auf das Grosse weist und weil meine Frau und ich uns das Buch gegenseitig vorlasen und dabei regelrecht beglückt wurden.
Matteo ist ein Einzelgänger, hat es nicht gerne, wenn sich Ausgelassenheit ausbreitet, obwohl er lange Jahre gefeierter Schauspieler war und man nach Premieren gerne mit ihm gefeiert hätte. Auf der Bühne fand er stets seinen Ton, seine Stimme, hatte er Präsenz und Wirkung. Im Privaten fiel im das Sprechen stets schwer und er verkroch sich lieber in seiner immer kleiner werdenden Welt. Zofia war die einzige Frau, mit der er seine Einsamkeit gerne teilte, mit der er lange Jahre zusammenlebte. Dann aber, als er erfahren musste, dass sie unheilbar erkrankt war und nicht beabsichtigte, sich durch weitere Therapien quälen zu lassen, trennte sie sich von ihm, ging auf Distanz. Sie starb. Ihr Tod lähmte ihn. Man begrub sie in ihrer Heimat Warschau, ein Abschied, den er in keiner Weise akzeptieren konnte.
Jürg Beeler «Die Zartheit der Stühle», Dörlemann, 2022, 224 Seiten, CHF 28.00, ISBN 978-3-03820-105-2
Matteo sucht Sammlung in Lerone, einer kleinen Stadt ganz im Süden Italiens, einem Sehnsuchtsort, den er schon mit Zofia teilte. Er will nichts mehr. Nur in Ruhe an der Piazza d’Oriente im Leonardo sitzen und schreiben, ohne Ziel. Aber kaum ist er dort, mischt sich die Anwesenheit einer Frau ein, einer Frau, die wie er an einem der Tische an der Piazza sitzt und schreibt. Später erfährt Matteo, dass sie Vera heisst und komponiert. Vera beginnt Platz einzunehmen, Platz, den Matteo eigentlich nur sein er grossen Liebe Zofia zugestehen will. Aber da auch sein dortiger Freund und Anwalt Ettore von der geheimnisvollen Frau angetan ist, beginnen sich Welten ganz zaghaft zu begegnen. Vera verrät nicht viel. Manchmal ist sie da, manchmal verschwindet sie für Tage oder gar Wochen. Aber sie nimmt stets etwas mit, etwas, was Matteo die Ruhe raubt, was ihn nicht in Ruhe lässt. Bis sie eines Tages mit zwei Koffern vor seiner Tür steht und fragt, ob sie für unbestimmte Zeit bleiben dürfe.
Zofia distanzierte sich in der letzten Monaten ihres Lebens. Als er sich nach ihrem Tod mit einem verloren geglaubten Schlüssel Zugang zu ihrer Wohnung verschafft, merkt er, dass er bei weitem nicht der einzige ist, der an der Hinterlassenschaft seiner Frau Interesse zeigte. Er war Eindringling. Und jetzt, Monate später, taucht Vera auf, Jahre jünger als er und stösst ihn in eine Geschichte, aus der es kein Aussteigen mehr gibt.
Matteo erzählt seine Geschichte in einer grossen Rückblende, schreibt in seine Hefte, in der Absicht „ein Buch der Liebe“ zu schreiben. Jürg Beeler trifft in seinem Schreiben als Matteo, manchmal ganz direkt im Du an Zofia gerichtet, genau jenen Ton, den ein solches „Buch der Liebe“ treffen muss. Es ist mit grosser Behutsamkeit geschrieben, immer im Wissen darum, dass Liebe in all seinen Formen, auch in der Verzweiflung und Enttäuschung an flüchtiges, schwer fassbares Gefühl bleibt. Genauso ist dieser Roman geschrieben, absolut überzeugend in seinem Ton, gespickt mit Sätzen, die sich wie Amorpfeile ins Herz bohren.
Interview
Matteo schreibt schon lange. Was wir unter dem Titel „Die Zartheit der Stühle“ lesen, sind die Hefte Nr. 73 bis 77. Alle Hefte zusammen scheinen Matteos Versuch zu sein, sein „Buch über die Liebe“ zu schreiben. Was hinderte Sie daran, Ihrem Roman den Titel „Buch über die Liebe“ zu geben? (Obwohl ich gestehe, dass mir der tatsächliche Titel besser gefällt!) „Liebe“ ist ein Allerweltswort, mit „Buch über die Liebe“ hätte ich mich auf ein zu gefälliges Terrain begeben. Jeder glaubt ja zu diesem Thema das Allerwichtigste zu sagen zu haben, nur weil ihm die Liebe einmal etwas unsanft auf die kleine Zehe getreten ist. „Die Zartheit der Stühle“ öffnet andere Türen. Dieser Titel hat, so wie ich es empfinde, etwas Poetisches und Schelmisches zugleich und passt gut zum Protagonisten. Matteo war Clown, Pantomime, auf der Bühne trat er stumm auf, auch im Alltag ist er eher ein Stummer geblieben. Wie Matteo liebe ich Strassen, Plätze und Cafés. Stühle werfen zarte Schatten, und wenn sie Schatten werfen, was sie im Süden häufiger tun als im Norden, beginnen sie zu erzählen. Ich habe Zeit, ich höre ihnen gerne zu. Oft stellen sie mir provozierende Fragen. Was, wenn unsere Liebe zu Objekten tiefer ist als die zu den Menschen? Oder wenn Liebe ein Phantom ist, wie Matteo einmal vermutet?
Matteo will eigentlich fliehen, nicht zuletzt vor sich selbst, gerät aber immer mehr in den Strudel seiner Vergangenheit, in den Sog des Unberechenbaren. Keine Flucht, sondern sein Besteben, Ruhe zu finden, die Nähe zu sich selbst. Ein Gegenentwurf zu den vielfachen Möglichkeiten der Betäubung unserer Gegenwart? Alle drei Figuren, Matteo, Zofia, Vera müssen mit Ereignissen zurechtkommen, die ihr Leben einschneidend verändern und bedrohen. Sie sind nicht mehr jung, sie empfinden sich in ihrer Zeit zunehmend als Fremde. Die Gegenwart scheint für sie keine verlässlichen Worte und damit Lebensentwürfe mehr bereitzuhalten. Menschenkenntnis wurde im Alltag durch Vulgärpsychologie und einen kommerzialisierten Zwang zur Selbstverwirklichung ersetzt, was zur kollektiven Übung der Selbstentfremdung verkam. In unseren Wohlstandsregimen haben wir die Fähigkeit, die inneren Regungen und Beweggründe des anderen zu erraten, längst verloren. Dazu haben wir auch gar keine Zeit mehr. Vera, Zofia und Matteo versuchen je auf ihre Weise, diese Echolosigkeit zu durchbrechen, einen Weg aus der allgemeinen Betäubung zu finden, der sie wieder in eine Gegenwart zurückführt.
Zofia sagte sich in ihrem Sterben von Matteo los, wollte ihn in der letzten Phase ihrer Krankheit nicht mehr an ihrer Seite haben. Ist Schonung auch eine Form der Liebe? Ich glaube ja, eine sehr tiefe. Zofias Rückzug mag vieles zugrundeliegen, sei es Enttäuschung, sei es Diskretion oder Scham. Ein etwas bösartig gestimmter oder pessimistischer Leser könnte in diesem Rückzug allerdings auch eine heimliche Bestrafung des Partners vermuten. Doch Zofia ist eine Figur, die sich dem einfachen Zugriff entzieht. Vielleicht gehört es zur Magie des Romans, dass er eine völlig subjektive Interpretation dem Leser als die objektive vorspiegelt. Die Schonung des Partners trägt auf jeden Fall der Erkenntnis Rechnung, dass die Menschen verschieden sind und jeder seinen Weg letztlich allein zu gehen hat. Dem andern sein Leben lassen – darin kommt etwas zum Ausdruck, das vielleicht wichtiger ist als die Liebe: die Freundschaft.
@ Werner Gadliger
Matteo trägt seinen Schmerz in sich, seine Partnerin Zofia, erst recht Vera. Matteo schreibt die Geschichte dieses Dreigestirns in seine Hefte. Schreiben als ein Versuch, Ordnung in Leben zu bringen. Das Schreiben eines Romans ist ausgebreitete Ordnung. Gedichte hingegen brechen Ordnungen auf. Obwohl Sie in einem Beitrag sagen, Sie schreiben viel lieber Gedichte, Sie wären eigentlich Lyriker, ist „Die Zartheit der Stühle“ Ihr siebter Roman. Was macht die Magie des Romanschreibens aus? Ist es nicht einfach die erfolgsversprechendere Möglichkeit, vom Schreiben zu leben? Mit dem Roman tauche ich in eine Assenwelt ein, er legt in anderer Weise die Spur einer Lebenserfahrung als die Lyrik, die den Rückzug in ein Sprachgehäuse eher erlaubt. Der Roman legt eine Schmerzspur. Doch auch in der Lyrik schaffe ich ‚Ordnung’. Sie ist vielleicht verborgener als die eines Romans. Eine innere Kohärenz – dies mein Anspruch – muss die vordergründig disparaten Zeilen eines Gedichts zusammenhalten. Diese Stimmigkeit muss für den Leser spürbar sein. So gesehen hat das Gedicht immer eine metaphysische Dimension, weil es jede Beliebigkeit ausschliesst. Die Anfänge dieses Romans reichen viele Jahre zurück. Die Hauptfigur stand mir von Anfang an deutlich vor Augen, ebenso waren die Atmosphäre, die Musik des Romans von Anfang an da. Die Herausforderung bestand darin, die zu den Figuren passende Geschichte zu finden. Ein Unterfangen, das nicht planbar ist, für mich auf jeden Fall nicht, ich bin da sehr von Stimmungen, von der Umgebung, von der Gunst des Augenblicks abhängig. Ob ich eine Figur auf diese oder eine andere Weise handeln lasse, ist ein intuitiver Entscheid. Letztlich ist es die Sprache, ihre Musik, ihre Atmosphäre, die mich führt.
Die Musik eines Romans wird nicht von allen Lesern wahrgenommen. Dieses Nicht-Wahrnehmen des für mich Offensichtlichen macht mich immer wieder fassungslos. Manche Leser fürchten das Ambivalente, sie suchen das Erklärbare und Sichere, sie sind glücklich, wenn sie den Protagonisten als ‚Looser’ oder ‚Macho’ identifizieren können. Doch der Roman verhandelt nicht Begriffe, die immer nur kollektiven und fragwürdigen Klassifizierungen entsprechen, er erzählt vom Individuum in seiner Unverwechselbarkeit. In dieser Hinsicht ist er subversiv, und dieses subversive Element übt auf mich einen unwiderstehlichen Sog aus.
Das Epizentrum eines Romans verbirgt sich in seiner Musik. Seine Unterfütterung kann heiter oder melancholisch sein. Heiterkeit und Melancholie widersprechen sich nicht unbedingt. Auf jeden Fall nicht, wenn man von einer spezifisch romanischen Melancholie spricht. „Auch wenn sie düster und tief ist, findet die Melancholie noch Quellen von Zärtlichkeit. Man könnte sagen, ihr Charakter ist die Sanftheit“, schreibt der italienische Schriftsteller Alberto Savinio. Melancholie ist das Bewusstsein, dass die Zeit verströmt und wir nichts gegen sie ausrichten können. Sie widersetzt sich unseren Plänen, wir können ihr nichts abtrotzen. Das Schreiben setzt sich diesem Fliessen aus, ein Roman kann nicht erzwungen werden. Wer im deutschsprachigen Raum aufwächst, vor allem in den protestantisch-ehrgeizigen Gegenden Deutschlands, neigt weniger zur Melancholie als zur Depression, das mediterrane Laissez-faire ist ihm fremd. Ja, ich liebe Stühle. Sie sind melancholisch und zärtlich. Sie haben immer genauso viel Zeit wie ich, was ich von meinen Mitmenschen nicht unbedingt behaupten kann.
„Die Zartheit der Stühle“ ist eine vielfache Liebesgeschichte. Nicht zuletzt jene der nie erfüllten. Wir werden in den Medien überschwemmt von „Liebesgeschichten“, von kitschig über verklärt bis reisserisch. Das alles ist Ihr Roman nicht. Spürten Sie Grenzen, die nicht überschritten werden durften? Ja, sehr deutlich. Ich habe auch, das muss ich sagen, aus den Fehlern meiner früheren Romane gelernt. Die Frage nach den Grenzen und Tabus, nach der Grenze zwischen Privatem und Allgemeinen ist eine der heikelsten. Gibt es sie nicht mehr, ist der Mensch seiner seelischen Entwicklungsmöglichkeiten beraubt. Mit dem Erkennen des Unausgesprochenen, des Ungesagten im alltäglichen Umgang (sowie in Texten) wird erst ein Reifeprozess möglich.
Auf Verletzung von Grenzen reagiere ich besonders empfindlich, was mit meiner Biographie zusammenhängen mag. Ich bin auf dem Land aufgewachsen und hatte mich sehr früh – als einziger unter den Schulkameraden – für klassische Musik begeistert. Damit war man der perfekte Exote und folglich ausgegrenzt. Nicht für Filmschauspielerinnen schwärmte ich, sondern für Pianistinnen. Die französische Bibliothek meiner Mutter zog mich mehr an als die Schullektüre, ich war ein begeisterter Leser von Baudelaire, Nerval und Rimbaud. Folglich war ich in meiner eigenen Generation ein Fremder geblieben, was sie interessierte, interessierte mich nicht, und umgekehrt. Ich vermauerte mich gegen eine Zeit, die das „Sie“ und das Private als bürgerlich verschrie und genau wusste, welches das richtige Leben war. Ich fürchtete mich vor dem Terror dieser Nivellierung und dem Ausgrenzungswahn von allem, was fremd und anders war. Unfreiwillig wurde ich zum Verweigerer des angesagten Lebens, mit allen Vor- und Nachteilen, die das mit sich brachte. Für mein Schreiben allerdings entpuppte sich meine merkwürdige Bootsfahrt als unschätzbarer Gewinn. Nach wie vor reagiere ich äusserst empfindlich auf Ausgrenzungen, und wir leben heute leider wieder in einer Zeit der Diffamierung. Sie macht mir Angst. Rasch ist man mit Worten zu Hand, um den andern zu beschuldigen oder anzuklagen. Sei es, weil er das falsche Geschlecht besitzt, nicht zur gefragten Altersklasse gehört oder einfach Johann Sebastian Bach liebt.
Aus meiner Generation rettete ich mich in die romanischen Länder. Kurz nach Francos Tod, sehr jung, blieb ich in Spanien hängen und verliebte mich. Ich machte in Madrid die befreiende Erfahrung, dass Bildung nicht als „elitär“ galt. Das Gespür für Grenzen ist in romanischen Ländern immer noch stärker ausgeprägt, auch in der romanischen Literatur. Sie hat den Erzählfaden nie verloren. Nicht ohne Grund lebe ich heute in Frankreich, nah an der spanischen Grenze. Im Vorfeld der Solothurner Literaturtage forderten offenbar einzelne Stimmen lautstark die Abschaffung der „Wasserglas-Lesungen“. Ein keulenartiges Schlagwort. Zum Glück werde ich in dieser ärmeren Gegend von solchen wohlstandsverwöhnten Diskussionen verschont. Man hat hier andere Probleme.
Flüstert Ihr Papagei noch immer? Leider nicht mehr, er ist im vergangenen Sommer gestorben. Dieser uralte, blinde Vogel sass immer auf meiner Schulter, wenn ich schrieb. Gelegentlich wollte er mit mir plaudern, manchmal steckte er seinen Kopf ins Gefieder und schlief. Dann durfte ich mich nicht mehr bewegen. Er fehlt mir, ich rede immer noch mit ihm, vor allem, wenn der Schreibfluss stockt.
Jürg Beeler, geboren 1957 in Zürich, studierte Germanistik in Genf, Tübingen und Zürich. Arbeitete als Deutsch- und Fremdsprachenlehrer und als Reisejournalist. Lebt in Südfrankreich und Zürich. Für seine literarische Tätigkeit wurde er verschiedentlich ausgezeichnet. Publikationen (Auswahl): «Die Liebe, sagte Stradivari» (2002), «Das Gewicht einer Nacht» (2004), «Solo für eine Kellnerin» (2008), «Der Mann, der Balzacs Romane schrieb» (2014).
100 Jahre, 135 Autorinnen und Autoren: Charles Linsmayers Anthologie «20/21 Synchron» besichtigt die viersprachige Buchschweiz.
von Peter Surber, Kulturredaktor
«Boden unter den Füssen zu gewinnen, flüchtet man in Erinnerung, sieht sich, wie Lenz, der den 20. Jänner durchs Gebirg ging, als kleiner Bub mit Vater nach dem Vesperbrot, wenn der diffuse Tag unmerklich in die Nacht überzukippen beginnt, vom Dorf durch den frischen Schnee die Aufforstung hinauf zum Glaspass stapfen…» – ein erster Satz, der hier noch lange nicht zu Ende ist, ein typischer Hänny-Satz. Reto Hänny, 1947 im bündnerischen Tschappina geboren, hat vor wenigen Tagen den Schweizer Grand Prix Literatur 2022 zugesprochen erhalten. Darum haben wir ihn als ersten gesucht im Lesebuch zu hundert Jahren Schweizer Literatur, das Charles Linsmayer herausgegeben hat. Hänny ist natürlich drin – aber nicht mit einem Auszug aus seinen Romanen mit den rabiaten Kurztiteln Ruch, Flug oder Sturz, sondern mit einem original für das Lesebuch geschriebenen Text: Glaspass.
Von «überraschend vielen» noch lebenden Autorinnen und Autoren habe er solche bisher unveröffentlichten Beiträge für die Anthologie erhalten, schreibt Linsmayer im Nachwort und bedankt sich für das «intensive Jahr» mit Schweizer Literatur, das ihm die Gespräche mit den Angefragten und die Arbeit am Buch beschert hätten.
Kanon und Entdeckungen Eine solche intensive Entdeckungsreise durch Regionen, Themen und Jahrzehnte bietet das Buch auch den Leserinnen und Lesern. Es schlägt einen gewaltigen Bogen von 1920 bis 2020, aber geordnet ist es nicht chronologisch, sondern thematisch in kleinen, eher ad hoc gebildeten als systematisch wirkenden Gruppen. «Frühe Erfahrungen» stehen am Anfang, es folgen Texte über die Liebe, über «Väter und Mütter», «Freundschaften», «Städte und Landschaften», die Schweiz wird verhandelt oder der Tod, Schicksale «Auf der Schattenseite» oder Erlebnisse «Jenseits des Realen», Witziges steht neben Tragischem – ein beinah unerschöpfliches Kaleidoskop von Stimmen und Stimmungen.
Walser, Hesse, Ramuz, Hohl, Inglin und so weiter: Die Klassiker sind drin, die Grossschriftsteller von Frisch bis Dürrenmatt bis Burger bis Nizon, die erste Autorinnengarde von Annemarie Schwarzenbach, Alice Rivaz, Amélie Plume, Agota Kristof, Luisa Famos bis Helen Meier. Linsmayer hat den (inoffiziellen, aber über ein Jahrhundert herauskristallisierten) Kanon des viersprachigen Literaturschaffens intus und teils mitgeprägt: Er erinnert auch an Namen, die vermutlich vergessen wären, wenn er sie nicht selber seit den Achtzigerjahren in den 30 Bänden der Reihe «Frühling der Gegenwart» oder in der vierzigbändigen Edition «Reprinted by Huber» ans Licht geholt hätte: Francis Giauque, Cilette Ofaire, Monique Saint-Hélier, Kurt Guggenheim…
Man kommt mit Aufzählen nicht nach. Die Jüngsten? Arno Camenisch, Dorothee Elmiger, Meral Kureishi, Anna Stern, alles Achtzigerjahrgänge. Die Ostschweiz? Neben Elmiger, Meier und Stern sind Regina Ullmann, Niklaus Meienberg, Eveline Hasler, Peter Stamm und Peter Weber in Linsmayers «Long List aufgenommen. Dagegen fehlen wichtige regionale Stimmen wie Christoph Keller, Christian Uetz, Christine Fischer, Renato Kaiser, Lara Stoll und andere.
Generell sind Spoken-Word-Stimmen rar, wohl dem ausdrücklichen Lesebuch-Charakter geschuldet. «Vollständigkeit wurde nicht angestrebt», schreibt Linsmayer gleich selber im Nachwort – bei schweizweit rund 2500 Schriftstellerinnen und Schriftstellern wäre das auch ein Ding der Unmöglichkeit. Die Auswahl habe sich aus seinen Vorlieben und Erfahrungen ergeben. Begründungen, Gewichtungen und Tonalitäten, Wahlverwandtschaften und Kontraste schält das Nachwort heraus, und eine unübertreffliche Leistung sind die 135 Kurzbiografien, je eine Seite lang, die alle im Buch vertretenen Autorinnen und Autoren samt Bild vorstellen.
Vögel und Pilze Am besten folgt man also als Leser ebenfalls seinen Vorlieben. Findet zum Beispiel Dorothee Elmigers Lockdown-Reflexion Schlafprotokoll, verfasst für eine Produktion am Zürcher Schauspielhaus 2020. Oder einen gespenstisch apokalyptischen Text mit dem Titel Vögel, frittiert der Zürcher Romanautorin Silvia Tschui. Darin ist die Welt, überhitzt und zu Tode ausgebeutet, am Ende, die Farben verloren, der Boden ausgetrocknet, die Wörter vergessen, «und man hatte nie eine Chance». «Verhängnis und Vision» heisst das Kapitel, in dem auch eines der wenigen Gedichte im Band zu finden ist, Raphael Urweiders tropische Trauer. Zur Aufheiterung folgt ein paar Seiten weiter Peter Webers Pilzöffentlichkeit, in der die Hallimasche das letzte Wort haben.
In einer kulturpessimistischen Schlussbetrachtung warnt der Herausgeber vor der «digital unterfütterten Jekami-Unterhaltungskultur globalen Zuschnitts», die das gedruckte Wort zunehmend «in eine Randexistenz» dränge. Er hofft im Gegenzug auf ein Lesepublikum, das, statt «Trends und Moden» zu folgen, dem Geschriebenen wieder mehr Zeit widmet und «zu neugierigen, aufnahmebereiten, geduldigen Adressaten und echten, begeisterungsfähigen Komplizen der Schreibenden» wird. Sein Lesebuch will dazu einen Beitrag leisten.
Bei der Veranstaltung vom 10. März im Literaturhaus Thurgau sind Klaus Merz uns Silvia Tschui mit auf der Bühne. Begleitet werden Sie vom Gitarristen Philipp Schaufelberger. Moderation Peter Surber
Silvia Tschui, geb. 1974 in Zürich, studierte Germanistik und Grafikdesign. Ihr erster Roman „Jakobs Ross“ war in der Schweiz ein preisgekrönter Bestseller. Ihr aktueller Roman „Der Wod“ erschien bei Rowohlt. Klaus Merz, geb. 1945, lebt in Unterkulm/Schweiz. Zahlreiche Auszeichnungen, zuletzt Rainer-Malkowski-Preis (2016) und Christine-Lavant-Preis (2018).