für Gallus Frei und 10 Jahre «literaturblatt.ch» – von Christian Uetz

Es ist ein Seltsames mit der öffentlichen Bedeutung, zumindest bei mir und im Umfeld der eigenen Eitelkeit. Vor jeder neuen Veröffentlichung, wenn sie in den Druck ging, hatte ich die Erwartung: Dieses Buch wird zum Durchbruch und erlangt die Weltbedeutung der Bedeutungswelt, die mir gehört. Und jedes Mal fiel ich natürlich in die Enttäuschung über den Mangel an Wahrnehmung, unabhängig davon, wie viele Besprechungen und Auftritte es dann gab. Und jetzt, nach dreizehn veröffentlichten Büchern, habe ich es, was mich selbst betrifft, und dank Corina Caduff`s Kränken und Anerkennen, als eine Art Gesetz des sich Aussetzens in die Öffentlichkeit erkannt. Seit dem ersten Portrait, samt Foto, in der NZZ (1996), hatte sich diese Erwartungs-und-Gekränktheitsneurose nur immer brennender entzündet. Und die vorletzte Veröffentlichung Das nackte Wort (2021) fiel vollends durch und hatte in international «bedeutenden» Zeitungen keine einzige Besprechung, aber die von Gallus Frei im «literaturblatt.ch»! Und da erfuhr ich, was für ein herzstärkendes Glück es ist, mit Gallus Frei abseits vom öffentlichen Mainstream einen so literaturbegeisterten Literaturvermittler zu haben, der völlig unabhängig von Bekanntheit tiefe und hochberührende Lesetipps schreibt. Bei mir führte die Erfahrung der Bedeutungslosigkeit genau durch ihren Schmerz hindurch erst recht zum Erkennen ihrer nie vorhandenen Göttlichkeit, die erst im Fehlen sich zeigt, genau wie die bleibende Sprache erst nach der Sprache beginnt, im poetischen Verstummen, im musikalischen Schweigen, im beredten Raum der Stille. Was behaupte ich da? Erstens: Ohne Göttlichkeit mache ich es offensichtlich nicht nur nicht; – sie ist mein Erkennen – ich halte das Nichterkennen der Göttlichkeit in der närrischen Wortlust und durch die zärtliche Zunge des eigenen Mundes gar für eine Unmündigkeit. Und zweitens: Das Erkennen, dass es das Göttliche nicht gibt, erkennt es im Nichtsein als Sprache. Wir haben die Göttin Gott als Wort in uns und können ihre Nichtexistenz jederzeit sehen. Um den im Gedanken brennenden Engel jeden Augenblick zu erkennen, braucht es die Sprache wie es Holz oder anderes Brennmaterial braucht, damit das Feuer des Erkennens brennt, aber im Erkennen werden die Worte verbrannt und verbrennen sich selbst. Und genauso liegt die Bedeutung im Erkennen der Bedeutungslosigkeit, aber wiederum nur durch sie hindurch und gegen die darin herrschende und bei mir vor allem eigene Eitelkeit. Was hat das mit Gallus Frei und dem «literaturblatt.ch» zu tun? Zwar schenkt die Sprache allen mit dem nur in der Sprache existierenden und doch realen Namen die Einzigkeit und kann dem persönlichen Namen einen in der möglichen Öffentlichkeit sich möglicherweise sonnenden Namen verschaffen. Aber die sich in immer grelleren Aufmerksamkeitsblitzen mit Publicity absichernde Marktöffentlichkeit speist ihr Geschäft vor allem mit schon einschlägigen Autoren bei schon einschlägigen Verlagen, besprochen von schon einschlägigen Kritikern. Und Gallus Frei hat mit dem «literaturblatt.ch» die Erfahrung gemacht, für Literaturinteressierte schreiben zu können, auch ohne zu den in der Öffentlichkeit das Sagen Habenden zu gehören und hat genau darin die Möglichkeit umgesetzt, ganz aus eigener Überzeugung die Leidenschaft seiner Bücherbegeisterung zu vermitteln. Und jetzt kommt das Schönste: Der immer neu und frei wie der Hahn krähende Gallus Frei hat sich in seiner zehn Jahre lang unermüdlich arbeitenden Literaturliebe mit «literaturblatt.ch» doch einen Namen gemacht und seine Beiträge werden gelesen und geschätzt! Selbstredend liebe ich alles, was Gallus Frei sagt und schreibt. Er hat mir auch Im Verstummen vergöttlicht. Oder mit Felicitas Hoppe: «Da werden Engel zu Menschen und Menschen zu Göttern.» Ich danke Gallus für «literaturblatt.ch», ewig!

Christian Uetz

Christian Uetz, geboren 1963 in Egnach, ist ein philosophischer Poet und lebt in Zürich und Berlin. Nach einer Ausbildung zum Lehrer studierte er Philosophie, Komparatistik und Altgriechisch an der Universität Zürich. Im Rahmen des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs 1999 wurde Uetz der 3sat-Preis zuerkannt, 2000 der Schiller-Preis und Preis der Internationalen Bodensee-Konferenz, 2005 der Förderpreis des Kulturkreises der Deutschen Wirtschaft Berlin und der Thurgauer Kulturpreis. 2010 erhielt er den Bodensee-Literaturpreis für sein bisheriges literarisches Gesamtwerk.

Seine Performanceauftritte sind aussergewöhnlich. Man muss ihn einmal erlebt haben, diesen Sprachversessenen, schreibt Karl-Heinz-Ott in der NZZ. Wer Christian Uetz je bei einer seiner auswendig zelebrierten Lesungen gesehen hat, ahnt, was Nietzsche mit seinem Diktum, man müsse mit der Sprache zu tanzen verstehen, gemeint haben könnte.

über und von Christian Uetz auf literaturblatt.ch

Illustration © Lea Frei