Thomas Kunst «Ich sage nur Halbrosa. Ich sage nur Suederhavjeln.» ein Textgeschenk

Ein literarisches Geschenk zum Jubiläum von Thomas Kunst, Dichter aus Sachsen-Anhalt:

«Ich sage nur Halbrosa. Ich sage nur Suederhavjeln.»

Ich sage nur Adventsmarzipan. Ich sage nur Wintergarten mit Gott.
Ich sage nur keine Bescheidenheit. Natürlich sage ich nur Chelsea. Nur Long Island. Nur Chocorua. Ich sage nur kein Europa der Welt. Ich sage immer nur.
Ich sage nur Visconti. Ich sage nur häng nicht so an mir. Ich sage nur
Engel des Wassers. Nur Wickelmünzen. Nur Villa rustica. Ich
Sage immer nur. Ich sage nur Küchentisch. Ich sage nur
Elefanten in den Wäldern. Nur Glück. Nur Lametta. Nur trink
Dieses Glas noch aus. Ich sage nur deine Haare bei Schostakowitsch.
Nur jetzt leider nicht. Nur mach dein Berlin noch aus. Dein Appenzell.
Dein Arizona. Ich sage nur der Hudson. Ich sage nur die Docks. Ich sage nur
Schwesterchen. Nur kann ich mich auf deine Brüste auch verlassen.
Ich sage nur Schneenutten. Ich sage nur Schwarz-Butter. Ich sage nur
Ultimativ. Nur ferne Länder. Nur Kafka und Kennedy. Nur Schaum.
Nur Familienunterbrechung. Ich sage nur lass mich in Ruhe. Lieb mich
Nicht mehr. Ich sage immer nur. Ich sage nur Hass. Nur Tagebuchhotels.
Ich sage nur Stolz. Nur Tod. Nur Liebeslässigkeit. Ich sage nur Filme
Im Winter. Nur Filme im Winter. Die Filme im Winter. Nur Filme.
Nur Winter. Siehst du sie nicht. Siehst du sie denn nicht.
Du. Ich rede mit dir. Es könnte doch einfach sein. Ich rede mit dir.
Siehst du nicht diese ultimativen Zugeständnisse an den Flüssen.
An all deinen Meeren. Die sture Hilflosigkeit einer vereinzelten Zuneigung.
Die späte Anteilnahme der Verlegenheit am Trost. Diese unüberwindlichen
Zugeständnisse einer wirklichen Liebe. Siehst du sie denn nicht. Du.
Ich rede mit dir. Wo auch anders als an den Flüssen. Und an jedem deiner Meere.
Kein Mut hört zu. Kein Gott der Gegenseitigkeit gibt acht.
Kein Wunsch hält eine zweite Fieberkurve ein. Nicht die geringste
Orchidee von dir benimmt sich in den Nächten auch nur halbwegs proletarisch.
Woran ich das merke. Woran ich das merke. Siehst du sie denn nicht.
Es könnte doch immerhin sein. Ich rede mit dir. Über die unvermeidliche
Schönheit zufriedener Fabriken. Über die jüdische Gelassenheit von allgemeinen
Bäumen. Blut und die Reste von Schnee. Jazz und die Reste von Blut. Schnee und
Jazz. In den hohen Steinen deiner Städte hat sich mein Bureau verkantet.
Holzgeflechte. Strom und selbst die abgebremste Leidenschaft zu großer.
Ungestümer Seidenwürfel. Wenn ich mal Zucker brauche. Gehe ich runter.
Wenn ich mal Pferde brauche. Gehe ich hoch. Du schläfst doch noch nicht.
Du hast doch noch eine Drehung für mich. Mein Stern. Ein Zucken. Und
Ein Schweifen. Ein Schleifen. Ohne Lässigkeit und Ende. Aus Nüchternheit.
Aus Stolz. Und Sinnlichkeit. Und Stil. In den fatalen Möglichkeiten zögerlicher Gier.
Die Musik wackelt nicht mehr. Mein Kopfende hat schon für weniger Sätze gespielt.
Du sagst doch immer. Bis die Tage mal. Und im Moment. Mein Gott.
Du siehst sie nicht. Du siehst sie nicht mehr. Diese warmen Kamillengitter. Blau
Auf den Stühlen. Deine Haare bei Schostakowitsch. Wo kommen sie her. Wo
Kommen. Aber wo kommen die Winde her. Diese Ähnlichkeiten im Winter. Die
Kinder. Die Kinder in Filmen. Wo kommen sie her. Die Erfinder der Winter.
Die Behinderer der Winde. Louise an den kleinen Tagen. Doch in den Nächten
Lasvishuna. Wenn ich mal Milch brauche. Gehe ich runter. Wenn ich mal
Milch brauche. Gehe ich hoch. Ich war die Fee für dich. Ich war auch Engel.
Schwesterchen. Und Stern. Nur noch Kalendermut. Zisternen. Jahreszeiten.
Und du wirst sehen. Ich wäre niemals gerne deine Frau gewesen.
Du sagst doch immer. Bis die Tage mal.
Und leider immer wieder im Moment. Mein Gott. Du siehst sie nicht.
Wo kommen sie her. Wo kommen. Aber wo kommen die Kinder her.
Die Behinderer der Winde. Wo kommen sie her. Ich hab sie zuerst in
Asien. Auf den Schiffen gesehen. Auf den unüberwindlichen Schiffen.
Ich war nie in Asien. Aber ich hab sie gesehen. Die Schiffe in Asien.
Auf dem Lande. In der Stadt. Mit gründlichen Kindern an Deck.
Ich hab sie gesehen. Siehst du sie nicht. Das Schlimmste am Tod
Ist sicherlich. Daß alles nach dir sinnlos weitergeht. Was nützen da
Noch Gleichgewicht und Gier. Und eine souveräne Täuschung ohne Dauer.
Die Augen waren schon immer so. Und das. Was meine Augen nicht
Mehr wiederholen. War nie da. Aber das Krankenhausmesser
War da. Deine hochgekrempelte Sonnenbrille war da.
Die hellbraunen Autobahndecken waren doch da. Für die Stühle im Hof
Da draußen. Im Winter. Ein für alle Mal. Sie waren da. Siehst du sie
Nicht. Siehst du sie denn nicht. Du. Ich rede mit dir. Es könnte doch immerhin
Sein. Ich rede mit dir. Verlass dich bloß nicht mehr auf deine Briefe.
Und halt von mir aus gern die Unterschiede ein. Du bist nicht gerade
Wesentlich mit deinem Mund. Wenn du an Sätze denkst. Die ich nicht einmal
Schreiben würde. Die einzige Möglichkeit, dich zu lieben, ist die, dich
Zu belästigen. Die einzige Möglichkeit, mich zu belästigen, ist die, mich
Zu lieben. Und du wirst sehen. Was deine Briefe nicht mehr wiederholen.
Geht vorbei. Ich hab sie zuerst in Asien. Auf den Schiffen gesehen.
Auf den unüberwindlichen Schiffen. Ich war nie in Asien. Aber ich hab sie
Gesehen. Ich schwöre. Bei deinen Lederabdrücken im Flur. Und dem gleichen
Monat deiner Hände beim Verzeihen. Ich war nie in Asien. Aber ich hab sie
Gesehen. Ich hab die ganzen Jahre meiner Blicke noch nie für unachtsames
Glück gehalten. Aber meine Augen haben auch schon für weniger Sätze gespielt.
Ich hoffe. Meine scheue Ausgeglichenheit enttäuscht dich nicht. Denn ohne die
Enttäuschung gibt es keinen Trotz. Und ohne Trotz gibt es nicht gleich die
Ungeteilte Schönheit anderer. Ich habe dir zuliebe das Wort jemals benutzt.
Jemals zu Weihnachten. Jemals versprochen. Und jemals in Asien. Und Rom.
Ich bete einmal am Tag warm. Ich gehe nicht mehr ans Fenster. Ich fahre nicht mehr
Für umsonst. Ich lasse keine Assistenten mehr in die Fabriken. Ich höre deine Musik nicht
Mehr allein. Meine Augen waren schon immer so. Sie wiederholen nichts. Was sich
Nicht lohnt. Die Hydraulik deines Wagens beim Losfahren lohnt sich nicht.
Die allgemeinen Bäume lohnen sich nicht. Die Lässigkeit deiner Sehnsucht
Beim Betrinken lohnt sich nicht. Siehst du sie nicht. Siehst du sie denn nicht.
Lässigkeit. Und Wehmut. Ohne Ende. Jemals in Asien. Aber auch jemals in Rom.
Meine Straße spielt nicht mehr mit. Mein Telefon spielt nicht mehr mit.
Die Entfernung zwischen Vertrautheit und Juni spielt nicht mehr mit. Was soll ich
Dir denn noch alles zumuten. Damit du endlich begreifst. Daß meine Sehnsucht nichts.
Aber auch rein gar nichts mit deiner Hingabe an meine Zurückhaltung zu tun hat.
Ich habe sie zuerst in Asien. Auf den Schiffen, gesehen. Auf den unüberwindlichen
Schiffen. Ich war nie in Asien. Aber ich hab sie gesehen. Deine Hingabe.
Auf den Schiffen. Mit den gründlichen Kindern an Deck. Bedeutet dir das alles
Gar nichts. Sag nicht. Du hast nicht aufgepasst. Sag nicht. Du hättest dir den breiten
Schnee der Adern meiner Brüste fast noch schöner vorgestellt. Blut und die Reste
von Schnee. Jazz und die Reste von Blut. Schnee und Jazz. Sag nie wieder Visconti.
Sag jemals Rom. Deine Kinder. In Asien. Gründliche Kinder. Die Erfinder der Winter.
Die Winter in Filmen. Meine Schiffe nur bei Wind wohl. Und nur bei Wind.
Und allgemeinen Sternen. Ich kann noch immer nicht glauben. Daß wir es
Wirklich geschafft haben sollen. Geschafft mit den Kindern. Siehst du sie nicht.
Siehst du sie denn nicht. Die Kinder bei Wind. Die Kinder in Filmen. Wo kommen
Sie her. Ich hab sie zuerst in Asien. Auf den Schiffen gesehen. Auf den
Unüberwindlichen Schiffen. Ich war nie in Asien. Aber ich hab sie gesehen.
Die Schiffe in Asien. Auf dem Lande. In der Stadt. Mit gründlichen Kindern
An Deck. Ich hab sie gesehen. Ich habe auch die Müdigkeit gesehen.
Die Müdigkeit der losen Männer an den Flüssen. Ich hab mir nichts dabei gedacht.
Ich habe ihre stumpfen Finger in mich reingeknickt. Ich weiß ja. Daß ich mich
Auf dich verlassen kann. Denn ich allein bin deine Frau aus einer Schneeausgabe.
Ich bin die Frau von einer Seltenheit der Briefmarken im Flur. Hast du gehört.
Ich kann nicht mehr. Kannst du dir vorstellen. Wie die Sommer gehen.
Wie ohne Hilfestellung unsere Sommer gehen. Ich muss mich wohl auf das
Beschränken. Was ich kann. Ich wirklich kann. Ich kann noch ohne Selbstmitleid
An einem großen Wasser stehen. Ich habe unterwegs nur eine Kleinigkeit
Getrunken. Mach mir nichts vor. Ich kann auch ohne dich an großen Wassern
Stehen. Und das. Das konnte ich schon immer. In einem Jahrzehnt der Schauspieler,
Kondome und Ameisen. Mach das nochmal. Mach das ruhig nochmal. Konntest
Du deine Probleme denn nicht anders lösen. Ich kann mir vorstellen. Was ich will.
Es geht nicht mehr. Es geht einfach nicht mehr. Meine eingeübten Modelle versagen.
Die Herbergen. Der Strand. Und auch die öffentlichen Kinodämmerungen.
Die Bankreihen. Am Stadtrand. Die Stühle. In den Wäldern. Die Haare nie allein.
Und selbst die Strumpfhosen. Schon nicht mal mehr im Liegen. Dein langes
Unterhemd beim Stadtteilfest. Ich glaube. Unter all den Decken.
In den Häusern. Gibt es keine Sicherheiten mehr. Führe die Ameisen aus. 
Sei gut zu den Schauspielern in deiner Region. Führe sie weg von den
Hoheitsansprüchen. Und den anderen Gewohnheitsrechten. Sie haben es nicht 
Anders verdient. Die Schauspieler. Und die Ameisen. Deiner Heimatstadt. Ich habe 
Unterwegs schon eine Kleinigkeit getrunken. Nur eine Kleinigkeit. Ich schreibe 
Gern nur eine Kleinigkeit beim Trinken. Eine Kleinigkeit. In einem Jahrzehnt der
Schauspieler. Kondome. Und Ameisen. Ich kann mich nicht daran erinnern. Etwas
Falsches gesagt zu haben. Aber die Ameisen. Die Ameisen haben es bei dir
Gut. Bestimmt gut bei dir. Wo auch immer du sein magst. An den Hauswänden.
Auf dem Teppich. In der Steppe. Und in den laschen Wülsten derber Segeltücher.
Aber die Schauspieler. Die Schauspieler haben es bei dir gut. Bestimmt gut bei dir.
Die Schauspieler. Und die Ameisen. Die Müdigkeit. Die Kinder. Und die
Schiffe in Asien. Die Ameisen. Auf den Bühnen. Die Behinderer der Winde.
Die Erfinder der Kleinigkeiten. Aber was weißt du denn schon. In einem
Jahrzehnt der stundenlangen Liebe. In einem Jahrzehnt altmodischer
Umarmungsgifte. In einem Jahrzehnt der ansteckenden Termine. Der
Speichelarten auf halber Höhe. Der bis zur Unerbittlichkeit erkalteten
Verwandtschaftsgrade. Bleib solange. Bis ich deine Unentschlossenheit verkraftet
Habe. Warum nimmst du nicht ein wenig frei. Das war keine Frage. Angst vor 
Haarsträhnen und Bodenluken kannst du auch auf einem karierten Geschirrtuch
Haben. Deine Übergangszeit von mir zu ihm steht unter Eid. Ich habe kein 
Verständnis mehr für das. Was übrigbleibt. Die Schauspieler. Die Ameisen. 
Die Müdigkeit der Unanständigkeit. Ich sage nur halbrosa. Das Einsickern 
Von Gestalten. In die Verschwiegenheit der Grasanlagen. Siehst du sie 
Nicht. Siehst du sie denn nicht. Ich war noch nie bei den Briefmarken.
Den Zugeständnissen. Den Kleinigkeiten. Und Zurückweisungen. 
Ich war noch nie in den Gärten der Menschen. Im Schatten der
Casuarinenbäume. Die Übergangszeiten. Die Bisse. 
Die Säure. Ich war noch nie in Suederhavjeln.
In den Gedichten von Schauspielern.
Warum schreiben sie auch noch.
Und spielen nicht nur. Auf 
Ihren Schiffen. In Asien.
Aber ich habe sie 
Gesehen.

Thomas Kunst zu Besuch im Literaturhaus Thurgau © Sandra Kottonau

Thomas Kunst, geboren 1965, ist ein »gelehrter Dichter, ein leidenschaftlicher Leser, ein hochgebildeter Bibliothekar und ein bunter Vogel; ein Romantiker, den der Weltzustand beunruhigt und der es versteht, diese Beunruhigung durch die künstlerische Form in Einsicht zu verwandeln und den Mut der Fantasie ins Spiel zu bringen« (Hans Höller). Für seine Lyrik und Prosa wurde er zuletzt mit dem Kleist-Preis 2023 und dem Erich Fried Preis 2023 ausgezeichnet. Er lebt in Sachsen-Anhalt auf dem Land. Hier mehr zu Tomas Kunst.

Thomas Kunst «Masleboi», Suhrkamp

Was Kunst schreibt, ist Kunst. Ob Lyrik wie in seinem letzten Lyrikband «Wü» oder wie im vorletzten Roman «Zandschower Klinken». Erst recht mit «Masleboi», einem Nicht-Roman, auch wenn das Etikett «Roman» auf dem Buch stehen muss. Masleboi ist ein Tripp in die Tiefen der Sprachkunst.

Vielleicht müsste man dem Buch einen Beipackzettel verpassen, auf dem vor dem Umgang mit dem Stoff gewarnt werden muss. Wer reine Unterhaltung erwartet, wird sich verwundert die Augen reiben, auch wenn GeniesserInnen literarischer Feinkost sehr wohl bestens unterhalten werden. Wer Spannung sucht, sieht sich mit den üblichen Massstäben enttäuscht, obwohl die Spannung eher vertikal zu finden ist, in der Art, wie Thomas Kunst sieht, denkt und sich treiben lässt. «Masleboi» ist ein Blindflug im Kopf des Dichters. Mit «Masleboi» sträubt sich der Dichter einmal mehr gegen Konventionen, scheinbar allgemeingültigen Vorstellungen, was Literatur zu sein hat. Weit weg vom Diktat, ein Buch, einen Roman mehr im Strom all dessen zu werden, was unter dem Titel «Autofiktion» veröffentlicht wird. Im Gespräch um die gegenwärtigen Strömungen (die alles andere wegzureissen drohen), diskutiert sich Thomas Kunst regelmässig in Rage. Mit Recht. Warum soll ausgerechnet das, was die Literatur kann, zu einem Einheitsbrei werden? Warum akzeptiert man in der Musik oder der bildenden Kunst all die Sonderlinge, macht aus ihnen Halbgötter, wenn sie sich gerade eben nicht einordnen lassen?

Thomas Kunst «Masleboi», Suhrkamp, 2026, 223 Seiten, CHF ca. 36.90, ISBN 978-3-518-43277-8

So kann man viel leichter beschreiben, was «Masleboi» nicht ist. (In einem Interview erzählt Thomas Kunst, er habe das Wort, das dem Buch den Namen gibt, von seinem Vater, der damals, als er Kind war, immer wieder von «Masleboi» sprach, einem der in der DDR damals alles Mögliche und Unmögliche besorgen konnte. Jetzt ist Thomas Kunst «Masleboi». Er besorgt mir all die Bilder, die nur er mir besorgen kann. Und er besorgt es mir ganz ordentlich.) «Masleboi» ist keine Geschichte, ein Sprachkunstwerk ohne Plott, ein Buch mit unendlich vielen skurrilen Bildern und Binnengeschichten, ein Tripp, der an Fellini erinnert, der nicht erklären und schon gar nichts beweisen will. «Masleboi» ist ein bisschen Utopie, ein bisschen Dystopie, manchmal Science-Fiction, machmal Perlenschnur, oft ein Geheimnis und immer ein Abenteuer. Bestimmt sind viele Bilder Versatzstücke aus dem Leben des Autors, so wie Schnappschüsse eines Autisten. «Masleboi» ist die Denkspur, die Thomas Kunst hinter sich zurücklässt. Eine faszinierende Welt aus Lichtblitzen und Schattenstücken.

Da lebt einer in Otchanganarriva, einem kleiner Ort im Nirgendwo. Er hat sich ein Haus gebaut aus Büchsen und Brettern, ein Haus mit Tisch, Bett und Briefkasten. Dosen als Trinkgefäße, Aschenbecher für Freunde, Gewürzbecher, Kerzenverstecke, Stifthalter, Muschelbüchsen, Zahnputzbecher und Pflanzentöpfe mit Trauermücken, Restnässeparadiese. Er verschanzt sich zuweilen darin, würde all die vollen Dosen auch zur Selbstverteidigung brauchen, auch wenn er wegen der abgelösten Etiketten nicht mehr weiss, was in den Dosen eingeschlossen ist. Neben all den Sonderlingen an diesem sonderbaren Ort wird auch in den untergegangenen und versenkten Schiffen vor der Küste gewohnt und gelebt. Es ist eine seltsame Welt, jener Ordnung enthoben, in der die Realität zu ersticken droht. Der Erzähler ist nicht allein. Da geistert Masahlena herum, ein geisterhaftes Wesen – und natürlich eine Katze, das Pinguinmädchen. Er lebt von in Epoxidharz eingelegten Insekten, verkauft sie als Bernsteinschmuck.

«Masleboi» ist für jene, denen Sprache mehr ist als Transportmittel. «Masleboi» ist Kunst.

Rezension zu «Zandschower Klinken» auf literaturblatt.ch

Thomas Kunst, geboren 1965, ist ein «gelehrter Dichter, ein leidenschaftlicher Leser, ein hochgebildeter Bibliothekar und ein bunter Vogel; ein Romantiker, den der Weltzustand beunruhigt und der es versteht, diese Beunruhigung durch die künstlerische Form in Einsicht zu verwandeln und den Mut der Fantasie ins Spiel zu bringen» (Hans Höller). Für seine Lyrik und Prosa wurde er zuletzt mit dem Kleist-Preis 2023 und dem Erich Fried Preis 2023 ausgezeichnet. Er lebt in Sachsen-Anhalt auf dem Lande.

Beitragsbild © Sandra Kottonau

25 Jahre Bodmanhaus – Literaturhaus Thurgau

Aus dem Worthaus

Das Literaturhaus Thurgau feiert seinen 25. Geburtstag. Ich gratuliere der Stiftung, dem Haus und allen, die aktiv zum Gelingen des Lebens in diesem Haus beitragen von ganzem Herzen

Dreieinhalb Jahre hatte ich die Ehre und Freude, das Programm des Literaturhauses Thurgau zu kuratieren. In dieser Zeit und lange darüber hinaus wurde dieses Haus zu meinem Herzensort. Dass es nicht nur mir so geht, beweisen die vielen Gästbucheinträge in mein digitales Gästebuch auf literaturblatt.ch:

«Das Publikum im märchenhaften Gottlieben zähle ich ab sofort zum Kalmann-Freundeskreis und schlage eine Partnerschaft zwischen Raufarhöfn in Island und Gottlieben vor. Bis zum nächsten Mal, euer Joachim B. Schmidt» November 2020

Eva Maria Leuenberger und Pamela Mendez

«Danke für die guten Tage im Literaturhaus und das schöne Experiment, danke für deine Offenheit und den Mut, uns einfach mal machen zu lassen! Mit herzlichsten Grüssen, Eva Maria Leuenberger» November 2020

«Ganz Europa befindet sich in einem Corona bedingten Lockdown. Ganz Europa? Nein, ein kleiner Ort am Bodensee lässt sich von keinem Virus der Welt einschüchtern oder unterkriegen und hält fest an der Unverzichtbarkeit lebendiger Autor*innen und lebendiger Zuhörer*innen in den Hallen des Literaturhauses Thurgau, die dort – Corona zum Trotz – sehnsüchtig aufeinandertreffen. Es ist eine Insel des gesprochenen/gehörten Wortes in einem verstummten Ozean, und es war mir eine Freude, gestern Abend auf dieser Insel weilen zu dürfen. Joachim Zelter» Dezember 2020

«Schon der Ort, viel beschrieben, zeigte sich an diesem Septemberdonnerstag von seiner zauberhaften Seite: ein mildes Spätsommerlicht über den Dächern, über dem Wasser, über den Wellen, flockig flatterndes Laub – und die Verzauberung drang durch die offenen Fenster in den Raum unterm Dach, mit dem Duft von Meer und Weite, mit Sonne, die auf die Gesichter sich legte. Wieder Lesung vor Menschen; Gesichter, wenn auch noch unter Masken, die ein Mienenspiel verrieten, ein Nicken, ein unter der Maske scheues Lachen, ein Augenspiel, Blicke, zustimmende Gesten, gehaltene Augenblicke, «gestundete» Zeit – Lesezeit. Ein Wunder nach der Pandemieisolation. Urs Faes» September 2021

Thomas Kunst

«So viele Schwäne wie auf dem Untersee am Bodensee sah ich wohl in meinem ganzen Leben in Deutschland nicht zusammen. Bei siebenhundertzwölf hörte ich auf zu zählen, aber auch, weil das Auto sich an seine Geschwindigkeit hielt, herzlichen Dank für alles. Es war ein Fest bei euch! Thomas Kunst» Januar 2022

«Du hast uns zusammengeführt, am Sommersee und im alte Worthaus. Der Abend hat mich gewärmt, die Worte, die verschiedenen Wortklänge haben mich gewärmt, und auch die langen Gespräche über Worte und zwischen den Worten. Ich habe den hellen Abend mitgenommen, vom See und vom Haus mit mir genommen, und einen Namen für unsere Verbindung auf der Wortbühne gefunden: Wahlverwandtschaften. Peter Weibel» Juli 2022

«Die erste Lesung zum ersten Roman vergisst man wohl nie. Umso schöner ist es, dass meine Erinnerungen daran ein wunderbares Bild ergeben, gestaltet durch die herzliche Gastfreundschaft des Literaturhauses Thurgau, durch die Zimmer aus altem Holz, Holz, das tausend Geschichten erzählt, durch die spannenden Gespräche mit Gallus, durch den Spaziergang am graublauen Rhein, die Seeluft, durch mein allererstes, so freundliches Publikum, den Apéro mit Wein, Zopf, Lachen und Gesprächen. Anja Schmitter» Oktober 2022

«Meinte nicht Robert Walser, jeder Weg sei ein Heimweg? So fand ich mich auch in Gottlieben zu Hause, am Rhein, mit dem Blick auf das Ried, wo ich vor vielen Jahren eine Liebe hatte, und an jenem warmen Februarabend auf eine Gemeinschaft von Lesenden traf, im Bodmanhaus, am Ende der Holztreppe. Danke dafür! Lukas Bärfuss» Februar 2023

Ana Marwan

«Die Anreise per Boot und Zug nach Gottlieben und der wild blühende Baum vor dem Zimmer im Literaturhaus waren ein Anfang, dem der Rest im gleichen Takt folgte. Es war eine wunderbare Lesereise, meine erste in die Schweiz. Danke! Ana Marwan» März 2023

«Nach zehnstündiger Anreise aus Berlin waren die Stunden in Gottlieben wie eine lange Umarmung. Nadja Küchenmeister» Mai 2023

«Es ist, als käme man nach langer Zeit zu Hause an, wenn man die alten knarrenden Stiegen dieses Riegelhauses hinaufsteigt, und zuoberst vom Giebel her hinausblicken kann auf diese uralte Gletscherlandschaft, dieses Gewässer, das nach 4000 Jahren einen Einbaum freigegeben hat, dieses Weltkulturerbe, den Gnadensee. Tabea Steiner» Juli 2023

Jan Wagner

«Noch sitze ich auf dem prachtvollen Holzbalkon des Gästezimmers mitten zwischen den Baumkronen, auf dem ich gestern Nacht, rauchte ich noch, stundenlang hätte rauchen mögen, und trinke einen Kaffee, ergänzt durch ein ofenwarmes Gipfeli aus dem hübschen Laden nebenan. Dauerhaft Wärme spendete allerdings Eure Gastfreundschaft, der herzliche Empfang, der von Euch gestaltete und rundum beglückende Abend; ein bißchen von diesem Wärme- und Wohlgefühl hoffe ich gen Norden, nach Berlin retten zu können. Jan Wagner» September 2023

«Kalt war’s, und schön war’s. Wörter flogen auf, der Himmel segelte übers Wasser, das Ufer wurde unterspült, jemand bekam kaum Luft – Schreiben im Geborgenen, im Getriebenen. Alice Grünfelder» Dezember 2023

«Durch tiefverschneites Land auf langen Umwegen zur Lesung (ein Abschied) gekommen. Atmosphäre über Fluss und Ort und unterm Dach: eine Musik, die trägt; Worte, Bücher, Gesichter, und und noch einmal diese ganz besondere Stimmung, die Gallus schafft: so gerät man ins Gespräch, das tief und leicht zugleich ist, ein Abend, der unverwechselbar und erinnerungsdicht bleibt, eine nachklingende Freude. Urs Faes» Dezember 2023

Illustrationen © Lea Le / Literaturhaus Thurgau

Zsuzsanna Gahse «Zeilenweise Frauenfeld», Edition Korrespondenzen

Buchtaufe im Literaturhaus Thurgau

Ich habe mir zuhause einen Vorrat an Zsuzsanna Gahse Büchern angelegt. Warum? Weil ich ihre Bücher, erschienen in der Edition Korrespondenzen, über alles liebe. Ihre Prosaminiaturen, die für mich reine Poesie sind, nennt sie Störe;„Störe bewegen sich zwischen langen Erzählweisen und Gedichten, zwischen Essays und Novellen, szenischen Texten und Performance-Vorlagen“.

Gastbeitrag von Thomas Kunst
Schriftsteller, Dichter, Kleist-Preiträger

„Zeilenweise Frauenfeld“ ist ein Bühnengewässer, in welchem die Dinge durcheinandergeraten können, wenn man das entlarvende Lesen gegen ein nachdenkliches Lesen eintauscht. Die Frauen an den Treppen. Die Frauen auf den Demos. Die kleine Kellnerin. Die Tochter der Wienerin. Damen und Frauen. Manu. Die Welsche. Nandu. Nora. Die Unbrennbare. Eine schwarz gekleidete Frau. Die Frau in Indigo. Frauen von vor etwa hundertfünfzig Jahren. Frauen beim Stolpern, Stürzen und Sterben. In einer Frauenfelder Inszenierung. Popkonzerte. Illusionen. Bahnhofsvorplätze. Festivals.

Das Bühnenwasser der Murg. Die Brücken und Stege von Frauenfeld. „Viele setzen sich bei der diesjährigen Trockenheit einfach ins Gras, aber wir haben uns vor Kurzem kleine, leichte Klappstühle besorgt, mit denen wir sogar durch die Stadt ziehen und beliebig Pausen einlegen, die zu unserer Langsamkeit passen.“ Die Chance, dass Texte zu großer Literatur werden, ist ihre Nicht-Nacherzählbarkeit. Zsuzsanna Gahse schafft es, uns auf ihre Prosafelder zu entführen, ohne uns daran zu erinnern, dass das Denken auch eine konzentrierte Fortbewegungsart des Sehens sein kann.

Ich musste beim Lesen von Zsuzsannas Buch an ein Gedicht von einem meiner amerikanischen Lieblingsdichter denken, das ich Mitte der neunziger Jahre zufällig beim Durchblättern einiger Ausgaben der Grazer Literaturzeitschrift „Manuskripte“ gefunden hatte: „Kriminalroman“ von Robert Kelly, ein Titel, der in seiner deutlichen Bezeichnung hoffentlich nur liebevolle Genreirritationen ausgelöst hat. Dieses Gedicht hatte von Anfang an kein Entkommen für mich parat, zog mich, von seinem Tempo, von seiner Gelassenheit her, sofort in seinen ambivalenten Kreis, beeindruckte mich vor allem durch die verhaltene Ökonomie im Gebrauch seiner Mittel, ein Gedicht, das klar und stringent war, elliptisch und karg, fast nur aus Hauptwörtern bestehend, wie es vielleicht seinerzeit Gottfried Benn in seiner Rede „ Probleme der Lyrik“ vorgeschwebt sein mag, ein Gedicht, geräumig entschlackt von verbalem Geraune und adjektivistischer Ausgelassenheit, einer der unverbindlichen Arten überzeichneter Wahrnehmungsplusterung.

„…Bei der Klinke. In der Schublade.
Mit einem Taschentuch in der
Hand. In der Hand. Im Zimmer
die Hand. Im Zimmer. Auf dem Vorleger
neben dem Bett. Neben dem Bett. Im
Bett. Chenille. Auf dem Bett. Im Bett.
Im Zimmer im Bett. In dem Zimmer
In dem Bett…“

Zsuzsanna Gahse «Zeilenweise Frauenfeld», Edition Korrespondenzen, 2023, 150 Seiten, CHF ca. 34.90, ISBN 978-3-902951-78-6

Genauso fühle ich mich beim Lesen der grandiosen Bücher von Zsuzsanna Gahse, das Glücksgefühl der Anstrengung bei der Lektüre auf sich zu nehmen, nicht nachzulassen in einer Art von musikalischer Konzentriertheit, den Einzelsätzen zu vertrauen, den sprachlichen Herzstücken der Gedanken niemals die Kondition bei der Durchblutung der poetisch-intuitiven Verästelungen zu versagen, wie es der kubanische Dichter José Lezama Lima einmal formuliert hat. „Nur die Anstrengung kann uns anregen, nur der Widerstand, der uns herausfordert, kann unser Erkenntnisvermögen geschmeidig krümmen, es wecken und in Gang halten.“ 

Verzeih mir, liebe Zsuzsanna, dass ich versucht habe, mich mit fremden Federn deinem neuen Buch zu nähern. Es ist deine Freiheit. Es ist meine Demut und auch ein Scheitern in Liebe.

Die Chance von Texten, große Literatur zu sein, ist ihre Nicht-Nacherzählbarkeit.

Es gibt Störe in der Murg. Wenn man sich Klappstühle ans Wasser stellt, kann man sie zählen, bestaunen und bei austauschbaren Temperaturen auswendig lernen, denn Die alten Jahreszeiten gehören zum Weltkulturerbe. Für diese Sätze liebe ich dich und deine Bücher. 

„Ein Buch soll eine innige Mischung meiner wahren und falschen Erinnerungen sein, meiner Ideen, Hypothesen und imaginären Erfahrungen – all meiner verschiedenen Stimmen, ein Buch, das sich als Ausdruckswille dessen zu erkennen gibt, der da spricht, mit der freiesten Phantasie und mit äußerster Genauigkeit, in Prosa und Vers, beim Erwachen des Denkens zu sich selbst.“ (Paul Valery, Faust III)

Zsuzsanna Gahse, geb. 1946 in Budapest, aufgewachsen in Wien und Kassel, lebte längere Zeit als Schriftstellerin in Stuttgart und Luzern, zurzeit wohnt sie in Müllheim, Schweiz. Zahlreiche Preise und Auszeichnungen, u. a. aspekte-Literaturpreis (1983), Adelbert-von-Chamisso-Preis (2006), Italo-Svevo-­Preis (2017), Werner-Bergengruen-Preis (2017), Schweizer Grand Prix Literatur (2019).

Webseite der Autorin

Illustration © leale.ch / Literaturhaus Thurgau

Thomas Kunst «Irische Traumung. Ein Küstenspiel», Plattform Gegenzauber

I

Geduckter Rauch

Trafen sich ein Mann.
Trafen sich und hatten nur den Namen bei. Ihm Düren.
Trafen sich in dieser hochbegabten Steppe aus kurz
Geschorener Musik. Wie das klingt. Frag Ihm doch.
Ihm seine Augen, ich beginne immer mit den
Augen, wirkten, aber waren braun und
Zerstritten.
Als hätte
Ihm
In einer verschärften Situation
Die Brille zu lange auf –
Behalten. (Siehst du.) Die enge Allee
Durch den stahlblonden Heimat ist eine
Verschorfte Situation. Da passen zwei März Ärzte
Ohne Schwestern nebeneinander. Warum ausgerechnet
Zwei. Das kann ich dir sofort sagen, weil du nur so, schon von
Weitem mit Mitte rechnest. Heimat kannst du schon auswendig
Lernen, sobald sie nur über Wörter verfügt, die
Freiwillig bei dir bleiben. Draußen, aber nicht unbedingt, zerriss der
Schnee. Ich wusste, dass du nur Gas lachst, die blasse Allee in einer
Angenehmenen Stadt, von der links und 
Rechts Flammen ab –
Gehen. Pass doch auf, wo du hin 
Trittst, Kleiner, das
Schöne Feuer.
Zuerst ist es ganz sacht und spielt mit dir Mutter, Vater,
Mitte. Dann ist es ganz Mitte und spielt mit dir Mutter, Vater,
Feuer. Ist die Asche schon fertig. Wie lange braucht
Ihr denn noch. Einsblondundachtzig. Das müsste doch in
Einem Land zu machen sein, auch wenn es
Hier nicht ganz für die sieben Winden reicht, aber vier,
Dürre, flache würden sich schon auf –
Treiben lassen. Einer davon hat Strandgut geatmet, ein wenig
Schaum, ein wenig Flaschen –
Rost. Dieser wäre Ihm sicher der liebste. Ich habe das
Land nicht im Reim erstickt. Dabei ersticke ich
Es gar nicht so gern. Ihm hat es so gewollt.
Trafen sich ein Mann.
Trafen sich und hatten nur den Namen bei. Ihm Düren.
Trafen sich in dieser kurzbegabten Steppe aus hoch –
Geschorener Musik.

 

II

Ihrisches Crescendo

Trafen sich eine Frau.
Trafen sich und hatten nur den Namen bei. Ihr Belwas.
Trafen sich in dieser hochgesteppten Musik aus kurz –
Geschorener Begabung. Ich habe das Land nicht
Im Reim erstickt. Dabei ersticke ich es gar nicht so
Gern. Ihm hat es so gewollt. Ihr hat es so
Gewollt. Schaum, 
Elektrischer Süden rückt von den Rändern nach 
Innen, Lehn –
Sucht bleibt unser Ledergewächs, das Lager
Hinauf, frisch
Gerissene Ängste ändern die Sätze 
Auf, was ist
Schon eher zu Ende (sag an) als kaum zu
Beginnen, Belwas.
Ihr hatte ihr glänzendes Haar, ich beginne immer mit dem
Haar, aus frischen Kastanien gezogen. Weiß lag noch Mehl
Auf dem Nabel. Ihrs Monat war der Oktober, geflochten aus Segel –
Bekleideten Stürmen und den Überresten der Stranddorn –
Kolonnen. Ihrs Heirat war folgerichtig mit dem Tag zusammen –
Gefallen, da sie sich entschlossen hatte, allein zu
Lieben. Doch nun trug sie einmal den Ring. Und das
War schon immer so. Ihr hatte darauf bestanden, 
Ihren Mann nicht weiter zu erwähnen. Ich hatte
Ihrs Schmerzen längst begriffen und willigte ein, natürlich
Auch, um ihr, als Figur weiter folgen zu dürfen, ihr, der von
Vornherein nichts anderes übrigblieb, sie bis ins
Feinste auszukosten, die Technik des Scheiterns,
Belwas, wenn du das durch –
Hältst, finde ich dich zum Kosten. Schmerz gegen
Schmerz ergibt irgendwann weit hinten an der Küste
Einen neutralen Aufprall. In Ihrs Fall war es anders, sie
Konnte nicht schwimmen, und das machte sich
Ihr zunutze. Nach drei Tagen wurde
Ihr, an den Strand geworfen, gefunden. Weiß platzte
Der Schaum auf dem Nabel. 
Trafen sich eine Frau.
Trafen sich und hatten nur den Namen bei. Ihr Belwas.
Trafen sich in dieser hoch –
Begabten Steppe aus kurz –
Geschorener Musik. Frag Ihm doch. Frag
Ihr doch.

 

III

Verwaschene Grafschaft

Traf sich eine Mann und ein Frau.
Traf sich und hatte nur den Namen bei. Ihm Düren. Ihr 
Belwas.
Der golfene Strom hatte seine flache Wärme ins Land
Gespült und das Januarmittel aufgeheizt auf sieben Komma sieben 
Grad, so dass Sich selbst hier, in dieser 
Abgeraschelten, bröckeligen Gegend Palme
Und Rhododendron als zarte Requisiten entfalten konnten, was sich als
Äußerst günstig erwies, denn dieser subtropische Hauch hatte die
Beiden Toten ein wenig grün betastet. Verwesung ist doch auch nichts
Anderes als nachlassende Kondition. Ihm hatte ein aschfahles Gesicht. Ich
Beginne immer mit Asche. Ihrs Körper hatte die ausgeschlafene Form fleisch –
Farbenen Wassers. Ich beginne immer mit Wasser. Nur, dass sie nicht weinte, schien
Ihren Körper noch zusammenzuhalten. Es ist natürlich einfach, zwei
Verendete Körper leger in dieselbe Landschaft zu streuen. Ich hatte ziemlich
Genau darauf geachtet, dass es sich dabei um eine Region
Handelte, so wie die Grafschaft Galway, die ziemlich dünn besiedelt
War, so dass ich einigermaßen sicher sein konnte, nicht in die Lage zu
Geraten, ländliche Bauern und deren Hütten skizzieren zu müssen, sobald
Es Ihm und Ihr darauf anlegten, auf etwas Lebendiges zuzuhalten. Obwohl
Eine schon vor Jahren verlassene Lehmmauer doch auch etwas
Hat. Dass sich Ihm und Ihr vorher noch nie gesehen hatten, blieb erstmal
Ihre einzige Verwandtschaft. Doch was willst du mit zwei Menschen
Anfangen, die frieren, Hunger haben, doch keine Hütte aus ungefähr gleich –
Langem Holz. Hier ist ein Hochlandrind zum Umwickeln. Hier
Sind die Beeren. Hier sind neun besonders eng stehende
Bäume. Bevor ich die Beiden jedoch sich näherkommen
Ließ in der geölten Mechanik der Küste, nahm ich von
Schafen, nahm von den Schultern und Säften, das, was sich eignet zur
Scham. Jetzt bist du dran, Düren. Darf ich Sie zu einem Fell
Einladen. Darf ich Sie zu den Beeren einladen. Darf ich Sie zu den
Neun besonders eng stehenden Bäumen einladen. Am Ende solcher
Sätze, die auch immer in einen Dschungel von nicht –
Gesagten Sätzen münden, die jedoch nie den gemeinsamen
Kern preisgeben, am Ende solcher Sätze entzündete sich immer
Beinahe das schmale Fest des Fleisches. Ein wenig zuckten
Die Lenden auf, in ihrer deutlichen, ledernen
Sprache. Jetzt bist du dran, Belwas. Ihr sagte zwar
Nichts. Ihr berührte zart mit dem Ellenbogen
Ihms Kinn.

 

IV

Tage ja Monatelahm

trug ständig das Meer die gleichen Klänge nach innen, vor
Die Hütte aus ungefähr gleichlangem Holz.
Die neun besonders eng stehenden Bäume hatten Ihm und
Ihr mit Schlamm und Steinwerk höhergezogen, so dass keine
Behaarten Sterne mehr dazwischenfahren konnten, nur die Geräusche
Gestrandeter Seevögel hatten noch gute Aussichten eingelassen zu
Werden. Düren hatte mit Feuer, das Feuer habe ich ihnen zukommen
Lassen, falls es Fragen gibt, Düren hatte mit Feuer einen majestätischen Stamm
Gehöhlt, den er in den frühen Stunden der kaum behinderten Sonne zum
Fischen benutzte, bis das Netz, das Netz habe ich ihnen zukommen lassen, falls 
Es Fragen gibt, bis das Netz gefüllt war mit beweglichem Bronzebesteck. Belwas
Hatte in Ihms Abwesenheit ihr glänzendes Haar zu weichen, fließenden Kastanien
Geflochten, die langsam und feucht auf die Lenden zu –
Strömten. Den ganzen Tag nur die braune See, der Regen roh und in Würfel
Geschnitten. So hielt die Insel ihren genauen
Unterricht ab. Düren, nach vorn, an die Tafel, an welche denn
Sonst. Hat ein Wort wie Heimat, wenn es dich ständig in einer beengenden
Situation betrifft, nicht auch außerhalb solcher Zustände seine
Neutrale Geschlossenheit. Sind nicht die Worte selbst zu 
Einem Täuschungsobjekt einer nicht eingestandenen, einer
Verhinderten Liebe geworden, runtergehandelt zu dem Preis, für etwas
Anderes nur Schmiere zu stehen. Erst wenn die Scham zerrissen,
Zuckend vor unseren Füßen liegt, krümmt sich die Sprache
Zurück in ihren tierisch zarten Zustand, gehört so noch
Enger an die Zähne. Die wesende Geburt des Herbstes, beige faulten
Die Bäume ineinander über, hatte es längst bewiesen, selbst die Liebe war
Nur eine Schlichtungsform der Neugier. Jetzt, nach überstandenen Monaten
Der Ähnlichkeit, hielt ich es für angebracht, ihm und ihr eine gleich –
Mäßige und bedächtige Zerstörung der Insel durch das Wasser vorzu –
Schlagen. Ihms und Ihrs Reaktionen darauf waren diesem
Traurigen Programm angemessen. Belwas löste ihre erstaunlichen Kastanien 
Zu einem allmählichen Wasser. Golf, Rhododendron und eine
Schon vor Jahren verlassene Lehmmauer hatten sich in feinen
Fasern verbunden. Auch wenn es hier nicht ganz
Für die sieben Winde reicht. Aber vier dürre, flache
Würden sich schon auftreiben lassen. Und es kam wie ein trockenes, hoch –
Triftiges Gas, das in den feinen Fasern ein zittriges Sirren
Erzeugte und beim Berühren das Wasser
Verähnelte in eine starre, elektrische
Weide. Tage ja monatelahm trug ständig das Meer die gleichen
Klänge nach Hütte, vor die Holz aus ungefähr gleich –
Langem Innen. Jetzt bist du dran, Ihm. Darf ich Sie zu den nass
Gewordenen Beeren einladen. Darf ich sich zu den neun besonders eng
Unter Wasser stehenden Bäumen einladen. Darf ich dich in das Fell
Tun. Ein wenig zuckten die Lenden auf, in ihrer
Deutlichen, ledernen Sprache. Sehgestöber, Sanddornperlen von der Schnur
Gelassen, Schlamm und Steinwerk in weicher
Veränderung, Geräusche aufgespülter Seevögel, nur, dass 
Sie nicht weinte, schien Ihrs Körper noch zusammenzu –
Halten. Es gelang ihr nicht mehr, ihm zu zeigen, wie sehr
Sich über ihnen die See schloss. Das gefiel ihm an
Ihr. Und ihr machte es Spaß, Ihm nicht zeigen zu
Müssen, wie sehr sich über ihnen die See schloss.
(Dürwas)

(Veröffentlicht in «Die Verteilung des Lächelns bei Gegenwehr» (Gedichte und Texte 1986-1988, Connewitzer Verlagsbuchhandlung, Leipzig))

Thomas Kunst „Zandschower Klinken“, Suhrkamp, 254 Seiten, CHF ca. 32.90, ISBN 978-3-518-42992-1

Thomas Kunst wurde am 09.06.1965 in Stralsund geboren. Nach dem Abitur studierte Thomas Kunst zunächst 3 Monate Pädagogik in Leipzig und ist seit 1987 als Bibliotheksassistent der Deutschen Nationalbibliothek tätig. Er schreibt Gedichte und Romane. Kunst debütierte 1991 bei Reclam Leipzig mit dem Buch »Besorg noch für das Segel die Chaussee. Gedichte und eine Erzählung«. Bislang sind 20 Einzeltiteln veröffentlicht worden. 2021 war er mit seinem Roman «Zandschofer Klinken» auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis. 2023 überreichte man ihm den Kleist-Preis. 2024 wir bei Suhrkamp sein neuer Gedichtband «Wü» erscheinen.

Webseite des Autors

Beitragsbild © Franziska Reck

Thomas Kunst im Literaturhaus Thurgau: „Es war ein Fest bei euch!“

„Um aus Zandschow herauszukommen, bleibt er in Zandschow“, steht im Roman „Zandschower Klinken“ von Thomas Kunst, einem Roman, der auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises für Furore sorgte und selbst auf dieser Liste von gewissen KritikerInnen nicht ernst genommen werden wollte.

Man kann diesen Satz vielfältig verstehen. Vielleicht auch in den verschiedensten Lesarten eines Buches, in den vielfältigen Möglichkeiten mit Sprache Leben zu gestalten. Wer nur das eine sieht, wem von vorneweg klar ist, wie Literatur sein muss, wer sich in fixen Kategorien bewegt, wer eine Geschichte erzählt haben will mit klarem Schnittmuster und einem kunstvollen Plott, der ist mit Thomas Kunsts Prosa schlecht bedient. Da schreibt einer fernab von allen Paradigmen, denen sich der Literaturbetrieb im Gravitationsfeld der verschiedensten Interessen angepasst hat.

Thomas Kunst macht in einem Interview sehr deutlich, was er mit seinem Schreiben will und nicht will: „Mich interessiert keine Linarität, keine Nacherzählbarkeit. Mein Erzählen ist ein chaotischer Klumpen aus Einzeleinfällen, die ich irgendwie zusammenfüge.“ Was aus diesem angekündigten Chaos entsteht, ist aber alles andere als ein wirrer Haufen Sätze. Thomas Kunst lässt sich treiben, sowohl im Geschehen, wie in seiner Sprache. Sein Roman mäandert zwischen den verschiedensten Erzählweisen; manchmal wie ein Bericht, ein Brief, ein Gebet, ein Gedicht, eine Stimmung. Er mäandert auch in seinen Perspektiven, mal ganz nahe, mal von weit weg. Thomas Kunst liebt seine Figuren, die Gegend, die Sonderlinge, die Gestrandeten, die Erfolglosen, Gescheiterten, Aufrechtgebiebenen. Thomas Kunst erklärt nicht die Welt, schon gar nicht das idealisierte, verklärte Landleben, das in Magazinen bis zur Unkenntlichkeit entfremdet wird.

„Zu Beginn eines jeden Buches ist Wut und Zorn“, erklärt Thomas Kunst an der Lesung im Literaturhaus Thurgau. Eine Energie, eine Kraft, die der Autor in ausufernde Kreativität verwandeln kann. Das verlangt von mir als Leser einiges ab. „Ich habe grosse Lust, LeserInnen zur Weissglut zu bringen“, sagt Thomas Kunst in einem Interview. Seine Sprachkunst flötet nicht mit leisen Tönen, will mich nicht verzücken, schmeichelt mir nicht, schon gar nicht meinen eintrainierten Lesegewohnheiten, obwohl Thomas Kunsts Roman durchaus moralische Kraft hat, wenn er sich selbst ganz dezidiert als „politischer Autor“ bezeichnet. In “Zandschower Klinken“ steckt viel Kritik, viel Gesellschaftskritik, auch viel DDR, ohne dass der Roman ein Wenderoman oder ein DDR-Roman wäre. „Zandschower Klinken“ ist vielleicht eine Art Gegenentwurf zu all den „Dorfromanen“, die in der aktuellen Literaturszene Hochkonjunktur haben.

„Zandschower Klinken“ strotzt vor Potenz. Wer sich auf Kunst einlässt, wird belohnt, auch wenn einem der Autor nicht brav an der Hand nimmt.

Rezension von «Zandschower Klinken» auf literaturblatt.ch

Beitragsbilder © Sandra Kottonau / Literaturhaus Thurgau

Thomas Kunst „Zandschower Klinken“, Suhrkamp

Thomas Kunst ist ein Meister der skurrilen Poesie. Dass es sein neuster Roman „Zandschower Klinken“ in die Shortlist des Deutschen Buchpreises schaffte, ehrt das Buch, den Schriftsteller, aber auch die Jury des Buchpreises, die ein Buch ins Scheinwerferlicht stellen wollte, das in vielem gängigen Mustern widerspricht. „Zandschower Klinken“ ist ganz und gar Kunst-Werk!

Das Wort „Klinke“ müsste man vielen in der Schweiz erklären. Das helvetische Pendant „Türfalle“ würde wohl nicht klingen wie Klinke, ergäbe aber in der Geschichte durchaus Sinn. Zandschow gibt es nicht, genauso wie seinen Nachbarort Höverlake. Aber Zandschov muss irgendwo in der flachen Pampas Norddeutschlands liegen. Ein Kaff, ein paar Häuser und ein Feuerwehrteich mit einer Schenke am Ufer und einer kleinen Insel mitten im kleinen Wasser.

„Im glücklichsten Fall hast du Eltern und Geschwister, die du liebst. Im unglücklichsten Fall hast du Eltern und Geschwister, kurz vor deinem Tod, die dir egal sind.“

Thomas Kunst «Zandschower Klinken», Suhrkamp, 254 Seiten, CHF 32.90, ISBN 978-3-518-42992-1

Bengt Claasen ist mit seinem Auto aus seinem alten Leben weggefahren, mit der Absicht, nicht zurückzukehren und dort zu bleiben, wo das Hundehalsband, das er auf das Armaturenbrett unter der Frontscheibe gelegt hat, runterrutscht. Folglich fährt Claasen langsam, langsam und sehr lange. Ungeachtet dessen, dass sich andere Autos hinter dem seinigen stauen und hupen. Bis das Hundehalsband wirklich rutscht und er seinen Wagen an den Strassenrand stellt, nicht weit von Zandschow, dem kleinen Ort im Nirgendwo. Kulturelles und gesellschaftliches Zentrum dort ist die Schenke am Feuerlöschteich; „Getränke-Wolf“. Dort gibt es alles, was es zum Existieren braucht. Und wenn nicht, dann hilft Getränke Wolf auch mal bei den Etiketten nach, um die Bedürfnisse seiner Gäste zu stillen. Zandschow folgt einem strikten Wochenplan. Am Montag übt man im ausrangierten Bauwagen das U-Bahn-Fahren, dienstags die Handhabung eines wiederbelebten Geldautomaten zwischen den Bäumen am Feuerlöschteich. Mittwochs dann die Europakonferenz mit Diskussionen über soziale Gerechtigkeit, Altersdemut und Selbstverteidigung. Am Donnerstag werden Plastikschwäne ausgesetzt, an den Freitagen soll jeder im Ort demonstrieren, wie der Weltuntergang manipulativ aufzuhalten sei und die Wochenenden sind zur Naherholung an der Küste. Der Teich ist Zandschows Indischer Ozean und Getränke Wolfs Sansibar. Im hintern Teil des Ladens steht eine Sonnenbank mit Lichtanimationen im Innenraum. Auch Wolf ist einer, der hätte gehen können, aber geblieben ist. Und wenn man nicht in die Welt draussen zieht, dann holt man die Welt zu sich, Sansibar an den Feuerlöschteich, feiert jedes Jahr das Darajani-Fest mit Hängematten und Freibier.

„Wolf besass alles, um aus Zandschow herauszukommen. Um aus Zandschow herauszukommen, blieb er in Zandschow.“

Claasen ist nicht der einzig Gestrandete in Zandschow. Da gibt es auch noch den Kleinen Grabosch, der vor Jahren mit einem Handwagen, allerlei Zeugs und einem übergrossen Kronleuchter in Zandschow ankam. Grabosch auf der Suche nach einem Ort, einer Decke, einem Raum für seine Leuchte.

Zandschow ist ernstzunehmen. Zandschow ist der Gegenentwurf zur Rationalität. Claasen hat sein Leben zurückgelassen. Zum Wenigen, das er mitnahm, gehört das Hundehalsband ohne Hund und seine Erinnerungen. Erinnerungen an seine Familie, einen fehlenden Vater, eine strenge Mutter und sein Reh, seine Schwester.

Es geht nicht darum, die Geschichte zu verstehen. So wenig, wie es dem Autor darum geht, eine Geschichte zu erzählen. „Zandschower Klinken“ ist eine literarische Symphonie mit Themen, die immer wieder auftauchen, Wiederholungen, Verdopplungen. Man spürt die Musikalität des Textes. Zugegeben, die Komposition ist eigenwillig und, zumindest für mich, nicht immer nachvollziehbar. Aber eben genauso wie das Leben selbst, dass nie einem Plan folgt, das eigenwillig bleibt, voller Wiederholungen und Zusammenhängen, die sich nie erschliessen. Thomas Kunst Roman hat etwas Fellinisches, einen ganz eigenen Zauber.

Thomas Kunst, geb. 1965, studierte zunächst Pädagogik. Er schreibt Lyrik und Prosa und befasst sich mit musikalischer Improvisation (Gitarre und Violine). Kunst debütierte 1991 bei Reclam Leipzig mit dem Buch «Besorg noch für das Segel die Chaussee. Gedichte und eine Erzählung». Seitdem sind seine Texte in 16 Einzeltiteln sowie in Anthologien, Literaturzeitschriften und im Internet veröffentlicht worden. Thomas Kunst ist Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland, lebt und arbeitet in Cuba.

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Illustration © leafrei.com / Literaturhaus Thurgau

Literaturhaus Thurgau: Das Programm Januar – Mai 2022 steht!

Mit grosser Vorfreude präsentiere ich das neue Programm von Januar bis Mai 2022 im Literaturhaus Thurgau. Klar bleibt ein Vorbehalt, die leise Angst, dass uns wie im ersten Quartal 2021 ein Strich durch die Rechnung gemacht werden könnte. Aber wäre die Zuversicht nicht da, dann würden sich all die ProgrammmacherInnen nicht die Mühe machen, der Kultur einen Bühne zu bieten.

Das neue Programm bietet viel: Prosa und Lyrik, Musik und Installation, Ausstellung und Diskurs! Bleiben Sie uns auch in schwierigen Zeiten treu, treu dem schmucken Haus am Seerhein aber auch all den Kunstschaffenden, denen Orte wie das Literaturhaus Thurgau Lebensader ist!

Sämtliche Illustrationen © leafrei.com / Literaturhaus Thurgau

4. Lyrikfestival Neonfische 7./8. März in Lenzburg

Sie stehen an einem Morgen auf, schauen zum Himmel und haben das Gefühl, dass das Blau über ihnen blauer als sonst ist? Kennen sie das? Sie sitzen in einer romanischen Kirche und die Stille umfängt sie wie sonst nirgends mehr? Schon erlebt? Lesen sie die neuen Gedichte von Albert Ostermaier aus dem Band „Über die Lippen“ und aus Sprache wird eine grosse Gebärde der Liebe.

Selten passiert, was bei der Lektüre dieses Buches passierte. Ich zog den Band aus dem Regal mit jenen Büchern, die auf mich warten, an einem Morgen, ganz früh. Ich dachte mir, es müsse ein Morgen sein, meine Wahrnehmung ganz unverbraucht, mein Geist wach, alles in mir auf Empfang.

Ich setzte mich in den Sessel vor dem grossen Fenster mit Blick in den Garten. Und während es draussen langsam dämmerte, dämmerte mir, was für ein aussergewöhnliches Buch ich in Händen hielt.

schreiben
es ist da wo du nicht bist du
bist ein gedicht ich schriebe
dich fort du bist nicht
das papier wert auf dem es
gedruckt steht sondern mehr
das überschriebene du liebst
aber ich schreibe du liebst
und unterschreibe mein urteil
ich bin hier in meiner sprache
und du aus ihr und nicht mehr
hier aus fleisch und blut und
machst einen satz den ich nicht
einholen kann auf den zeilen
selbst wenn ich springe

„Über die Lippen“ sind fast hundert Gedichte, im Buch nach dem ersten Buchstaben der Titel geordnet. Ein Alphabet der Liebe. Ein Rundumschwenk durch alle Facetten dieser einen, grossen, vielleicht grössten Kraft. Allein die 80 Titel lesen sich wie eine Gedicht: … verbergen, vereinigung, verhalten, vermisst, verrückt, verstehen, wahrheit, warum, weinen…

Albert Ostermeier spricht zu mir, ganz unmittelbar, zieht mich hinein, lässt mich nicht los.
An diesem Morgen wuchs mir ein Buch regelrecht ans Herz, wurde zur Reliquie einer Begegnung der besonderen Art. Ich werde das Buch lange nicht weglegen können. Und selbst, wenn es einmal liegen gelassen wird, werde ich den Klang, all jene Gefühle, die es an diesem Morgen extrahierte, weitertragen.

entwertung
ich liebe nur die liebe du
bist nichts wert ausser ihr
ich werfe mich in deine
arme my love aber werfen dich
weg ich habe dich über
alles in der Welt und keine
mit dir als meine du ziehst
mich aus ich zieh dich an
du bist reizlos das reizt mich
alles von dir zu verlangen
bis nichts mehr bleibt als
mein verlangen und du
übrig bleibt dir nur mir den
letzten stich zu versetzen
mich mit mir selbst zu
verletzen mir die lippen
mit deinen zu netzen mir
den punkt den stein im herz
zu wetzen bis er wieder funkt

Liebesgedichte, die nichts verklären, die alles sagen, selbst im grössten Schmerz, unsäglicher Erkenntnis, grösstmöglicher Nähe und klaffender Entfernung. Albert Ostermaiers Gedichte sind Beschwörungen, Texttänze um ein Gegenüber, einmal nah und einmal schmerzend fern. Seine Gedichte tragen Hysterie und Trance, Verzauberung und Entzauberung, Wut und Enttäuschung, nicht zuletzt über sich selbst. Gedichte, weit weg von jeder Sentimentalität. Geschrieben in einer Sprache, die unmittelbar anschlägt, mitten hineingreift, genau den Punkt trifft.

Albert Ostermaier umarmt mich mit Sprache, setzt mich in seinen lyrischen Szenen direkt ins Leben, ins Lieben hinein. Er schweift nicht aus, mäandert nicht. Er flüstert, fragt, schreit und hadert. Und Albert Ostermaier liest in der Schweiz!

Am Wochenende vom 7. und 8. März treffen sich im Aargauer Literaturhaus Lenzburg grosse Namen wie Esther Kinsky oder Albert Ostermaier mit NewcomerInnen wie der Bündnern Flurina Badel und der eben mit dem Basler Lyrikpreis ausgezeichneten Eva Maria Leuenberger. Das Herz des Festivals sind traditionsgemäss Werkstattgespräche von jeweils drei Lyrikerinnen. AutorInnen stellen dabei dem Publikum nicht nur Texte aus ihrem Werk vor, sondern befragen sich gegenseitig über ihre Texte und beleuchten an ausgewählten Beispielen die kreativen Entstehungsprozesse.

PDF Programmheft Neonfische

Webseite Aargauer Literaturhaus Lenzburg