«Da hinauf!» Marianne Künzle ist oben!

Marianne Künzle las im Literaturhaus Thurgau aus ihrem neuen Roman «Da hinauf», einem feinen, atmosphärisch starken Stück Literatur.

Ich lernte Marianne Künzle vor einigen Jahren bei meinen regelmässigen Besuchen am Literaturfestival in Leukerbad in den Walliser Alpen kennen. Man trifft dort immer wieder die gleichen Gesichter, beginnt ein Gespräch, und weil man sich im kommenden Sommer wieder trifft, legt sich jedes Jahr wie ein weiterer Ring um etwas, was zu einer Freundschaft wird. Damals hatte Marianne Künzle noch kein Buch und ich noch keine einige Rezension für meine Literaturwebseite geschrieben. Greenhorns.

Marianne Künzle war Buchhändlerin, Koordinatorin bei Greenpeace, engagierte sich im ökologischen Landbau und in der Flüchtlingshilfe und lebt seit ein paar Jahren als geborene Bernerin im Wallis, in einem Haus, das mit jedem Kubikzentimeter ihrer Weltanschauung entspricht. Nach einem ersten Roman über den Kräuterpfarrer Künzle, der trotz gleichem Familiennamen nicht mit ihr verwandt ist, liegt nun ihr zweiter Roman vor. Die Geschichte zweier Frauen aus zwei verschiedenen Leben, zwei verschiedenen Zeiten, deren Spuren sich am Fusse eines Gletschers kreuzen.

Wer den Klappentext des Romas liest, die Ankündigungen des Verlags, denkt unweigerlich an die Dramatik eines Moments, wenn man vor den Überresten einer Gletscherleiche steht, wenn einem Bilder von Ötzi oder ähnlichen Sensationsgeschichten in den Sinn kommen. Marianne Künzles Roman lebt aber nicht von dieser Dramatik, auch wenn es in den letzten Seiten ihres Romans noch dramatisch wird. Es ist die stille Dramatik zweier Frauenwelten, eine aus der Gegenwart, eine aus den 50ern, wörtlich eingebettet ins Eis eines Gletschers. Es sind drei ProtagonistInnen; zwei Frauen aus unterschiedlichen Zeiten und die Natur, der Gletscher, die kargen Hänge, der Fels, das Wasser, der Wind.

Marianne Künzle ist mit den Geschichten, die die beiden Frauen mit sich tragen tragen, sparsam. Ihr Roman ist derart verdichtet, eingekocht, dass es mich als Leser erstaunt, wie viel Form die beiden Frauen erhalten. Marianne Künzle geht es nicht um die Sensation einer spektakulären Begegnung, sondern um die fluide Atmosphäre in einer Kulisse, die mir bewusst macht, dass ich bloss Besucher bin, dass Natur atmet, ein grosses Ganzes ist, ein Ganzes, das ächzt unter der Last ihrer Bewohner.
«Mich treibt seit langem die Frage um, was unserem (westlichen, kapitalistisch geprägten) Menschsein eigentlich fehlt und uns davon abhält, wirklich zu handeln. Wir befinden uns mitten im Klimawandel und wir tun – praktisch nichts. Menschheitsgeschichtlich gesehen stehen grösste Umwälzungen an, wenn wir wollen, dass kommende Generationen eine würdige Zukunft haben. Ich vermute, die fatale Lethargie, die uns beherrscht, hat mit unserer Haltung unserer inneren und äusseren Natur gegenüber zu tun. Ich wage die These aufzustellen: wer keinen Zugang zu seinem Selbst hat, kann auch schwerlich eine Verbindung zur Natur und zur nicht-menschlichen Welt aufbauen und bleibt paralysiert, noch schlimmer, sieht sich nicht in der Verantwortung. Diese konträren Charakterzüge zu ergründen, auch besser zu verstehen, hat mich interessiert. Daraus sind Irma und Annina sind entstanden.» 

Ganz dezent beschäftigst sich Marianne Künzle in ihrem Roman auch mit dem Frauenbild aus zwei verschiedenen Zeiten. Es geht um Emanzipation, Unabhängigkeit und Rollenhaftung. Und trotzdem sind all diese Themen nur ganz sanft angesprochen. Ebenso dezent geht es um den Gletscher selbst, Fragen der Klimaveränderungen, um unser ökologisches Bewusstsein.
«Zu plakative Geschichten, zu klischeehafte Charakteren sprechen mich weniger an. Mich interessiert das Dazwischen. Die Realität ist nie schwarz-weiss. Gelesenes klingt zumindest bei mir länger nach, wenn es mich anregt zum Nachdenken, wenn Raum für eigene Gedanken und für das Abrufen von persönlich Erlebtem Platz hat. Vermutlich ist es das, was sich auch im Schreiben niederschlägt?»

Marianne Künzles Lesung, unterstützt durch eine Tonspur, die mich wie Filmmusik tief ins Geschehen eintauchen liess, war ein Fest für die Sinne!

«Welch wunderbare Tage im Literaturhaus in Gottlieben! Eintauchen ins Buchstabenmeer und Gedankengänge an den Gestaden des Bodensees, sich besingen lassen von Kuckuck, Nachtigall, Pirol. Zum krönenden Abschluss Lesen vor tollem Publikum im Dachstock mit knarrenden Böden, Donnergrollen inklusive:-)» Marianne Künzle

Rezension «Da hinauf» auf literaturblatt.ch

Marianne Künzle «Da hinauf», Nagel & Kimche

Zwei Frauen auf dem Gletscher. Die eine damals, als sich der weisse Koloss noch wuchtig ins Tal ergoss. Die andere heute, wo sich der Mächtige mehr und und mehr zurückzieht, sich in Wasser verwandelt, zu einem kümmerlichen Rest zu werden droht. Und weil die eine durch einen Fehltritt im Eis liegen und für Jahrzehnte eingeschlossen bleibt, kreuzen sich die Weg der beiden Frauen in Spalten an der Gletscherzunge.

Gletscher sind gefrorene Geschichte, eine Art Fingerabdruck der Zeit. So wie sich über Jahrhunderte Schicht um Schicht der Gletscher vergrösserte, so schmilzt er heute weg, gibt preis, was über Jahrzehnte, Jahrhunderte oder gar Jahrtausende verborgen blieb. Bekanntestes Beispiel dafür ist Ötzi, eine „Gletschermumie“, die man 1991 im Südtirol fand, 5000 Jahre nach einer Nacht, die der einsame Wanderer nicht überleben sollte. Künftig wird es immer wieder vorkommen, dass das sich zurückziehende Eis, der schmelzende Permafrost Geschichten freilegen wird.

Annina ist eine junge Journalistin, noch frisch auf der Redaktion, aufgeregt auf ihr erstes grosses Interview, das nach der sonntäglichen Wanderung über den Gletscher stattfinden soll. Eigentlich war es Absicht gewesen, zusammen mit ihrer Freundin Melli die Gletscherwanderung in Angriff zu nehmen. Aber Melli musste krank zurückbleiben. Statt mit der sprudelnden Freundin in die Höhe zu steigen, wird die Wanderung nicht nur eine Wanderung in die Stille der Berge, sondern ein Einstieg in die Stimmen in ihr selbst, eine Welt, die so ganz anders ist, als jene, die sie im Tal zurückgelassen hat. Eine Wanderung zu einem Gletscher, der sich hörbar bemerkbar macht, in dem es kracht und donnert, als wäre es ein grosses Ächzen in seinem langen Sterben.

Marianne Künzle «Da hinauf», Nagel & Kimche, 2022, 112 Seiten, CHF 27.90, ISBN 978-3-7556-0012-1

Irma ist Jahrzehnte zuvor auf einer ganz ähnlichen Tour, sie in den Fünfzigerjahren allein unterwegs. Einem Abgrund entflohen, junge Witwe, allein am Berg, allein mit sich selbst, den Alltag hinter sich lassend.
Damals war der Gletscher ein ganz anderer, ein monströses Urgetüm, über Jahrhunderte fliessendes Eis. Irma und Annina, zwei Frauen in ganz unterschiedlichen Zeiten, an den Rändern eines Gletschers, der wie kaum ein anderes Naturphänomen zeigt, wie sehr sich die Zeit, die Fliessrichtung ändert. Was damals noch wuchs, zieht sich heute zurück. Damals ein wuchtiges Weiss, heute ein schmutzig graues Überbleibsel dessen, was es einmal war. Zwar wandern die beiden Frauen an den gleichen Bergflanken, aber was sie hinter sich liessen, unterscheidet sich ebenso diametral wie das, das sich vor ihren Augen an diesem Berg abspielt.

Marianne Künzle erzählt ganz dezent, macht sprachlich sichtbar, was der Berg verursachen kann; jene schlichte Klarheit. Marianne Künzle hätte die Geschichte dieser beiden Frauen aufblasen, jenen Fehltritt der einen dramatisieren, den Moment der Begegnung, Jahrzehnte nach dem Unfall theatralisch inszenieren können. Tat sie aber nicht. „Da hinauf“ ist der Blickwinkel zweier Frauen, die für ein paar Stunden aus ihrem Leben auftauchen wollen, die in den Bergen, an den Rändern des Gletschers die Nähe zu sich selbst suchen. Die Dramaturgie des Romans ist eine ruhige, als wäre ich als Leser der einzige Zeuge. 

Als mir die Autorin vor Monaten bei einem Spaziergang in den Walliser Bergen von ihrem Manuskript erzählte, dachte ich, sie würde die Gletscherleiche erzählen lassen. Aber die eigentliche Begegnung der beiden Frauen aus unterschiedlichen Zeiten und Leben findet erst auf den letzten Seiten des Romans statt. Was den Roman zu einem grossen Lesegenuss macht, ist nicht das Drama am Eis, sondern die Stimmungen an diesem Berg, die Farben, die Spuren, das Licht, der Wind. Marianne Künzles Roman ist eine Ode an die Natur. Wie ein zärtliches Streicheln über Bergflanken, die unter den Klimaveränderungen ächzen. Die Autorin erzählt in zwei Strängen, zieht die Windungen immer enger, bis zu jenem Moment, wo klar wird, dass dort kein Holz im Eis liegt, sondern die Überreste einer Frau.

„Da hinauf“ ist gekonnt erzählt, eingetaucht in grosse Klarheit!

Marianne Künzle ist 1973 in Bern geboren. Sie ist in Schönbühl aufgewachsen, zwischen modernen Wohnblöcken und Waldrand, Intensiv-Landwirtschaft und letzten Froschhabitaten. Sie hat eine Ausbildung zur Buchhändlerin gemacht und koordinierte viele Jahre Greenpeace-Kampagnen für eine ökologische Landwirtschaft. 2019 hat sie den 2. Oberwalliser Literaturpreis erhalten (für «Living Planet«). Sie lebt im Wallis.

Webseite der Autorin

Literaturhaus Thurgau: Das Programm Januar – Mai 2022 steht!

Mit grosser Vorfreude präsentiere ich das neue Programm von Januar bis Mai 2022 im Literaturhaus Thurgau. Klar bleibt ein Vorbehalt, die leise Angst, dass uns wie im ersten Quartal 2021 ein Strich durch die Rechnung gemacht werden könnte. Aber wäre die Zuversicht nicht da, dann würden sich all die ProgrammmacherInnen nicht die Mühe machen, der Kultur einen Bühne zu bieten.

Das neue Programm bietet viel: Prosa und Lyrik, Musik und Installation, Ausstellung und Diskurs! Bleiben Sie uns auch in schwierigen Zeiten treu, treu dem schmucken Haus am Seerhein aber auch all den Kunstschaffenden, denen Orte wie das Literaturhaus Thurgau Lebensader ist!

Sämtliche Illustrationen © leafrei.com / Literaturhaus Thurgau

Marianne Künzle «Living Planet», Plattform Gegenzauber

Noch ist Gate A84 unbesetzt. An den Säulen bei den Durchgangsschranken zum Fingerdock rot leuchtende Querbalken: kein Zutritt. Da ist niemand an den Bildschirmen hinter dem Desk. Die Anzeigetafeln schwarz.

Im Wartebereich olivgrüne Kunststoffsitze, mit Stangen verbunden, dazwischen grosszügige Ablagefläche für Handgepäck. Ein Mann liegt auf der Seite mit angewinkelten Beinen, die Arme verschränkt. Sein Gesicht verdeckt eine weisse Kapuze. Eine Frau mit Kopfhörern. Ihr Gesicht ist ausdruckslos. An der braunen Wand eine Werbefläche, eingeblendet ein Gemälde. Junge im Harlekinkostüm. Mann mit schmalen Lippen, zurückversetztem Kinn, Augen bloss angedeutet. «Picassos blaue und rosa Periode in der Fondation Beyeler. Das Kulturhighlight 2019.» Auf den Bodenplatten fahles Morgenlicht. Weit hinten im Terminal wird an einer Bar mit Geschirr hantiert. Tassen, die ausgeräumt, Unterteller, die bereit gestellt, Kaffeelöffel, die verteilt werden.   

Eine Flughafenangestellte schiebt einen Putzwagen vor sich her. Sie trägt ein graues Poloshirt, «Zürich Flughafen». Am Putzwagen hängt Toilettenpapier. In der Nähe des Desks passiert sie eine transparente Erdkugel auf einem schlanken, hüfthohen Sockel. Sie schlurft zu ihr zurück. Mit einem Lappen wischt sie über das Plexiglas, über den Einwurfschlitz und die sich gelb abhebenden Kontinente. Im Innern des Planeten befindet sich Geld. Es bedeckt den Südpol. Viele bronzefarbene Münzen, wenige speckige Banknoten. Allerlei Währungen. Restgeld, das nicht gewechselt werden kann. Die Erdkugel schmückt ein Banner aus Kunststoff: «For a Living Planet». Ein Pandabär flankiert die Werbung für eine Umweltorganisation.

Fünf junge Männer. Farbige Turnschuhe, schwarze Jeans und Kapuzenpullis. Ihre Rollkoffer glänzen. Sie lachen laut und heiser. Zum Überbrücken der Wartezeit besuchen sie den Duty-Free-Kiosk in der Nähe des Gates. Ein Paar setzt sich in den Wartebereich. Sie blättert schon bald in einer Zeitschrift, er scrollt auf dem Smartphone. Weitere Passagiere tauchen auf. Ein älterer Herr. Ein Rentnerpaar. Zwei Frauen mit prallvollen Rucksäcken, sie halten sich an der Hand. Zwillingsschwestern im gleichen Sommermantel, einmal olivgrün, einmal hellblau. Es gibt noch keine Angaben zum Flug, sie setzen sich dennoch. Andere warten ja auch und Gate A84 ist auf der Boarding Card vermerkt. Sie richten sich ein. Verschränken Arme, schlagen Beine übereinander. Lächeln sich kurz zu. Schauen sich um. Gleichgültig. Verstohlen.

Ein kleines Mädchen rennt zur Fensterfront. Es legt seine blassen Hände an die getönte Scheibe und drückt die Schnauze seines Stofftigers ans Glas. Die Mutter geht neben ihm in die Knie und zeigt auf den angedockten Jet. Das Flugzeug leuchtet vom Cockpit bis hinter die Kabinentür in knalligem Rot. Im Rot eine überdimensionierte, sternförmige Blüte. Ein Edelweiss, dessen ungleich lange Blätter sich nach allen Himmelsrichtungen recken. Das Fingerdock, verhakt im Flughafengebäude, die hohle Öffnung wie ein Mund über die Kabinentür gestülpt. Raupenartig, faltig.

Die Mutter nimmt das Mädchen an der Hand. Am Desk stellt es sich auf die Zehenspitzen. Bei den Durchgangsschranken berührt es die rot leuchtenden Querbalken. Es will zur Erdkugel. Die Mutter lässt es gehen.

Es nähert sich ihr langsam, umrundete sie und betrachtet die schlangenförmigen Linien, Einbuchtungen, die Zacken, die Konturen der gelben Kontinente, das Geld in der Kugel, ein Schatz. Ein Berg von einem Schatz, der weiterwächst, wenn man durch den Einwurfschlitz ein Geldstück schiebt und es fallen lässt. Der Vater, nun bei ihm, kramt in der Hosentasche. Zählt Fünfrappenstücke in seine offene Hand. «Mit dir», sagt das Mädchen und blickt ihn aus dunklen Augen an. Er hält es hoch. Es langt zum Einwurfschlitz. Die erste Münze fällt. Ein metallenes Klimpern. Vorsichtig schiebt es die anderen hinterher.

Sie gehen zum Wartebereich. Das Mädchen betrachtet die Menschen. «Wo fliegst du hin?», fragt es die Frau mit den Kopfhörern. Es wiederholt die Frage. «Auf die gleiche Insel wie du», sagt diese. Das Mädchen sucht die Eltern.

Über dem Desk von Gate A84 wird die Anzeigetafeln eingeschaltet. Auf der einen steht: «Fuerteventura WK212/Edelweiss Airline, 10:50, Gate A84, 21 Grad». Auf der anderen: «Einsteigezeit 10:05» und «Self Boarding/Automatisches Einsteigen, bitte Barcode auflegen». Nun werden Boarding Cards in Handtaschen gesucht, Blicke auf Uhren geworfen, Haarsträhnen in Form gebracht, auf die Anzeige hingewiesen, auf die Temperatur am Reiseziel. Es wird abgewogen, ob der Gang zur Toilette noch drin liegt. Das Warten wird konkret. Es verbindet alle für einen kurzen Moment. Niemand will nach Philadelphia oder Warschau. Niemand am Abend zurück nach Hause. Alle haben das gleiche Ziel. Es gibt so lange keine Diskretion, bis sie sich in der Flugzeugkabine installiert, sich wieder ihren Gedanken und ihren push-Nachrichten zugewandt haben und ihre Privatsphäre sie wieder stumm umgibt.

Aus dem Fingerdock taucht Bodenpersonal auf. Über der Uniform tragen sie gelbe Leuchtwesten. Sie lösen die Kordel, die zwischen Terminal und Fingerdock eine Schranke markiert. Am Desk überprüfen sie die Funktionsfähigkeit der Bildschirme, eine Passagierliste. Die wenigen Handgriffe bewirken, dass sich die Menschen erheben, ihr Handgepäck fassen und sich zum Desk begeben. Es bildet sich eine Schlange. Es wird geredet, die Stimmung ist spürbar aufgeräumter. «Die lassen uns allein», wird gefrotzelt, als das Personal die Kordel wieder einhängt und im Fingerdock verschwindet, das Check-in erneut leer bleibt. Ein Gong ertönt. Eine weiche Männerstimme. Der Flug nach Riga wird ausgerufen.

Das Mädchen lässt den Stofftiger teilhaben am kurzen Gespräch der Eltern mit dem älteren Herrn, der zur Anzeigetafel zeigt. Er macht darauf aufmerksam, dass die Inseltemperatur nun 22 Grad beträgt, prächtige Urlaubsaussichten. Die Eltern pflichten ihm bei und das tut auch der Tiger, er wackelt mit dem Kopf. Die Mutter streicht dem Mädchen über das Haar. Es dreht sich brüsk ab. Rennt zur Erdkugel. Drückt des Tigers Nase ans Plexiglas und seine Pfoten an die Arabische Halbinsel. Verlässt ihn die Kraft und baumelt er vor dem Planeten in der Luft, weil das Mädchen Blickkontakt zu den Eltern sucht, verleiht es ihm umgehend neue Tigerkräfte, presst die Nase nun aber wirklich fest an die Erde. Der Stofftiger kann nicht anders, als sie zu riechen, die Welt, und seine Knopfaugen schauen durch das Glas ins Erdinnere, das hohl ist, abgesehen vom geldbedeckten Boden. Seine Augen blicken durch die Erde hindurch, der Tigerblick durchbohrt ein gelb schimmerndes Nordamerika und verliert sich in den verschwommenen Menschensilhouetten, die hinter der Erdkugel vor dem Desk am Gate Schlange stehen. Das Mädchen küsst den Tiger auf den Kopf.

Zwei Angestellte in Uniform steuern auf Gate A84 zu. Die Absätze ihrer Schuhe klacken und übertönen Gesprächsfetzen und das Geratter von Gepäckwagen, die ineinandergeschoben werden. Hinter dem Check-in-Schalter richten sie sich ein. Sie unterhalten sich. Gehen Papiere durch. Fahren die Computer hoch. Eine löst die Kordel beim Fingerdock. Die Querbalken an den Säulen wechseln auf Grün, ein Punkt, der hin und her springt. Der Durchgang zum Fingerdock und zum Jet ist freigegeben. Die andere greift nach einem Mikrofon, ihr Blick streift die Wartenden. Sie liest: «Flug WK212/Edelweiss nach Fuerteventura um 10:50, Gate A84. Das Boarding ist eröffnet.»

Mit einer Begrüssung und einem Lächeln wird die Boarding Card des ersten Fluggastes geprüft. Ein Mittdreissiger, Jeans, Sakko, frische Rasur, mit abgenutztem Rollköfferchen. Er nickt wortlos und verschwindet im Fingerdock, als gehörte er nicht zu denen, die auf den gleichen Flug wollen. Eine Frau zieht den Barcode über den Scanner an der Durchgangsschranke und trägt ihre Ledertasche und eine Prise Selbstverliebtheit auf hohen Absätzen zum Flugzeug. Die jungen Männer sind an der Reihe. Eine Mütze ist im Duty-Free liegen geblieben, sie diskutieren, warten oder einsteigen. Absolut desolat, grinsen sie, der Herr Kollege ohne Mütze. Sie scheren aus der Schlange aus, machen den Eltern des Mädchens Platz. Diese wiederum lassen die Zwillingsschwestern vor, der Vater ruft seine kleine Tochter vergeblich.

Das Mädchen, das Stofftier und die Erdkugel. Es steht vor der Erde. Es und der Tiger spiegeln sich im Plexiglas. Sein verzogenes Gesicht, Mund, Nase, die braunen Augen, krauses Haar. Es weiss, dass die Eltern nahe sind und doch auf Distanz und die Erde ist zu schön, um sie zurück zu lassen. Es umklammert den Tiger, sieht, wie die Mutter den Rucksack schultert und auf es zukommt. Sie redet auf das Kind ein, es lehnt seine Stirn an die Kugel, an Queensland. Sein Schopf reicht bis zum Äquator. Die Mutter hebt das Mädchen hoch, was es geschehen lässt, es hat damit gerechnet, es gibt kein Entrinnen. Dann lacht es und in dem Moment fällt ihm der Tiger hinunter. Er landet rücklings auf dem Kunststoffsockel der Erdkugel, die Knopfaugen starr. Dem Mädchen entfährt ein spitzer Schrei. Die Mutter versucht, nach dem Stofftier zu langen, geht in die Hocke, ergreift ein ausgeleiertes Bein und will sich unverzüglich wiederaufrichten, als es geschieht.

Niemand mag Augenblicke dieser Art, wo sich während einem Bruchteil einer Sekunde abzeichnet, was passieren wird, als sie beim Aufstehen realisiert, dass sie an die Erdkugel stösst, als sie deren beachtliches Volumen spürt und sie weiss, dass die Kugel nicht wirklich verankert ist, unter dem Sockel ein Antirutschfilz zwar, aber nicht konzipiert für einen heftigen Stoss, dass sie nachgibt. Die Erdkugel fällt. Am Äquator kann sie aufgeklappt werden. Ein vorstehendes Kunststoffteilchen ist mit einem Schloss versehen. Auf dieses Teilchen knallt sie mit ihrem ganzen Gewicht. Das Banner rutscht aus der Halterung, das Material bricht, die Plexiglaskugel springt auf und die Erde entleert sich. Münzen schlittern klickernd über die Bodenplatten, als wollten sie nichts wie weg. Sie verteilen sich über die ganze Fläche, einzelne kullern zwischen Beinen hindurch, hochkant hinüber zum Wartebereich unter die Sitze. Fast alle bleiben jedoch bei der Erdkugel liegen, ein Lawinenkegel aus Geld. Die Erde liegt da, mit geöffnetem Schlund. Einen kurzen Moment lang ist es sehr still.

«Mist», ruft die Mutter. Ihr Mann eilt zu ihr hin. Alle schauen. Starren. Die Erdkugel. Das Geld. Das Mädchen mit aufgerissenen Augen, Entsetzen. Seine Augen, die sich mit Tränen füllen. Nicht mit Tränen der Wut, des Schmerzes oder des Trotzes. Es sind Tränen aufrichtiger Trauer, Tränen des Verlustes über etwas Intaktes, das es auf Anhieb gemocht hat und ihm jetzt abhandengekommen ist.

Alle sehen, wie betroffen das Kind auf den Unfall reagiert und seine Betroffenheit überträgt sich. Die Dame am Desk, in professionellem Tonfall, beschwichtigt, nur keine Aufregung, sie ordere den Flughafendienst. Der Vater versucht die Erdkugel aufzurichten, die Frau im olivgrünen Sommermantel packt mit an. Die Erde steht wieder auf dem Sockel, das heisst, die Südhalbkugel. Die Nordhalbkugel, nur durch das Scharnier mit dem unteren Teil verbunden, hängt nach hinten ins Leere. Die Mutter hebt sie vorsichtig an und senkt sie auf die Südhalbkugel. Das Scharnier muss sich verbogen haben. Die Hälften sind nicht mehr passgenau, der Norden ist um zwei, drei Millimeter verrückt. Vergeblich versucht sie es zu richten. Das Mädchen, in der einen Hand hält es den Tiger, mit der anderen umklammert es den Bändel von Mutters Rucksack, weint haltlos. Diese bespricht sich mit ihrem Mann. Sie würden aufräumen, natürlich würden sie aufräumen. Es bleibe genügend Zeit und es sei ihr Missgeschick gewesen, sie habe das Ganze hier verursacht. Das Mädchen beruhigt sich. Schnieft. Sein Blick, noch verschwommen, wandert langsam über die Erdoberfläche, als suchte es ein bestimmtes Land, einen Gebirgszug, der sich abhebt. Am Himalaya bleibt sein Blick an der Stelle hängen, wo die Erdkugel aufgeschlagen ist. Die sonst gelb schimmernden Gipfel sind eingestossen und grösstenteils abgesplittert. Doch dann entdeckt es den Riss im Plexiglas, gleich östlich des Indischen Subkontinents. Der Riss ist hart, weiss, vom Nördlichen Eismeer über Sibirien zieht er sich hinab, entzweit die Wüste Gobi und das Chinesische Tiefland, schrammt an Taiwan vorbei, stösst schwungvoll Richtung Südosten, spaltet den Nordwesten Papua-Neuguineas, büsst an Spaltkraft ein und verliert sich im Golf von Port Moresby.

«Sie ist kaputt», sagt das Mädchen. Es schluchzt.

Es werde sofort jemand hier sein, versichert die Angestellte vom Check-in, jetzt bei ihnen, sie müssten sich keine Sorge machen. Das Mädchen sieht mit verweintem Gesicht zu ihr auf. «Sie ist kaputt», wiederholt es. «Wir kriegen das hin», antwortet die Frau und verschwindet hinter dem Desk. Sie lächelt dem Zwilling im hellblauen Mantel zu, die sich bei ihrer Kollegin nach einem besseren Sitzplatz erkundigt. Sie spricht ins Mikrofon. Es knistert. «Edelweiss Airline WK212 nach Fuerteventura vom Ausgang A84, der Einsteigevorgang ist eröffnet.»

Das Mädchen kniet sich hin und vergräbt seine Hände im Geld. Die Mutter stellt den Rucksack ab. Ihr Mann meint, vielleicht sollten sie das besser sein lassen, es komme ja jemand. «Geht schon», meint sie und füllt ihre Hände mit Münzen. Er presst die Lippen zusammen. Eine Träne kullert dem Mädchen über die Wange. «Siehst du», sagt sie vorwurfsvoll. Er versucht seine kleine Tochter zu trösten. Unschlüssig steht die Mutter vor der Erdkugel. Jedes Geldstück einzeln einzuwerfen dauert zu lange. Sie legt die Münzen zurück auf den Haufen. Mit Hilfe der Frau im olivgrünen Mantel klappt sie die obere, lädierte Hälfte wieder nach hinten. Die Frau hält die Hälfte fest, zur Sicherung, sie könnte abbrechen. So lässt sich die Erde besser füllen. Das Mädchen schnupft. Es fängt an, im Geldhaufen zu wühlen, hebt eine erste Handvoll über die Kante ins Innere, darum bemüht, dass keine Münze hinunterfällt. Die Ladungen werden grösser. Münzen prasseln zu Boden.

Die Angestellten flüstern. Der Flughafendienst ist noch nicht eingetroffen. Sie telefonieren. Auch in der Schlange wird leiser gesprochen, der Zwischenfall hat den Lärmpegel gedämpft. Gerade eben noch war die Erdkugel nur Teil der Infrastruktur des Terminals. Nun ist sie plötzlich Mittelpunkt des Geschehens. Noch scheint in vielen Köpfen der verstörende Anblick, die Erde im Fall, wie ein Film abzulaufen. Vereinzelt schauen die Wartenden zum Desk, um herauszufinden ob es vorwärtsgeht oder das Boarding verzögert wird. Die Angestellten versuchen, das Malheur zu beheben. Die Menschen schauen aber vor allem der Familie zu, wie sie mit dem Missgeschick klarzukommen versucht, wie sich die anfänglich stressige Situation in ein stilles Einverständnis verwandelt, zusammen aufzuräumen. Mit leiser Neugier wird zudem die Frau im olivgrünen Mantel beobachtet, die ihre Hilfe anbietet. Wird sie daran festhalten, wenn ihre Schwester am Desk grünes Licht zum Einsteigen bekommt?

Die Frau blickt um sich. Erfasst das ganze Ausmass des Malheurs. Sie muss gespürt haben, wie die Kinderaugen sie durchbohren, wie das Mädchen abwartet, was sie nun tun wird. Sie wendet sich ihm zu und lächelt. Das Mädchen lächelt zurück. Die Frau zuckt die Schultern und beginnt Geldstücke aufzuklauben. Das Mädchen verfolgt jede ihrer Bewegungen. Dann dreht es sich zu den Wartenden. Schaut sie an. Sein Blick ist dunkel und alt, ein Funken Menschheitsgeschichte liegt in ihm, vom Kind, vom Menschen, dem nichts wichtiger ist, als dass er verstanden wird und sich auf andere verlassen kann.

Das Rentnerpaar reagiert zuerst. Löst sich aus der Schlange und geht zum Mädchen hin. Die beiden helfen ihm die Erdkugel füllen. Die Verliebten, auch sie helfen mit. Weitere schliessen sich an. Sie finden bei den Säulen Münzen, unter der Durchgangsschranke, gleich vor dem Check-in. Selbst an der Fensterfront glänzt Geld im hellen Licht. Die Menschen wirken wie Spatzen, die Brosamen picken. Wie Erntehelfer auf einem Kartoffelacker. Wie Kinder an einer Hochzeitsfeier, beim Auflesen der Bonbons auf dem Weg ins Glück. Der ältere Herr wendet einen Dinar, vergleicht ihn mit einer Münze, die er keiner Währung zuordnen kann. Touristen entdecken einen Rubel und eine Öre unter ihren Rucksäcken, überreichen sie dem Mädchen. Es sammelt die Münzen ein. Rennt, marschiert, hüpft von Mensch zu Mensch. Das Einfüllen erledigt das Rentnerpaar. Noch zieren sich die jungen Männer, Geld einzusammeln wie die Bedürftigen, wer wird zuerst? Bis der Schlaksige zum Wartebereich schreitet, im Rücken das Gelächter der Kollegen. Er sucht unter den Sitzen und wird fündig. Das Mädchen strahlt. Eine Atmosphäre von Heiterkeit und auch ein gewisser Eifer macht sich breit.

Die eine Dame am Desk versucht die Fluggäste davon zu überzeugen, dass der Flughafendienst ganz bestimmt bald eintreffen wird. Ob sie nicht doch einsteigen möchten – aber nein, niemand scheint in Eile zu sein. Viel eher sind alle davon angetan, Ordnung zu schaffen. «Alles eine Frage der Priorisierung», meint der ältere Herr.

Bald einmal, es sind etliche Minuten vergangen, ist das Geld dort, wo es hingehört, in der Erde. Die Mutter streckt dem Mädchen die Hand hin. «Wir müssen. Es ist aufgeräumt», sagt sie. Der ältere Herr zwinkert ihm zu. Das Mädchen zögert. Denkt nach. Und dann geht alles sehr schnell.

Das Mädchen stellt sich auf die Zehenspitzen, taucht kurzentschlossen seine dünnen Arme ins Geld und wühlt darin, dass es klimpert, und das Mädchen schöpft so viel es fassen kann, hebt es über den Rand und schleudert es in Richtung der Zuschauenden. Aus einer Dringlichkeit wird ein Spiel. Das Lachen des Mädchens ist gelöst. Es braucht freie Hände, die mithelfen, es braucht alle Hände. Es wird geklatscht, einer der jungen Männer krempelt demonstrativ die Ärmel hoch und alle machen mit. Nochmals Geld einsammeln. Die Erde füttern.

Passagiere, die eben erst eintreffen, sind irritiert, denn trotz der Menschenansammlung wird nicht angestanden. Die Angestellten kümmern sich aufmerksam um die Neuankömmlinge, was aber nicht ausreicht, um das Einsteigen zügig voranzubringen. Sie könnten umgehend boarden, aber das eifrige Treiben lenkt sie ab, die merkwürdig aufgekratzte Stimmung wirkt ansteckend. Einzelne reihen sich gar ein in den Schwarm von Sammlern.

Vielleicht ist es eine Art kollektive Gewissheit, dass Flug WK212 ohne Passagiere nie startklar sein wird. Es sind schliesslich Menschen, die Crew im Tower, die über den Zeitpunkt des Starts wird entscheiden müssen. Vielleicht ist es die Heiterkeit, das Spiel. Der ältere Herr beginnt einen Schlager zu summen, vom Meer, der Sonne und einem glühenden Herzen, das Rentnerpaar stimmt mit ein, der Vater des Mädchens lacht, sagt dann zu seiner Tochter, die Münzen in die Luft wirf, einen Geldregen herunter prasseln lässt, es reiche.

Eine der Damen macht eine weitere Durchsage. «Edelweiss Airline WK212 nach Fuerteventura vom Ausgang A84: wir bitten Sie dringendst, sich zum Einsteigen bereit zu machen». Die andere redet auf die Eltern ein, eine weitere Verzögerung läge nicht drin. Der Vater beschwichtigt, ihre Tochter sei am Durchstarten, gewissen Prozessen müsse man Raum geben. Seine Frau stimmt in sein Lachen ein, sämtliche Anspannung fällt von ihr ab, bald lacht sie unter Tränen, bis sie plötzlich wieder ernst wird, sehr ernst, sie lasse sich nicht vorschreiben, wann sie wo zu sein habe. Mit Nachdruck bittet sie die Dame um Verständnis. Sie wendet sich an ihre Tochter, fährt ihr über den Haarschopf, der sich ihr aber entzieht, schon ist das Mädchen weg.

Die Verliebten schichten auf einem Sitz Münzen aufeinander. Fasziniert schaut das Mädchen zu. Dann rennt es zur Erdkugel, zu seiner Aufgabe, verteilt von neuem Geld, macht selber kleine Haufen, es ist sich der Hilfe dutzender Hände gewiss, die aufklauben, anhäufen, etwa die jungen Männer, die ihm zurufen, sobald eine Handvoll Geld transportbereit ist. Sofort ist es zur Stelle. Es tauscht den Tiger gegen Geld. Er passe gut auf ihn auf, versichert ihm der eine und nimmt ihm das Stofftier ab. Zusammen gehen sie zur Erdkugel. Das Mädchen langt über den Äquator und wirf das Geld in die Erde.

«Achtung: alle Passagiere abfliegend nach Fuerteventura sind gebeten, sich zum Ausgang A84 zu begeben. Ich wiederhole: alle Passagiere abfliegend nach Fuerteventura sind gebeten, sich zum Ausgang A84 zu begeben», ertönt nun die Stimme vom Desk.

Letzte Passagiere treffen ein. Die Damen winken sie energisch zu sich, bemüht zu verhindern, dass auch sie stehen blieben, schlimmer noch, dass auch sie mitmachen bei diesem ganzen Zirkus. Zwar abgelenkt von den sich ungewohnt verhaltenden Menschen zücken diese ihre Boarding Cards und lassen sich durch die Absperrung schleusen. Dahinter aber ein Blick zurück, sich vergewissernd, dass wahr ist, was sich am Gate A84 abspielt. Sie verschwinden im Fingerdock.

Die Stimme aus dem Lautsprecher insistiert: «Passagiere am Gate A84 sind gebeten, sich sofort zum Einsteigen zu begeben. Ich wiederhole, Passagiere am Gate A84 sind gebeten, sich sofort zum Einsteigen zu begeben».

Die Durchsage verfehlt ihre Wirkung. Die allermeisten Passagiere haben Flug WK212 vergessen. Ihre ganze Aufmerksamkeit gilt weiterhin dem Geld, der Erde. Sie sind sehr vertieft. Die Damen erklären einem Steward von Edelweiss, was geschehen ist. Er gibt Anweisungen. Noch eine Durchsage. «Achtung, dies ist der letzte Aufruf für Passagiere fliegend nach Fuerteventura. Ausgang A84 schliesst in wenigen Minuten».

Der ältere Mann nickt den Damen freundlich zu, als er am Desk vorbeigeht. Er hat bei der Fensterfront das Banner geholt. Er bringt es dem Mädchen, das bei der Frau im olivgrünen Mantel steht, die noch immer die nach hinten geklappte Nordhalbkugel stützt. Sie liegt auf ihren Händen wie eine kostbare Gabe, ein Täufling, eine Krone auf weinrotem Samtkissen. Die jungen Männer schütten ihr Sammelgut in die Erde. Schnell getan. Nun Betätscheln des Stofftieres im Arm des Kollegen, ein denkwürdiger Anblick. Schon ist ein Handy in Position. Mit einem Stofftier mag dieser nicht fotografiert werden. Er dreht sich zur Seite. Will dem Mädchen den Tiger zurückgeben, als sie ihn schubsen. Eine boshafte, kleine Provokation. Der junge Mann holt aus, zur Revanche, die anderen sind schneller. Er bekommt einen Stoss in die Brust, stolpert rückwärts, kracht in die Südhalbkugel, die Frau kreischt, lässt die Nordhalbkugel los, das Scharnier reisst ab, die Erdhälften schnellen durch die Luft, ohrenbetäubendes Klirren beim Aufprall. Während die Südhalbkugel liegen bleibt, ein Spinnennetz feinster Risse das Plexiglas überzieht, schlittert der Norden mehrere Meter weit. Überall glänzt Geld. Ein Aufschrei. Bestürzung. Nun ist die Erdkugel definitiv kaputt.

Dann aber setzt ein Raunen ein. Etwas Befremdliches erregt die Aufmerksamkeit der Menschen. Die Kontinente, vor allem die Landmasse der Nordhalbkugel, fangen an zu leuchten, zaghaft zuerst, dann unübersehbar. Das fahle Gelb wird voller, kräftiger, wird zu einem pochenden Gelb. Spätestens jetzt bemerken es alle. Eine optische Täuschung? Sogleich verliert das Gelb wieder an Intensität, erbleicht, scheint sich abzuschwächen, um, sobald am Tiefpunkt angelangt, wieder zu erstarken. All dies erinnert an das Hinterteil eines Glühwürmchens in dunkler Nacht. Harmlos. Lockend. Der Fingerzeig einer höheren Macht? Ein Vorzeichen ganz bestimmt. Für das, was folgt, für das Unvorstellbare, das an diesem Morgen geschieht. Was passiert, ist vergleichbar mit einem unsichtbaren Dirigenten, der sein Zeichen zum Einsatz gibt. Das Zeichen zum finalen Paukenschlag.

Es kommt aus dem Nichts, das Erstarren. An Gate A84 erstarren alle Menschen in ihren Bewegungen. Der ältere Herr beginnt zu lächeln. Den Arm noch ausgestreckt, das Banner dem Mädchen überreichend, in der Luft bleibt sein Arm hängen. Die Mutter des Mädchens will etwas sagen. Den Mund leicht geöffnet, ihr Mund bleibt seltsam verzerrt. Eine der Frauen senkt den Kopf. Als verneigte sie sich. Der Scheitel auf ihrem Kopf ein weisser Strich. Jemand kratzt sich am Hals, jemand bückt sich, jemand reibt sich im Auge. Die kleinsten Bewegungen, sämtliche Regungen werden festgezurrt im Augenblick, auch die Laute, alle Geräusche. Sie sind weg. Verschluckt. Nur draussen hört man die Triebwerke eines Flugzeugs aufheulen.

Der Blick des Mädchens – soeben noch Stolz darin, Freude, das Banner halten zu dürfen – der Blick des Mädchens ist dunkel und matt. Erloschen.

Marianne Künzle, 1973 in Bern geboren, ist gelernte Buchhändlerin, war Kampagnenleiterin im Bereich «Ökologische Landwirtschaft» bei Greenpeace. Seit Ende 2015 arbeitet sie in einer Teilzeitanstellung bei der Schweizerischen Flüchtlingshilfe. „Uns Menschen in den Weg gestreut“, ihr erster Roman, ist bei Zytglogge erschienen und absolut lesenswert, auch wenn man mit Heilkunde nichts am Hut hat. Für «Living Planet» erhielt Marianne Künzle den Oberwalliser Literaturpreis 2019.

Website der Autorin

Marianne Künzle «Drama am Waldrand»

Am Waldrand liegt eine flach getretene Aludose.
Red Bull Energy Drink. Belebt Geist und Körper und hebt die Stimmung. Das steht da drauf, Blau auf Silbern, die Schrift vom Wetter verwaschen.
Die Dose hat ein Mann gekauft, der die Fahrprüfung bestanden hat. Zwei Mal durchgerasselt, nun hat es geklappt. Seine Haut zieren Pickel, aber Autofahren kann er jetzt und das tut er jetzt. Er fährt zu seinem Freund auf dem Bauernhof, mit dem er in die Lehre geht. Er trinkt am Steuer Red Bull und das Fenster steht offen, der Wind bläst ihm durchs Haar und er fühlt sich gut, er trinkt Red Bull, Bier dann später, Wodka auch. Bier wär schon besser, aber ist er ein Baby oder was, er trinkt doch nicht wenn er autofährt. Er nimmt den letzten Schluck, zerdrückt die Dose in seiner linken Hand, die rechte locker am Lenkrad. Schmeisst die Dose aus dem Fenster, ihm gehört die Welt. Die Dose fliegt umständlich durch die Luft, ihre Leichtigkeit ist unübertrefflich. Da haben sich die Verpackungsmaterialingenieure was wirklich Gutes einfallen lassen. Fünf Gramm Leergewicht.

Unter einem Grasbüschel sitzt eine Spitzmaus. Sie wartet dort geduldig, seit zwanzig Minuten. Sie hat aufmerksam gelauscht und geschaut und gewartet und wieder geschaut und gelauscht, geschnuppert. Der Himmel nun wieder grenzenlos blau, der kreisende Schatten des Mäusebussards verschwunden. Der Warnruf der Blaumeise ist in regelmässiges Tschilpen übergegangen. Ein Motorengeräusch nähert sich, das beunruhigt die Spitzmaus aber kaum. Diese lauten Blechkisten sind riesig und tatsächlich beeindruckend, aber sie haben keine Zähne und Krallen und auch wenn sie plötzlich aus dem Nichts auftauchen: die sind sofort wieder weg.
Die Spitzmaus streckt ihre spitze Nase in die Luft, auch der Fuchs scheint nicht in der Nähe zu sein. Die Luft ist rein. Sie trippelt los. Zuversichtlich, emsig, ab nach Hause ins Nest.
Ein dumpfer Schlag.

Drama am Waldrand: Red Bull erschlägt Spitzmaus!

Marianne Künzle, 1973 in Bern geboren, ist gelernte Buchhändlerin, war Kampagnenleiterin im Bereich «Ökologische Landwirtschaft» bei Greenpeace. Seit Ende 2015 arbeitet sie in einer Teilzeitanstellung bei der Schweizerischen Flüchtlingshilfe. „Uns Menschen in den Weg gestreut“, ihr erster Roman, ist bei Zytglogge erschienen und absolut lesenswert, auch wenn man mit Heilkunde nichts am Hut hat.

 

Ein Abend unter dem Mond mit Marianne Künzle

„Lesen geht durch den Magen – gestern Abend zum Beispiel auf Einladung von literaturblatt.ch. Die unvergessliche Candle-light-Dinner-Lesung im Bistro Cartonage in Amriswil. Die kulinarischen Höhenflüge wie Brennnesselchips, Hagebuttencrème, Senfkraut auf Randenrisotto, Kräuterschnaps zum Abrunden. Das aufmerksame Publikum, die überraschenden Gespräche, die tolle Moderation. Und der satte Vollmond hinter Regenwolken. Schön war’s!“ Marianne Künzle

Fotos: Sandra Kottonau

Schriftstellerin Marianne Künzle zu Gast in Amriswil: Ein Interview

schliff.ch

Was trieb Marianne Künzle dazu, einen Roman über den Kräuterpfarrer Johann Künzle zu schreiben? Der gleiche Familienname allein kann es nicht gewesen sein?

Ich wusste von Johann Künzle, dem Namensvetter mit gleichem Heimatort und wurde auf seine kurze Autobiografie aufmerksam. Auf wenigen Seiten skizziert er in seiner letzten Publikation sein Leben und Wirken und wie er zu dem wurde, als den man ihn noch heute kennt. Zwischen diesen wenigen Zeilen, und das machte mich neugierig, glaubte ich einen äusserst ambivalenten Charakter herauszulesen. Da war dieser Jemand, der weiss, was er will, der für Wälder, Blumen und Berge schwärmt, mit einem poltrigem Humor und widerspruchsloser Strenge unzählige Menschen erreicht. Da war diese Stimme aus der Vergangenheit mit verstaubten, zuweilen irritierenden Ansichten. Aber auch absolut modernen: Was ist ein gutes Leben? Welcher Stellenwert hat die Natur? War Johann Künzle tatsächlich so? Oder noch anders, als er sich selber darstellte und dargestellt wurde? Dem Menschen zwischen den Zeilen wollte ich nachspüren.

Johann Künzle war schon damals ein Kämpfer für die zarten Seiten, auch wenn er durchaus wortgewaltig werden konnte. Du warst jahrelang bei Greenpeace tätig. Johann Künzle kämpfte für eine bessere Welt, nicht zuletzt gegen Bevormundung und die Willkür gewinnorientierter Macht. Steckt in diesem Buch auch noch etwas von deinem Kampf?
Wenn ich als Naturheilpraktikerin jahrelang für bessere Zulassungsbedingungen von Heilpflanzen und -methoden gekämpft hätte, steckte direkt etwas von meinem persönlichen Engagment mit im Buch. Bei Greenpeace galt mein Einsatz jedoch einer Landwirtschaft, die ohne Gentechnik und chemisch-synthetische Pestizide auskommt. Meine beruflichen Erfahrungen fanden mit wenigen Ausnahmen also keinen direkten Eingang in den Roman. Aber bestimmt hat mir meine Auseinandersetzung mit der Gesellschaft die notwendige Motivation und den Durchhaltewillen gegeben, mich vier Jahre lang mit Johann Künzle zu befassen. Er vertrat schon vor über einem Jahrhundert Ansichten, die im jetzigen Zeitalter von Klima- und Ressourcenzerstörung, verursacht durch uns, die wir im Konsumieren Zufriedenheit zu finden glauben, hochaktuell sind und die ich zumindest teilweise teile: er wies auf krankmachende Lebensumstände hin, geisselte übermässigen Konsum, plädierte für einen bescheidenes Leben, appellierte an die Eigenverantwortung und Besinnung aufs Wesentliche. Und er beschrieb auf rührende Art und Weise die Schönheit und den Reichtum der Natur!

Kräuterheilkunde hat nichts an seinem Nischendasein verändert. Hat die Arbeit des Buches etwas mit dir gemacht, mit dir verändert? Legst du erst seit deiner Romanarbeit Wurmfarn gegen Krampfadern in den Beinen in deine Schuhe?
Als «moderner» Mensch, der seinen Alltag meist sitzend verbringt, lege ich nun Farnblätter in die Schuhe, wenn meine Beine schmerzen. Damit verbunden sind regelmässigere Waldexkursionen. Ich kaufe keinen kühlenden Gels mehr ein, sondern finde das Kraut im Wald. Frische Luft, Kopf durchlüften, die Heilpflanze mit nach Hause tragen. Und: die Wirkung von Farn ist verblüffend! Wenn mir etwas fehlt, konsultiere ich, seit ich mit den Recherchen für das Buch begonnen habe, zuerst Johann Künzle’s Schriften. Ich glaube, dass mir die Arbeit an diesem Buch etwas mitgegeben hat: ich kümmere mich mehr um meine Gesundheit. So gut ich kann.

Eine grosse Qualität deines Romans ist, dass Konstruktion, Ton und Sprache des Buches keine Partei ergreifen. Du könntest das Buch sowohl vor Heilpraktikern wie an einem Ärztekongress vorlesen, zumindest Auszüge daraus. Du beschreibst eine Zeit, konträre Haltungen, die sich zu einem Grabenkrieg auswachsen und einen Mann, der immer wieder mit sich selbst zu kämpfen hatte. Ist Johann Künzle „exemplarisch“? Und warum ausgerechnet er? Gehst du mit dieser Figur nicht das Risiko ein, in eine Ecke gedrängt zu werden?
Warum ausgerechnet er? Es wäre schade, wenn Johann Künzle’s Geschichte nicht (noch einmal) erzählt würde! Es gibt wenige, die das Bild von der heilen, gesundmachender Bergwelt, den «Mythos Schweizer Alpen» derart geprägt haben wie der verschrobene Pfarrer mit wallendem Bart und runder Brille.

Besteht nicht die Gefahr, dass man mit einem Roman über Pfarrer Künzle von einem ganz speziellen Publikum als einen der ihren eingenommen werden könnte. Dass du die wirst, die mal über einen Pfarrer schrieb. So wie man als Schauspielerin nicht mit einer Etikette markiert werden will, so vielleicht auch bei Schriftstellerinnen.
Mich hat der Stoff fasziniert. Die Figur, deren Lebensumstände, die Epoche, Parallelen zur heutigen Zeit. Ich glaube, es wäre kein Buch entstanden, wäre da nicht das Feuer entfacht worden, das es brauchte, um diese Geschichte überhaupt erzählen zu können. Für mich war während der Recherchen und dem Schreiben kaum Thema, ob mich ein biographischer Roman über Johann Künzle in eine Ecke drängen könnte, etwa, dass ich von nun an als Künzle-Biografin gelte könnte, oder dass das Buch nur von Leuten gelesen würde, denen Künzle ein Begriff ist. Im Gegensatz zur klassischen Biographie hat ein biographischer Roman das Potential, eine breitere Leserschaft zu erreichen. An Geschichte Interessierte, an Heilpflanzen, an Belletristik, an Debüts …
Auch wenn Zweifel darüber auftauchten, ob ich für ein erstes Buch das richtige Thema gewählt habe, war für mich eigentlich immer klar – das war mein Stoff!

Anmeldung für das Essen zur Lesung unter: 071 410 10 91 oder info@bistro-cartonage.ch

Marianne Künzle «Uns Menschen in den Weg gestreut», Zytglogge

Mai 1921. Benedikt Pradin ist Arzt, 49 und mit seinen ergrauten Schläfen eine stattliche Erscheinung. Er, der immer alles richtig machte, muss erleben, wie selbst ernannte Heiler, Quacksalber und Kurpfuscher seinen Stand verunglimpfen, wie am Bahnhof in Zizers (im Rheintal zwischen Landquart und Chur) ein weitgereister Maharadscha mit seiner Entourage nicht seinesgleichen sucht, sondern den Kräuterpfarrer Johann Künzle.

Johann Künzle, Seelsorger und Kräutermann wurde nicht aus einer zündenden Geschäftsidee zu dem, was Künzle AG und ein umfassendes Lehrwerk über die heilenden Kräfte von Kräutern erahnen lassen. Seine Motivation war es, einer armen, der Willkür der Obrigkeiten ausgesetzten Bevölkerung zurückzugeben, was Industrialisierung, aufbrechende Moderne und Abhängigkeiten von Medizin und Arzneien anrichteten. Daneben war Johann Künzle in den harten Jahren während und nach dem ersten Weltkrieg überzeugt, dass mit Hilfe der Kräuter, die vor den Haustüren der Armen wachsen, viel mehr gegen Hunger und Krankheit hätte unternommen werden können, hätte man nicht vergessen, was seit Jahrhunderten zum Wissen einer naturnahen Bevölkerung gehörte. Im Jahr 1911 schrieb Johann Künzle sein erstes Kräuterbuch „Chrut und Uchrut“, das eine Lawine auszulösen begann. Eine Lawine, die einem Dorf, einer ganzen Gegend Arbeit und begrenzten Wohlstand brachte, Bauernfamilien mit dem Sammeln der Kräuter einen segensreichen Nebenverdienst und Johann Künzle eine nicht immer willkommene Publizität. Aber auf den Ruhm folgten Neid, Missgunst und Verleumdung.

Marianne Künzle schrieb nicht einfach eine Biographie über den Pfarrer mit Nickelbrille und langem weissem Bart, sondern über die Jahre 1910 bis 1922, als Johann Künzle überregional an Bedeutung gewann, weit über die Landesgrenzen hinaus berühmt wurde und sich 1922 entscheiden musste, ob er sich von Neidern in die Enge getrieben zurückziehen soll. Sie beschreibt einen Mann mit vielen Gesichtern; den wohltätigen Pfarrer, den Kinderfreund, den Zornentbrannten, wenn er über Tintenfresser schimpfte, den Unnachgiebigen. Aber die Autorin bleibt nicht bei Pfarrer Künzle allein. Sie setzt ihn geschickt und gekonnt in eine Dreieckskonstellation; Pfarrer Künzle, der den Menschen zuhört, sie ernst nimmt, den Arzt Benedikt Pradin, der sich immer mehr vom Wirken des Pfarrers bedroht fühlt und der ehemalige Lehrer und Emporkömmling Loenz Schumacher. Zwischen den dreien entwickelt sich ein wahrer Krieg, in den alles Verfügbare eingespannt werden soll. Ein Psychogramm dreier Archetypen, die unfähig sind, aus einer festgefahrenen Rolle auszubrechen, auch wenn daran Menschenleben hängen. Und nicht zuletzt eine Geschichte darüber, dass es erst 100 Jahre her ist, dass man Frauen höchst ungern zuhörte und es für Frauen unsäglichen Mut abverlangte, eine eigene Meinung zu äussern. Die Geschichte eines Mannes, der es verstand, seine Gottergebenheit, seinen Glauben nicht bloss mit leeren Worthülsen zu koppeln, sondern mit Begeisterung , mit dem Leben selbst und einem Batzen für fleissige, bedürftige Helfer. Künzle spinnt ein sorgfältiges Geflecht um Johann Künzle und zeigt damit sehr anschaulich, wie sehr der Wangser Kräutermann in Konflikten verwoben war. Die Sprache der Autorin ist überraschend poetisch, hat manchmal etwas vom Geschmack und Geruch der Kräuter. Der Titel des Romans „Uns Menschen in den Weg gestreut“ ist ein Versprechen! Klare Sätze, bildhaft, dem Geschehen ganz nah.

Johann Künzle ist ein zwischen Zeiten und Epochen Eingeklemmter. Auf der einen Seite die Welt der klaren Fronten des 19. Jahrhunderts, einer Zeit, die nicht zuletzt in Sachen Glauben und Gottverständnis keinerlei Interpretationen zuliess, schon gar nicht jene Verblendung, die die Natur selbst zur Gottheit erklärt. Auf der anderen Seite die alles aufbrechende Moderne, die Revolte, der Aufbruch. Der Pfarrer mit dem asketischen Aussehen, dem zuweilen stechenden Blick war kein Mann des Kompromisses. Die Welt war deutlich eingeteilt in Gutes und Böses. Ebenso war die Reaktion auf ihn und sein Wirken, obwohl er sich je länger je mehr falsch verstanden fühlte, bis er scheinbar resigniert seinen ersten Wirkungsort im St. Gallischen Wangs verlassen musste. Die einen verehrten ihn, andere, nicht zuletzt die etablierte Ärzteschaft, betrachteten ihn als Verkörperung des Rückwärtsgewandten, der Verunglimpfung moderner Wissenschaft, der Medizin. Die Honoratioren der Medizin schienen mit dem wachsenden Zulauf an die Tür des Kräuterpfarrers einen Hexenbann über den streitbaren Pfarrer legen zu wollen. So wurde der kräuterkundige, hilfsbereite und menschenfreundliche Pfarrer zu dem, was im Mittelalter, ein paar Jahrhunderte, zuvor Frauen wegen ihrer Kräuterheilkunde zu Fackeln werden liess.

Nicht zuletzt erstaunte mich bei der Lektüre einiges; Wer weiss, dass im Kanton Graubünden bis 1925 ein ausdrückliches Fahrverbot galt, von dem nicht einmal Krankentransporte ausgenommen wurden. So lud man bis im Sommer 1925 alles an der Grenze zum Kanton vom Automobil aufs Fuhrwerk um! Oder dass die „Spanische Grippe“, die von 1918 bis 1919 wütete, auch in der Schweiz Zehntausende dahinraffte, ausser in den Gemeinden rund um Pfarrer Künzle.

«Uns Menschen in den Weg gestreut» ist eine Mehrfach-Überraschung, ein Roman, sorgfältig mit sicherem Gespür für Sprache und Feinheiten geschrieben. Unbedingt lesenswert!

Marianne Künzle, geboren 1973 in Bern, arbeitete zuerst als Buchhändlerin. Später war sie Kampagnenleiterin im Bereich «Ökologische Landwirtschaft» bei Greenpeace Schweiz. Sie absolvierte einen Lehrgang ‹Literarisches Schreiben› an der SAL (Schule für angewandte Linguistik). Seit Ende 2015 engagiert sich Marianne Künzle in einer Teilzeitanstellung bei der Schweizerischen Flüchtlingshilfe. «Uns Menschen in den Weg gestreut» ist ihr erster Roman.