Und kann der Vers über die Amsel
das Singen der Amsel ersetzen?
Ich zweifle.
Izet Sarajlic
Zuletzt hatte ich eine Fotografie aus Kiew mitgebracht. Wie lässt sich die Sprache eines Bildes, wenn man denn bereit ist, genau hinzuschauen, in einen Text einbringen? Während einer Woche war ich mit Studentinnen zusammengekommen, mit Karin, Mona und Lara, um über das Schreibhandwerk zu debattieren. Über literarische Formen, Gestaltung. Über Fallen. Über die oft unergiebige Anstrengung, etwas Unmögliches möglich zu machen. Diesmal sprachen wir über die Kunst des Verdichtens; wie gehst du an eine Kurzgeschichte ran? Sie kannten die Meister der kurzen Form, Tschechow, William Williams. W. Somerset Maugham. Wie schaffst du es, etwas Verstörendes oder Übersehenes in eine geschlossene Form zu bringen, eine offene Frage, einen Schrei; etwas nie Abgeschlossenes?
Sie waren zunächst skeptisch, dann angeregt, als ich die Fotografie herumreichte und sagte, darüber kann man eine Geschichte schreiben. Muss man eine Geschichte schreiben: Eine junge Frau in Schwarz geht an einer zerbombten Hausfassade vorüber, zerborstene Fenster, an denen noch Kleider hängen, aufgerissene Mauerhöhlen wie pechschwarze traurige Augen. Die Frau presst einen riesenhaften Blumenstrauss an die Schulter, Margeriten und helle gelbe Astern, wahrscheinlich geht sie schnell, ihr Blick ist halb nach vorne und halb zur Seite gerichtet, auf das Trümmerhaus, als könnte sie nur kurz und getrieben hinsehen, was sie längst kennt, was sie schon zu oft und überall in Kiew gesehen hat, der Blick ist finster und wehmütig und auch fest entschlossen. Wohin geht sie, wem bring sie die Blumen?
Ein Bild weiterdenken und mit Worten eine Möglichkeit zeichnen, eine von vielen. Einen Text über eine Möglichkeit, den man mit der Überzeugung liest, genauso ist es gewesen.
Karin, Mona und Lara nahmen die Aufforderung an und schrieben drei Geschichten, mit denen sie eine Ahnung von etwas preisgaben. Und auch etwas von sich selbst. Ist eine Geschichte immer wahr? Die Vorstellungskraft, die Empörung und die trotzige Hoffnung der Autorinnen haben sie wahr gemacht.
Auf dem Weg durch die Stadt, an verbotenen Zonen und Bombenkratern vorbei, beginnt Ana pausenlos mit Andriy zu sprechen. Zu ihm hin und auch zu sich selbst. Karins Erzählung war die längste von allen; ein langer Monolog im Gehen und ein aufgewühlter Blick zurück und nach vorn: Anas innerer Monolog mit ihrem Bruder, der bei Prokowsk gefallen ist, auf dem Weg zur Grabanlage, wo die Kriegsopfer liegen. Dort wird sie die Blumen hinlegen. Die verbrannte Sonne im Gelb der Astern. Sie hat den Glanz der Vergangenheit vor Augen, eine versunkene Welt. Wie ihr Andriy beigebracht hat, aus einem Schilfrohr Pfeiftöne herauszuholen. Wie er ihr mit blutunterlaufenem Auge ein geklautes Fahrrad zurückbringt. Wie sie zusammen im Sand an der Sonne liegen und das Haus in den Himmel zeichnen, das sie einmal zusammen bauen werden, es hat viele Zimmer für die ganze Familie und einen ausgebauten Dachstock, wo die Kinder spielen werden. Immer mehr Bilder tauchen unterwegs auf, einmal schaut sich Ana wie elektrisiert um, als hätte sie Andriys Hand auf der Schulter gespürt. Aber Andriy ist nicht mehr da, er liegt irgendwo in Pokrowsk unter der Erde. Oder noch in einem Schützengraben. Als sie am Soldatengrab die Blumen niederlegt, ist sie sich sicher, dass er von oben herab zuschaut. Dass er genau hinhört, was sie sagt. Bei jeder Blume, die sie langsam hinlegt, ruft sie Andriys Name, sie ruft so laut, dass zwei Frauen in der Nähe zusammenzucken. Die letzte Aster hält sie lange in der Hand, sagt trotzig in den Himmel hinauf, ich werde für unser Land alles tun, was ich kann, ich werde es für dich tun und immer auch mit dir zusammen.
Der Text von Mona war anders, so anders, dass es unmöglich war, die beiden Geschichten hintereinander zu lesen. Dass man den Atem anhalten musste, um von einer Gedankenwelt in die andere zu springen. In Monas Erzählung heisst die Blumenfrau Marija, sie hat teure Blumen für ihre Mutter gekauft, sie hat sie lange nicht mehr gesehen. Sie hat Mühe, durch die Stadt zu kommen, überall Sperrgebiete, verbotene Durchgänge, Rettungsmänner in Schutzmontur zwischen Trümmern. Als sie zum Wohnblock der Mutter kommt, erschrickt sie, das Dach ist ein verkohltes Gerippe, zerschlagene Fenster und Türen; wohnt da noch jemand? Drinnen hängen Treppen herunter, Bruchholz und zerborstene Rohre, es sieht nicht aus, als könnte da noch jemand wohnen, als könnte man auch nur eine Nacht hier verbringen. Die Tür zur alten Wohnung ist weit offen, Marija tappt über Scherben und Müll, sie denkt, sie kann irgendetwas Vertrautes finden, vielleicht ein Zeichen, dann hört sie aus einem Zimmer ein Stöhnen. Die Mutter liegt gekrümmt am Boden, unter Bergen von Decken und zerwühlten Kissen, neben aufgebrochenen und leeren Konservenbüchsen. Augenblicklang sind beide wie erstarrt, dann geht ein Leuchten über das alte und graue Gesicht, ich habe gewusst, dass du kommst. Ich habe nur noch darauf gewartet. Monas Erzählung endete in diesem zerfallenden Zimmer, in einem Bruchhaus ohne Zukunft, sie endete mit einem stockenden Gespräch ohne erlösende Wendung, Mona liess alle Fragen offen. Sie presst den Blumenstrauss an die Brust wie ein unverhofftes Glück. Wie eine Gabe von Engeln. Als sie sagt, du musst jetzt weitertragen, was ich nicht mehr mittragen mag, weiss Marija nicht, soll sie es als Selbstaufgabe oder als Aufruf zur Hoffnung verstehen.
Laras Geschichte war kurz und atemlos dicht, zwei Seiten. Sie muss um die Form gerungen haben, man spürte das, jeder Satz eine Keule, jedes Wort genau gesetzt. In ihrem Text hat die Frau keinen Namen, auch ihr Freund nicht, sie haben die Namen aller Liebenden vor der wegstürzenden Zeit. Er hat ihr die schönsten Blumen gebracht, die er finden kann, bevor er als Soldat wieder zurück muss nach Kostjantyniwka, in die Todeszone. Wie liebt man sich, wenn man weiss, dass die Zukunft kein Versprechen mehr ist? Liebt man sich in einer hellen Sphäre, die eine Alltagsliebe nicht kennt, oder lähmt das nahe Ende die Liebe, noch bevor sie zu Ende geht? Lara hatte darauf keine Antwort, aber sie beschreibt die atmosphärische Dichte, die die beiden umgibt. Die Lichteffekte im kahlen Zimmer, in dem sie zusammenliegen, den Geruch des geliebten Körpers. Das ungläubige Staunen, wenn er ihr übers Haar streicht, während sie von Ferne Detonationen hören. Die halblauten Gespräche und das lange Schweigen, man hört nur die erbarmungslosen Klopftöne einer Uhr. Sie schaffen es, den Abschied durchzustehen wie einen von vielen. Sie trägt den Blumenbund durch die Stadt wie eine Hostie. Als würde sie ihn in den Armen tragen. Sie wird die Blumen pflegen und mit ihnen reden und dann seine Stimme hören. Sie stellt sich vor, wenn jedes Blütenblatt alt, wenn es mit ihrer Sorge sehr alt wird und eine abgemessene Zeit hinter sich lässt, wird er zurückkehren. Damit eine neue Zukunft beginnt.
Jede der drei Geschichten ist ein kleines Stück Literatur, ich sagte ihnen das, als wir nochmals zusammenkamen. Sagte, ihr habt eine unbekannte Frau aus der Anonymität geholt, in euren Texten kann man sie erkennen. Man kann sie fühlen.
Reicht das? Mona sah mich herausfordernd an, auch ein gelungener Text ist nur eine Fingerübung im Sturm. Sie wollte nicht einfach ein Lob, sie wollte etwas klären. Schreiben wir für uns oder auf etwas hin? Vielleicht musste diese Frage kommen, irgendwann musste sie kommen, wenn man von aussen auf ein Bild schaut und dazu eine Geschichte schreibt. Ist Poesie ein Fluchtraum für wenige, ohne Anspruch auf Veränderung? Ich sagte, kennst du Sarajlics Kriegsgedichte aus Sarajevo, Kann der Vers über die Amsel / das Singen der Amsel ersetzen / ich zweifle. Jetzt war es Lara, die nach einer Antwort auf Sarajlics Gedicht suchte, sie sagte, Sarajlic war mittendrin, wir sind es nicht – Literatur, ob von innen oder von aussen, verändert einen Krieg nicht, aber die Kälte, die mit dem Krieg gekommen ist. Sie ersetzt das Singen der Amsel nicht, aber sie weigert sich zu glauben, dass Amseln nie mehr singen werden.
Peter Weibel wurde 1947 in Thun geboren und lebt in Bern. Er studierte Medizin und arbeitet seit vielen Jahren als Allgemeinpraktiker und in der Geriatrie. Der Autor aquarelliert und zeichnet auch. Seit 1982 veröffentlicht er Lyrik und Prosa und wurde u.a. 1983 mit dem Buchpreis des Kantons Bern (für den Erzählband «Die blauen Flügel») und 1986 mit dem Buchpreis der Stadt Bern ausgezeichnet. Für «Mensch Keun» (2017) erhielt der den ersten Kurt Marti Literaturpreis.
