Evelina Jecker Lambreva „Mama, wann kommst du“, Y Zeitschrift für atopisches Denken

Mutterschaft als Geschäftsidee. Vordergründig, wenn auch mit einberechneten Kollateralschäden, für jene Mütter, die wirtschaftliche Not dazu zwingt. Ganz bestimmt für die Agenturen, Kliniken und Hinterleute, die sich mit den Bäuchen jener Mütter eine goldene Nase verdienen.

Der deutsche Berufspolitiker und vehemente Unterstützer eines Verbots von Leihmutterschaft in Deutschland nahm sich die Freiheit, in den USA ein Kind austragen zu lassen. Zwei stolze Väter zeigten in den Medien ihr Kind und rechneten wohl ganz offensichtlich nicht mit dem Shitstorm, den Jens Spahn aus seinem Amt katapultierte. Aber statt damit eine Diskussion über Leihmutterschaft ausgelöst worden wäre, war es fast nur das Entsetzen über die Doppelmoral deutscher Vorzeigepolitiker. Auch wenn der Aufschrei berechtigt war, auch wenn damit einmal mehr das immer fadenscheiniger gewordene Vertrauen auf „die da oben, die sowieso machen, was ihnen gefällt», seine Bestätigung findet, bleibt die eigentlich wichtige Diskussion auf der Strecke; Ist Leihmutterschaft nicht einfach das Resultat hingenommener Ungerechtigkeiten? Was passiert mit den Frauen, die sich zu einem solchen Schritt entscheiden? Ist dieser Schritt eine tatsächliche Entscheidung oder nicht vielmehr einziger Ausweg aus einer Sackgasse, aus drohender Armut, letztlich ein Akt der Verzweiflung? Und was bedeutet dieser Schritt für die Frau selbst, für das Kind, das der leiblichen Mutter vertraglich weggenommen wird? Was bedeutet eine solche Mutterschaft für das Umfeld, für die Familie solcher Leihmütter, für das Umfeld jener Paare, die sich wie Jens Spahn den Sohn oder die Tochter aus dem „Katalog“ aussuchen?

Evelina Jecker Lambreva veröffentlichte 2022 in der (digitalen) Y Zeitschrift für atopisches Denken die Briefnovelle „Mama, wann kommst du“, die sich aber mit weit mehr als dem Thema der Leihmutterschaft auseinandergesetzt.
Nadja muss den Tod ihrer geliebten Grossmutter und jenen ihres Vaters verkraften, eines Mannes, der an den Folgen seiner Sauferei in einen Graben stürzte und das Genick brach. Nicht nur dass Nadja sich aus dem von ihrer Oma zusammengehaltenen Paradies herausgerissen fühlt – Nadja muss sich Fragen und existenziellen Bedrohungen stellen, denen sie sich nur entgegenstemmen kann, wenn sie ihrer verstorbenen Oma Briefe schreibt und auf Antworten in ihren Träumen hofft.

Evelina Jecker Lambreva erzählt von einer Familie in einem osteuropäischen Land, einem Land, das noch immer mit seiner sozialistischen, kommunistischen und in vielerlei Hinsicht faschistischen Vergangenheit zu kämpfen hat. Nadjas Mutter sieht einen Weg aus drohender Armut und krank machender Fabrikarbeit einzig darin, ihren Bauch zu verkaufen, ihr Recht auf Selbstbestimmung gegen Geld abzugeben, sich einer vertraglich festgelegten Abmachung auszuliefern, die ihren Körper zum Brutgefäss macht und das werdende Leben in ihr zu einem Gegenstand, den man nach vollbrachter Produktion abzugeben hat. Aber so wenig es der Mutter gelingt, das wachsende Kind von ihr abzukoppeln, so sehr sieht sich Nadja hin- und hergerissen in Ängsten um ihre Mutter, Fragen, die ihr selbst die Träume nicht beantworten können. Alles um Nadja herum verändert sich, nicht nur ihre Rolle in der Familie, auch der Status, die drohende Vertreibung aus dem Paradies und nicht zuletzt das so anders verlaufende Leben ihrer besten Freundin Lydia. Lydia, ein bisschen älter als Nadja, schliesst sich einer konservativ sozialistischen Kampftruppe an, die davon überzeugt ist, dass alles Übel aus dem Westen eingeschleppt wird, nicht zuletzt die Samen jener, die eine Leihmutter brauchen.

„Mama, wann kommst du“ ist ein konsequent aus der Sicht einer Zwölfjährigen geschriebener Briefmonolog an eine Grossmutter, die einst Dreh-, Angel- und Mittelpunkt der Familie war. Das Suchen eines Mädchens, das die Welt zu verstehen sucht und letztlich von einer grossen Welle aus dem tastenden Suchen gerissen wird. Vielleicht braucht es den schonungslosen kindlichen Blick auf Fragen, die sich weder schnell noch einfach beantworten lassen. Die bulgarisch-schweizerische Schriftstellerin und Psychiaterin tut dies offen und kompromisslos. Vielleicht auch ein Grund dafür, dass die Novelle nie zu einem Buch wurde. Schade, denn die Novelle stellt zeitlose Fragen und entblösst, was uneingeschränkter Konsum, und letztlich ist auch eine Leihmutterschaft ein Auswuchs unbegrenzter Konsumwirtschaft, und vereinnehmender Ideologien, die auf schwierige Fragen einfache Parolen entgegensetzen.

„Mama, wann kommst du“ kann hier herunterladen werden.

Evelina Jecker Lambreva, 1963 in Stara Zagora, Bulgarien, geboren, lebt seit 1996 in der Schweiz. Sie arbeitet als niedergelassene Psychiaterin und Psychotherapeutin in Luzern und als Klinische Dozentin an der Universität Zürich. Ihr literarisches Schaffen in deutscher Sprache begründete sie mit dem Gedichtband „Niemandes Spiegel“ sowie den Erzählbänden „Unerwartet“ und „Bulgarischer Reigen“. Bei Braumüller erschienen: „Vaters Land“ (2014), Nicht mehr (2016) „Entscheidung“ (2019), „Im Namen des Kindes“ (2022) und „Mein Name ist Marcello“ (2024). Zur Zeit arbeitet die Autorin an ihrem neuen Roman: «Die Fremden», inspiriert durch Albert Camus und Erich Fromm.

Beitragsbild © Alexander Jecker