Katrin Askan „Dichter – Roman einer Freundschaft“, Elsinor

Keine Figur in diesem Roman ist erfunden. Und selten ist ein Roman so sehr darauf bedacht, sich streng an die erlebte Wirklichkeit seiner Protagonisten zu halten. Alle Personen heißen, wie sie im wirklichen Leben hießen. Oder noch heißen.

„Wahnsinnsmutter Nacht, du bist nun über mir….“
Gastrezension von Burkhard Jahn

Alle Personen heißen, wie sie im wirklichen Leben hießen. Oder noch heißen. Die beiden zentralen sind am Ende tot. Nach einer fünfunsiebzig Jahre währenden Freundschaft. Johannes Kühn, der Dichter. Sein getreuer Freund und Beschützer: Benno Rech.

Katrin Askan  versicherte sich immer wieder der tatsächlichen Begebenheiten. Ihrem Erzählen folgt man gebannt, fasziniert und passagenweise tief erschüttert.
Dreizehn, vierzehn Jahre alt sind die beiden Männer zu Beginn ihrer Freundschaft. Fast neunzig, wenn sie sterben. Der Ältere, Johannes Kühn,  zuerst, elf Monate später der um ein Jahr jüngere Benno Rech, der den Freund nun nicht mehr beschützen muß. 
Am Ende tragen beide den Titel Professor. Der Dichter und Dr. Benno Rech, der Pädagoge, der dem Ersten durch all die Jahrzehnte mehr als nur ein Freund bleibt. So treu und geduldig wie einstmals der Tübinger Schreinermeister Zimmer mit dem tobenden Hölderlin, als dessen Wiedergänger sich Johannes Kühn – und sicherlich nicht ohne Berechtigung – empfindet. Benno Rech bleibt seiner selbstauferlegten Pflicht treu, den Jugendfreund auch in dessen dunklesten Stunden nie zu verlassen. 

Letztlich unterstützt von der dritten im Bunde: Von Irmgard Rech. Als Benno sie heiratet, erkärt er ihr, daß sein Schützling und Freund, für den er längst die Verantwortung übernommen hat, ihn immer brauchen wird. Das ist lange Zeit nicht gerade leicht für die junge Frau. Und doch gelingt dem Paar, ein Leben lang eine ungewöhnlich glückliche Ehe zu führen, samt der liebevollen Erziehung ihrer Kinder. Auch wenn Irmgard zu Beginn der Ehe kaum ahnen konnte, welchen Herausforderungen die Familie sich zu stellen haben würde. Lebenslang.  
Über all die Jahrzehnte bleiben höhnische Kommentare und mehr als dumme Beargwöhnungen seitens der Mitwelt nicht aus. 
Beide sind einem fortschrittlichen Katholizismus verbunden, Irmgard wird die erste katholische Frau, die in der ARD das „Wort zum Sonntag“ spricht, erlangt damit eine gewisse Bekanntheit.  

Katrin Askan «Dichter – Roman einer Freundschaft», Elsinor, 2025, 400 Seiten, ISBN 978-3-942788-91-5

Die letztlich lebenslangen Freunde Benno und Johannes, beide Söhne von mehr oder weniger „bildungsfernen“ Bergarbeitern, besuchen in der Kargheit der Nachkriegszeit die Missionsschule.
Sie entdecken die Dichtung, begeistern sich dafür, sparen die Groschen zusammen für das Reclamheft des Eichendorff’schen „Taugenichts“. In heimlichen Waldwanderungen, in verbotenen Erkundungen des Nachbardorfes praktizieren sie eine andere Frömmigkeit, eine jenseits der strengen Erziehung. Sie bleiben miteinander verbunden, als Benno auf ein Gymnasium wechselt. 
Der lebensfrohe Johannes verpuppt sich vom selbstbewußten Epheben, der tanzt und raucht und gern und viel trinkt, gar eine Schauspielausbildung absolviert, in den lernhungrigen inoffiziellen Studenten – denn das Geld für die Gebühren fehlt ihm, – dazu in den manischen Durchwanderer seiner saarländischen Heimat. Vorübergehend erfährt er in Salzburg Anerkennung als Jungdramatiker, ist bald jedoch zu primitiver Brotarbeit genötigt als Bauarbeiter und Fleischtransport-Beifahrer. Und ist gleichzeitig besessener Verfasser Tausender von Gedichten. 
In Schüben wird er seelisch krank, wird ein gespensterhafter Psychopath, der, gepeinigt von Verfolgungswahn und der Verzweiflung des verkannten, des nicht genügend beachteten Dichters, in ein  jahrelanges Verstummen versinkt. 
Er verkommt. Er wäscht sich nicht mehr.  Er trinkt. Er wird zum Schreckgespenst seiner Region, zum so ängstlich wie haßerfüllt Betrachteten, wenn er im Café vor sich hinstiert. 

Es hat sich der Winter eingenistet in Aug und Mund.

Und letztlich dann doch die Erlösung die sich zeigt als gelinde Gesundung bei aufstrahlendem internationalen Erfolg. 
Immer an seiner Seite Benno, ohne den Johannes auch als Gefeierter bis an sein Lebensende nicht mehr in der Öffentlichkeit auftritt. Immer ist er umrahmt, beschützt und abgeschirmt von Benno und Irmgard.    
Der Lebensfreund ist Korrektor, Lektor, Sekretär, Agent. Kein Buch von Johannes erscheint, dessen Herausgeber nicht Benno und Irmgard Rech sind.
In all den Facetten folgt Katrin Askan – streng bedacht, nichts zu erfinden – den Realitäten und ergreift zutiefst mit der fulminanten Passage des dramatischen Sterbens von Bennos Schwester Martina. Bei der Rückkehr aus Lourdes im Pilgerzug. 
Noch eine Szene nimmt einem den Atem. Die ist von derart schockierender Brutalität, daß ein Hoffnungsrest des erschütterten Verfassers dieser Zeilen bleibt, es könne vielleicht „nur“ eine brillante literarische Erfindung im als Roman deklarierten Buch sein. Ein Bericht horribler Bestialität. So geschehen? Oder nur Wahnvorstellung? Wie auch immer.
Johannes Kühn schweigt von dem Tag an. Schweigt in Wort und Blick und Schrift.  Für annähernd ein Jahrzehnt. 

Es hat sich der Winter eingenistet in Aug und Mund.

Zuvor war der „verrückte Dichter“ zu einer gewissen Bekanntheit in seiner Heimat gekommen. Noch allerdings ist der „Durchbruch“ fern.
Und als sich die provinzielle Avantgarde für die Gleichschaltung des Elitären, des Herausragenden begeisterte, da mußte ein Dichter wie er wahrlich schlechte Karten haben: Ich fand für mein Herz einen Mittag. Libellen, die blauen Nadeln der Luft, über den Wiesen lautlos nähten.
Gleichwohl: Der Dichter läßt sich anregen und schreibt auch Gedichte aus der Welt der Arbeiter, die er nach kaum freiwilligen Jahren als Bauarbeiter wohl besser kennt als so mancher schulterklopfende Animator. Es geht ihm besser.
Bis die genannte Katastrophe geschieht. Das Schweigen. Zehn Jahre lang.

Die Zeiten aber wandeln sich. 
Und endlich entdecken Peter Handke, Peter Rühmkorf, Reiner Kunze, Ludwig Harig  und Michael Krüger als Verleger des Hanser Verlags den Dichter Johannes Kühn. 
Der so lange Gepeinigte erholt sich. Die Welt nimmt ihn wahr.

 „Dichter“ – Der Roman von Katrin Askan fesselt und ergreift.
Und atemberaubend aufs Neue: Johannes Kühn.

Katrin Askan lebt und arbeitet in Berlin, ihrer Geburtsstadt, die damals noch geteilt war. Mit 20 flüchtete sie vom einen zum anderen Teil und studierte an der Freien Universität Germanistik und Philosophie. Während dieser Zeit war sie immer wieder in Schweden und debütierte 1996 mit A-Dur. Es erschienen weitere Romane und Erzählungen: 1998 Eisenengel, 2000 Aus dem Schneider, 2002 Wiederholungstäter, 2009 Aufs Spiel gesetzt, für die sie zahlreiche Preise erhielt.

Burkhard Jahn, geboren in Hildesheim, lebt heute als Autor bei Zürich. Er studierte Germanistik und Kunstgeschichte in Hamburg, wirkte als Schauspieler, Regisseur und Drehbuchautor. Unter anderem sind von ihm „Requiem für A.R.“ (2018) und „Der Weg an der Sarca“ (2017) erschienen. 

Beitragsbild © Thomas Grünholz 

Martin Maria Kohtes und Michael Kohtes «Die Seligen – oder Die letzten Tage der Spezialdemokratie», Elsinor

Keine Frage: Der Humor dieses schelmischen Romans ist rheinisch. Und was die Brüder Kohtes – zu einem großen Teil als einen Austausch von Mails – in frappierender Sorglosigkeit erzählen, versetzt die Leserschaft immer wieder in eine Art Kir-Royal-Atmosphäre innerhalb eines obergärigen Kölsch-Biotops. Die Zeit erlischt, das Leben glimmt auf. Und der Himmel drückt ein Auge zu. Und – sei hinzugefügt – nicht nur der Himmel.

Wie war’s doch noch schön!
Gastrezension von Burkhard Jahn*

Die ersten Sätze öffnen die Tür zu einer eindeutig lebensbejahenderen Variante einer Bar mit Disco-Betrieb, als sie das heutige Clubwesen vorführt. Man kann sich an der Theke noch unterhalten und ein Lebensgefühl zelebrieren, wo das Schelmische noch auf dem Charakter von Landschaft und Idiom wurzelt. Im Mailaustausch der Erzähler, eben des Bruderpaares, blühen die Vorfahren auf, deren antiquierter, zunehmend verschroben wirkender Habitus dem tausendjährigen Ansturm des Ungeschlachten standgehalten hatte.

Teufelsmal der fiebrigen Meinungsbeteuerung

Und damit ist ein Erzählduktus gesetzt, der aus der Possenhaftigkeit des menschlichen Daseins keinen Hehl macht und somit noch nicht infiziert ist von all dem Gift späterer woker Launeverderbung. Die einen der dramatis personae hier kommen aus Russland, die andere aus Israel, der DJ aus der Karibik. Und so ist es nun mal. Selbst das Großbürgerliche, ohnehin wie alles in dieser milde betrachteten Welt Spielball der Geschicke, trägt nicht das Teufelsmal der fiebrigen Meinungsbeteuerung.

Jedem Jeck sing Kapp lautet die unausgesprochene und doch uneingeschränkt gültige Verabredung. Und dass nebenbei die Vokabel verklugfideln plötzlich – wie ein seltener, für ausgestorben gehaltener Schmetterling – in diesem Text in aller Selbstverständlichkeit aufersteht, wärmt das Herz. Genauso wie die Serenade für Zwischengas des im Stau stehenden Zuhälterschlittens und jene Szene, in der im Regenguss bei jedem Wagen, der durch die Pfützen fährt, die herausgeworfenen Kippen auf der Pfütze schaukeln wie Fischerboote in aufgewühlter See.

Die Autoren wissen ihre Preziosen zu setzen. 

Martin Maria Kohtes und Michael Kohtes «Die Seligen – oder Die letzten Tage der Spezialdemokratie», Elsinor, 2026, 190 Seiten, ISBN 978-3-939483-86-1

Durch diese „letzten Tage der Spezialdemokratie“, wo Felix, der Barkeeper für seine jüdische Freundin in aller selbstverständlichen Ironie beider ihr bad goy ist, tanzen eindeutig sorglosere Figuren als jene unserer Tage in unserer Demokratie. Und die Personnages des schelmischen Romans – Hacki, Hanna und Jan, unsere Arbeitsnomaden aus Portugal und die Berliner Blase, sogar Lotte aus Montreal – sie kehren immer wieder treulich zurück wie die Lachse zur Quelle. Die in der Fremde erwähnen lieber nicht ihre Anflüge von Heimweh, die anderen beschweigen ihre unerfüllten Träume. Und doch vereint sie die gemeinsame Geschichte des Vergangenen.

Die Überhitzung der Vereinheitlichungspostulate in zu entwurzelnder Welt hat in dieser so jungen Vergangenheit noch nicht Fuß gefasst. Da sind andere Probleme zu klären:
Einmal die Vaterschaft einer nun annähernd erwachsenen jungen Frau, deren Mutter, anstatt sich um eindeutig geklärte Vaterschaft zu bemühen, erst einmal mit wachsender Leibesfrucht nach Berlin entflohen war, bis sie mit eben jener nun erwachsenen Tochter zurückkehrt.
Zu einer Zeit zurückkehrt, da gerade zu Beginn der Geschehnisse ein Husky namens Flicka von seinem depressiven Herrn in der Bar zurückgelassen wurde. Man kümmert sich um den Hund. Sein Herr dagegen nimmt ein suizidales Ende.
Doch bleibt ansonsten das Biotop der Zugereisten, der Eingemeindeten und der sorglosen Weltwanderer in einer so unangezweifelten Selbstverständlichkeit, in einer so märchenhaften Friedlichkeit, dass diese noch so junge Vergangenheit zur schönsten Utopie wird. Ist diese Vergangenheit doch aus den so rheinisch gutmütigen Bürgerszenen der Vorfahren in diese Dekade der „Spezialdemokratie“ hineingewachsen.

Kiffend dem Leben stellen

Wir sehen eine Utopie, in der das Urbane mit dem Ländlichen verwoben ist, das Heimatliche mit dem Metropolitischen. In all das übrigens reicht bereits die E-Zigarette als Brandmal des Kommenden hinein. Aber das Komödiantische, das Schwebende des generellen Duktus vermeidet jegliche Gefahr des Kitsches, man kifft und schnupft munter zuzeiten und stellt sich gleichwohl dem Leben.
Jedoch: Das Wort Rassismus kommt im Buch nicht ein einziges Mal vor. Die Erzählform korrespondierender Mails erlaubt das Entfalten von Parallelgeschichten an anderen Schauplätzen, da steht mal Bamberg mit Gesprächen über Boxkämpfe im Licht, mal die Geschichte der zivilisationsflüchtigen europäischen Maori-Ehefrau. Und einmal am Lagerfeuer erzählt ein zufällig getroffener Tramper, dass kein Geringerer als Charles Manson, der Mörder der Polanski-Gattin Sharon Tate, sein Vater sei.

Und es erlauben sich die Autoren, die beide im Metier zuhause sind – der eine lange Zeit beim WDR als Literaturredakteur, der andere als Dozent und als Ghostwriter – ein wohltuendes Apercu auf gewisse preisgekrönte Literatur und auf deren so jäh aufgeploppte wie absurd zerplatzende Seifenblasenhaftigkeit. Da kommt der verbitterte Zeitgenossene der unmittelbaren Gegenwart hübsch auf seine Kosten. Ein bisschen Bosheit darf ja auch mal sein.

Wo sonst das Ländliche mit Vogelhäuschen, Kohlmeisen, Hunden und Katzen auch in hübsches Recht gesetzt wird, und eine Zahnärztin der frühen Kindheit nach Jahrzehnten ohne Begegnung den Erwachsenen in aller Unbefangenheit begrüßt, als sei er gestern dagewesen und traulich wie das Kind von einst. Das ist rührend. Ja. Damit ist es nicht falsch. So wie das ganz Reale seinen Auftritt hat mit Inge Jens und dem einbeinigen Onkel Willi. Ein Buch, das guttut.
Dem Rheinischen sei Dank!

Michael Kohtes lebt als Schriftsteller und Journalist in Köln. Er veröffentlichte essayistische Prosa, Lyrik und zuletzt die Tagebuch-Collage 365 Tage – Ansichten von K. Das WDR-­Publikum kennt ihn u.a. als langjährigen Moderator des Literaturgesprächs Zeichen & Wunder. Für seine Arbeit erhielt er diverse Preise und Auszeichnungen.
Martin Maria Kohtes ist Theaterwissenschaftler und Philologe. Nach dem Studium in Berlin, Paris und New York lehrte er in Köln sowie in Berlin. Zu seinen Veröffentlichungen zählen Guerilla Theater und Besser schreiben. Er lebt heute als Autor im Rheinland.

*Burkhard Jahn, geboren in Hildesheim, lebt heute als Autor bei Zürich. Er studierte Germanistik und Kunstgeschichte in Hamburg, wirkte als Schauspieler, Regisseur und Drehbuchautor. Unter anderem sind von ihm «Requiem für A. R.» (2018) und «Der Weg an der Sarca» (2017) erschienen.

Beitragsbild © Ulrike Brincker

Doris Konradi «Aber die Insel», Elsinor

Monte Sano, eine Insel weit draussen im Atlantik, ein einziges Hotel über einer Bucht, zu erreichen nur mit einer Fähre. Paula hat tief in die Tasche gegriffen, um dort hin zu kommen, möglichst weit weg von dem Schlamassel, aus dem sie sich zuhause nicht mehr zu winden wusste. Eine Reise, weit über die Grenzen hinaus.

Paula ist Richterin und nimmt sich eine Auszeit. Vielleicht auch ein bisschen mehr als eine Auszeit. Vielleicht auch nicht bloss eine Auszeit von alldem, was sie immer weniger frei atmen liess. Kurz bevor sie ihre Sachen packte, machte man ihr auch noch den Vorwurf, ihr fehle es an Empathie. Ausgerechnet. Und da war auch noch Henrik. In maximaler Distanz will sie ihre gebeutelte Seele baumeln lassen, die Sonne geniessen, ein Buch lesen, ein bisschen spazieren.

Das Hotel auf der Insel ist in die Jahre gekommen, obwohl man davon im Hotel selbst nichts merkt. Nicht einmal 40 Zimmer, ein ausgesuchtes Unterhaltungsprogramm, Gastronomie vom Feinsten, die Insel ein einziger Garten. Auf der anderen Seite der Insel soll sich eine Forschungsstation befinden, abgeriegelt, von der Hotelseite her nicht zu erreichen. Und weil das Hotel der einzige Grund ist, hierher zu kommen, bleibt der Steg in der Buch auch meistens leer. Aber Paula langweilt sich schnell. Mag sein, dass es an daran liegt, dass sie allein angereist ist, dass sie keine Lust verspürt, an den organisierten Geselligkeiten teilzunehmen, dass sie gar niemanden kennenlernen will, dass sie ihre Ruhe haben will. Zur Langeweile gesellt sich der Frust darüber, dass Paula genau spürt, dass die grösstmögliche Distanz nur ein dumpfer Versuch ist, etwas zurückzulassen, was man doch überall mit sich herumschleppt. Irgendwann fügt sie sich in den Hotelrhythmus, weil sie merkt, dass sie hier nicht finden wird, worauf sie hoffte. Ausser den wenigen Momenten in jener Bucht, etwas vom Hotel entfernt, im leisen Schauer einer undeutlichen Bedrohung.

Doris Konradi «Aber die Insel», Elsinor, 2022, 200 Seiten, CHF 29.90, ISBN 978-3-942788-69-4

Aber dann plötzlich überstürzen sich die Ereignisse. Paula versäumt die ausgemachte Fähre zurück aufs Festland. Weil ihr Zimmer bereits wieder vermietet ist, wird sie in eine leeren Personalzimmer einquartiert. Und als sie nach einer langen Nacht aufwacht, ist nicht nur das Fenster von einem eigenartigen Niederschlag trübe, sondern das ganze Hotel leer. Aus einem nicht beschlagenen Fenster sieht sie, dass kein Blatt geblieben ist, die ganze Insel von einer Art Schnee bedeckt, alle Bäume kahl und die Sonne nur durch einen Schleier sichtbar. Irgendetwas musste passiert sein. Man hatte das Hotel evakuiert – und sie vergessen.

Weil Paula annehmen muss, dass alles ausserhalb des Gebäudes lebensfeindlich geworden ist, bunkert sie sich ein, stets in der Hoffnung, irgendwann werde irgendwer auftauchen, um sie zurück in ihr Leben zu bringen. Aber niemand kommt. Nach Wochen ohne jeglichen Kontakt zur Aussenwelt macht sich Paula mit dem was an haltbarem Proviant übriggeblieben ist auf auf die andere Seite der Insel. Hin zu dieser Forschungsanstalt, 100 Kilometer quer durch ein totes Eiland, stets mit der Angst, sich mit zu vergiften. Ein Tripp, der mit schwindenden Vorräten zu einem Tripp in den flirrenden Wahrnehmungen zwischen Wahnsinn, Panik und Momenten glasklarer Einsichten wird. Und in ebenjener unwirklichen Umgebung begegnet sie den Geistern unmittelbar, vor denen sie mit ihrer Reise zu Beginn entfliehen wollte.

Doris Konradis Roman „Aber die Insel“ ist kein Abenteuerroman, und doch ist er einer. Ein Abenteuer einer Verwandlung. Paula beginnt sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, ultimativ. „Aber die Insel“ ist keine Robinsonade, und doch ist er eine, eine Gestrandete, Ausgesetzte, Verlorene, Vergessene. „Aber die Insel“ ist auch kein Endzeit- oder Ökoroman, aber vielleicht doch. Paula erfährt nach und nach, was die Gründe für die Zerstörungen, das ausgelöschte Leben auf der Insel sein müssen. Paula wandelt sich zu einer anderen. In den Monaten auf der Insel ändert sich alles, am meisten in ihr selbst.

Ich nahm das Buch rein zufällig in die Hand, begann zu blättern und hätte es nach nicht einmal einer Seite auf die Seite gelegt. Aber ich blieb hängen, erstaunt, beeindruckt, verblüfft. Doris Konradis Roman ist sprachlich überzeugend ohne Irritation konstruiert, eine Reise in die Tiefe ohne störendes oder effekthaschendes Beigemüse. Ein Roman, der ein Wagnis beschreibt, ein Roman mutig geschrieben!

Interview

Inselgeschichten, in der Literatur oder im Film, haben eine lange Tradition und strahlen ungeheure Faszination aus. Nicht zuletzt darum, weil das Geschehen auf einen scheinbar überblickbaren Kleinkosmos reduziert wird. Was war die Initialzündung zum Schreiben dieses Romans? Eine „Inselerfahrung»?
Mehr als die Insel stand am Anfang des Schreibens das Urlaubshotel im Vordergrund. Ein Ort des Luxus‘, der in seinen Abläufen überall auf der Welt ähnlich ist. Sich etwas leisten, den Urlaub, eine Auszeit, das gute Leben in exotischer Umgebung, ist zu einem Credo unserer Lebensweise geworden. Viele haben diesen Wunsch, aber global betrachtet bringt uns diese Art zu denken in eine zunehmend ausweglosere Lage.

Eine junge Frau flieht vor ihrem Leben. Sie ist Richterin. Doch eigentlich eine Aufgabe, mit der man Ordnung in eine Schieflache bringen soll. Ausgerechnet sie, die sich in maximale Distanz zu ihrem bisherigen Leben zu bringen versuchte, kämpft sich auf einer Insel durch ein aus allen Fugen geratenes Gleichgewicht, quer durch eine Insel, auf der die Apokalypse einbrach, alles Leben ausgelöscht wurde. Sie begrenzen die Katastrophe auf eine Insel. Von einer Insel kann man sich retten. Von der Erde kaum. Wollten Sie ihrer Protagonisten die eine Chance nicht verwehren?
Es ist richtig, dass ich offene Enden mag, es gern dem Leser, der Leserin überlasse, welche Schlüsse gezogen werden. Das ist vielleicht die Hoffnung, ohne die ich selbst nicht leben möchte, die Hoffnung darauf, dass der Mensch grundsätzlich in der Lage ist, Lösungen zu finden. Inzwischen liegt mir eine endzeitliche Klimadystopie und Naturzerstörung zu nah an dem, was wir in der Realität erleben, um darüber zu schreiben. Über reale Politik mag ich oft gar nicht nachdenken, als Schriftstellerin brauche ich diese Hoffnung.

Viele Bilder aus Ihrem Roman sind archetypisch. Eine Inselidylle, ein Mensch kämpft sich allein durch die Katastrophe, allein in einem Hotel, die Welt im Würgegriff derer, die sich über die Ordnung der Natur hinwegsetzen… Ihr Roman ist eine Versuchsanordnung: Was passiert mit einem Individuum, wenn man aller Sicherheit beraubt wird. Das sind existenzielle Fragen. Fragen, die mit weltweiten Pandemien und Klimaängsten nachvollziehbar sind. Sind wir letztlich mit uns allein?
Es wird viel von individueller Freiheit gesprochen, dazu gehört auf der anderen Seite auch das Alleinsein. Doch oft fehlt der Mut, es für sich selbst zu bejahen und Verantwortung zu übernehmen. Meistens höre ich „die Politik“ muss etwas tun, „der Staat“ ist in der Pflicht. Hinter diesen Phrasen kann man sich als Individuum gut verstecken. Ich finde es wichtig, das Denken nicht zu begrenzen, was auch beinhaltet, sich seinen Ängsten auszusetzen und Sicherheit nicht als selbstverständlich anzusehen.

Schon als Zitat vor Ihrem Roman steht ein Satz von Wolfgang Herrndorf; „Als Gegensatz zur Zivilisation wird oft Barbarei genannt, doch ein passendes Wort wäre im Grunde Einsamkeit». Viele Menschen haben während der Pandemie erfahren, was Einsamkeit bedeutet. Wie nahe sie an der „Zivilisation» ist, wie schnell wir in Einsamkeit hineinfallen, auf eine Insel in uns selbst. Wir leben zwar in einer Welt, die so fleissig kommuniziert wie noch nie. Gleichzeitig vereinsamen Menschen mitten drin. Ihre Protagonistin erwacht gleich mehrfach. Was müssen wir tun, dass wir aufwachen?
Das Zitat von Wolfgang Herrndorf drückt viel von dem aus, was mir beim Schreiben des Romans durch den Kopf ging. Zivilisation bedeutet, in einem Regelsystem mit anderen zu leben. Meine Protagonistin erlebt, dass diese Regeln nicht mehr gelten in ihrer Situation. Sie ist dadurch gezwungen, die Welt mit anderen Augen zu sehen als bisher, was auch frühere Entscheidungen in Frage stellt. Das, was wir Zivilisation nennen, ist stark positiv konnotiert, hat aber auch hingeführt, wo wir heute stehen. Einen Schritt zurücktreten und wahrnehmen, was geschieht lohnt sich in jedem Fall.

Ein Strand, ein Hotel, Sonne, gutes Essen, ein perfektes Unterhaltungsangebot – so, wie sich die meisten den perfekten Urlaub vorstellen. Und dann implodiert das Geschehen. Nichts erinnert an die Hochglanzidylle. Aus der Idylle, dem Paradies wird eine Hölle. Ist „Schreiben» so wie das „Lesen» nicht auch ein Fluchtversuch?
Für mich ist Fiktion – und Kunst überhaupt – keine Flucht. In der Fiktion kann ich genau diesen Schritt zurücktreten und damit vielleicht die Dinge klarer sehen. Nicht umsonst bekämpfen Despoten immer die Kunst in all ihren Ausdrucksformen, so auch die Literatur. Denken wir nur an Afghanistan, mit welcher Macht Frauen das Lesen vorenthalten wird. Jede Kunst kann subversiv sein oder zum Nachdenken anregen. Vor allem aber vermittelt sie ein Gefühl für das, was ist oder was sein könnte. Für mich kondensiert sich in der Fiktion die Essenz des Lebens.

Doris Konradi (1961) lebt als freie Autorin in Köln. Nach ihrem Abschluss als Diplomvolkswirtin wandte sie sich der Arbeit in kulturellen Organisationen zu, bildete sich fort in Drehbuchschreiben, tanzte viele Jahre bei der Wigman-Schülerin Katharine Sehnert, lernte Cellospielen. Dem Schreiben widmete sie sich nach der Geburt ihrer zweiten Tochter. Die erste Kurzgeschichte «Freunde von Lula» gewann den 3. Preis beim Bettina-von-Arnim Wettbewerb 2003. Danach folgte ihr Debütroman «Fehlt denn jemand». Seit 2014 interdisziplinäre Projekte mit Künstler:innen aus verschiedenen Bereichen. Für ihre Arbeit erhielt Doris Konradi zahlreiche Auszeichnungen.

Beitragsbild © Malin Kundi