Micha Friemel «Im Paradies» – ein Teaser zu ihrem Debüt «Ausser mir», Dörlemann

Ich wäre gerne ein simples Archiv mit einem ­anständigen Schredder. Doch mein Gedächtnis ist unerbittlich. Es ist alles da, es lässt sich nichts löschen. Es kehrt alles ständig zum Anfang zurück, und der Anfang war so: Als ich zur Welt kam, fiel meine Mutter in Ohnmacht.
Ich dachte oft, ich hätte alles geordnet. Doch immer stellte sich eine Erinnerung quer, blies sich auf wie ein Dschinn, verstellte den Blick, während dahinter die Ordnung erneut zu bröckeln begann.

Ich komme zur Welt, meine Mutter erstarrt, mein Vater steht dumm daneben. Ich fliege verloren im All. Da ist kein Komet, der mir den Weg weist. Da ist kein Mensch. Kein Vater, keine Mutter, die mich halten, während ich blau und zerdrückt den ersten Schrei von mir gebe.
Spricht meine Mutter über meine Geburt, klingt es immer, als handle es sich um eine kleine, absurde Episode in einem glücklichen Leben. Sie tauchte kurz ab. Ich kam gesund zur Welt. Es war nichts Schlimmes passiert. Doch die Wahrheit ist: Sie ist nicht kurz abgetaucht. Sie war gar nie da. Seit ich mich erinnere, ist sie erstarrt. Wenn sie spricht, bewegt sich ihr Mund, der Rest des Körpers ist nicht vorhanden.
Als ich klein war, erzählte sie mir, wie sie als Kind mit ihren Brüdern hatte Drachen steigen lassen. Ihre Tante hatte ihnen Pergamentpapier geschenkt, und sie hatten sich alle einen eigenen Drachen gebastelt.
»Mein Drache«, sagte sie, war himmelblau. »Er flog höher und höher, viel, viel höher als die meiner Brüder.«
Während sie sprach, bewegte sie sich, als flöge auch sie. Sie holte Schwung aus ihrer Hüfte, die Beine schlenkerten, als wären sie ihr Schweif. Dabei kam sie mir für einmal vor wie ein ganzer Mensch.
Fortan bat ich sie oft, mit mir Drachen steigen zu lassen. Sie fand, das sei am Bodensee unmöglich, es fehle der Wind. War der Wind da, sagte sie, es fehle die Weite. Als ich sie bat, mit mir an die Nordsee zu reisen, wo sie aufgewachsen war, verdrehte sie nur die Augen.

Doch eigentlich will ich nicht von ihr erzählen. Es geht hier nicht um meine Mutter.
Als ich das sage, habe ich natürlich sofort Anderson im Ohr. Klar, was er dagegen einzuwenden hätte. Aber um ihn geht es hier eben auch nicht. Es geht um Mattia und mich.
Liebesgeschichten brechen viel zu häufig vor ihrem eigentlichen Beginn ab. Auch im Film. Das Happy End tritt so unverhofft wie unvermittelt ein. Es wird ein pathetisches Lied eingespielt, vielleicht What a Difference a Day Makes, und alles wird leicht. Das gute Ende ist da und wird nie mehr enden. Nur weiß leider niemand, warum.
Wie sollen vierundzwanzig Stunden genügen, um ein trostloses Leben in ein blühendes Paradies zu verwandeln?

Frau Kaiser sagt, dass innere Veränderungen träge vonstatten gehen. Vor einigen Wochen habe ich ihr zum hundert­ fünfzigsten Mal erzählt, dass ich im Streit mit Mattia ausgerastet war. Ich fühlte mich furchtbar, doch darauf ging sie für einmal nicht ein.
»Warum«, fragte sie, »schaffen Sie es nicht, sich zu beruhigen, obschon Sie doch wüssten, wie es ginge?«
»Gute Frage«, erwiderte ich. »Hänge ich mir an den Kühlschrank.«
Frau Kaisers Frage setzte eine Erosion in meinem Innern in Gang. Als Mattia und ich uns kurz darauf erneut stritten, und nicht eben zivilisiert, versuchte ich mich zurückzuziehen. Doch dann kam Leni und mischte sich ein. Statt mich zu beruhigen, rastete ich komplett aus. Leni starrte mich an. Ihr Blick verriet, wie sie mich sah, und es war klar, was ich zu tun hatte: Ich packte meine Sachen und fuhr nach Vals.

Frau Kaiser sagt oft, dass es keinen Zweck hat, in größter Aufregung nach einer Lösung zu suchen. Also wollte ich in die Berge fahren und mich beruhigen. Ich wollte Blumen sammeln, in den Himmel schauen, lesen und wandern. Doch schon auf der Fahrt spulte ich ständig zurück, ging unseren Streit Satz für Satz erneut durch, korrigierte mich und fügte Neues hinzu. Mehrmals nahm ich mir vor, damit aufzuhören. Aber kaum hatte ich einen Punkt gesetzt, fing ich schon wieder an. Ständig zog ich mein Handy hervor und glaubte, Mattia schreiben zu müssen.
Wäre ich du, tippte ich etwa, ich würde mir Ruten brechen im Wald, mich wundprügeln oder mit dem Kopf gegen die Wand rennen, bis sie sich rot färbt. Ich würde mich selbst in den Brunnen tauchen vor meinem Haus, wieder und wieder, im Winter auch. Oder nach Grönland reisen und mich trotz Lungenentzündung zum Eisbad zwingen.

Frau Kaiser hat mir geraten, in ebenjenem Zustand nicht zu handeln, sondern auszuatmen, darauf zu warten, dass der vordere Teil des Gehirns wieder zu arbeiten beginnt. Ist nur der urzeitliche Teil aktiviert, bleibt uns nichts, als uns zu prügeln, zu fliehen und zu erstarren.
Ihr Rat ist ungemein nützlich: Es kommt nur noch selten vor, dass wir Tigern gegenüberstehen. Unseren Liebsten hingegen schon.

Ich löschte, was ich geschrieben hatte, steckte das Handy weg und versuchte, aus dem Fenster zu schauen. Die Halbinsel Au mit ihren hübschen Reben zog an mir vorüber. Bloß: Was interessierten mich Reben?
Ich war nie gut darin gewesen, wütend zu sein. Als ich zum ersten Mal richtig wütend wurde, war ich fünfundzwanzig. Ich schrieb im Zorn eine Rede und lernte sie auswendig, um auch wirklich zu sagen, was ich zu sagen hatte. Jene Zeilen fallen mir nun bei jedem Wutanfall ein, als hätte ich einen Kratzer in der Platte. Mattia würde das sofort bemerken.
»Haben diese Worte nicht ursprünglich Anderson gegolten?«, würde er fragen.
Wahrscheinlich würde er darüber lachen. Obschon: So wirklich sicher bin ich mir nicht. Vielleicht würde er mich auch erwürgen.

Leni besitzt für eine Vierjährige eine beachtliche Sammlung an Puzzles. Neulich donnerte sie im Zorn alle zu Boden. Danach war sie nicht in der Lage, die Teilchen wieder den richtigen Schachteln zuzuordnen, und ich hatte dazu keine Lust. Seither puzzeln wir nicht mehr, wir legen Muster. Die Teilchen der unterschiedlichen Puzzles passen perfekt ineinander, und die Bilder, die sich ergeben, sind ziemlich witzig: Ein halber Hubschrauber mit Pferdepo, darüber schwebend ein Stückchen von einem Bauernhof, ein Giraffenhals ohne Kopf.
So sind auch Menschen: Ein irres Puzzle aus Empfindungen und Reaktionen, die in anderer Kombination sinnvoll gewesen sein mögen. Erstaunlicherweise sind wir jedoch stets überzeugt, alles an uns, vom Pferdepo bis zum Giraffenhals, gehöre so und nicht anders.

Schon in Pfäffikon holte ich das Handy wieder hervor. Wäre ich du, tippte ich, ich hätte mich längst bei mir entschuldigt. Ich wäre mir nachgefahren. Ich hätte mich angerufen, das wäre das Mindeste.
Gleich ahnte ich Mattias Antwort: So kommt man nicht weiter. Wäre ich du, würde ich es lassen mit diesem kindischen Wäre-ich-du.
Ich habe die mühsame Angewohnheit, Dialoge im Kopf zu führen. Bei allem höre ich den Senf, den Mattia dazugeben würde.

Er fuhr mir nicht nach. Er rief mich nicht an. Er war überzeugt, nichts falsch gemacht zu haben. Er machte nie etwas falsch, brauchte sich nie zu entschuldigen. Ich schickte auch diese Nachricht nicht ab. Sollte er zur Hölle fahren.

Ein anderes Mal, als ich mich über Mattia ausgelassen hatte, nahm Frau Kaiser einen Schluck von ihrem Tee, lehnte sich zurück, als beginne damit der gemütliche Teil unserer Sitzung, und sagte: »Es ist alles andere als leicht, eine Beziehung zu führen. Genau genommen ist es das Schwierigste überhaupt. Wir müssen lernen, uns zu beruhigen. Wir müssen unserem Gehirn verständlich machen, dass wir nicht mehr in der Wildnis leben.«
Daran musste ich auf meiner Fahrt denken.
Wir kämpfen mit Tigern, tippte ich, den Blick in die Glarner Berge gerichtet. Ich bin deiner, Mattia. Du bist meiner.
Ich schickte auch diese Nachricht nicht ab. Ich hatte keine Lust auf die Antwort: Du verhältst dich nun einmal wie ein Tiger. Da ist es nur vernünftig, dich als solchen zu behandeln.
In Mattias Kopf gäbe es ganze Vitrinen zu besichtigen, die mit meinen Untaten gefüllt sind.
Ich schaute zwar aus dem Fenster, aber ich schaute nicht hin. Sogar der schöne Walensee zog an mir vorüber, als sei er nicht da.
Ich hatte nur das Nötigste eingepackt: Mein Handy, das Ladekabel, Ersatzkleider, Zahnbürste, Zahnpasta. Aber eben auch: einen Berg alter Notizen und vier Kilo Reis.
Nik lachte mich aus, als ich es ihm erzählte.
»Es ist wieder soweit«, sagte er betont ernst. »Du steckst in einer veritablen Reiskrise.«
Erst begriff ich nicht, was er damit meinte. Ich musste ihm irgendwann davon erzählt haben, dass ich in der Zeit vor der Klinik nicht mehr aus dem Haus gegangen war und mich wochenlang von Reis ernährt hatte. Auch die Anderson-Geschichte war ihm bekannt.
Nik reichte mir den Schlüssel. »Soll ich mitkommen?«, fragte er.
Ich schüttelte den Kopf. »Ich brauche Ruhe.«
»Willst du erzählen, was passiert ist?«
»Nicht jetzt.«
»Geht es den Kindern gut?«
Ich nickte. »Mattia ist bei ihnen. Ich habe ihnen gesagt, ich fahre zur Recherche weg.«
Nik lachte. »Recherche. So kann man das auch nennen.«

Vier Stunden später war ich in Vals. Nik besitzt dort ein kleines, schickes Tiny House. Er hat es für sich gebaut, schämt sich aber dafür, dass ihm das Geld dazu in die Wiege gelegt worden ist. Deshalb vergibt er es großzügig an Freunde. Mattia, die Mädchen und ich hatten den ­ vorigen Sommer dort oben verbracht. Ich hatte befürchtet, wir schlügen uns zu viert auf so engem Raum die Köpfe ein, und damit gerechnet, dass wir bloß zwei, drei Tage bleiben würden. Wir blieben drei Wochen.

Nun war ich allein. Doch fühlte es sich an, als bewohnten wir das Haus noch immer zu viert. Ich verstaute meine Kleider in der zweitobersten Schublade der Kommode. Die oberste gehörte noch immer Mattia, die dritte Leni und die unterste Sophie. Die Notizhefte legte ich auf den Tisch, den ich auch letztes Mal zum Arbeiten benutzt hatte. Das Tischchen unter dem Fenster wirkte nach wie vor besetzt. Vor einem Jahr hatte Mattia sich die hübschere Aussicht ergattert.
»Ich war so freundlich, dir den größeren Tisch zu überlassen«, hatte er sich gerechtfertigt.» Den brauchst du doch für deine Ordnung.«
Tatsächlich mache ich ständig Auslegeordnungen, und kein Tisch ist dafür je groß genug. Würde ich ein Haus bauen, es bestünde aus lauter Vorsprüngen, Sideboards und kleinen Einbuchtungen, um Dinge abzulegen.

Ich legte mein Nachthemd aufs Bett. Nur ein knappes Jahr war es her, da hatten Mattia und ich dort gelegen, Gesicht an Gesicht auf seinem Kissen. Er streichelte meinen Rücken.
»Es ist ein Wunder, dass wir zusammen sind«, hatte ich gesagt.
»Wie meinst du das?«
»Wir sind nicht einfach«, gab ich zur Antwort. »Wir hatten beide eine schwierige Kindheit. Wir haben uns das Leben mit einer Dreierbeziehung verkompliziert.«
Mattia stöhnte: »Die Geschichte mit Silvie ist hundert Jahre her.« Er hörte auf, mich zu streicheln.
Ich ging nicht auf seine Bemerkung ein. »Allein die Psychose wäre ein passabler Trennungsgrund«, fuhr ich stattdessen fort. »Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Paar sich einer Psychose wegen trennt, steht bei über achtundneunzig Prozent.«
»Woher weißt du das so genau?«
»Wikipedia, glaube ich.« So genau wusste ich es auch nicht.
Mattia setzte sich auf.
»Nimmst du Reißaus? Ich bin dabei, dir eine Liebeserklärung zu machen.«
»Liebeserklärung? Du bist dabei, Probleme aufzuzählen.«
»Eben: Es sind viele, und wir haben alle gemeistert. Wir sind Helden.«
Mattia stand auf. »Ich habe dich geheiratet«, sagte er. »Ich gehe ohne Frage davon aus, dass wir zusammengehören. Das ist kein Wunder, das ist eine Entscheidung.«

Vielleicht hat er Recht, dachte ich nun, während ich Reis zu kochen begann, vielleicht war es keine ­ Liebeserklärung gewesen. Die Wahrheit ist, dass ich in guten Phasen stolz darauf bin, wie wir unsere Schwierigkeiten zu meistern vermögen. In schwierigen Zeiten sehe ich genau jene Probleme als Grund dafür, dass wir scheitern. Es gibt so viele Steine, die sich unserer Beziehung in den Weg legen. Die größten habe ich noch nicht einmal aufgezählt.
Während der Reis quoll, starrte ich auf mein Handy. Ich wartete noch immer auf eine Nachricht von Mattia. Ich konnte nicht aufhören, darüber nachzudenken, was passiert war. Und die Erinnerungen, nicht eben faul, schienen in ihrer Flasche nur darauf gewartet zu ­haben, emporzusteigen. Die Geschichte mit Silvie tauchte mehrmals in meinen Gedanken auf. Als ich danach krank wurde, dachte ich, ich sei verrückt geworden. Doch das wirklich Verrückte ist, dass ich am Ende feststellte, dass ausgerechnet die Psychose richtiggehend vernünftig war.
Mein Handy leuchtete auf.
Es war Nik. »Alles ok?«
»Ja. Bestens. Dein Tiny Häuschen ist ein Paradies. Danke!«
Ich setzte mich auf die Veranda. Nik hat sie als Steg gebaut, der direkt aus dem Wohnzimmer ins Blumenmeer ragt. Ich aß Reis, blickte hinunter zu den Ställen und zur Kapelle. Nichts störte das Idyll. Das Häuschen war perfekt platziert. Über dem Dach der uralten Kapelle war nur der Himmel, und über den Dächern der Ställe waren nur Berge, grüne, saftige Berge. Als wäre das nicht genug, schoss mitten aus dem Grün ein Wasserfall hervor in einem Blau wie aus der Karibik. Ich musste lachen. Ich saß wirklich im Paradies.

Ich hätte gerne Mattia angerufen und gesagt: Lass uns löschen, was bisher geschah. Wir fangen neu an.

Ich rief ihn nicht an. Ich hatte mir Funkstille verordnet.

Micha Friemel «Ausser mir», Dörlemann, 2026, 272 Seiten, ISBN 978-3-03820-203-5, erscheint am 20. August!

Micha Friemel, 1981 geboren, studierte Geschichte und Germanistik in Basel und Literarisches Schreiben in Biel. Sie lebt in Sta. Maria Val Müstair. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Tim Krohn, kümmert sie sich um ihre vier Kinder und die Chasa Parli, eine kleine Pension für kreativen Rückzug. Ihre zwei Bilderbücher «Lulu in der Mitte» und «Oma Erbse», illustriert von Jacky Gleich, sind bei Hanser erschienen. Beide wurden vom Deutschlandfunk unter die »Besten 7 Bücher für junge Leser« gewählt, und «Lulu in der Mitte» war 2020 für den Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreis nominiert.

Micha Friemel «Kompost», Plattform Gegenzauber»

Beitragsbild © Nina Mann

Ein Haus mit weit offenen Türen – das Haus Parli

Schreiben Sie? Sind Sie künstlerisch tätig? Suchen Sie einen Ort des kreativen Rückzugs? Eine Woche oder länger? Gar Monate? Im Sommer, wenn die dicken Mauern kühlen oder im Winter, wenn der Schnee alles schluckt? Das Haus Parli ist genau das richtige! Und alle, die einmal dort waren, tragen die Sehnsucht nach einer Wiederholung ein Leben lang mit sich!

Am äussersten Zipfel der Schweiz steht das 400jährige Chasa Parli in Sta. Maria, dem zweitletzten Dorf vor der italienischen Grenze. Wer das ehrwürdige Gemäuer durch den Eingang an der Strasse betritt, steht auf einem massiven Holzboden, wo einst Fuhrwerke durch das Tor hindurch fuhren, wo es nach Pferden roch, Soldaten ihre Gewehre an die Wand lehnten, Frauen den Schweiss mit dem Schürzenzipfel von der Stirn wischten.

Micha Friemel, die Gastgeberin erzählt, dass sie dereinst in der kleinen Wohnung im Erdgeschoss wohnen möchte, wenn die Kinder flügge geworden sind. Die Gastgeberin ist jung, trägt ihr jüngstes Kind auf dem Rücken, hat uns einen Laib Brot gebracht, selbst gebacken, mit Dinkelmehl. Sie habe als Stadtkind alles lernen müssen; die Arbeit im Garten, das Überwinden der Abscheu vor allem, was kreucht und fleucht, die Pflege eines alten Hauses, das Hinnehmen von immer neuen Rissen in den alten Mauern.

Im Haus sind es auf drei Etagen neben einer Wohnung fünf Gästezimmer, die einen mit Wohn- und Arbeitsstube und Schlafkammer, die andern schlicht, mit Bett, Tisch, Stuhl und Schrank, aber jedes mit Geschmack eingerichtet, als wären die Zimmer über Jahrzehnte zu dem geworden, was sie heute sind; Arbeits- und Rückzugsorte zur Kreativität, Einkehrklausen, Stützpunkte, Schaltzentralen für das eigene Selbst, Schnittpunkte all jener Spuren und Stränge, die gebündelt werden wollen. Zimmer, die etwas versprechen, die tragen, schmeicheln. Zimmer, die Geschichten erzählen, Stimmen verstärken, Flügel wachsen lassen. Dazu eine Küche wie für eine Grossfamilie, ein Mittelgewölbe mit langem Tisch, vielen Stühlen und einem Fenster gen Südwesten, auf dessen zweigeteiltem Sims man seinen Kaffee mit Sonne geniessen kann, das einem an ein Fenster in einer Burg erinnert, einer Flucht- und Trutzburg. Und ganz oben mit einem Lese- und Arbeitszimmer, wo eine Gitarre wartet, ein grosser Tisch und ein Bücherschrank, der unter anderem auch vom Leben in vergangenen Zeiten erzählt.

So wie alles in diesem Haus erzählt, stimmhaft und stumm. So wie die Porträts ehemaliger Bewohnerinnen und Bewohner, solchen mit Namen und Namenlose, so wie die Karten im Büro, auf denen Knechte, Mägde, Soldaten und Bäuerinnen in ungewisse Zukunft schauen, so wie der Schreibtisch, der einst im Kontor einer Bank stand, im Haus der Gastgeber, dem Wohnhaus der Familie Krohn und Friemel. 

Tim Krohn und Micha Friemel versichern, es brauche keinen Schlüssel. Es braucht keinen Schlüssel. Das Haus ist ein Schlüssel, der Garten auf der anderen Strassenseite, selbst die Jukebox mit Titeln aus einem ganzen Jahrhundert. Lässt man der Musik freien Lauf, ploppen Bilder auf, entschlüsseln geschlossene Räume.

Die Mauern sind dick, die Böden und vertäferten Wände aus altem Holz, die Kachelöfen abgegriffen und voll mit Spuren von Leben. Alte Truhen, Tische, Stühle und Schränke, Lampen wie zu Grossmutters Zeiten. Auf der Ovomaltinebüchse in der Gemeinschaftsküche steht noch kein Hinweis auf einen grossen, weltumspannenden Multi und die Eisenringe an den Decken einiger Gästezimmer verraten, dass die Räume einst ganz anderen Zwecken dienten, als KünstlerInnen einen kreativen Rückzugsort zu bieten.

Alles an diesem geistvollen Haus erzählt Geschichten. Und wenn nicht Geschichten aus der Vergangenheit, dann evozierte Geschichten aus den Köpfen der Gäste. So wie das leise Ticken der Küchenuhr, das bei mir in Kombination mit dem Knarren der Dielenbretter an die Wochen erinnert, die ich in drei verschiedenen Kapuzinerklöstern verbrachte. Alles erzählt Geschichten. Und wenn Tim Krohn, der Gastgeber und Schriftsteller, Vater und Gärtner, Hausmann und Geschichtensammler zu erzählen beginnt, öffnen sich überall Fenster, Türen und Räume, weht mit einem Mal ein Wind aus den Tiefen der Zeit. Geschichten sind dann viel mehr als blosse Unterhaltung, profanes Futter zum Zeitvertreib, sondern Elixier, Lebensatem, Fundament und Baustoff in die Zukunft.
 
Micha Friemel, die uns an einem Sonntag Morgen aus ihrem noch unveröffentlichtem Romanmanuskript, dann aus einem erhellenden Essay aus dem Sammelband «Geographie der Freiheit», in dem sich Micha Friemel neben anderen AutorInnen Gedanken zu John Bergers Essay «Fellow Prisoners» machte und kleinere Texte vorlas, bringt mit einem Satz auf den Punkt, worum es bei der Literatur, beim Schreiben gehen muss und soll:
«Es gibt zwei Dinge, die uns davon abhalten, Hamsterräder zu drehen: Freunde und Bücher.»

Webseite Haus Parli

Micha Friemel «Kompost», Plattform Gegenzauber

Ich esse Giannas After Eights. Ich war nur zwei Tage weg. Aber wie ich hier sitze, wie ich in der Küche sitze, wie still es hier ist, wie still ich es auszuhalten vermag – so kenne ich mich nicht. Es ist, als sitze hier eine andere. 

Gianna hatte mich wie verabredet angerufen. Ich hatte seit ihrer Abreise darüber nachgedacht, was ich sagen würde, wenn es so weit war. Ich mache das oft: Ich spiele im Voraus Varianten durch von Gesprächen, die ich beunruhigend finde. 

Als ich in Santa Maria aus dem Postauto stieg, ging ich wie selbstverständlich die Strasse hoch Richtung Umbrail. Ich hatte zur Sicherheit die Adresse gegoogelt. Es wäre nicht nötig gewesen. Als ich da war, erinnerte ich mich. 

Ich betrat Madlainas Haus. Ich blieb lange im Flur. Ich betrachtete die Aquarelle, die in einer langen Reihe hingen. Porträts von Bergen. Ich stand vor ihnen, als sei ich eigens gekommen, um sie zu betrachten. Ich hatte kalte Füsse. Die Tür wurde ständig geöffnet. Leute kamen, Leute gingen. Dann kam Gianna, sie nahm meine Hand. 

Es tut mir so leid, sagte ich. Immerhin hatte sie keine Schmerzen.
Gianna lachte. Hast du wieder einmal Sätze auswendig gelernt? Komm herein. Ich bin froh, bist du da. 

Da war die Stube, wie ich sie kannte. Da war das leise Zurren der Uhr, der Ofen, die Ofenbank mit dem gewobenen Kissen. Mein Blick floh aus dem Fenster. Draussen versammelten sie sich in der Kälte. Die Bäume und Wiesen waren weiss gepudert, dabei war erst September. Auch in Zürich hatte der Herbst sich verabschiedet. So plötzlich, dass man denken konnte, er bringe nur eben ein paar Gläser Eingemachtes in den Keller und kehre dann wieder. 

Letzte Woche noch hatten wir im T-Shirt im Garten gestanden. Gianna grub den Kompost um. Sie trug keine Handschuhe. Ich fragte sie nicht, ob sie sich ekelt. Es war offensichtlich, dass sie es nicht tat. Ich ekle mich nicht nur vor Würmern. Ich trage sogar Handschuhe, um Salat zu ernten. Ich hasse die Asseln, die sich unter den Blättern verstecken. Die Schnecken, die Tausendfüssler, im Grunde alle Vielfüssler – die Spinnen und Käfer.

Schau mal, wie hübsch, sagte Gianna und zeigte auf Nester von Schneckeneiern. In der dunklen Erde sahen sie aus wie silberne Perlen. Sie sammelte sie ein und verstreute sie am Wegrand, auf dass die Vögel sie frässen. Ich habe Gianna im Garten nie schimpfen gehört. Nicht einmal im letzten Sommer, als die Schnecken fast die ganze Salaternte weggefressen hatten.
Ich bin sicher, als Kind hast auch du Schnecken und Würmer gestreichelt, sagte Gianna.
Ich kann mich nicht erinnern.
Gianna sagte, das Kompostieren mache sie glücklich. Denk an den Mangold und an die Erdbeeren, die wir bald essen werden. 

In der Stube roch es nach Weihrauch. Ich lehnte mich an die Wand. Gianna lehnte sich an mich. Ich mochte Weihrauch nicht, so wie ich früher After Eights nicht gemocht hatte. Beides überwältigt mich, beides ist mir zu viel. Weihrauch zu viel an Bildern, After Eights zu viel an Geschmack. Doch hier in dieser Stube war Weihrauch nicht mehr als Rauch, der entsteht, wenn Harz brennt. 

Ich frage mich, was es ist. Warum neben Gianna alles so einfach ist. Sie hielt mir eine Packung After Eights hin und sagte: Zucker, Kakao, Fett, Minze, Salz. Es sind nicht so viele Bestandteile, dass sie dich erschrecken müssten. 

Wenn ich früher den Kompost wegbrachte, bemühte ich mich, die Abfälle nicht zu berühren. Ich hatte einen Plastiksack über den Eimer gespannt, den ich beim Entsorgen sorgsam ausschüttete und so faltete, dass meine Finger sauber blieben. Den Sack entsorgte ich danach im öffentlichen Abfall. Ich hätte ihn nie zurück nach Hause genommen. Schon so hatte ich das Gefühl, den Geruch nicht mehr loszuwerden. Ich roch die sich zersetzenden Abfälle noch lange. Einmal beobachtete Gianna mich dabei und sah mich an, als käme ich vom Mars. 

Beim Kompostieren letzte Woche hielt sie mir einen Maiskolben hin. Ich begriff nicht, was sie mir zeigen wollte, und wagte nicht nachzufragen. Es war mir peinlich, so wenig vom Gärtnern zu wissen. Hätte der Maiskolben nicht auf den Kompost gehört? Gianna legte ihn auf die kleine Mauer, die unseren Schrebergarten von den anderen trennt. Als sie sich wieder dem Haufen zugewandt hatte, ging ich hin und betrachte den Kolben. Man erkannte noch die einzelnen Kämmerchen der Körner. Sie waren durch filigrane Wände voneinander abgetrennt. Während die Kerngehäuse der Äpfel, ihre Schalen, die Zucchiniabschnitte, die Fenchelstängel, die Kürbiskerne, die Kartoffelschalen sich vollkommen zersetzt hatten, war der Maiskolben in Form geblieben. Ich war sonderbar berührt. 

In der Stube war es ruhig. Viel ruhiger, als ich es mir hatte vorstellen können.
Die Katze ist anders als sonst, raunte Gianna. Sie sass einer Statue gleich auf dem Stuhl neben der Tür, inmitten des Gedränges. Normalerweise flieht sie vor den Menschen. 

Madlainas Sarg war schlicht. Er war aus Arve oder aus Lärche. Aus irgendeinem Nadelholz jedenfalls. Innen war er wattiert und mit festem Leinen bezogen. Gianna hatte Madlainas Zöpfe frisch geflochten. Sie hatte sie auch angezogen, ihre Lieblingshose gewählt und ein schlichtes Hemd, darüber die Weste, die Madlaina fast täglich getragen haben soll. Gianna hatte ihr Kornblumen zwischen die Finger gesteckt. 

Als ich Gianna in Zürich kennenlernte, war ich neugierig, wo sie herkommt. Wir frotzelten, dass wir uns irgendwann zeigen würden, wo und wie wir aufgewachsen waren.
«Wir besteigen ein Raumschiff und reisen zurück auf unsere fernen Planeten.»
Gianna ist dermassen anders als ich. Bei all dem Vielen, was sie macht, scheinen ihr die Gedanken nie davonzufliegen. Sie kocht. Sie isst. Dann wäscht sie ab. Sie sagt, wenn sie nicht da ist. Sie schimpft, wenn sie wütend ist. Sie spricht mit mir. Sie schaut mich an. Sie sieht mich. Sie ist bei mir. Ich brauchte nicht lange mit Madlaina zu sprechen, um Gianna in ihr zu erkennen. Ich kenne sonst niemanden, der so genau spricht. Sie sind oft still. Aber wenn sie reden, ist es, als genössen sie jeden Vokal, jeden einzelnen Konsonanten. 

Meine Familie ist anders: Wir machen immer fünf Dinge zugleich und alle schlecht. Wir sind laut. Wir kommentieren, was wir machen, was wir gemacht haben. Wir sagen etwas und meinen etwas vollkommen anderes. Mein Vater rennt immerzu. Ausser er fährt Rad. Er ist stets besorgt, er könnte das Beste verpassen. Und Mama? Auch sie macht alles zu schnell. Sie verschluckt Worte. Sie führt ihre Sätze selten zu Ende. Als ich Gianna kennenlernte, war mir, als atme ich zum ersten Mal aus. 

Während ich Madlaina betrachtete, versuchte ich, meine Hände ruhig zu halten. Da war immer ein Zucken. Ich versuchte, still zu stehen. Ich versuchte, beide Füsse gleich zu belasten. Meine Beine standen ruhig. Nur was mache ich mit meinen Händen? Ich faltete sie probeweise wie zum Gebet. 

Ich würde das Aussprechen von Konsonanten auch gerne geniessen.
M-A-D-L-A-I-N-A. Es ist sonderbar, den Namen einer Toten zu denken. Es ist, als hätte etwas den Namen verlassen. Als sei da nur noch ein bleiches Buchstabenskelett. 

Der Pfarrer sprach den letzten Segen. In Gedanken legte ich Mama in den Sarg. Meinen Vater. Meinen Bruder. Und mich selbst. 

Ich hätte mir gewünscht, die Stille aushalten zu können. Nichts sagen zu müssen. Ich schaffte es nicht. «Sie sieht zufrieden aus.» Danach kniff ich die Lippen zusammen. Ich streichelte Giannas Hand. Ich hörte uns atmen. 

Vier Männer in dicken Daunenjacken betraten die Stube, sie hoben den Deckel und verschlossen den Sarg mit dicken Schrauben. Sehr hübschen Schrauben. Jemand schluchzte. 

In einem solchen schlichten Sarg will ich irgendwann liegen. (Wenn sich das Sterben schon nicht vermeiden lässt.) 

Wir gaben Madlaina das letzte Geleit. Die Kirchenglocken läuteten. Ich ging neben Gianna. Auch auf dem Friedhof stand ich neben ihr. Sie senkten den Sarg ab. Es war nicht meine erste Beerdigung. Aber zum ersten Mal in meinen Leben hatte sie nichts Surreales. Zum ersten Mal floh ich mich nicht anderswo hin. Nicht in den Himmel. Nicht zurück. Da war Holz. Hinter dem Holz lag Madlaina. Da war ein Loch in der Erde. Das Loch war an einer Stelle zu eng. Sie hoben den Sarg an den Seilen nochmals hoch. Einer nahm die Schaufel. Er grub kurz und energisch. Danach passte der Sarg in das Loch. 

Gianna löste sich aus meiner Umarmung, sie machte einen Knicks. Sie liess die Lilien aus ihrer Hand aufs Grab hinabfallen.
Ich zog die Handschuhe aus und schüttete etwas Erde auf den Sarg. 

Der Tod war hier dermassen beiläufig. 

Jetzt mag ich After Eights. 

Micha Friemel, geboren 1981 in St. Gallen, hat in Basel Deutsch und Geschichte sowie in Biel Literarisches Schreiben studiert. Heute lebt sie mit Mann und Kindern in Santa Maria Val Müstair. Nebenbei führt sie eine kleine Pension für «kreativen Rückzug» (www.chasa-parli.ch). Mit ihrem Text «Kompost» hat sie 2019 den Schreibwettbewerb Open Net der Solothurner Literaturtage gewonnen. Im kommenden Frühling erscheint ein Kinderbuch von Micha Friemel zusammen mit der Zeichnerin Jacky Gleich bei Hanser!

Beitragsbild © Nina Mann

Lea Frei zeichnet an den Solothurner Literaturtagen

Lyrikerin «Auch Götter haben Gärten»

Schriftsteller, Lyriker «Mund und Amselfloh»

Moderator und Autor

Ruth Schweikert, Schriftstellerin «Tage wie Hunde»

Viola Rohner, Schriftstellerin «42 Grad»

Rolf Hermann, Schriftsteller «Flüchtiges Zuhause»

Tim Krohn, Schriftsteller «Julia Sommer sät aus», «Engadiner Abgründe» (unter dem Pseudonym Gian Maria Calonder)

Katja Alves, Moderatorin und Schriftstellerin

Auf dem Beitragsbild von links nach rechts: Donat Blum (Moderator, Schriftsteller «Opoe», Micha Friemel (Schriftstellerin und Preisträgerin des OpenNet Schreibwettbewerbs 2019), Ruth Schweikert (Schriftstellerin «Tage wie Hunde» 2016 Trägerin des Solothurner Literaturpreises), Ralph Tharayil (Schriftsteller, arbeitet an seinem Debütroman) und Rolf Hermann (Schriftsteller, Lyriker «Flüchtiges Zuhause»)

Alle Zeichnungen © Lea Frei (lea.frei@gmx.ch)