Tanja Šljivar «Nationaltheater», Suhrkamp – ein Selbstinterview

«Nationaltheater« verwebt ein Schicksalsjahr in der Biographie einer ambitionierten jungen Frau mit der Geschichte einer Institution. Beide eint die jüngere Vergangenheit, die von historischen Verwerfungen, dem Zerfall Jugoslawiens und Krieg geprägt ist. Kannst du uns etwas mehr dazu erzählen?
 
Im Zentrum steht die 150. Spielzeit des Nationaltheaters in Belgrad, ein bedeutendes Jubiläum. Es war mir jedoch von vornherein wichtig, den zeitlichen Horizont zu weiten. Die Grunderzählung über die junge Frau, die in eine „alte“ Institution kommt und dort eine Leitungsfunktion übernimmt, wird durch historische oder pseudo-historische Einsprengsel aufgebrochen. Für Dina, die junge Hauptprotagonistin, sind z.B. die 1990er Jahre eine besonders prägende Zeit, während sie für das Nationaltheater, das seit seiner Gründung in diversen Kriegen bombardiert wurde, bloß eine weitere Krise darstellen.  

Einige Kapitel entstanden in Rom. Beim Betrachten von Raphaels «Die Schule von Athen» entwickelte ich geradezu eine Obsession für die Gesichter von Platon/Leonardo und Heraklit/Michelangelo. Ich fragte mich, wie man ein ähnliches Verfahren in der Literatur anwenden könnte. Wie kann man in einem Satz mehrere Zeiten schreiben? Ich wandte dieses Verfahren an, insofern als jede Figur eine Mischung aus verschiedenen realen Personen ist,mit einem Hauch totaler Fiktion. Eine Leserin der Manuskriptfassung sagte, sie hätte beim Lesen ständig das Gefühl gehabt, die einzelnen Figuren würden so sprechen und handeln, als wären sie „aus einer anderen Zeit“, während einzelne Referenzen sie immer wieder in Dinas Gegenwart zurückholten. Das Theater selbst kommt zu Wort und beschreibt seine „Reise durch die Zeit“ – beginnend mit der Gründung. Wenn Napoleon sagt, die Comédie-Française sei der Ruhm Frankreichs, die Oper seine Eitelkeit, dann spricht er über das erste Nationaltheater in Europa, gegründet im Herzen der Kolonialmacht. Das Nationaltheater in Belgrad hingegen entsteht im Kontext des Zerfalls eines Reiches, nämlich des Osmanischen Imperiums, und vor dem Hintergrund der Idee einer jugoslawischen Vereinigung.

Welche Rolle spielt eine solche Institution eigentlich?

Tanja Šljivar «Nationaltheater», Suhrkamp, 2026, 236 Seiten, ISBN 978-3-518-43217-4

In meinem Roman plädiert das Theater schließlich für seine eigene Vernichtung. Das Theater plädiert für seinen eigenen Selbstmord durch den Sprung vom eigenen Balkon, was jedoch aufgrund des Wesens der Institution selbst nicht möglich ist, denn die Institution ist eine, „die geeinte Nation auf eine virtuelle Weise repräsentiert und deren Rolle darin besteht, eine einzige und fixierte nationale Identität aufrecht zu erhalten, ebenso wie eine homogene und dominante Kultur“. (Imre, Zoltán, Staging the Nation) Ein solcher Selbstmord der Institution ist also nicht möglich, zumindest so lange die Nation und ihre Kultur bestehen. Oder etwa doch?

Welche Verbindung besteht zwischen dem Theater und dem Roman?

Bald nach meinem Antritt als Schauspieldirektorin am Nationaltheater, Ende 2019, hatte ich die Idee, einen Roman zu schreiben. Zum einen interessierte mich die Form eines „Theaters im Theater“ nicht – und ein Theatersck hätte mir einen solchen Zugang geboten; zum anderen war es so, dass die Komplexität des Themas, die Intensität der Erfahrung, der Umfang des Materials nach einer anderen, langen, für mich neuen und noch nicht erforschten Form des Romans verlangten. Indem ich kontinuierlich Theaterstücke schrieb, habe ich gewissermaßen gegen die Vorherrschaft des Romans im literarischen Bereich angekämpft. Jetzt aber scheint mir der Roman die passendere Form für ein solches literarisch-performatives Experiment zu sein. Außerdem eignet sich fast jeder Text für eine Performance. Eine ideale Situation für eine Theateraufführung meines Romans wäre eine, im Rahmen derer der Roman laut vorgelesen würde, in allen Räumen des Belgrader Nationaltheaters: auf der Bühne, in den Büros, im Fundus, in der Kantine, in den Werkstätten; darüber hinaus sollten nicht nur die Schauspieler als Darsteller und Vorleser fungieren, sondern alle Beschäftigten im Theater. Der Zuschauer würde eine wahrlich immersive Erfahrung bekommen: ein Buch, das er betreten könnte, ein Theater, das er lesen könnte.

Ist das Autofiktion?

Eine einfache Antwort würde lauten: Nein, und es ist mir lieber, wenn der Roman nicht als Autofiktion gelesen würde. Die Literaturkritikerin Marija Skočibušić weist darauf hin, dass es in der Autofiktion nicht um einen ungefilterten emotionalen Ausbruch geht, sondern um die sorgfältige Konstruktion von Wahrheit und Selbst.Eine reine Beichte der Erfahrung, der Wahrheit, oder der „Mut“ zu einem solchen Akt interessieren mich nicht; was mich interessiert, ist die strukturelle Ebene, der institutionelle Rahmen, der eine solche Erfahrung erst ermöglicht – also, das, was mich interessiert, ist das Nationaltheater.

Was passiert „dieser Tage“ im Nationaltheater in Belgrad? Werden wir heute Zeugen einer Art „institutionellen Selbstmords“?

Im Sommer 2025 berichtete Guardian über die Bestellung von Dragoslav Bokan, einem ehemaligen Anführer einer paramilitärischen Gruppe in den Jugoslawienkriegen, zum Vorstandsvorsitzenden im Nationaltheater. Und kurz darauf wurde am Tag der Slava-Feier, der in meinem Roman ein eigenes Kapitel gewidmet ist, auch der neue Schauspieldirektor, Zoran Stefanović bestellt. Stefanović ist weniger kontrovers als Bokan, aber gerade dadurch ist er nicht so leicht zu durchschauen. Seine Biografie verbindet Antikommunismus, Orthodoxie, Traditionalismus, mit technologischem Fortschritt, digitalen Archiven und sogar einer Online-Teilnahme an der Akademie von Jordan Peterson... Diese Mischung wirkt heute erstaunlich westlich und verweist auf den Aufstieg der neuen europäischen und US-amerikanischen Rechten.

Interessant ist dann die Frage, ob es wirklich eine Kollision der neu bestellten Leiter mit den „europäischen Werten“ gibt – auf diese beruft sich die Theatergewerkschaft nämlich in ihrer Stellungnahme für den Guardian: „The artists of the National theatre will never stop defending European values in our theatre“.

Ist die Bestellung von Zoran Stefanović und Dragoslav Bokan tatsächlich ein Sargnagel für das Nationaltheater? Oder entspricht es nicht vielmehr dem Wesen einer solchen nationalen Institution, widersprüchliche Forderungen in sich zu vereinen – wie etwa die Forderung nach der Autonomie des künstlerischen Schaffens von der Politik. Oder, gehen Nationen, Nationalstaaten und ihre Institutionen auf ihre Selbstvernichtung zu? Möglicherweise zeigen die jüngsten Ereignisse gerade, dass der Wunsch des Nationaltheaters, das (in meinem Roman) für seinen eigenen Selbstmord plädiert, erhört wurde.

Was geschah im Nationaltheater während der Studentenproteste?

Ein Großteil der Künstler und anderer Mitarbeiter des Nationaltheaters hat die  protestierenden Studenten unterstützt, was sich unter anderem daran zeigte, dass am Ende der Aufführungen die Schauspieler dem Publikum ihre rot gefärbten Handflächen zeigten (im Einklang mit dem Slogan „Eure Hände sind blutig“), außerdem gab es im Nationaltheater mehrere Warnstreiks. All das führte zur Implementierung einer repressiven Geschäftsordnung, die es nun verbietet, „verbal, durch Symbole oder Gesten eine politische oder sonstige Orientierung zum Ausdruck zu bringen, die in keinem Zusammenhang mit der Erfüllung der Aufgaben des Theaters steht“. Kann es helfen, darüber zu schreiben oder zu sprechen? Die Figur der Intendantin sagt an einer Stelle im Roman zur Schauspieldirektorin: „Meine Liebe, die Theateranekdoten sind ja dazu da, um das alles … um das alles … um diese ganze Gewalt … erträglicher zu machen.“

Wie ist das Verhältnis zwischen den Studentenprotesten und den anderen kulturellen Institutionen?

Ein beeindruckenden Beispiel für deine Frage war die „Befreiung des SKC“ (Studentski Kulturni Centar – Studentenkulturzentrum). Auf dem Höhepunkt der Studentenbewegung im Februar 2025 eroberten die Studenten das berühmte SKC zurück – einen Ort, an demMarina Abramović ihre ersten Performances aufgeführt hatte und das unter der aktuellen Verwaltung jahrelang leer stand. Bemerkenswert ist, dass beide Konfliktparteien am Nationaltheater – sowohl das protestierende Ensemble als auch die neue Leitung – ihre gegensätzlichen Positionen als unpolitisch deklarieren: Eine Dirigentin erklärte, sie habe die roten Handschuhe „für meine Kinder und nicht aus politischen Gründen“gezeigt, während die neue Leitung betont, „das Theater sei kein Ort für Politik“. Die Studierenden hingegen wissen es besser: „Das befreite SKC stellte (…) die einzige Bastion der Freiheit und der Autonomie im kulturellen Schaffen dar, welches sehr wohl politisch ist.“, aber auch: „Wir bedauern, dass die künftigen Experten(…) den politischen Charakter der Kultur nicht sehen und die Gefahren einer Realpolitik ohne autonome Kultur (…) verkennen.“ Die Studenten zeigen: Die einzige mögliche Autonomie der Kunst wird gerade durch den politischen Charakter derselben realisiert.

Hast du Angst vor Selbstexotisierung? Wie wird der Roman im deutschsprachigen Raum gelesen werden, im Unterschied zu Serbien? Handelt es sich um einen Schlüsselroman?

Vielleicht handelt es sich tatsächlich um einen Schlüsselroman, aber es ist nicht ganz klar, zu welchem Schloss der Schlüssel passt, haha. Die Figuren in der Theaterwelt tragen keine Namen, sondern werden nach ihren Funktionen oder Arbeitsplätzen bezeichnet, oder nach ihrem Rang innerhalb der Hierarchie des Nationaltheaters. Die Staatsschauspielerin, die Schauspieldirektorin, die Intendantin oder der Chef des Sicherheitsdienstes sind Typen, Funktionen, und keine richtigen literarischen Figuren aus Fleisch und Blut.

Gerade diese Möglichkeit der Selbstexotisierung wollte ich problematisieren. Der Roman enthält zwar Hinweise auf die Widersprüche und Probleme der serbischen Gesellschaft, aber nicht, weil ich den „Osten“ als Gegenbild zum „Westen“ darstellen wollte. Im Gegenteil: Sowohl der serbische Nationalstaat als auch sein Nationaltheater sind Produkte einer geopolitischen Ordnung, in der sich die serbische Halbperipherie im Verhältnis zu den kapitalistischen Zentren entwickelt. Auch kulturelle Institutionen entstehen nicht außerhalb dieser Zusammenhänge.

Du beschreibst also kein spezifisch serbisches Modell, sondern ein europäisches?

Ich sollte erwähnen, dass einige Kollegen in Leitungspositionen an deutschen und österreichischen Staatstheatern blickten nicht gerade wohlwollend auf gewisse Stellen im Roman blickten, und ihnen war auch nicht zum Lachen zumute. Das zeigt, die Rede ist von einem Modell, das europäisch ist und nicht etwa strikt westlich oder östlich. In seinem hervorragenden Text „The War on Bohemia“ beschreibt Diedrich Diedrichsen die Gegenwart in Berlin, und in der gesamten westlichen Kunstszene, deren Akteure, die „Bohemians“, einen Pakt mit dem Kapital geschlossen haben (diesmal in seinem Zentrum). Er bezieht sich auf westliche kulturelle Institutionen, die von den Geheimdiensten ihrer jeweiligen Länder instrumentalisiert wurden, um eine Hegemonie der „Soft Power“ in nicht-westlichen Kontexten zu realisieren, und zwar gerade auf diese Grundlage: „Everything was permitted—as long as it could be commercially exploited.“ Abschließend zeichnet Diedrichsen ein düsteres Bild für die Zukunft: „Tech barons, paleo-industrialists, and evangelical fascists may differ in their cultural priorities, but they share a faith in fundamental inequality—and the irrational dogmas of growth and limitless exploitation. (…); (and) they will remobilize art’s capacity, which never lay entirely dormant (…), for inventing and identifying ethnicity and national cultures, chauvinism and white supremacy.”

In einem solchen Kontext können wir auch meinenRoman lesen: Im Westen verfügen die Kulturinstitutionen noch immer über ausreichend Geld und Soft Power, um ihre Situation als halbwegs gut oder akzeptabel darzustellen. Wir haben diesen Luxus (oder diese Last) nicht.

Denkst du, du wirst in Zukunft einen weiteren Roman schreiben?  

Ich denke schon. Ich möchte mich selbst im Schreiben überraschen. Eine logische Fortsetzung wäre, über die studentischen Blockaden zu schreiben, aus der Perspektive von Professoren an der Kunstakademie, wo ich derzeit als Dozentin tätig bin. Ich habe auch schon einen ersten Satz: „Sie lebte, an der Schwelle zu ihren Vierzigern, in einer unaufhörlichen Aufschiebung ihres mittleren Lebensalters und unterrichtete Kunst an derselben Universität, an der sie einst studiert hatte.“ Dennoch ist das ein leichterer Ausweg – eine weitere institutionelle Kritik, weiteres Narrativ über die Arbeit innerhalb des Systems der Kunstproduktion, diesmal aus der Perspektive einer Mitarbeiterin in einer Bildungsinstitution. In meinem Unbewussten lauert vielleicht noch irgendwo eine Idee für einen politischen Liebesthriller.

Ist es egoistisch, sich selbst zu interviewen?

Nein. Es ist exzentrisch.

(Das Interview wurde von Maša Dabić übersetzt.)

Tanja Šljivar, geboren 1988 in Banja Luka, studierte Dramaturgie in Belgrad und Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen. Ihre Theaterstücke wurden in zehn Sprachen übersetzt und in Bosnien, Kroatien, Serbien, Spanien, Deutschland, Österreich, Albanien und Polen aufgeführt. 2019 war Tanja Šljivar Schauspieldirektorin am Nationaltheater Belgrad. «Nationaltheater» ist ihr erster Roman.

Beitragsbild © Dirk Skiba

Rosa Parks und der Busboykott von Montgomery – zur Neuentdeckung einer Ikone der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung

Vor 70 Jahren, am 21. Dezember 1956, endete eine der spektakulärsten Protest-Aktionen der Geschichte: der legendäre Busboykott von Montgomery, Albama. Er lieferte die Blaupause für die Massenproteste und direkten Aktionen der 1960er und 1970er Jahre. Möglich gemacht hat ihn die frühe Aktivistin der Bewegung, Rosa Parks. Und was viele nicht wissen: Sie hat darüber ein Buch geschrieben.

Ihre kurze, aber aufschlussreiche und inspirierende Autobiografie «Meine Geschichte» wird nun zum ersten Mal ins Deutsche übersetzt. Bei den Solothurner Literaturtagen 2026 kam ich mit der Übersetzerin, Sonja Bonin ins Gespräch.

Rosa Parks ist meist sogar schon Primarschulkindern ein Begriff. Die meisten von uns kennen die brav und sympathisch wirkende Schwarze Frau, die sich weigerte, ihren Sitz im Bus aufzugeben und dafür ins Gefängnis geworfen wurde. Kaum zu glauben, dass die Geschichte einer derart berühmten Persönlichkeit noch nie auf Deutsch erschienen ist. Wie kam es jetzt endlich dazu?
Ich konnte es selbst kaum fassen! Das Buch erschien 1992 bei Penguin und ist seither auf Englisch immer erhältlich gewesen. Aber ich habe mittlerweile den Verdacht, dass auch viele Amerikaner nicht wissen, dass es überhaupt existiert. Ich entdeckte es in einer der wunderbaren Buchhandlungen von Seattle, als ich dort lebte, und fand es eine absolut augenöffnende Lektüre. Ich wusste: Das musst du übersetzen und einen Verlag dafür finden! Rechtzeitig zum 70. Jubiläumsjahr des Busboykotts hatte ich Gelegenheit, bei einem «Verlags-Speed-Dating» des Übersetzerhauses Looren zu «pitchen». Und dann ging alles sehr schnell: Lea Artmeyer vom Unionsverlag in Zürich schlug sofort zu, erwarb die Übersetzungsrechte und sorgte dafür, dass das Buch am 20. August erscheinen kann. Das ist aussergewöhnlich schnell, und ich bin sehr glücklich darüber. Das Buch passt hervorragend ins Programm des Unionsverlags.

Was hat dich an dieser Geschichte derart fasziniert – und offensichtlich auch den Verlag überzeugt?
Es ist ein sehr kurzweiliges Buch; man kann es locker an einem oder zwei Abenden durchlesen. Es hat, was Zeitzeugenberichte so eindrücklich macht: die einfache Sprache, das persönliche Erleben. Parks hat das Buch damals mit Hilfe eines Journalisten verfasst. Es klingt deshalb ein bisschen wie die Erinnerungen, die einem das Grosi am Küchentisch erzählt. Aber was sie berichtet, haut einen fast um. Noch ihre Grosseltern wurden versklavt geboren, und selbst Rosa, Jahrgang 1913, musste als Kind auf den Baumwollfeldern von Alabama schuften. Als sie klein war, herrschte nicht nur eine absolut unmenschliche Segregation zwischen Schwarzen und Weissen, auch Gewalt war allgegenwärtig. Parks erzählt zum Beispiel, wie ihr Grossvater mit dem Gewehr in der Hand das Haus gegen den Ku Klux-Klan verteidigte. Er sagte: «Ich weiss nicht, wie lange ich ihnen standhalten könnte, aber den ersten, der hier eindringt, erledige ich.» Und die kleine Rosa sass die ganze Nacht daneben. Sie wollte, wenn es passieren sollte, nicht im Schlaf erwischt werden. Sie hatte also Vorbilder, Personen, die für ihre Menschenwürde einstanden. Als Kind kam sie selbst öfter mal in Schwierigkeiten, weil sie ihren Mund nicht halten konnte. Sie empfand es als ihr gutes Recht, sich gegen respektlose Behandlung zur Wehr zu setzen.

Das klingt viel kämpferischer als man sich das so vorstellt.
Ja, mit der Zeit hat sich das Bild von Rosa Parks ziemlich verzerrt. Dabei war sie vor dem Busboykott schon jahrzehntelang Aktivistin gewesen und blieb es ihr Leben lang.

© UPI / Bettman / Rosa Parks auf dem vordersten Sitzplatz eines Busses in Montgomery; ein gestelltes Pressefoto vom 21. Dezember 1956 – dem Tag, an dem die Rassentrennung in den Bussen abgeschafft wurde.

Wer heute das Stichwort «Bürgerrechte» hört, denkt aber trotzdem eher an Martin Luther King oder Malcolm X.
Martin Luther King war zu Beginn des Busboykotts noch nahezu unbekannt. Aber er war eindeutig eine gute Wahl: Sein rhetorisches Talent half, 50’000 Schwarze Bürger und Bürgerinnen von Montgomery mehr als ein Jahr lang zu motivieren und bei der Stange zu halten. Man muss sich das mal vorstellen: Die Schwarze Bevölkerung von Montgomery, Alabama, baute ein eigenes Transportsystem für die gesamte Stadt auf; Tausende nahmen täglich stundenlange Fussmärsche auf sich, um ihren Forderungen Gewicht zu verleihen. Alle boykottierten die öffentlichen Verkehrsmittel. Nach 381 Tagen war es so weit: Der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten erklärte die Segregation in den öffentlichen Bussen für verfassungswidrig. Alice Hasters nennt in ihrem Vorwort zum Buch den Busboykott von Montgomery «eine der bemerkenswertesten Aktionen zivilen Widerstandes, die es je gab». Damit begann die Ära der «direct action» und der Massendemonstrationen, wie wir sie aus den 1960er und 1970er-Jahren kennen.

Die wurden aber nicht mehr von Rosa Parks angeführt.
Nein. Das ist ein weiterer sehr eindrücklicher Punkt: Parks erzählt, wie sie, obwohl sie im ganzen Land Vorträge hielt und weiterhin für die NAACP und andere Organisationen aktiv war, in der erstarkenden Bürgerrechtsbewegung in den Südstaaten innerhalb weniger Jahre nahezu in Vergessenheit geriet, nachdem sie nach Detroit umgezogen war. Beim legendären Marsch von Selma nach Montgomery wurde sie mehrmals aus dem Demonstrationszug geworfen, weil die jüngeren Aktivist:innen sie nicht (er)kannten. Beim «Marsch nach Washington», bei dem Martin Luther King seine berühmte «Ich habe einen Traum»-Rede hielt, hatten die Frauen buchstäblich nichts mehr zu sagen. Frauen hatten einen ganz entscheidenden Teil der Arbeit geleistet und Leib und Leben im Kampf gegen die Rassentrennung riskiert – aber dann übernahmen die Männer das Ruder. Es gibt Original-Aufnahmen auf Youtube.

Das würde heute hoffentlich anders laufen.
Ja, dafür würden heutzutage nicht zuletzt Menschen wie Rosa Parks sorgen. Ihre Geschichte hält so viele interessante und inspirierende Lektionen für unsere Zeit bereit. Beim Übersetzen war das wie ein kleiner Lichtblick in finsteren Zeiten für mich. Was Pionier:innen der Bürgerrechtsbewegung damals erreicht haben, sollte uns als Beispiel dienen und Mut machen. Die Bedingungen waren damals viel schwieriger und gefährlicher als für uns. Noch am ersten Tag des Busboykotts waren sich die Organisatoren überhaupt nicht sicher, was passieren würde. Aber sie haben am Ende gegen das Unrecht gewonnen. Gemeinsam.

Rosa Parks «Meine Geschichte», Autobiografie mit Jim Haskins, aus dem Englischen von Sonja Bonin, mit einem Vorwort von Alice Hasters, 2026, 192 Seiten, ISBN 978-3-293-00641-6

Rosa Parks (1913–2005) war eine US-amerikanische Bürgerrechtsaktivistin. Sie wuchs im segregierten Bundesstaat Alabama auf, arbeitete als Schneiderin und engagierte sich jahrzehntelang ehrenamtlich in der NAACP. 1955 wurde sie durch ihre Weigerung, im Bus ihren Sitzplatz zu räumen, zur Schlüsselfigur des Busboykotts von Montgomery. Bis zu ihrem Tod blieb Parks politisch aktiv, erhielt zahlreiche Auszeichnungen und gründete das Rosa and Raymond Parks Institute for Self-Development.

Jim Haskins, geboren 1941 in Demopolis, Alabama, studierte Geschichte und Sozialpsychologie an verschieden Universitäten in den USA und war als Lehrer tätig. Seine zahlreichen Bücher richteten sich zumeist an ein junges Publikum und erzählen von prägenden Schwarzen Persönlichkeiten und afroamerikanischer Geschichte. Für sein Werk wurde er mehrfach prämiert, u. a. mit dem Coretta Scott King Award. Als Mitverfasser unterstützte er Rosa Parks bei der Veröffentlichung ihrer Autobiografie. Er starb 2005 in Manhattan.

Sonja Bonin, geboren 1970, studierte Philosophie und Germanistik sowie Buch- und Medienpraxis in Mannheim, Frankfurt a. M. und Rutgers, New Jersey. Sie ist freie Journalistin und Übersetzerin und lebt, nach langjährigen Aufenthalten in Deutschland, den USA und China, in Zürich. Sie arbeitete u. a. für den Tagesspiegel, Spiegel Online, Aspen Institute Berlin und LiteraturReview. Zu den von ihr übersetzen Autoren gehört Howard Zinn (Eine Geschichte des Amerikanischen Volkes).

Beitragsbild © AP / Wide World Photo (Rosa war nur eine von neunundachtzig Personen, die im Februar 1956 wegen Boykotthandlungen ohne »Rechtfertigung oder juristischen Grund« verhaftet wurden.)

Lucas Cejpek «Du siehst Gespenster und nichts in der Minibar», Sonderzahl

Lucas Cejpek ist ein formidabler Beobachter und Nachdenker. Ein Mann, der sich mit Oberflächlichkeiten nicht begnügt und dem der Blick über die eigene Nasenspitze hinaus längst zur Lebensaufgabe geworden ist. Sein neuestes Buch, eine Mischung aus Essaysammlung, Tagebuch, Betrachtungen und Nachforschungen ist ein schillerndes, hochliterarisches Kalaidoskop. Die ideale Lektüre, um dem nächtlichen Schlaf die richtige Färbung zu geben!

Schreiben sie Tagebuch? Ich schreibe seit mehr als 40 Jahren, möchte aber niemandem die Lektüre dieser Bücher zumuten, weil es sehr subjektive Wahrnehmungen eines Menschen sind, der sich allzuoft in den mehr als menschlichen Verstrickungen seines eigenen Dasein verheddert. „Du siehst Gespenster und nichts in der Minibar“ erscheint wie ein Tagebuch. Aber Lucas Cejpeks Blick auf die Welt ist weder der eines Hypochonders noch jener eines auf sich selbst Zurückgeworfenen, obwohl Lucas Cejpek mit dem Schreiben dieser äusserst vielfältigen, vielstimmigen und vielseitigen Texte während der Zeit der Pandemie begonnen hatte, einer Zeit, in der viele wirklich Gespenster sahen und der „Blick in die Minbar“ wirklich eine grosse Leere auslöste.

Lucas Cejpek «Die siehst Gespenster und nichts in der Minibar», Sonderzahl, 2024, 240 Seiten, CHF ca. 36.90, ISBN 978-3-85449-660-1

Lucas Cejpek sieht und denkt nach, lässt sich von Kleinigkeiten ins Grosse tragen, leuchtet hinter Geheimnisse, öffnet Türen und weiss immer und immer wieder zu überraschen. Dabei ist das Thema „Gespenster“ immer wieder anzutreffen. Als man während der Pandemie im Hotelzimmer stranden konnte, die Welt sich auf einen Mikrokosmos reduzierte, ein Hotelzimmer zu einem „utopischen Ort“ wurde, begann Lucas Cejpek aufzuschreiben, aufzutun. „Du siehst Gespenster und nichts in der Minibar“ sind Gedankenspaziergänge in die Tiefen menschlicher Existenz.

Zwei solcher „Einträge“ stellte mir Lucas Cejpek für diesen Beitrag zur Verfügung:

Im Buch Seite 64, 65, 66: «Als ich am Morgen des 3. November 2020 durch die Liniengasse ging, die ich in meinem letzten Buch beschrieben habe – es war der erste Tag des zweiten Lockdows, den die Regierung zur Rettung des Gesundheitswesens verhängt hatte, und ich war auf dem Weg zum Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern, wo ich noch am selben Tag einer Leistenoperation unterzogen werden sollte, nachdem ich fast ein Jahr lang eine Operation aufgeschoben hatte, auch wegen des ersten Lockdowns Mitte März, als nur noch lebensrettende Operationen durchgeführt werden durften – ich ging durch die Liniengasse, den Kurier unter dem Arm, die Titelseite war schwarz, die Schlagzeile in weißen Lettern: Terror im Herzen von Wien – am Vorabend hatten, wie in den Dauersendungen im Fernsehen berichtet wurde, mehrere Attentäter im Ausgehviertel rund um den Schwedenplatz wahllos auf Passanten geschossen – wie sich später herausgestellt hat, war es ein Einzeltäter, ein 20jähriger IS-Anhänger aus Wien, der neun Minuten, nachdem er begonnen hatte, um sich zu schießen, von der Polizei erschossen wurde – in neun Minuten hatte er vier Menschen getötet und 22 weitere zum Teil schwer verletzt – als ich am Tag danach durch die Liniengasse zum Krankenhaus in der Stumpergasse ging, fiel mir zum ersten Mal ein Schaufenster an der Ecke Hirschengasse auf, wo früher die Installationsfirma Karl Jäger war – die Aufschrift an der Fassade war immer noch da, ein Feld des 16teiligen Fensters war mit einem handgemalten Plakat beklebt: ZEIT/FEN/STER und am Boden standen Kakteen in bunten Töpfen, während der Blumentrog vor dem Fenster mit Unkraut überwuchert war.

Der letzte Eindruck, bevor ich nach der Einnahme einer Schlaftablette das Bewusstsein verlor, war grün, die Farbe des Paravents neben meinem Bett, in dem ich von einem Pfleger aus meinem Zimmer im dritten Stock in die Anästhesie gefahren wurde, mit dem Lift in den ersten Stock, die Dokumentenablage auf der Theke vor mir, hinter der das medizinische Personal in Grün verschwand, war grün, ebenso wie die Abfalltonne am Rand des Gangs zum Operationssaal. – Als ich wieder im Krankenzimmer aufgewacht bin, das ich mit einem Tischler teilte, dem die Gallenblase entfernt worden war und der in tiefem Schlaf lag, begann ich das Buch, das ich mitgenommen hatte, zu lesen, Marie-Claire Blais‘ Roman Drei Nächte, drei Tage, um auf die erste Mahlzeit seit Mitternacht zu warten – vor einer Vollnarkose muss man nüchtern sein. Die barocke Fülle von Blais‘ Buch hat mich in die Wirklichkeit zurückgeholt, die über Seiten gehenden Sätze – ich habe mir die wenigen Punkte und Fragezeichen angezeichnet, mit denen sich Blais unterbricht, um ihre Figuren zusammenzuführen, und alle Stellen, an denen von Grün die Rede ist, was selten geschieht, obwohl sich alles auf den Antillen abspielt, die ich mir lichtgrün vorstelle und nicht dunkelgrün wie das Pfarrhaus und das Militärgebäude am Beginn des Romans, auf die der grüne Tisch des Spielcasinos folgt, die grüne, neonfarbene Spur von Inlineskates, die graugrünen Sümpfe am Meer, der grün angestrahlte Swimmingpool und die Zeiger auf dem grünen Wecker, der auf neun Uhr steht, die Stunde, in der sie geboren wurde, die Stunde, in der sie sterben würde, Renata, die Wiedergeborene.»

***

Diese Texte sind sehr wohl aus einer Not entstanden, aus der totalen Reduktion, in einer Zeit, in der sich alles zu schliessen begann. Du machst in deinen Texten genau das Gegenteil; du öffnest, nicht nur dich selbst, sondern die reduzierte Welt um dich herum. Du steigst in überraschende Tiefen, offenbarst Geschichte und Geschichten, durchbrichst gar formal den Text, die Gestalt. Da ich annehme, dass das Schreiben für dich über die Jahrzehnte zu einem ständigen Begleiter wurde, frage ich mich, wann eine Sammlung von Texten zu einer Buchidee wird. Zuerst die Idee oder zuerst eine gewisse Anzahl Texte, die sich als zugehörig erweisen? Liest man die Titel deine Bücher, dann scheint es immer und immer wieder ein „Umkreisen“ zu sein.
Buchideen entwickeln sich bei mir unterschiedlich, je nachdem wo ich gerade in meiner Arbeit als freier Schriftsteller und Regisseur bin, welche Obsessionen deutlich werden in einem wiederholten Umkreisen, wie Du es nennst.
 
Es gab schon während der Pandemie „Coronabücher“, die aber kaum jemand lesen wollte. „Du siehst Gespenster und nichts in der Minibar“ ist ein Coronabuch und doch kein Coronabuch. Aber mit Sicherheit entstanden viele dieser Texte aus diesem „Zurückgeworfensein“. Hat jene Zeit aus Lucas Cejpek einen anderen gemacht? Was ist geblieben? Zumindest aus meiner Sicht gab es auch das eine oder andere, das sich mit der Pandemie zu verändern schien. Allerdings hat sich die Ernüchterung längst darübergelegt.
Die Coronazeit hat mir gezeigt, dass mein aufgeklärtes Selbstverständnis fragwürdig ist, auch unter demokratischen Bedingungen wie in Österreich. Ich wurde ausgesperrt, als unverheirateter Mann, als Kaffeehausbesucher und Spaziergänger in staatlich verwalteten Parks, die in Wien die weitläufigsten sind.
 

Im Buch Seite 135: «Als ich nach dem Jahreswechsel die Leerflaschen in den Altglaskontainer am Naschmarkt warf, sah ich neben dem Verkaufsstand für Mäntel, Jacken, Schals, Schirmmützen, Pudelhauben, Strickwesten, Gürtel, Hosenträger, Rucksäcke, Brieftaschen einen afrikanischen Maskenstand, den ich zum ersten Mal auf dem Vorweihnachtsmarkt gesehen hatte, aber der Händler, mit dem ich damals gesprochen hatte, war nicht da, und auch nicht die Maske, die mir sofort aufgefallen war, ein threeface – wir redeten Englisch miteinander – eine unbemalte Drei-Gesichter-Maske: drei Augenbrauen, drei Augen, zwei Nasen, ein Mund.

Wo kann man hier noch solche Masken sehen?, hatte er mich gefragt. – Im Weltmuseum‘. – Ich habe ihm die Adresse auf einen Zettel geschrieben: Heldenplatz, 1010 Wien.

Als ich ein drittes Mal über den fast leeren Marktplatz ging, war der Maskenhändler gerade dabei, seine Verkaufsstücke in Koffer und Taschen zu packen: bunte Masken und Holzfiguren, große Fische und mit Schnitzereien verzierte Türblätter. – Wo ist der threeface?, fragte ich ihn, und er holte die Maske aus einer Plastiktasche. – Wollen Sie sie?Das kann ich mir nicht leisten, sagte ich, Sie wollen 250 Euro dafür.220 für Sie.Das nächste Mal vielleicht, sagte ich. – Ich fliege morgen nach Paris. – Mit dem ganzen Gepäck? – Ich komme in drei Monaten wieder, sagte er, inschallah. – Dann sehen wir uns im März. – Wie viel haben Sie jetzt dabei?, fragte er, und ich zeigte ihm meine Brieftasche: 60 Euro. – Dann heben Sie noch 100 ab, sagte er und zeigte auf den Geldautomaten gegenüber. (Montag, 3. Jänner 2022)

Ich habe die Drei-Gesichter-Maske im Vorzimmer aufgehängt, über der Küchentür, damit ich sie möglichst oft sehe. Sie ist aus Gabun am Golf von Guinea, wo der Äquator den Nullmeridian kreuzt.»

***

Du widmest dich in den Texten immer und immer wieder den Gespenstern, tust es lustbetont, manchmal mit Akribie, nicht verwunderlich in einer Zeit, in der uns allerlei Welterklärer die bösen Geister erklären. Edgar Allan Poe glaubte allen Ernstes an Gespenster. Die Fotografie beschäftigte sich immer wieder mit Gespenster – und nicht zuletzt die Literatur ist voller Gespenstergeschichten. Hat nicht die Literatur selbst etwas gespenstisches? Ist sie doch Abbild einer nicht existierenden Zwischenwelt.
Literatur hat insofern etwas Gespenstisches – um Deine vorletzte Frage zu beantworten –, als sie nie abbildend ist, sondern immer Erinnerung und Entwurf. Insofern gibt es eine Zwischenwelt, während die Malerei für mich etwas Gegenwärtiges hat, der Film ist reine Projektion.

Bei dir zuhause hängt eine Drei-Gesichter-Maske. Bei uns zuhause hängst auch eine afrikanische Maske, die ich mir vor ein paar Jahren auf einem Markt in Paris kaufte. Auch eine Art Geist. Ich habe dir das Foto „angehängt“. Nicht eigenartig? Eine Geistermaske, um uns diese vom Leib zu halten – oder sie gar einzuladen? Meine nächtlichen Geister mag ich nicht so sehr. Du aber scheinst sie zu mögen?
In meinen Träumen geht es meistens darum, dass ich den Anschluss an etwas verpasse – beim Umsteigen in Zügen – oder etwas liegenlasse. Vielleicht ist meine Genauigkeit im Schreiben eine Vorsichtsmaßnahme?

Lucas Cejpek, geboren 1956 in Wien, Studium der Germanistik und Anglistik in Graz. 1982 Promotion zum Dr. phil. Lehraufträge an den Universitäten Graz, Klagenfurt und Wien. Seit 1981 als Theaterregisseur tätig. 1983-90 freier Mitarbeiter des ORF Steiermark, seit 1990 freiberuflicher Schriftsteller. Lebt in Wien. Preise, Auszeichnungen: 1984 Literaturförderungspreis des Forum Stadtpark Graz und 1992 Förderungspreis der Stadt Wien für Literatur, veröffentlicht Essays, Romane und Gesprächsbücher.

Beitragsbild © Armin Bardel

Interview mir Sieglinde Geisel, Jurymitglied #SchweizerBuchpreis 23/08

Liebe Sieglinde, du sitzt das dritte Jahr in der Jury des Schweizer Buchpreises, bist in diesem Gremium „Dienstälteste“. Ehre und Last zugleich? 

Weder noch. Ich bin ein ganz normales Jury-Mitglied. Allerdings möglicherweise mit einem Erfahrungsvorsprung: Ich weiß, wie unterschiedlich die Diskussionen, die „Chemie“ in der Jury jedes Jahr war. Es fasziniert mich jedes Mal aufs Neue, wie anders wir lesen – bei aller professionellen Leseerfahrung. Die Jurysitzungen sind eine unvergleichliche Gelegenheit, das eigene Urteil zu hinterfragen. Das hat zur Folge, dass ich mir als Leserin je länger, je weniger über den Weg traue. Eine Erfahrung, die sich mit jeder Jurysitzung erneuert.

Fast hundert Titel wurden eingereicht. Wie gross ist dein tatsächliches Lesepensum für den Buchpreis? Wählt man da die Bücher aus, die man schon gelesen hat? Oder musst du gar Bücher ein zweites Mal lesen, weil dich deine JurykollegInnen dazu nötigen? 

Wir teilen die Bücher so auf, dass jedes Buch von mindestens zwei Jurymitgliedern gelesen wird. Was von der Qualität her überzeugt, müssen dann alle lesen. Ich habe gar nicht gezählt, wie viele Bücher ich letztlich gelesen habe, es werden so um die fünfzig gewesen sein. Manches habe ich tatsächlich ein zweites Mal gelesen, um meinen Eindruck zu überprüfen. Die zweite Lektüre ist der Lackmus-Test: Entweder ich kenne schon alles und entdecke nichts Neues (das kann auch bei sehr komplex gebauten Romanen der Fall sein), oder ich sehe neue Dimensionen, erkenne interessante Widersprüche in den Charakteren, verborgene Handlungslinien oder sprachliche Eigenheiten, die mir bei der ersten Lektüre nicht aufgefallen waren. Sei es, weil ich nicht „wach“ genug war (gerade, wenn man so viele Bücher liest, ist man nicht immer gleich aufnahmefähig), sei es, weil das Werk eine Tiefe hat, die sich beim ersten Lesen nicht voll erschliesst.

Liest du ein Buch aus dieser Auswahl anders als jene Bücher, die du sonst als Buchkritikerin liest? 

Beim Jurylesen geht es darum, möglichst wenig Zeit mit jenen Büchern zu verbringen, die von der Qualität her nicht in Frage kommen. Wenn ein Buch mich in der ersten Hälfte nicht überzeugt, kommt es für den Preis nicht mehr in Frage, auch wenn es sich in der zweiten Hälfte berappelt. 
Wenn ich dagegen als Kritikerin lese, kosten mich oft gerade jene Bücher viel Zeit, die mir nicht gefallen, denn wenn ich einen Verriss schreibe, muss ich meine Kritik transparent begründen, und das bedeutet auch, dass ich meine Kriterien wieder neu reflektiere. Beim Rezensieren befinde ich mich oft im Feld des „Einerseits-Andererseits“, da muss ich auch Büchern gerecht werden, die für einen Preis nicht in Frage kämen.

Der Schweizer Buchpreis will den präsentierten Büchern „grösstmögliche Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit bieten“. Schielt man dann in den Schlund des öffentlichen Geschmacks? 

Laut Reglement wird der Schweizer Buchpreis für „das beste erzählerische oder essayistische deutschsprachige Werk“ vergeben. Die „grösstmögliche Aufmerksamkeit“ ist kein Kriterium für die Auswahl der Werke. In den drei Jahren, in denen ich dabei war, ging es in den Diskussionen nie um die öffentliche Aufmerksamkeit, sondern nur um die literarischen Kriterien, nach denen wir die eingereichten Werke beurteilten.
Deswegen stand die Jury paradoxerweise auch in der Kritik: Vor allem bei den Shortlists der letzten beiden Jahre wurde bemängelt, dass sich zu wenige bereits bekannte Werke darauf befanden. Letztes Jahr erhielt mit Kim de l’Horizons „Blutbuch“ sogar ein Debüt den Preis. Doch das hat m. E. mit der Innovationskraft der Schweizer Literaturszene zu tun. Bei mehr als der Hälfte der eingereichten Werke hatte ich den Namen der Autor:innen noch nie gehört, und das ist dann ein abenteuerliches Lesen mit vielen Entdeckungen. Manchmal raubt es mir den Atem, wenn ein Buch etwas macht, was ich noch nirgends gelesen habe.

Wie muss man sich das Auswahlverfahren innerhalb der Jury vorstellen? Müssen die fünf Bücher, die auf die Shortlist des Schweizer Buchpreises einstimmig in die letzte Runde geschickt werden? Wie heftig können solche Diskussionen werden?

Solche Diskussionen sind immer heftig, das ist die Essenz der Jury-Arbeit. Jeder Kopf liest anders, und jedem von uns hat schon das Herz geblutet, weil man für ein Buch, für das man brannte, keine Mehrheit erreichen konnte – weil die anderen es eben anders gelesen hatten. Auch das Gegenteil passiert: Man lehnt einen Roman ab, den die Mehrheit grossartig findet. Gerade nach meiner Erfahrung der drei Jahre bin ich überzeugt, dass die Shortlist bei einer anders zusammengesetzten Jury anders aussehen würde; es gibt kaum je „Selbstläufer“, die zwangsläufig auf die Shortlist kommen.

Wirst du anders wahrgenommen, seit du in der Jury mitarbeitest? Telefoniert und schreibt man dir, um dich über die wahren Perlen in Kenntnis zu setzen?

Nein. Ich denke, da liegt die Hemmschwelle bei den Verlagen hoch, und das weiss ich sehr zu schätzen. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich in Berlin lebe und wenige persönliche Verbindungen zur Schweizer Verlagswelt habe. 

In der Vergangenheit stand der Schweizer Buchpreis schon mehrfach und immer wieder in der Kritik. Wie weit muss ein Jurymitglied konflikt- und kritikresistent sein? 

Ich darf mich als Jurymitglied nicht vorauseilend von einer möglichen Kritik beeinflussen lassen. Wenn ich die eingereichten Bücher lese, dann gibt es in diesem Moment nur mich und das Buch. Julian Schütt hatte angesichts der vielen Debüts auf den früheren Shortlists zu bedenken gegeben, dass der Schweizer Buchpreis kein Entdeckerpreis werden dürfe, sondern auch den Glamour der bekannten Namen brauche. Das mag ein berechtigter Einwand sein, doch steht er in einem Konflikt zum Reglement: Wenn die Bücher, die wir nach unserer Auseinandersetzung als die besten identifiziert haben, von unbekannten Autor:innen stammen, dürfen wir hier keine Kompromisse machen. Jurys können auch ein Korrektiv der Literaturkritik sein – gerade, weil wir Diskussionen führen und uns mit der Lesart der anderen auseinandersetzen. Als Kritikerin bin ich ja mit meinem Kopf weitgehend allein, da gibt es auch die Gefahr, dass man sich verrennt. Deshalb gibt es ja die vielen Hypes.

Es gibt etliche AutorInnen, die sich mittlerweile dem Schweizer Buchpreis verweigern. Die Gründe dafür sind vielfältig. Ein Kritikpunkt, der immer und immer wieder auftaucht, ist der, Bücher könne man nicht in eine Wettbewerbskonkurrenz schicken. Bücher würden nicht taugen, sie aneinander zu messen. Dieses Argument blitzt nur beim Schweizer Buchpreis auf. Aber im Gegensatz zu allen anderen Preisen ist hier die Auswahl der letzten im Scheinwerferlicht. Ist das gut so, wenn 4 MitkonkurrentInnen an der Preisverleihung in einer Mischung aus Enttäuschung und Verlegenheit artig mitklatschen?

Das ist eine schwierige Frage. Wenn es um die ganz grosse Kunst geht, ist der Wettbewerbsgedanke in der Tat nicht angemessen: Es hat keinen Sinn zu fragen, ob Kafka besser sei als Beckett. Wenn es jedoch darum geht, die sehr guten von den mittelmässigen Werken zu unterscheiden, kann man sehr wohl einen Wettbewerb durchführen. In diesem Sinn ist Literaturkritik ja immer ein inoffizieller Wettbewerb.
Alain Claude Sulzer war zwei Mal mit einem Roman auf der Shortlist und bekam dann jeweils den Preis nicht, und er hat letztes Jahr in einem Artikel in der NZZ am Sonntag freimütig bekannt, dass er sich diese „Demütigung“ kein drittes Mal antun wolle; deshalb macht er nicht mehr mit beim Buchpreis. Gerade für arrivierte Autor:innen kann es schwierig sein, wenn sie sich die Shortlist mit Debütant:innen teilen müssen, mit dem Risiko, dass der Preis an jemanden geht, der oder die im Literaturbetrieb noch keinen Status hat. Auch der Deutsche Buchpreis sieht sich mit diesem Problem konfrontiert: So soll der Erscheinungstermin des neuen Romans von Daniel Kehlmann vom Verlag bewusst so angesetzt worden sein, dass das Buch nicht für den Preis eingereicht werden konnte. Aber das ist nun mal the name of the game: Selbst wenn alle nominierten Bücher den Preis verdient hätten, kann nur ein Roman gewinnen. 
Auch das ist übrigens eine Erfahrung, die ich als Jurymitglied gemacht habe: Es ist überhaupt nicht ausgemacht, welches der fünf Bücher am Ende das Rennen macht. Wir lesen die Titel auf der Shortlist noch ein zweites Mal, oft mit überraschenden Ergebnissen. Auch diesmal bin ich gespannt auf unsere Diskussionen.

Gibt es festgelegte Kriterien? Orientiert sich die Jury an aktuellen Themen, Diskussionen, Strömungen?

Kriterien für Literatur kann man kaum festlegen. Das ist auch das Spannende an den Diskussionen: Wir bringen alle unsere eigenen Kriterien mit. Für mich sind Innovation, Kreativität, Risikobereitschaft ein wichtiges Kriterium: Macht jemand etwas mit der deutschen Sprache, was noch niemand vor ihm oder ihm gemacht hat? „Make it new!“, so definierte Ezra Pound einmal die Aufgabe der Autor:innen. Im Weiteren geht es um die Plausibilität von Figuren und Handlungen. Doch dann gibt es Werke, die meine „willing suspension of disbelief“ strapazieren – und die das auf so zwingende Weise tun, dass ich nicht widerstehen kann. 
Kriterien gibt es am ehesten für rein handwerkliches Können: Funktionieren Perspektivwechsel? Sind die Dialoge lebendig? Finden sich Klischees, Stilblüten, etc.? Doch dann gibt es wieder Romane, die alles richtig machen, zugleich jedoch so öde sind, dass ihnen jede Relevanz abgeht. Auch wenn ein Roman von brennend wichtigen Dingen handelt, dies jedoch auf literarisch unbedarfte Weise tut, kommt er für den Schweizer Buchpreis nicht in Frage. Denn eine Geschichte ist nur so gut, wie sie erzählt wird. 
Ich wurde letztes Jahr mehrfach mit dem Verdacht konfrontiert, dass wir Kim de l‘Horizons „Blutbuch“ wegen seiner Thematik ausgezeichnet hätten und dem Modetrend des Non-Binären aufgesessen seien. Doch dieser Vorwurf kam ausschliesslich von Leuten, die das Buch nicht gelesen hatten. In den Jurydiskussionen ging es nur um die literarischen Qualitäten: den Wagemut, den Erfindungsreichtum, den sprachlichen Drive. Das kann man auch in der Laudatio auf der Website des Schweizer Buchpreises nachlesen.

Noch ein Buch ausserhalb jeder Konkurrenz, das du empfehlen willst? 

Ich empfehle die grosse Schweizer Autorin Eleonore Frey, die mit 84 Jahren immer noch ein Geheimtipp ist. Es kommt fast nie vor, dass eine Literaturwissenschaftlerin auch Prosa schreibt: Eleonore Frey war bis 1997 Titularprofessorin am Deutschen Seminar in Zürich, ich habe bei ihr studiert. Sie erschafft Literatur mit dem Wissen darüber, wie Literatur gemacht ist – und doch ist in ihren Romanen und Erzählungen nichts „gemacht“. Ihre Texte sind verspielt, hellwach, und sprachlich sind sie so kühn wie sorgfältig. Mit jedem Werk überrascht mich Eleonore Frey aufs Neue.

Sieglinde Geisel, geboren 1965 in Rüti/ZH (Schweiz), lebt in Berlin seit 1999 freie Journalistin, regelmässige Mitarbeit bei Deutschlandfunk Kultur, SRF2 („Literatur im Gespräch“), bei der Republik u.a., 2016: Gründung des Online-Literaturmagazins tell, Schreibcoach. Jurymitglied 2021, 2022, 2023.

Beitragsbild © Lena Mucha

Wer soll den Buchpreis 2022 gewinnen? Eine Umfrage auf literaturblatt.ch #SchweizerBuchpreis 22/1

Zwar werden die 5 Nominierten des Schweizer Buchpreises 2022 erst im September bekannt gegeben, aber vielleicht haben Sie Lust, Ihren ganz bestimmten Buchtitel zu «nominieren». Bis im August werde ich alle eingegangenen Mails sortieren und ein ganz eigenes Ranking veröffentlichen.

an info@literaturblatt.ch

Die Leseliste für die Jury des Schweizer Buchpreises 2022 steht: 58 Verlage haben insgesamt 88 erzählerische oder essayistische Werke eingereicht. 40 der teilnehmenden Verlage haben ihren Sitz in der Schweiz, 15 in Deutschland und fünf in Österreich. Von den eingereichten Titeln stammen 52 aus dem aktuellen Frühjahrsprogramm, 23 werden im Herbst erscheinen und 13 sind bereits seit vergangenem Herbst auf dem Markt.

Die Bekanntgabe der Shortlist mit den fünf nominierten Büchern erfolgt am Mittwoch, den 21. September 2022. Die Preisverleihung findet am Sonntag, 20. November 2022 um 11.00 Uhr im Theater Basel statt.
Aber vielleicht haben Sie schon viel früher Lust, ihr favorisiertes Buch hervorzuheben. Machen Sie mit in dieser kleinen Umfrage.

Und wenn Sie noch ein, zwei Sätze zu Ihrer Wahl formulieren, dann wird eine Auswahl dieser Statements in der Berichterstattung zum Schweizer Buchpreis 2022 erscheinen.

Machen Sie mit!

Erste Resultate:

Rebekka Salm «Die Dinge beim Namen» 1 Stimme
«Diese Treffsicherheit! Die Perspektiventreue, der Einfallsreichtum, die Blitze an Witz! Die Schuldigen sind die Opfer der Opfer der Schuldigen. Ein Meisterinnenwerk eines Erstlings – schön, toll, raffiniert.»

Urs Mannhart «Gschwind». 1 Stimme
«Unbedingt zu feiern ist dieser Roman über einen Hochstapler im Bodenschatz-Ausbeuter-Milieu, dieser Page-Turner über einen Schelm im Betriebswirtschaftsmodus.»

Karl Rühmanns «Die Wahrheit, vielleicht.» 5 Stimmen
– «Weil das Buch aufzeigt, wie mächtig die Sprache ist. Weil es laut und leise zugleich ist. Und weil es Felipe und die junge Frau verdienen.»
– «Karl Rühmann zeichnet mit wunderbar präzisen Pinselstrichen ein dennoch komplexes und mehrschichtiges Bild; die Macht der Sprache und die Finesse der Worte werden in einer spannenden Geschichte auf den Punkt gebracht. Gerade als ebenfalls mehrsprachig aufgewachsene Person kenne ich die Schwierigkeit und Schönheit des Jonglieren mit Worten zwischen Kulturen.
Absolute Lesefreude!»
– «Karl Rühmann wird mit jedem Buch noch besser. Eine Geschichte, die auf mehreren Ebenen intellektuell und emotional beschäftigt. Karl Rühmann schafft es dicht und bilderreich zu schreiben und der Leserin trotzdem Raum zu lassen für eigene Bezüge und Gedanken.» 

Die König in der Jury #SchweizerBuchpreis 21/7

Annette König studierte an der Universität Zürich Germanistik, Politologie und Neue Geschichte. 2013 doktorierte sie an der Uni Basel in Neuere Deutsche Literaturwissenschaft. Seit 2013 arbeitet sie als Literatur-Redaktorin bei SRF.

Du bist eine unermüdliche Kämpferin für das gute Buch, arbeitest bei SRF als Literaturkritikerin und führst unter diebuchkoenigbloggt.ch eine Webseite, auf der du pointiert deine Meinung zur aktuellen Literatur formulierst. Nehmen Bücher so viel Platz in deinem Leben ein, dass anderes als Nebensache droht?
Ich versuche so zu leben, dass nichts zur Nebensache wird, was mir wichtig ist.

Man sieht dich immer wieder an Literaturfestivals, sehr oft sogar mit deiner Familie. Was bedeuten dir solche Veranstaltungen, zumal solche ja wie viele andere Veranstaltungen und die ganze Kulturszene arg zu leiden hatten?
Es sind für mich Orte der Begegnungen und der Inspiration. Auch liebe ich es, wenn an einer Lesung eine Energie freigesetzt wird, die sich auf das Publikum überträgt und dieses verbindet. Unvergesslich ist mir die ergreifende Lesung von Adonis am Internationalen Literaturfestival in Leukerbad. Da haben die Leute geweint.

Nun sitzt du schon zum zweiten Mal in Jury des Schweizer Buchpreises. Ein fünfköpfiges Gremium soll aus fast 100 eingesandten Büchern das beste aussuchen. Was bedeutet das für dich? 100 Bücher lesen?
Für mich bedeutet das viel Arbeit, aber auch grosse Freude, Texte entdecken zu dürfen und in der Interaktion mit den Jurymitgliedern meine literaturkritischen Methoden zu reflektieren und zu schärfen. Das ist wertvoll und bereichernd.

Die Jury setzt sich aus ganz verschiedenen Akteur:innen innerhalb der Buch- und Literaturszene zusammen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Diskussionen über das Gewicht eines Buches sehr kontrovers und heftig werden können. Kann man dann einfach so die Segel einholen, wenn man bei einem „Lieblingsbuch“ bei der Mehrheit der Jury auf taube Ohren stösst?
Ich bin eine Kämpferin, die bis zur letzten Minute der Jurysitzung für meine Favoriten einsteht. Und ja, manchmal muss man sich danach die Wunden lecken, wenn man auf taube Ohren gestossen ist. Aber Lieblingsbücher sind eine Herzensangelegenheit und Herzensangelegenheiten sind als solche nicht demokratisch. Und der Entscheid der Jury ist ein demokratischer. Das sind die Spielregeln.

Ist es nicht schwierig, bei Autor:innen, die ein grosses Werk schuffen und schon lange in der Literaturszene grosse Bedeutung haben, nur das aktuelle Buch zu sehen?
Nein. Jedes Buch nehme ich als eigenständigen Kosmos war. Ich tauche ein und entwickle eine Haltung dazu.

Gab es 2020 nach der Bekanntgabe der Shortlist, jener fünf Bücher, die in die Endausscheidung aufgenommen wurden, Reaktion an dich direkt? Reaktionen, bei denen du dich rechtfertigen musstest?
Ja, es gab Reaktionen im Sinne von: mutiger Entscheid, guter Entscheid.

Gemessen am Medieninteresse ist das Preisgeld des Schweizer Buchpreises mit Sicherheit nicht üppig, wenn man weiss, dass nur ganz wenige Schreibende vom Verkauf ihrer Bücher leben können. Was glaubst du, warum es für grosse Firmen schlicht zu wenig attraktiv ist, für Literatur ihr Banner aufzuspannen?
Ist das so? Vielleicht liegen die Gründe im System. Die Schweizer Kulturförderung ist in meiner Wahrnehmung relativ breit aufgestellt. Man denke an die vielen Förderausschüsse, Kulturstiftungen, Preisgeber und Sponsoringpartner. Mäzenatentum ist zwar wichtig, aber steht nicht im Vordergrund. Klar könnten sich da grosse Firmen vermehrt engagieren. Aber solche Literaturförderung ist auch stark von wirtschaftlichen Faktoren abhängig. Und da habe ich gewisse Vorbehalte. Denn Kunst sollte in erster Linie frei sein.

Bücher suchen nach Leser:innen. Manchen Büchern scheinen die Leser:innen einfach so zuzufallen. Da genügt schon der Name auf dem Buchcover. Gibt es ein aktuelles Buch, dem du gerne eine leidenschaftliche Stimme geben würdest, weil es nicht die ihm zustehende Aufmerksamkeit bekommt?
Es gibt Bücher, die bekommen Aufmerksamkeit, aber gehen ohne Literaturpreis aus. Zum Beispiel gibt es da einen Roman, der den Coming-of-Age-Kultfilm der 80er Jahre decodiert und in hervorragende Unterhaltungsliteratur verwandelt. Ich fühle mich an die Schwelle des Erwachsenwerdens versetzt und erlebe nochmals die Schwere und das Schwebende dieser Zeit. Den Weltschmerz, die Einsamkeit, die Ausgelassenheit und dieses Gefühl die Welt rocken zu können. Ich meine damit «Hard Land» von Benedict Wells und immer wenn ich davon spreche höre ich Don’t you forget about me von Simple Minds in meinem Kopf.
Und dann gibt es auch Bücher, die viel mehr Aufmerksamkeit bekommen sollten, auch wenn der/die Autorin mit einem Preis ausgezeichnet wurde. Hier denke ich an die Romane «Aufbrechen» und «Überleben» der Friedenspreisträgerin Tsitsi Dangarembga aus Simbabwe.

Hand aufs Herz: Was macht eine Vielleserin mit all ihren Büchern? Irgendwann sind die Regal voll!
Öffentliche Bücherschränke zum Bersten bringen!

Beitragsbild © Annette König/SRF

literaturblatt.ch fragt Sandra Hughes über ihren Krimi «Tessiner Verwicklungen»

Der Kampa Verlag mausert sich! Nicht nur als der Verlag mit der Nobelpreisträgerin Olga Tokarcuk, der mit einem exquisiten und feinst edierten Belletristikprogramm, sondern neben den Maigret-Romanen aus dem unendlich scheinenden Georges-Simenon-Reservoir mit einem Krimireigen, der es in sich hat.

Neben Louise Penny, Hansjörg Schertenleib, Gian Maria Calonder alias Tim Krohn und andern, schreibt auch Sandra Hughes Krimis im Gewand des Kampa Verlags. Krimis rund um das Ermittlerduo Emma Tschopp und Commissario Bianchi.

Interview mit Sandra Hughes:

Eine junge Frau, von der alle sagen, sie hätte keine Feinde, alle hätten sie gemocht, ist das Opfer oder zumindest eines deiner Opfer in deinem ersten Krimi. Was stand beim Schreiben am Beginn; das Verbrechen oder eine andere Szenerie?
Zu Beginn standen die Pastafabrik und die Familie, die sie in dritter Generation betreibt. Gegen aussen viel Tradition, gemeinsames Einstehen für Qualität. Aber was verbirgt sich dahinter? Hinter Fassade, Fleiss und demonstriertem Familiensinn? Da fantasiere ich, da kommt sofort Lust auf, dahinter zu schauen. 

Eine junge Frau wird erschlagen. Sie liegt mit blau gewordener Haut tot im Kühlraum einer kleinen Pastafabrik, einer Pastamanufaktur. Warum müssen Menschen sterben, damit daraus ein Krimi wird? Welche Seite des Menschen wird mit Krimis bedient? Wie schwer fiel es dir, die junge Frau sterben zu lassen.
Es fiel mir leicht, sie sterben zu lassen. Das hängt bestimmt damit zusammen, dass ich keinen Bezug zur Figur der jungen Frau habe. Dafür kenne ich sie zu wenig. Ich setze sie ganz strategisch als Opfer ein. Gerade weil sie jung, unschuldig und nett ist, zeigt sie umso brutaler auf, worauf mein Interesse sich richtet: Was muss geschehen sein, dass ein Mensch einen anderen Menschen umbringt? Einen solch netten Menschen? Wie verletzt, versehrt, ohnmächtig muss jemand sein, wie krass eine Konstellation?

Stefanie Schwendener, die junge Frau im Kühlraum, ist nicht das einzige Opfer in deinem Roman, nicht einmal die einzige Tote. Da ist die Familie Savelli, eine alt eingesessene Familie, die die Pastamanufaktur betreibt. Ein alt und schrullig gewordener Patron, sein Schwiegersohn, der die Firma leitet, seine Frau, die Tochter des Patrons und ihre zwei Brüder. Ein Ensemble, das du wie in einem alten Agathe Christie Krimi sich versammeln lässt, jeder mit Gründen genug, ein Verbrechen zu begehen. Wie weit holt man sich als Krimiautorin Bilder aus eigener Krimilektüre?
Ich bin mit der Krimilektüre in die Lehre bei anderen Autorinnen und Autoren gegangen. Sie hat mir ein Feld von Möglichkeiten eröffnet. Beim eigenen Konzipieren bin ich inspiriert gewesen vom Vorgehen, einen Erzählstrang von ganz weit – von Ort und Zeit her – einzubringen, der vermeintlich nichts mit der Klärung des Verbrechens zu tun hat, sich dann aber zunehmend mit dem aktuellen Geschehen verflechtet. 

Ein weiteres Opfer kommt aus einem Kinderheim, das von „Barmherzigen Schwestern“ geführt wird. Du nennst dieses Kinderheim „Ballenmoos“. Du fiktionalisierst es, entlehnst den Skandal aus der Realität, wo es doch auch in der Schweiz religiös geführte Kinderheime gab, in denen regelrechte Gräueltaten begangen wurden. Braucht es diesen Schritt des Fiktionalisierens? War da auch die Lust, in eine Eiterbeule zu stechen?
Fiktionalisieren ist für mich zwingend, ich bin Romanautorin und nicht Journalistin. Das gibt mir die Freiheit, die mir beim Schreiben so gefällt. Ich darf fantasieren, muss nicht investigativ aufdecken. Insofern: Nein, keine Lust, in eine Eiterbeule zu stechen. Aber weil mich diese Missbräuche in den Kinderheimen so beschäftigten, nachdem ich via Internetrecherchen zufällig auf deren Aufarbeitung kam, haben sie jetzt eine Rolle im Roman bekommen. Auch hier die Frage, die mich umtreibt: Was muss geschehen sein, dass ein Mensch – im Fall hier eine Ordensschwester – ein Kind quält? 

Du hast beim Limmat Verlag die Romane „Lee Gustavo“ und „Maus im Kopf“ herausgegeben. Beim Dörlemann Verlag die Liebesgeschichte „Zimmer 307“ und den Roman „Fallen“, der sich schon ganz nahe am Typ Krimi einreihen lässt. War dein Weg zum Krimi für dich absehbar?
Nein. Es ist das Konzept der Rache, das mich im Schreiben immer schon beschäftigt. Rache kommt in allen bisherigen Romanen vor. Auf je eigene Weise, aber nirgendwo im Sinn von «Whodunit». Das wurde nun erst im «richtigen» Krimi wichtig und forderte mich zu einem ganz anderen Vorgehen beim Schreiben heraus, nämlich die Geschichte vom Ende her zu konzipieren. 

Emma Tschopp, deine Ermittlerin. Kannst du etwas darüber erzählen, wie du auf diese Person gekommen bist, wie du sie gebaut hast?
Ich wollte eine Baselbieter Polizistin, eine starke, lebenserfahrene Frau. Das war mein Grundanliegen. In allem anderen laufe ich Emma Tschopp hinterher: Wenn sie ermittelt, aufbraust, sinniert, stolpert, fröhlich ist. Ich mag sie sehr gern, es macht mir Freude, ihr schreibend zu folgen.  

Wenn Emma Tschopp auch für künftige Krimis eine gute Figur machen soll, muss man sie so konstruieren, dass sie als Person gleichzeitig nahe kommt und doch ein weites Feld bietet, sie nach und nach auszuleuchten. Wir Leser erfahren zwar einiges, auch dass man sie schätzt als Kriminologin, dass sie durchaus attraktiv sein muss, denn der Tessiner Commissario Bianchi verhält sich dementsprechend. Muss von der Hauptperson, von Emma Tschopp bei dir alles schon ausgeleuchtet sein oder sind da auch für dich noch geschlossene Türen?
Auf jeden Fall geschlossene Türen. Einen Menschen kennenzulernen scheint mir ein Prozess zu sein, der immer weitergeht. 

Fast am Schluss des Romans lässt du die Vermittlerin Emma Tschopp sagen: „Mein ganzes Arbeitsleben lang kämpfe ich schon für die Gerechtigkeit. Aber es gibt keine.“ Kannst du diesen Satz erläutern?
Emmas Erfahrung seit Kind: Die Menschen sind ungerecht, unser System ist es auch. Warum wurde ihr rothaariger Schulkollege verspottet und ausgeschlossen? Hat sich bei den Spöttern irgendetwas verändert, weil Emma sich für ihren Kollegen eingesetzt hatte? Nein. Bringt Emmas und Marcos Aufklärung des Mordes mehr Licht ins Leben der Eltern, die ihre Tochter verloren haben? Nicht wirklich. Im Gegenteil: Sie zieht noch einen Menschen mit in den Abgrund, wobei da nicht mehr verraten sein soll. Trotzdem macht Emma immer weiter, sie kann nicht anders. Dafür bewundere ich sie. 

Der Fabrikant Savelli gibt Hartweizengries und Wasser in einen grossen Behälter und vermengt beides zu einem zähen Brei, der Teig, der dann zu Teigwaren verarbeitet wird. Was braucht es für einen guten Krimi? Reicht ein guter Plot und viel Wasser?
Die Sprache ist wichtig, im Kriminalroman genauso wie in meinen bisherigen Romanen. Bei allem Bemühen um Glaubwürdigkeit von Geschichte und Figuren, um Aufrechterhaltung der Spannung, um gut dosierte Hinweisbrocken, die ich einstreue, ist die Sprache zentral: Sie muss aus den Figuren herauskommen, ihnen und deren Geschichte angemessen sein. Das bedeutet viel Arbeit und damit viel Zeit, die ich dafür aufwende. 

Der Krimi, dein Roman, entschlüsselt sich wie jeder Krimi erst auf den letzten Seiten. Liest man deinen Krimi zum zweiten Mal, zeigt es sich, dass du gut dosiert ganz viele Hinweise in deinen Krimi einstreutest, die bei einer erneuten Lektüre glasklar werden, bei einer ersten Lektüre rätselhaft, fast kryptisch bleiben. Ein Kapitel auf Seite 82 besteht aus bloss sieben Wörtern, drei Sätzen. Ich habe deinen Krimi zweimal gelesen. Was aber wohl nicht die Regel ist, weil ja dann der Plot bekannt ist, das Rätsel gelöst. Da entgeht einem doch einiges?
Zuerst: Es freut mich sehr, dass du meinen Krimi zweimal gelesen hast, die Hinweise als gut dosiert einschätzt. Diese Hinweise haben mir nämlich viel abverlangt. Ja, bei «normaler» Lektüre, das heisst einmaligem Lesen, entgeht einem einiges. Aber das ist egal. Was gibt es für mich als Autorin Schöneres, als wenn die Leserinnen und Leser voll in die Geschichte eintauchen? Sie im besten Fall verschlingen, angetrieben durch Neugier, Lust, dem Rätsel auf die Spur zu kommen?

Sandra Hughes «Tessiner Verwicklungen», Kampa Krimi, 2020, 224 Seiten, CHF 21.90, ISBN 978-3-311-12013-1

Sandra Hughes, geboren 1966, wuchs in Luzern auf und lebt mit ihrer Familie in Allschwil bei Basel. Mit der Polizistin Emma Tschopp teilt sie die Vorliebe für Bistecca (saignant) und Blauschimmelkäse. Bisher schrieb sie Romane für Erwachsene und eine Geschichte für Kinder.

Abnehmen oder wegdrücken? – Reaktionen der Nominierten #SchweizerBuchpreis 20/5

Man kennt die Erzählungen davon, wie das Nobelpreiskomitee die jeweiligen PreisträgerInnen kontaktiert, um ihnen mitzuteilen, dass sie zur Übergabe des prominentesten Preises nach Stockholm an eine königliche Nobelpreisverleihung eingeladen werden. Klar, der Nobelpreis ist in keiner Weise mit dem Schweizer Buchpreis zu vergleichen. Aber eine ganz spezielle Anerkennung ist er alleweil.

Spontan schrieb ich den fünf Nominierten mit der Bitte, diesen einen Moment zu schildern, als das Telefon klingelte und man sie über die Nominierung informierte:

Dorothee Elmiger: «An den Moment kann ich mich schon gar nicht mehr so genau erinnern: Ich sass in der Küche und hatte das Telefon am Ohr, draussen schien auf jeden Fall die Sonne!»

Nicht nur die Preissumme unterscheidet sich erheblich, gleich mit einer Stelle mehr, auch das Renommee des Preises lässt sich schlecht vergleichen. Schon alleine der Unterschied zwischen dem Deutschen und dem Schweizer Buchpreis in Sachen Publizität, medialer Aufmerksamkeit ist riesig. Während die Verleihung des Schweizer Buchpreises dem Schweizer Fernsehen einen Kurzbeitrag wert ist, wird die Verleihung des Deutschen Buchpreises live im Deutschen Fernsehen übertragen. Während sich der Schweizer Buchpreis vor allem auf nationaler Ebene abspielt, ist der Deutsche Buchpreis ein Ereignis im deutschsprachigen Europa.

Charles Lewinsky: «Ein Telefongespräch mit den Veranstaltern brachte die erfreuliche Nachricht. Ich habe mich darüber gefreut. Mehr gibt es nicht zu sagen. Da es meine dritte Nomination ist, bin ich in dieser Hinsicht vielleicht ein bisschen abgestumpft.»

Sollte man sich deshalb grämen? Nein. Im Schweizer Buchpreis spiegelt sich auch die Schweizer Buchlandschaft. Viele Buchveröffentlichungen von Schweizer Verlagen schaffen es nur ganz schwer über die Landesgrenzen. Sehr oft bleibt das Interesse an Schweizer Literatur angesichts der schieren Menge der Veröffentlichungen in den deutschen Buchhandlungen mässig, sieht man von den grossen Namen ab. Als ich für ein paar Wochen in Berlin arbeitete und immer wieder in einer der unzähligen Buchhandlungen abtauchte, wurde mehr als deutlich, dass die Schweizer Literatur nicht einmal ein Anhängsel ist, sondern bis auf einige wenig Namen inexistent.

Tom Kummer: «Happiness. Ich empfand ein grosses Glücksgefühl als ich von der Nominierung erfuhr. Und dann verspürte ich sofort den Drang, meiner Mutter anzurufen und zu berichten. Erstaunlich! Wie die Mutter doch immer wieder Ursprung der ganz grossen Gefühle wird – und dabei das Bedürfnis wachrüttelt, etwas mir sonst ganz Fernes zu beweisen: How To Be A Good Son!»

Umso mehr tut es meiner Seele gut, wenn auf der Longlist des Deutschen Buchpreises die Namen von Dorothee Elmiger, Charles Lewinsky und Arno Camenisch auftauchen, noch mehr wenn Dorothee Elmiger mit «Aus der Zuckerfabrik» sogar auf der Shortlist zu finden ist. Und nichts desto trotz ist die Nominiertenliste des Schweizer Buchpreises eigentlich schon eine Anerkennung. Sind sich doch alle Mitglieder der Jury einig, dass diese fünf Bücher auf ein ganz speziell sichtbares Podest gehören.

Karl Rühmann: «Das Telefon klingelt zur Unzeit, wie immer, und dann ist es auch noch eine «unbekannte Nummer». Abnehmen oder wegdrücken? Man ist ein höflicher Mensch und wählt den grünen Knopf. Ohne viele Umschweife teilt mir eine freundliche Stimme mit, dass mein «Held» für den Schweizer Buchpreis nominiert worden sei. Ich muss mich erstmal setzen und dann nach Worten suchen, die auch nur einigermassen zu meinen Gefühlen passen. Das ist schwierig. Ein einfaches «Danke» trifft es nicht, ein Freudeschrei eher, doch dafür habe ich mich zu gut im Griff. Leider. Ich murmle etwas, wahrscheinlich sage ich «wunderbar» und «unglaublich» und «Freude», dann bin ich wieder mit der Nachricht allein. Seither schwebe ich über dem Boden und möchte noch eine ganze Weile nicht landen.»

PS Auch Anna Stern meldete sich per Mail und schrieb, sie wolle jenen Moment für sich behalten. Respekt!

Die König antwortet! #SchweizerBuchpreis 20/1

Hinter den Kulissen des Schweizer Buchpreises erarbeitet eine fünfköpfige Jury aus der Gesamtliste der eingereichten Bücher eine Nominationsliste mit fünf Werken. Am 15. September wird die Shortlist publiziert. Aus dieser Nominationsliste bestimmt die Jury die Preisträgerin oder den Preisträger des Schweizer Buchpreises. Die Mitglieder der Jury sind in ihrer Entscheidfindung unabhängig. Als Mitglieder der Jury des Schweizer Buchpreises 2020 wurden Tommy Egger (unabhängiger Buchhändler), Daniel Graf (Feuilleton der «Republik»), Annette König (Literaturredaktion SRF), Christine Richard (Freie Kritikerin) und Hubert Thüring (Dozent für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Basel) berufen.

Interview mit Annette König, des «Buchkönigs«:

Du sitzt neu in der Jury des Schweizer Buchpreises. Ehre und Last zugleich. 84 Titel wurden eingereicht. Wie gross ist dein tatsächliches Lesepensum für den Buchpreis? Wählt man da die Bücher aus, die man schon gelesen hat? Oder musst du gar Bücher ein zweites Mal lesen, weil dich deine JurykollegInnen dazu nötigen?
Das Lesepensum ist gross. Manchmal muss man auch ein Buch zweimal lesen. Ich führe aber darüber kein Zeitkonto. Lesen ist für mich Beruf und Leidenschaft.

Liest du ein Buch aus dieser Auswahl anders als jene Bücher, die du sonst als Buchkritikerin und Buchbloggerin liest? Der Schweizer Buchpreis will den präsentierten Büchern „grösstmögliche Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit bieten“. Schielt man dann in den Schlund des öffentlichen Geschmacks?
Ich lese gleich wie immer. Genau das gilt es zu vermeiden, dass man wie Du sagst «in den Schlund des öffentlichen Geschmacks blickt» und sich davon verleiten lässt.

Wie muss man sich das Auswahlverfahren innerhalb der Jury vorstellen? Müssen die fünf Bücher, die auf die Shortlist des Schweizer Buchpreises einstimmig in die letzte Runde geschickt werden?
Ja, über die Shortlist muss Konsens herrschen. Die Diskussionen, die zur Auswahl führen, sind differenziert, aufschlussreich und ergiebig.

Wirst du anders wahrgenommen, seit du in der Jury mitarbeitest? Telefoniert und schreibt man dir, um dich über die wahren Perlen in Kenntnis zu setzen?
Nein, da hat sich nichts verändert. Mir ist wichtig, unabhängig zu sein. Belagerung funktioniert bei mir nicht.

In der Vergangenheit stand der Schweizer Buchpreis schon mehrfach und immer wieder in der Kritik. Wie weit muss ein Jurymitglied konflikt- und kritikresistent sein?
Ein Jurymitglied muss in erster Linie wahrhaftig sein, seinen Job gut machen und seine Meinung zu Büchern argumentativ untermauern können.

Am 15. September erscheint die Shortlist des Schweizer Buchpreises. Dann endlich lüftet sich das Geheimnis um die Endrunde um die neue Preisträgerin oder den neuen Preisträger. Fällt es da nicht schwer, unter dem Siegel der Verschwiegenheit ja nicht aus dem Nähkästchen zu plaudern?
Nein. Und zum Glück dauert es bis zur Bekanntgabe der Shortlist am 15. September ja nicht mehr lange.

Vor kurzer Zeit wurde die Longlist des Deutschen Buchpreises publiziert. Darunter sind auch drei Autoren aus der Schweiz (Arno Camenisch mit „Goldene Jahre“, Dorothee Elmiger mit „Aus der Zuckerfabrik“ und Charles Lewinsky mit „Der Halbbart“). Beeinflusst diese Liste oder versucht man, nicht zu schielen? Frage zurück: warum soll man schielen? Die Jury des Schweizer Buchpreises hat einen breiten und fundierten Überblick über das literarische Schaffen aus der Schweiz.

Noch ein Buch ausserhalb jeder Konkurrenz, dass du empfehlen willst?
Um bei der Literatur aus der Schweiz zu bleiben: «In der Fremde sprechen die Bäume arabisch» von Usama al Shahmani. Das Buch ist 2018 erschienen. Es hat mich so berührt, dass ich darüber geschrieben habe: https://www.srf.ch/radio-srf-1/die-buchkoenig-bloggt/die-buchkoenig-bloggt-dieser-iraker-bringt-mich-auf-die-birke

Annette König, 1974 geboren, Studium an der Universität Zürich: Germanistik, Politologie und Neue Geschichte. 2013 an der Uni Basel doktoriert in Neuere Deutsche Literaturwissenschaft mit der Arbeit: «Welt schreiben – Globalisierungstendenzen in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur aus der Schweiz», eit 2013 Literatur-Redaktorin bei SRF.

Die BuchKönig bloggt

und auf SRF

literaturblatt.ch fragt Ariela Sarbacher zu ihrem Debüt «Der Sommer im Garten meiner Mutter»

Ariela Sarbacher, kürzlich Gast im Literaturhaus Thurgau, beantwortet Fragen, die ich ihr gerne gestellt hätte.

Dein Buch beginnt mit einer Frage und einer Antwort:
„Mamma, was passiert, wenn man tot ist?“ „Dann wird plötzlich alles dunkel.“ Dein Buch endet mit dem selbstbestimmten Tod der Mutter. Dazwischen liegt alles. Vom Licht, das ausgelöscht wird, bis zum Drang, das Licht selber auslöschen zu wollen. Hat sich dein Verhältnis zu Sterben und Tod durchs Schreiben verändert?
In der Auseinandersetzung um den Entschluss der Mutter lernt Francesca diesen zu respektieren und sie aus der Verantwortung der Mutterrolle zu entlassen. Dadurch ändert sich Francescas Verhältnis zu ihrem Leben. Ihr wird bewusst was es heisst, ganz auf eigenen Füssen zu stehen und für sich selbst weiter zu gehen. Ich selbst habe noch kein Verhältnis zum Tod, ausser, dass ich noch lange hier bleiben möchte.

Du hast in der Ich-Perspektive geschrieben und dabei viel Nähe zugelassen. Warum nicht eine Perspektive aus der dritten Person?
Ich wollte eine eindringliche Erzählperspektive einnehmen, in der sich die Figur der Tochter durch verschiedene Lebensalter hindurch in unterschiedlicher Tonalität mit der der Mutter konfrontiert. Die Unmittelbarkeit war mir wichtig, durch die die Leser sich der Perspektive der Tochter nicht entziehen können und an ihr reiben müssen. Die dritte Person hätte Distanz zwischen den Lesern und dem Text geschaffen.

© Lea Frei/ Literaturhaus Thurgau

Dein Buch erzählt nicht chronologisch, sondern springt in der Zeit, fügt Stücke zusammen. Es gibt ganz lange Einstellungen und ganz kurze. Eigentlich so, wie wirkliches Erzählen passiert. Als sässe man vor einer ungeordneten Schachtel mit Fotografien. Kannst du etwas über die Entstehung deines Buches erzählen, wie sich die Geschichten zusammenfügten?
… ja, so wie wirkliches Erzählen passiert und so wie man auch lebt: mal bin ich ganz gegenwärtig, dann lasse ich mich von der Vergangenheit einholen und vielleicht auch bestimmen, dann träume ich mich vorwärts in eine unbekannte Zukunft, bin wieder hier … Die Stimme der «Kleinen» brachte den Stein ins Rollen. Die Zeitsprünge entstehen jedoch innerhalb einer Chronologie und einer genauen Dramaturgie.

Dein Roman ist durchsetzt mit Gedichten. Du bist Schauspielerin. Die Protagonistin Francesca auch, aufgewachsen in Sprache, in verschiedenen Sprachen. Was bedeutet Sprache im Leben von Ariela Sarbacher?
Knappe Sätze, die in ihrer Aussage verdichtet sind, liegen mir mehr, als das Weitschweifige. In den Gedichten finde ich Ausgleich und Freiheit, komplizierte Sachverhalte in Rhythmus und Klang zu verwandeln, ohne sie ihrer Komplexität zu berauben. Das Gedicht lässt keine Erklärung zu, es spricht für sich. Sprache bedeutet für mich persönlicher Ausdruck – sowohl beim Sprechen als auch beim Schreiben – und, wenn es gelingt, Kommunikation mit anderen. Ich könnte mir nie für mich vorstellen ein Schweigeseminar zu besuchen, das wäre die Hölle! Rückzug ist mir wichtig, aber immer mit der Möglichkeit nach aussen zu kommunizieren. Sprache bedeutet auch Identität.

Keine Angst, dass das in einer zukünftigen Welt immer mehr schwindet oder sich bis zur Unkenntlichkeit verändert?
Ich frage mich manchmal, was die verkürzte schnelle Art der schriftlichen Kommunikation mit uns macht. Kommunikation findet auch auf der nonverbalen Ebene statt. Sprache geht durch den Körper. Deswegen ist es wichtig, den ganzen Menschen gegenüber zu haben. Darin sehe ich eine Gefahr, in dieser zunehmend digitalisierten Welt. Ich fürchte mich vor einer körperlosen Welt, in der man vor allem schaut, tippt und auf dem Bildschirm nur noch den Ausschnitt von sich wahrnimmt, den man wahrhaben will.

© Lea Frei / Literaturhaus Thurgau

Das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter in deinem Roman ist ein schwieriges, weit entfernt von der stets stark idealisierten Kind-Mutter-Bindung. Schon früh macht die Mutter der Tochter klar, dass sie nicht zur Mutter taugt, dass es besser gewesen wäre, es wäre gar nicht soweit gekommen. Schon alleine das wäre Stoff genug für ein Trauma. Aber die Mutter ist ehrlich. Hat Ehrlichkeit Schmerzgrenzen?
Die Mutter ist authentisch und handelt aus Überzeugung, ohne sich darum zu kümmern, wie die anderen damit zurechtkommen. Es ist nicht so, dass sie zur Rolle der Mutter nicht taugt, sie geht in der Rolle nicht auf.

Gibt es eine Beziehung, der man mehr Nähe zutraut, als einer Mutter-Tochter-Beziehung? Warum habe ich den Eindruck, dass die Nähe zu einem Vater nie von dieser Nähe sein kann?
Die Tatsache, dass ein Wesen im Körper einer anderen Person entsteht und neun Monate lang darin heranreift, ist nicht zu unterschätzen.

© Lea Frei / Literaturhaus Thurgau

Francesca wird schon als kleines Kind klar, dass ihre Mamma anders ist, nicht nur in ihrer Art zu gehen, die von einer langen Krankheit in der Jugend der Mutter begründet liegt. Aber Francesca liebt ihre Mutter. Sie verteidigt ihre Mutter, so wie das alle Kinder bis zu einem gewissen Alter tun. So wie alle Kinder ihre Mütter lieben. Aber diese Liebe bleibt ambivalent. Wann wird eine solche Ambivalenz schwierig?
Nicht die Liebe ist ambivalent, sondern das Verhältnis zwischen den beiden.

Irgendwo in der Mitte des Buches steht: „Seit ich zurückdenken kann, bin ich traurig. Die Trauer ist flach. Ich werde sie nicht los.“ Das sind Sätze, die sich eingraben. Und trotzdem ist dein Roman nicht selbstzerfleischend. War das alles Plan oder war das Schreiben intuitiv? Wie erreicht man es, dass der Ton nicht weinerlich wird?
Es freut mich, dass Du diesen Satz erwähnst. Es war der Versuch, der Geschichte auf den Grund zu gehen, da hätte Weinen keinen Platz gehabt, ich wollte die Geschichte ja begreifen, so habe ich sie Stück für Stück fortgeschrieben.

Beitragsbild © Lea Frei / Literaturhaus Thurgau,