Christoph Peters «Entzug», Luchterhand

Er trinkt, weil er glaubt, nur so in die Untiefen seines Bewusstseins vordringen zu können. Er trinkt, bis ihn seine uneingestandene Sucht mit dem Tod bedroht, bis er seine Familie im Dunst verliert, bis der Suff ihm das einzige wegnimmt, was er kann; das Schreiben. „Entzug“ ist ein Roman, der mich tief beeindruckt.

Die ich rief, die Geister / Werd’ ich nun nicht los steht in Goethes Ballade „Der Zauberlehrling“. Ob Christoph Peters jene Geister loswerden konnte, die ihn zwei Jahrzehnte seines Lebens fest im Griff hatten? Die Flaschengeister, die alles dominieren, Alkoholiker zu egozentrischen Monstern machen? Christoph Peters legt aus mehr als zwanzig Jahren Distanz einen Roman vor, der sich in seiner kompromisslosen Art und Weise jenen Geistern entziehen will, der schonungslos aufzeigt, mit welcher Wucht eine solche Sucht einen Menschen machtlos werden lässt. Wie sich Gedanken zunehmend nur noch um die immer gleiche Frage drehen: Wie komme ich zu meinem Stoff, ohne die Fassade zu stören? Christoph Peters hat aus dem eigenen Leben, dem eigenen Kampf, dieser letzten Wendung, bevor er sich in den Tod gesoffen hätte, einen Roman geschrieben. Ein Zeugnis. Vielleicht auch eine Heilsgeschichte, den Weg knapp an der Hölle vorbei, den totalen Realitätsverlust, den Beginn eines langen Weges aus der Sucht heraus.

Dass aus dem Buch viel mehr als der Report eines Bezwingers seiner selbst wurde, verdankt Christoph Peters seiner Sprache, der Intensität dieses Textes, dem sprachlichen Abbild dessen, was jene Zustände der totalen Besoffenheit und glasklaren Nüchternheit erzeugen können. „Entzug“ ist viel mehr als „Bekenntnisliteratur“, auch wenn Ehrlichkeit und Offenbarung in vielem an solche erinnern. Wahrscheinlich ist es Christoph Peters Glück, dass er seine Kunst des Hineinschreibens in sich trägt, die Fähigkeit der gnadenlosen Reflexion, die Kunst, aus abgrundtiefem Elend etwas Schönes zu erzeugen. Sein Glück und mein Glück. Vielleicht auch das Glück eines Schriftstellers, der schon mit mehr als zwei Dutzend Büchern immer und immer wieder bewiesen hat, dass er Meister seines Fachs ist. Es braucht die Sensation einer Offenbarung nicht, zumal das Trinken in Kreisen der Schreibenden kein seltenes Phänomen ist und bis vor wenigen Jahren der Stoff, der den Literaturbetrieb schmierte.

Christoph Peters «Entzug», Luchterhand, 2026, 400 Seiten, ISBN 978-3-630-87785-3

Der Protagonist im Roman trägt den Namen des Schriftstellers, eine Maske hätte es nicht gebraucht. Christoph Peters im Buch schreibt an einem Roman („Ein Zimmer im Haus des Krieges“). Nachdem er die ersten Seiten seinem Verleger zusandte, schreibt ihm dieser zurück, man könne den Text nicht brauchen. Auf den ersten Seiten des Romans findet die Frau des Protagonisten eines Morgens auf dem Küchentisch eine halbleere Flasche Wodka. Was macht die Flasche da?, fragt die Frau und er windet sich in Ausreden, Vorhaltungen und fadenscheinigen Erklärungen. Schreiben ohne zu zittern kann er nur noch, wenn er direkt nach dem Aufstehen seinen Alkoholpegel auffrischt. Überall in der Wohnung sind Flaschendepots eingerichtet, Verstecke, von denen er glaubt, nur er wisse davon. Und mit einem Mal spitzt sich die Lage zu; Wird ihn seine Frau zusammen mit dem kleinen Kind verlassen? Wird ihn der Verleger fallen lassen? Wozu ist er noch zu gebrauchen, wenn er nicht mehr schreiben kann? Es bleibt jener Rest Realitätsbezug übrig, der ihn eine Bekannte anrufen lässt, die Ärztin ist, die ihm unmissverständlich klar macht, dass nur ein kontrollierter, begleiteter Entzug der Weg sein kann. Jener letzte Rest Selbstachtung, die Angst, alles zu verlieren, sich in den Untergang zu saufen, führen jenen Christoph Peters in eine Klinik, einen Entzug, in ein Mehrbettzimmer mit lauter Suchtkranken, einen Ort, an dem er den letzten Rest Selbstkontrolle abgeben muss, wo man ihn nicht einmal alleine duschen lässt. An einen Ort, wo man ihm unmissverständlich vor Augen führt, was geblieben, worauf noch zu hoffen ist und was sein wird, wenn er nicht radikal die Richtung ändert.

Das erste Drittel des Buches trägt den Titel „Trinken“, die beiden folgenden Drittel „Nicht trinken“. Es gibt ein klar abgegrenztes Davor und Danach, ein Entweder-oder. Genau so, wie sich das Leben aller Alkoholiker*innen, die sich ihrer Sucht entziehen können in ein Davor und ein Danach teilt. Es gibt nur das Entweder-oder. Und trotzdem bleibt man ein ganzes Leben Alkoholiker*in. In Interviews verrät Christoph Peters, dass er auch zwanzig Jahre nach der Sucht die Folgen tragen muss. Jener Christoph Peters im Buch, der schon als Pupertierender den Entschluss gefasst hatte, dereinst Künstler und Trinker zu werden, kam aus einem Umfeld, das dem Alkohol mit aller Selbstverständlichkeit begegnete. Der Dunst gehörte dazu, war immer da. So wie später im Internat – und danach als junger Schriftsteller. Auf dem Cover seines Romans sieht man ein Selbstbildnis des Autors, dass er mit sechzehn gemalt hatte, noch unschlüssig, ob er Maler oder Schriftsteller werden sollte. Der Geist, der aus der Flasche kam, war allgegenwärtig.

Christoph Peters ist ein äusserst beeindruckendes Buch gelungen. Ein kraft- und kunstvoller Roman über den tiefen Fall, denn wie er die Tage vor seinem Entschluss, in jene Klinik einzutreten, jene Zeit des Permarauschs, des maximalen Selbstbetrugs, der Angst vor dem freien Fall beschreibt, spiegelt sich in der grellen Klarheit der Nüchternheit, die mit allen Nebenwirkungen, von denen er in der Klinik nicht weiss, ob sie ihn wieder loslassen, schrittweise zurückkehrt.

Interview

Wie kaum je zuvor wurde mir bei der Lektüre ihres Romans bewusst, dass man letztlich nie von einer derartigen Sucht frei wird. Seien es Alkohol, Tabletten, Kokain oder anderes. Wer einmal in der Spirale gefangen ist, schlägt sich ein Leben lang mit der Sogwirkung oder den Nach- und Nebenwirkungen herum. Sie lässt sich nicht vergessen, nicht abschütteln. Man kann sich nicht freikaufen. Wo ist der Kipppunkt? Wann beginnt Sucht und hört Genuss auf?

Ein allgemeingültiger Kipppunkt ist schwer genau festzumachen, obwohl es natürlich verschiedene Indizien gibt, die nahelegen, dass man süchtig beziehungsweise abhängig trinkt. Das beginnt mit der Ritualisierung des eigenen Trinkens auf einem gehobenem Niveau. Grundsätzlich würde ich zwischen psychischer Abhängkeit – dass ich unbedingt regelmäßig eine bestimmte Menge Alkohol brauche, um entspannen, abschalten zu können, mich überhaupt wohl in meinem Leben zu fühlen, – und physischer Abhängigkeit unterscheiden. Erstere ist zwar auch nicht gesund, weder für den Geist noch für den Körper, aber man kann das relativ lange praktzieren, ohne dass es direkt lebensbedrohlich wird. Dann gibt es die Schwelle zur physischen Abhängigkeit. Wenn die einmal überschritten ist, benötigt der gesamte Organismus eine konstante Mindestmenge Alkohol, um überhaupt halbwegs zu funktionieren. Sobald der Alkoholgehalt unter diesen Pegel fällt, beginnen Entzugserscheinungen wie Zittern, Schweißausbrüche, Angstzustände. Bei manchen Leuten setzt das nach relativ kurzer Zeit übermäßigen Konsums ein, bei manchen kommt es schleichend im Lauf der Jahre. Spätestens sobald man zittert, wenn man ein paar Stunden nichts getrunken hat, kann man zumindest sich selbst nichts mehr vormachen. Man muss dann heimlich trinken, bewegt sich in einem zunehmenden Lügengeflecht, alles wird – wie bei einem Junkie – der Droge untergeordnet. In diesem Stadium zerfallen dann auch die privaten Beziehungen, häufig beginnt ein Prozess sozialen Abstiegs, verbunden mit Jobverlust, Trennungen, Obdachlosigkeit und schließlich tödlichen gesundheitlichen Komplikationen.

Vor ein paar Jahren lernte ich einen Autor kennen, der einen Roman zum Thema Demenz schrieb. Danach wurde er immer und immer wieder als „Sachverständiger“ eingeladen. Eine Rolle, mit der er sich je länger, je weniger identifizieren konnte. Droht nicht auch ihnen eine solche Rolle? Wird man nicht zum Vorzeigebeispiel jenes einstelligen Prozentanteils, der es „geschafft“ hat.

Die Gefahr sehe ich so erst mal nicht. „Entzug“ ist mein dreizehnter Roman, dazu kommen Erzählbände und Essays, bei denen so unterschiedliche Themen wie Kunstgeschichte und Gegenwartskunst, Islam und Islamismus, christlicher Fundamentalismus, Japan, Teezeremonie, der Niederrhein und das politisch-kulturelle Leben in Berlin eine zentrale Rolle spielen. Deshalb gehe ich eigentlich nicht davon aus, dass ich als Autor künftig nur noch „monothematisch“ zum Thema Alkohol wahrgenommen werde. Bislang kamen denn auch mehr oder weniger alle Gespräche zum Buch und ebenso die Lesungseinladungen aus dem Bereich der Literaturrezeption. Neben dem thematisch-biografischen Interesse ging es dort immer auch um literarisch-ästhetische Fragen. Im übrigen ist die Literatur für mich auf der einen Seite ein Medium, in dem bestimmte Themen und Fragen verhandelt werden, auf der anderen Seite ist jedes Thema umgekehrt eben auch Anlass und Möglichkeit, über die Literatur zu reden.

Die Ehefrau des Protagonisten wird immer nur die Frau genannt. Ein krasser Gegensatz zu den Textpassagen, in denen sich der Protagonist an sein kleines Kind erinnert. Ist das ein willentlicher Akt eines Versuchs der Distanzierung? Nicht weil er sie nicht mehr liebt, aber weil er sie aus dem Schussfeld nehmen will, weg vom Schauplatz seines inneren Kampfs?

Die Bezeichnung der Ehefrau als „die Frau“ war zunächst einmal ein Mittel, um diese äußerste Distanzierung sprachlich sinnfällig zu machen, die jeder Süchtige mehr oder weniger allen Menschen seines Umfelds gegenüber vornimmt. Gerade die Menschen, die einem besonders nahestehen, sind in diesem Zustand der größte „Gegner“ für die totale Herrschaft des Alkohols, weil sie einen potenziell am Trinken hindern wollen. Im Verlauf des Romans – im zweiten Teil, kurz nach dem Beginn des klinischen Entzugs – wird aber aus „die Frau“ allmählich „meine Frau“ und dann eben „V.“. Und dann gibt es ja auch noch die Widmung. Im Falle des Kindes ist es ein bisschen anders, weil das Kind den Vater ja auf seine unmittelbare Weise weiterhin ungebrochen liebt, da funktioniert das mit der Distanzierung schlechter. Abgesehen davon ist Alkoholismus auch eine Krankheit, die einen wahnsinnig rührselig und sentimental macht, dann bricht man über das eigene große Gefühl der Liebe zum Kind in Tränen aus –  allerdings ohne daraus die Konsequenz zu ziehen, endlich mit dem Trinken aufzuhören.

Manchmal, wenn sie fast seitenlange Sätze schreiben, lesen sich die Passagen wie ein Sprachrausch. Aber ganz ähnlich jene Passagen absoluter Nüchternheit. Dort ist alles glasklar. Wie muss ich mir den Schreibprozess solcher Passagen vorstellen. Gibt es dieses rauschhafte Schreiben oder ist es „nur“ konstruiert?

Ich schreibe nie rauschhaft, ganz gleich, welchen Zustand ich versuche sprachlich zu fassen. Mein Arbeitsprozess ist darauf ausgerichtet, möglichst präzise und zugleich sinnlich nachempfindbar die jeweilige Geschichte zur Sprache zu bringen. Das geht, jedenfalls für mich, immer über ausgedehnte Korrektur- und Überarbeitungsprozesse. Etwa achtzig Prozent meiner Schreibtischzeit besteht darin, aus ursprünglich mehr oder weniger peinlichen Sätzen allmählich nicht-peinliche Sätz zu machen. Wenn ich einen Text an den Verlag schicke, habe ich alles, was dort, steht sechzig bis hundert Mal gelesen. Ich würde das aber trotzdem nicht „nur konstruiert“ nennen. Dieser Vorgang des täglichen Formulierens und Umformulierens hat für mich eine sehr große Intensität, die immer noch relativ schnell in totale Verzweiflung mündet, wenn es trotzdem nicht so wird, wie ich mir das vorstelle.

Es dauerte mehr als zwei Jahrzehnte Distanz, diesen Roman in dieser Form zu schreiben. Und trotzdem schaffen sie es, dem Roman einen fast dokumentarischen Charakter zu geben. Brauchte es die Distanz? Wann war klar, dass sie irgendwann diesen Roman schreiben mussten?

Der Roman thematisiert ja schon relativ am Anfang des „Nicht-Trinken“-Teils in der Klinik, dass ein Künstler oder Schriftsteller das ganze Leben als Materialsammlung benutzen kann. „Alles dient“ hat uns mein Lehrer an der Karlsruher Kunstakademie, Horst Egon Kalinowski, immer gesagt. Gegen Ende der Zeit in der Klinik war mir schon klar, dass die Zustände, die ich während dieses Entzugsprozesses durchlaufe, eine Intensität haben, die ich eines Tages für einen Roman nutzen wollte. Das ist aber auch nichts Neues gewesen. „Stadt Land Fluß“, „Wir in Kahlenbeck“, „Dorfroman“ haben auch starke autobiografische Elemente. Ich benutze mich selbst auch immer wieder als eine Art Crash-Test-Dummy für die Geschichten, die ich erzähle. Da ich aber über Dinge, die ich erlebt habe, normalerweise erst schreiben kann, nachdem ich sie für mich innerlich soweit verarbeitet habe, dass sie mich emotional nicht mehr belasten, dauert es einfach meist Jahrzehnte, bis so ein autobiografischer Stoff romantauglich geworden ist.

In Deutschland sind 2 Millionen Menschen alkoholabhängig. Je nachdem wie gezählt wird, sollen es gar 4 Millionen sein. Jede vierte Person. Das muss unglaubliche wirtschaftliche Konsequenzen haben. Damit müsste es doch auch im Interesse des Staates und sämtlicher Versicherungen sein, dass Alkoholismus zur Volkskrankheit erklärt werden müsste, dass alle Institutionen alles Menschenmögliche tun müssten, um gegen die Verharmlosung dieser Sucht anzutreten. Passiert das?

Ob die wirtschaftliche Gesamtbilanz des kollektiven Alkoholkonsums in Deutschland oder Europa für die Staatskassen über Steuern, Export, Tourismus – es gibt ja überall Bier- und Weinfeste, wo die Leute in Massen hinpilgern, um gemeinsam zu trinken – , die Entlastung der Rentenkasse durch die geringere Lebenserwartung von Starktrinkern und Alkoholikern eher positiv oder aufgrund der mit Trunksucht verbundenen Arbeitsausfälle und höheren Gesundheitsausgaben eher negativ ist, kann ich nicht beurteilen. Es gibt inzwischen zwar – wie für alles – auch zum Thema Alkohol Gedenktage und Aktionswochen, ab und zu mal eine Plakatkampagne oder einen Fernsehclip, aber die Alkoholwerbung nimmt natürlich deutlich mehr Raum ein. Da wird einem immer suggeriert, dass das Leben durch Bier erst schön wird. Dazu kommt die Verklärung von Alkohol als identifikationsstiftendem Kulturgut, das es unbedingt zu schützen gilt, nicht zu vergessen, dass der tägliche Wein nach der Arbeit, der Schnaps gegen den Stress auch selbstverordnete Psychopharmaka sind, die dabei helfen, dass das strukturelle Gefühl der Sinnlosigkeit im Konsumkapitalismus nicht so weit um sich greift, dass das gesamte System in unkontrollierbarer Massendepression untergeht.

Christoph Peters wurde 1966 in Kalkar geboren. Er ist Autor zahlreicher Romane und Erzählungsbände und wurde für seine Bücher vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Wolfgang-Koeppen-Preis (2018), dem Thomas-Valentin-Literaturpreis der Stadt Lippstadt (2021), dem Niederrheinischen Literaturpreis (1999 und 2022) sowie dem Schubart-Literaturpreis (2025). Christoph Peters lebt in Berlin. Zuletzt erschien bei Luchterhand mit «Innerstädtischer Tod» (2025) der letzte Teil einer an Wolfgang Koeppen angelehnten Trilogie.

Rezension zu «Krähen im Park» auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Peter von Felbert