Micha Friemel «Im Paradies» – ein Teaser zu ihrem Debüt «Ausser mir», Dörlemann

Ich wäre gerne ein simples Archiv mit einem ­anständigen Schredder. Doch mein Gedächtnis ist unerbittlich. Es ist alles da, es lässt sich nichts löschen. Es kehrt alles ständig zum Anfang zurück, und der Anfang war so: Als ich zur Welt kam, fiel meine Mutter in Ohnmacht.
Ich dachte oft, ich hätte alles geordnet. Doch immer stellte sich eine Erinnerung quer, blies sich auf wie ein Dschinn, verstellte den Blick, während dahinter die Ordnung erneut zu bröckeln begann.

Ich komme zur Welt, meine Mutter erstarrt, mein Vater steht dumm daneben. Ich fliege verloren im All. Da ist kein Komet, der mir den Weg weist. Da ist kein Mensch. Kein Vater, keine Mutter, die mich halten, während ich blau und zerdrückt den ersten Schrei von mir gebe.
Spricht meine Mutter über meine Geburt, klingt es immer, als handle es sich um eine kleine, absurde Episode in einem glücklichen Leben. Sie tauchte kurz ab. Ich kam gesund zur Welt. Es war nichts Schlimmes passiert. Doch die Wahrheit ist: Sie ist nicht kurz abgetaucht. Sie war gar nie da. Seit ich mich erinnere, ist sie erstarrt. Wenn sie spricht, bewegt sich ihr Mund, der Rest des Körpers ist nicht vorhanden.
Als ich klein war, erzählte sie mir, wie sie als Kind mit ihren Brüdern hatte Drachen steigen lassen. Ihre Tante hatte ihnen Pergamentpapier geschenkt, und sie hatten sich alle einen eigenen Drachen gebastelt.
»Mein Drache«, sagte sie, war himmelblau. »Er flog höher und höher, viel, viel höher als die meiner Brüder.«
Während sie sprach, bewegte sie sich, als flöge auch sie. Sie holte Schwung aus ihrer Hüfte, die Beine schlenkerten, als wären sie ihr Schweif. Dabei kam sie mir für einmal vor wie ein ganzer Mensch.
Fortan bat ich sie oft, mit mir Drachen steigen zu lassen. Sie fand, das sei am Bodensee unmöglich, es fehle der Wind. War der Wind da, sagte sie, es fehle die Weite. Als ich sie bat, mit mir an die Nordsee zu reisen, wo sie aufgewachsen war, verdrehte sie nur die Augen.

Doch eigentlich will ich nicht von ihr erzählen. Es geht hier nicht um meine Mutter.
Als ich das sage, habe ich natürlich sofort Anderson im Ohr. Klar, was er dagegen einzuwenden hätte. Aber um ihn geht es hier eben auch nicht. Es geht um Mattia und mich.
Liebesgeschichten brechen viel zu häufig vor ihrem eigentlichen Beginn ab. Auch im Film. Das Happy End tritt so unverhofft wie unvermittelt ein. Es wird ein pathetisches Lied eingespielt, vielleicht What a Difference a Day Makes, und alles wird leicht. Das gute Ende ist da und wird nie mehr enden. Nur weiß leider niemand, warum.
Wie sollen vierundzwanzig Stunden genügen, um ein trostloses Leben in ein blühendes Paradies zu verwandeln?

Frau Kaiser sagt, dass innere Veränderungen träge vonstatten gehen. Vor einigen Wochen habe ich ihr zum hundert­ fünfzigsten Mal erzählt, dass ich im Streit mit Mattia ausgerastet war. Ich fühlte mich furchtbar, doch darauf ging sie für einmal nicht ein.
»Warum«, fragte sie, »schaffen Sie es nicht, sich zu beruhigen, obschon Sie doch wüssten, wie es ginge?«
»Gute Frage«, erwiderte ich. »Hänge ich mir an den Kühlschrank.«
Frau Kaisers Frage setzte eine Erosion in meinem Innern in Gang. Als Mattia und ich uns kurz darauf erneut stritten, und nicht eben zivilisiert, versuchte ich mich zurückzuziehen. Doch dann kam Leni und mischte sich ein. Statt mich zu beruhigen, rastete ich komplett aus. Leni starrte mich an. Ihr Blick verriet, wie sie mich sah, und es war klar, was ich zu tun hatte: Ich packte meine Sachen und fuhr nach Vals.

Frau Kaiser sagt oft, dass es keinen Zweck hat, in größter Aufregung nach einer Lösung zu suchen. Also wollte ich in die Berge fahren und mich beruhigen. Ich wollte Blumen sammeln, in den Himmel schauen, lesen und wandern. Doch schon auf der Fahrt spulte ich ständig zurück, ging unseren Streit Satz für Satz erneut durch, korrigierte mich und fügte Neues hinzu. Mehrmals nahm ich mir vor, damit aufzuhören. Aber kaum hatte ich einen Punkt gesetzt, fing ich schon wieder an. Ständig zog ich mein Handy hervor und glaubte, Mattia schreiben zu müssen.
Wäre ich du, tippte ich etwa, ich würde mir Ruten brechen im Wald, mich wundprügeln oder mit dem Kopf gegen die Wand rennen, bis sie sich rot färbt. Ich würde mich selbst in den Brunnen tauchen vor meinem Haus, wieder und wieder, im Winter auch. Oder nach Grönland reisen und mich trotz Lungenentzündung zum Eisbad zwingen.

Frau Kaiser hat mir geraten, in ebenjenem Zustand nicht zu handeln, sondern auszuatmen, darauf zu warten, dass der vordere Teil des Gehirns wieder zu arbeiten beginnt. Ist nur der urzeitliche Teil aktiviert, bleibt uns nichts, als uns zu prügeln, zu fliehen und zu erstarren.
Ihr Rat ist ungemein nützlich: Es kommt nur noch selten vor, dass wir Tigern gegenüberstehen. Unseren Liebsten hingegen schon.

Ich löschte, was ich geschrieben hatte, steckte das Handy weg und versuchte, aus dem Fenster zu schauen. Die Halbinsel Au mit ihren hübschen Reben zog an mir vorüber. Bloß: Was interessierten mich Reben?
Ich war nie gut darin gewesen, wütend zu sein. Als ich zum ersten Mal richtig wütend wurde, war ich fünfundzwanzig. Ich schrieb im Zorn eine Rede und lernte sie auswendig, um auch wirklich zu sagen, was ich zu sagen hatte. Jene Zeilen fallen mir nun bei jedem Wutanfall ein, als hätte ich einen Kratzer in der Platte. Mattia würde das sofort bemerken.
»Haben diese Worte nicht ursprünglich Anderson gegolten?«, würde er fragen.
Wahrscheinlich würde er darüber lachen. Obschon: So wirklich sicher bin ich mir nicht. Vielleicht würde er mich auch erwürgen.

Leni besitzt für eine Vierjährige eine beachtliche Sammlung an Puzzles. Neulich donnerte sie im Zorn alle zu Boden. Danach war sie nicht in der Lage, die Teilchen wieder den richtigen Schachteln zuzuordnen, und ich hatte dazu keine Lust. Seither puzzeln wir nicht mehr, wir legen Muster. Die Teilchen der unterschiedlichen Puzzles passen perfekt ineinander, und die Bilder, die sich ergeben, sind ziemlich witzig: Ein halber Hubschrauber mit Pferdepo, darüber schwebend ein Stückchen von einem Bauernhof, ein Giraffenhals ohne Kopf.
So sind auch Menschen: Ein irres Puzzle aus Empfindungen und Reaktionen, die in anderer Kombination sinnvoll gewesen sein mögen. Erstaunlicherweise sind wir jedoch stets überzeugt, alles an uns, vom Pferdepo bis zum Giraffenhals, gehöre so und nicht anders.

Schon in Pfäffikon holte ich das Handy wieder hervor. Wäre ich du, tippte ich, ich hätte mich längst bei mir entschuldigt. Ich wäre mir nachgefahren. Ich hätte mich angerufen, das wäre das Mindeste.
Gleich ahnte ich Mattias Antwort: So kommt man nicht weiter. Wäre ich du, würde ich es lassen mit diesem kindischen Wäre-ich-du.
Ich habe die mühsame Angewohnheit, Dialoge im Kopf zu führen. Bei allem höre ich den Senf, den Mattia dazugeben würde.

Er fuhr mir nicht nach. Er rief mich nicht an. Er war überzeugt, nichts falsch gemacht zu haben. Er machte nie etwas falsch, brauchte sich nie zu entschuldigen. Ich schickte auch diese Nachricht nicht ab. Sollte er zur Hölle fahren.

Ein anderes Mal, als ich mich über Mattia ausgelassen hatte, nahm Frau Kaiser einen Schluck von ihrem Tee, lehnte sich zurück, als beginne damit der gemütliche Teil unserer Sitzung, und sagte: »Es ist alles andere als leicht, eine Beziehung zu führen. Genau genommen ist es das Schwierigste überhaupt. Wir müssen lernen, uns zu beruhigen. Wir müssen unserem Gehirn verständlich machen, dass wir nicht mehr in der Wildnis leben.«
Daran musste ich auf meiner Fahrt denken.
Wir kämpfen mit Tigern, tippte ich, den Blick in die Glarner Berge gerichtet. Ich bin deiner, Mattia. Du bist meiner.
Ich schickte auch diese Nachricht nicht ab. Ich hatte keine Lust auf die Antwort: Du verhältst dich nun einmal wie ein Tiger. Da ist es nur vernünftig, dich als solchen zu behandeln.
In Mattias Kopf gäbe es ganze Vitrinen zu besichtigen, die mit meinen Untaten gefüllt sind.
Ich schaute zwar aus dem Fenster, aber ich schaute nicht hin. Sogar der schöne Walensee zog an mir vorüber, als sei er nicht da.
Ich hatte nur das Nötigste eingepackt: Mein Handy, das Ladekabel, Ersatzkleider, Zahnbürste, Zahnpasta. Aber eben auch: einen Berg alter Notizen und vier Kilo Reis.
Nik lachte mich aus, als ich es ihm erzählte.
»Es ist wieder soweit«, sagte er betont ernst. »Du steckst in einer veritablen Reiskrise.«
Erst begriff ich nicht, was er damit meinte. Ich musste ihm irgendwann davon erzählt haben, dass ich in der Zeit vor der Klinik nicht mehr aus dem Haus gegangen war und mich wochenlang von Reis ernährt hatte. Auch die Anderson-Geschichte war ihm bekannt.
Nik reichte mir den Schlüssel. »Soll ich mitkommen?«, fragte er.
Ich schüttelte den Kopf. »Ich brauche Ruhe.«
»Willst du erzählen, was passiert ist?«
»Nicht jetzt.«
»Geht es den Kindern gut?«
Ich nickte. »Mattia ist bei ihnen. Ich habe ihnen gesagt, ich fahre zur Recherche weg.«
Nik lachte. »Recherche. So kann man das auch nennen.«

Vier Stunden später war ich in Vals. Nik besitzt dort ein kleines, schickes Tiny House. Er hat es für sich gebaut, schämt sich aber dafür, dass ihm das Geld dazu in die Wiege gelegt worden ist. Deshalb vergibt er es großzügig an Freunde. Mattia, die Mädchen und ich hatten den ­ vorigen Sommer dort oben verbracht. Ich hatte befürchtet, wir schlügen uns zu viert auf so engem Raum die Köpfe ein, und damit gerechnet, dass wir bloß zwei, drei Tage bleiben würden. Wir blieben drei Wochen.

Nun war ich allein. Doch fühlte es sich an, als bewohnten wir das Haus noch immer zu viert. Ich verstaute meine Kleider in der zweitobersten Schublade der Kommode. Die oberste gehörte noch immer Mattia, die dritte Leni und die unterste Sophie. Die Notizhefte legte ich auf den Tisch, den ich auch letztes Mal zum Arbeiten benutzt hatte. Das Tischchen unter dem Fenster wirkte nach wie vor besetzt. Vor einem Jahr hatte Mattia sich die hübschere Aussicht ergattert.
»Ich war so freundlich, dir den größeren Tisch zu überlassen«, hatte er sich gerechtfertigt.» Den brauchst du doch für deine Ordnung.«
Tatsächlich mache ich ständig Auslegeordnungen, und kein Tisch ist dafür je groß genug. Würde ich ein Haus bauen, es bestünde aus lauter Vorsprüngen, Sideboards und kleinen Einbuchtungen, um Dinge abzulegen.

Ich legte mein Nachthemd aufs Bett. Nur ein knappes Jahr war es her, da hatten Mattia und ich dort gelegen, Gesicht an Gesicht auf seinem Kissen. Er streichelte meinen Rücken.
»Es ist ein Wunder, dass wir zusammen sind«, hatte ich gesagt.
»Wie meinst du das?«
»Wir sind nicht einfach«, gab ich zur Antwort. »Wir hatten beide eine schwierige Kindheit. Wir haben uns das Leben mit einer Dreierbeziehung verkompliziert.«
Mattia stöhnte: »Die Geschichte mit Silvie ist hundert Jahre her.« Er hörte auf, mich zu streicheln.
Ich ging nicht auf seine Bemerkung ein. »Allein die Psychose wäre ein passabler Trennungsgrund«, fuhr ich stattdessen fort. »Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Paar sich einer Psychose wegen trennt, steht bei über achtundneunzig Prozent.«
»Woher weißt du das so genau?«
»Wikipedia, glaube ich.« So genau wusste ich es auch nicht.
Mattia setzte sich auf.
»Nimmst du Reißaus? Ich bin dabei, dir eine Liebeserklärung zu machen.«
»Liebeserklärung? Du bist dabei, Probleme aufzuzählen.«
»Eben: Es sind viele, und wir haben alle gemeistert. Wir sind Helden.«
Mattia stand auf. »Ich habe dich geheiratet«, sagte er. »Ich gehe ohne Frage davon aus, dass wir zusammengehören. Das ist kein Wunder, das ist eine Entscheidung.«

Vielleicht hat er Recht, dachte ich nun, während ich Reis zu kochen begann, vielleicht war es keine ­ Liebeserklärung gewesen. Die Wahrheit ist, dass ich in guten Phasen stolz darauf bin, wie wir unsere Schwierigkeiten zu meistern vermögen. In schwierigen Zeiten sehe ich genau jene Probleme als Grund dafür, dass wir scheitern. Es gibt so viele Steine, die sich unserer Beziehung in den Weg legen. Die größten habe ich noch nicht einmal aufgezählt.
Während der Reis quoll, starrte ich auf mein Handy. Ich wartete noch immer auf eine Nachricht von Mattia. Ich konnte nicht aufhören, darüber nachzudenken, was passiert war. Und die Erinnerungen, nicht eben faul, schienen in ihrer Flasche nur darauf gewartet zu ­haben, emporzusteigen. Die Geschichte mit Silvie tauchte mehrmals in meinen Gedanken auf. Als ich danach krank wurde, dachte ich, ich sei verrückt geworden. Doch das wirklich Verrückte ist, dass ich am Ende feststellte, dass ausgerechnet die Psychose richtiggehend vernünftig war.
Mein Handy leuchtete auf.
Es war Nik. »Alles ok?«
»Ja. Bestens. Dein Tiny Häuschen ist ein Paradies. Danke!«
Ich setzte mich auf die Veranda. Nik hat sie als Steg gebaut, der direkt aus dem Wohnzimmer ins Blumenmeer ragt. Ich aß Reis, blickte hinunter zu den Ställen und zur Kapelle. Nichts störte das Idyll. Das Häuschen war perfekt platziert. Über dem Dach der uralten Kapelle war nur der Himmel, und über den Dächern der Ställe waren nur Berge, grüne, saftige Berge. Als wäre das nicht genug, schoss mitten aus dem Grün ein Wasserfall hervor in einem Blau wie aus der Karibik. Ich musste lachen. Ich saß wirklich im Paradies.

Ich hätte gerne Mattia angerufen und gesagt: Lass uns löschen, was bisher geschah. Wir fangen neu an.

Ich rief ihn nicht an. Ich hatte mir Funkstille verordnet.

Micha Friemel «Ausser mir», Dörlemann, 2026, 272 Seiten, ISBN 978-3-03820-203-5, erscheint am 20. August!

Micha Friemel, 1981 geboren, studierte Geschichte und Germanistik in Basel und Literarisches Schreiben in Biel. Sie lebt in Sta. Maria Val Müstair. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Tim Krohn, kümmert sie sich um ihre vier Kinder und die Chasa Parli, eine kleine Pension für kreativen Rückzug. Ihre zwei Bilderbücher «Lulu in der Mitte» und «Oma Erbse», illustriert von Jacky Gleich, sind bei Hanser erschienen. Beide wurden vom Deutschlandfunk unter die »Besten 7 Bücher für junge Leser« gewählt, und «Lulu in der Mitte» war 2020 für den Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreis nominiert.

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Beitragsbild © Nina Mann