Angelika Klüssendorf «Trost», Piper

Was ist Familie? Was passiert, wenn der Stern, um den die Planeten drehen, implodiert? Angelika Klüssendorf erkundet die feinen Risse, die zu Eruptionen werden, in einer Gegenwart, die in ihren Grundfesten erschüttert wird. Ihr neuer Roman „Trost“ hat die Kraft eines Tiefenbebens.

Rita wohnt allein. Nur zwischendurch lebt Joachim bei ihr, wenn er nicht in seiner Wohnung in Berlin ist. Ruth ist nach den Besuchen von Joachim gerne allein, gerne wieder allein, schon seit Jahren. Joachim und Ruth sind schon ein Jahrzehnt ein Paar, auch wenn beiden nicht so ganz klar zu sein scheint, was sie in der Beziehung hält. Gewohnheit? Die Angst vor dem Alleinsein? Vielleicht ist es für Rita Joachims Tochter Jane, mit der sie schon von Beginn weg eine seltsame Nähe verbindet. Jane steht kurz vor dem Abitur. Und weil alles, nicht nur die Familie, auch die Nachwirkungen der Pandemie und der angezettelte Krieg Russlands gegen die Ukraine, die junge Frau bis ins Mark erschüttert, wird die Frau an der Seite ihres Vaters zu einem Fixstern in ihrem Leben, das Haus zu einem Zuhause. Ihre Mutter, von der sich ihr Vater vor Jahren trennte, bei der sie noch immer morgens das Bett verlässt, um jeden Morgen der Einöde zu entfliehen, entfremdet sich ihr immer mehr, sinkt ab im Sofa für dem Fernseher. Ihr Halbbruder Eric, Vater geworden, verliert sich in der haltlosen Liebe zu einer Frau und ihre Freundin Lea, die einzige, der sie sich wirklich anvertrauen will, verliert sich hinter einem schweren Vorhang des Schweigens.

Und als Rita eines Morgens in ihrem Garten zusammenbricht und im Krankenhaus nicht mehr aus einem Koma erwacht, beginnt für Jane eine Zeit, die sie schmerzhaft in die Autonomie zwingt, ins Erwachsensein, in die Ernüchterung darüber, das die Welt sich nicht nach ihren Bedürfnissen dreht.

Angelika Klüssendorf «Trost», Piper, 2026, 208 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-492-07267-0

Jane besucht Rita regelmässig im Krankenhaus, die Frau, die nicht nur die Lebensgefährtin ihres Vaters wurde, sondern ihre Vertraute. Während ihr ihre Mutter mehr und mehr peinlich wird, gab ihr die Frau, die verloren im Krankenbett liegt, Sicherheit, erklärte ihr manchmal gar die Welt. Ritas Haus, ihr Garten, die Hühner, alles schien zu einem letzten Platz der Ordung zu werden. Bis ein Insekt Rita niederstreckte.

Joachim, Janes Vater, schwankt. Rita hat ihm in den letzten Jahren das noch einmal zurückgegeben, was er verloren glaubte. Aber statt sich um das Schicksal Ritas zu kömmern, kümmert er sich erstmal um sich selbst, seine Verlorenheit, seine emotionale Unterzuckerung, sein Elend, einmal mehr der Verlassene zu sein. Da kommt die Schwester von Ritas Nachbarn gerade recht. Man freundet sich an und mit einmal ist das Glück zurück, während Ritas Zustand im Krankenhaus medizinisch für hoffnungslos erklärt wird. Jane versteht ihren Vater ebenso wenig wie ihre Mutter. Aber noch viel weniger sich selbst.

Dieses Gewirr aus familiären und freundschaftlichen Banden, die sich aber nicht als das erweisem, was sie sein sollten, dröselt Angelika Klüssendorf gekonnt, aber auch schonungslos auf. Konsequent aus der Sicht von Vater und Tochter, Joachim und Jane erzählt, schildert Angelika Klüssendorf die komplexe Spiegelung zweier Welten, die sich aneinander reiben, zweier Wirklichkeiten, die unaufhaltsam auf die Konfrontation zusteuern, eines Kleinkosmos, der unaufhaltsam zu eiern beginnt, das schonungslose Abbild einer „modernen“ Familie, die sich der Fremdeinwirkung nicht entziehen kann.

Rita war bis zu ihrem Zustand im Koma, Kinderbuchautorin. Eine Frau, die es nie ganz schaffte, die zu sein oder zu werden, die sie gerne geworden wäre. Zuviele Existenzen um sie herum zerrten an ihr, nicht zuletzt immer und immer wieder die falschen Männer. Im ersten Kapitel, im einzigen aus der Sicht von Rita geschildert, manifestiert sich eine festgefahrene, in vielen Bereichen vergiftete Beziehung, vielmehr ein Zustand als eine Beziehung. Nach all den Romanen Angelika Klüssendorfs ein weiterer, der schonungslos zeigt, wie romantisiert und verklärt der Begriff „Familie“ ist. „Trost“ ist ein starkes Stück!

Interview

Liegt im Titel ihres Romans das Vertrauen, dass sich das mitunter wirre Gefüge der Gegenwart doch noch irgendwann und irgendwie klärt? Weder Rita, noch Jane oder Joachim sind dort, wo sie sich hinwünschen, höchstens für kurze Momente. Findet man Trost im Zurückschauen, in der Analyse, im Reflektieren? Ist nicht genau die Schriftstellerei ein Bedürfnis nach Trost?
Das Buch trägt den Titel «Trost». Wer es ließt, kann darin durchaus Trost finden und ich selbst finde manchmal in meiner Arbeit Trost. Vor allem aber in der Natur. Sie ist einfach da, bewertet nicht, zeigt sich nur und wird uns hoffentlich überdauern.

Alle Beziehungen in diesem familiären oder ausserfamiliären Geflecht sind beschädigt. Was Beziehungen letztlich immer sind. Ausgerechnet jene von Rita und Jane, die sich nicht ausgesucht haben, behält sich ein grosses Stück Vertrauen und Offenheit. Und ausgerechnet diese Beziehung wird durch einen allergischen Schock und das andauernde Koma auf eine harte Probe gestellt. Warum werden wir uns der Bedeutung einer Beziehung sehr oft erst dann bewusst, wenn sie unwiederbringlich zu Ende ist?
Ja, in der Rückschau wird uns vielleicht klar, was wir verloren haben: unsere Kindheit, unsere Jugend, und schließlich unser Leben. Doch als Schriftstellerin kann ich mich erinnern, was durchaus schmerzhaft ist, aber letztlich ist Erinnern unsere Identität. 

Jane wird nicht nur mit dem Koma ihrer Stiefmutter in die Wirklichkeit hineingerissen. Die Wirklichkeit zwingt sie zur Autonomie. Sei es die Wirklichkeit in ihrer Familie, jene in den Auswirkungen der Pandemie oder im Umgang mit den Folgen eines Krieges, der Flüchtende bis in ihre Stadt spült. Aber Jane nimmt den Kampf mit sich auf. Ganz im Gegensatz zu ihrer Mutter, ihrem Halbbruder oder in grossen Teilen zu ihrem Vater. Sind wir letztlich immer allein?
Ja. Das klopfende Herz und ich. Doch auch hier wieder ein unendlicher Kosmos um uns herum. 

Jane und Joachim ringen. Die Art, wie sie es tun, reibt während des Lesens. Bei Jane ist es die Wut, bei Joachim seine Ergebenheit. Beides Charaktereigenschaften, die eine positive Entwicklung erschweren. Ist das Schreiben ihr Versuch, zwischen all den Reibungen aufrecht zu bleiben? Ihrem Teil Wut oder Ergebenheit entgegenzutreten?
Im Schreiben fühle ich mich zu Hause. Ich betrete darin die mir einzig verlässliche Welt. Und ich bin sehr froh, diesen Beruf ausüben so können. Denn dort bin ich eben nicht allein. 

Angelika Klüssendorf, geboren 1958 in Ahrensburg, lebte von 1961 bis zu ihrer Übersiedlung 1985 in Leipzig; heute wohnt sie auf dem Land in Mecklenburg. Sie veröffentlichte mehrere Erzählbände und Romane und die von Kritik und Lesepublikum begeistert aufgenommene Romantrilogie „Das Mädchen“, „April“ und „Jahre später“, deren Einzeltitel alle für den Deutschen Buchpreis nominiert waren und zweimal auch auf der Shortlist standen. Zuletzt wurde sie mit dem Marie Luise Kaschnitz-Preis (2019) ausgezeichnet. Die französische Übersetzung ihres Romans „Vierunddreißigster September“ stand auf der Longlist des Prix Femina 2022. Ihr Roman „Risse“ wurde für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2023 nominiert.

Ahojana 6 «Im Herzen des Labyrinths» – Eine Postkarte aus Sasselin von Owida N. Woiax

Der Hitze zum Trotz trägt der bärtige Alte unbeirrt seine schwere Krone. Dabei müssen unter dem roten Samt, mit dem das goldene Gestell ausgefüllt ist, Temperaturen herrschen, die das Hirn zumindest schmoren lassen, wenn nicht gar frittieren. So warm wie heute war es in diesem Sommer noch nie, fast vierzig Grad zeigt das Thermometer. Ich stehe im Schatten eines Pflaumenbaums, der alle paar Sekunden kleine, vor der Reife verdörrte Früchtchen fallen lässt. Kraftlos rascheln sie durch trockene Blätter zu Boden.
Wer frei nehmen konnte, ist heute an die Küste gefahren, wo einem die Winde des Ozeans den Schweiß von der Haut streicheln. Auch der Gekrönte leidet unter der klyteps, wie man solche Temperaturen auf Lemusisch nennt. Er hat die Schuhe ausgezogen, die Hosen hochgekrempelt und sich auf den Rand des mit geheimnisvollen Meeresfrüchten geschmückten Brunnens im Zentrum von Sasselin gesetzt. Seine Beine hängen in das wenige Wasser hinab, das die Behörden in das tiefe Becken haben einlaufen lassen. Es reicht ihm, wenn er ganz drinsteht, gerade mal bis zu den Knien. Sein linker Unterschenkel ist dick angeschwollen, sein rechter dagegen wirkt dürr und viel zu dünn für die stattliche Wampe, die er zu tragen hat. Von Zeit zu Zeit greift er nach einer Flasche, die zu seiner Linken auf dem Brunnenrand steht. Erst glaube ich, das müsse Wein oder Schnaps sein, doch laut Etikette ist es Suk ordobakadi. Erdbeersaft? Ich wusste gar nicht, dass man so etwas kaufen kann.
Neben dem Brunnen, direkt hinter dem Rücken des Kronenträgers, geraten sich jetzt zwei Raben wegen eines Mäusekadavers in die Federn. Mit lautem Gekreische und knatterndem Flügelschlagen hüpfen sie wieder und wieder Attacken gegeneinander. Der Mann dreht langsam den Kopf zu den Vögeln um und macht mit den Lippen ein Geräusch, halb Pfeifen, halb Schnauben, das die Tiere sofort verstummen lässt, als gehorchten sie einem Befehl. Auch die Maus ist plötzlich weg. Ob sie sich nur totgestellt hat und die Chance nutzte, sich davonzumachen?
Aus einer Seitenstraße hüft ein kleines Mädchen herbei, stellt sich artig neben dem Mann auf und streckt ihm mit beiden Händen ein kupfernes Schälchen hin. Mit einem huldvollen Nicken nimmt der Alte das Geschenk entgegen, führt die Tasse an seine Lippen, schlürft, setzt ab, schließt genüsslich die Augen, schlürft erneut, rülpst und gibt dem Mädchen das Gefäß zurück. Freudig, als habe man ihr ein Geschenk gemacht, tollt die Kleine davon.
Ich zwinge mich aus dem Schatten und stelle mich neben dem Mann an den Brunnenrand: «Das muss aber lecker gewesen sein, was Ihnen Ihre kleine Freundin da gebracht hat. Was war es denn?»
«Erdbeersuppe», sagt er und scheint nicht im geringsten irritiert, dass ich ihn beobachtet habe.
«Ist es nicht etwas warm unter der Krone», frage ich ihn. Er zuckt nur mir der Schulter.
«Was für ein König sind Sie denn? Ist dieser Brunnen hier Ihr Reich?»
«Je suis le roi de tout ça», sagt er und führt dazu den Zeigefinger seiner Rechten im Kreis durch die Luft.
«Oha», sage ich und kann mir ein Grinsen nicht verkneifen, «oha, ‹all dies› ist also Ihr Reich. Was für eine Verantwortung. Und die können Sie nur tragen, wenn Sie in der Sonne sitzen?»
Er nickt majestätisch, seufzt und macht dann eine Geste mit der Linken, die ebenso matt wie eindeutig ist: Die Audienz ist beendet, ich darf mich wieder in den Schatten zurückziehen.
So kurz und kurios meine Begegnung mit dem Gekrönten war und so schütter mir der Zustand von «le roi de tout ça» auch vorgekommen sein mag: Beim Verlassen des Platzes fühle ich mich doch seltsam getröstet und gestärkt vom Gedanken, dass es für «all dies» einen König gibt, der sich zuständig fühlt. Ich schüttle darüber den Kopf und bin tatsächlich froh, dass darauf keine Krone sitzt.

Sommerfest im Literaturhaus Thurgau in Gottlieben

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Samuel Herzog «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden», Edition Frida, 2025

Samuel Herzog, geboren 1966, führte einen unabhängigen Kunstraum mit Küche in Basel, gab verschiedene Mikrozeitschriften heraus, betreute einen Kleinstverlag, erforschte als Ausgrabungstechniker die Bronzezeit und war jahrelang als Begleiter von Liegewagen in Europa unterwegs. Er studierte Kunstgeschichte und war als Kunstkritiker und Redakteur für diverse Medien tätig. Heute bewegt er sich im Grenzbereich von Kunst, Literatur und Journalismus. Er schreibt über seine Reisen, beschäftigt sich mit kulinarischen Themen und widmet sich literarisch-künstlerischen Projekten wie der fiktiven Insel Lemusa, deren facettenreiche Kultur er seit 2001 in Museen, Publikationen und im Internet vorstellt.

Ausschreibung «Passage»

Literarische Stimmen suchen ihren Weg. «Passage» bietet dafür Begleitung.
Mit dem Projekt «Passage» unterstützt die Kulturstiftung Thurgau Schreibende auf ihrem literarischen Weg – mit Mentorat, öffentlicher Sichtbarkeit und einem klaren Fokus auf die Textarbeit.

«Passage» ist die erste Förderstufe eines neuen Modells zur Stärkung des literarischen Nachwuchses im Kanton. Ermöglicht wird das Projekt durch den Nachlass Renate und Peter Nagel. Die Projektleitung liegt bei Rebecca C. Schnyder und Judith Zwick.

Gesucht werden neue literarische Stimmen aus dem Thurgau: Schreibende am Anfang ihres Weges, die ihr literarisches Arbeiten vertiefen und professionell begleiten lassen möchten. Ob bereits an einem konkreten Projekt gearbeitet wird oder Texte noch im Entstehen sind – entscheidend ist ein ernsthaftes Interesse am literarischen Schreiben.

Was Teilnehmende erwartet
• Ein mehrmonatiges individuelles Mentorat mit einer erfahrenen Autorin oder einem erfahrenen Autor: Regina Dürig, Simon Froehling, Laura Vogt, Levin Westermann
• vertiefte Arbeit am Schreiben – projektbezogen oder entwicklungsorientiert
• Veröffentlichung ausgewählter Texte im digitalen «Textfenster» auf
thurgaukultur.ch
• öffentliche Präsentation im Rahmen einer Abschlusslesung
• ein Schreibstipendium (pauschal) von CHF 2’000.– sowie eine Spesenpauschale von CHF 500.–

Es werden bis zu vier Schreibende ausgewählt.
Das Projekt startet im November 2026.

Wer kann sich bewerben?
Bewerben können sich Personen, die:
• mindestens 18 Jahre alt sind (keine obere Altersgrenze)
• noch keine Buchveröffentlichung in einem Verlag haben
• literarisch schreiben und ihr Arbeiten ernsthaft weiterentwickeln möchten
• offen sind für professionelles Feedback durch eine:n Mentor:in
• einen Bezug zum Kanton Thurgau mitbringen
• Zugelassen sind Prosa, Lyrik, Drama, Spoken Word, essayistische Kurztexte sowie hybride oder experimentelle Formate – in deutscher Sprache oder Schweizer Mundart.

Bewerbung
Für die Bewerbung werden benötigt:
• Textproben aus einem laufenden Projekt oder aus einzelnen literarischen Arbeiten (10-15 Seiten)
• eine kurze Beschreibung (max. 2 Seiten); Woran wird gearbeitet? Was soll im Mentorat entwickelt werden? Was wird von der Teilnahme erwartet und gewünscht?
• eine Kurzbiografie oder einen Lebenslauf

Bewerbungsschluss ist der 25. August 2026
Der Entscheid erfolgt bis zum 20. September 2026

Gesuchseinreichung
Die Bewerbungsunterlagen können unter folgender Adresse eingereicht werden: passage@kulturstiftung.ch

Fragen?
Details zu Ablauf, Terminen, Mentor:innen, Auswahlverfahren und
Teilnahmebedingungen sind in den FAQ beschrieben.

Fleur Jaeggy «Die letzten Tage von Ingeborg», Suhrkamp

Ingeborg Bachmann, Ikone der Literatur des 20. Jahrhunderts, und Fleur Jaeggy waren Freundinnen. Wer im schmalen Buch „Die letzten Tage von Ingeborg“, das Fleur Jaeggy ein halbes Jahrhundert nach dem tragischen Tod ihrer Freundin schrieb, Enthüllungen sucht, liest mit falscher Absicht.

Ingeborg Bachmann, eine jener Stimmen deutscher Literatur, die wohl nie vergessen wird, starb am 17. Oktober 1973 47jährig in Rom an den Folgen eines tragischen Brandunfalls. Ein Tod, der bis in die Gegenwart Spekulationen provoziert. Als Ingeborg Bachmann starb, war Fleur Jaeggy eine junge Autorin, beeindruckt von ihrer älteren Freundin, aufgehoben im gemeinsamen Wunsch, in der Sprache Heimat zu finden. Als Ingeborg Bachmann starb, verlor die Literatur einen Fixstern, Fleur Jaeggy eine Freundin, die sie auch ein halbes Jahrhundert nach deren Tod noch immer begleitet.

„Die letzten Tage von Ingeborg“ ist keiner der unsäglich vielen Mosaiksteine, die sich mit Leben, Sterben, mit dem Werk der grossen Autorin beschäftigen. Auch kein Bericht, kein Statement, nicht einmal ein Denkmal – höchstens für Fleur Jaeggy selbst. Für Fleur Jaeggy muss der Verlust ein permanenter Schmerz sein. Ein Gefühl, das all jene kennen, die mit zunehmendem Alter durch Sterben und Tod von jenen Menschen getrennt werden, die ihnen Leben bedeuten. Vielleicht wäre Fluer Jaeggy gar nie Schriftstellerin geworden, oder jene Schriftstellerin, die sie geworden ist, hätte sie damals in Rom Ingeborg Bachmann nicht kennengelernt.

Fleur Jäggy «Die letzten Tage von Ingeborg», Suhrkamp, 2026, aus dem Italienischen von Barbara Schaden, 44 Seiten, CHF ca. 19.90, ISBN 978-3-518-43329-4

Im Sommer 1971, zwei Jahre vor dem Tod Ingeborg Bachmanns, fahren die beiden Freundinnen mit einem roten Alfa Romeo 2600 für einen Monat gemeinsam an die toskanische Küste, nach Poveromo-Forte dei Marmi, um sich aus dem Trubel ihres Lebens auszuklinken. Keine Zerstreuung, aber 30 Tage Gemeinschaft, mit nichts anderem als mit sich selbst und der Freundin. Man macht Spaziergänge, schwimmt im Meer, isst zusammen, empfängt nur wenig Besuch (Italo Calvino mit seiner Frau und Uwe Johnson mit dem ersten Teil seines Opus Magnum „Jahrestage“). Man geniesst die langen Gespräche und die Ruhe im Haus und im verwilderten Garten, überzeugt, es wäre noch immer der Anfang einer langen Freundschaft.

Dann die Katastrophe. Nicht nur der Brand, auch die Tatsache, dass schon in den ersten Stunden und Tagen vieles unerklärlich, unerklärbar bleibt; das Schweigen, das Verheimlichen, die Einsamkeit, die offensichtlichen Notmassnahmen, die nicht sofort eingeleitet wurden, fehlende Kompetenz. Sie, die von allen geachtete und verehrte Schriftstellerin, bleibt im grössten, erdenklichen Schmerz allein. Ihre Freundin, Fleur ebenfalls, im Ungewissen, einem aseptischen Zimmer isoliert, die Freundin Fleur ganz ähnlich. Ein Schmerz, der sich auch fünf Jahrzehnte nach der Tragödie nicht verflüchtigt hat. Ein Schmerz, der bei der Trauerfeier noch zementiert wurde, die Verstorbene entblöste.

So ist „Die letzten Tage von Ingeborg“ ein Buch der Sehnsucht, des Schmerzes, das fluide Nachspüren einer Freundschaft, in aller Feinheit formuliert, weit weg von Enthüllung und Sensation. Eine Mischung aus Tagebuch und Erinnerung, Empfindungen und Momenten, die sich nicht auslöschen lassen.

Für all jene, die die Bücher von Ingeborg Bachmann lieben, eine Liebeserklärung. Für all jene die Fleur Jaeggy kennen ein Zeugnis. Für all jene die Fleur Jaeggy nicht kennen, die Aufforderung mit dem Lesen ihrer Bücher zu beginnen!

Fleur Jaeggy ist eine schweizerische und italienischsprachige Autorin, Ex-Model, Intellektuelle, Mystikerin, inzwischen etwas über 80 Jahre alt, ehemals enge Vertraute Ingeborg Bachmanns, Witwe des Adelphi-Verlegers Roberto Calasso, heute lebt sie weitgehend zurückgezogen in Mailand. Ihr weltweit gefeiertes Werk umfasst Romane, Erzählungen und Geschichten. 2024 erhielt sie den Gottfried-Keller-Preis der Martin Bodmer-Stiftung für ihr Gesamtwerk und 2025 wurde sie mit dem Schweizer Grand Prix Literatur ausgezeichnet.

Barbara Schaden studierte Romanistik und Turkologie in Wien und München, arbeitete anschließend als Verlagslektorin und ist seit 1992 freiberufliche Übersetzerin aus dem Englischen, Französischen und Italienischen. Sie hat u.a. Werke von Kazuo Ishiguro, Fleur Jaeggy, Nadine Gordimer und Elena Ferrante übertragen und ist dafür vielfach ausgezeichnet worden. Barbara Schaden lebt in München.

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«Literatour» am 30. Internationalen Literaturfestival in Leukerbad

Das 30. Internationale Literaturfestival in Leukerbad beginnt mit einer Literarischen Wanderung, auf den Spuren von Goethe. Was sich heute wie Idylle präsentiert, war vor 100 Jahren und mehr Schauplatz menschlicher Existenzkämpfe, bei denen die Natur mit aller Härte dem Menschen trotzte.

Würde man Leukerbad von 1779 und 2026 übereinanderlegen, gäbe es wohl kaum mehr Schnittmengen, auch wenn die Kulisse aus Fels und Himmel fast identisch wäre. Als Goethe im November 1779 Leukerbad erreichte, muss es frisch, wenn nicht kalt gewesen sein, auch wenn ihn stechende Insekten ziemlich rabiat wieder aus dem Ort vertrieben. Die Welt im Wallis damals muss eine ganz andere gewesen sein. Auch wenn Goethe die Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Einheimischen lobte, dominierte im Leben der Hiesigen damals der Kampf ums Überleben, die Mühsal der täglichen Arbeit und die Angst vor dem Höllenfeuer. Daran erinnert im Bäderort Leukerbad wenig, wo man heute mit weissen Bademänteln und Froteeschlarpen über den Dorfplatz promeniert, auf Liegestühlen und im warmen Wasser dem süssen Nichtstun huldigt.

Umso aufschlussreicher waren die beiden literarischen Begleitungen auf dem Weg von Leukerbad talabwärts nach Inden. Zum einen die preisgekrönte Lyrikerin Franziska Füchsl mit ihrem Erzählkosmos „Am Rande der Müh“ und
Odilo Abgottspon, ein „Einheimischer“ aus dem nahen Visperterminen, der mit „Die Titscha“ die Geschichte seiner Grosseltern erzählt, seines Grossvaters, der aus existenzieller Not nicht nach Übersee, aber als Melker nach Schlesien auswanderte, um mit einer Auswärtigen ins Heimatdorf zurückzukehren. Bei Franziska Füchsl Geschichten um ein Grenzland im oberösterreichischen Mühlviertel, über Flüsse, Landschaften, Bäume, alles was kreucht und fleucht, eine durch und durch poetische Auseinandersetzung mit Landschaft und Sprache, ein buchlanger Versuch, der Natur eine Stimme zu geben, den Blick zu schärfen, das Natürliche dem Nutzen zu entreissen. Bei Odilo Abgottspon die Schilderung des Lebens vor 100 Jahren und mehr, als die Natur alles andere war, als eine Kulisse, um darin seine Ferien zu verbringen.

Odilo Abgottspon versetzt seine Leser*innen in eine Zeit, in eine Welt, die in allem bedroht war. Die Menschen in Visperterminen fürchteten Gott ebenso wie die Launen der Natur, den Hunger, die Dürre, den Tod der Kinder, ein Leben ohne Zukunft. Die Grossmutter, die mit ihrer Familie auch örtlich am Rand der Gesellschaft zu leben hatte, die man fast ein ganzes Leben als Fremde stigmatisierte, hatte noch viel mehr zu kämpfen. Ein Kampf um Familie, ein Kampf ums Dasein, eine permanente Rechtfertigung an jenem Ort am Leben zu sein.
Unter der Sonne des Sommers waren die Schilderungen mehr als nachvollziehbar. Odilo Abgottspons Familienroman dokumentiert ein Stück Schweizer Geschichte, lange vor jener Zeit, als das Wallis zu einer Feriendestination wurde, sich die Auswanderung in Zuwanderung drehte, weil Tourismus und Fremdenverkehr Devisen versprachen.

Franziska Füchsl geht es in ihrer Literatur um ganz anderes. Sie will nichts dokumentieren. Ihr Schreiben ist eine Schule des Sehens, eine unmittelbare Auseinandersetzung mit dem, was wir missverständlich als Um-Welt bezeichnen. Franziska Füchsl wendet den Blick, schärft die Wahrnehmung, macht Natur nicht bloss zum Gegenüber, sondern zum Unmittelbaren. Mag sein, dass sie gar nicht zu einer Anwältin der Natur werden will, aber sie ist es durch die Zartheit ihrer Sprache, ihren Respekt, ihre Liebe.
Als Goethe damals über die Gemmi nach Leukerbad kam, verstand er sich mit Sicherheit als Teil der Natur. Franziska Füchsl führt vor Augen, wie weit wir uns von der Natur, dem Natürlichen entfernt haben. So wie der Fluss Dala in Leukerbad ist die Müh im Mühlviertel die Ader des Lebens – und nicht zuletzt Sinnbild für die Müh, die man Leben und Fluss abtrotzen muss, um bestehen zu können.

Die Wanderung war Offenbarung und Klärung zugleich.
Als man 1966 die Eisenbahn von Leuk nach Leukerbad aus wirtschaftlichen Gründen stlilllegte, dachte man ans Ende der Eisenbahn, den endgültigen Sieg der benzinbetriebenen Mobilität. Heute wäre jene Eisenbahn, die sich spektakulär durch das zerklüftete Tal schlängelte, eine Attraktion erster Güte. Was bleibt, sind in Inden und Leukerbad zwei schmucke Bahnhofsgebäude, denen das damalige Selbstverständnis anzusehen ist. Einziges Zeugnis des damaligen Rollmaterials ist ein einziger, kleiner Güterwagen neben dem zum Lebensmittelgeschäft umfunktionierten Bahnhof Inden. Heute ein Minikino.

Franziska Füchsl «Am Rande der Müh», Edition Thanhäuser, 2026, 354 Seiten, ISBN 978-3-903409-15-6

Franziska Füchsl, 1991 geboren, gehört zu den eigensinnigsten Stimmen der österreichischen Literatur. Sie studierte Deutsche Philologie und Anglistik in Wien sowie Sprache und Gestalt in Kiel und lebt heute zwischen diesen beiden Städten. Ihre Texte bewegen sich an den Rändern von Lyrik und Prosa, arbeiten mit Dialekt, Sprachverschiebungen und bewusst irritierenden Bildern. Inhaltlich kreisen sie um Landschaft, Herkunft, soziale Reibungen und das fragile Verhältnis von Mensch und Natur. Für ihr Schreiben erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, zuletzt den Deutschen Preis für Nature Writing für «Am Rande der Müh». Die Jury würdigte ihre Arbeit als «Grenzlandprosa, die Natur und kulturelle Prägung zugleich sichtbar macht und deren Verheerungen nicht ausspart».

Odilo Abgottspon «Die Titscha», Limmat, 2026, 256 Seiten, ISBN 978-3-03926-108-6

Odilo Abgottspon, geboren 1956 in Visperterminen, studierte Germanistik und Kunstgeschichte in Zürich. Danach wirkte er als Deutschlehrer an Gymnasien in Rom und Luzern. «Die Titscha» ist sein erstes Buch. Odilo Abgottspon lebt in Bern und im Wallis.

Beitragsbilder © Gallus Frei / literaturblatt.ch

 

Elisa Shua Dusapin «Damals waren wir unzertrennlich», Kein & Aber

Elisa Shua Dusapin ist eine Autorin der leisen Töne. „Damals waren wir unzertrennlich“ ist der Roman einer Familie, die das Schicksal zerriss und zwei Schwestern nach 15 Jahren Trennung wieder zusammenführt. Ein feinfühliges Kammerspiel sich reibender Existenzen.

Elisa Shua Dusapin faszinierte mich schon vor zehn Jahren mit ihrem literarischen Debüt „Winter in Sokcho“. „Damals waren wir unzertrennlich“ ist ihr vierter Roman und setzt fort, was Elisa Shua Dusapin seit ihrem Debüt meisterhaft zu inszenieren weiss; ihr Roman besticht durch das, was er nicht direkt erzählt, durch die Leerstellen und Schattenwürfe, mit denen er die Szenerie in eigenartiger Schwebe lässt. Elisa Shua Dusapin geht es nicht um Auflösung, nicht um Klärung. Vieles bleibt angetönt, verborgen. Ihr Roman ist ein Spiegel des echten Lebens, in dem auch vieles unausgesprochen, im Dunkeln, verborgen bleibt, erst recht im Trümmerfeld einer zerbrochenen Familie.

Elisa Shua Dusapin «Damals waren wir unzertrennlich», Kein & Aber, 2025, aus dem Französischen von Andreas Jandl, 144 Seiten, CHF ca. 29.00, ISBN 978-3-0369-5075-4

Agathe kehrt nach vielen Jahren zurück nach Frankreich. Nicht um dort zu bleiben, sondern um ihrer Schwester, die sie seit 15 Jahren nicht mehr gesehen hatte, bei der Auflösung eines Hausstandes zu helfen. Ihr Vater starb. Das Haus soll leer werden. Alles muss weg. Die Spuren einstiger Gemeinsamheiten löschen. Agathe und ihre jüngere Schwester Véra hatten seit ihrer Trennung jeden Kontakt vermieden. Und nun leben sie für neun Novembertage zusammen im Haus ihrer gemeinsamen Kindheit, im Haus, in dem Véra damals mit sechs Jahren, aufhörte zu sprechen, im Haus, aus dem ihre Mutter weggegangen war, im Haus, in dem Agathe die Stimme ihrer kleineren Schwester wurde, aus dem auch Agathe ausgebrochen war und die jüngere Schwester sich selbst überliess.

Im Haus soll nichts zurückbleiben, es soll abgebrochen werden. Agathe und Véra nisten sich in den Hinterlassenschaften ihres Vaters ein, schlafen im Zimmer ihrer Kindheit, in einem Stockbett, nach Jahren maximaler Distanz für neuen Tage wieder ganz nah, unmittelbar. Véra, die damals zuhause und in der Schule Agathes Schutz brauchte, ist eine resolute Frau geworden, auch wenn sie noch immer nicht spricht. Sie packen ein, räumen auf, nehmen Dinge in die Hand, das, was von der Familie, der zerrütteten Ehe ihrer Eltern, vom Leben ihres immer schwächer gewordenen Vaters übrig geblieben ist, was sich wie Sedimentschichten im Haus absetzte.

Was zwischen den beiden geschieht, bleibt reduziert. Agathe verliess noch jung das Haus der Familie in die USA und kehrte nicht zurück, fand ihr eigenes Leben, wurde als Drehbuchautorin erfolgreich. Das Leben, das in den neun Tagen tropft, ist ein eigenartiger Kontrast zum Stress ihres Lebens auf der anderen Seite des Ozeans, ihrem Leben als Autorin, dem Beziehungsstress mit Irvin. Aber weil sie weiss, dass sich ihre Wege nach diesen Tagen wieder trennen werden, bleibt der Monolith aus Unausgesprochenem über ihnen in der Schwebe.

Ein schmaler Roman, fast wie eine literarische Skizze. Elisa Shua Dusapin zeichnet ein Buch lang mit feinem Strich und dezenten Farben. Nichts Reisserisches, dafür mit Anmut erzählt und grossem Respekt vor der Verletzlichkeit der Protagonistinnen.

Elisa Shua Dusapin wurde 1992 in Sarlat-la-Canéda (Frankreich) als Tochter eines französischen Vaters und einer südkoreanischen Mutter geboren und wuchs zwischen Paris, Seoul und Porrentruy (Schweiz) auf. Sie hat am Literaturinstitut in Biel studiert und erhielt für ihren Debütroman «Winter in Sokcho» zahlreiche Preise, darunter den Robert-Walser-Preis sowie den National Book Award für Übersetzungen. Der Roman wurde verfilmt und an zahlreichen Festivals gezeigt. Ihre insgesamt vier Romane wurden in mehr als 35 Sprachen übersetzt. 

Elisa Shua Dusapin tritt vom 26. bis 28. Juni beim Internationalen Literaturfestival Leukerbad auf.

Andreas Jandl übersetzt aus dem Französischen und Englischen, vor allem Belletristik und Dramatik. Für seine Arbeit wurde er 2017 mit dem Christoph-Martin-Wieland-Übersetzerpreis (zusammen mit Frank Sievers) und 2021 mit dem Eugen-Helmlé-Übersetzerpreis ausgezeichnet.

Beitragsbild © Roman Lusser editions Zoe

Lukas Bärfuss «Königin der Nacht», Rowohlt

Kein Roman, keine Geschichte, aber ein Buch über Herkunft, über eine Mutter, die sich in keine Rolle zwängen liess, am allerwenigsten in die einer fürsorglichen Mutter. Seine wollte frei sein, so frei, wie es ging ohne Geld, ohne Sicherheiten, ohne Gewissheiten.

Schon erstaunlich, wie offen Lukas Bärfuss mit seinem biographischen Buch Bilder erzeugt, die stellvertretend für Schicksale werden, die nie eine Stimme fanden, nie eine Stimme gefunden hätten, wenn aus dem sperrigen Jungen, der Lukas Bärfuss war, nicht einer geworden wäre, der wie er seine Stimme, seine Sprache gefunden hat. Ob mit seinem Vaterbuch („Vaters Kiste“ 2022) oder seinem Mutterbuch „Königin der Nacht“, ob mit seinem Bruderbuch („Koala“ 2014), Lukas Bärfuss lautes Nachdenken über seine Herkunft ist nicht jenes eines Verbitterten, nicht mal eines Erklärers, schon gar nicht eines Versehrten. „Königin der Nacht“. Es ist sein langer Weg, seiner Mutter einen Namen zu geben, was er erst mit dem letzten Satz seines Buches tut. Es ist der niedergeschriebene Weg hin zu einer Frau, die ihn auf die Welt brachte, obwohl sie ihn nie wollte, die ihn nie umarmte, nie herzte, die ihn alleine liess, sich selbst überliess. Die ihn aber auch das werden liess, was Lukas Bärfuss heute ist, was in sein Gesicht geschrieben ist, was ihn lesen und nachdenken liess, was ihn zum Schreiben trieb, was ihn zu einem Mann werden liess, der nicht einfach hinnimmt, der Dinge beim Namen nennt, der weiss, wie viel er dem „Trotzallem“ zu verdanken hat.

Eine Mutter ist, was man nicht loswird.

Lukas Bärfuss «Königin der Nacht. Ein kurzes Buch über meine Mutter», Rowohlt, 2026, 128 Seiten, CHF ca. 29.90, ISBN: 978-3-498-00321-0

Es ist ein weiteres Buch, dass sich intensiv und poiniert mit von der Gesellschaft fixierten und institutionalisierten Rollenbildern beschäftigt; dem verklärten Mutterbild und den fixen Vorstellungen, wie Mutterliebe auszusehen hat. Wie eine von Männern dominierte Gesellschaft Frauen über Jahrhunderte in eine demütige, untertänige Rolle zwang, von der sie sich trotz Emanzipationsbewegung und in Bundesverfassung verankerter Gleichberechtigung selbst in der Gegenwart nicht befreien kann. Die von Lukas Bärfuss beschriebene Frau, seine Mutter, wollte nie den festgeschriebenen Regeln eines geregelten Lebens entsprechen. Sie wollte sich selbst gehören, koste es, was es wolle. In einem solchen Leben am Rande der Gesellschaft, am Rande der Armut, gab es keinen Platz für einen Balg. So wenig, wie sie sich von einem einzigen Mann abhängig machen wollte, so wenig wollte sie sich von ihren von der Gesellschaft markierten Pflichten abhängig machen. So wie sie sich immer wieder von Männern entledigte, so entledigte sich von dem kleinen Jungen, der gefälligst auf eigenen Füssen zu stehen hatte.

Ich kannte das Gefühl der Mutterliebe nicht. Auch nicht in der zweiten Bedeutung des Wortes, des Gefühls der Liebe des Kindes zu seiner Mutter. Deshalb hatte ich sie ihrem Schicksal überlassen.

Lukas Bärfuss hatte Glück. Es hätte in seiner Jugend Gelegenheit genug gegeben von eben diesem Glück vergessen zu werden. Heute zählt er zu den wichtigsten Exponenten deutschsprachiger Literatur, dekoriert mit Preisen, unter anderem mit dem Georg-Büchner-Preis, einem der wichtigsten Preise überhaupt. Polititsches Krisenbewusstsein und die Fähigkeit zur Gesellschaftsanalyse am exemplarischen Einzelfall, psychologische Sensibilität und der Wille zur Wahrhaftigkeit hiess es in der Preisbegründung – genau das, was Lukas Bärfuss auch in „Königin der Nacht“ tut.

Vordergründig geht es um die Auseinandersetzung mit seiner Mutter, der eklatanten Distanz, zu Beginn menschlich, später dann auch räumlich. Aber Lukas Bärfuss geht es vor allem um die Hintergründe, warum seine Mutter jene Frau wurde, die ihr Muttersein nicht als Glück empfand. Die sich mit Händen und Füssen, nicht zuletzt mit der Derbheit ihres Ausdrucks gegen jede Einordnung wehrte, die eigentlich nur frei sein wollte, so frei, wie möglich ohne Geld, Sicherheiten und Beziehungen, auf die sie hätte bauen können. Dabei die eigene Mutter als blosses Opfer einzuordnen, darum geht es Lukas Bärfuss nicht. So wie er selbst sich nicht als Opfer sieht.

Ich war ein Problem.

Die Lektüre dieses Buches löst Beklemmung aus, weil sie die propere Fassade einer Schweiz, der die Geschichte stets Recht zu geben schien, besudelt. Sei es die Stellung der Frau, der Umgang mit den sozial Schwachen, mit Minderheiten, mit den Fahrenden, mit jenen, die sich nicht perfekt in ein durchorganisiertes System einordnen wollen. Wie in seinem Vaterbuch („Vaters Kiste“) setzt sich Lukas Bärfuss mit einer Hinterlassenschaft auseinander, mit dem, was von seiner Mutter geblieben ist. Ein beeindruckendes, durch und durch ehrliches Buch. Eine Aufforderung zur kritischen Auseinandersetzung. Ein literarisches Wagnis!

Lukas Bärfuss tritt vom 26. bis 28. Juni beim Internationalen Literaturfestival Leukerbad auf.

Lukas Bärfuss, geboren 1971 in Thun, ist Dramatiker, Romancier und streitbarer Publizist. Seine Stücke werden weltweit gespielt, die Romane sind in zwanzig Sprachen übersetzt. Lukas Bärfuss ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und lebt in Zürich. Für seine Werke wurde er u.a. mit dem Berliner Literaturpreis, dem Schweizer Buchpreis und dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. Zuletzt erschienen «Vaters Kiste» (2022) und «Die Krume Brot (2023)».

mehr über und von Lukas Bärfuss auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Lea Meienberg

Kamel Daoud «Huris», Matthes & Seitz

Eigentlich unerträglich, wovon Kamel Daoud in seinem dritten Roman „Huris“ schreibt. Eine als Kind von Terroristen entstellte Frau kämpft sich durch die Wirren eines zerrissenen Landes, im Ungewissen darüber, ob sie das Kind, mit dem sie schwanger ist, lebend zur Welt bringen soll. Und doch ist „Huris“ notwendig, wichtig und ein episches Lied auf das Leben.

Es gibt Bücher, die ich nicht geniessen kann, die ich aber trotzdem zu Ende lesen muss. „Huris“ von Kamel Daoud, den man 2023 dauerhaft wegen regimekritischer Äusserungen ins Exil zwang, ist eine romanlange Kampfansage gegen eine menschenfeindliche Gesellschaft, gegen die Unfähigkeit, dem Gräuel, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, dass ein Land zwischen religiösem und ideologischem Extremismus zerrieben wird. Nachdem Algerien seine Unabhängigkeit von Frankreich schon mit einem grossen Blutzoll zu bezahlen hatte, stürzten Fehden, Bürgerkrieg, Auseinandersetzungen zwischen Militär und Islamismus das Land zwischen 1992 und 2002 in einen Bürgerkrieg, ein Schlachten und Morden, das bis in die Gegenwart nachwirkt. Kamel Daoud schont sein Heimatland nicht, setzt ihm einen brutal ehrlichen Spiegel entgegen. So ehrlich, dass es für den Schriftsteller unmöglich geworden ist, in sein Heimatland zurückzukehren. Schon gar nicht nach der Veröffentlichung dieses Romans.

Aube (Morgenröte) ist eine junge schwangere Frau. Aber eine Frau, die hadert, die allen Grund hat, zu hadern. Als sie fünf Jahre alt war, überfielen islamistische Terroristen ihre Familie, massakrierten ihre Schwester, schnitten auch ihr die Kehle durch, liessen sie in ihrem Blut liegen. Aube überlebte, gezeichnet mit einer Narbe von einem Ohr zum anderen, dem Verlust ihrer Stimme und einer Kanüle, die ihr aus dem Hals ragt, einer Entstellung, die den Menschen den Atem nimmt, einer Narbe, die sie für immer gebrandmarkt zurücklässt. Von der Gesellschaft als Hure beschimpft, schwanger mit einem Kind, von dem sie nicht weiss, ob ein Leben in ihrer Welt lebenswert ist, hadert Aube mit ihrem Schicksal, mit dem Schicksal aller Frauen, mit dem Schicksal ihres Landes.

Kamel Daoud «Huris», Matthes & Seitz, 2025, aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller, 398 Seiten, CHF ca. 35.60, ISBN 978-3-7518-1031-9

Trotz allem hat es Aube geschafft, einen Friseursalon zu eröffnen, aber ausgerechnet gegenüber einer Moschee. Es entsteht ein Kleinkrieg über die Strasse, eine aussichtlose Auseinandersetzung zwischen frauenfeindlicher Ideologie und dem unzähmbaren Wunsch, ein freies Individuum zu sein. Als man ihren Salon zerstört und sich nichts und niemand gegen diesen Akt aufzubegehren traut, macht sich Aube auf den Weg zurück zu ihrem Heimatdorf, zurück in ihre Geschichte, zurück zu jenem Moment, als Willkür und Fanatismus ihr die Stimme raubte und beinahe das Leben kostete. Aber Aube ergeht es auch auf der Strasse nicht besser. Sie wird geschändet, von der Polizei verhöhnt, im Stich gelassen. Ein Mann nimmt sie mit, ein zum Buchlieferanten degradierter Verleger, der sie in seinem Auto mit seiner eigenen Geschichte zutextet, der Geschichte eines Mannes, der alles verloren hat, ein Mann, der ein seltsames Archiv in seinem Kopf mit sich trägt. Jede Zahl, die man ihm nennt, ist ein Denk- und Mahnmal für ein Massaker, ein unnötiges, nicht gesühntes Verbrechen. Er erinnert sich an das, was man am liebsten leugnen und vergessen möchte.

„Huris“ ist ein Monolog mit einem ungeborenen Kind. Die Geschichte einer Frau, der man das Gesicht genommen hat, die man schändet und für immer zeichnet. Die man alleine, sich selbst überlässt. Der Vater des Ungeborenen ist einer jener, der auf einem Boot übers Mittelmeer einen Platz erkauft hatte. „Huris“ beschreibt das Schicksal all jener Frauen, die nie eine Stimme bekamen, die männlicher Gewalt rechtlos gegenüberstehen, weit weg von Gleichberechtigung, weit weg von einem Recht auf Leben und Freiheit. „Huris“ ist schonungslos offen und ehrlich, strotzend vor Kraft und Intensität, faszinierend in seiner Erzählweise, einem gesangsähnlichen Erzählton. Ein Lied auf den Trost, eine hymnische Anklage auf grassierendes Unrecht. Manchmal unerträglich, trotzdem unsäglich wichtig!

Kamel Daoud tritt vom 26. bis 28. Juni beim Internationalen Literaturfestival Leukerbad auf.

Kamel Daoud, 1970 in Mostaganem, Algerien, geboren, arbeitete lange Zeit als Journalist für Zeitungen wie den Quotidien d’Oran und andere. Nachdem er 2014 in Algerien für seine kritischen Artikel bedroht wurde, ging Daoud ins Exil nach Frankreich und widmete sich der Literatur. Für seinen ersten Roman «Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung» wurde er von der Kritik gefeiert und unter anderem mit dem Prix Goncourt du Premier Roman ausgezeichnet. «Huris» ist sein neuer Roman mit dem er den Prix Goncourt gewann.

Kamel Daoud stellt seinen Roman »Huris« im Gespräch mit Tilla Fuchs vor. Es liest Meike Rötzer. (19.09.2025, ilb. internationales literaturfestival berlin)

Holger Fock und Sabine Müller übersetzen seit 30 Jahren Belletristik und Sachbücher u. a. von Patrick Deville, Mathias Énard, Alain Mabanckou, Olivier Rolin, Mohamed Mbougar Sarr, Cécile Wajsbrot und Antoine Volodine. Für ihre Übersetzungen erhielten sie viele Auszeichnungen, darunter 2011 den Eugen-Helmlé-Preis, 2023 den Internationalen Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt und den Paul-Celan-Preis des Deutschen Literaturfonds.

Beitragsbild: Francesca Mantovani © Editions Gallimard

Anna Ruchat «Vertraute Gespenster», Limmat

Eine junge Frau zieht aus der Enge ihrer Heimat im Veltlin in die grosse Stadt am See in der Deutschschweiz. Es prallen Welten aufeinder, offenbare und verschlossene. Anna Ruchat, Übersetzerin und Autorin von Erzählungen schreibt sich mit zarter Feder in ihrem ersten Roman in grosse Themen.

Was ist Familie? Was bleibt von Familie, wenn das diffizile Gebilde zu bröckeln beginnt? Wie verhalten sich Heimatgefühle und Familie? Eine junge Frau spürt in der Fremde, dass das Bild, das sie sich ihr junges Leben lang von Familie machte, derart heftigen Störungen ausgesetzt wird, dass sie Jahrzehnte braucht, um den inneren Stürmen das Nötige entgegenzusetzen.

Teresa hat in Zürich eine Stelle als Kindermädchen in einer gut situierten Familie mir zwei kleinen Kindern erhalten. Sie weiss ganz genau, dass ihre Zukunft vorhersehbar ist, wenn sie im Dorf im norditalienischen Veltlin bleibt, dass ihr diese Stelle nicht nur eine Chance gibt, sich in der Fremde eine Tür zur Freiheit aufzutun, eine Sprache zu erlernen, sondern ihrem Traum von Selbstbestimmung einen grossen Schritt näher zu kommen.
Sie begleitet Pietro und Giovanni in den italienischen Kindergarten, holt sie ab, spielt mit ihnen, macht sich nützlich in der Küche und im Haushalt, bringt die Kinder ins Bett und hat da zu sein, wenn die Eltern der Kinder Gäste haben oder den Abend ausser Haus verbringen. Er ist Psychiater mit Praxis im Haus, sie ist Archäologin, beide oft auch für mehrer Tage unterwegs. Teresa macht ihre Arbeit gerne, die Kinder wachsen ihr schnell ans Herz, auch wenn sich nicht beide Kinder in der gleichen Weise annähern. Auch wenn Teresa von den Betreuerinnen im Kindergarten immer wieder einmal zur Seite genommen wird, weil sich auffälliges Verhalten des einen Jungen häuft, weil weder Mutter noch Vater dazu zu bewegen sind, über die Probleme ihrer Kinder sprechen zu wollen. Und weil da noch eine Tochter ist, schon ausgezogen, Esther, von der man kaum spricht, die sich wie ein Geist in die Geschicke der Familie mischt.

Anne Ruchat «Vertaute Gespenster», Limmat, 2026, aus dem Italienischen von Barbara Sauser, 208 Seiten, ISBN 978-3-03926-105-5

Teresa geniesst die freie Zeit in der Stadt, macht sich fremdes Leben zu eigen, auch wenn sie zuweilen das Heimweh plagt. Erst recht, als Teresa zum ersten Mal nach Monaten nach Hause fährt und feststellen muss, dass das Gefüge zuhause mit einem Mal Risse bekommt. Ein strenger Vater, eine ergebene Mutter, Geschwister, die ihre Rolle innerhalb der Familie ebenso wenig hinterfragen wie ihre Eltern. In Teresa beginnt ein Kampf, nicht zuletzt, weil sie innerhalb ihrer Gastfamilie immer mehr in eine Situation gedrängt wird, die sie zum Handeln zwingt, die es ihr immer unmöglicher macht, tatenlos, neutral zuzuschauen. Warum streiten sich ihre Gasteltern so sehr? Warum ist die Situation in dieser Vorzeigefamilie so unterkühlt? Warum scheint es für diese eine Tochter aus erster Ehe der Gastmutter keinen Paltz zu geben? Warum scheinen sich Esther, die kaum je anwesende Tochter, und ihr Stiefvater förmlich abzustossen?

Der zweite Teil des Buches unter dem Titel „Verzweigungen“ (der erste Teil ist mit „Prägungen“ getitelt) erzählt die Geschichte einige Jahre später. Nach einer offenen Auseinandersetzung mit der Gastfamilie ist Teresa ausgezogen, in der Deutschweiz geblieben und hat mit einem Tischler eine Familie gegründet. Esther, die verlorene Tochter, ist zu einer Freundin geworden. Maria, die ehemalige Gastmutter, ist krank, genauso wie Bruno, ihr Mann, Esthers Stiefvater. Im Gegensatz zum ersten Teil, in dem hauptsächlich aus Teresas Sicht erzählt wird, erzählt Anna Ruchat hier aus der Sicht aller Familienmitglieder ihrer einstigen Anstellung. Mehr und mehr entblättert sich das brüchige Gefüge einer Familie, die zweischen Erwartungen, Karriere und Verdrängungen zu einem Trümmerfeld geworden ist. – Und zwischen alledem jene Geheimnisse, die die Gegenwart vergiften.

Anna Ruchat ist ein feinsinniger, einfühlsamer Roman gelungen, vielstimmig und mutig. Der Roman hat nicht die Absicht, alles auszuleuchten. Der Roman hat auch nicht die Absicht, mich mit Dramatik an der Stange zu halten. Es sind sie seismologischen Beschreibungen eines Gefüges, das beispielhaft ist für ein Fundament der Gesellschaft, das sich im Umbruch befindet.

Anna Ruchat und ihre Übersetzerin Barbara Sauser treten vom 26. bis 28. Juni beim Internationalen Literaturfestival Leukerbad auf.

Anna Ruchat, 1959 in Zürich geboren, im Tessin und in Rom aufgewachsen, studierte Philosophie und deutsche Literatur in Pavia und Zürich. Langjährige Tätigkeit als Übersetzerin u. a. von Thomas Bernhard, Paul Celan, Nelly Sachs, Friedrich Dürrenmatt, Viktor Klemperer, Mariella Mehr, Kathrin Schmidt und Norbert Gstrein. Für ihr Erzähldebut «Die beiden Türen der Welt» erhielt sie in Italien den Publikumspreis Premio Chiara und in der Schweiz den Schillerpreis. 2019 wurde sie mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet. 

Rezension zu «Neptunjahre» auf literaturblatt.ch

Barbara Sauser, geboren 1974 in Bern, lebt in Bellinzona. Studium der Slawistik und Musikwissenschaft in Fribourg. Nach mehreren Jahren im Zürcher Rotpunktverlag arbeitet sie seit 2009 als freiberufliche Übersetzerin aus dem Italienischen, Franzö­sischen, Russischen und Polnischen.

Beitragsbild © Ayse Yavas

Volha Hapeyeva «CAMEL TRAVEL», Plattform Gegenzauber

Meine Mutter hatte immer meinen Fuß in ihrer Handtasche dabei, nicht meinem richtigen natürlich, sondern die Umrisse, auf Pappe übertragen und ausgeschnitten. Zu Sowjetzeiten waren Kinderschuhe schwer zu bekommen (Erwachsenenschuhe auch), deshalb war Mama allzeit bereit. Mit meinem Fuß schaffte Mama es immer wieder, Sandalen, Hausschuhe und Stiefel für mich zu ergattern, ohne dass ich sie anprobieren musste. Leider sind diese Zeiten vorbei, und ich muss jetzt selbst durch die Läden ziehen auf der Suche nach dem idealen Schuh, den es genauso wenig gibt wie die Gewissheit, ob der x-te Schuh, den du gerade zweifelnd anprobierst, drückt oder nicht, oder vielleicht zu groß ist, am Ende nicht über dicke Strümpfe passt oder bei Feinstrumpfhosen zu locker sitzt.

Es ist einfach so: Auswahl verdirbt, beziehungsweise zwingt sie einen dazu, in sich hinein zu hören, dabei herrscht dort nur Unklarheit, keinerlei Präferenz, die schiere Unifikation. Manchmal komme ich mir vor wie eine Patientin mit Gehirnschaden, die einfach keine Entscheidungen treffen kann, weil die für das Emotionale zuständige Region beeinträchtigt ist, Entscheidungen aber eher emotionsbedingt als wissensbasiert gefällt werden. Präferenzen folgen (bei allen gleichrangigen Bedingungen) selten der Logik, sondern stützen sich auf das, was einem »lieb« ist, wo man auf die Frage Wieso hast du das ausgewählt? antworten würde: Es gefällt mir einfach. Das ist die schlüssigste Erklärung überhaupt, auch wenn viele sie nicht als Erklärung durchgehen lassen, da die »Argumentationsbasis« fehle, dabei ist das Argument im Grunde ganz simpel – es sind meine Empfindungen, Vorlieben und Neigungen.

Die Schulzeit hat mich und mein Bewusstsein nachhaltig geformt, wie das der meisten Kinder, die sie durchlaufen haben. Regeln, Regeln und noch mal Regeln. Aber dabei habe ich auch Folgendes gelernt: Manchmal kann man Regeln hinterfragen und sogar Schlupflöcher, Schliche und Schleichwege finden, um sie zu umgehen. Eine dieser Regeln, die ich um jeden Preis unterlaufen wollte, hatte wiederum mit Schuhen zu tun. Es gab dafür sogar ein eigenes Wort, ein richtiges Angstwort: Wechselschuhe. Es erklang meist in einem Fragesatz, geäußert von der Lehrerin oder der Pförtnerin, in erhöhter Frequenz mit einem Anklang von Entnervtheit und untergründigem, beiläufigem Hass: »Wo sind die Wechselschuhe?« Der blanke Horror für jede und jeden, die im Winter morgens in die Schule kamen. Um dieser Frage zu entgehen, lief ich in Sandalen oder leichten Sommerschuhen durch den Schnee und sprang von Bank zu Bank, damit ich nicht diese Wechselschuhe mitschleppen, in der Garderobe sitzen und sie anziehen und den Wechselbeutel mit mir herumtragen musste, der dann irgendwo liegenbleiben würde. Ich fand es viel einfacher, gleich in Wechselschuhen zur Schule zu gehen, Jahreszeiten interessierten mich dabei nicht die Bohne. Nun sollte man meinen, dass mir diese Haltung im Winter eine Angina und Grippe nach der anderen beschert haben muss, aber, o Wunder, ich war nicht häufiger krank als die anderen, vielleicht haben mir die Wechselschuhe sogar zur Abhärtung von Körper und Geist verholfen.

Überhaupt maßen wir uns gerne darin, wer wie viel Schmerzen ertragen konnte. Am beliebtesten war die Brennnessel. Jemand packte deinen Unterarm mit beiden Händen und verdrehte dann die Haut gegeneinander, dass es brannte wie von richtigen Brennnesseln. Es war eine Frage der Ehre, diese Folter über sich ergehen zu lassen, aber je mehr man ertragen konnte, desto beherzter wurde zugegriffen, als wollten sie überprüfen, wo nun die Schmerzgrenze lag, bei der du einknickst.

Weniger schmerzhaft als unterhaltsam-hypnotisch war dagegen die Spinne. Dabei musste man das Handgelenk einer Freundin richtig feste zusammendrücken (während sie die Hand zur Faust geballt hatte), nach ein paar Sekunden durfte sie die Faust dann lösen, du hieltest aber weiter ihr Handgelenk fest umschlossen. Mit deiner freien Hand spannst du dann von ihren Fingerspitzen aus unsichtbare Fäden nach oben, um sie dann – Achtung, jetzt kommt’s – gebündelt aufwärts zu bewegen, während du das Handgelenk freigabst. Dann konnte deine Freundin die unsichtbaren Fäden spüren, die du aus ihr gesponnen hattest. Ein Stückchen Magie, für jeden zu haben.

Ein weiterer Ausweis von Mut und Tapferkeit waren aufgeschlagene Knie und Ellbogen. Fast die gesamte siebte Klasse hindurch ging ich mit flammend roten Flecken auf Knien und Ellbogen in die Schule, ohne. mir deswegen einen Kopf zu machen. Im Gegenteil, ein aufgeschlagenes Knie verhieß ja stille Freuden, unter anderem die spezielle Kruste, die sich über die Wunde legte, wenn sie verheilte, gab es doch nichts Schöneres, als die knusprige Kruste abzuknibbeln und die rosige Haut darunter freizulegen. Einen Haken hatte die Sache allerdings doch, der mir immer am Samstag wieder bewusst wurde, wenn die Badewanne anstand. Mit aufgeschürfter Haut in heißes Wasser zu steigen, ist nämlich richtig unangenehm, und mein Badewasser war nicht nur heiß, sondern kochend heiß, ich weiß nicht, wieso Mama es auf solche Temperaturen brachte, vielleicht meinte sie, so ginge der Dreck, den ich über die Woche angesammelt hatte, besser ab, vielleicht empfand sie die Wärme aber auch gar nicht so. Und dann weichten bei dieser Prozedur auch noch die Krusten auf, sodass man nicht mehr knibbeln konnte. Die Unmenge heißen Wassers forderte ihren Tribut, und ich entstieg der Wanne wie ein gekochter Krebs, leuchtend rot und verzehrfertig. Seither hege ich eine Abneigung gegen Wannenbäder, duschen ist viel angenehmer, da gibt es Bewegung und Fortschritt und nicht nur Herumgesitze und Gewarte. Vielleicht mag ich deshalb Flüsse lieber als Seen.

(aus «CAMEL TRAVEL» von Volha Hapeyeva, aus dem Belarusischen von Thomas Weiler, Literaturverlag Droschl 2021, Kapitel 8, «Schuhe und Abhärtung»)

 

dort wo heut schnee fällt
werd ich nicht sein
dort wo schweigen ein bekenntnis versucht
werden die absichten anderer unklar
man kann sich lange im fenster spiegeln
sich mit kurzhaarschnitt vorstellen
statt der langen haare
und doch nicht zur schere greifen

ich fahre dorthin wo schnee geboren wird
tag für tag
wo er die unvollkommenheit des seins verbirgt
dieser schnee ist humanist
er verspricht nichts
er ist bloß
wird geboren und stirbt

er könnte überall fallen
Armenien oder Koktebel
mit der last seiner zwangsläufigkeit
und ebenso rasch schmelzen
er reicht das staffelholz seiner flüchtigkeit weiter
und staunt warum ich so kalte hände und füße habe
er taut meine finger auf mit seinem atem

angesichts eines solch sinnlosen verhaltens
vertreiben sich mein schnee und ich die zeit im bett
ohne uns einzugestehen
wie einsam wir sind

 

am morgen danach versuchst du dich an mich zu erinnern
als sei ich eine halb vergessene grammatische regel
was wie war und was dir weswegen leid tut
was und wer gebeugt werden muss was dir nach mir
im gedächtnis bleibt
sind falsche endungen
die betonung stimmt nicht
die aussprache schleift
wie meine lust
in jedem brief zu fordern
dass man mich nicht groß schreibt

 

wie nicht eingelaufene schuhe
drückt mich mein herz
wenn es nicht die größe ist
woran liegt es dann?
wein tee bier
manchmal kaffee
so eine sohnonymie tochteromie kinderlosigkeit
oder ausser der ehe – meine sind es nicht
i c h  k a n n  n i c h t  l i e g e n
(so passend dass „b“ und „g“
fast nachbarn sind auf der tastatur)
viel näher als wir
und die galgen der baukräne
an denen ich jeden tag meine einsamkeit hänge
(schluck du deine runter)
mittags werd ich die trauer schänden
in einem verlassenen park
und
selbst ein verlorener ohrring kann nicht beweisen
dass ich
der verbrecher
bin

 

die gegenwart fällt mir schwer
die vergangenheit kann ich besser
deshalb lebe ich dort
wäre es doch wie im film
erst geht das gedächtnis verloren
dann die menschen die darin ohne
meine zustimmung eingetragen waren
danach hebe ich jede erinnerung auf
wie das haar von der schulter des mantels
von dem ich nicht mehr weiß
wessen

 

heute muss ich ein neues gedicht schreiben
sagst du am morgen

eines über den schwarzen hund
der meine einsamkeit war

schreib lieber über die ente
die war deine freude
rate ich dir
und sehe wie sie teil des gedichts wird

aber heute bist du melancholisch
lachst kaum über witze
kannst eine ente nicht als hauptcharakter sehen
so ein tölpelhaftes ding
so ein unbeholfener blödsinn
nur gut für wiegenlieder und limericks
und du willst einen ernsten nachdenklichen text schreiben
also bleiben die ente und ich auf der einen seite
der unvorstellbaren realität
während du mit deinem hund auf der anderen bleibst
und der einzige ort an dem wir zusammenkommen
ist dieses gedicht

 

manifest der gedichte

gedichte können unterschiedlich sein
sie können hoch sein oder nicht ganz
frauen sein oder nicht ganz
gedichte können wachsen
auch ohne blumenwasser
sie sind keine bäume
und auch ihr seid kein wasser
damit ein er- oder sie-gedicht wächst muss es gewogen werden
auch kommen gedichte zur welt mit nur einem bein oder arm
kein grund zur sorge sie wachsen nach
wie das bei echsen der fall ist
die ihre schwänze verlieren und neue erfinden
zugegeben einigen gedichten
wachsen niemals flügel und wenn
so fallen sie ab das liegt am kalziummangel in ihren leibern
nicht wahr?
doch das alles kommt später
zuerst muss ein gedicht gefangen werden
gedichte … lieben es wegzulaufen sie spielen verstecken
tragen masken verkleiden sich als prosa
auch das kommt vor
es ist gut einen kescher bei sich zu tragen
es ist nicht ihre art zu klammern
es sei denn man läuft oder fährt
sie verfangen sich wie wind im haar oder an den wangen
sie kleben an dir wie an einer windschutzscheibe
du musst sie nur rechtzeitig aufschreiben
magst du keine bewegung an frischer luft
wird es kompliziert: dann solltest du
etwas zum anlocken bereit legen
räubergedichte lieben blut
naschgedichte lieben dünne fäden von honig
die vom löffel ins glas tropfen …
und so kannst du ihre winzigen leichen
(wenn sie eine sammlung ausmachen
und aufbewahrt werden müssen)
auf papierblätter nageln ein buch daraus machen
und dir so einen friedhof erschaffen
andere vorgehensweisen mit genaueren klassifikationen
sind durchaus zu empfehlen:
gedichte sind menschen und zu enge kontakte
sind zu meiden sie lösen einen orgiastischen
oder psychopathischen zustand aus

(aus «Mutantengarten» von Volha Hapeyeva, Gedichte, übersetzt aus dem Belarussischen von Matthias Göritz, Martina Jakobson und Uljana Wolf, mit einem Nachwort von Matthias Göritz, mit Federzeichnungen von Christian Thanhäuser, Edition Thanhäuser & Internationales Haus der Autorinnen und Autoren Graz, 2020)

 

Volha Hapeyeva, geboren in Minsk, Belarus (1982), ist Lyrikerin, Autorin, Übersetzerin, Künstlerin und promovierte Linguistin. Für ihr Werk erhielt sie zahlreiche Preise und Auszeichnungen, u.a. den English PEN Translates Award für das Buch «In My Garden of Mutants» (2021), den Wortmeldungen-Literaturpreis 2022, Rotahorn-Preis 2021 und den manuskripte-Preis 2025.
2019-2020 war Volha Hapeyeva Stadtschreiberin von Graz. 2021-2022 Writer-in-Exile den PEN-Zentrum Deutschland, 2022-2023 Stipendiatin des Berliner Künstlerprogramms DAAD und 2023-2024 erhielt sie das Clara und Eduard Rosenthal Literaturstipendium (Jena).
Volha Hapeyevas Gedichte wurden in mehr als 15 Sprachen übertragen. 2020 erschien auf Deutsch «Mutantengarten«, 2023 «Trapezherz». Ihr Debütroman «Camel Travel» erschien 2021. 2024 erschien ihr Roman «Samota. Die Einsamkeit wohnte im Zimmer gegenüber«. 
Seit 2020 schreibt Volha Hapeyeva auch auf Deutsch und wohnt als Nomadin in Österreich und Deutschland.

Wortmeldungen-Preis 2022: »Hapeyevas kunstvoll arrangiertes Plädoyer für eine widerständige Poesie gewinnt vor dem Hintergrund des Krieges gegen die Ukraine an bedrückender Aktualität. Hapeyeva tut, was eine Autorin im Angesicht von Gewalt und Unterdrückung zum Besten tun kann: mit starken Worten wirken.«, so die Jury in ihrer Begründung.

Beitragsbilder © Volha Hapeyeva