Eva Strautmann «Der Sieg», Plattform Gegenzauber

Von ganz unten, weit hergeholt schnappt es plattenförmig auf und zu. 
Graue Mäuler am Lecken, Fletschen
Schlangenzungen im Innenraum jeden Mundes, 
Schlangenhaufen im Schmelz ohne Zähne, ohne Zahn, ohne Krone am Schnappen auf und zu, sichtbar ist nur ein Schlangengehäufe, am Heulen?  

Nach oben greifend ohne Augen, wo sind die Augen? Kein Sehen ist möglich. 
Über ihnen billardische Flächen weit und breit, große Flächen überzogen mit Kugeln.   
Weiß beerdete Kugeln, halsförmig am Brüllen: Ich bin besser als Du! Ich kann mehr als Du! Ich bin wichtiger als Du! Ich bin größer als Du! 
Im Abstoßen, gegenseitig, billardisch, hin und her gestoßen am Brüllen und Schmeißen nacheinander mit Klumpen beschmutzen. 
Jeder Knall ein Wort? Nach oben gerichtet, halsförmig. 

Oben jongliert etwas, das Jonglieren von Pfoten, Händen, Fingern und Zehen am Spielen mit den Zähnen, goldenen Zähnen. Am Herumwirbeln mit dem Gold der Zähne, mit den Augen, viele bunte Steine wie Augen blühen auf, in der Luft am Springen, Wirbeln, Tanzen miteinander. 
Metallische Pfoten, festgezurrt auf Kieselstein, halten alles fest, halten Zähne, Augen alles in ihrem Handinneren, in Ihren Handflächen fest. 

Wo ist der Rumpf? Wo ist der Körper, das Tier? Wo sind die Pfoten? Wo sind die Augen? Wo ist der Körper? Wo ist das Tier?  

Am Himmel ganz weit hinten, nein oben, der Mond, die Weite des Himmels, da scheint eine Bildfläche auf, ein Bildschirm, nein Bildschirme am Flimmern, ein Herz am Flimmern. 
Gespickter Rumpf am Pochen, Herzpochen, alles im Bildschirm, in Bildschirmen am Flimmern auf direkter Mondfahrt, in Raserei zum Mond. 

Dort ausruhen? Das Flimmern, Herzgerüste, alles abstellen auf dem Mond, den Monden? 

Dann ein kräftiges Lachen, über alles, was brüllt und wirbelt, es auslachen bis das Flimmern still ist, bis es lacht und höhnt im Mondsand, bis es dunkel wird auf dem Mond, im Himmel, auf verlorener Erde, bis es dunkel ist im Herzflimmern, in den Augen, im verlorenen Tier. 

Bis es dunkel ist im Mondsand des Sieges. 
Bis es dunkel ist. 

Eva Strautmann lebte nach dem Abitur in Grossbritannien. Sie ist Autorin, Künstlerin und Dozentin. Während des Studiums der Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin war sie zunächst als Tutorin und anschliessend als künstlerische Mitarbeiterin an der Hochschule der Künste Berlin tätig. Nach ihrer Tätigkeit als Regieassistentin am Berliner Ensemble folgte ein Umzug nach Frankfurt am Main. Im September 2005 hatte sie eine grosse Einzelausstellung in der Heussenstamm – Galerie am Römer in Frankfurt am Main unter dem Titel „Im Schreiben gehen – Im Malen schauen», bei der sie Bilder und Prosa-Texte kombinierte.

Beitragsbilder © Eva Strautmann (zwei Kunstwerke aus der Reihe: Bue 1-4, Öl auf Leinwand)

Thomas Kunst «Ich sage nur Halbrosa. Ich sage nur Suederhavjeln.» ein Textgeschenk

Ein literarisches Geschenk zum Jubiläum von Thomas Kunst, Dichter aus Sachsen-Anhalt:

«Ich sage nur Halbrosa. Ich sage nur Suederhavjeln.»

Ich sage nur Adventsmarzipan. Ich sage nur Wintergarten mit Gott.
Ich sage nur keine Bescheidenheit. Natürlich sage ich nur Chelsea. Nur Long Island. Nur Chocorua. Ich sage nur kein Europa der Welt. Ich sage immer nur.
Ich sage nur Visconti. Ich sage nur häng nicht so an mir. Ich sage nur
Engel des Wassers. Nur Wickelmünzen. Nur Villa rustica. Ich
Sage immer nur. Ich sage nur Küchentisch. Ich sage nur
Elefanten in den Wäldern. Nur Glück. Nur Lametta. Nur trink
Dieses Glas noch aus. Ich sage nur deine Haare bei Schostakowitsch.
Nur jetzt leider nicht. Nur mach dein Berlin noch aus. Dein Appenzell.
Dein Arizona. Ich sage nur der Hudson. Ich sage nur die Docks. Ich sage nur
Schwesterchen. Nur kann ich mich auf deine Brüste auch verlassen.
Ich sage nur Schneenutten. Ich sage nur Schwarz-Butter. Ich sage nur
Ultimativ. Nur ferne Länder. Nur Kafka und Kennedy. Nur Schaum.
Nur Familienunterbrechung. Ich sage nur lass mich in Ruhe. Lieb mich
Nicht mehr. Ich sage immer nur. Ich sage nur Hass. Nur Tagebuchhotels.
Ich sage nur Stolz. Nur Tod. Nur Liebeslässigkeit. Ich sage nur Filme
Im Winter. Nur Filme im Winter. Die Filme im Winter. Nur Filme.
Nur Winter. Siehst du sie nicht. Siehst du sie denn nicht.
Du. Ich rede mit dir. Es könnte doch einfach sein. Ich rede mit dir.
Siehst du nicht diese ultimativen Zugeständnisse an den Flüssen.
An all deinen Meeren. Die sture Hilflosigkeit einer vereinzelten Zuneigung.
Die späte Anteilnahme der Verlegenheit am Trost. Diese unüberwindlichen
Zugeständnisse einer wirklichen Liebe. Siehst du sie denn nicht. Du.
Ich rede mit dir. Wo auch anders als an den Flüssen. Und an jedem deiner Meere.
Kein Mut hört zu. Kein Gott der Gegenseitigkeit gibt acht.
Kein Wunsch hält eine zweite Fieberkurve ein. Nicht die geringste
Orchidee von dir benimmt sich in den Nächten auch nur halbwegs proletarisch.
Woran ich das merke. Woran ich das merke. Siehst du sie denn nicht.
Es könnte doch immerhin sein. Ich rede mit dir. Über die unvermeidliche
Schönheit zufriedener Fabriken. Über die jüdische Gelassenheit von allgemeinen
Bäumen. Blut und die Reste von Schnee. Jazz und die Reste von Blut. Schnee und
Jazz. In den hohen Steinen deiner Städte hat sich mein Bureau verkantet.
Holzgeflechte. Strom und selbst die abgebremste Leidenschaft zu großer.
Ungestümer Seidenwürfel. Wenn ich mal Zucker brauche. Gehe ich runter.
Wenn ich mal Pferde brauche. Gehe ich hoch. Du schläfst doch noch nicht.
Du hast doch noch eine Drehung für mich. Mein Stern. Ein Zucken. Und
Ein Schweifen. Ein Schleifen. Ohne Lässigkeit und Ende. Aus Nüchternheit.
Aus Stolz. Und Sinnlichkeit. Und Stil. In den fatalen Möglichkeiten zögerlicher Gier.
Die Musik wackelt nicht mehr. Mein Kopfende hat schon für weniger Sätze gespielt.
Du sagst doch immer. Bis die Tage mal. Und im Moment. Mein Gott.
Du siehst sie nicht. Du siehst sie nicht mehr. Diese warmen Kamillengitter. Blau
Auf den Stühlen. Deine Haare bei Schostakowitsch. Wo kommen sie her. Wo
Kommen. Aber wo kommen die Winde her. Diese Ähnlichkeiten im Winter. Die
Kinder. Die Kinder in Filmen. Wo kommen sie her. Die Erfinder der Winter.
Die Behinderer der Winde. Louise an den kleinen Tagen. Doch in den Nächten
Lasvishuna. Wenn ich mal Milch brauche. Gehe ich runter. Wenn ich mal
Milch brauche. Gehe ich hoch. Ich war die Fee für dich. Ich war auch Engel.
Schwesterchen. Und Stern. Nur noch Kalendermut. Zisternen. Jahreszeiten.
Und du wirst sehen. Ich wäre niemals gerne deine Frau gewesen.
Du sagst doch immer. Bis die Tage mal.
Und leider immer wieder im Moment. Mein Gott. Du siehst sie nicht.
Wo kommen sie her. Wo kommen. Aber wo kommen die Kinder her.
Die Behinderer der Winde. Wo kommen sie her. Ich hab sie zuerst in
Asien. Auf den Schiffen gesehen. Auf den unüberwindlichen Schiffen.
Ich war nie in Asien. Aber ich hab sie gesehen. Die Schiffe in Asien.
Auf dem Lande. In der Stadt. Mit gründlichen Kindern an Deck.
Ich hab sie gesehen. Siehst du sie nicht. Das Schlimmste am Tod
Ist sicherlich. Daß alles nach dir sinnlos weitergeht. Was nützen da
Noch Gleichgewicht und Gier. Und eine souveräne Täuschung ohne Dauer.
Die Augen waren schon immer so. Und das. Was meine Augen nicht
Mehr wiederholen. War nie da. Aber das Krankenhausmesser
War da. Deine hochgekrempelte Sonnenbrille war da.
Die hellbraunen Autobahndecken waren doch da. Für die Stühle im Hof
Da draußen. Im Winter. Ein für alle Mal. Sie waren da. Siehst du sie
Nicht. Siehst du sie denn nicht. Du. Ich rede mit dir. Es könnte doch immerhin
Sein. Ich rede mit dir. Verlass dich bloß nicht mehr auf deine Briefe.
Und halt von mir aus gern die Unterschiede ein. Du bist nicht gerade
Wesentlich mit deinem Mund. Wenn du an Sätze denkst. Die ich nicht einmal
Schreiben würde. Die einzige Möglichkeit, dich zu lieben, ist die, dich
Zu belästigen. Die einzige Möglichkeit, mich zu belästigen, ist die, mich
Zu lieben. Und du wirst sehen. Was deine Briefe nicht mehr wiederholen.
Geht vorbei. Ich hab sie zuerst in Asien. Auf den Schiffen gesehen.
Auf den unüberwindlichen Schiffen. Ich war nie in Asien. Aber ich hab sie
Gesehen. Ich schwöre. Bei deinen Lederabdrücken im Flur. Und dem gleichen
Monat deiner Hände beim Verzeihen. Ich war nie in Asien. Aber ich hab sie
Gesehen. Ich hab die ganzen Jahre meiner Blicke noch nie für unachtsames
Glück gehalten. Aber meine Augen haben auch schon für weniger Sätze gespielt.
Ich hoffe. Meine scheue Ausgeglichenheit enttäuscht dich nicht. Denn ohne die
Enttäuschung gibt es keinen Trotz. Und ohne Trotz gibt es nicht gleich die
Ungeteilte Schönheit anderer. Ich habe dir zuliebe das Wort jemals benutzt.
Jemals zu Weihnachten. Jemals versprochen. Und jemals in Asien. Und Rom.
Ich bete einmal am Tag warm. Ich gehe nicht mehr ans Fenster. Ich fahre nicht mehr
Für umsonst. Ich lasse keine Assistenten mehr in die Fabriken. Ich höre deine Musik nicht
Mehr allein. Meine Augen waren schon immer so. Sie wiederholen nichts. Was sich
Nicht lohnt. Die Hydraulik deines Wagens beim Losfahren lohnt sich nicht.
Die allgemeinen Bäume lohnen sich nicht. Die Lässigkeit deiner Sehnsucht
Beim Betrinken lohnt sich nicht. Siehst du sie nicht. Siehst du sie denn nicht.
Lässigkeit. Und Wehmut. Ohne Ende. Jemals in Asien. Aber auch jemals in Rom.
Meine Straße spielt nicht mehr mit. Mein Telefon spielt nicht mehr mit.
Die Entfernung zwischen Vertrautheit und Juni spielt nicht mehr mit. Was soll ich
Dir denn noch alles zumuten. Damit du endlich begreifst. Daß meine Sehnsucht nichts.
Aber auch rein gar nichts mit deiner Hingabe an meine Zurückhaltung zu tun hat.
Ich habe sie zuerst in Asien. Auf den Schiffen, gesehen. Auf den unüberwindlichen
Schiffen. Ich war nie in Asien. Aber ich hab sie gesehen. Deine Hingabe.
Auf den Schiffen. Mit den gründlichen Kindern an Deck. Bedeutet dir das alles
Gar nichts. Sag nicht. Du hast nicht aufgepasst. Sag nicht. Du hättest dir den breiten
Schnee der Adern meiner Brüste fast noch schöner vorgestellt. Blut und die Reste
von Schnee. Jazz und die Reste von Blut. Schnee und Jazz. Sag nie wieder Visconti.
Sag jemals Rom. Deine Kinder. In Asien. Gründliche Kinder. Die Erfinder der Winter.
Die Winter in Filmen. Meine Schiffe nur bei Wind wohl. Und nur bei Wind.
Und allgemeinen Sternen. Ich kann noch immer nicht glauben. Daß wir es
Wirklich geschafft haben sollen. Geschafft mit den Kindern. Siehst du sie nicht.
Siehst du sie denn nicht. Die Kinder bei Wind. Die Kinder in Filmen. Wo kommen
Sie her. Ich hab sie zuerst in Asien. Auf den Schiffen gesehen. Auf den
Unüberwindlichen Schiffen. Ich war nie in Asien. Aber ich hab sie gesehen.
Die Schiffe in Asien. Auf dem Lande. In der Stadt. Mit gründlichen Kindern
An Deck. Ich hab sie gesehen. Ich habe auch die Müdigkeit gesehen.
Die Müdigkeit der losen Männer an den Flüssen. Ich hab mir nichts dabei gedacht.
Ich habe ihre stumpfen Finger in mich reingeknickt. Ich weiß ja. Daß ich mich
Auf dich verlassen kann. Denn ich allein bin deine Frau aus einer Schneeausgabe.
Ich bin die Frau von einer Seltenheit der Briefmarken im Flur. Hast du gehört.
Ich kann nicht mehr. Kannst du dir vorstellen. Wie die Sommer gehen.
Wie ohne Hilfestellung unsere Sommer gehen. Ich muss mich wohl auf das
Beschränken. Was ich kann. Ich wirklich kann. Ich kann noch ohne Selbstmitleid
An einem großen Wasser stehen. Ich habe unterwegs nur eine Kleinigkeit
Getrunken. Mach mir nichts vor. Ich kann auch ohne dich an großen Wassern
Stehen. Und das. Das konnte ich schon immer. In einem Jahrzehnt der Schauspieler,
Kondome und Ameisen. Mach das nochmal. Mach das ruhig nochmal. Konntest
Du deine Probleme denn nicht anders lösen. Ich kann mir vorstellen. Was ich will.
Es geht nicht mehr. Es geht einfach nicht mehr. Meine eingeübten Modelle versagen.
Die Herbergen. Der Strand. Und auch die öffentlichen Kinodämmerungen.
Die Bankreihen. Am Stadtrand. Die Stühle. In den Wäldern. Die Haare nie allein.
Und selbst die Strumpfhosen. Schon nicht mal mehr im Liegen. Dein langes
Unterhemd beim Stadtteilfest. Ich glaube. Unter all den Decken.
In den Häusern. Gibt es keine Sicherheiten mehr. Führe die Ameisen aus. 
Sei gut zu den Schauspielern in deiner Region. Führe sie weg von den
Hoheitsansprüchen. Und den anderen Gewohnheitsrechten. Sie haben es nicht 
Anders verdient. Die Schauspieler. Und die Ameisen. Deiner Heimatstadt. Ich habe 
Unterwegs schon eine Kleinigkeit getrunken. Nur eine Kleinigkeit. Ich schreibe 
Gern nur eine Kleinigkeit beim Trinken. Eine Kleinigkeit. In einem Jahrzehnt der
Schauspieler. Kondome. Und Ameisen. Ich kann mich nicht daran erinnern. Etwas
Falsches gesagt zu haben. Aber die Ameisen. Die Ameisen haben es bei dir
Gut. Bestimmt gut bei dir. Wo auch immer du sein magst. An den Hauswänden.
Auf dem Teppich. In der Steppe. Und in den laschen Wülsten derber Segeltücher.
Aber die Schauspieler. Die Schauspieler haben es bei dir gut. Bestimmt gut bei dir.
Die Schauspieler. Und die Ameisen. Die Müdigkeit. Die Kinder. Und die
Schiffe in Asien. Die Ameisen. Auf den Bühnen. Die Behinderer der Winde.
Die Erfinder der Kleinigkeiten. Aber was weißt du denn schon. In einem
Jahrzehnt der stundenlangen Liebe. In einem Jahrzehnt altmodischer
Umarmungsgifte. In einem Jahrzehnt der ansteckenden Termine. Der
Speichelarten auf halber Höhe. Der bis zur Unerbittlichkeit erkalteten
Verwandtschaftsgrade. Bleib solange. Bis ich deine Unentschlossenheit verkraftet
Habe. Warum nimmst du nicht ein wenig frei. Das war keine Frage. Angst vor 
Haarsträhnen und Bodenluken kannst du auch auf einem karierten Geschirrtuch
Haben. Deine Übergangszeit von mir zu ihm steht unter Eid. Ich habe kein 
Verständnis mehr für das. Was übrigbleibt. Die Schauspieler. Die Ameisen. 
Die Müdigkeit der Unanständigkeit. Ich sage nur halbrosa. Das Einsickern 
Von Gestalten. In die Verschwiegenheit der Grasanlagen. Siehst du sie 
Nicht. Siehst du sie denn nicht. Ich war noch nie bei den Briefmarken.
Den Zugeständnissen. Den Kleinigkeiten. Und Zurückweisungen. 
Ich war noch nie in den Gärten der Menschen. Im Schatten der
Casuarinenbäume. Die Übergangszeiten. Die Bisse. 
Die Säure. Ich war noch nie in Suederhavjeln.
In den Gedichten von Schauspielern.
Warum schreiben sie auch noch.
Und spielen nicht nur. Auf 
Ihren Schiffen. In Asien.
Aber ich habe sie 
Gesehen.

Thomas Kunst zu Besuch im Literaturhaus Thurgau © Sandra Kottonau

Thomas Kunst, geboren 1965, ist ein »gelehrter Dichter, ein leidenschaftlicher Leser, ein hochgebildeter Bibliothekar und ein bunter Vogel; ein Romantiker, den der Weltzustand beunruhigt und der es versteht, diese Beunruhigung durch die künstlerische Form in Einsicht zu verwandeln und den Mut der Fantasie ins Spiel zu bringen« (Hans Höller). Für seine Lyrik und Prosa wurde er zuletzt mit dem Kleist-Preis 2023 und dem Erich Fried Preis 2023 ausgezeichnet. Er lebt in Sachsen-Anhalt auf dem Land. Hier mehr zu Tomas Kunst.

Julia von Lucadou «Zeiten erhöhter Gefahr», Hanser

Stimmt. Wir leben in Zeiten erhöhter Gefahr, auch wenn diese Wahrnehmung keine für die Gegenwart explizite ist. Vielleicht ist die grösste Gefahr jene, dass sich die Menschheit immer mehr von der realen Welt entfernt. Die Welt, die Umgebung, das Klima wird zum „Feind“. Julia von Lucadou beschreibt eine Welt, die unaufhaltsam ins Rutschen gerät – und tut das meisterhaft.

Im Vorsatz zu ihrem neuen Roman steht ein aufschlussreiches Zitat: Ausserdem sind die Zeiten zwischen Alarmierung und Eintreffen der Katastrophe so kurz, dass es in Zeiten erhöhter Gefahr notwendig sein wird, sich überhaupt dauernd, zur Ruhe und womöglich auch zur Arbeit, im Schutzraum aufzuhalten und diesen nur zu den wichtigsten Verrichtungen zu verlassen. (Aus „Zivilverteidigung“, hrsg. vom Eidg. Justiz- und Polizeidepartement im Auftrag des Bundesrates der Schweiz, 1969) Die Welt verharrte damals im kalten Krieg; Wett- und atomare Aufrüstung waren in vollem Gange. Heute, in Zeiten heisser Kriege, Kriege, die das Zeug haben, jederzeit ins absolut Unkontrollierbare zu mutieren, wo so viel Geld wie nie zuvor in Kriegsmateriel investiert wird, ist es erstaunlich genug, wie gelassen, wenn nicht fatalistisch die meisten Menschen auf die drohende Gefahr reagieren. Als ob man gezwungen wäre, angesichts der vielfältigen Bedrohung diese als gegeben zu akzeptieren.

Julia von Lucadou «Zeiten erhöhter Gefahr», Hanser, 2026, 224 Seiten, ISBN 978-3-446-28299-5

Jot arbeitet in einer sehr erfolgreichen und expandierenden Firma, die sich auf die Planung und den Bau von Schutzräumen spezialisiert hat; Bunker für Superreiche. Selbstredend, dass in seinem Haus im Keller ein topmoderner eingebaut und eingerichtet ist. Überhaupt hat sich Jot auf alle Eventualitäten eingerichtet; sein absolut kontrolliertes Leben ist bis aufs Letzte durchgeplant und optimiert, im Keller lagert mehr als nur der empfohene Notvorrat, alles hat seinen Platz, alles Unvorhersehbare ist eingedämmt. Dazu gehört wohl auch sein Umfeld, seine Familie, oder das, was von seiner Familie übriggeblieben ist. Martha, seine Tochter, spielt kaum mehr eine Rolle, sein Leben ist ganz und gar auf Gegenwart und die Bedrohungen der Zukunft ausgerichtet.

Bis er auf seiner morgentlichen Joggingrunde, die ihn jeden Tag durch den nahen Steinbruch führt, auf die Leiche eines jungen Mannes trifft. An einem Tag, der schon mit merklich eigenartigen Wahrnehmungen begonnen hatte. Auch wenn sich Jot später Vorwürfe macht, jenem Mann, von dem er angenommen hatte, er wäre tot, nicht lebensrettende Soforthilfe geleistet zu haben, meldet er die Begegnung unmittelbar der Polizei. Jot wird zu einem Zeugen, seine Aussagen werden zur Kenntnis genommen. Aber im Gegensatz zur Polizei, die von einem Suizid ausgeht, ist Jot überzeugt, dass hier ein Mord passiert ist, ein Gewaltverbrechen. 

In der Folge rutscht Jot immer mehr ab. Nicht nur, dass er sich nicht ernst genommen fühlt. Jots Verunsicherung nimmt existenzielle Formen an, nicht nur, weil die Polizei ihre Beobachtungen ganz anders interpretiert als er die seinen. Irrt er? Ist seine Wahrnehmung getrübt? Warum? Auch bei der Arbeit schleichen sich in seine perfekt durchstrukturieren Arbeitsabläufe Dissonanzen ein, Verschiebungen, irgendwann Absenzen, Tagträume, Erscheinungen. Mit einem Mal brechen Bilder durch, die er in den Tiefen seiner Erinnerung verschlossen glaubte; Bilder aus seiner Kindheit, eines Vaters, der ihn schon als Kind zum Überlebensspezialisten machen wollte. Bilder seines Vaters mit den Händen um den Hals der Schwester. Bilder aus seiner Zeit im katholischen Internat, Bilder von einer Bluttat in seiner Vergangenheit, einer Untat, die er hätte vergessen sollen. Jot rutscht weg.

Etwas war in seinem Schädel aus der Fassung geraten, war lose geworden. Sein Gedächtnis wie überstimmuliert und ausser Kontrolle. Produzierte fingierte Erinnerungen.

Kein Wunder – ein Toter in einem Steinbruch. Nicht das einzige Bild, die einzige Verbindung in Julia von Lucadous Roman. Da ist noch jene zu Franz Kafkas Roman „Der Prozess“. Jots Gefühl, es sei nur eine Frage der Zeit, bis Wächter in seinem Leben auftauchen und ihn für ein Versäumnis, für versagte Hilfeleistung, für einen Tod zum Prozess abführen. Der Tote in einem Steinbruch, der in seinen Sedimenten Versteinungen eingeschlossen hat, die durch den Bruch freigelegt werden; Zeugnisse endlichen Lebens.

Jot lässt sich nicht helfen. Sein Leben gerät aus den Fugen. Eine Geschichte, die sich auf die ganze Gesellschaft übertragen lässt. Vielleicht hat mich Julia von Lucadous Roman auch deshalb so sehr fasziniert, weil er so viel in mir auslöst. Ein Roman über Wahrnehmung, der selbst mich an meinen Wahrnehmungen zweifeln lässt. Welcher Roman schafft das sonst!?

„Zeiten erhöhter Gefahr“ ist ein erstaunliches Stück Literatur, sehr beeindruckend. Ein Buch, das selbst die eigenen Einschliessungen freilegen kann!

Interview

Jot, eigentlich Johannes, hat sich in seinem Wahn nach Selbstoptimierung reduziert, bis auf seinen Anfangsbuchstaben. Influencer*innen leben uns vor, wie erstrebenswert eine solche Selbstoptimierung ist, haben wir doch nur ein Leben, dass maximal auszuschöpfen ist. Jot ist ein Getriebener, Gepeitschter. Da ist Literatur, das Lesen, doch Statement?
 
Ja, das stimmt, wir leben in einer Zeit, in der wir in den sozialen Medien ein perfekt optimiertes Leben präsentiert bekommen. Die Literatur ist angesichts solcher gefilterter Narrative ein fast widerständiges Medium, weil sie die Welt in ihrer ganzen Vielschichtigkeit abzubilden versucht.
Im perfekten Influencer*innenleben haben schwierige Gefühle, Graubereiche und Krisen kaum Platz. Jot hat eine ähnliche Vorstellung von der Welt, allerdings nicht aus den sozialen Medien, denn er gehört einer Vor-Internet-Generation an. Er ist in der Nachkriegszeit mit einem Männlichkeitsbild aufgewachsen, das ihn gelehrt hat, es sei gefährlich, Schwäche und Verletzlichkeit zu zeigen, Fehler zu machen, sich eine Blösse zu geben. Interessanterweise erfreut sich dieses Männlichkeitsbild aktuell auch bei Influencern der sogenannten Manosphere wieder grosser Beliebtheit.
 
Jot trägt ein Trauma mit sich herum. Eines, dass völlig überraschend ausbricht. Solche Traumata tragen viele mit sich herum, manchmal ein Leben lang, ohne dass es zum Ausbruch kommt. Brauchte es bei der Recherche eine Auseinandersetzung mit Spezialist*innen oder reichte die Intuition?
 
Ich setze mich schon lange mit dem Thema Trauma auseinander. Einerseits weil ich als Tochter einer Traumatherapeutin gross geworden bin, aber auch weil viele Menschen, die mir nahestehen, Traumaerfahrungen gemacht haben und ich selbst ebenfalls. Für das Buch habe ich Interviews geführt mit Männern aus Jots Generation, die ihre Erinnerungs- und Aufarbeitungsgeschichte mit mir geteilt haben. Sie hatten gewisse traumatische Erlebnisse ihr Leben lang verdrängt und erst in höherem Alter begonnen, sich damit auseinanderzusetzen.
 
Vieles in diesem Roman schein von langer Hand geplant, ganz bewusst inszeniert, sei es der Schauplatz eines ehemaligen Steinbruchs oder das Verweben mit Kafkas Roman „Der Prozess“. Oder ergaben sich diese Verbindungen und Metaphern erst während des Schreibprozesses?
 
Mein Schreibprozess ist eigentlich immer eine Mischung aus Intuition und Planung. Die Bezüge zu Kafkas „Prozess“ haben sich erstmal ganz intuitiv ergeben. Vielleicht auch, weil Kafkas Bücher in mir schon als jungem Menschen den Wunsch geweckt haben, selbst Autorin zu werden. Kafka hat mir gezeigt, dass Literatur auf tiefgreifende Weise etwas über das Menschsein ausdrücken kann. Er ist ein Meister der Darstellung dieses diffusen Gefühls, der Welt ausgeliefert zu sein und sie nicht unter Kontrolle zu bekommen. Ein Gefühl, das meinen Protagonisten Jot prägt. Deshalb waren diese Motive für mich von Anfang an da. Und dann habe ich sie natürlich irgendwann sehr bewusst eingesetzt.
 
Jot ist in vielem ein Archätyp. Auch in seiner Sehnsucht nach Sicherheit, in seinem Bestreben, auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. Er will alles im Griff haben. Dabei hat ihn das Leben im Griff, irgendwann im Würgegriff. Dein Leben als Künstlerin ist das genaue Gegenteil. Zumindest vermute ich das. Wieviel Gesellschaftskritik steckt in deinem Roman?
 
Ha ha, ja, das Leben als freie Autorin ist relativ unberechenbar und gibt einem nicht die zuverlässige finanzielle Sicherheit und Planbarkeit, die Jot wichtig sind. Er möchte die Unberechenbarkeiten des Lebens so gut wie möglich reduzieren, indem er auf jede Eventualität vorbereitet ist. Dass uns ungeplante Ereignisse Angst machen, ist ja erstmal einfach menschlich. Wir sind evolutionär so gepolt, nach einem sicheren Ort zu suchen und Gefahren vorherzusehen. Aber bei Jot geht das noch viel weiter, er scheint innere Ängste auf seine Umgebung zu projizieren. Und sein Planen bringt ihm deshalb auch keine Erleichterung, sie füttert eher noch seine Angst. Ich habe den Eindruck, dass die grosse Spaltung in der Gesellschaft, die wir gerade erleben, auch viel mit Projektion von Ängsten zu tun hat, die eher von innen kommen.
 
Dein Roman ist auch ein Familienroman. Zumindest ein Roman über das, was geblieben ist, wenn sich das Universum nur noch um mich, um den Protagonisten dreht. Ist das, was bei Jot von Familie geblieben ist, symptomatisch für unsere Zeit, für das, was vom Mythos „Familie“ übrig geblieben ist?
 

Was Familie angeht, hat mich im Roman vor allem die Frage nach transgenerationalem Trauma interessiert, das zu Isolierung führen kann, zum Bruch von familiären Beziehungen. Jot ist in der Zeit direkt nach dem Zweiten Weltkrieg geboren, die Erwachsenen in seinem Leben durch den Krieg traumatisiert, aber unfähig, darüber zu sprechen. Jot selbst setzt dieses Muster des Schweigens und der Verdrängung fort, weil er nichts anderes gelernt hat, und gibt es an seine Tochter Martha weiter. Gleichzeitig verkörpert Martha aber eine neue Generation, die gewillt und besser ausgerüstet ist, sich mit Traumata auseinanderzusetzen und die richtigen Ressourcen hat, sie aufzuarbeiten. Das hat etwas sehr Hoffnungsvolles für mich.

Julia von Lucadou ist Filmwissenschaftlerin. Sie arbeitete als Regieassistentin, Redakteurin beim Fernsehen und als Simulationspatientin; sie lebt in Köln. Ihr erster Roman «Die Hochhausspringerin» (2018) stand auf der Shortlist für den Schweizer Buchpreis und wurde mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet. 2022 erschien der hochgelobte Roman «Tick Tack«.

Beitragsbild © Guido Schiefer

Braucht Literatur Idealismus?

Man muss für sein Buch, für sein Schreiben kämpfen, hält Gallus Frei-Tomic auf seiner Website literaturblatt.ch fest.

Wahrer könnte dieser Gedanke nicht sein, leben wir doch zunehmend in einer Zeit, in der Kultur und insbesondere Literatur immer mehr marginalisiert werden, da sie keinen «Return on Investment» und Gewinn bringen, ja ein Verlustgeschäft darstellen in einer Konsumgesellschaft, in der man immer weniger willig ist, zu denken und immer mehr auf Besitz von materiellen Gütern ausgerichtet ist.

Zum Glück gibt es sie dennoch, diese exotische, langsam aussterbende Spezies der Literaturverliebten, bestehend aus Lesenden, Schreibenden, Verlegenden und Literaturvermittelnden. Eine Handvoll Idealistinnen und Idealisten, die man heutzutage ruhig zu «Verrückten» erklären könnte.

Was aber bedeutet genau «verrückt»? Das deutsche Wort «verrückt» denkt nicht an Krankheit. Es stellt eine Raummetapher der Verschiebung dar: etwas ist disloziert, hat einen unkonventionellen Platz eingenommen, hat seine ursprüngliche Lage verändert. In der Zeit des Wertezerfalls und der neuen Wert- und Weltordnung erscheinen literaturliebende Idealistinnen und Idealisten tatsächlich als «Verrückte». Denn sie kämpfen dafür, dass durch das Lesen, Schreiben und die Vermittlung von Texten in der Trump-Ära die Fähigkeit des Menschen, sich mit komplexen Inhalten auseinanderzusetzen und zu denken nicht verloren geht. Waren es nicht immer die Verrückten, die durch geschriebene Texte die menschliche Entwicklung und den Fortschritt entscheidend vorangetrieben haben?

Auch wenn heute die Zukunft des Buches immer unklarer wird, scheint es unbestritten weiterhin ein paar wenige Enthusiastinnen und Enthusiasten zu geben, die sich unbezahlbar und unbezahlt als einsame Kämpferinnen und Kämpfer auf weiter Flur für das geschriebene Wort mit aller Kraft und Energie einsetzen und somit der drohenden wirtschaftlichen neoliberalen Kulturzerstörung die Stirn bieten.

Gallus Frei-Tomic zählt zu diesen literaturliebenden idealistischen Enthusiasten, die ihr gesamtes Schaffen in die Unvergänglichkeit der Literatur investieren. Wie unermüdlich seine Arbeit in den vergangenen 10 Jahren war, zeigen die 2000 Beiträge als freier Literaturkritiker, die zahlreichen Veranstaltungen, bei denen er mitgewirkt oder die er selbst organisiert hat, die Rückmeldungen von namhaften Schriftstellerinnen und Schriftstellern auf literaturblatt.ch, die Pressestimmen.

Alles, was die Kulturentwicklung fördert, arbeitet auch gegen den Krieg, hatte einst Sigmund Freud gesagt. Und dieser Gedanke erscheint heute aktueller denn je. Zur Kulturentwicklung gehört aber unbedingt auch Literatur. Denn Literatur vermittelt Werte, dient der Entwicklung von Mitgefühl und Empathie, Literatur lehrt uns zu lieben. In diesem Sinn ist Literaturvermittlung, so wie Gallus Frei-Tomic sie betreibt und als kulturpolitischen Beitrag einsetzt, unentbehrlich.

Evelina Jecker Lambreva, Schriftstellerin, Psychiaterin und Psychotherapeutin

Zyta Rudzka «Lachen kann, wer Zähne hat», Friedenauer Presse

Dieser Roman hat es zweifelsohne in sich. Er sprüht vor Sprachwitz, in seiner Rauh- und Derbheit. Er erzählt von einer Welt, die meist verschlossen bleibt, von grossen Enttäuschungen und der letzten Kraft im Aufbäumen.

Es gibt Romane, die faszinieren durch ihre Bauart, die verschiedenen Erzählebenen, ihre Durchlässigkeit für eigene Gedanken. Es gibt welche, die bannen, nicht loslassen, die mich durch eine Handlung peitschen, die ich nicht mehr weglegen kann. Oder jene, die durch ihren Sound, die Musik überzeugen, die man mit dem Buch auf der Brust nachhallen lassen muss. Und die, die durch ihr Wissen, die Recherche, neue Welten, Offenbarungen überzeugen. „Lachen kann, wer Zähne hat“ bekam von all denen minimale bis maximale Zutaten. Aber was diesen Roman einzigartig, erstaunlich, faszinierend und verblüffend macht, ist der Dreck.

Kann mich an keinem Menschen wärmen. Für mich ist die Heizung überall kaputt.

Erinnern sie sich an den alt gewordenen Rockmusiker Chris von Rohr, der 2004 die Musikszene kritisierte und Meh Dräck (mehr Dreck) forderte, weil sich das mediale Musikgesäusel immer mehr von Originalität entferne? Meh Dräck scheint sich die polnische Schriftstellerin und Bühnenautorin Zyta Rudzka zu Herzen genommen zu haben. „Lachen kann, wer Zähne hat“ ist alles andere als geglättet und gebürstet. Ihr Roman über eine ehemalige Frisöse, die ihren Ehemann trotz aller Geldsorgen bestatten muss, riecht förmlich in seiner Derb- und Direktheit. Ein Roman, der in der untersten Schublade wühlt. Aber nicht bloss, um zu schockieren, sondern um jenen Dreck aufzuwirbeln, der den Menschen in den untersten Schichten ein Leben in Würde schwer macht.

Das Leben in ihm ist nach und nach verdunstet.

Zyta Rudzka «Lachen kann, wer Zähne hat» Friedenauer Presse, 2025, aus dem Polnischen von Lisa Palmes, ISBN 978-3-7518-8046-6

Als Theaterfrau muss es der Schriftstellerin grösste Freude bereitet haben, mit dem Sprachinstrumentarium einer Zornigen, Unangepassten, Verletzten und Gezeichneten einer Stimme zu folgen, die auszumalen und auszukosten, dass beim Lesen die Ohren erröten. Zugegeben, da schwappt einem eine ordentliche Portion Obszönität entgegen. Aber sie ist nicht da, um mich zu erschrecken, um Wirbel zu machen, sondern weil es die Stimme einer Sorte Mensch ist, die sonst nie ihre Bühne in der Literatur findet. Aber letztlich muss es der Autorin auch gar nicht um eine Milieustudie gehen, sondern um den Witz in all den Binnengeschichten, in einzelnen Redewendungen und Sätzen, die immer und immer wieder aus dem Text aufploppen. Erstaunlich genug, dass es die Übersetzerin Lisa Palmes offensichtlich geschafft hat, den Sound, den Dreck ins Deutsche zu übersetzen, auch wenn es im polnischen Original noch um einiges köstlicher sein muss.

Karol war lange gut genug, wie er aufs Siegertreppchen kletterte. Aber danach war er allen scheissegal.

Die Geschichte im Roman ist schnell erzählt; Wera muss ihren Mann begraben, einen ehemaligen Jockey, der nach seiner Ausmusterung nur noch ein Schatten seiner selbst ist. Zwar ist die ganze Wohnung voller Pokale, aber die Brieftaschen leer. Jockey ist langsam eingegangen, verendet. Schlimmer als ein altes Rennpferd. Nun steht die Beerdigung an, die würdevoll sein muss, aber möglichst wenig kosten soll; das letzte Schuhwerk für die aufgequollenen Füsse, ein einfacher Sarg, ein Bestattungsunternehmen ohne grosses Aufhebens und eine Beerdigung im kleinen Kreis. Wera verhökert, was ihr geblieben ist, schleppt sich von Bekanntschaft zu Bekanntschaft, um die letzten Habseligkeiten zu Geld zu machen – oder auch mal zu Wodka. Sie, der man ebenfalls alles genommen hatte, auch ihr Geschäft „Wera – Herrenfriseur“. Sie wusste, wie man ihnen in die Haare fährt. 

Sind ja schrecklich gute Menschen, diese Katholiken, nur so schrecklich leichtgläubig.

Rudzka nimmt sie alle auf die Schippe, nicht zuletzt eine konservative polnische Gesellschaft. Sie lässt ihre Protagonisten keifen und speien, dass es eine Freude ist. Zugegeben, der Roman dürfte nicht länger sein, weil die Handlung allein kaum Fleisch am Knochen hat. Es ist der Ton, die Derbheit, das Ungeschönte, das ihm so faszinierend macht. Köstlich!

Zyta Rudzka, 1964 in Warschau geboren, wo sie auch heute noch lebt, arbeitet als Psychotherapeutin, Schriftstellerin und Drehbuchautorin. Ihre Gedichte, Drehbücher und Romane wurden mit Preisen ausgezeichnet und in zahlreiche Sprachen übersetzt. Zuletzt erschien Ihr Roman «Doktor Josefs Schönste» bei Ammann (2009) in der Übersetzung von Esther Kinsky und «Mikwe» bei Secession (2014) in der Übersetzung von Sven Sellmer.

Lisa Palmes, 1975 in Münster geboren, studierte u. a. Polonistik und Germanistische Linguistik an der HU Berlin und in Warschau, übersetzt u. a. die Bücher von Zyta Rudzka, Olga Tokarczuk, Joanna Bator und Filip Springer. Sie wurde vielfach ausgezeichnet.

Beitragsbild © Lena

Nicht das Werk, sondern das Geschlecht: Wie Stockholm seinen Nobelpreis für Literatur entwertet

Spannend war es heute in Stockholm nicht. Nach dem Ungarn Krasznahorkai war 2026 «eine Frau dran», und so kam es: Der Literaturnobelpreis geht an Anne Carson.

Ein Kommentar von Evelina Jecker Lambreva

Die Süddeutsche Zeitung schreibt es offen: «Nach dieser Logik gibt es nun erneut eine Literaturnobelpreisträgerin». Zehn Jahre wechseln sich Mann und Frau nun lückenlos ab, seit Ishiguro 2017. Die Akademie behauptet, sie folge keinem Proporz. Bei diesem Ergebnis ist das schwer zu glauben.
Den Preis dafür zahlt, meines Erachtens, Georgi Gospodinov. Die FAZ nannte ihn gestern an erster Stelle unter sieben Würdigen: «Das ist grosse Literatur. Sie verdient unbedingt den Nobelpreis». Er erhielt den ersten International Booker für ein bulgarisches Buch. «Zeitzuflucht» zeigt Europa als Alzheimer-Patienten, der in sein Lieblingsjahrzehnt flüchtet. «Der Gärtner und der Tod» gewann erst vor einem Monat den Jean-Monnet-Preis. Gospodinov verbindet melancholische Ironie mit politischem Ernst und schreibt aus einer kleinen Sprache. Eine Akademie, die weniger eurozentrisch sein will, hätte kaum ein besseres Argument finden können.

Anne Carson ist keine Quotenfrau. Ihre Sappho-Übertragungen und «Autobiography of Red» werden als gelehrte Meisterstücke gefeiert. Gerade deshalb trifft sie das Muster am härtesten: Jede Preisträgerin muss sich nun anhören, sie sei bloss «dran gewesen».
Was als Gerechtigkeit gedacht war, ist zur Buchhaltung über Identitäten geworden. Wer Literatur nach dem Geschlecht ihres Autors gewichtet, stellt den Körper vor den Text. Das ist genau das, was der Feminismus einst bekämpft hat. Die Folgen kennt der Westen gut: Lager bilden sich, Ideologie wird gegen Ideologie gestellt, und Männer gelten als strukturell verdächtig. Nobel wollte «das Herausragendste» auszeichnen. Eine Reihenfolge hat er nicht verlangt.
Das ist die traurige Erkenntnis des heutigen Tages: dass der ursprüngliche Sinn des Nobelpreises für Literatur inzwischen politisch verschoben wird.

Sonja Sophie Kreis «Das grosse Eis», Rowohlt #SchweizerBuchpreis 26/04

Was bleibt von Familie? Wie wirkt Geschichte auf und aus Familien? Warum distanzieren sich Väter, selten Mütter, tauchen Töchter und Söhne ab? Sonja Sophie Kreis hat einen aussergewöhnlichen Roman geschrieben, der weit über die Selbstanalyse hinausgeht.

Anna reist nach Grönland auf der Suche nach ihrem älteren Bruder Alex. Es ist aber nicht nur die Suche nach einem Bruder, der bloss noch zu Weihnachten eine nichtssagende Karte aus der Kälte schreibt, sondern die Suche nach dem, was von der einstigen Familie übrig geblieben ist. Selbst ihre Schwester ist geschluckt von ihrer Arbeit in einem chicen Hotel mit Sicht aufs Matterhorn.

Anna, sonst Fotografin, reist ohne ihren Apparat an, dafür mit einem in ein Leintuch eingewickeltes Bild. Einer Winterlandschaft des Malers Adolf Dietrich, einem Maler, der zeitlebens in Berlingen am Untersee (Bodensee) lebte und malte. Ein Maler, den man zu den Naiven zählte, der sich aber weitgehend autodidaktisch in seine völlig eigenständige Arbeit vertiefte und erst spät jene Anerkennung bekam, die ihn noch heute zu einem wichtigen Exponenten schweizerischer Kunst macht. Es war das Hochzeitsgeschenk seines Vaters an seine Mutter, ein Bild, das die Beschenkte mehr bedrohte als dass es ihr gefiel. Aber das ihrem Bruder Alex einen Blick in seine Sehnsucht gewährte, eine Welt des Eises und des Schnees, eine Welt der Kälte und der Stille.

Bald wird klar, dass weder der Zufall noch ihr Bruder selbst wollen, dass Anna Alex nach Jahrzehnten wiederfindet. Anna bleibt, richtet sich in dem Ort ein, der nicht gemacht ist für Menschen wie sie, die das Eiland irgendwann wieder verlassen. Und weil kein fotografisches Auge zur Verfügung steht, beginnt Anna zu schreiben, von Hand, in ein Heft nach dem andern. Was ihr geographisch und räumlich nicht gelingen wird, wird mehr und mehr zur verschriftlichten Obsession. In ein Eintauchen in die Bilder ihrer Familie, der erinnerten und der erzählten.

Erzähl mir was, flüsterte ich ihr dann zu und halte das Foto ganz nah an mein Gesicht.

Sonja Sophie Kreis «das grosse Eis», Rowohlt, 2026, 256 Seiten, ISBN 978-3-7371-0257-5

Eine aufbrausende Mutter, ein stiller Vater, der kaum zuhause war. Genauso wie ihr Bruder, der sich schon als Kind viel lieber in der Werkstatt im Keller verlor. In seinen Nachforschungen der Grossen der Arktischen Forschung, der sich in Büchern wegtragen liess, hinein ins ewige Eis, weit weg von den Konflikten der Eltern, der fasziniert war von der tragischen Exkursion von Eduard Skeleton, dessen gepanzertes Schiff Endurance trotz aller Vorsicht in den Eismassen zerdrückt wurde. Vielleicht sinnbildlich für seine eigene Situation zwischen den elterlichen Fronten.

Nicht nur ein Maler, Adolf Dietrich, spielt in der vielschichtigen Geschichte der Thurgauerin, die ihren familiären Ursprung im eben dieser Gegend hat. Otto Marquart, die längste Zeit seines Lebens nicht weit von Adolf Dietrich auf der Insel Reichenau malend, war Künstler, führte zusammen mit seiner Frau am See eine Pension, die während des Krieges Dreh- und Angelpunkt von Flüchtenden war, einem Tun, von dem er auch nicht liess, nachdem ihn die Gestapo verschleppte und verhörte.

Der Film in meinem Kopf ist launisch. Mal fließen die Bilder. Dann wieder ruckelt es, der Erzählstrom macht Sprünge, vorwärts oder zurück, die Leinwand reißt auf, eine ruhige Bildfolge wird von einer subjektiven Kamera gestört.

Sonja Sophie Kreis erzählt von Grenzregionen, vom Blick auf das, was ist und war, sei es geographisch, historisch oder familiär. Damals kam die deutsche Mutter über die Grenze in die Schweiz. Was wie eine Liebesheirat aussah, entpuppte sich als Falle. Auch das, was sich im Winter 1963 zur letzten „Seegfrörni“ auswuchs, war nur für wenige Wochen der ungehinderte Weg auf die andere Seite. Manchmal fehlt nicht viel, aber Grenzen bleiben.

Dass Sonja Sophia Kreis zum Kreis der Nominierten gehört, freut mich nur schon deshalb, weil ich dieses Buch sonst vielleicht gar nie auf den Schirm bekommen hätte. Was ein grosses Versäumnis gewesen wäre. Man merkt dem Roman nicht an, dass es ein literarisches Debüt ist, ganz im Gegenteil. Die Autorin überzeugt durch einen klaren Strich, lässt vermuten, dass sie als bildnerische Künstlerin eine sehr klare Vorstellung von Komposition und Struktur hat. Aber „Das grosse Eis“ ist auch experimentell, changierend zwischen glasklarer Prosa und lyrischen Passagen, von klarer Kontur bis durchscheinend sinnlich.

Unbedingt empfehlenswert!

Sonja Sophie Kreis, geboren1963 am Bodensee, arbeitet als bildende Künstlerin und lehrt Kunst und Kunstgeschichte. Ihre Arbeit führte sie u. a. nach Skagaströnd (Island) und Ilulissat (Grönland). Sie hat Erzählungen und Kurzgeschichten veröffentlicht. «Das grosse Eis» ist ihr erster Roman. Sonja Sophie Kreis lebt in Zürich.

Illustrationen © leafrei.com

Alisha Gamisch „Parasiti“, Voland & Quist

Wenn die Gegenwart mit einem Mal aufbricht. Wenn sich Fragen nicht mehr verdrängen lassen. Wenn all das Unverdaute, ewig Gärende, das Magma unter der Kruste des Schweigens durchbricht. Alisha Gamisch beeindruckendes Debüt sticht mitten hinein.

Ein Reiheneinfamilienhaus im bayrischen Fürstenfeldbruck ist der Schauplatz, an dem die Vergangenheit ausbricht, ein Bettelbrief mit daumengrossem Plastikembryo eine alte Frau derart erschüttert und erstarren lässt, dass Nichte und Enkelin sie nicht wiedererkennen. Grossmutter Lydia in Schockstarre der Stimme beraubt fängt Enkelin Rina erst recht zu fragen an. Fragen, denen auch Tante Valli am liebsten zeitlebens ausgewichen wäre.

So unmöglich es ist, Heimat und Herkunft durch Grenzen einzuzäunen, so unmöglich ist es seit jeher, Zugehörigkeiten zu kollektiven Erinnerungen und Landschaften vom seltsamen und streitbaren Gefühl der Heimat abzukoppeln. Nicht nur die beiden Weltkriege im vergangenen Jahrhundert haben Menschen entwurzelt, Familien auseinandergerissen, Familientragödien unter dem Mantel des Schweigens erstickt. Das Trauma bleibt, die in sich geschlossenen Kammern, in denen Geschichten gären, Mief, der irgendwann, der Anlass kann offensichtlich unbedeutend sein, mit zerstörerischer Kraft ausbricht.

Als die Studentin Gina zu Grossmutter und Tante, in ihr Zuhause zurückkehrt, ist ihre Grossmutter Lydia eine andere. Eingefroren in einen Schrecken, paralysiert, erstarrt. Gina, die in ihrem Leben von Unentschlossenheit gefangen ist, nimmt das Szepter in die Hand. Ihre Grossmutter muss zum Arzt, wenn nötig sogar in eine Klinik, auch wenn Gina weiss, dass Lydia das nicht zulassen würde. Und von Valli, ihrer Tante, will sie endlich Antworten.

Alisha Gamisch «Parasiti», Volant & Quist, 2026, 240 Seiten, ISBN 978-38-6-391466-0

Lydia wurde in den Wirren des Weltkriegs ins sibirische Nirgendwo deportiert, nach Novosibirsk, wurde „Russlanddeutsche“, die man während und nach dem Krieg nach Sibirien zwangsumsiedelte, denen man unter menschenunwürdigen Voraussetzungen blosses Überleben abverlangte. Dort wird sie die Frau von Sashka, einem gut aussehenden Nichtsnutz und Säufer. Mit ihm, ihrer Tochter Elvira und dem rotzigen Schwiegervater lebt sie in einer windigen Baracke, nur durch Tücher vor den Blicken anderer geschützt, permanent in Sorge ums Überleben und den Annäherungen ihres nach Alkohol stinkenden Gatten. Bis sie dann doch noch einmal schwanger wird und sich genötigt sieht, in einem sowjetischen Krankenhaus, das solche Frauen wie Dreck behandelt, ihr Kind auskratzen zu lassen. Ein Eingriff, der sie fast das Leben kostet, der ihr den Tod im Bett daneben vor Augen führt, die Wertlosigkeit einer Frau, die sich gegen das Schicksal stemmt.

Aber mit der Abtreibung hört der Schrecken, das Bedrängtsein, die Not nicht auf. Auch das Leid einer Mutter, einer Alleingelassenen, einer Bedrängten. Irgendwann schafft es Lydia mit ihrer Tochter mit Hilfe einer Rücksiedlungsinitative nach Deutschland. Ein Neuanfang mit den schlechtmöglichsten Vorzeichen, weil nicht nur Lydia die Vergangenheit im Schweigen erstickt.

Komisch, dass deine Muttersprache eine andere ist als meine – und die deiner Mutter eine andere als deine, und dass du als Kind eine Sprache konntest, die jetzt fast verflogen ist, und dass ich mich mit dir als Kind gar nicht hätte verständigen können.

Ein krasser Gegensatz zur zweiten Erzählebene, dem Leben ihrer Enkelin Gina. So sehr Gina ihr Leben selbst bestimmen kann, so sehr verliert sie sich im Unentschlossenen. So sehr sich Lydia gezwungen sah, sich dem Schicksal entgegenzustellen, so sehr verliert sich Gina. Bis sie das Schweigen, die Erstarrung ihrer Grossmutter aus der Lethargie schüttelt.

„Parasiti“ trifft. Lydia war fast ein ganzes Leben Fremde, Herumgeschobene. Männer wurden zu Parasiten, unmöglich abzuschütteln. Bei meiner Lektüre ein beklemmendes Gefühl. Nicht nur weil ich ein Mann bin, sondern weil die Geschichte nicht Vergangenheit ist, weil wir mit jedem Tag einen Schritt weiter wegrücken von der Hoffnung, dereinst würde gegenseitiger Respekt, aus welcher Seite auch immer, das Zusammenleben leichter machen. „Parasiti“ ist ein starkes Debüt, eine laute Stimme, ein mutiges Buch!

Alisha Gamisch studierte in München und London Anglistik und Germanistik und lebt heute in Berlin. Ihr erster Gedichtband »Lustdorf« (Verlagshaus Berlin, 2020) wurde vom Haus für Poesie zu den besten Lyrikdebüts des Jahres gewählt. 2022 erhielt sie den Nora-Pfeffer-Preis für Lyrik des Bayerischen Kulturzentrums der Deutschen aus Russland, 2023 war sie Stipendiatin der Romanwerkstatt des Literarischen Colloquiums Berlin. Sie ist Gründungsmitglied des feministischen Vereins ›Wepsert e.V.‹ sowie Mitkuratorin und Moderatorin der Lesungs- und Diskussionsreihe ›PostOst-Café‹ im Maxim Gorki Theater Berlin. Seit 2025 ist sie Teil der literarischen Girlband ›No Scribes‹. »Parasiti« ist ihr Debütroman.

Beitragsbild © Suzanne de Carrassco

Christine Fischer «Schwindlig», orte

Es sind die Geschichten von Eva und Franz. Sie lernten sich kennen, waren verheiratet, trennten sich und begegnen einander wieder. Schnell erzählt. Christine Fischer formt zwei Leben, die sich finden, abstossen und doch nie zur Ruhe kommen. Sie tut dies, in dem sie von den Zwischenräumen erzählt, von dem, was andere weglassen würden – ganz zart.

Eigentlich ist es die Geschichte zweier Leben, die der Zufall zusammenführt, einmal in jungen Jahren, ein zweites Mal, als die beiden schon daran zweifeln, dass ihr Leben noch eine Zukunft zu bieten hat. Eva und Franz waren ein Paar, trennten sich, weil Franz für Eva nicht der Partner war, der der Vater ihrer Kinder hätte sein sollen. Eva bricht nach der Trennung aus, erinnert sich an einen Freund aus jungen Jahren, der in den Staaten lebt und in den sie sich damals unsterblich verliebte. Eine Liebe, die nicht wie erhofft erwidert wurde, aber Jahrzehnte doch reicht, um ihr den Wunsch nach einem Kind zu erfüllen.

Eva und Franz sind alt geworden, über 80. Eva lebt in einem kleinen Studio in einer Alterssiedlung, Franz in der gleichen Stadt in einer kleinen Wohnung. Das Leben hat sich für sie beide nicht so geformt, wie sie es sich fürs Alter ausgedacht hatten. Eva muss mit dem Entscheid ihrer Tochter leben, dass diese schwanger mit ihrem Mann in die Staaten auswandern will und sich ihre Zukunft als Grossmutter nicht so leben lässt, wie sie es sich gewünscht hätte. Und Franz ist zu einem einsamen, alten Wolf geworden, obwohl er in sich doch noch jene Kraft zu spüren glaubt, die es braucht, um sich noch einmal aufzubäumen. Eva ist müde geworden, Spaziergänge ohne Gehhilfe unmöglich. Franz ist einsam, nicht zuletzt darum, weil er es auch im Alter nicht schafft, sich für sein Gegenüber, und sei es auch nur sein einziger Freund, zu öffnen.

Christine Fischer «Schwindlig», orte, 2026, 160 Seiten, ISBN 978-3-85830-357-8

Was damals vor Jahrzehnten geschah, jene Trennung, die sie gegenseitig gänzlich aus den Augen verlieren liess, schwebt noch immer wie ein Trauma über ihnen. Sie ist sich ihrer Härte damals, der Trennung und der Unversöhnlichkeit bewusst. Ihn schmerzt noch immer die nicht genutzte Chance. Und die Tochter; sie wuchs damals auf, ohne jemals den Namen des Vaters zu erfahren. Als er dann doch ausgesprochen war, drohte Eva, ihre Tochter zu verlieren.

Und dann laufen sie sich zufällig in der Stadt über den Weg. Eva weiss nicht, wie ihr geschieht, ist hin- und hergerissen zwischen Gefühlen, die sie nicht einzuordnen weiss und dem Wunsch, etwas von dem zu glätten, was in ihrem Leben aufgeworfen wurde. Franz wird unvermittelt wieder zum Jäger. Vielleicht, weil er weiss, dass es leichter sein muss, die Restglut eines alten Feuers zu entfachen als ein neues zu entzünden. Vielleicht weil er spürt, dass er etwas Absolution holen kann für ein Leben, das in der Sackgasse zu enden scheint. Aber auch weil er von Evas Tochter erfährt, ihrem Schmerz und Antworten will, warum er nicht der Vater sein konnte, der er doch eigentlich gerne geworden wäre.

Christine Fischer schildert im ersten Teil die Kindheit der beiden. Sie wachsen in ganz unterschiedlichen Familien auf. Eva in einer Familie, die ganz für das Geschäft im Erdgeschoss lebt, Franz als Augapfel seiner überfürsorglichen Mutter. Beide in den Fünfziger- und Sechzigerjahren, als Kindsein noch viel mehr zwischen Erwartungen, Pflichten und Bravsein eingefasst war und man sich seine Freiheiten nur dann holen konnte, wenn man sich diese nahm. Eva und Franz haben sich damals nur selten geholt, was zu holen gewesen wäre. Christine Fischer springt von einer Geschichte zur andern, wechselt die Perspektiven, spiegelt und offenbart jenen unausgeleuchteten Zwischenraum, der zwei Leben, die miteinander zu tun haben, aneinander reiben lässt. Christine Fischer leuchtet nicht aus, zeichnet dafür mit feiner Feder die Zwiespältigkeit zweier Menschen, die sich letztlich verfehlen, obwohl es hätte die grosse Liebe sein sollen. Ein Roman über das Altern, das Alter und die Angst, irgendwann resümieren zu müssen, dass man unverzeihliche Fehler beging.

Interview

Dein Roman ist zweigeteilt; zwei Kindheiten und zwei Perspektiven im Alter. Das „Reich der Mitte“ ist nur angetönt und doch eigenartig schwergewichtig. Vieles ist nicht auserzählt, bleibt skizzenhaft als aufblitzende Bilder. Du hast dich auch konsequent an die beiden Perspektiven von Eva und Franz gehalten – und doch in der dritten Person geschrieben. Eigenwillig und eindrucksvoll, weil durch das stückhafte Erzählen erst mit der Zeit ein fassbares Ganzes entsteht. War dieser Aufbau von Beginn weg Plan oder hat er sich im Lauf des Schreibens aufgedrängt.

Die Zweiteilung Kindheit/Alter drängte sich im Prozess des Schreibens auf: Zu Beginn stand der Plan, die Leben der beiden Protagonisten als «Zettelerzählung» zusammenzustückeln. Gemäss meinem Logbuch, das ich parallel zum Roman führte, visionierte ich «herausragende Stalaktiten», zwei «Lebensübersichten in Fragmenten», keines davon umfangreicher als eine Buchseite. Das machte zuerst sehr viel Freude beim Schreiben, es verlangte mir Präzision und Dichte ab. Als ich dann bei der Adoleszenz von Eva und Franz angelangt war, begann mir zu schwindeln. Ich spürte deutlich; So kann und will ich nicht weiterfahren, nicht mich mittels Hunderten von weiteren Fragmenten durch diese beiden Lebensgeschichten schreiben. In meinem Logbuch finde ich den Eintrag: «Bald wird sich das Erwachsenenalter auftun, diese dunkle Materie, eine kompakte, unstrukturierte, dunkle Masse der sogenannten produktiven Jahre mit dem fetten Fleisch am Knochen, dieses Blindwüten und Blindtappen, ein erratischer Block! Wo ist der Zugriff, wie mich orientieren? Mir stinkts!» Ich beschloss also, diesen erratischen Block von rund 60 Lebensjahren zu überspringen und gleich ins Alter überzuwechseln. Von dort aus in die Mitte zurückzublicken «in einigen wenigen Streiflichtern aus der Warte des Alters.» Das Alter sollte eine Erzählung im Präsens sein und nur ungefähr zehn Tage umfassen und sich im Sprachgebrauch und im emotionalen Zugriff stark von Teil 1 unterscheiden.

Journal 1 © Christine Fischer

Im Buchtitel das Wort „schwindlig“. Ein Adjektiv, das seltsam antiquiert klingt. Ein Zustand im Taumel, nicht rauschhaft, manchmal von innen kommend, aber auch von aussen überstülpt. Manchmal durchaus positiv, sehr oft aber als unangenehm empfunden, nahe am Kontrollverlust. Kam dieser Zustand auch während des Schreibens über dich?

Ja, wie gesagt, das ursprüngliche Unterfangen, zwei ganze Lebensläufe parallel mittels Kurztexten in einen tragfähigen und spannenden Gesamttext unterzubringen, erwies sich als schwindelerregend. Es dennoch zu versuchen, wäre wohl eine Fleissarbeit gewesen, hätte aber vermutlich das Scheitern bedeutet – der Zusammenhang, die Möglichkeit, sich beim Lesen zu identifizieren, wäre wohl zerflattert. Nur schon beim Schreiben der ersten 40 Seiten, aber auch des Teils 2, hatte ich oft das Gefühl, einen Ameisenhaufen zu hüten. Wer will und kann schon aus einem solchen Haufen einzelne Krabbeltiere herauslösen? Ich habe es versucht.

Eva und Franz erlebten Kindheiten, die sich grundlegend von jenen heute unterscheiden. Kleine Erwachsene, die zu funktionieren hatten, die sich die kleinen Freiheiten nehmen und holen mussten, zwischen Erwartungen, Disziplin und Tradition. Kindheiten, die nicht nur in deinem Roman bis ins Alter wirken, auch wenn beide, Eva und Franz, selbst im Alter seltsam gefangen sind. Entspricht das auch deiner Erfahrung?, 

Ja, das Gefühl, in einem Korsett aufgewachsen zu sein, beengt und gebremst durch die Erwartungshaltungen von Eltern und Gesellschaft, teile ich mit meinen beiden Hauptfiguren, aber auch mit sehr vielen Menschen dieser Generation, was ich von vielen Interviews her kenne, die ich mit Menschen in der letzten Lebensphase geführt habe. Ich denke beispielsweise an die Berufsfindung, an Ausbildungsmöglichkeiten, an die «Geschlechterschmiede», wo genau vorgeschrieben war, was ein Mädchen-, was ein Knabenmuster war. Dem gegenüber stand aber – wenigstens bei Landkindern – meist eine grosse Freiheit in der Gestaltung von Freizeit und Spiel. Das Dorf mit seinen Gärten und Schuppen und Höfen und Strassen, die Umgebung mit ihren Wiesen und Wäldern und Bächen stand den Kindern damals offen – eine schwindelerregende Vielfalt mit schwindelerregenden Möglichkeiten. Sie wurden in ihrer Freizeit von den Erwachsenen kaum kontrolliert, aber gleichzeitig auch kaum beschützt. Die Eltern waren froh, ungestört ihrer Arbeit nachgehen zu können.

Journal 2 © Christine Fischer

Franz ist kinderlos geblieben. Eine Tatsache, die er im Alter als Makel empfindet. Eva hat eine Tochter, von der Franz gerne die Vaterrolle übernommen hätte. Eva wollte nicht. Eva wollte vieles nicht, schon gar keinen Mann, der ihr ihre Rolle streitig gemacht hätte. Und doch zerrt das Schicksal Eva und ihre Tochter auseinander. Ausgerechnet jetzt, wo Eva bereit wäre, aktiv Grossmutter zu sein. „Schwindlig“ ist auch ein Roman über Versäumnisse. Ist es nicht doch manchmal „zu spät“?

Das sehe ich nicht so. Versäumnisse gibt es dort, wo Vorstellungen partout durchgesetzt werden wollen. Für mich ist es eine Frage des Blickwinkels: Man kann das Leben als offenes Riesenspiel, bei welchem vieles «schieflaufen» oder «zuwiderlaufen» kann, oder aber als Planspiel, welches man strategisch zu beherrschen versucht, verstehen. Mir ist das Offene, vielleicht auch das Zufällige, die wilde Mischung von Elementen, die sich im Werden ordnen, nicht schon vorhergezeichnet sind, näher. Aus allem, was ist, wird wieder etwas. Etwas anderes, neues … diese Kette zieht sich durchs ganze Leben – das macht es ja gerade so faszinierend. Das Leben ist für mich keine «Erfüllung der Schrift», sondern ein unentwegtes Suchen und Finden, ein Erfinden auch. Darum: Es ist wohl nie «zu spät», es ist bloss «anders, als gedacht. Anders, als beabsichtigt.» Das Leben macht laufend Vorschläge.

Was „Schwindlig“ nicht ist; dein Roman ist keine Liebesgeschichte. Höchstens die einer vorsichtigen Annährerung. Das tut dem Roman gut. Keine Sentimentalitäten. Aber auch ein Roman über Starrsinn, eine Eigenschaft, die sehr oft im Alter zu Verkrustungen führt. Ist Schreiben eine Möglichkeit, empfindsam, empatisch und „weich“ zu bleiben?

Eine schwierige Frage! Ich denke, das Alter selbst ist ein letzter, starker, unüberhörbarer Aufruf, empfindsam, empathisch, weich zu bleiben! Nicht zu verknöchern, eine Grosszügigkeit entweder zu behalten oder aber zu entwickeln, sonst nehmen die Gespenster des Alters überhand. Wo der Körper in seinen Möglichkeiten starrer und eingeschränkter wird, gilt es, mit den Mitteln des Geistes, des Fühlens und der Empfindung, das Leben offen zu halten: Offen für das Andere, die Anderen, offen für Zumutungen, für Schicksalsschläge, für das Näherrücken des letzten Wegabschnitts mit seinem grossen Abschiednehmen. Durch das Mittel der Sprache, des Schreibens, des Lesens kann vielleicht «das zunehmende Befremden» statt als Bedrohung – wiederum! – als eine Chance zur Veränderung, zur Wandlung erlebt werden … dies ist ganz einfach mein Credo als Schriftstellerin, aber einfach auch als alternder Mensch.

Christine Fischer, 1952 in Triengen in der Schweiz geboren, studierte Logopädie am Heilpädagogischen Institut der Universität Freiburg und war vierzig Jahre lang als Sprachtherapeutin tätig. Sie wohnt in St.Gallen und hat diverse Bücher veröffentlicht: «Eisland» (1992), «Lange Zeit» (1994), «Augenstille» (1999), «Solo für vier Stimmen» (2003), «Von Wind und Wellen, Haut und Haar» (2004), «Vögel, die mit Wolken reisen» (2005), «Nachruf auf eine Insel» (2009), «Els» (2014), «Lebzeiten» (2015) und «Der Zweifel, der Jubel, das Staunen» (2017), «Im Mai am Montag» (2019), «Herz-Kranz-Gefäss» (2021). Für ihr literarisches Schaffen wurde sie mit verschiedenen Förder- und Werkpreisen ausgezeichnet, zuletzt 2024 mit dem Kunstpreis der St.Gallischen Kulturstiftung.

Beitragsbild © Andreas Butz

Ahojana 9 – «Am Brunnen» – Eine Postkarte aus Saleban von Owida N. Woiax

«Das ist nur die Hitze, du hast kein Fieber», sagt sie und führt die Rückseite ihrer rechten Hand an seine Stirn.
Er zuckt zusammen. «Was für kühle Finger du hast.»
Sie schließt die Augen, konzentriert sich. «Nein, das ist kein Fieber», entscheidet sie dann und streckt ihm ein Tetrapak mit Eistee hin. «Trink etwas. Oder tauch den Kopf kurz in den Brunnen.»
Er dreht sich um, schaut über den runden Steinrand ins Innere des marmornen Trogs, auf dessen Sockel sie sitzen. Aus einem rostigen Rohr tröpfelt Wasser auf eine kleine Insel aus Algen und Moos, die mitten auf einem Halbmond aus sumpfiggelbem Wasser treibt.
«Padjus?», keucht er, «machst du Witze?»
Sie lächelt, reicht ihm ein Taschentuch. «Wir sind in Saleban! Das sieht nur giftig aus.»
«Schimmel?», röchelt er und tippt ihr mit dem Zeigefinger an die Stirn.
«Das ist kein Schimmel», erwidert sie und zieht den Kopf zurück. «Das sind Pilze.»
«Und wenn ich doch Fieber habe?»
«Ach, vergiss es, trink!»
«Es fühlt sich eher wie Fieber an.»
«Was?»
«Na, die Hitze, sie ist so.»
«Wie so?»
«So mehr von innen als von außen.»
«Das kannst du unterscheiden?»
«Ja, es ist eine Hitze, die nur zu mir spricht, eine Stimme in mir, die auf mich einredet, mit Nachdruck, als habe sie mir etwas ganz Wichtiges mitzuteilen. Während die Hitze hier im Dorf, die spricht zu allen. Die ist mehr wie ein Radio, das vor sich hin plärrt … »
«… und alle nervt. Was sagt sie dir denn, deine innere Stimme?»
«Nichts. Sie zeigt nur, dass sie da ist.»
«Sie zeigt?»
«Ach, ich weiß auch nicht, da ist einfach etwas, nicht nichts.»
«So etwas wie ein Gott?»
Er lässt sich nach hinten sinken, bis sein Kopf den Brunnenrand berührt. «Ich glaube nicht, dass Gott ein Fieber ist. Eher ist er ein Aspirin, das dir den Kopfschmerz nimmt.»
«Ui. Wollen wir was trinken gehen? Da drüben hat es ein Café, die Tische stehen schön im Schatten unter alten Bäumen, das wird dich erfrischen. Und vielleicht haben die ja einen Ingwertee. Komm, ich zieh dich hoch.»
Sie setzt sich ihren Strohhut auf, stützt die Fäuste auf seine Oberschenkel, wuchtet sich hoch und streckt ihm ihre Linke hin.
«Wenn du meinst», sagt er, hebt den linken Arm und schüttelt matt die Uhr zurück, die ihm über den Rist gerutscht ist. «Geh schon mal vor. Ich komme gleich nach. Ingwertee ist gut. Magis, jeroub, taskura pa inal twa, jokæn? Aber bitte, bestell doch gleich für alle drei, ja?»

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Ahojana 1 – 8

Samuel Herzog «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden», Edition Frida, 2025

Samuel Herzog, geboren 1966, führte einen unabhängigen Kunstraum mit Küche in Basel, gab verschiedene Mikrozeitschriften heraus, betreute einen Kleinstverlag, erforschte als Ausgrabungstechniker die Bronzezeit und war jahrelang als Begleiter von Liegewagen in Europa unterwegs. Er studierte Kunstgeschichte und war als Kunstkritiker und Redakteur für diverse Medien tätig. Heute bewegt er sich im Grenzbereich von Kunst, Literatur und Journalismus. Er schreibt über seine Reisen, beschäftigt sich mit kulinarischen Themen und widmet sich literarisch-künstlerischen Projekten wie der fiktiven Insel Lemusa, deren facettenreiche Kultur er seit 2001 in Museen, Publikationen und im Internet vorstellt. Zuletzt erschien bei Rotpunkt der Episodenroman «Der Verlag», geschrieben von Romana Ganzoni, Samuel Herzog, Lis Künzli und Karin Rey.

Beitragsbild © Samuel Herzog