Micha Friemel «Im Paradies» – ein Teaser zu ihrem Debüt «Ausser mir», Dörlemann

Ich wäre gerne ein simples Archiv mit einem ­anständigen Schredder. Doch mein Gedächtnis ist unerbittlich. Es ist alles da, es lässt sich nichts löschen. Es kehrt alles ständig zum Anfang zurück, und der Anfang war so: Als ich zur Welt kam, fiel meine Mutter in Ohnmacht.
Ich dachte oft, ich hätte alles geordnet. Doch immer stellte sich eine Erinnerung quer, blies sich auf wie ein Dschinn, verstellte den Blick, während dahinter die Ordnung erneut zu bröckeln begann.

Ich komme zur Welt, meine Mutter erstarrt, mein Vater steht dumm daneben. Ich fliege verloren im All. Da ist kein Komet, der mir den Weg weist. Da ist kein Mensch. Kein Vater, keine Mutter, die mich halten, während ich blau und zerdrückt den ersten Schrei von mir gebe.
Spricht meine Mutter über meine Geburt, klingt es immer, als handle es sich um eine kleine, absurde Episode in einem glücklichen Leben. Sie tauchte kurz ab. Ich kam gesund zur Welt. Es war nichts Schlimmes passiert. Doch die Wahrheit ist: Sie ist nicht kurz abgetaucht. Sie war gar nie da. Seit ich mich erinnere, ist sie erstarrt. Wenn sie spricht, bewegt sich ihr Mund, der Rest des Körpers ist nicht vorhanden.
Als ich klein war, erzählte sie mir, wie sie als Kind mit ihren Brüdern hatte Drachen steigen lassen. Ihre Tante hatte ihnen Pergamentpapier geschenkt, und sie hatten sich alle einen eigenen Drachen gebastelt.
»Mein Drache«, sagte sie, war himmelblau. »Er flog höher und höher, viel, viel höher als die meiner Brüder.«
Während sie sprach, bewegte sie sich, als flöge auch sie. Sie holte Schwung aus ihrer Hüfte, die Beine schlenkerten, als wären sie ihr Schweif. Dabei kam sie mir für einmal vor wie ein ganzer Mensch.
Fortan bat ich sie oft, mit mir Drachen steigen zu lassen. Sie fand, das sei am Bodensee unmöglich, es fehle der Wind. War der Wind da, sagte sie, es fehle die Weite. Als ich sie bat, mit mir an die Nordsee zu reisen, wo sie aufgewachsen war, verdrehte sie nur die Augen.

Doch eigentlich will ich nicht von ihr erzählen. Es geht hier nicht um meine Mutter.
Als ich das sage, habe ich natürlich sofort Anderson im Ohr. Klar, was er dagegen einzuwenden hätte. Aber um ihn geht es hier eben auch nicht. Es geht um Mattia und mich.
Liebesgeschichten brechen viel zu häufig vor ihrem eigentlichen Beginn ab. Auch im Film. Das Happy End tritt so unverhofft wie unvermittelt ein. Es wird ein pathetisches Lied eingespielt, vielleicht What a Difference a Day Makes, und alles wird leicht. Das gute Ende ist da und wird nie mehr enden. Nur weiß leider niemand, warum.
Wie sollen vierundzwanzig Stunden genügen, um ein trostloses Leben in ein blühendes Paradies zu verwandeln?

Frau Kaiser sagt, dass innere Veränderungen träge vonstatten gehen. Vor einigen Wochen habe ich ihr zum hundert­ fünfzigsten Mal erzählt, dass ich im Streit mit Mattia ausgerastet war. Ich fühlte mich furchtbar, doch darauf ging sie für einmal nicht ein.
»Warum«, fragte sie, »schaffen Sie es nicht, sich zu beruhigen, obschon Sie doch wüssten, wie es ginge?«
»Gute Frage«, erwiderte ich. »Hänge ich mir an den Kühlschrank.«
Frau Kaisers Frage setzte eine Erosion in meinem Innern in Gang. Als Mattia und ich uns kurz darauf erneut stritten, und nicht eben zivilisiert, versuchte ich mich zurückzuziehen. Doch dann kam Leni und mischte sich ein. Statt mich zu beruhigen, rastete ich komplett aus. Leni starrte mich an. Ihr Blick verriet, wie sie mich sah, und es war klar, was ich zu tun hatte: Ich packte meine Sachen und fuhr nach Vals.

Frau Kaiser sagt oft, dass es keinen Zweck hat, in größter Aufregung nach einer Lösung zu suchen. Also wollte ich in die Berge fahren und mich beruhigen. Ich wollte Blumen sammeln, in den Himmel schauen, lesen und wandern. Doch schon auf der Fahrt spulte ich ständig zurück, ging unseren Streit Satz für Satz erneut durch, korrigierte mich und fügte Neues hinzu. Mehrmals nahm ich mir vor, damit aufzuhören. Aber kaum hatte ich einen Punkt gesetzt, fing ich schon wieder an. Ständig zog ich mein Handy hervor und glaubte, Mattia schreiben zu müssen.
Wäre ich du, tippte ich etwa, ich würde mir Ruten brechen im Wald, mich wundprügeln oder mit dem Kopf gegen die Wand rennen, bis sie sich rot färbt. Ich würde mich selbst in den Brunnen tauchen vor meinem Haus, wieder und wieder, im Winter auch. Oder nach Grönland reisen und mich trotz Lungenentzündung zum Eisbad zwingen.

Frau Kaiser hat mir geraten, in ebenjenem Zustand nicht zu handeln, sondern auszuatmen, darauf zu warten, dass der vordere Teil des Gehirns wieder zu arbeiten beginnt. Ist nur der urzeitliche Teil aktiviert, bleibt uns nichts, als uns zu prügeln, zu fliehen und zu erstarren.
Ihr Rat ist ungemein nützlich: Es kommt nur noch selten vor, dass wir Tigern gegenüberstehen. Unseren Liebsten hingegen schon.

Ich löschte, was ich geschrieben hatte, steckte das Handy weg und versuchte, aus dem Fenster zu schauen. Die Halbinsel Au mit ihren hübschen Reben zog an mir vorüber. Bloß: Was interessierten mich Reben?
Ich war nie gut darin gewesen, wütend zu sein. Als ich zum ersten Mal richtig wütend wurde, war ich fünfundzwanzig. Ich schrieb im Zorn eine Rede und lernte sie auswendig, um auch wirklich zu sagen, was ich zu sagen hatte. Jene Zeilen fallen mir nun bei jedem Wutanfall ein, als hätte ich einen Kratzer in der Platte. Mattia würde das sofort bemerken.
»Haben diese Worte nicht ursprünglich Anderson gegolten?«, würde er fragen.
Wahrscheinlich würde er darüber lachen. Obschon: So wirklich sicher bin ich mir nicht. Vielleicht würde er mich auch erwürgen.

Leni besitzt für eine Vierjährige eine beachtliche Sammlung an Puzzles. Neulich donnerte sie im Zorn alle zu Boden. Danach war sie nicht in der Lage, die Teilchen wieder den richtigen Schachteln zuzuordnen, und ich hatte dazu keine Lust. Seither puzzeln wir nicht mehr, wir legen Muster. Die Teilchen der unterschiedlichen Puzzles passen perfekt ineinander, und die Bilder, die sich ergeben, sind ziemlich witzig: Ein halber Hubschrauber mit Pferdepo, darüber schwebend ein Stückchen von einem Bauernhof, ein Giraffenhals ohne Kopf.
So sind auch Menschen: Ein irres Puzzle aus Empfindungen und Reaktionen, die in anderer Kombination sinnvoll gewesen sein mögen. Erstaunlicherweise sind wir jedoch stets überzeugt, alles an uns, vom Pferdepo bis zum Giraffenhals, gehöre so und nicht anders.

Schon in Pfäffikon holte ich das Handy wieder hervor. Wäre ich du, tippte ich, ich hätte mich längst bei mir entschuldigt. Ich wäre mir nachgefahren. Ich hätte mich angerufen, das wäre das Mindeste.
Gleich ahnte ich Mattias Antwort: So kommt man nicht weiter. Wäre ich du, würde ich es lassen mit diesem kindischen Wäre-ich-du.
Ich habe die mühsame Angewohnheit, Dialoge im Kopf zu führen. Bei allem höre ich den Senf, den Mattia dazugeben würde.

Er fuhr mir nicht nach. Er rief mich nicht an. Er war überzeugt, nichts falsch gemacht zu haben. Er machte nie etwas falsch, brauchte sich nie zu entschuldigen. Ich schickte auch diese Nachricht nicht ab. Sollte er zur Hölle fahren.

Ein anderes Mal, als ich mich über Mattia ausgelassen hatte, nahm Frau Kaiser einen Schluck von ihrem Tee, lehnte sich zurück, als beginne damit der gemütliche Teil unserer Sitzung, und sagte: »Es ist alles andere als leicht, eine Beziehung zu führen. Genau genommen ist es das Schwierigste überhaupt. Wir müssen lernen, uns zu beruhigen. Wir müssen unserem Gehirn verständlich machen, dass wir nicht mehr in der Wildnis leben.«
Daran musste ich auf meiner Fahrt denken.
Wir kämpfen mit Tigern, tippte ich, den Blick in die Glarner Berge gerichtet. Ich bin deiner, Mattia. Du bist meiner.
Ich schickte auch diese Nachricht nicht ab. Ich hatte keine Lust auf die Antwort: Du verhältst dich nun einmal wie ein Tiger. Da ist es nur vernünftig, dich als solchen zu behandeln.
In Mattias Kopf gäbe es ganze Vitrinen zu besichtigen, die mit meinen Untaten gefüllt sind.
Ich schaute zwar aus dem Fenster, aber ich schaute nicht hin. Sogar der schöne Walensee zog an mir vorüber, als sei er nicht da.
Ich hatte nur das Nötigste eingepackt: Mein Handy, das Ladekabel, Ersatzkleider, Zahnbürste, Zahnpasta. Aber eben auch: einen Berg alter Notizen und vier Kilo Reis.
Nik lachte mich aus, als ich es ihm erzählte.
»Es ist wieder soweit«, sagte er betont ernst. »Du steckst in einer veritablen Reiskrise.«
Erst begriff ich nicht, was er damit meinte. Ich musste ihm irgendwann davon erzählt haben, dass ich in der Zeit vor der Klinik nicht mehr aus dem Haus gegangen war und mich wochenlang von Reis ernährt hatte. Auch die Anderson-Geschichte war ihm bekannt.
Nik reichte mir den Schlüssel. »Soll ich mitkommen?«, fragte er.
Ich schüttelte den Kopf. »Ich brauche Ruhe.«
»Willst du erzählen, was passiert ist?«
»Nicht jetzt.«
»Geht es den Kindern gut?«
Ich nickte. »Mattia ist bei ihnen. Ich habe ihnen gesagt, ich fahre zur Recherche weg.«
Nik lachte. »Recherche. So kann man das auch nennen.«

Vier Stunden später war ich in Vals. Nik besitzt dort ein kleines, schickes Tiny House. Er hat es für sich gebaut, schämt sich aber dafür, dass ihm das Geld dazu in die Wiege gelegt worden ist. Deshalb vergibt er es großzügig an Freunde. Mattia, die Mädchen und ich hatten den ­ vorigen Sommer dort oben verbracht. Ich hatte befürchtet, wir schlügen uns zu viert auf so engem Raum die Köpfe ein, und damit gerechnet, dass wir bloß zwei, drei Tage bleiben würden. Wir blieben drei Wochen.

Nun war ich allein. Doch fühlte es sich an, als bewohnten wir das Haus noch immer zu viert. Ich verstaute meine Kleider in der zweitobersten Schublade der Kommode. Die oberste gehörte noch immer Mattia, die dritte Leni und die unterste Sophie. Die Notizhefte legte ich auf den Tisch, den ich auch letztes Mal zum Arbeiten benutzt hatte. Das Tischchen unter dem Fenster wirkte nach wie vor besetzt. Vor einem Jahr hatte Mattia sich die hübschere Aussicht ergattert.
»Ich war so freundlich, dir den größeren Tisch zu überlassen«, hatte er sich gerechtfertigt.» Den brauchst du doch für deine Ordnung.«
Tatsächlich mache ich ständig Auslegeordnungen, und kein Tisch ist dafür je groß genug. Würde ich ein Haus bauen, es bestünde aus lauter Vorsprüngen, Sideboards und kleinen Einbuchtungen, um Dinge abzulegen.

Ich legte mein Nachthemd aufs Bett. Nur ein knappes Jahr war es her, da hatten Mattia und ich dort gelegen, Gesicht an Gesicht auf seinem Kissen. Er streichelte meinen Rücken.
»Es ist ein Wunder, dass wir zusammen sind«, hatte ich gesagt.
»Wie meinst du das?«
»Wir sind nicht einfach«, gab ich zur Antwort. »Wir hatten beide eine schwierige Kindheit. Wir haben uns das Leben mit einer Dreierbeziehung verkompliziert.«
Mattia stöhnte: »Die Geschichte mit Silvie ist hundert Jahre her.« Er hörte auf, mich zu streicheln.
Ich ging nicht auf seine Bemerkung ein. »Allein die Psychose wäre ein passabler Trennungsgrund«, fuhr ich stattdessen fort. »Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Paar sich einer Psychose wegen trennt, steht bei über achtundneunzig Prozent.«
»Woher weißt du das so genau?«
»Wikipedia, glaube ich.« So genau wusste ich es auch nicht.
Mattia setzte sich auf.
»Nimmst du Reißaus? Ich bin dabei, dir eine Liebeserklärung zu machen.«
»Liebeserklärung? Du bist dabei, Probleme aufzuzählen.«
»Eben: Es sind viele, und wir haben alle gemeistert. Wir sind Helden.«
Mattia stand auf. »Ich habe dich geheiratet«, sagte er. »Ich gehe ohne Frage davon aus, dass wir zusammengehören. Das ist kein Wunder, das ist eine Entscheidung.«

Vielleicht hat er Recht, dachte ich nun, während ich Reis zu kochen begann, vielleicht war es keine ­ Liebeserklärung gewesen. Die Wahrheit ist, dass ich in guten Phasen stolz darauf bin, wie wir unsere Schwierigkeiten zu meistern vermögen. In schwierigen Zeiten sehe ich genau jene Probleme als Grund dafür, dass wir scheitern. Es gibt so viele Steine, die sich unserer Beziehung in den Weg legen. Die größten habe ich noch nicht einmal aufgezählt.
Während der Reis quoll, starrte ich auf mein Handy. Ich wartete noch immer auf eine Nachricht von Mattia. Ich konnte nicht aufhören, darüber nachzudenken, was passiert war. Und die Erinnerungen, nicht eben faul, schienen in ihrer Flasche nur darauf gewartet zu ­haben, emporzusteigen. Die Geschichte mit Silvie tauchte mehrmals in meinen Gedanken auf. Als ich danach krank wurde, dachte ich, ich sei verrückt geworden. Doch das wirklich Verrückte ist, dass ich am Ende feststellte, dass ausgerechnet die Psychose richtiggehend vernünftig war.
Mein Handy leuchtete auf.
Es war Nik. »Alles ok?«
»Ja. Bestens. Dein Tiny Häuschen ist ein Paradies. Danke!«
Ich setzte mich auf die Veranda. Nik hat sie als Steg gebaut, der direkt aus dem Wohnzimmer ins Blumenmeer ragt. Ich aß Reis, blickte hinunter zu den Ställen und zur Kapelle. Nichts störte das Idyll. Das Häuschen war perfekt platziert. Über dem Dach der uralten Kapelle war nur der Himmel, und über den Dächern der Ställe waren nur Berge, grüne, saftige Berge. Als wäre das nicht genug, schoss mitten aus dem Grün ein Wasserfall hervor in einem Blau wie aus der Karibik. Ich musste lachen. Ich saß wirklich im Paradies.

Ich hätte gerne Mattia angerufen und gesagt: Lass uns löschen, was bisher geschah. Wir fangen neu an.

Ich rief ihn nicht an. Ich hatte mir Funkstille verordnet.

Micha Friemel «Ausser mir», Dörlemann, 2026, 272 Seiten, ISBN 978-3-03820-203-5, erscheint am 20. August!

Micha Friemel, 1981 geboren, studierte Geschichte und Germanistik in Basel und Literarisches Schreiben in Biel. Sie lebt in Sta. Maria Val Müstair. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Tim Krohn, kümmert sie sich um ihre vier Kinder und die Chasa Parli, eine kleine Pension für kreativen Rückzug. Ihre zwei Bilderbücher «Lulu in der Mitte» und «Oma Erbse», illustriert von Jacky Gleich, sind bei Hanser erschienen. Beide wurden vom Deutschlandfunk unter die »Besten 7 Bücher für junge Leser« gewählt, und «Lulu in der Mitte» war 2020 für den Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreis nominiert.

Micha Friemel «Kompost», Plattform Gegenzauber»

Beitragsbild © Nina Mann

Laura Vogt «Das Jahr des Kalks», Dörlemann

Per liegt im Sterben. Alina, seine Nichte, tut sich schwer mit der Unausweichlichkeit. Es stirbt mehr als ihr Onkel. In ihrer Suche nach dem, was bleiben muss und soll, findet Alina bei dem was dereinst stofflich bleibt, Anworten, die sie trösten, die sie mit dem Sterben und dem Tod versöhnen.

Alina ist hin- und hergerissen. Sie schreibt in ihrem Atelier in der Stadt, nicht weit vom Spital, in das man Per eingeliefert hatte. Man hat ihr versprochen, Zeichen zu geben, wenn sie Per besuchen darf, wenn sie sich verabschieden soll. Per ist der Bruder ihres Vaters. Per und er waren als Kinder Brüder und Freunde in einem, unzertrennlich. Und dann, Alina war noch nicht einmal zwölf, begann sich ihr Vater von der Familie zu lösen. Bis zu jenem Moment, als er seiner Frau, Alina und ihren Geschwistern einen Brief schrieb, in dem er erklärte, er werde an der Seite einer anderen Frau ein neues Leben beginnen, ein Leben in Erleuchtung. Während ihr Vater sich aus dem Staub machte, unerreichbar wurde, war es Per, der geblieben war, der in ihre Nähe rückte, der wurde, der ihr Vater hätte sein können. Der mit ihr die Berge erwanderte, der mit ihr für ein paar Tage nach London fuhr, nur mit ihr.

Und nun liegt Per nicht weit von ihrem Schreibzimmer in einem Spitalbett. Unerreichbar wie ihr Vater, aber nicht weggegangen, sondern weggenommen. Alina versucht mit der Situation zurechtzukommen, so wie sie mit ihrem Leben zurechtzukommen versucht; als Mutter zweier Kinder, als Familienfrau, als Geliebte, als Schriftstellerin, als Suchende, als Fragende. Sie versucht es mit ihrem Schreiben. Sie versucht es mit Therapiegesprächen. Mit Recherche. Im Dazwischen, zwischen all dem, was sie umgibt. Sie versucht es mit Fragen.

Per ist einer der Ersten, der mich je gesehen hat.
Und ich bin die Letzte, die ihn sieht.

Laura Vogt «Das Jahr des Kalks», Dörlemann, 2026,
192 Seiten, CHF ca. 30.90, ISBN 978-3-03820-186-1

Wenn ein Mensch eingeäschert wird, bleibt wenig übrig. Eigentlich nur Kalk. Genau das, was Materie ausmacht, aus der Leben gebaut ist, genau das, was Leben braucht, um zu gedeihen. Genau das, was über die Zeit bleibt, eingeschlossen als Fossil, über Jahrmillionen zu Stein gepresst, als Pulver das, was die Pflanze braucht. Ein Schritt in permanenter Metamorphose.

Obwohl es schon lange her ist, seit sich ihr Vater aus dem Staub machte, mit der Familie den Kontakt abgebrochen hatte, hemmt das Alinas Leben noch immer, als wäre ein Stein an ihrem Sein. Nachdem mein Vater gegangen ist, war ich wie begraben … jahrelang wie gelähmt … irgendwo tief eingeschlossen. Etwas, was nie zu einem Ende fand, was sie immer mit sich herumträgt. Das Verlassenwerden, die Frage nach der Schuld, umso mehr als dass sie für ihr eigenes Schreiben, ihre Recherchen ihre Kinder immer wieder einmal zurücklassen muss.

Sie meldet sich für einen Kurs in einem Sauriermuseum; die Techniken des Freilegens. Sie nimmt Kontakt auf mit einem Verein, der sich um einen der letzten Kalköfen bemüht, schreibt einen literarischen Bericht zu Kalk und Familie, erinnert sich an ihren Grossvater, der sich in seiner Freizeit ganz intensiv mit Mineralien, mit Steinen auseinandergesetzt hatte, der sie bearbeitete, hämmerte und schlug, um seinen Vorstellungen Gestalt zu geben.

Laura Vogts vierter Roman ist ein ungemein zarter, ein tastender. Eine literarische Erkundung, ein Erspüren, ohne sich in schwer zu definierenden Schattengegenden zu verlieren. Ein grosses Fragestellen, das mir keine Antworten liefern will, sondern jene mitnimmt, die sich ähnlichen Fragen stellen. Was bleibt? Ist das Menschsein bloss ein Schritt in einer ewig dauernden Metamorphose? Wo sind die Verkrustungen, die Versteinerungen in meinem eigenen Leben? „Das Jahr des Kalks“ ist beinahe durchscheinend, von grosser Ehrlichkeit.

Laura Vogt, geboren 1989 in der Ostschweiz, studierte Kulturwissenschaften an der Universität Luzern und Literarisches Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. Bisher erschienen von ihr die Romane «Die liegende Frau» (2023), «Was uns betrifft» (2020) und «So einfach war es also zu gehen» (2016). Ihre Arbeiten wurden mit diversen Werkbeiträgen und Stipendien ausgezeichnet und teilweise auf Englisch übersetzt. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von St. Gallen.

Beitragsbild © Ayse Yavas

Theres Essmann «Schwarzer Schwan», Dörlemann

In ihrem 2020 erstmals erschienen Roman, damals unter dem Titel „Frederico Temperini“, jetzt neu bei Dörlemann unter „Schwarzer Schwan“, erzählt Theres Essmann von der ungewöhnlichen Begegnung zweier Männer, einer werdenden Freundschaft, einem sterbenden Stern und davon, was vom Leben übrig bleibt, wenn man alles auf eine Karte setzt.

In Geschichte, Sport und Kultur gibt es Namen, die sich unlöschbar ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben. Selbst dann, wenn man sich in der jeweiligen Sparte nicht auskennt. Man kennt den Namen Kennedy, auch wenn man mit Politik nichts am Hut hat. Man erinnert sich an Pelé, ein Fussballer doch, der irgendwann für Brasilien spielte oder an Picasso, dessen Bilder astronomische Summen generieren. Oder Paganini. Nicht nur MusikliebhaberInnen ist Niccolò Paganini ein Begriff. Paganani, den man in seinen Glanzzeiten den „Teufelsgeiger“ nannte, lebte und spielte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Geige wie kein anderer. Eine Kombination von Spieltechnik, Selbstinzenierung und wilder Leidenschaft. Ein Virtuose, der mit seinem Geigenspiel ganze Konzertsäle in Ekstase versetzte. Aber auch ein Mann der tiefen Widersprüche, ein Mann, der bis weit über seinen Tod missverstanden blieb und bis heute Rätsel aufgibt.

Theres Essmann «Schwarzer Schwan», Dörlemann, 2025, Titel der deutschen Erstausgabe: «Federico Temperini», 144 Seiten, CHF 30.90, ISBN 978-3-03820-171-7

Jürgen Krause ist Taxifahrer in Köln. Ein Mann, der sich mit seinem Leben zu arrangieren versucht, einer Familie, die in die Brüche ging, einem Sohn, der ihn an seiner Vaterrolle zweifeln lässt und einem Beruf, den er sich nicht ausgesucht hatte, in dem er strandete. Eines Abends, er trinkt bereits sein Feierabendbier in seinem Stammlokal, erhält er einen seltsamen Anruf eines Kunden, der ihn für eine Fahrt engagiert, keine Bitte, viel mehr eine Order. Krause nimmt widerwillig an und chauffiert einen Mann, der sich Frederico Temperini heisst und Krause bittet, ihn immer mal wieder als seinen Chauffeur da und dort hinzufahren. Weil der Herr im schwarzen Gewand zuverlässig einen Büttenumschlag mit Geld im Auto deponiert, grosszügig bezahlt und Krause bittet, jeweils auf ihn zu warten, bis er zum Taxi zurückkehrt, wird Krause sein regelmässiger Fahrer. Fahrten zu Konzerthäusern, zwischendurch auch einmal auf den Friedhof, das eine oder andere Mal gar an einen See, manchmal mit der Bitte ihn zu begleiten. Es sind Fahrten, bei denen sich die beiden ungleichen Männer auf ganz eigentümliche Weise näher kommen. Krauses Fahrgast Temperini gibt nicht nur Geld in die Kuverts mit der Bezahlung, er legt eine Fährte, eine in sein Leben, eine zu der Figur, in dessen Schatten sein eigenes Leben verlief; Niccolò Paganini. Temperini war einst Geiger, spielte jene Stücke, mit denen Paganini berühmt wurde. Aber Temperinis Stern ist im Gegensatz zu Paganini in der Bedeutungslosigkeit untergegangen. Temperini ist ein Geist.

Und trotzdem spielt er mehr und mehr eine Rolle in Krauses Leben. Krause beginnt sich zu sorgen, wenn ihn länger kein Anruf Temperinis erreicht. Krause erzählt von seinem Sohn, von einer schleichenden Entfremdung. Es begegnen sich zwei Männer, zwei Existenzen, die sich festgefahren haben. Das, was zwischen Krause und seinem seltsamen Fahrgast wächst, fühlt sich an wie eine ganz besondere Art der Freundschaft, eine Form der Zuwendung, die so gar nicht mit den Kollegen in seinem Stammlokal vergleichbar ist. Temperini öffnet ihm die Welt eines entrückten Künstlerlebens, Krause ihm die kleine Welt seiner Familie.

Bis Frederico Temperini eines Tages nicht zur ausgemachten Fahrt erscheint.

„Schwarzer Schwan“ ist die zärtlich erzählte Geschichte einer seltsamen Beziehung. Gleichzeitig ein wager Blick in das Leben eines Einzelgängers, der in seinem Tun alles auf eine Karte setzte, den das Schicksal ins Vergessen trieb, erzählt mit der Patina eines französischen Schwarz-Weiss-Spielfilms. Man liest das Buch und lässt es nach dem Ende der Lektüre noch eine Weile über dem Herz ruhen.

Ein berührender Roman, der eindringlich von den Wunden des Krieges erzählt und von der Kraft der Versöhnung.

Theres Essmann, 1967 im Münsterland, studierte Germanistik und Philosophie in Tübingen und lebt heute in Stuttgart, wo sie als Poesietherapeutin und Referentin für kreatives Schreiben arbeitet. Davor war sie 20 Jahre lang als Führungskraft in der freien Wirtschaft tätig. Für ihr 2020 erschienenes Romandebüt «Federico Temperini» wurde sie mit dem Literaturstipendium des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet und war für den Thaddäus-Troll-Preis nominiert. Ihr zweiter Roman «Dünnes Eis» stand auf der Shortlist für den Anna-Haag-Preis 2024.

Webseite der Autorin

Beitragsbild © Ruediger Nehmzow

Jürg Beeler «Der blinde König und sein Narr», Dörlemann

Manchmal gibt es das eine nicht ohne das andere, selbst in der Liebe. In „Der blinde König und sein Narr“ verliebt sich der Erzähler, ein Schriftsteller, in eine Antiquarin. Beide lieben die Sprache, Bücher. Wenn Mara nur diesen Papagei nicht hätte, ein Tier, das sich mehr und mehr nicht nur zwischen die beiden stellt, sondern dem Schriftsteller all die lieben Gewohnheiten nimmt.

Jürg Beeler ist kein Plotschreiber. Seine Geschichten sind die Träger seiner Sprache. Seine Sprache ist sein Instrument. Welches Stück er spielt, ist sekundär. Wichtig ist, dass er spielt, dass ich Gelegenheit habe, seiner Sprachmusik zuzuhören. Es ist der Klang, die Melodie, es sind die leisen Töne, das Dazwischen, das mich an Jürg Beelers Schreiben fasziniert. Da sind die Störungen eines krächzenden Papageien sinnbildlich, eigentlich kaum zu übertreffen. Vor allem dann, wenn es der blinde König (Maras Papagei ist auf einem Auge blind und auch das andere trübt mehr und mehr ein.) schafft, seinen Narr zu seinem getreuen Untergebenen macht, wenn aus der unliebsamen Begleiterscheinung über die Zeit eine manchmal fast grotesk erscheinende Zweisamkeit wird, auf die der König nicht verzichten kann und sein Narr nicht verzichten darf.

Der Erzähler lebt als Schriftsteller schon einige Jahre im Norden Deutschlands, blieb wegen einer Frau hängen. Weil der Süden, das Meer, die lauen Winde, die mediterane Landschaft aber Sehnsuchtsort geblieben sind, setzt der Erzähler alles daran, seinen damals verlassenen Schreibort wieder zurückzugewinnen. Er kauft sich aus der Ferne ein Haus, an dem Ort, wo er die Stille wiederfindet, die Cafés, Bistros und Bars, die ihm zu Schreib- und Lebensorten wurden, weg aus der feuchten Kühle des Nordens.

Jürg Beeler «Der blinde König und sein Narr», Dörlemann, 2024, 176 Seiten, CHF 32.90, ISBN 978-3-03820-142-

Ausgerechnet in dieser Zeit des Aufbruchs, der Neuorientierung, verliebt sich der Erzähler in Mara, die in der Stadt ein Autiquariat führt. Und weil sie mit dem Gedanken spielt, ihr Antiquariat an einen Nachfolger, der bereits feststeht, weiterzugeben, ist der Gedanke, mit ihrem Liebsten in den Süden zu ziehen, ein durchaus reizvoller. Wenn da nur Friedolin nicht wäre. Ein gefiederter Schreihals, ein Krachmacher, ein Senegalpapagei, ein Tier, das an ihr hängengeblieben war und sich längst zum fixen Familienmitglied gemacht hatte. Friedolin mit ie strahlt so gar keinen Frieden aus. Da ist ein Tier, das durch sein besitzergreifendes Gehabe sehr schnell klar macht, dass mit keinerlei Entscheidungen an ihm vorbeigegangen werden kann. Friedolin schafft es mit Leichtigkeit, den Erzähler in seine Absichten einzubinden. Erst recht, als Mara ihn bittet, in der Zeit der Geschäftsübergabe für Fiedolin da zu sein. Noch viel mehr als Maras Nachfolger gesundheitliche Probleme bekommt und Maras Absenzen in der sich langsam auflösenden Wohnung immer länger werden.

Zwischen dem Tier und dem Erzähler entwickelt sich eine Schicksalsgemeinschaft, ein Machtkampf, der bis zum Überlebenskampf wird. An Schreiben ist nicht mehr zu denken. Im Gegenteil. Der Erzähler wird mehr und mehr zum Narr des blinden Königs und als man sich mit dem Auto zu zweit unterwegs in den Süden macht, weil der Erzähler glaubt, seine Anwesenheit dort sei unbedingt erforderlich, wird aus dem ungleichen Miteinander in der Stadt ein wilder Roadtripp in den Süden. Was würden Sie sagen, wenn sie an einer Rezeption eines Hotels einem Mann mit einem Papagei auf der Schulter begegnen würden, einem sonst stillen Mann, dessen Vogel am Ohr seines „Herrchens“ knabbert und seinen Unwillen über dessen Entscheidungen mit lautem Krächzen quittiert.

So poetisch die Formulierungen, wenn es um das Daseins eines Schriftstellers geht, um die Ergebenheit in ein überstülptes Schicksal, in die Liebe zur Sprache, ebenso wie zur Stille, so witzig und grotesk sind die Szenerien mit dem Vogel. Es gab schon lange kein Lesevergnügen mehr, dass mir ein so nachhaltiges Lächeln schenkte, wie dieses Buch. „Der blinde König und sein Narr“ ist köstlich.

Und ganz nebenbei ist dieses Buch ein rührendes Porträt einer aussterbenden Gattung Mensch. Jürg Beelers Roman ist durchaus metaphorisch zu verstehen, wenn man die Präsenz der Gegenwart als aufsässiges Kreischen, besitzergreifendes Gehabe versteht.

Interview

Sie erzählen das Buch so, dass die Frage nach Fiktion schnell beantwortet werden kann, auch wenn man dieses Zugeständnis durchaus literarisch verstehen kann. Wie leben in einer Zeit, in der man der Fiktion nicht mehr zu trauen scheint, dabei ist Literatur doch die einzige Möglichkeit, stilvoll zu lügen. Aber im Zeitalter alternativer Fakten und Fakenews ist das Bedürfnis nach möglichst realem Erzählen gross, ob das nun autobiographisch oder autofiktional heisst. Mich ärgert diese Entwicklung. Nicht einmal die Bibel kann wörtlich genommen werden, auch wenn es welche gibt, die das versuchen. Darf Literatur, Kunst nicht viel, viel mehr, als bloss abzubilden?

Wer ist der König, wer der Narr? Der Ich-Erzähler oder der Autor? Eine schwierige Frage. Man setzt sich ein Krönchen auf, und bleibt doch ein Narr. Nun bin ich schon so alt geworden, und immer noch ist es mir nicht gelungen, mein durchsichtiges Krönchen abzulegen, das zum Glück niemandem auffällt.

Was ist fiktiv, was nicht? Das bleibt das Geheimnis des Autors. In diesem Sinne ist „Der blinde König und sein Narr“ ein zugleich offenes und verschlossenes Buch. Dichtung und Wahrheit zugleich, denn die eine ist nicht ohne die andere zu haben.

Natürlich verstehe ich mich mit meinem Ich-Erzähler gut. Aber da verstand ich mich auch mit den Protagonisten meiner früheren Romane. Trotzdem steht unzweifelhaft fest: hätte nicht auch ich mich mit einem Papagei angefreundet, wäre ich mit diesem Erzähler nicht so gnädig verfahren. Trotzdem ärgert er mich immer wieder, und ich erhebe Einspruch und sage ihm, nun, übertreib mal nicht. Natürlich hörte er nicht auf mich. Ich muss aufpassen, dass ich nicht über ihn herziehe. Zum Glück führt er ein eigenständiges, anderes Leben als ich, das mildert mein Urteil ein wenig. 

Der Erzähler ist wegen einer Beziehung im Norden Deutschlands, weit weg von den Orten, an denen er weiss, dass sie ihm beim Schreiben helfen, weit weg vom Süden. Es kommt zur Trennung, weil jene Frau ihn einen Schriftsteller schimpft, der nichts für seine Karriere tut, der noch von Hand schreibt, keine Homepage bewirtschaftet, ohne Facebook oder Twitter. Mir sind solche Menschen höchst sympathisch. Und ich weiss von vielen jungen Menschen, die sich gerne aus den Schlingen der Neuzeit befreien würden. Schwierig bloss, dass sich der Kultur- und Literaturbetrieb ganz stark diesem Intrumentarium bedient, der einsame, stille Schiftsteller ein auslaufendes Modell zu sein scheint. Gibt es eine Angst vor dem Verschwinden?

Das ist eine weitläufige Frage. Was heißt verschwinden? Man kann aus den Medien verschwinden oder in die Medien verschwinden, in beiden Fällen ist man auf unterschiedliche Weise nicht mehr existent. Wir leben in beiden, im privaten wie im öffentlichen Raum. Ist aber das Spiel entschieden, ist die Öffentlichkeit der Sieger, wie das heute der Fall zu sein scheint, so nehmen die Ängste naturgemäß zu: Die Angst, sich selbst zu verlieren, und gleichzeitig die Angst, im öffentlichen Raum niemand mehr zu sein. Das führt, wie der Literaturbetrieb lehrt, zu einer eigentümlichen, mich immer wieder erheiternden Hektik: Jeder versucht sich panisch der eigenen Präsenz im medialen, virtuellen Raum zu versichern. In solchen Zeiten hat es die Literatur schwer, denn die Revolte (oder die existentielle Selbstversicherung) kommt nicht aus dem öffentlichen Raum, sondern aus dem privaten. Und dieser private Raum ist nicht medial verhandelbar. Für eine jüngere Generation ist das nicht einfach. Der öffentliche Raum bietet ihr immer weniger Möglichkeiten der existentiellen Selbstversicherung. Das stimmt mich traurig. 

Die Liebe des Schriftstellers heisst Mara. Sie ist Antiquarin. Auch eine aussterbende Gattung Mensch. Auch Mara kannte die Stille. Die Stille der Bücherschluchten, die Stille der erzählenden Canyons. Still schon. Aber hinter all den Buchrücken rumort es ganz ordentlich. Alle, die lesen, befreien die aufgestauten Geschichten, Stimmen aus dem Papier. Bei mir zuhause ummanteln mich auch Bücher. Sie umarmen mich, betten mich und schützen mich vor der Oberflächlichkeit der Welt. Ob Jürg Beeler oder der Erzähler in ihrem Buch. Er sucht die Stille. Ist Schreiben die Spur durch diese Stille?

Schreiben kann die Spur durch diese Stille sein. Das hängt davon ab, was man unter Stille versteht. Stille ist kein akustisches Phänomen, nicht die Abwesenheit von Lärm. Darin bin ich mit dem Protagonisten einig. Sie ist auch kein Rückzug aus dem Leben. Mein Protagonist stellt fest, dass Stille in jedem Land anders wahrgenommen wird, so wie der Umgang mit der Zeit in verschiedenen Kulturen ein anderer ist. Er sucht, was ihm oft fehlt: die Stille. In diesem Sinne versetzt sie ihn immer wieder in Unruhe.  

Die Spur, die der Erzähler durch die Zeit gelegt hat, ist seine eigene und die durch Jahrhunderte. Sie ist zugleich persönlich und unpersönlich. Auf seinem Weg scheint er etwas gefunden zu haben, das ihm Gelassenheit gibt. Dieses Phänomen versucht er immer wieder in Worte zu fassen. Ich glaube, dass „Der blinde König und sein Narr“ ein gelasseneres Buch ist als seine Vorgänger, dass der Ich-Erzähler den Autor in gewisser Weise angesteckt hat. 

Eine Stille, die sich ausgerechnet in Cafés, Bistros oder Bars findet. Im gleichförmigen Teppich aus Stimmen und Geräuschen. Ein Teppich, der im Süden anders sein muss als im Norden. Warum?

Es ist weniger der Geräuschteppich, der den Norden vom Süden unterscheidet. Deutschland kennt die Tradition des Bistros und Cafés nicht. Es imitiert sie aus Modegründen, doch das Imitat ist immer etwas anderes als das Original. Dort, wo ich lebe, in Südfrankreich, in einer der ärmsten Gegenden des Landes, ist das Bistro oder das Café immer noch Treffpunkt für alle Generationen. Im Café oder Bistro sitzt die Oma mit der Enkelin, der Geschäftsmann, der Rentner und der Schüler. In Bremen oder Berlin war ich in einem Lokal oft nur von Rentnern umgeben oder von einer mehr oder weniger homogenen Altersklasse, die einer bestimmten Szene angehörte. In Berlin, viel schlimmer, gab es noch die Schriftstellercafés. Man ist gut sortiert in Deutschland. 

Es ist nicht der Geräuschteppich, der eine Bar, ein Bistro oder Café im Süden zu einem anderen Ort macht, sondern die andere Lebensweise. Wenn ich nun von mir rede, von mir als Schriftsteller, nicht vom Protagonisten meines Romans: Nicht von Anfang an waren Cafés meine Schreiborte. Ich bewohnte als Student und auch später nie ruhige Zimmer. Also flüchtete ich ins Café, um arbeiten zu können. Ich gewöhnte mich daran, und diese Gewohnheit ist mir geblieben. Alle meine bisherigen Versuche, dies wieder zu ändern, scheiterten bisher. 

Nicht immer ist der Geräuschteppich in einem Café angenehm oder dem Schreiben zuträglich. Doch das Café kann ich wechseln, meine Wohnung nicht. Diese Möglichkeit schafft eine ganz andere Leichtigkeit. Geräusche lullen ein, lenken ab, erlauben eine „gleichschwebende Aufmerksamkeit“. Man ist konzentriert und doch nicht, man läßt sich ablenken, und plötzlich schreibt sich der Text wie von selbst weiter. Menschen im Café sind meist friedlich, ich bin also an meinem kleinen Tisch von friedlichen Zeitgenossen umgeben. Ich sitze vor meinem kleinen Kaffee und denke, diese armen Teufel, die jetzt eingekerkert in ihrer Schreibstube sitzen, auf den Bildschirm starren und am nächsten Satz ihres Romans herumlaborieren. 

Der Papgei, der sich ziemlich entschlossen und deftig ins Leben des Erzählers einmischt, heisst Friedolin. Mit ie! „Der Friedensreiche“. Ein ziemlicher Gegensatz zu seiner Lebensweise, seinen Geräuschen, seiner Aufsässigkeit. Und trotzdem wird aus dem genervten Erzähler ein Kämpfer und Streiter, ein Tierfreund. Müsste ich es mit meiner Hundephobie ähnlich angehen?

Die Literatur kennt keine Ratschläge, die findet man in den Buchhandlungen unter „Lebenshilfe“. Dort findet man alles, was im Leben nicht hilft. 

Ihr Roman ist auch ein Roman über Ihr Schreiben. Eine Vergewisserung. Ein Sehnsuchtsroman?

Sehnsucht wonach? Nach einer Welt, wie sie war? Diese Art der Sehnsucht scheint mir ein Phänomen des Alterns zu sein. Es ist nicht mehr meine Generation, die das Sagen hat. Plötzlich entdeckt man, dass man alleine ist, immer alleine war. Schwierig, sehr schwierig, wenn einem das erst in vorgerücktem Alter aufgeht. 

Meist halten wir die Welt für schlecht, weil sie sich beim Älterwerden immer mehr von uns entfernt. Wir wollen die Welt so alt, wie wir selber sind, wir nehmen in unserer Umgebung meist nur uns selber wahr, aber selten die andern. Der Welt ein faltiges Gesicht zu wünschen, nur weil man selber runzelig geworden ist, gehört zu einer verbreiteten Verhaltensweise, deren Egozentrik merkwürdigerweise kaum je auffällt. 

Sehnsucht hat viele Farben. Sie ist und war auf jeden Fall eine literarische Triebkraft für viele Autoren. Augustinus und Rousseau, Stendhal, Baudelaire, Flaubert oder Joseph Roth kannten sie, auch Tolstoj und Turgenjew, ebenso viele japanische Autoren wie Tanizaki, Kawabata oder Soseki. Die Sehnsucht nach dem entschwundenen Paradies, von dem sie nur zu gut wußten, dass es auch eine Hölle war, schärfte ihren Blick für die Gegenwart und schürte die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. 

Die Welt des Handels und der Werbung ist eine Welt ohne Zukunft und Vergangenheit, eine Welt purer Gegenwart, sie produziert täglich das immer Neue und Aktuelle. Ihre Sprache ist identisch mit dem Produkt, das sie verkauft. In dieser Dialektik ist das Aktuelle und Neue immer schon der Schrott von morgen. Es ist die Dialektik der virtuellen und medialen Welten, in denen wir uns immer mehr einrichten. Sie kennt keine Scham und keine Sehnsucht. 

Auch die Literatur und ihr Betrieb wird nicht davon verschont. Das weiß mein Protagonist natürlich. Nicht ohne Grund schreibt er noch von Hand, verzichtet auf Homepage und Handy, nicht ohne Grund ist er Nomade und schreibt in Cafés, Bistros oder Bars. Ich kann es ihm nicht verübeln. Ich kenne das Glück und den Rausch dieser Freiheit.

Jürg Beeler, geboren 1957 in Zürich, studierte Germanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft in Genf, Tübingen und Zürich. Arbeitete als Reisejournalist, Magaziner, bei verschiedenen Institutionen, u.a. Aids-Hilfe-Schweiz. Lebt in Südfrankreich und Zürich. Für seine literarische Tätigkeit wurde er verschiedentlich ausgezeichnet, u.a. mit dem Schweizerischen Schillerpreis 2003 für «Die Liebe, sagte Stradivari». Bei Dörlemann erschienen Zuvor erschien 2022 «Die Zartheit der Stühle«.

Beitragsfoto © Werner Gadliger

20 Jahre Lyrik-Feinkost in Basel

Das Internationale Lyrikfestival Basel feierte die 20. Jubiläumsausgabe nicht mit Pauken und Trompeten, dafür mit sprachlichen Leckerbissen, die beweisen, das sich Lyrik längst nicht mehr in die Ecke der schöngeistigen Verzückung drängen lässt.

Schonungslos ehrlich und politisch, experimentierfreudig, direkt und eigensinnig, wild musikalisch, analytisch und leidenschaftlich – wie vielfältig, kräftig und authentisch Lyrik sein kann, das bewies das diesjährige Lyrikfestival Basel eindrücklich und äusserst professionell. Sich für eine Kunstform derart ins Zeug zu legen, vor der sich andere VeranstalterInnen aus Angst vor möglichem Desinteresse mit Bedauern aus der Affäre ziehen, gebührt Hochachtung und inniger Dank. Aber weil das Organisationskomitee aus der „Basler Lyrikgruppe“ besteht, einem lebendigen Haufen Dichterinnen und Dichtern, wird das jährlich stattfindende Festival nicht einfach eine Bühne, sondern lebendige Auseinandersetzung mit den verschiedensten Ausdrucksformen von Lyrik. Alisha Stöcklin, Ariane von Graffenried, Simone Lappert, Claudia Gabler, Wolfram Malte Fues und Rudolf Bussmann zusammen mit all jenen, die sich in der Vergangenheit um das Festival bemühten, feierten mit den Stimmen aller PreisträgerInnen des Basler Lyrikpreises die Sprache und zwei Jahrzehnte Abenteuer.

Rike Scheffler arbeitet transdisziplinär in Gebieten der Lyrik, Performance, Installation und Musik. Ihr neuer Gedichtband «Lava. Rituale» (2023) erkundet zärtliche, spekulative Seinsweisen artenübergreifender Allianz und Kollaboration mit mehr-als-menschlichen Agent*innen und KI.

Aus dem diesjährig Dargebotenen Höhepunkte herauszuheben ist schwierig und in meinem Fall höchst subjektiv. Da waren die leidenschaftlichen, zuweilen heiteren Texte von Dinçer Güçyeter, die eindringliche Performance von Rike Scheffler, der Tripp ins Dunkle mit Martin Piekar, die Entdeckung einer neuen Stimme, jener der diesjährigen Preisträgerin Carla Creda, das musikalische Aufstöbern von Störefrieden mit Airane von Graffenried und Robert Aeberhard, die tiefsinnige Auseinandersetzung mit der Klimakatastrophe von Steinunn Sigurðardóttir, Marion Poschmann und Daniel Falb und die witzige Begegnung der Performerinnen Nora Gommringer und Augusta Laar.

Dinçer Güçyeter ist ein deutscher Theatermacher, Lyriker, Herausgeber und Verleger. Güçyeter wuchs als Sohn eines Kneipiers und einer Angestellten auf. Er machte einen Realschulabschluss an einer Abendschule. Von 1996 bis 2000 absolvierte er eine Ausbildung als Werkzeugmechaniker. Zwischenzeitlich war er als Gastronom tätig. Im Jahr 2012 gründete Güçyeter den ELIF Verlag mit dem Programmschwerpunkt Lyrik. Seinen Verlag finanziert Güçyeter bis heute als Gabelstaplerfahrer in Teilzeit. 2017 erschien «Aus Glut geschnitzt» und 2021 «Mein Prinz, ich bin das Ghetto». 2022 erhielt Güçyeter den Peter-Huchel-Preis. Sein Roman «Unser Deutschlandmärchen» wurde 2023 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Dinçer Güçyeter im Gespräch Henri-Michel Yéré

Verändert sich auch das Klima in den Künsten, in der Literatur, in den Gedichten? Wie anders, ist doch die Dichtung immer mehr der Seismograph dessen, was Menschen umtreibt. Für die isländische Dichterin und Schriftstellerin Steinunn Sigurðardóttir sind die klimatischen Veränderungen nicht bloss sichtbar, sie werden zur ganz direkten Bedrohung.

 

Geröllberg

Der gletscher, ewig
aber doch aus vergänglichem stoff, kam ans licht.
Aus wasser und lebenden farben.

                      ***

Der Zerbrechliche zerspringt 
in tausend teile

wird zu dem wasser aus dem er gekommen.

Das war nicht unumgänglich. Doch wir
gleichgültigen ehrlosen heizten an,
liessen taten … auf taten folgen …

                      ***

Vatnajökull vom wasser genommen.

(aus «Nachtdämmern» von Steinunn Sigurdardóttir, Dörlemann, 2022, aus dem Isländischen von Kristof Magnusson)

Daniel Falb ist Dichter und Theoretiker. Er lebt und arbeitet in Berlin, wo er Philosophie studierte und mit einer Arbeit zum Begriff der Kollektivität promovierte. Er veröffentlichte fünf Gedichtbände, zuletzt «Deutschland. Ein Weltmärchen (in leichter Sprache)» (2023). Marion Poschmann (live zugeschaltet, weil die DB Reispläne verunmöglichte), lebt als freie Schriftstellerin in Berlin. Sie erhielt zahlreiche Auszeichnungen für Lyrik und Prosa, darunter den Peter-Huchel-Preis 2011, den ersten Deutschen Preis für Nature Writing 2017 sowie den Joseph-Breitbach-Preis 2023. Steinunn Sigurðardóttir, geboren in Reykjavik, studierte Psychologie und Philosophie am University College Dublin. Sie arbeitete als Radio- und Fernsehjournalistin und veröffentlichte mehrere Gedichtbände und Romane. «Der Zeitdieb» wurde in Frankreich mit Emmanuelle Béart und Sandrine Bonnaire verfilmt. Auf Deutsch erschien zuletzt «Nachtdämmern», eine Elegie über den sterbenden Grossgletscher Vatnajökull in Südostisland. Im Gespräch mit Alisha Stöcklin

Der Vatnajökull, der grösste Gletscher Islands und ausserhalb des Polargebiets der grösste Gletscher Europas, schmilzt. Damit wandelt sich Island, das zu 10 % von Gletschern bedeckt ist, nicht bloss zu einer Geröllinsel. Die riesigen Gletscher Islands besänftigen noch die «bösen» Vulkane, die unter der malerischen Oberfläche schlummern. Steinunn Sigurðardóttirs Dichtung im Band «Nachtdämmern» richtet sich ganz direkt gegen Ignoranz und Verdrängung. Dichtung reagiert, ganz im Gegenteil zu einem Grossteil der Gesellschaft, die munter weiteragiert, als wäre die Zukunft so einfach die Fortsetzung der Vergangenheit. Wissenschaft und Kultur sind sich in einem breiten Spektrum aktiv und sehr intensiv dessen bewusst, was die menschlichen Eingriffe an globalen Veränderungen mit sich bringen. Kein Wunder, dass jene Kunst, die um Worte, Sätze, Formulierungen ringt, nach Klärung und vielleicht sogar Erklärung Niederschlag findet, was an Ängsten und Befürchtungen aus der Suppe unleugbarer Fakten steigt.

Ariane von Graffenried ist Schriftstellerin und promovierte Theaterwissenschaftlerin. Sie ist Mitglied der Autor*innengruppe Bern ist überall und tritt als Spoken-Word-Performerin im Duo Fitzgerald & Rimini auf. 2017 erschien ihr Buch «Babylon Park», 2019 folgte «50 Hertz», eine CD mit Gedichtband. Für ihre Texte wurde sie mehrfach ausgezeichnet.

Warum fällt es uns so schwer, in grossen Zusammenhängen und Räumen zu denken, geschweige denn zu leben? Horizonte gehen auf, das Raumschiff Erde ist ein in sich geschlossenes Ökosystem. In der Literatur, in der wie in keiner anderen Kunstform das eigene Ich verlassen werden kann, verschieben sich Perspektiven. Das zeigt auch Marion Poschmann in ihrer Dichtung. Sie fordert eine «Romantisierung». Keine Verklärung, Beschönigung oder Idylle, sondern eine revolutionäre Bewegung als Gegenkraft zur rationalen Vernunft, eine Besinnung auf das «Einzigartige», als letzter Akt gegen all das Zerstörerische.

Schon der Begriff «Klimawandel» beschönigt die rollende Katastrophe. So wie unsere Gesellschaft noch immer nach Worten ringt, um den Dingen Kontur zu geben, tut es die Kunst. Dichtung ist gefundene Sprache.

Reservieren sie sich das letzte Wochenende im Januar 2025

Fotos © Samuel Bramley

Jürg Beeler «Möglicher Anfang eines Romans», Plattform Gegenzauber

1

Nun ist es still geworden um mich, endgültig still, und ich weiß nicht, ob ich diese Stille mag, ob ich für sie geschaffen bin.
Vielleicht bin ich bald einer wie mein Vater. In den letzten Jahren seines Lebens trug er immer dasselbe Sakko, das ihm zu groß war. Jedes Jahr wurde es größer, jedes Jahr sah er darin noch verlorener aus. Bald kannst du darin zelten, sagte ich ihm.

 

2

Mein Vater saß in den Drei Mönchen vor seinem Glas, als wir uns zum letzten Mal sahen. Schnee fiel hier noch nie, sagte er, und das Licht ist dasselbe wie in der Stadt, nur fällt es anders, stiller.

Mein Vater konnte nur mit Mühe lesen, mit dem Alphabet stand er auf Kriegsfuß, wie er mit vielen Dingen im Leben auf Kriegsfuß stand.
Wenn ich mit dem Schulbus an der Tankstelle vorbeikam, winkte mein Vater im blauen Overall. Im Sommer saß er auf einem Klappsessel im Schatten, wartete auf Kunden und hätte gerne den neuesten Lancia oder Alfa Romeo gefahren, doch er bediente lediglich die Zapfsäule und fuhr mit dem Schwamm über die Frontscheibe, wenn ein Kunde es verlangte. Nachher hätte man auch bei klarem Himmel nur Nebel gesehen.

Sobald mein Vater nach Hause kam, stellte meine Mutter das Radio lauter. Es gefiel ihr nicht, dass sie ausgerechnet mit diesem Mann verheiratet war. Einem Mann, der eines Tages in dem Hotel abgestiegen war, in dem sie arbeitete. Es regnete nicht, der Himmel war von urlaubsmäßigem Blau, doch die Gassen der Stadt waren überflutet. Nichts zu machen, er konnte das Hotel nicht verlassen, und die Frau, die am Empfang saß, war zu hübsch, um sich darüber zu beschweren. Zwei Wochen später als vorgesehen kehrte er aus dem Urlaub zurück, eine Ungeheuerlichkeit, die ihn seine dritte Stelle kostete. Doch er war noch jung, zwanzig erst, und machte sich keine Sorgen.

 

3

Meine Mutter kam aus Venedig. Genauer aus Mestre, aber sie sagte immer Venedig. Das ist nicht dasselbe, Venedig und Mestre sind durch einen Damm voneinander getrennt, korrigierte sie mein Vater, um sie zu ärgern, doch meine Mutter ignorierte diesen Damm, wie sie im Leben überhaupt Dämme und Grenzen nicht mochte.
Ich war fünf oder sechs Jahre alt, als wir aus der Stadt ins Dorf zogen. Die Wäsche meiner Mutter trocknete im Freien, und man sah, was sie unter den Röcken trug: verschiedene Farben, leuchtende Farben, und das sorgte für Unruhe im Dorf.

Nie lud ich Kameraden nach Hause ein. Meine Mutter wunderte sich, dass ich nicht Fußball spielte wie andere Jungs. Lass ihn doch, sagte Onkel Karl. Hauptsache, er wird größer.
Für Onkel Karl, der nie Fußball gespielt hatte, war Größerwerden schon viel, mehr konnte man von einem Kind nicht verlangen.
Der Fußball ist eine vollkommen nutzlose Erfindung, doch ich lag gerne auf einem verlassenen Fußballplatz und betrachtete den Himmel. Kaum fixierte ich eine Wolke, erschrak sie und veränderte sich unter meinem Blick, dehnte sich aus, ballte oder teilte sich, ich betrachtete den Himmel, und irgendwann zogen immer Wolken auf.
Der Junge zieht das Unglück an, behauptete meine Mutter. Dasselbe soll auch Fernando Pessoas Mutter von ihrem Sohn gesagt haben, aber das wußte ich damals noch nicht.

Wenigstens einmal im Leben eine Haremsdame sein, notierte dieser große portugiesische Dichter gleich zwei Mal in seinem Buch der Unruhe. Pessoa war ein scheuer Mensch, darum träumte er sich in einen Harem hinein. In seiner Phantasie war er der Scheich, den die Haremsdamen liebten wie eine Mutter ihr Kind, zugleich war er die Haremsdame, die leidet. Er wollte beides sein, Mann und Frau, er wollte als Mann in sich selbst eindringen, in sich als Frau. Er war zu delikat gebaut, zu melancholisch und luzide, um dem Terror eines Ehelebens etwas abgewinnen zu können.
Was ist ein Harem, fragte ich als kleiner Junge Onkel Karl. In einem Harem gehören alle Frauen dir, und das macht das Leben weniger kompliziert.

Onkel Karl war der Jüngste von Vaters Brüdern. In den Augen seiner Frau brauchte er für alles zu lange. Warum muss immer alles so schnell gehen, beschwerte er sich, rückte vor dem Spiegel seine Weste zurecht, zupfte an seinem Schnauzbart und lächelte, als wäre er sehr eingenommen von der Begegnung mit seinem Doppel.
Mach schon, wir kommen zu spät!
Wenn man sich Zeit lässt, ist man überall rechtzeitig, antwortete Onkel Karl und holte zu einer weitschweifigen Erklärung aus, um die Geduld seiner Frau noch ein wenig zu strapazieren.
Bevor ich das Haus verlasse, will ich überprüfen, ob ich wirklich mit meinem Spiegelbild identisch bin. Wäre das nicht der Fall, hätte ich dauernd Meinungsverschiedenheiten mit mir, ich läge mit mir im Streit, und das brächte niemandem Glück. Man sollte keine Freunde besuchen, wenn man nicht im Einklang mit sich selbst ist. Aber heute bringt ja keiner mehr die Geduld auf, solche Dinge zu überprüfen, als wäre völlig egal, wer wir sind.

 

4

Mein Vater saß in seinen letzten Jahren fast täglich in den Drei Mönchen. Ich habe ihn in diesen Jahren nie mehr lachen gehört, aber er lächelte, wenn ich kam.
Warum sagte er, Schnee fiel hier noch nie? In der Ferne sah man die Voralpen, Schnee fiel im Dorf fast jeden Winter. Ich fragte nicht nach, mein Vater war keiner, der sich die Dinge erklärte.
Noch abwesender als sonst schien er, als hätte er sich von dieser Welt bereits verabschiedet. Doch das wurde mir erst in der Erinnerung deutlich, denn die späteren Ereignisse ließen mich unser Treffen anders sehen.
Ich werde die Wohnung verkaufen, sagte er. Ich will noch einmal verreisen, diesmal endgültig. Ich will mein Leben nicht in diesem Nest beenden.
Ich nickte, seit Jahren schon redete er davon, dass er seine Frau, meine Mutter, noch einmal sehen wolle, ich nahm seine Worte nicht sehr ernst. Warum sollte er, der im Leben nie etwas angepackt hatte, sich ausgerechnet jetzt aufraffen?
Ich ahnte nicht, dass es unsere letzte Begegnung sein würde. Mein Vater musste schon länger in den Drei Mönchen auf mich gewartet haben, sein Weinglas war fast leer.
Du weißt es wohl noch nicht, sagte er. Karl ist gestorben.
Onkel Karl?
Im vergangenen Sommer.

Mit einer Trompete flog ich am nächsten Morgen nach Lissabon zurück. Mit Onkel Karls Trompete. Mein Vater hatte sie mit in die Drei Mönche genommen. Sie gehört dir. Karl hat dich immer besonders gemocht.

 

5

Onkel Karl war Trompeter im Orchester des Opernhauses gewesen, der einzige Stadtmensch unter meinen zahlreichen Onkeln. Trotzdem war er häufig bei uns auf dem Land.
Wenn Onkel Karl uns besuchte, war meine Mutter glücklich und nachsichtig mit meinem Vater und mir. Onkel Karl war ein schwerer Mann, doch in seiner Nähe fühlte ich mich leicht. Gespannt beobachtete ich, wie sich Onkel Karl auf einen der morschen Gartenstühle setzte, aber Onkel Karl zauberte, der Stuhl krachte unter ihm nicht zusammen.
Eines Tages nahm mich Onkel Karl mit in die Stadt, wir besuchten den Zoo. Die Flamingos standen auf einem Bein, reglos, den Kopf im Gefieder. Noch nie hatte ich einbeinige Vögel gesehen, doch Onkel Karl schüttelte den Kopf. Sie haben zwei Beine wie alle Vögel, erklärte er.
Was macht das andere Bein, fragte ich.
Es schläft.
Wacht es nie auf?
Doch. Wenn es aufwacht, geht das andere Bein schlafen. Die Beine wechseln einander ab.
Träumt das Bein, wenn es schläft?
Natürlich träumt es. Und wenn es aufwacht, erzählt es dem Flamingo seine Träume, und darum wird es dem Flamingo nie langweilig.

Jürg Beeler anlässlich einer Lesung aus «Die Zartheit der Stühle» auf Schloss Mörsburg

Jürg Beeler, geboren 1957 in Zürich, studierte Germanistik in Genf, Tübingen und Zürich. Arbeitete als Deutsch- und Fremdsprachenlehrer und als Reisejournalist. Lebt in Südfrankreich und Zürich. Für seine literarische Tätigkeit wurde er verschiedentlich ausgezeichnet. Publikationen (Auswahl): «Die Liebe, sagte Stradivari» (2002), «Das Gewicht einer Nacht» (2004), «Solo für eine Kellnerin» (2008), «Der Mann, der Balzacs Romane schrieb» (2014), «Die Zartheit der Stühle» (2022)

Beitragsbild © Barbara Dietl

Jürg Beeler «Die Zartheit der Stühle», Dörlemann

Eigentlich flieht Matteo. Er flieht, weil ihm das Leben die Stimme nahm. Weil er als König mitten im Stück den Text verlor, auf der Bühne in Shakespeares King Lear. Weil wenige Tage zuvor Zofia, die Frau seines Lebens gestorben war. Weil er von all dem weg wollte, was sich seinem einsam gewordenen Leben querstellte. „Die Zartheit der Stühle“ ist ein Buch der Liebe, ein unsäglich zartes Buch.

Dass Jürg Beeler kein ganzes Regalbrett füllt, obwohl er schon vierzig Jahre schreibt, mag daran liegen, dass sich Beeler als Lyriker sieht und nicht eigentlich als Erzähler, obwohl „Die Zartheit der Stühle“ sein siebter Roman ist. „Das ist viel Arbeit“, meint der Schriftsteller in einem Porträt lakonisch. Vielleicht liegt es auch daran, dass Jürg Beeler wie ein Lyriker Romane schreibt, auf jedes Wort achtend, viel mehr als blosses Erzählen. Das spüre ich diesem Buch an, einem Buch, dem ich die Nominierung für den Schweizer Buchpreis 2022 wünsche, weil es sinnlich erzählt, weil es sich nicht dem Spektakel verschreibt, dafür umso mehr den unendlichen Irrgärten des menschlichen Seins, weil das Kleine, Zarte auf das Grosse weist und weil meine Frau und ich uns das Buch gegenseitig vorlasen und dabei regelrecht beglückt wurden.

Matteo ist ein Einzelgänger, hat es nicht gerne, wenn sich Ausgelassenheit ausbreitet, obwohl er lange Jahre gefeierter Schauspieler war und man nach Premieren gerne mit ihm gefeiert hätte. Auf der Bühne fand er stets seinen Ton, seine Stimme, hatte er Präsenz und Wirkung. Im Privaten fiel im das Sprechen stets schwer und er verkroch sich lieber in seiner immer kleiner werdenden Welt. Zofia war die einzige Frau, mit der er seine Einsamkeit gerne teilte, mit der er lange Jahre zusammenlebte. Dann aber, als er erfahren musste, dass sie unheilbar erkrankt war und nicht beabsichtigte, sich durch weitere Therapien quälen zu lassen, trennte sie sich von ihm, ging auf Distanz. Sie starb. Ihr Tod lähmte ihn. Man begrub sie in ihrer Heimat Warschau, ein Abschied, den er in keiner Weise akzeptieren konnte.

Jürg Beeler «Die Zartheit der Stühle», Dörlemann, 2022, 224 Seiten, CHF 28.00, ISBN 978-3-03820-105-2

Matteo sucht Sammlung in Lerone, einer kleinen Stadt ganz im Süden Italiens, einem Sehnsuchtsort, den er schon mit Zofia teilte. Er will nichts mehr. Nur in Ruhe an der Piazza d’Oriente im Leonardo sitzen und schreiben, ohne Ziel. Aber kaum ist er dort, mischt sich die Anwesenheit einer Frau ein, einer Frau, die wie er an einem der Tische an der Piazza sitzt und schreibt. Später erfährt Matteo, dass sie Vera heisst und komponiert. Vera beginnt Platz einzunehmen, Platz, den Matteo eigentlich nur sein er grossen Liebe Zofia zugestehen will. Aber da auch sein dortiger Freund und Anwalt Ettore von der geheimnisvollen Frau angetan ist, beginnen sich Welten ganz zaghaft zu begegnen. Vera verrät nicht viel. Manchmal ist sie da, manchmal verschwindet sie für Tage oder gar Wochen. Aber sie nimmt stets etwas mit, etwas, was Matteo die Ruhe raubt, was ihn nicht in Ruhe lässt. Bis sie eines Tages mit zwei Koffern vor seiner Tür steht und fragt, ob sie für unbestimmte Zeit bleiben dürfe.

Zofia distanzierte sich in der letzten Monaten ihres Lebens. Als er sich nach ihrem Tod mit einem verloren geglaubten Schlüssel Zugang zu ihrer Wohnung verschafft, merkt er, dass er bei weitem nicht der einzige ist, der an der Hinterlassenschaft seiner Frau Interesse zeigte. Er war Eindringling. Und jetzt, Monate später, taucht Vera auf, Jahre jünger als er und stösst ihn in eine Geschichte, aus der es kein Aussteigen mehr gibt.

Matteo erzählt seine Geschichte in einer grossen Rückblende, schreibt in seine Hefte, in der Absicht „ein Buch der Liebe“ zu schreiben. Jürg Beeler trifft in seinem Schreiben als Matteo, manchmal ganz direkt im Du an Zofia gerichtet, genau jenen Ton, den ein solches „Buch der Liebe“ treffen muss. Es ist mit grosser Behutsamkeit geschrieben, immer im Wissen darum, dass Liebe in all seinen Formen, auch in der Verzweiflung und Enttäuschung an flüchtiges, schwer fassbares Gefühl bleibt. Genauso ist dieser Roman geschrieben, absolut überzeugend in seinem Ton, gespickt mit Sätzen, die sich wie Amorpfeile ins Herz bohren.

Interview

Matteo schreibt schon lange. Was wir unter dem Titel „Die Zartheit der Stühle“ lesen, sind die Hefte Nr. 73 bis 77. Alle Hefte zusammen scheinen Matteos Versuch zu sein, sein „Buch über die Liebe“ zu schreiben. Was hinderte Sie daran, Ihrem Roman den Titel „Buch über die Liebe“ zu geben? (Obwohl ich gestehe, dass mir der tatsächliche Titel besser gefällt!) 
„Liebe“ ist ein Allerweltswort, mit „Buch über die Liebe“ hätte ich mich auf ein zu gefälliges Terrain begeben. Jeder glaubt ja zu diesem Thema das Allerwichtigste zu sagen zu haben, nur weil ihm die Liebe einmal etwas unsanft auf die kleine Zehe getreten ist. 
„Die Zartheit der Stühle“ öffnet andere Türen. Dieser Titel hat, so wie ich es empfinde, etwas Poetisches und Schelmisches zugleich und passt gut zum Protagonisten. Matteo war Clown, Pantomime, auf der Bühne trat er stumm auf, auch im Alltag ist er eher ein Stummer geblieben. 
Wie Matteo liebe ich Strassen, Plätze und Cafés. Stühle werfen zarte Schatten, und wenn sie Schatten werfen, was sie im Süden häufiger tun als im Norden, beginnen sie zu erzählen. Ich habe Zeit, ich höre ihnen gerne zu. Oft stellen sie mir provozierende Fragen. Was, wenn unsere Liebe zu Objekten tiefer ist als die zu den Menschen? Oder wenn Liebe ein Phantom ist, wie Matteo einmal vermutet?

Matteo will eigentlich fliehen, nicht zuletzt vor sich selbst, gerät aber immer mehr in den Strudel seiner Vergangenheit, in den Sog des Unberechenbaren. Keine Flucht, sondern sein Besteben, Ruhe zu finden, die Nähe zu sich selbst. Ein Gegenentwurf zu den vielfachen Möglichkeiten der Betäubung unserer Gegenwart?
Alle drei Figuren, Matteo, Zofia, Vera müssen mit Ereignissen zurechtkommen, die ihr Leben einschneidend verändern und bedrohen. Sie sind nicht mehr jung, sie empfinden sich in ihrer Zeit zunehmend als Fremde. Die Gegenwart scheint für sie keine verlässlichen Worte und damit Lebensentwürfe mehr bereitzuhalten. Menschenkenntnis wurde im Alltag durch Vulgärpsychologie und einen kommerzialisierten Zwang zur Selbstverwirklichung ersetzt, was zur kollektiven Übung der Selbstentfremdung verkam. 
In unseren Wohlstandsregimen haben wir die Fähigkeit, die inneren Regungen und Beweggründe des anderen zu erraten, längst verloren. Dazu haben wir auch gar keine Zeit mehr. Vera, Zofia und Matteo versuchen je auf ihre Weise, diese Echolosigkeit zu durchbrechen, einen Weg aus der allgemeinen Betäubung zu finden, der sie wieder in eine Gegenwart zurückführt. 

Zofia sagte sich in ihrem Sterben von Matteo los, wollte ihn in der letzten Phase ihrer Krankheit nicht mehr an ihrer Seite haben. Ist Schonung auch eine Form der Liebe?
Ich glaube ja, eine sehr tiefe. Zofias Rückzug mag vieles zugrundeliegen, sei es Enttäuschung, sei es Diskretion oder Scham. Ein etwas bösartig gestimmter oder pessimistischer Leser könnte in diesem Rückzug allerdings auch eine heimliche Bestrafung des Partners vermuten. Doch Zofia ist eine Figur, die sich dem einfachen Zugriff entzieht. Vielleicht gehört es zur Magie des Romans, dass er eine völlig subjektive Interpretation dem Leser als die objektive vorspiegelt. 
Die Schonung des Partners trägt auf jeden Fall der Erkenntnis Rechnung, dass die Menschen verschieden sind und jeder seinen Weg letztlich allein zu gehen hat. Dem andern sein Leben lassen – darin kommt etwas zum Ausdruck, das vielleicht wichtiger ist als die Liebe: die Freundschaft.  

@ Werner Gadliger

Matteo trägt seinen Schmerz in sich, seine Partnerin Zofia, erst recht Vera. Matteo schreibt die Geschichte dieses Dreigestirns in seine Hefte. Schreiben als ein Versuch, Ordnung in Leben zu bringen. Das Schreiben eines Romans ist ausgebreitete Ordnung. Gedichte hingegen brechen Ordnungen auf. Obwohl Sie in einem Beitrag sagen, Sie schreiben viel lieber Gedichte, Sie wären eigentlich Lyriker, ist „Die Zartheit der Stühle“ Ihr siebter Roman. Was macht die Magie des Romanschreibens aus? 
Ist es nicht einfach die erfolgsversprechendere Möglichkeit, vom Schreiben zu leben?
Mit dem Roman tauche ich in eine Assenwelt ein, er legt in anderer Weise die Spur einer Lebenserfahrung als die Lyrik, die den Rückzug in ein Sprachgehäuse eher erlaubt. Der Roman legt eine Schmerzspur. Doch auch in der Lyrik schaffe ich ‚Ordnung’. Sie ist vielleicht verborgener als die eines Romans. Eine innere Kohärenz – dies mein Anspruch – muss die vordergründig disparaten Zeilen eines Gedichts zusammenhalten. Diese Stimmigkeit muss für den Leser spürbar sein. So gesehen hat das Gedicht immer eine metaphysische Dimension, weil es jede Beliebigkeit ausschliesst. 
Die Anfänge dieses Romans reichen viele Jahre zurück. Die Hauptfigur stand mir von Anfang an deutlich vor Augen, ebenso waren die Atmosphäre, die Musik des Romans von Anfang an da. Die Herausforderung bestand darin, die zu den Figuren passende Geschichte zu finden. Ein Unterfangen, das nicht planbar ist, für mich auf jeden Fall nicht, ich bin da sehr von Stimmungen, von der Umgebung, von der Gunst des Augenblicks abhängig. Ob ich eine Figur auf diese oder eine andere Weise handeln lasse, ist ein intuitiver Entscheid. Letztlich ist es die Sprache, ihre Musik, ihre Atmosphäre, die mich führt. 

Die Musik eines Romans wird nicht von allen Lesern wahrgenommen. Dieses Nicht-Wahrnehmen des für mich Offensichtlichen macht mich immer wieder fassungslos. Manche Leser fürchten das Ambivalente, sie suchen das Erklärbare und Sichere, sie sind glücklich, wenn sie den Protagonisten als ‚Looser’ oder ‚Macho’ identifizieren können. Doch der Roman verhandelt nicht Begriffe, die immer nur kollektiven und fragwürdigen Klassifizierungen entsprechen, er erzählt vom Individuum in seiner Unverwechselbarkeit. In dieser Hinsicht ist er subversiv, und dieses subversive Element übt auf mich einen unwiderstehlichen Sog aus. 

Das Epizentrum eines Romans verbirgt sich in seiner Musik. Seine Unterfütterung kann heiter oder melancholisch sein. Heiterkeit und Melancholie widersprechen sich nicht unbedingt. Auf jeden Fall nicht, wenn man von einer spezifisch romanischen Melancholie spricht. „Auch wenn sie düster und tief ist, findet die Melancholie noch Quellen von Zärtlichkeit. Man könnte sagen, ihr Charakter ist die Sanftheit“, schreibt der italienische Schriftsteller Alberto Savinio. Melancholie ist das Bewusstsein, dass die Zeit verströmt und wir nichts gegen sie ausrichten können. Sie widersetzt sich unseren Plänen, wir können ihr nichts abtrotzen. Das Schreiben setzt sich diesem Fliessen aus, ein Roman kann nicht erzwungen werden. Wer im deutschsprachigen Raum aufwächst, vor allem in den protestantisch-ehrgeizigen Gegenden Deutschlands, neigt weniger zur Melancholie als zur Depression, das mediterrane Laissez-faire ist ihm fremd. Ja, ich liebe Stühle. Sie sind melancholisch und zärtlich. Sie haben immer genauso viel Zeit wie ich, was ich von meinen Mitmenschen nicht unbedingt behaupten kann.  

 „Die Zartheit der Stühle“ ist eine vielfache Liebesgeschichte. Nicht zuletzt jene der nie erfüllten. Wir werden in den Medien überschwemmt von „Liebesgeschichten“, von kitschig über verklärt bis reisserisch. Das alles ist Ihr Roman nicht. Spürten Sie Grenzen, die nicht überschritten werden durften?
Ja, sehr deutlich. Ich habe auch, das muss ich sagen, aus den Fehlern meiner früheren Romane gelernt. Die Frage nach den Grenzen und Tabus, nach der Grenze zwischen Privatem und Allgemeinen ist eine der heikelsten. Gibt es sie nicht mehr, ist der Mensch seiner seelischen Entwicklungsmöglichkeiten beraubt. Mit dem Erkennen des Unausgesprochenen, des Ungesagten im alltäglichen Umgang (sowie in Texten) wird erst ein Reifeprozess möglich. 

Auf Verletzung von Grenzen reagiere ich besonders empfindlich, was mit meiner Biographie zusammenhängen mag. Ich bin auf dem Land aufgewachsen und hatte mich sehr früh – als einziger unter den Schulkameraden – für klassische Musik begeistert. Damit war man der perfekte Exote und folglich ausgegrenzt. Nicht für Filmschauspielerinnen schwärmte ich, sondern für Pianistinnen. Die französische Bibliothek meiner Mutter zog mich mehr an als die Schullektüre, ich war ein begeisterter Leser von Baudelaire, Nerval und Rimbaud. Folglich war ich in meiner eigenen Generation ein Fremder geblieben, was sie interessierte, interessierte mich nicht, und umgekehrt. Ich vermauerte mich gegen eine Zeit, die das „Sie“ und das Private als bürgerlich verschrie und genau wusste, welches das richtige Leben war. Ich fürchtete mich vor dem Terror dieser Nivellierung und dem Ausgrenzungswahn von allem, was fremd und anders war. Unfreiwillig wurde ich zum Verweigerer des angesagten Lebens, mit allen Vor- und Nachteilen, die das mit sich brachte. Für mein Schreiben allerdings entpuppte sich meine merkwürdige Bootsfahrt als unschätzbarer Gewinn. 
Nach wie vor reagiere ich äusserst empfindlich auf Ausgrenzungen, und wir leben heute leider wieder in einer Zeit der Diffamierung. Sie macht mir Angst. Rasch ist man mit Worten zu Hand, um den andern zu beschuldigen oder anzuklagen. Sei es, weil er das falsche Geschlecht besitzt, nicht zur gefragten Altersklasse gehört oder einfach Johann Sebastian Bach liebt. 

Aus meiner Generation rettete ich mich in die romanischen Länder. Kurz nach Francos Tod, sehr jung, blieb ich in Spanien hängen und verliebte mich. Ich machte in Madrid die befreiende Erfahrung, dass Bildung nicht als „elitär“ galt. Das Gespür für Grenzen ist in romanischen Ländern immer noch stärker ausgeprägt, auch in der romanischen Literatur. Sie hat den Erzählfaden nie verloren. Nicht ohne Grund lebe ich heute in Frankreich, nah an der spanischen Grenze. Im Vorfeld der Solothurner Literaturtage forderten offenbar einzelne Stimmen lautstark die Abschaffung der „Wasserglas-Lesungen“. Ein keulenartiges Schlagwort. Zum Glück werde ich in dieser ärmeren Gegend von solchen wohlstandsverwöhnten Diskussionen verschont. Man hat hier andere Probleme. 

Flüstert Ihr Papagei noch immer? 
Leider nicht mehr, er ist im vergangenen Sommer gestorben. Dieser uralte, blinde Vogel sass immer auf meiner Schulter, wenn ich schrieb. Gelegentlich wollte er mit mir plaudern, manchmal steckte er seinen Kopf ins Gefieder und schlief. Dann durfte ich mich nicht mehr bewegen. Er fehlt mir, ich rede immer noch mit ihm, vor allem, wenn der Schreibfluss stockt. 

Jürg Beeler, geboren 1957 in Zürich, studierte Germanistik in Genf, Tübingen und Zürich. Arbeitete als Deutsch- und Fremdsprachenlehrer und als Reisejournalist. Lebt in Südfrankreich und Zürich. Für seine literarische Tätigkeit wurde er verschiedentlich ausgezeichnet. Publikationen (Auswahl): «Die Liebe, sagte Stradivari» (2002), «Das Gewicht einer Nacht» (2004), «Solo für eine Kellnerin» (2008), «Der Mann, der Balzacs Romane schrieb» (2014).

Beitragsbild © Werner Gadliger

Jürg Halter «Gemeinsame Sprache» Gedichte, Dörlemann

Als ich das erste Mal vor mehr als 15 Jahren Gedichte von Jürg Halter las, war das für mich die Wiederentdeckung der Lyrik, nachdem ich sie für Jahrzehnte aus den Augen verloren hatte, man mir während der Ausbildung den Zugang zu ihr durch Deutungszwang verschüttet hatte. Damals war Jürg Halter ein Rebell mit ungewohntem Ton. Heute ist Jürg Halter die Stimme eines Bewusstseins!

Er schreibt auf allen Kanälen, mischt sich ein, mischt mit. Er liest, performt, singt und spricht, mal im Takt, mal mit Schlagzeug, mal in Talkshows oder mitten im Grünen, manchmal im Spiegel einer Pfütze, manchmal in einem proppenvollen Saal. Jürg Halter ist ein Phänomen, ein Unikum. Mal scharfzüngig und beissend, mal lieblich und umgarnend, mal heiss und leidenschaftlich, mal mahnend und zornig. Man kann sich leicht verunsichern lassen, weil sich der Tausendsassa nicht fassen lässt, weil er unermüdlich sein Ding durchzieht, weil er ebenso schonungslos wie ehrlich ist, weil er Sprache gewordenes Abbild einer Generation geworden ist, die weder hinnimmt noch akzeptiert, weder kuscht noch blökt.

Defektes Leben

Wir sind krank nach uns selbst,
an den schönen Orten der Welt,
lassen uns sagen, wo diese liegen,
sehnen in die Weite, sehnen uns matt.

Wir sparen uns für eine Zukunft auf,
um die wir uns selbst betrügen.
Wir treten besonnen ans Feuer,
niemals wollen wir brennen.

Wir verschwenden uns wohltemperiert,
betäubt von der Hitze, die uns fehlt,
warten wir – dass das wahre Leben beginne
(etwa nach der nächsten Eiszeit).

Solange wir unseren Tod verdrängen,
kommen wir nicht lebendig zur Wahrheit,
danach zu leben heisst zweifelsohne nicht
täglich vor Todesangst zu sterben.

 

Jürg Halter «Gemeinsame Sprache» Gedichte, Dörlemann, 2021, 152 Seiten, CHF 24.00, ISBN 978-3-03820-089-5

Nach einem halben Dutzend Gedichtbänden, einem Roman („Erwachen im 21. Jahrhundert» bei Zytglogge) und unzähligen „Zetteln“ auf denen er in den Sozialen Medien den Lauf der Geschichte kommentiert, erschien bei Dörlemann sein neustes Werk „Gemeinsame Sprache“. Ein Titel, der versöhnlich klingt. Aber das Versöhnliche zeigt sich wenn überhaupt in den Liebesgedichten. Allen anderen Gedichten ist die Gemeinsamkeit eben höchstens die gemeinsame Sprache, das Wissen um den Schmerz in all den Abgründen und Unvereinbarkeiten des Lebens. Sein erster Gedichtband „Ich habe die Welt berührt“ war der Versuch, der globalen Zersetzung etwas entgegenzusetzen. Mit „Gemeinsame Sprache“ tut er es wieder, nicht weniger zornig, nicht weniger leidenschaftlich.

Kunst

Wenn ich für meine Antwort auf die Frage,
ob ich von der Kunst leben könne,
jees Mal Geld kriegt,
könnte ich alleine von dieser Frage leben.
Aber das wäre keine Kunst.

 

Jürg Halter ist der Beweis, was Lyrik alles kann. Dass Lyrik nicht bloss die Seele streicheln muss. Dass Lyrik mitreissen, vielleicht sogar niederreissen kann. Dass Lyrik alles andere als lieblich, entrückt und verklärend sein muss. Und „reizend“ dabei einen ganz eigenen Dreh bekommt. Jürg Halter denkt politisch, gesellschaftskritisch, ist sich für nichts zu schön, wettert und schimpft, um sich im Handumdrehen mit aller Zärtlichkeit an ein Du zu wenden.

Glimmen

Montagnacht empfahl ich mich
fraglos deiner Traurigkeit, 
im Auto vor dem Haus,
während du rauchend
in der dunklen Küche sasst –
als wäre Liebe zu ertragen.

 

Alle drei Gedichte aus: Jürg Halter, «Gemeinsame Sprache» © 2021 Dörlemann Verlag AG, Zürich. Mit freundlicher Genehmigung des Dörlemann Verlags!

«Glimmen», der Song und das Video zum Buch «Gemeinsame Sprache» (Dörlemann, 2021). Musik: Mario Batkovic. Bild: Rob Lewis.

Jürg Halter, 1980 in Bern geboren, wo er meistens lebt. Halter ist Schriftsteller, Lyriker, Spoken Word Artist und Speaker. Er gehört zu den bekanntesten Schweizer Autoren seiner Generation und zu den Pionieren der neuen deutschsprachigen Spoken-Word-Bewegung. Studium der Bildenden Künste an der Hochschule der Künste Bern. Regelmässig Auftritte in ganz Europa, in den USA, in Afrika, Russland, Südamerika und Japan. Zahlreiche Buch- und CD-Veröffentlichungen. 

Webseite des Autors

Beitragsbild © Rob Lewis

«Schreibende Paare» mit Dana Grigorcea und Perikles Monioudis

„Schreibende Paare“ heisst eine der neuen Veranstaltungsreihen im Literaturhaus Thurgau. Im Falle von Dana Grigorcea und Perikles Monioudis hätte man den Abend auch „Eine Literaturfamilie“ nennen können, denn die beiden reisten mit ihren Kindern an und einer ganzen Kiste voller Bücher.

Das Leben, der Alltag der Familie Grigorcea Monioudis ist durchsetzt von Literatur, ihr Haus ein Ort, an dem alles durch eine papierene Lunge atmet. Das Paar ist sich Inspiration, Kritik, Motivation. Der jeweils andere der Erstleser, man trägt sich gegenseitig, selbst ihre beiden Kinder tun es an diesem Abend im Literaturhaus Thurgau.

Dana Grigorcea gab Kostproben aus ihrem letzten Buch, der Novelle „Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen“ und ihrem Roman „Die nicht sterben“, der im kommenden Frühling erscheinen wird. Dana Grigorcea erzählte, dass „Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen“ nicht zuletzt auch ein Versuch war, sich von dem Thema zu emanzipieren, mit dem man sie mit ihren letzten beiden Büchern, vor allem mit dem Roman „Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit“, immer wieder zu reduzieren versuchte; Rumänien. Nicht dass sich die Autorin ablösen wollte, denn in ihrem neuen Roman spielt ihr Herkunftsland wieder eine zentrale Rolle, die Macht totalitärer Regierungen, der Wunsch vieler nach einer starken Führung, einem Phänomen, das sich trotz aller historischen Erfahrungen nicht ausrotten lässt. Aber kein Schriftsteller, keine Schriftstellerin will in eine Schublade gezwängt werden. Dana Grigorcea wollte mit „Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen“ „austesten“, ob man sie auch liest, wenn Rumänien kein Thema ist. Ein Versuch, der sie nur bestärkte. „Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen“ war und ist sehr erfolgreich.
„Die nicht sterben“ ist die Geschichte einer jungen Bukarester Malerin, die sich nicht nur mit dem totalitären kommunistischen Machthaber Rumäniens konfrontiert sieht, sondern auch mit dem langen Schatten Graf Vlad des Pfählers, der der Welt als Dracula bekannt ist.

Dana Grigorcea und Perikles Monioudis wollen mehr als „bloss“ schreiben. Sie wollen nicht nur ihre eigenen Bücher zu Geschenken machen, sondern auch jene anderer Autorinnen und Autoren. Solchen, die ihre Manuskripte schon Jahrzehnte mit sich herumschleppen und nirgends in ein Verlagsprogramm zu passen scheinen. Texte, die zu vergessen drohen. Ihr Leben als Schriftstellerpaar ist untrennbar mit jenem eines Verlegerpaars verbunden. Ihr beider Leben in allem Schreiben, Auseinandersetzung, Buch, Papier, Gestaltung, Kunst und täglich Brot.

Perikles Monioudis, der schon bald dreissig Jahre schreibt und ein weigefächertes Werk präsentiert, will sich mit jedem Buch neu erfinden, Perspektiven ausloten, Textarten auskosten. „Azra und Kosmàs“ ist eine Liebesgeschichte und doch keine Liebesgeschichte. „Azra und Kosmàs“ ist eine Erzählung, die aufgebaut ist wie eine liegende Acht, als könne ich als Leser überall und immer in die Erzählung einsteigen und mich von den Geschehnissen um die beiden wegtragen lassen. Perikles Monioudis setzt sich in seiner Erzählung mit grossen Themen auseinander, sei es die Flüchtlingskatastrophe am Mittelmeer oder der Wunsch, sich aus seinem Leben abzusetzen, zu verschwinden. Ein Thema, das nicht nur für Menschen, die sich im Brennpunkt der Öffentlichkeit befinden, existenziell werden kann, sondern sich als Phänomen durch sämtliche westliche Gesellschaften zieht. Für Perikles Monioudis ist literarisches Schreiben alles andere als Handwerk. Er gibt sich in seine Stoffe hinein. Schreiben ist Kunst!

Der Abend war tief beglückend.

«Wer einen handfesten Beweis dafür braucht, dass uns die Literatur zu genussfähigeren, glücklicheren Menschen macht, sollte zu Gallus Frei-Tomic ins Literaturhaus Thurgau. Den Abend, den inspirierenden Gedankenaustausch, das goldene Licht im Dachbodenlesesaal des Bodmann-Hauses und das grossartige Publikum werden wir nie vergessen.» Dana Grigorcea

Beitragsbilder © Sandra Kottonau / Literaturhaus Thurgau

Schreibende Paare: Dana Grigorcea und Perikles Monioudis

Ein neues Format im Literaturhaus Thurgau ist «Schreibende Paare». Erste Gäste auf der Bühne sind Dana Grigorcea und Perikles Monioudis. Ein schreibendes Paar, das Liebe und Leidenschaft weit über ihr Leben als Paar verbindet. Liebe und Leidenschaft für die Literatur.

2018 begeisterte Dana Grigorcea LeserInnen und Kritik mit dem Buch «Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen», einer Novelle, in der sie Anton Tschechows „Die Dame mit dem Hündchen“ aus dem Jahr 1899 ins Zürich der Gegenwart transformierte. Eine Verwandlung, die die Gewichte der Novelle von damals vertauscht und die doch viel vom Liebreiz Tschechows Novelle übernimmt. Eine Lektüre für einen Abend. Ein Stück Literatur als hätte ein Musiker ein Stück neu arrangiert. Die Liebe zweier Menschen, die zur Lüge zwingt.
Ein warmer Frühlingstag am See. Hungrig nach Sonne und Wärme sitzen die Menschen in Cafés und spazieren an der Seepromenade. An einem der Tische treffen sich Anna, die Ballerina, mit ihrem Hündchen und Gürkan, der Gärtner. Sie verheiratet mit einem Arzt, er, ein Kurde, vor vielen Jahren mit seiner Familie aus der Türkei in die Schweiz gezogen. Sie beide in einer Atempause. Entgegen ihren Gewohnheiten wird aus der Zufälligkeit ein gemeinsamer Spaziergang, bei dem Anna nicht nur zuhört. Gürkan fasziniert; sein Gesicht, seine Stimme und die scheue Art, die ihn von den sonstigen Avancen anderer Männer abhebt. Anna fühlt sich hingezogen, nicht nur weil er jünger als sie zu sein scheint. Sie treffen sich wieder, immer wieder, fast jeden Tag.

Perikles Monioudis veröffentlicht schon seit dreissig Jahren Romane, Erzählungen, Theater und Essays ist vielfach ausgezeichnet und veröffentlichte 2019 die Erzählung «Azra und Kosmàs», keine Liebesgeschichte, aber die Geschichte einer Begegnung. Kosmàs Gros, einst ein umtriebiger, erfolgreicher und berühmter Schriftsteller lebt alt geworden zurückgezogen in Berlin. Auf der Flucht vor dem Erkanntwerden, auf der Flucht vor sich selbst. Azra ist Ärztin in einem Berliner Krankenhaus und steht eines Tages am Bett des Schriftstellers, der nach einem Unfall eingeliefert wurde. Kosmàs mit griechischen Wurzeln, Azra mit tunesischen Wurzeln. Beide tragen Vergangenheiten und Wurzeln mit sich herum. Kosmàs versucht sich an verlorene Sätze zu erinnern, Azra an ihr Versprechen als Ärztin.
Azra und Kosmàs treffen sich an der griechischen Küste wieder, dort wo sich Schwimmwesten türmen und behelfsmässige Zelte die Ankömmlinge von der anderen Seite des Meeres am Strand erwarten. Azra und Kosmàs, beide zwischen Flucht und Suche.

2019 gründeten Dana Grigorcea und Perikles Monioudis den Verlag «Telegramme für Literatur» und beweisen, dass die Leidenschaft für das Buch weit über das Schreiben hinausgehen kann.

Dana Grigorcea und Perikles Monioudis lesen an diesem Abend aus ihren Büchern und diskutieren am 14. November im Literaturhaus Thurgau über das Schreiben, die Literatur und ihre Bücher – und was die Schriftstellerei für ihre Beziehung bedeutet.

Dana Grigorcea, geboren 1979 in Bukarest, studierte Deutsche und Niederländische Philologie in Bukarest und Brüssel. Mit einem Auszug aus dem Roman «Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit» wurde Dana Grigorcea in Klagenfurt beim Ingeborg Bachmann-­Wettbewerb 2015 mit dem 3sat-­Preis ausgezeichnet. Ihr Erstling «Baba Rada. Das Leben ist vergänglich wie die Kopfhaare» ist im Oktober 2015 ebenfalls im Dörlemann Verlag erschienen, 2018 die Novelle «Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen». Nach Jahren in Deutschland und Österreich lebt sie mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Perikles Monioudis, und Kindern in Zürich.

Perikles Monioudis wurde 1966 in Glarus, Schweiz, geboren und hat Soziologie und Politische Wissenschaften in Zürich studiert. Nach zwölf Jahren in Berlin lebt er mit Frau und Kindern wieder in Zürich. Für seine in mehrere Sprachen übersetzten Romane und Erzählbände («Palladium», «Eis», «Die Trüffelsucherin», «Deutschlandflug» u.v.a.) wurde er mit zahlreichen Auszeichnungen bedacht, darunter der Preis des Schweizerischen Schriftsteller­verbandes und der Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis. Im Rimbaud Verlag sind bisher erschienen zuletzt «Azra und Kosmás» (2019), bei dtv die Romane «Frederick» und «Land» und beim Deutschen Kunstverlag die Biografie «Robert Walser».

Rezension von «Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen auf literaturblatt.ch

Rezension von «Robert Walser» auf literaturblatt.ch

Webseite von Dana Grigorcea

Webseite von Perikles Monioudis

Illustration © leafrei.com / Literaturhaus Thurgau