Christian Futscher «Der Vogel», Plattform Gegenzauber

Es war an meinem zehnten oder elften Geburtstag, als mein Vater bei meiner Geburtstagsfeier, die in einem Garten stattfand, auf einen Baum kletterte. 
Als er oben war, rief er: „Ich bin ein Vogel!“ 
Dann begann er zu pfeifen und zu zwitschern.
Meine Freunde fanden das lustig, ich nicht.
Mein Vater bewegte die Arme, als ob sie Flügel wären. 
Dabei fiel er fast vom Baum.
Meine Freunde lachten, ich nicht.
„Komm sofort herunter!“, rief ich.
Als er endlich wieder unten war, sagte ich: „Wenn du noch einmal lustig bist, dann bringe ich mich um.“ 
Er hat nicht aufgehört, lustig zu sein.
Und ich lebe immer noch.

 

Kuh spielen

Im Schwimmbad trafen wir Freunde von mir, die sich zu uns setzten.
„Wer spielt mit mir Kuh?“, fragte mein Vater plötzlich in die Runde.
Meine Mutter und ich sahen uns an.
„Wie geht das?“, fragte einer meiner Freunde, und mein Vater antwortete: „Auf allen vieren durch die Wiese gehen, immer wieder laut muhen, mit dem Mund Gras zupfen, blöd in die Luft schauen …“, und nach einer kleinen Pause fügte er hinzu: „und mit dem Schwanz die Fliegen vertreiben!“ 
Daraufhin musste er selbst am meisten lachen.

 

Die bissige Banane

Einmal waren zwei Freunde von mir zu Besuch, die auch mit uns zu Abend aßen. Es gab Würstel mit Senf und Ketchup.
Nach dem Essen gingen meine Freunde und ich ins Wohnzimmer, um dort fernzusehen. 
Plötzlich stürmte mein Vater mit einer geschälten Banane in der Hand ins Zimmer und rief: „Hilfe, die Banane hat mich gebissen! Au weh, au weh, tut das weh!“
In ein Ende der geschälten Banane hatte er einen geöffneten Mund, das heißt, ein aufgerissenes Maul hineingeschnitten, an dem sich etwas Ketchup befand. Und auch auf dem linken Unterarm, in den ihn die Banane gebissen hatte, war Ketchup.  
Mein Vater zeigte auf die Wunde an seinem linken Unterarm und wiederholte mit schmerzverzerrtem Gesicht: „Die Banane hat mich gebissen! Böse Banane! Ganz ganz bö-se Ba-na-ne!“
Später im Bett soll ich zu ihm gesagt haben, er sei „deppert, ultradeppert und sogar ultraschalldeppert“.

 

Lumpi

Irgendwann trieb mein Vater in einem Geschäft für Zauberartikel eine ganz besondere Hundeleine auf. Sie war verstärkt, in ihrem Inneren musste sich ein dickerer Draht befunden haben oder so etwas, an ihrem Ende war ein Hundegeschirr angebracht. Wenn man die Leine entsprechend hielt, sah es aus, als ob ein unsichtbarer Hund an der Leine wäre – eine beeindruckende, fast perfekte Illusion.
Mein Vater war begeistert von dieser Hundeleine. 
Dem unsichtbaren Hund gaben wir den Namen Lumpi.
„Lumpi ist ein Traumhund!“, sagte mein Vater. „Er bellt nicht, er haart nicht, er braucht nichts zu fressen und zu trinken, er beschwert sich nicht, jagt keinen Katzen nach, kackt nicht auf den Gehsteig, nicht einmal Gassi gehen muss man mit ihm.“  
Auch ich war eine Zeitlang begeistert von Lumpi.
Auf unseren Spaziergängen wurden wir immer wieder auf unseren unsichtbaren Hund angesprochen, was oft recht unterhaltsam war.
Kinder kamen gelaufen, interessierten sich für Lumpi, der auch recht laut knurren konnte, wenn mein Vater Lust hatte zu knurren.

 

Die Erbse

Meine Eltern und ich saßen in einem Gastgarten beim Essen. Auf meinem Teller befanden sich Fleisch mit Reis, Kohlsprossen und Erbsen. 
Während ich es mir schmecken ließ, sagte meine Vater plötzlich: „Die Erbsen sind die kleinen Brüder der Kohlsprossen.“ 
Ich korrigierte ihn: „Nein, es sind ihre Kinder!“
„Brüder!“
„Kinder!“
„Brüder!“
„Kinder!“

Meine Mutter mischte sich ein und rief: „Ruhe!“
„Nur eins noch“, sagte mein Vater: „Egal, ob die Erbsen die Brüder oder die Kinder der Kohlsprossen sind, keine von ihnen wird überleben!“ 
Kurz darauf sagte er: „Doch, eine schon!“ und wischte mit dem Messer eine Erbse vom Teller, so dass sie auf die Erde fiel.
Meine Mutter verdrehte die Augen, worauf er mit Unschuldsmine sagte: „Ich bin mit dem Messer ausgerutscht!“
Da musste ich so lachen, dass ich einen regelrechten Lachkrampf bekam. 
Ich konnte sehen, wie sich mein Vater darüber freute. 
Und auch meine Mutter musste jetzt lachen.
Dann setzte mein Vater noch eins drauf. Er trat mit dem Schuh auf die Erbse und sagte bedauernd: „Nein, leider, auch sie überlebt nicht. Das Leben ist hart! Hart wie eine Schuhsohle.“

(Alle Texte mit spezieller Erlaubnis zur Veröffentlichungen aus «Mein Vater, der Vogel»)

Christian Futscher «Mein Vater, der Vogel», Czernin, 2021, 160 Seiten CHF 30.90, ISBN 978-3-7076-0728-4

Christian Futscher, geboren 1960 in Feldkirch, Studium der Germanistik, lebt seit 1986 in Wien, wo er u. a. Pächter eines Stadtheurigen war. 1998 erfolglose Teilnahme beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt, dafür 2006 Publikumspreis bei der «Nacht der schlechten Texte» in Villach. 2008 Gewinner des Dresdner Lyrikpreises. 2014 österr.-ungarisches Austauschstipendium. Seit 2010 Verfasser von Schulhausromanen mit Schulklassen. 2015 Aufenthaltsstipendium in Schloss Wartholz und 2016 in Winterthur.

Rezension von «Mein Vater, der Vogel» mit Interview auf literaturblatt.ch

Buchtaufe von «Kapitulation» von und mit Michèle Minelli

Auf der Bühne des Literaturhauses leuchteten Blumen und durch das offene Fenster hörte man Vögel pfeifen. Von Idylle erzählt Michèle Minellis neuer Roman «Kapitulation» nicht. Viel mehr von den Kollateralschäden eines nicht enden wollenden Geschlechterkampfs, mehr oder minder gescheiterter Lebensentwürfe und permanenter Missverständnisse, wie sich Wirklichkeit abbilden sollte.

Eine Handvoll Frauen, die sich nach vielen Jahren wieder treffen sollen, lebten damals für einige Wochen zusammen auf der Mittelmeerinsel Krk, eingeladen von einer Stiftung, sie alle voller Perspektiven und Hoffnungen auf ein Leben als Künstlerinnen. Die Initiatiantin von damals will die Frauen noch einmal zusammenkommen lassen, in Zürich, hergeholt aus ganz verschiedenen Lebensumständen.
Damals glaubten alle auf Krk an eine grosse Zukunft, alles sei offen. Um jetzt, nicht einmal zwei Jahrzehnte später, festzustellen, dass man kapituliert hatte, kapitulieren musste.

In den ersten 200 Seiten begleitet man die Protagonistinnen durch die zwei Tage vor dem ominösen Treffen in Zürich. Michèle Minelli webt einen dichten szenischen Teppich, bis sie sich treffen und aus dem kammerspielartigen Treffen bei gedämmtem Licht eine Katastrophe zu werden droht.

In einem Gespräch, das Adrienne Rytz-Bonnet, die ehemalige Präsidentin der Stiftung führt, fällt der Satz „Wenn eine Frau will, kann sie heute alles erreichen.“ Was sich ein grosser Teil der Gesellschaft wie ein Mantra vorsagt, widerspricht sich ausgerechnet in der Kulturszene, in der es  «Gockel» zuhauf gibt.

„Ich habe keine Kraft mehr, neben Männern funktionieren zu müssen, die menschlich Sosse sind.“

Blumen für zwei Bücher: «Kapitulation» und «Chaos im Kopf»

Mag sein, dass die Lektüre für den einen oder anderen (Mann) als Kampfschrift liest. «Kapitulation» ist aber alles andere als eine Abrechnung, sondern eine schonungslose Analyse dessen, was sich nicht leugnen lässt.

«Im Mai 2012 schlugen einst Blicke auf dem Gallusplatz in St.Gallen Brücken. Diese tragen heute noch. Herzlichen Dank für deine Einladung ins Literaturhaus – zum Glück verstecken die Masken nur die Münder!»
Michèle Minelli

Rezension von «Kapitulation» auf literaturblatt.ch

Rezension von «Chaos im Kopf» auf literaturblatt.ch

Das weitere Programm im Literaturhaus Thurgau

Beitragsbilder © Lauro Zanabria

Hans Platzgumer «Bogners Abgang», Zsolnay

Eine Kreuzung mitten in der Stadt, mitten in der Nacht. Ein Auto fährt einen Mann, der mit einem Mal aus dem Dunkel auftaucht, von der Strasse. Was nach einem Unfall aussieht, wird zur Tragödie. Wer trägt die Schuld für das, was passiert? Wer fällt das Urteil?

Andreas Bogner ist Künstler und lebt in Innsbruck, verheiratet und doch mehrheitlich allein in seiner grosszügigen Atelierklause über dem Gewusel der Stadt. Dass ihm der Erfolg als Künstler nicht an den Fersen klebt, erklärt sich Bogner zum einen an seinem fehlenden Existenzkampf, der Tatsache, dass er seinen Lebensunterhalt nicht erstreiten muss, weil ihm sein Vater Mittel genug hinterlassen hatte. Zum andern glaubt Bogner, dass man ihn nicht verstehen will, seine Kunst, seine Sprache, obwohl er sich aus seiner Sicht doch ziemlich deutlich von der regionalen Kunstszene absetzt. Gefüttert wird seine Ansicht durch Schreiberlinge wie den selbstherrlichen Kunstkritiker Kurt Niederer, der ihn immer wieder geflissentlich vorführt und ihn zu einem Exemplar oberflächlicher und selbstherrlicher Möchtegerngenies macht. Kein Wunder, dass es Andreas Bogner am wohlsten ist in seinem Atelier, wo er weder auf das Klingeln der Haustür noch auf die Anrufe seiner Frau reagiert. Dort in jenen vier Wänden ist der einzige Ort, an dem man ihm sein Leben, seine Existenz, sein Tun, seine Kraft, seinen Rausch nicht streitig macht.

Bis zu jenem verhängnisvollen Tag, an dem er während Stunden an einer Zeichnung arbeitet, einem Portrait einer Walter PPK 7,65 mm, einer Pistole aus dem Waffenschank seines Schwiegervaters, den er lange genug bearbeiten musste, bis dieser ihm widerwillig die Waffe für einige Tage im Atelier überliess. Bis er an diesem Abend per Zufall eine Sendung im Radio hörte, in der der Kunstkritiker Kurt Niederer, sein ganz persönlicher Scharfrichter, zum Todesstoss gegen ihn den Künstler ausholte. Bis er die Waffe entgegen allen Versprechungen seinem Schwiegervater gegenüber packte und sich in der angebrochenen Nacht auf der anderen Strassenseite von Niederer Stammlokal in Stellung brachte.

Hans Platzgumer «Bogners Abgang», Zsolnay, 2021, 134 Seiten, CHF 30.90, ISBN 978-3-552-07204-6

Nicola Pammer studiert in Innsbruck Deutsch auf Lehramt. Eigentlich kommt sie aus Bregenz und fühlt sich alles andere als wohl in der Stadt am Inn. Noch viel weniger in der lauten WG und dem winzig kleinen Zimmer, dass sie nur mit Stöpseln in den Ohren bewohnen kann. Wenn immer möglich fährt sie an den Wochenenden zurück in die Stadt am See, zu ihren Eltern, in das Leben, das sie ursprünglich dachte, hinter sich lassen zu können. Bis zu diesem einen Abend, als sie sich zu einer Party überreden lässt und das eine oder andere Glas zu viel trinkt. Als sie sich dann doch hinter das Steuer des Autos ihrer Mutter setzt und glaubt, es wäre eine gute Idee, die leeren Strassen, die kaputte Stadt hinter sich zu lassen. Bis ein Rumps durch den alten Ford Fiesta geht und sie im gleichen Moment weiss, dass sie jemanden angefahren hat, kurz das Auto stehen lässt, um dann doch wegzufahren, nicht auszusteigen, nicht zu helfen, nicht zu tun, was ihre Pflicht gewesen wäre. Sie fährt zu ihrer Mutter. Und weil sie die Schuld nicht allein auf ihren Schultern tragen kann, erzählt sie der Mutter, warum sie keine Ruhe mehr findet, warum sie es nicht mehr für sich behalten kann. Erst recht, als in den Nachrichten berichtet wird, dass ein bekannter Journalist und Kunstkritiker mitten in der Nacht angefahren wurde und am darauf folgenden Tag im Spital seinen Verletzungen erlag.

Hans Platzgumer verwebt Leben, die sich sonst nie ineinander verhakt hätten. Er lässt Leben eskalieren, Leben entgleisen. Platzgumer konfrontiert mich mit den kleinen und grossen Grausamkeiten des Lebens, der Willkür des Schicksals, den Tiefschlägen des Zufalls. Alles kippt in einem winzig kurzen Augenblick. Was vorher fest verankert und tief verwurzelt schien, ist mit einem Mal im freien Fall. „Bogners Abgang“ ist kein Krimi, auch wenn da eine Waffe knallt, auch wenn ein Verzweifelter in der Genueser Unterwelt kiloweise Trockeneis besorgt, wenn eine Mutter mit voller Absicht ihren Fiesta gegen die Wand fährt und den Wagen für einen Tausender an einen Autohändler vertickt, nur um ihre Tochter vor den Fängen der Justiz zu schützen. Hans Platzgumer zeigt, wie dünn das Eis ist, wie schmal der Grat, wie bröcklig das Fundament. Wie tief uns Eitelkeiten und Ängste hinabstossen können und wie schnell der freie Fall Fahrt aufnimmt.

Man fällt tief ins Buch!

Interview

Irrtümlicherweise, reflexartig begann ich den Brief mit der Anrede „Herr Bogner“. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Platzgumer und Bogner nahe beieinander sind. Bogner ist ein introvertierter, von sich überzeugter Künstler und Einzelgänger. Ein Mann, in dessen Atelier alles seinen Platz hat, alles wohlgeordnet ist. Selbst in seinem Schaffen versucht er Ordnung herzustellen. Und dann wirft ihn das scheinbar vernichtende Urteil eines selbsternannten Kunstkenners aus der Bahn, vollends aus dem Gleichgewicht. Gibt es Kunst nur um seiner selbst Willen? Wer in der Kunst kann sich der Kritik entziehen? Nicht einmal die Kritik selbst.

Lustig, dass Sie mich fast als Bogner angeredet hätten. Ich bin froh, dass ich nicht er bin. Auch tauge ich nicht als Vorbild für diese Figur. Sie ist aber nahe an dem einen oder anderen bohémen Kollegen angesiedelt, den ich kenne. Diese Bogners da draussen haben es nicht leicht. Sie stellen ihr eigenes Schaffen über alles andere und werden von narzisstischen Empfindungen umgetrieben. Das daraus resultierende Achterbahnleben zwischen Kränkungen, Enttäuschungen und kurzen euphorischen Momenten ist schwer auszuhalten – vor allem für empfindsame Seelen, die sie bei aller Eitelkeit noch dazu sein müssen, um ihr Werk zu produzieren.

Kunst um ihrer selbst Willen ist nicht auszuhalten. Andererseits liebe ich eine Kompromisslosigkeit in der Kunst und fordere diese tatsächlich ein. Verschreibt sich ein Kunstschaffender wiederum voll und ganz, vollkommen nackt und ungeschützt seinem Werk, wird es schwer für ihn, mit Kritik vernünftig umzugehen. Er positioniert sich ja von vornherein schon jenseits der Vernunft. Gebeutelte und zerstörte Künstlerseelen entstehen daraus. Ich bin froh, für mich selbst die notwendige Distanz zum eigenen Werk gefunden zu haben. Das erspart mir viel Leid und Ärger. Dem Bogner bleibt nichts erspart.

Ist „Bogners Abgang“ Kritik an der Selbstgefälligkeit?

Das Buch zeigt jedenfalls, wohin ein egozentrisches Dasein führen kann und auch, wie leicht eine derartig veranlagte Person verletzt werden kann. Selbstherrlichkeit versucht fehlende Selbstsicherheit zu kompensieren. Wer diesen Dämon in sich nicht in den Griff bekommt, dessen Leben ist zu grossen Teilen eine Hölle. Kein errungener Erfolg kann jemals Erfolg genug sein. Narzissten sind niemals glückliche Menschen.

Nicola Pammer ist eine stille, stets rücksichtsvolle, junge Frau. Einmal über die Stränge geschlagen, wirft sie der Zufall völlig aus der Bahn. Da nützt auch der Beschützerinstinkt der Mutter nichts. Ist es symptomatisch, dass das Übel dort am heftigsten zuschlagen kann, wo eine reine Seele nicht damit rechnet?

Ich bezweifle, dass es reine Seelen gibt. Auch Nicola ist nicht unschuldig. Sie ist eine angenehmere Zeitgenossin als der Bogner, aber auch sie hat Abgründe. Das Schicksal schert sich meist nicht um die Gerechtigkeit. Nicht jeder bekommt, was er verdient. Doch bei allem Mitleid mit Nicola, Bogner zieht letztendlich keine bessere Karte. Ich persönlich würde lieber wie Nicola, nicht wie Bogner aus dieser Geschichte herausgehen.

Bogner wünscht sich mehr als die Wirklichkeit, die das Leben generiert. Selbst in seinem Wunsch, die Todeserfahrung zu illustrieren, muss sich Bogner der Banalität beugen. Ist Kunst der Kampf gegen die Banalität?

Kunst ist sicherlich Ausbruch aus der Banalität. Gerade in Coronazeiten, in denen wir mit viel weniger Kunsterlebnis auskommen müssen, merken wir das. Kunst stilisiert, überhöht, sie macht aus dem Natürlichen das Künstliche. Verlässt sie die rein unterhaltende Ebene, kann sie unsere Sichtweise auf Dinge verändern. Im besten Fall ist Kunst Zauberei. Sie kann uns den Boden unter den Füssen wegziehen. Sie kann uns uns selbst verlassen lassen. Sie kann Wahrheiten verdrehen, ausschmücken oder auch überhaupt erst erfahrbar machen. Somit trägt sie auch eine grosse Verantwortung in sich.

Nebst unzähligen Tonträgern, die Sie seit bald 35 Jahren komponieren, produzieren und einspielen, vielen Theater- und Hörspielarbeiten, einer Oper und Soundtracks ist Ihre Karriere als Schriftsteller die jüngste. Schwingt beim Schreiben immer ein Soundtrack mit? 

Nein. Ich schreibe immer im Trockenen, vollkommen unbeeinflusst von Musik. Ich steuere auch im Nachhinein gar nicht gern den Soundtrack zu meinen eigenen Texten bei (wie ich es zB. bei der Hörspielinszenierung von «Am Rand» gemacht habe). Geschriebene Sprache muss erstmal ohne Score auskommen können.

Sofern es aber zu Bogners Abgang einen Soundtrack gibt, ist dieser bereits mit einem der beiden vorangestellten Zitate gelegt.

Schwirrt Ihnen bei so viel offenen Baustellen nicht manchmal der Kopf?

Ja, vielleicht, aber wem schwirrt nicht oft der Kopf? Ich kann mich zu 100 Prozent in eine momentane Arbeit hineinfallen lassen. Wenn ich etwas mache, bin ich voll und ganz auf diese eine Sache konzentriert. Ich verschwinde in ihr. Erst wenn sie erledigt ist oder ich erschöpft pausieren muss, treten die anderen Dinge wieder zurück in mein Leben.

Was tut Hans Platzgumer, wenn er die Nase voll hat?

Meditieren. 2x täglich. Das hilft mir, die nötige Gelassenheit wiederzuerlangen.

Erzählen Sie von einem Buch, das Sie in jüngster Vergangenheit aus den Socken gehauen hat?

George Saunders «Lincoln im Bardo». So eine Idee möchte ich einmal haben – und die Fähigkeit, sie so umzusetzen. Ein Jahrhundertbuch.

© Alex Eizinger

Hans Platzgumer, geboren 1969 in Innsbruck, hat mit seinem Diplom der Wiener Musikhochschule in der Tasche in vielen Teilen der Welt gelebt und mit vielzähligen Projekten seit 1987 auf sich aufmerksam gemacht. Nach dutzenden Alben auf internationalen Labels und weltweiten Auftritten verlagerte er seit den 00er Jahren den Schwerpunkt seines künstlerischen Schaffens hin zur literarischen Arbeit. Seit seinem Debütroman 2005 sind zehn Bücher erschienen.
In den 90ern wurde Hans Platzgumer für einen Grammy nominiert, 2016 für den deutschen Buchpreis.

Rezension von «Am Rand» auf literaturblatt.ch

Webseite des Autors

Beitragsbild © Sandra Bellet

Michael Kleeberg «Glücksritter. Recherche über meinen Vater», Galiani

Die Frage nach dem Woher und Wohin wird wohl in keinem Moment mehr gepusht, als dann, wenn Väter und Mütter sterben. Wenn es unmöglich geworden ist, Fragen direkt zu stellen. Wenn Wohnungen und Häuser geräumt werden und mit einem Mal nackte Mauern stehen, wo einst Geschichte lebte. Michael Kleeberg, grosser Romancier und Essayist, wäre nicht Michael Kleeberg, wenn er den Tod seines Vaters so einfach hinnehmen würde. „Glücksritter. Recherche über meinen Vater“ ist ein direktes, aber liebevolles Buch über einen Vater, der erst durch den Tod in wirkliche Nähe rückte.


„Glückritter. Recherche über meinen Vater“
Lesung mit Gespräch im Literaturhaus Thurgau,
Donnerstag 6. Mai 2021, 19:30 Uhr.
Wir bitte Sie um Anmeldung unter diesem Link.

Ich begegnete Michael Kleeberg zum ersten Mal 2002, als er mit seinem Roman „Der König von Korsika“ Gast bei den Solothurner Literaturtagen war. Damals hatte ich aber ein anderes Buch von ihm in meiner Tasche, das ich unbedingt signiert haben wollte, weil es damals wie heute eines jener Bücher ist, die meine Lesebiographie nachhaltig beeinflussten. Ein Buch, das in meiner Bibliothek zu den „Überbüchern“ zählt und mit der Widmung des Autors zur Reliquie: „Ein Garten im Norden“, ein modernes Märchen mitten in der Gegenwärtigkeit. Ein junger Mann bekommt von einem Antiquar ein leeres Buch geschenkt. Mit dem Buch verspricht er ihm: „Was immer Sie hineinschreiben, wird Wirklichkeit geworden sein, wenn Sie das Buch beendet haben.“

Mit „Glücksritter. Recherche über meinen Vater“ ist Michael Kleeberg vielleicht genau diesem Versprechen ein bisschen näher gekommen. Denn wer sich in der Art wie der Autor mit dem Leben und der Herkunft seiner Eltern, seines Vaters auseinandersetzt, muss der Wirklichkeit unweigerlich näher kommen. So wie ich selbst trägt jeder ein Bild seines Vaters mit sich herum, Erinnerungen und scheinbare Tatsachen, die über Jahrzehnte zementieren, einem glauben machen, man würde jene kennen, in deren Familie man geboren wurde. Es baut sich über ein Leben lang Stein auf Stein, eine Fassade, hinter die man aber aus Respekt, Furcht, Desinteresse oder zu grosser Distanz gar nicht zu schauen vermag. Eine Fassade, die aber Schatten wirft, einen Schatten, der bleibt, auch wenn der Tod vieles mit sich reisst.

Michael Kleeberg „Glücksritter. Recherche über meinen Vater“, Galiani, 2020, 240 Seiten, CHF 30.90, ISBN 978-3-86971-140-9

Michael Kleebergs Recherchebuch über seinen Vater beginnt mit einer Geschichte aus den letzten Lebensjahren seines Vaters. Wie oft, wenn der Erzähler mit seiner Familie in die Ferien fährt, hütet der achtzigjährige Vater das Haus. Nach der Rückkehr durch einen beunruhigenden Mailwechsel wird offenbar, dass der Vater Opfer eines Trickbetrügers wurde, der ihm ganz offensichtlich mit dem Versprechen vom grossen Geld mehrere tausend Euro abknöpfen konnte. Er macht sich auf zu seinem Vater, seiner Mutter, stellt ihm Fragen, die brennen, weil der Sohn genau weiss, dass die alten Eltern finanziell nicht auf Rosen gebettet sind. Aber bei der Konfrontation wird klar, dass ein Sohn kein Freund ist. Dass sich gewisse Fragen als Sohn nur ganz schwer oder gar nicht stellen lassen.

Der Tod seines Vaters und die Geschichte um das in den Sand gesetzte Ersparte seiner Eltern, die Räumung einer Wohnung und die verschwiegene Demenz seiner Mutter werden die Ausgangspunkte einer Suche nach dem Woher. Der Vater, in den letzten Jahren des Krieges vierzehn, erlebt die Gräuel einer Kapitulation, die Vertreibung von seinem Zuhause, Jahre in einem Lager und den wechselvollen Aufstieg im Nachkriegsdeutschland. „Glücksritter. Recherche über meinen Vater“ ist ein Buch über einen glücklosen Vater, einen Mann, der ein Leben lang dem Glück hinterherritt, der sich von der grossen Geschichte und seiner eigenen Geschichte verraten fühlte. Von einem Mann, dem das Geld und Status das Wichtigste war und unbedingt wollte, dass sein einziger Sohn dereinst ein Doktor werden sollte. Von einem Mann, der die Geschichte nach seiner Fasson zu drücken wusste und sich nie den Tatsachen der Geschichte stellte. Von einem Mann, der ihm die Liebe zur Fantasie schenkte, der ihm Geschichten erzählte ohne sich je der eigenen Geschichte zu stellen.

„Glückritter. Recherche über meinen Vater“ ist keine Abrechnung, sondern eine Liebeserklärung.

Michael Kleeberg, geboren 1959 in Stuttgart, lebt als Schriftsteller und Übersetzer (u.a. Marcel Proust, John Dos Passos, Graham Greene, Paul Bowles) in Berlin. Sein Werk (u.a. «Ein Garten im Norden», «Karlmann», «Vaterjahre», «Der Idiot des 21. Jahrhunderts») wurde in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt. Zuletzt erhielt er den Friedrich-Hölderlin-Preis (2015) und den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung (2016). 2020 erschien sein Buch «Glücksritter. Recherche über meinen Vater».

Webseite des Autors

Beitragsbild © leafrei.com / Literaturhaus Thurgau

Ruth Loosli «Mojas Stimmen», Caracol

Wenn eine Familie auseinanderzubrechen droht. Ruth Looslis Debüt beschreibt den schmalen Grat zwischen Selbstzerstörung und Verzweiflung all jenem gegenüber, das einem aus der Hand genommen wird. Die Geschichte einer Mutter und ihrer Tochter, die sich wie ein Doppelgestirn aus der Gravitation des Normalen entfernt.

Moja schien das Leben im Griff zu haben, machte Matura, ging in einem Zwischenjahr auf Reisen und begann danach ein Studium, das sie wohl abbrach aber nichts desto trotz einen sicheren Stand als Pflegehelferin in einem Heim fand. Dass sie mit dreizehn ihren Vater durch einen Unfall verlor, ihre Mutter damals eine Auszeit nehmen musste und Moja bei Nachbarn unterbrachte, dass sich Moja damals mit Canabis zu trösten begann, schien alles überwunden. Bis es Moja eines Morgens nicht mehr schaffte, ihre Wohnung zu verlassen. Bis sie sich krank schreiben liess. Bis sie sämtliche Kontakte sausen liess, bis auf jene zu ihrer Mutter Paula und ihrem Bruder Jonas.

Ruth Loosli «Mojas Stimmen», Caracol, 2021, 224 Seiten, CHF 24.90, ISBN 978-3-907296-05-9

Paula und ihre Tochter Moja wohnen in der gleichen Stadt. Was anfänglich wie eine Krise aussieht, etwas, aus dem man sich selbst am Schopf herausziehen kann, etwas, das wie eine lang andauernde Dürre irgendwann vorbei sein muss, schiebt sich immer mehr in eine Sphäre, die sich jedem Zugriff, jeder Beeinflussung, jeder Hilfe verweigert. So schwer es für die 25jährige Moja wird, sich in ihrem Leben zurechtzufinden, eine Ordnung zu finden, Halt und Struktur, so schwer ist es für ihre Mutter Paula, die nicht akzeptieren will und kann, dass ein Problem sich jeder Lösung entzieht, dass man nicht in die Hände spucken und die Sache angehen kann, dass man akzeptieren soll, was aus der Distanz unweigerlich an einem Abgrund zu stehen scheint, unmittelbar vor der Vervielfachung einer schwelenden Katastrophe.

Moja hört Stimmen, verschiedene Stimmen. Stimmen, die viel mehr zu zählen scheinen als ihre eigene und die ihrer Mutter. Stimmen, die Moja immer mehr von der Welt abkoppeln, in denen sie sich verliert. Moja schliesst sich in ihrem Zuhause ein. Selbst die Kontakte zu ihrer Mutter und ihrem Bruder, die die einzigen geblieben sind, denen sie sich phasenweise öffnen kann, unterbindet sie immer öfters. Sie zahlt keine Rechnungen mehr, die Versicherungen verweigern weitere Unterstützung, der Kühlschrank bleibt leer, Kleider bleiben in der Wohnung liegen und Anrufe und Mitteilungen auf dem Mobilphone unbeantwortet. Nur die Glimmstängel scheinen die einzige Form von Wärme zu sein, die sie zulässt, die ihre Leere wärmen.

Irgendwann wird die Not so gross, dass der einzige Ausweg darin besteht, Moja in eine staatliche Institution einzuweisen, der sie sich aber nur widerwillig ergibt und letztlich nur eine Verschnaufpause für die gebeutelte Mutter bedeutet. Ein kleiner Funken Hoffnung, eine Spur Perspektive, auch wenn sich Paulas Tochter jeder Annäherung durch das Pflegepersonal verschliesst, ausgerechnet sie, die doch auch einmal als Pflegende in einem Heim arbeitete.

Ruth Loosli leuchtet auf beeindruckende Weise hinein in eine Welt, die von der Diagnose Schizophrenie dominiert wird, von der Einsicht, dass nicht klar ist, was zum Ausbruch einer solchen Krankheit führt und wie der Weg aus dem Labyrinth dieser Krankheit zu finden ist. Wie einem als Mutter die Hände gebunden sind, wie sehr man versucht ist, die Fehler bei sich selbst zu suchen. Wie diese Krankheit alles dominiert und einem aus der gewohnten Umlaufbahn zu katapultieren droht. Wie die Sehnsucht nach Nähe und der Wunsch doch nur helfen zu wollen, alles in ein klebriges Loch stösst, aus dem weder Tochter noch Mutter aus eigener Kraft herausfinden.

„Mojas Stimmen“ ist ein durchaus gewagter Roman über Themen, die durch zu viel Nähe und Emotionalität schnell abgleiten könnten. Aber Ruth Loosli gelingt es, sich schreibend in eine sprachliche Nähe zu bringen, die wohl viel Emotionalität zulässt, aber immer jenen erzählerischen Abstand wahrt, den es braucht, um den Erzählsog von aussen zu erzeugen. „Mojas Stimmen“ ist eine starke Stimme! Ein Stimme, die sich bis in die eingefügten Schreibbilder der Autorin manifestiert!

Interview

Auf dem Titelbild deines Romans steht eine Steinfigur am Ufer eines Bachs. Stein ist fest, der Untergrund ist fest. Und doch braucht es nur einen Schups von aussen und alles zerfällt. Von allein richtet sich die Figur niemals mehr auf. Beginnt nicht genau dort die Krux vieler Krankheiten der Psyche?
Vielleicht müsste man sich aber auch fragen, ob der vermeintlich feste Untergrund nicht vielleicht doch Risse hat, ob die feste Schicht zu dünn ist, um längerfristig zu tragen. Dasselbe bei der Figur: Jeder Stein für sich ist zwar fest, aber dort, wo die Steine aufeinandergestellt werden, zittert man unwillkürlich ein bisschen. Nichts hält sie aufeinander als ein sorgfältig geprüftes Gleichgewicht, das jederzeit – von einem leichten Beben – einem stärkeren Wind, gestört werden kann. Tatsächlich wird sich die Figur, einmal zerfallen, nicht mehr von alleine aufrichten. Ob das Bild dann aber für die Krankheiten der Psyche zu verwenden ist? Würde man die psychischen Krankheiten vermehrt als «seelische Krise» bezeichnen, wäre im Wort «Crisis» auch der «Wendepunkt» zu erkennen. Und darin vielleicht die berühmte «Chance» – aber tatsächlich braucht es manchmal Jahre, um wieder neuen Boden zu finden oder ein Leben geht zu Ende, weil eine Krise, ein schwankender Boden nicht auszuhalten ist.

Paula will ihrer Tochter bloss helfen. Etwas, was man als Mutter oder Vater meistens noch kann, wenn die Kinder noch zuhause in der Verantwortung der Eltern stehen. Ein Wunsch, der unmöglich und selbstzerstörerisch werden kann, wenn die Kinder erwachsen, selbstbestimmt (oder auch fremdbestimmt) sind. Kann Mutter – oder Vaterliebe zerstören?
Persönlich würde ich das eher verneinen. Aber aus Fallbeispielen, aus Filmen und auch aus der Literatur wissen wir, dass elterliche Liebe zerstörerische Züge haben kann. Dann aber zerstört der betroffene Elternteil in der Regel auch sich selbst, in letzter Konsequenz.

Alles in unserem Leben muss funktionieren. Paula ist kurz vor 60. Sie muss funktionieren. Moja ist 25, hat eine Wohnung, einen Job. Sie muss funktionieren. Jonas, Mojas älterer Bruder, funktioniert. Bis alles zu kippen droht. Ist Schreiben der Versuch, eine Ordnung in das drohende Chaos des Lebens zu bringen?
Ja, ich finde jede schöpferische Tätigkeit trägt diesen Versuch, Ordnung zu schaffen in sich. Das kann auch bedeuten, eine Wand neu zu streichen, ein Bild zu malen, zu singen, ein Gartenbeet bepflanzen. Mein Schreiben hat auf jeden Fall damit zu tun, die Übersicht über mein Leben behalten zu wollen. Einige Dinge und Begebenheiten zu verstehen, zumindest im Rückblick. Denn Schreiben ist immer auch Nachdenken über sich selbst, häufig im Spiegel der anderen, der gesellschaftlichen Entwicklung. Auch in meinen Gedichten ist dieses Verstehen und Ordnen wollen bestimmt erkennbar.

Eine typisch mütterliche Reaktion auf Lebenskrisen der Kinder ist die Suche nach eigenen Versäumnissen, nach Fehlern in der Erziehung, dem eigenen Versagen. Man mache als Vater oder Mutter täglich 10 Fehler meint eine Studie. Leiden wir unter einer fehlgeleiteten Fehlerkultur?
Das kann man sicher so sehen. Ich bin selber auch so erzogen worden und aufgewachsen. Fehler gab es zuhauf, Lob und Anerkennung selten. Es braucht eine Balance von Beidem. Grundsätzlich ist eine wertschätzende Haltung, die Fehler akzeptiert, analysiert, aber nicht hervorhebt, eine wahre Förderung von Lebendigkeit und einem gesunden Vertrauen in sich und das Leben. Deshalb ist die Begleitung von Kindern so wichtig. Aber auch eine verzeihende Haltung sich selbst gegenüber, wenn man erwachsen ist und vielleicht selber auch erwachsene Kinder hat, die ihren eigenen Weg finden müssen.

„Ich bin sprachlos. Ich kann es nicht fassen“, sagt Paula, als eine Nachbarin von ihrem Schicksal erzählt. Ist das der Unterschied zur Literatur, die nie sprachlos wird? Literatur ist Aufbruch.
Wird Literatur nie sprachlos? Du meinst, nur weil der Literatur die Sprache als Material zur Verfügung steht, kann sie gar nicht sprachlos werden? Ein interessanter Gedanke. Dass Literatur Aufbruch bedeuten kann, dem stimme ich gerne und ohne Widerrede zu. 

Ruth Loosli, geboren 1959 in Aarberg (Seeland), wo sie aufgewachsen ist. Sie hat drei erwachsene Kinder und ist ausgebildete Primarlehrerin. Seit einigen Jahren lebt und arbeitet sie in Winterthur. Sie veröffentlicht in Anthologien und Literaturzeitschriften. Ein erster Gedichtband «Aber die Häuser stehen noch» erschien 2009. Es folgte im Wolfbach Verlag (DIE REIHE, Band 5) 2011 «Wila, Geschichten»; dieser Band wurde mittlerweile auf Französisch übersetzt. Weiter ist 2016 der Lyrikband «Berge falten» im selben Verlag erschienen. 2019 veröffentlichte der Waldgut Verlag den Lyrikband «Hungrige Tastatur».

Lyrik von Ruth Loosli auf der Plattform Gegenzauber

Webseite der Autorin 

Beitragsbild © Vanessa Püntener

David Weber «Schwarzlicht», Knapp

Der Schweizer Autor David Weber legt seinen dritten Roman «Im Schwarzlicht» vor, in dem es um Abgründe in der Kunst und der Liebe geht. Der Philosoph Spinoza spielt darin eine wichtige Rolle. Der Autor erklärt die Hintergründe dazu.

«Malen ist befreiender.»
von Urs Heinz Aerni

Urs Heinz Aerni: Im ersten Roman «Kral» dreht sich eine Liebesgeschichte um die Raumplanung Schweiz, im «Reduit» zerbröselt ein Beziehungsgeflecht an einem Geschäftsmodell mit Überlebensbunkern und im Roman «Im Schwarzlicht» betreten Sie die Welt der Raubkunst umrankt mit einer zerstörerischen Liebe. Wenn Sie ein neues Buch beginnen, was ist denn als erstes da, die Kulisse einer Liebe oder der gesellschaftliche Aspekt?

David Weber: Im Falle dieses Romans war beides gleichzeitig da. Andys zerstörerische Liebe und der zerstörerische Sog eines Kunstwerks, dem Ludmilla verfällt.

Das klingt nach einem persönlichen Moment als initialem Auslöser…

Richtig. Es begann mit einem Zufall, ähnlich wie ihn Andy Heim, der Hauptprotagonist, erlebt. In einem menschenleeren Atelier traf ich auf ein Bild, das mich faszinierte. Davor lag ein Ausstellungskatalog mit dem Porträt einer Frau. Ich nahm an, dass es die Künstlerin sein müsse. Diese zwei Dinge haben eine Gedankenspirale ausgelöst. Am nächsten Tag wusste ich, dass ich über eine verrückte Liebe und ein magisches Gemälde schreiben würde.

«Im Schwarzlicht» beginnt mit einem Prolog à la James Bond mit einer Auktion die mit Kopfschütteln über den gebotenen Betrag endet. Wann beginnen Sie mit der Dramaturgie, wenn die Geschichte schon steht, oder…?

Der Roman hat Züge eines Thrillers. Da muss der Plot stimmen, der kann nicht erst während des Schreibens entstehen. Aber ich lasse mich immer wieder überraschen. Anfang und Schluss des Buches waren so nicht geplant. Die Story würde auch ohne funktionieren, aber das Ende wäre zu abschließend gewesen. Jetzt verweist der Prolog auf den Schluss, so entsteht eine Art Bilderrahmen, zwischen dem sich die Geschichte entfaltet.

Die Figur Andy Heim verliert sich, das eigene familiäre Leben zerstörend, in das Charisma der Künstlerin Ludmila Borodin. Wird zum Geliebten, deren Muse ja Sklave. Ein gendergerechter Umkehrschub als Hommage der weiblichen Musen in der Kunstgeschichte?

David Weber «Im Schwarzlicht», Knapp Verlag, 2021, 390 Seiten, CHF 29.00, ISBN 978-3-906311-76-0

So habe ich das nicht gesehen, aber man kann selbstverständlich aus der Besonderheit, dass Andy zum männlichen Aktmodell wurde, diesen Schluss ziehen. Tatsächlich sind es vor allem weibliche Musen, die Geschichte geschrieben haben. Vermutlich, weil die Kunstgeschichte bis Ende des 20. Jahrhunderts von Männern dominiert wurde. Mir ging es darum, Ludmilla als starke, skrupellose Persönlichkeit zu zeigen, die sich nimmt, auf was sie Lust hat. Insofern sind die üblichen Geschlechterrollen vertauscht.

Was ganz anderes, Sie rhythmisieren Ihren Erzählstil, in dem Sie bei Dialogen auf Anführungs- und Schlusszeichen verzichten und auch den Umbruch des Layouts entsprechend so gestalten, dass pro Zeile manchmal nur ein Wort steht. Wie kam es dazu?

Es hat mit Abstraktion und Rhythmus zu tun. Der Fluss wird besser und der Text beginnt zu atmen. Der Satzbau ist natürlich auch ein Mittel, um Spannung zu erzeugen.

Interessant sind die gewählten Namen Ihrer Figuren. Die Künstlerin, die mit ihrer Verführungskunst und krimineller Energie zur Falle der Hauptfigur wird, heißt Ludmilla Borodin. Die russische Geschichte ist voll mit diesem Namen, von Komponisten, Banker über Fußballer oder Revolutionären.

Ich habe den Namen beim russischen Komponisten Alexander Borodin geliehen. Der Name musste klingen und zweifelsfrei russisch tönen. Dafür gibt es eine Bewandtnis, die erst gegen Ende der Geschichte aufgelöst wird.

Auch in diesem Roman spielen Sie das Spiel zwischen kleinbürgerlicher Provinz und große weite Welt, wie Toggenburg und Russland, was einen leichten ironischen Unterton erklingen lässt. Absicht?

Es sind die Gegensätze, die Spannung erzeugen. Wie das Glarner Hinterland und Nizza, beides Stationen von Andys Odyssee. Andy und Ludmilla sind gegensätzliche Persönlichkeiten, auch die Welten, in denen sich die beiden Hauprotagonisten bewegen, könnten nicht unterschiedlicher sein.

Durch diese ganze Geschichte führt der berühmte rote Faden durch den Philosophen Spinoza (1632 – 1677), was ein Grund mit für die Lektüre Ihres Romans spricht. Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu diesem Denker beschreiben?

Ich habe mich erst mit Spinoza befasst, als ich für die Figur Andy Heim ein Thema für seine Masterarbeit suchte. Es musste ein Philosoph sein, der ihn überforderte. Mit Spinoza wollte er sich etwas beweisen, aber die «Ethik» verweigerte sich ihm. Erst als er sich dem zweiten bis fünften Teil dieses epochalen Werks zuwandte, erschlossen sich ihm die Lehrsätze. Die Lehre über die Affekte wurde völlig unerwartet zu einem Spiegel seiner Gefühle.

Mit anderen Worten, Sie haben sich mit dem Philosophen zu beschäftigen begonnen, als Sie wussten, dass Ihre Romanfigur über ein Werk Spinozas eine Masterarbeit schreiben wollte?

Kann man so sagen. Für den Roman musste ich mich mit diesem sperrigen Denker auseinandersetzen. Ich habe Philosophiestudenten und einen Philosophen interviewt und wurde tatsächlich gefragt, ob ich eine Masterarbeit über Spinoza schreiben würde.

Ohne zu viel zu verraten, darf erwähnt werden, dass in Ihrem Roman die malende Kunst nicht nur den Kunsthandel antreibt, sondern einen therapeutischen Effekt ausübt. Wie sehen Sie das mit dem Schreiben?

Ich denke, Schreiben eignet sich nicht in dem Mass wie Malen als therapeutisches Medium. Natürlich gibt es Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die ihr Ego mit Schreiben therapieren, aber dann ist die Peinlichkeit nicht weit. Beim bildnerischen Gestalten kann man sich mehr von der eigenen Person lösen. Insofern wirkt Malen befreiender.

Inspirationen generieren neue Objekte. Wie ist es in der Literatur? Bei der Lektüre erinnert man sich an den Roman «Athena» von John Banville, in dem sich ein Gutachter ebenfalls in eine Frau verliebt und sich deshalb im Kunstraub verheddert. Wie wichtig ist für Sie literarische Inspiration?

Natürlich gibt es die literarische Inspiration, ich lese viel, aber John Banville kenne ich nicht. Ich werde «Athena» nachholen. Ansporn, einen Thriller zu schreiben, war «Ruhelos» von William Boyd. Im Hinterkopf war das Werk vorhanden, als ich erste Skizzen zu «Im Schwarzlicht» entwarf. Thematisch ist es völlig anders gelagert, aber die Hauptrolle spielt ebenfalls eine starke Frau. 

«Nichts ist da, aus dessen Natur nicht eine Wirkung erfolgte» laut Spinoza. Welche Wirkung würden Sie sich für Ihre Leserinnen und Leser wünschen?

In erster Linie sollen sie sich gut unterhalten, sie sollen überrascht werden, das Buch verschlingen. Erste Feedbacks zeigen, dass Leserinnen und Leser Anteil an Andy Schicksal nehmen, das ist natürlich erfreulich.

Die Lektüre kann Boden locker machen…

Es gibt auch einige Geschichten in der Geschichte, die neugierig machen und Lust auf mehr wecken. Im Mittelpunkt des Romans steht ein Gemälde, eine Ikone der Kunstgeschichte. Die Legenden, die sich um dieses Mysterium ranken, kann der Leser gerne weiterverfolgen.

David Weber wurde 1952 in Zug geboren, studierte Architektur und befasst sich seit seiner Jugend mit Musik und Literatur. Er lebt und schreibt in Zug und Caccior (Bergell, Graubünden). Im Schwarzlicht ist sein dritter Roman. Bereits erschienen sind Kral (2018) und Reduit (2019).

Ira Cohen (1935 – 2011), zum 10. Todestag des US-amerikanischen Dichters

Am 25. April 2021 vor zehn Jahren starb in New York City der Dichter, Fotograf und Filmemacher Ira Cohen (1935 – 2011). Aus diesem Anlass publiziert das Literaturblatt hier aus Ira Cohens Gedichtband WO DAS HERZ RUHT (Stadtlichter Presse, Wenzendorf 2010) das Poem PEPE LE MOKO / PEPE LE MOKO LEBT. 

Gastbeitrag von Florian Vetsch, Autor, Übersetzer und Herausgeber amerikanischer und deutscher Beatliteratur

PEPE LE MOKO LIVES

for Yasha & Gherasim Luca

I would like to write a poem in French
as if I were a man with only one arm
returning from an alligator hunt
in the sewers of New York
It should be avant-garde as a menu
& could be titled Service Non Compris,
something really soulful
like the howl of a wolf
looking for food in the streets
of Paris during that terrible winter
when François Villon died
The poem should contain the black
lunettes worn by God
to protect Himself from his admirateurs,
O Mon Dieu, a poem without price
written for an audience not for sale,
something unforgettable as white
                                     excrement,
something with panache
and the taste of next year’s
Beaujolais
It should also be practical
as selling chemicals for poison gas
to Saddam Hussein
or arms to both sides
during a civil war in a backward country
                                     like Rwanda
Long live Haute Couture
Like a whore I want to please you
I would like to write a poem in French
which would last forever,
not a button without a buttonhole,
something logical & purposeful,
something mesmerizing & really feminine
                                   with no regrets
like the high kick of a cancan dancer
exposing everything just for fun
Like Boris Vian
I would like to spit on your grave
Artaud, Cocteau, Crapaud
Vive la France
The Power & The Glory
Let there always be injections
of surrealist intelligence
March on   March on
Long live Hemophilia!

 

PEPE LE MOKO LEBT

für Yasha & Gherasim Luca

Gerne schriebe ich ein Gedicht auf Französisch
wie ein Mann, der einarmig
von der Alligatorenjagd aus New Yorks
Kloaken zurückkehrt
Avant-garde sollte es sein wie eine Speisekarte
& sein Titel könnte Service Non Compris lauten
etwas so voller Seele wie
das Heulen eines Wolfs
der auf den Strassen von Paris
nach Fressbarem sucht in jenem fürchterlichen
Winter, als François Villon starb
Das Gedicht sollte die schwarzen
Lünetten besingen, die Gott zum Schutz
vor Seinen Admirateurs trägt
O Mon Dieu, ein unbezahlbares Gedicht
für ein Publikum geschrieben, nicht für den Verkauf
etwas so Unvergessliches wie weisse
                                     Exkremente
etwas mit Panasch
und der Blume vom nächstjährigen
Beaujolais
Ein Gedicht mit so viel Zündstoff
wie wenn man Chemikalien zur Giftgasproduktion
an Saddam Hussein
oder in einem Bürgerkrieg Waffen
an alle verfeindeten Parteien verschachert
in einem rückständigen Land
                                     wie Ruanda
Lang lebe die Haute Couture
Wie eine Hure will ich dich bedienen
Gerne schriebe ich ein Gedicht auf Französisch
eines, das Bestand hat
keinen Knopf ohne Knopfloch
etwas Zweckmässiges & Logisches
etwas Mesmerisierendes & echt Feminines
                                     ohne Reue
wie eine Cancan-Tänzerin ihre Beine hochwirft
& alles ausstellt, ein Heidenspass
Wie Boris Vian
würde ich gern auf eure Gräber spucken
Artaud, Cocteau, Crapaud
Vive la France
Die Macht & Die Herrlichkeit
Niemals soll es an Spritzen
surrealistischer Intelligenz fehlen
Marchons   Marchons
Lang lebe Hämophilia!

aus dem Privatarchiv von Florian Vetsch

Ira Cohen (1935 – 2011) war ein US-amerikanischer Dichter, Fotograf und Filmemacher aus der Post-Beat-Ära. Sein Werk verarbeitet Elemente aus dem Dadaismus, dem Surrealismus, der Beat Culture sowie der ganzen Weltliteratur; Brion Gysin, den Erfinder der Cut-up-Schreibmethode, bezeichnete er als seinen grössten Inspirator. Ira Cohen wuchs in der Bronx von New York City als Kind tauber jüdischer Eltern auf. Er verbrachte die 1960er Jahre in Marokko und Amerika, die 1970er Jahre in Kathmandu, Nepal, dann kehrte er, nach einem dreijährigen Aufenthalt in Amsterdam, nach New York City zurück, wo er bis zu seinem Tod, unterbrochen von vielen Reisen, lebte.

Ira Cohen ist der Inventor der Mylar-Fotografie, einer fotografischen Zerrspiegeltechnik, mit welcher er in seinem psychedelischen Experimental-Streifen THE INVASION OF THUNDERBOLT PAGODA (1968) arbeitete und u.a. Persönlichkeiten wie William S. Burroughs, Pharoah Sanders, Jack Smith oder Jimi Hendrix porträtierte. In der Fulgur Press, New York City, erschien 2019, herausgegeben von Allan Graubard, INTO THE MYLAR CHAMBER, eine umfassende Würdigung von Ira Cohens Mylar-Arbeiten, mit Beiträgen von Ian MacFadyen, Thurston Moore, Ira Landgarten, Alice Farley and Timothy Baum. Cohens Film KINGS WITH STRAW MATS (1998) zeigt Cohen in Hardwar, Indien, zwei Mal an einem Kumbh Mela Festival, dem weltweit grössten religiösen Fest, das nur alle zwölf Jahre stattfindet; der Film kann auf YouTube zur Gänze angeschaut werden.

Cohen wirkte nicht zuletzt als Herausgeber; berühmt geworden sind seine in Kathmandu mit einer Reispapier-Handpresse hergestellten Bücher und Einblattdrucke mit Texten von Angus MacLise, Paul Bowles, Gregory Corso, Diane DiPrima, Charles Henri Ford u.v.a.m. – lauter Preziosen; legendär war bereits GNAOUA, das Magazin, das Cohen in Marokko zusammengeschlagen und 1966 in Brüssel herausgegeben hatte, mit Beiträgen u.a. von Allen Ginsberg, Brion Gysin, Michael McClure, Harold Norse und Ian Sommerville.

Ira Cohen war ein charismatischer Performer, der ohne Schwierigkeiten auch ein grosses Publikum zwei bis drei Stunden lang unterhalten konnte und zahllose Lesungen von Okinawa bis Leukerbad, von San Francisco bis Tanger gab; seine mesmerisierende Stimme halten mehrere CDs seit 1994 fest, als THE MAJOON TRAVELER – THE POETRY OF IRA COHEN (Sub Rosa, Brüssel) erschien, eine Kollaboration mit DJ Cheb i Sabbah, welche auch Klangmaterial von Don Cherry, Ornette Coleman und marokkanischen Jilala-Trancemusikern präsentiert. Der Multimedia-Schamane Ira Cohen veröffentlichte seine Poesie in ungezählten Little Mags und mehreren Gedichtbänden, die meisten davon in rar gewordenen Ausgaben, zuletzt POEMS FROM THE AKASHIC RECORD (Panther Books, New York City 2001), WHATEVER YOU SAY MAY BE HELD AGAINST YOU (Shivastan Press, Woodstock 2004), CHAOS AND GLORY (Elik Press, Salt Lake City 2004), GOD’S BOUNTY (Elik Press, Salt Lake City 2008) und die zweisprachige Ausgabe WO DAS HERZ RUHT (Stadtlichter Presse, Wenzendorf 2010); postum erschienen Gedichte von Ira Cohen in A NIGHT IN ZURICH (Gonzo, Mainz 2018), einer bunt illustrierten Kollaboration von Jürgen Ploog und Florian Vetsch, und im zweisprachigen Gedichtband ALCAZAR (Moloko Print, Schönebeck 2021).

The Ira Cohen Archive LLC 

Ira Cohen auf Wikipedia

New York Times, 1. Mai 2011

«Ich bin nur ein Schatten / der im Gras spielt» Würdigung im SAITEN vom 25. April 2021 von Florian Vetsch

Beitragsbild: Ira Cohen, Zürich, September 2000, Foto © Florian Vetsch

Roland Schimmelpfennig «Die Linie zwischen Tag und Nacht», S. Fischer

Roland Schimmelpfennig inszeniert perfekt. Ich vergesse mich, wenn ich seine Romane lese. Er reisst den Schorf weg, bis es blutet. Sein neuer Roman „Die Linie zwischen Tag und Nacht“ ist ein Höllentripp im Berlin der Gegenwart.

Sie stehen morgens auf, gehen zur Arbeit, kommen abends zurück, trinken nach dem Essen noch ein Glas Wein und gehen nach dem Krimi ins Bett? Sie wohnen in einer Stadt, bummeln am Samstag durch die Gassen und lesen auf den Litfasssäulen, was so läuft (oder eben nicht)? Sie haben ein schlechtes Gewissen oder zumindest ein ungutes Gefühl, wenn sie zu viel getrunken haben und erst in den Morgenstunden ins Bett schlüpfen?

In „Die Linie zwischen Tag und Nacht“ erzählt Roland Schimmelpfennig von mehreren Linien; von der Grenze zwischen vorder- und rückseitigem Leben, von der weissen Linie auf dem Spiegel, die man durch die Nase hineinzieht, von der Spur, die einmal leuchtet und im Dunkel verschwindet.

Ich lebte in meiner Vergangenheit einmal kurze Zeit in Berlin. Etwas länger, als dass man mich bloss als Tourist hätte bezeichnen können, immerhin hatte ich dort meine Arbeit, aber zu wenig lange, dass ich einer von dort gewesen wäre. Mein Leben streifte das Leben dort nur. Ich habe die weisse Linie zwischen Tag und Nacht nie überschritten, schon allein aus lauter Rechtschaffenheit, biederer Normalität.

Roland Schimmelpfennig «Die Linie zwischen Tag und Nacht», S. Fischer, 2021, 208 Seiten, CHF 32.90, ISBN 978-3-10-397410-2

Tommy war einst ein gefeierter und von höchster Stelle gepushter Drogenfahnder. Man feierte ihn und seine Erfolge, obwohl man ahnte, dass nicht jede Ermittlung sauber war. Tommy, Sohn eines Tischlers, lebte mit seiner Partnerin in der zur Wohnung umfunktionierten Tischlerei, die er von seinem Vater geerbt hatte. Alles lief, mit reichlich Alkohol, einer Pille hier und einer Linie dort. Bis zu jenem Tag, als er hinter dem Steuer einen Jungen zu Tode fuhr, einen Unschuldigen, Unbeteiligten. Bis offensichtlich wurde, dass Tommy zu Ermittlungszwecken die weisse Linie zwischen Tag und Nacht längst überschritten hatte. Man suspendiert ihn. Tommy sackt ab. Seine Lebenspartnerin kann nicht mehr. Man wendet sich von ihm ab, zumindest jene, die einstmals applaudierten. Was blieb, sind die Verbindungen zur Unterwelt und ein kleiner Streifen Papier von einem Glückskeks an der Tür zu seiner Werkstatt. Vinh, ein Mädchen aus der Vergangenheit, mittlerweile Studentin weit weg, hatte ihm den Glückskeks gekauft: „Unforgettable moments will enlighten your journey.“ Ein Versprechen? Oder mehr?

Nach einer durchzechten Nacht zieht Tommy eine junge Frau aus der Spree. Sie schwimmt auf dem Rücken in einem weissen Brautkleid, mit Blumen geschmückt – und sie ist tot. Während er ins Wasser springt, geht das Feiern weiter. Tommy genügt es nicht, die junge Frau dem Krankenwagen zu übergeben. Er will wissen, warum sie im Wasser auf ihn zuschwebte, will der Namenlosen einen Namen geben, will das Rätsel dieses seltsamen Todes knacken. Tommy taucht in die Welt hinter der Sonne, hinter der weissen Linie, in menschenverlassenes Gewerbegebiet, Brachen und grosser, leerer Parkplätze einstiger Industriekolosse, dorthin wo das Leben im Rausch pulst, wo die Nacht lauter als der Tag ist und der Rechtsstaat das Heft schon lange aus der Hand gegeben hat. Tommy taucht ab, weil er getrieben ist vom einzigen, dass er wirklich kann, von den Bildern, die ihn nicht loslassen, vom Rausch, der ihn aufrecht gehen lässt.

„Die Linie zwischen Tag und Nacht“ ist kein Krimi und schon gar kein Thriller. Roland Schimmelpfennigs dritter Roman ist ein Alptraum, aus dem es kein Erwachen gibt. Ein Tripp in eine Welt, in der alles Rausch sein soll und muss, in dem der Rave den Puls taktet und der Stoff zum Elixier wird. „Die Linie zwischen Tag und Nacht“ ist aber auch die Geschichte von jungen Menschen, die chancenlos verloren sind, denen nie jemand eine Hand reicht, die jene Linie in Pulver- oder Pillenform zur Lebenslinie wird. Man liest den Roman mit angehaltenem Atem! 

Roland Schimmelpfennig, 1967, ist einer der meistgespielten Gegenwartsdramatiker Deutschlands. Er hat als Journalist in Istanbul gearbeitet und war nach dem Regiestudium an der Otto-Falckenberg-Schule an den Münchner Kammerspielen engagiert. Seit 1996 arbeitet Roland Schimmelpfennig als freier Autor. Weltweit werden seine Theaterstücke in über 40 Ländern mit grossem Erfolg gespielt. 2016 erschien sein erster Roman «An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts», der auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse stand, und 2017 sein zweiter Roman «Die Sprache des Regens». Roland Schimmelpfennig lebt in Berlin und Havanna.

Rezension von «An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts» auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Adriana Jacome

«Sehnsucht nach Freiheit» ein Abend mit Cilette Ofaire im Literaturhaus Thurgau

Es war in vieler Hinsicht ein denkwürdiger Abend! Zum einen war es nach vier Monaten die erste Veranstaltung vor Publikum im ausverkauften Literaturhaus Thurgau, und zum andern spürten alle BesucherInnen an diesem Abend das Feuer für eine Autorin, die nur zurück ins Bewusstsein der Öffentlichkeit kam, weil der unermüdliche Streiter für das gute Buch, Charles Linsmayer, mit voller Leidenschaft in die Glut bläst!

Cilette Ofaires Roman «Ismé», der 1948 zum ersten Mal deutsch erschien, damals aber kaum von der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde, ist viel mehr als der Reisebericht einer unerschrockenen Kapitänin in einer Zeit, in der sie wohl die einzige in einer solchen Funktion war. «Ismé» ist die Geschichte einer starken Frau, die alles daran setzte, ihr Leben nach ihrer Fasson zu gestalten, allen Widrigkeiten zum Trotz. «Ismé» ist auch eine Zeitdokument eines Abenteuers, das im Gegenwind von Geschichte und Bürokratie scheiterte. Und «Ismé» ist in seiner jetzigen Form, mit einer Biographie von Charles Linsmayer und dem abgebildeten, gezeichneten «Journal de bord», ein Gesamtkunstwerk, das seinesgleichen sucht.

«Ein kleines Schiff besitzen, damit die Ozeane durcheilen, sich
als ein freier Bürger der Welt fühlen – das genügt noch nicht, um weise zu werden. Dazu braucht man vor allem andern ein Herz, das fähig ist, zu lieben, eine Seele, die noch Wunder erleben kann, und ein Gewissen, das einem mit seiner Wachheit ständig in Erinnerung ruft, dass man ein Mensch unter Menschen ist und in Beziehung zum Universum steht. Aber auch das ist noch nicht genug. Es ist dazu noch nötig, dass das Leben, das konkrete, fordernde Leben, sich dieses Herzens, dieser Seele und dieses Gewissens bemächtigt, um sie zu zerreissen, zu zerbrechen, zu zerstossen, zu kneten oder anders zusammenzufügen. Dann, durch all diese Zweifel und Hoffnungen, Erleuchtungen und Verdunkelungen des Geistes hin-durch, zwischen den Erfahrungen der menschlichen Schwäche und dem allmählichen Erfassen jener unbekannten Macht, die den Lauf der Gestirne regelt, dann ist es, wenn man das kurze Erdenleben mit der Dauer der Ewigkeit in Beziehung zu setzen versteht, vielleicht möglich, ein klein wenig Weisheit zu erwerben.» (1959)

Ausschnitt aus dem «Journal de bord» von Cilette Ofaire vom 20. Januar bis 26. Februar 1939. An allen Tagen, an denen die Autorin weiter an ihrem Manuskript zu Ismé schrieb, ist ein Büchlein mit der Aufschrift «Ismé» gezeichnet.

«Es war schon was besonderes, dass ich zusammen mit Heidi Maria Glössner den ersten Abend im Thurgauer Literaturhaus bestreiten durfte, als die durch die Pandemie erzwungene Pause vorbei war. Wir stellten Cilette Ofaire und ihr Buch «Ismé» vor, und es war zu spüren, wie das Publikum sich dafür begeistern konnte. Besonders bewegend war es, als wir nach etwelchen technischen Bemühungen ab Tondokument die Stimme der Dichterin erklingen lassen konnten: In der einzigen Aufnahme, die überhaupt von ihr existiert.
Warum das so ist, ob es die alten Mauern und die hölzernen Balken ausmachen, die das jahrhundertealte Haus aufweist, oder ob es das ganz besondere Publikum ist: auf jeden Fall herrscht im Bodman-Haus Gottlieben immer eine ganz besonders intime, familiäre Stimmung.» Charles Linsmayer

Programm Literaturhaus Thurgau

Alle Fotos © Sandra Kottonau / Literaturhaus Thurgau

Eva Schmidt «Die Welt gegenüber», Erzählungen, Jung und Jung

Eva Schmidt ist eine feine Beobachterin. „Die Welt gegenüber“ ist ihre Welt, von der sie betroffen ist, in die sie sich auf die ihr ganz eigene Weise einmischt; zurückhaltend, behutsam und doch ganz unmittelbar. Ihr erster Erzählband ist ein Genuss, sowohl sprachlich wie auch in der Unaufgeregtheit ihrer Geschichten.

Ich unterstelle der Autorin, dass sie mit ihren Geschichten nichts zeigen, nichts offenbaren und schon gar keine Moral verpacken will. Und doch blickt Eva Schmidt auf eine Welt, die den Schmerz mit einschliesst. Den Schmerz, es geschehen lassen zu müssen. Selten haben mich Erzählungen derart bewegt, wie jene von Eva Schmidt. Nicht nur weil sie sorgsam, unspektakulär und gradlinig aufgebaut sind, sondern weil sie sich in eine beinahe feinstoffliche Ebene hineinwagen. Weil Eva Schmidts Sprache genau ihren Bildern, ihrer Figurenzeichnung entspricht. Sie füllt ihr Personal nicht aus, sondern zeichnet das Darumherum und schafft es so, dass Konturen klar und überdeutlich hervortreten.

Eva Schmidt «Die Welt gegenüber», Erzählungen, Jung und Jung, 2021, 224 Seiten CHF 31.90, ISBN 978-3-99027-250-3

Da ist eine ältere Frau, die seit dem Tod ihres Mannes und ihrer Pensionierung als Krankenschwester allein in einem Haus lebt. Ins Haus nebenan zieht eine Familie, ziemlich plötzlich, weil der Hausrat der Vorbewohner noch nicht einmal aus dem Haus geschafft ist. Eine Familie mit zwei Kindern. Eine Familie, über die man sich freuen könnte, wäre da nicht schon vom ersten Tag weg das Gefühl, dass diese in Schieflache geraten ist. Ein Mann, der noch unbedingt vor Ferienschluss ein riesiges Loch im Garten graben muss, eine Frau, die einen abwesenden Eindruck hinterlässt, eine halbwüchsige Tochter, die sich ganz offensichtlich an ihre Familie gekettet fühlt und ein jüngerer Bruder, den sie trotz mehrerer Anläufe nicht zu erreichen versteht. Was sich über Tage und Wochen in unausgesprochener Ahnung abzeichnet, passiert auch eines Nachts. Und obwohl die ältere Frau noch aus ihrer Berufszeit stets einen Notfallkoffer im Haus bereitstehen hat, kann sie nicht helfen.

Oder Falk, ein älterer Schauspieler, der im Haus einer alleinstehenden Frau ein Zimmer findet, aber als Mann im Haus unscheinbar und zurückgezogen bleibt. Bis aus der Situation doch Nähe entsteht und die beiden mit einem Mal zusammen in einem Auto Richtung Norden sitzen, dorthin, wo Falk einst herkam und ein Ferienhaus besitzt. Bis der Frau klar wird, dass es eine Abschiedsreise werden wird, denn Falk ist krank, sehr krank. Was für die Frau zu einem Anfang wird, wird für den Mann zu einem Abschluss.

Oder von dem Gärtner, der in einem Wohnwagen auf einem Dauercampingplatz wohnt und in einem Tankstellenshop bei einem Kaffeeautomaten eine junge Frau mit einer Tasche kennenlernt. Eine Frau, die eine Bleibe für die nächste Nacht sucht und dann bleibt. Für wie lange, weiss der Mann nicht. Und weil sich das Leben des Mannes in seiner Gleichförmigkeit eingependelt hatte und er mit der jungen Frau unweigerlich wieder zu hoffen wagt, lässt er die Frau gewähren, lässt sie im Wohnwagen bei seinem Hund zurück und hofft jeden Abend, dass sie noch da sein werde. Bis ihn seine Gutgläubigkeit, seine naiven Hoffnungen strafen.

Wer noch kein Buch der Schriftstellerin Eva Schmidt gelesen hat und sich mit „Die Welt gegenüber“ auf die Meisterschaft der Vorarlbergerin einlässt, wird mit Sicherheit noch mehr von ihr lesen wollen!

Eva Schmidt, geboren 1952, lebt in Bregenz, Österreich. Sie hat neben Erzählungen in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften vier Bücher veröffentlicht. Mit ihrem Erstling erhielt sie diverse Stipendien und Literaturpreise, u.a. den Nachwuchspreis zum Bremer Literaturpreis (1986), den Rauriser Literaturpreis (1986), den Hermann-Hesse-Förderpreis (1988) und den Nicolas-Born-Preis (1989). «Ein langes Jahr» (2016) war ihr erstes Buch seit fast 20 Jahren.

Rezension von «Die untalentierte Lügnerin» auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © privat