Leonor Gnos «Bis die Schwalben fliegen», edition bücherlese

Leonor Gnos Gedichte erzählen glasklar und unverschlüsselt. Hinge ihre Kunst wie Bilder an Wänden, wäre sie gegenständlich, aber unmissverständlich vieldeutig. Da schreibt und dichtet eine Frau mit dem Mut einer Unverzagten, mit dem tiefen Bewusstsein, dass ihre Sprache Musik ist.

Ich lernte die fast Neunzigjährige in einem Restaurant in Luzern kennen. Eine kleine Frau mit ausgesuchter Garderobe, keckem, schwarzem Lederhut ohne Krempe, wachen Augen und fein rot nachgezogenen Lippen. So wie ihre Gedichte hat das Wesen dieser Frau nichts Aufdringliches, weder ihre Gedichte noch ihr Tun zwingen etwas auf. Und trotzdem sitzen wir uns nach wenigen Minuten wie alte Bekannte gegenüber. Aber genauso geht es mir mit ihren Gedichten. Da schreibt jemand mit einem Gleichmass an Herz, Seele und Geist. Nichts Verschlüsseltes, nichts Vergeistigtes, nichts Verklausuliertes. Die Vielschichtigkeit ihrer Lyrik liegt offen, so wie die Freundlichkeit und Zugewandtheit der Frau hinter den Gedichten.

 

Die Winde austoben lassen
die abgeflauten Stösse
keinen Schrei mehr übrighaben
erstickendes Heulen Winseln
bis das letzte Wehen flach liegt

die Wörter aufsteigen
in bangen Sätzen
Rückkehr ins Gedicht
als wäre es das erste Mal

 

Leonor Gnos «Bis die Schwalben fliegen», edition bücherlese, 2026, 104 Seiten, CHF ca. 26.00, ISBN 978-3-03981-028-4

Leonor Gnos orientiert sich an der Natur, einem wachen Auge, dem Blick für die Kleinigkeiten, hinter denen sich das Grosse verbirgt. Helle Farben, offenbarende Bilder, klare Konturen, die meinen eigenen Blick schärfen. Leonor Gnos nimmt nicht Stellung, trotzdem sind ihre Gedichte Statements einer Haltung, setzen etwas gegen die Abgründe im Menschlichen, gegen die Verwerfungen der Gegenwart. Ihre Gedichte sind geschmeidig, nie glatt, verraten viel über die Art ihres Schauens, ihren Alltag, ihr Schreiben, das längst zu Atem geworden ist.

 

Wie Formen und Umformen glückt
zeigt mir der Mond in der Nacht
wenn der neue Entwurf gelingt
und ich an nichts zu glauben brauche
mich wie die Sängerin auf die Luft stütze
die den Klangkörper der Wörter trägt

so setze ich Zeilen als schriebe ich
ein Gedicht allen Regeln zum Trotz

 

Der Gedichtband ist in drei Teile unterteilt; Funkensprühen – Lichte Scheitel – Geflüchtete Sonnen. Vom Frühling, vom Erwachen durchs Jahr bis hinein in den Winter, ins Vergehen, ins Sterben. Eingeschlossen die Erfahrungen eines langen Lebens, des Werdens und Vergehens, vom Aufbrechen bis in den Tod. Mag sein, dass Resümieren mitschwingt, der Blick zurück auf ein langes Leben. Aber ohne Groll, dafür mit einer ordentlichen Portion erfrischenden Widerstands.

 

Lange Schatten fliehen
mit der sinkenden Sonne
Goldtöne lösen sich auf im Dämmer

in den Bäumen kauern Gnome
werfen Kastanien und Nüsse

doch ich suche das Licht des Meers
bevor die Sonne verschwindet
und ich mit ihr

***

Der Gedanke bohrt und gräbt
nicht wie der Stein oder der Schatten
er geht einem Ton auf den Grund
einer Stimme in der Nähe
der Kindheit und des Todes

geht dem Gedicht nach
dem Schrei und seinem Schweigen

Foto © Benedikt Troxler
Foto © Benedikt Troxler

Ich liebe Musik, in der Lyrik ist viel Musik, Wörter und Silben folgen einer musikalischen Intention, einem Rhythmus, der den Versen den Zauber des Gedichts geben. Erinnern, Denken, Empfinden, Finden, Erfinden, Verbinden. Leonor Gnos

Leonor Gnos, geboren 1938 in Amsteg, UR, publiziert Lyrik und Prosatexte. Nach einer kaufmännischen Ausbildung lernt sie mehrere europäische Sprachen, verknüpft mit Aufenthalten in England, Italien, Spanien, Griechenland. Sie erwirbt Lehrdiplome und unterrichtet 1988 – 2009 Deutsch in Paris. Im Alter von fünfzig Jahren beginnt sie mit dem literarischen Schreiben und veröffentlicht in den folgenden Jahren zahlreiche Gedichtbände. Seit 2010 lebt sie – die pulsierende Städte liebt – in Marseille. Dort ist sie Mitglied des lyrischen Zirkels «Le Scriptorium».

Beitragsbild © Roberto Conciatori

Christian Uetz «Im Verstummen», Secession

Glücklicherweise verstummt Christian Uetz nicht. Er bäumt sich in seinen Gedichten gegen das Verstummen auf, was angesichts der erschreckenden Gegenwart leicht nachzuvollziehen ist. Glücklicherweise tanzt der Sprachschamane weiter über die heisse Glut seiner Sprache, betörend, flehend, rauschhaft bis in die Exstase.

Zugegeben; weil ich den Dichter kenne, weil ich ihn immer wieder einmal erleben darf, weil er mich auf der „Bühne“ förmlich überkommt, weil mich seine Stimme begleitet, ist eine Auseinandersetzung mit seinen Texten wohl um einiges leichter, als wenn ich seinem neuen Gedichtband unvoreingenommen begegnen würde. Wenn ich lese, höre und sehe ich ihn. Er wirbelt um mich und zieht mich in einen Sog, als hätte seine Sprache die Kraft einer Windhose, die mich mitzieht, hineinzieht, die mich dreht bis mir schwindelt. Sein Sprachrausch wird zu meinem Leserausch – ein Zustand, in dem nicht das analytische Verstehen seiner Texte im Vordergrund steht, sondern jener Zustand der Sprachexstase, den Christian Uetz wie kaum ein anderer zu erzeugen weiss.

Ein Grab
Europa. Ein
Massengrab Geschichte.
Begraben das Abendland, der Tage
Gastfreundschaft, der Fremden Nähe
in die Nacht. Verendet, sprachlos, im Klirren
der Kriege, alles Menschliche, alle. Hinter der Kälte
keine Nachfahren. Farnzeit
wieder. Schuttgebirge.
KrIstall.

Christian Uetz hadert und zweifelt, stemmt sich, bäumt sich auf, schmettert und wehrt sich mit allem gegen den Sog des Verstummens. In vier mal 20 Texten, Gedichten, die er sich wie Wimpel gesetzt auf die Speerspitzen seiner Versuche des Erwehrens gesetzt hat, Texte, die sich wie Konzentrate essaistischer Gedanken lesen, kreist Christian Uetz nie einfach um sich selbst, sondern um die Macht und die Kraft der Sprache, die wie noch nie im Strudel der Gegenwart als Waffe missbraucht und als Kampfmittel seine Betäubung entfalten soll. 

Christian Uetz «Im Verstummen», Secession, 2025, 120 Seiten, CHF ca. 33.90, ISBN 978-3-96639-140-5

Es geht ein Nichtsein durch die Welt. Wie leicht wird die Schwere, der Sprache Last! Ein Nichts waren wir, sind wir, werden wir bleiben. Das hast du gesagt. Aber Niemand hat dich gehört. Und ob es gehört wird oder nicht: es ist.

Christian Uetz stellt unentwegt Fragen, immer und immer wieder, ist kein Satter, kein Gesättigter, sondern ein ewig Hungriger, ein ewig Durstiger, für den Fragen allein schon ein erster Versuch der Antwort sind, ein erster Versuch des Zurechtfindens in einer Welt, die aus den Fugen bricht. Er richtet seine Texte, seine Gedichte an ein Du, personalisiert die Sprache, wendet sich an eine Macht, eine Kraft, einen Geist. Jenen Geist, den er braucht, um an all dem, was einem sprachlos macht, nicht zu zerbrechen.

Wenn du,
tiefer atmend, inne
wirst, dass der Wind, dich bewegendes Nichts, in dir wie
außer dir weht, dein Geist, dröhnende Glocke der Gedanken
im und um den Schädel steht, dein Leib, ein von wegen geringer
Dinge verstimmtes Instrument, durch das Klang und Klage
geht: Da singt, da sieht dich, schneeiges Nicht, deine
Ohngestalt, sprachlos und lautlos
und in die Nacht
kaum kalt.

Er wirft seine Netze aus in die Atmosphäre, in der alles liegt, steht und wabert. Alles Gesagte und nie Ausgesprochene. Er holt die Netze ein und ordnet, sucht nach den langen Fäden und Bändern der Sprache, die wenigstens stückweise verraten, was sonst allzu schnell und leicht missverstanden oder gar nicht vernommen wird.

Nirgends bist du erbarmungsloser wahr als im Krieg, da du wahnsinnig fehlst. Nie ist dein Nichtsein tatsächlicher als in den Händen von Mördern. Der Mensch ist weltlich erst da am unerbittlichsten ein Gott, wo er als Monster die Möglichkeit zum massenmörderischen Krieg vollzieht und zum totalen Vernichter wird, zum Vollstrecker der absoluten Nichtigkeit des Lebens, das ein Haschen nach Wind. Und die immer weiter barbarischen Auslöschungen richten uns als Mördergrube in der Nacht des Erwachens von Angesicht zu Angesicht.

Christian Uetz nimmt wahrhaftig kein Blatt vor den Mund. Er formt es zu einem Horn und posaunt, was andere verstummen lässt. Seine Texte sind überdeutliche Statements. Es sind Anrufungen, Mahnungen, Wortspiele allen Ernstes. Christian Uetz malt Himmel und Hölle über dem Wort, das grosse Gewölbe, das sich aus der Sprache erhebt. Ein Prediger und Sprachseher, der überzeugen will, weil wir die Sprache schon lange nicht mehr ernst nehmen, ihr immer mehr misstrauen. Er reisst Fenster und Türen auf in Räume, die ich in ihren Dimensionen gar nicht erwarte, weil er die Spuren durch sein Denken als Textspur hinter sich her zieht, ein Schweif aus Sprachkraft.

Christian Uetz, geboren 1963 in Egnach in der Ostschweiz, ist ein philosophischer Poet und lebt in Zürich. Nach einer Ausbildung zum Lehrer studierte er Philosophie, Komparatistik und Altgriechisch an der Universität Zürich. Im Rahmen des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs 1999 wurde Uetz der 3sat-Preis zuerkannt; 2000 der Schiller-Preis und Preis der Internationalen Bodensee-Konferenz; 2002 die Anerkennungsgabe der Stadt Zürich; 2005 der Förderpreis des Kulturkreises der Deutschen Wirtschaft Berlin und der Thurgauer Kulturpreis. 2010 erhielt er den Bodensee-Literaturpreis für sein bisheriges literarisches Gesamtwerk.

mehr von und über Christian Uetz auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Sandra Kottonau

Michael Georg Bregel «siebzehn», Neue Cranach Presse Kronach

Auch wenn Michael Georgs Bregels Gedichte in diesem Band nur jeweils drei Zeilen lang sind und sich auf ein halbes hundert Seiten verteilen – kein Leichtgewicht. Hinter den Zeilen versteckt sich weit mehr. Es sind Gedanken, die mir entgegenfliegen, viele hängenbleiben und sich in mir einnisten.

Was fettgedruckt wie Titel von längeren Gedichten erscheint, sind wohl eher Kapitelüberschriften, kleine Wimpel, die dem Folgenden eine Richtung geben, Pausen von Portionen, die ich als Leser zum Verdauen brauche. Gedruckt auf dickes Papier, das nicht aufgeschnitten ist, nicht gebunden ein langes Leporello wäre, eine Spur durch Gedanken.

 

spiel

zieh, aber lass dir
nie das spielbrett unter den
füßen wegziehen

dein stein bedroht mich
mein stein hängt um meinen hals
wir spielen mühle

sobald du den stein 
berührst, gilt das als dein zug,
du bist verloren

was wir spielen, wenn
wir spielen, spielen wir, wenn,
ohne Anleitung

 

Verdichtung im wahrsten Sinne des Wortes. Zeilen mit vielen Sichten, vielen Böden. Bilder, die mehr als deutlich machen, dass sich da noch viel mehr sagen lässt, dass die Zeilen nur die Berührungen auf den Oberflächen bleiben.

Michael Georg Bregel «siebzehn», 2026, Euro 22.00, Buchdruck, Durchstichbindung, Haiku, handgeschöpfter Umschlagkarton, direkt zu beziehen bei NEUE CRANACH PRESSE Kronach

Ich trug das Buch ein Weile mit mir herum. Es passte wie ausgemessen in die Tasche meines Wintermantels. Es war mir ein Begleiter, ein Mitdenker, eine Zündkapsel, ein Vervielfacher, ein Spiegel. Ich nahm das Buch hervor – und manchmal reichte das Innehalten, das Halten des Buches allein, die rauhe Oberfläche seines Buchumschlags aus handgeschöpftem, dickem Papier. Als hätte der Autor all das zwischen und unter den Zeilen, all die Zischenräume zu einem grossen Brei zerdrückt, eingeschwärzt und an der Luft getrocknet. Das Leporello jener Zeilen, die als Kondensat übriggeblieben in diesen schwarzen Bodensatz mit fester Schnur eingebunden und wie ein Paket aus Worten in die Welt hinausgeschickt.


ende

man dachte es muss
erst einen anfang geben 
bevor es endet

abenderwartung
bedeutender eingebung
tiefe enttäuschung

irgendwann wenn wir
alles vergessen haben
fängt es von vorne an

 

Die Zeilen nisten sich ein, haken sich fest, treiben mich um. Nicht die Spur von Larmoyanz, nichts von entrückter Unsachlichkeit. Für diesen Band denkt man zu zweit, taucht ein in die Falten eines Spaziergangs durch die Welt.

„Siebzehn“ erschien in der Neuen Cranach Presse Kronach, herausgegeben von Ingo Cesaro in einer nummerierten und signierten 1. Auflage von 100 Exemplaren.

Michael Georg Bregel, geb. 1971 in München, lebt in Berlin. Studium der Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin, Diplom-Politologe. War Redakteur bei Radio Mainwelle, Bayreuth und bei der Berliner Morgenpost. Seit 2005 freiberuflicher Autor, Übersetzer, Redakteur und bildender Künstler. Übersetzt vorwiegend Comics für verschiedene große Verlage. Seine künstlerische Arbeit, hauptsächlich Fotografie, Sieb- und Stempeldrucke sowie experimentelle Videos war und ist in Ausstellungen, Museen und Kinos zu sehen. Texte und Bilder in zahlreichen Zeitschriften und Anthologien, mehrere Herausgeberschaften. 

Michael Georg Bregel «Raunacht», Rezension auf literaturblatt.ch

Buchstaben-Kunst-Dinger von kuriosem Gewicht, von beträchtlicher Grösse – Barbara Hundegger zum Basler Lyrikpreis 2026

Lauchzwiebel, laudabel, Laudanum, Laudatio: im Rahmen eines Festakts gehaltene feierliche Rede, in der jemandes Leistungen und Verdienste gewürdigt werden. Kein Wort über das eigentliche Problem: Dass es kein Sprechen über Kunst geben kann, dass dieser gerecht werden, sie auch nur berühren könnte.

Laudatio für Barbara Hundegger zum Basler Lyrikpreis 2026,
von Sascha Garzetti

Das Sprechen über etwas ist eine wunderliche Sache. Das hat mit der Sprache zu tun. Sprache erzählt immer von dem, was sie nicht ist. Von dem, was nicht da ist. Daraus erwachsen ihr aber auch Möglichkeiten. Denn: Sie ist ja da. Und das eine – ein Zeichen, ein Laut – hat mit dem anderen – den Bedeutungen, dem Kräuseln in den Synapsen – zu tun, ist mit ihm wie über einen feinen Faden verbunden –und über noch einen und noch einen. Zieht man im Bild nun – ausgehend von den Wörtern – Faden um Faden ein, so entsteht allmählich etwas, was ich einen Text nennen möchte: einander Zugewandtes, miteinander Verbundenes, ineinander Verwobenes. Darum soll es hier gehen.

Es gehört zu den Eigenheiten einer Preisverleihung, dass die Preisträgerin im besten Fall vor Ort ist und etwas macht, zeigt, sagt, liest, singt, das sich nicht neben das Sprechen über etwas gesellen, sondern sich davor stellen kann.

Aber wie die Zeit überbrücken?

Es gibt unzählige Wege, die Würdigung einer Autorin anzuzetteln.Es gibt das leere Blatt, auf das man ein Wort setzt, als wäre es ein erstes: Vorher war nichts,  nachher ist da ein Wort. Darauf könnte man sich etwas einbilden.

Gegenperspektive: Es gibt unzählige Wörter, die man abzutragen, fortzuschlagen, abzuschleifen, wegzuschreiben versucht, bis etwas übrig bleibt. Die Arbeit Barbara Hundeggers gleicht denn auch der einer Holz- oder Steinbildhauerin. Ihre Gedichte sprechen nicht von und über Themen, vielmehr legen sie diese offen, ja sprechen aus diesen heraus. Und sie sprechen aus der Sprache heraus. Denn: «In der Sprache ist ja alles schon da.» (Hundegger: dein wörterkopfball kämpft mit wind, S. 59)

Aber wie die Zeit überbrücken?

Sich beispielsweise ein Wort bei der Autorin leihen: «[F]ür mich ist Lyrik auch das hochgradige Bewusstsein davon, dass Sprache und Wörter nicht beliebig abrufbar sind, um nur den eigenen inneren schönen Plan zu erfüllen oder zu dekorieren, sondern dass Sprache und Wörter ein einschüchternd starkes Eigenleben mitbringen, das sich nur dann produktiv nutzen lässt, wenn man es respektiert, also die Verästelungen und Vergangenheiten und Gewichte und Entgleisungen usw. der Wörter sowie andere Eigenheiten des Materials nicht ignoriert. Dichter/innen werden ja ganz gern als Beherrscher/innen der Sprache beschrieben, aber mir erscheint diese Herrschaftsdiktion fragwürdig und paternalistisch, denn Sprache ist ein so mächtiges Material und weiss sich durchzusetzen, selbstverständlich auch gegen mich – und die Sprache ist klüger als ich.» (Hundegger: dein wörterkopfball kämpft mit wind, S. 46)

aufschirren, Aufschlag, Aufschlagball, aufschlagen: im Fall hart auftreffen, aufprallen; durch einen oder mehrere Schläge öffnen; den Ball zur Eröffnung des Spiels über das Netz schlagen; sich mit einer heftigen Bewegung bis zum Anschlag öffnen; ein oder mehrere Blätter eines Druck-Erzeugnisses zur Seite schlagen, sodass eine oder zwei Seiten darin offen daliegen; durch Aufheben der Lider öffnen; nach aussen umschlagen; durch Zusammenfügen der Teile aufstellen; auflodern; erhöhen, heraufsetzen; irgendwo erscheinen, ankommen.

Beim ersten Gedicht beispielsweise, der ersten Strophe: «wir stehn noch auf ein/ zwei beinen, wir atmen und/ schwatzen von lust. bis in die/ träume fehlt es an scheinen. und/ keine will was von brust-/ schwund hören.» Die Strophe weist voraus, setzt erste Inhalte, einen Ton – von vielen. Von hier an: Gedichte, die immerzu das Verwobensein des Subjektiven mit dem Gesellschaftspolitischen offenlegen – um selbst den nächsten Faden einzuziehen. Eine Sprache, die auf sich selbst und die Dinge zuhält, die das Bild, den Bruch, den Klang, den Rhythmus sucht, sodass es einen zu jedem Wort zieht, man immer tiefer in die unter diesen Versen liegenden Schichten hinabgerät.

Die poetische Präzision, die Alltägliches erfasst, scheint in «desto leichter die mädchen und alles andre als das» noch stärker gebrochen bis auf das Wort. Von diesem ausgehend die Verästelungen nach allen Richtungen: «desto schwerer die schuhe wir/ machten uns auf holen was uns/ gehört: sterne echtes wie/ rätsel und die noch warm/ ernst von der frage die/ wirklich wer stellte eine/ der anderen wir uns oder/ sich flugzettel sind da/ blattweise desto leichter/ die mädchen und alles/ andre als das» (Hundegger: desto leichter die mädchen und alles andre als das, S. 40) Bisweilen erzeugen die Gedichte das Paradoxon eines rhythmischen Stotterns, das zu noch mehr Präzision führt, weil es ein Heranzoomen ist: Ein Wort kann angebunden sein an ein letztes oder ein nächstes oder stehen wollen für sich. Die Zeilensprünge bei Hundegger sind Sprünge ins Ungewisse. Man liest und ja: liefert sich aus. Und Anbinden heisst auch: Zusammensetzen der Wörter: trommelrose, stachelblitz, mittagsbeschauchlichkeitswahnsinn, entwusstheitsflehen, geistergeplänkel, zwinkersucht. Man nimmt die Gedichte beim Wort.

Oder stellen Sie sich vor, Sie reisen für einen Schreibaufenthalt nach Rom – und am Abend vor Ihrer Abreise verstirbt der Papst: «timing du in rom und sedisvacanza/ vaterherrenpapstlos zwischenatemzeit.» (Hundegger: rom sehen und, S. 47) Man kann sich vieles vorstellen – ausser den Zufall. Aus diesem Zwischenraum, der sich von allen Seiten alsbald zu füllen beginnt, schöpft die Autorin im Gedichtzyklus rom sehen und, hängt Bericht, Schilderung, Zeitungsluft, durch die Sprache herausgearbeitete Impressionen, Beobachtungen, Begebenheiten selbst kleinster Art, das Nachdenken über die «innere Fracht» (Hundegger: rom sehen und, S. 84) ineinander. Was tun, wenn man morgens zum Kaffee eine Zeitung braucht, in deutscher Sprache aber nur die «Bild» aufliegt? Die «Bild» lesen? Ja, sich dafür aber entschädigen: Alles durch die Sprache sickern lassen, die Sprache durch alles – also auch durch sich selbst – und sehen, was geschieht, wenn nebeneinander gesetzt und ineinander verwoben wird, was sich sonst kaum berührt. Die Provokation nicht als Geste, sondern als Versuchungsanordnung, die Hallräume schafft.

Dompredigerin, Domprobst, Dompteur, Dompteurin: weibliche Person, die wilde Tiere für Vorführungen dressiert.

Als Vorarbeit für den Gedichtband schreibennichtschreiben las Barbara Hundegger den Duden von A bis Z durch: «eine der spannendsten Lektüren» (Hundegger: dein wörterkopfball kämpft mit wind, S. 77) ihres Lebens. Der Band setzt mit einem Prosa-Intro ein, das den Themenbereich des Schreibens an- und aufreisst, aber auch den Schreib- und Literaturbetrieb in pragmatischer Weise reflektiert: «preise und deren verleihungen – problematische momente literarischen daseins: wer gründlich schreibend den verhältnissen nachgeht, entwickelt ja logisch eine zurückhaltende haltung zur macht.» (Hundegger: schreibennichtschreiben, S. 8) Hundegger schreibt schonungslos und pointiert, um dennoch oder gerade deswegen tröstlich zu bleiben, in Trostvolles zu münden von Z nach A: «anfänglich: die einsamkeit von etwas, in dem du dir erscheinst. die ahnungen, die dich daheim suchten. – glücke, spätnachts. bestürzungen, mitten am tag. – die lichtspiele, wenn dir was dämmert. der dunkle ernst, der dir erhellt, dass du auch nur geblendet bist. – das viele-schriftarten-sein in deinen schriften. das schriftlich eins-sein mit dem, was deiner handschrift doch gelang. Anfänglich war es nicht abzusehen, dass das bei dir bleibt.» (Hundegger: schreibennichtschreiben, S. 16) Der Gedicht-Teil verbindet aus Nomen und Partizip II-Formen gebildete und gelistete Wendungen mit Gedichten, die aus diesem Material hervorgehen und deren Titel aus Nomen und Infinitiv-Formen gebildet sind. Die Titel wie kleine Türschwellen, darauf beinahe unmerklich ein Innehalten, ehe man in die Verse einfädelt: «drähte kappen: schon es kommt glück auf in dir von/ einem seine zigfach wendigen wesen/ kühn jonglierenden satz du dompteur/ dompteuse je nach gegen lage fall/ doch schon kommt ein unglück nach/ aus denselben wörtern sagt es säumig/ seinen preis den menschlichen entzug». (Hundegger: schreibennichtschreiben, S. 87)

Im Band «wie ein mensch der umdreht geht. dantes läuterungen reloaded» überträgt Barbara Hundegger die Themen aus Dante Alighieris «Göttlicher Komödie» in die Gegenwart. Da steht der Dichter wie verknotet am Läuterungsberg: «dieser berg hat keine strafe die/ bitterer wäre als: im gehen den/ knoten deiner schulden nicht zu/ lösen | als oben elend übersäuert/ statt im strahlend himmelfreien/ im drückend gipfelinneren zur/ selbstschau gezwungen zu sein:/ auf folgen deines größten fehlers/ und worüber du nicht sprichst |/ ehrlich: grandios wird das nicht. (Hundegger: wie ein mensch der umdreht geht, S. 19) Die Gedichte sprechen eine Gegensprache, als ein vehementes Ansprechen gegen etwas, aber auch als ein Anlehnen an etwas und jemanden. Es gibt die Kritik an der Macht, ja an allem, was von Kanzeln, Thronen, Podien, Manageretagen herunterspricht. Es gibt aber auch die radikale Zugewandtheit allem gegenüber, zu dem die Sprache kommt – und immer wieder diesen feinzüngigen Humor. Es ist das stetige Ausmachen des einen im anderen,
das Einweben des einen in das andere, also das Ausfindigmachen, Benennen und Anlegen von Bezügen, Kontrasten, Texturen – selbst in Hanglage –, das diese Gedichte auszeichnet – und über die Dante in die Gegenwart steigt: «von dem was wir säten blieb: ihnen das/ heu | selbst das stroh: nahmen sie | wie/ das wasser: in pet-flaschen grub man es/ uns ab | uns ließ man als ernte: den staub.» (Hundegger: wie ein mensch der umdreht geht, S. 111)

Streiferei, streifig, Streifjagd, Streiflicht: Licht, das [als schmaler Streifen] nur kurz irgendwo sichtbar wird, irgendwo auftrifft, über etwas hinhuscht; kurze, erhellende Darlegung.

Der Band [anich.atmosphären.atlas] ist dem 1723 in Oberpfuss (Tirol) geborenen Bauern und Kartographen Peter Anich gewidmet. Nach dem Tod des Vaters bildete sich Anich mathematisch und astronomisch weiter und machte solcherlei Fortschritte, dass er den Auftrag erhielt, für die Universität einen Himmelsglobus mit einem Durchmesser von einem Meter anzufertigen. Später fertigte Anich in kürzester Zeit eine Landkarte, die zwei Drittel des heutigen Nordtirols umfasst. Den Druck des «Atlas Tyrolensis», der genauesten Karte ihrer Zeit, die 1774 erschien, erlebte er nicht mehr. Die Arbeit war körperlich und geistig über alle Massen zehrend. Von heftigem Sumpffieber befallen, verstarb Anich 1766 an den
Folgen eines Schlaganfalls.

«ein bauer: er näherte sich/ den sternen des weltalls |/und von einem birnbaum/ aus: sie greifen nach ihm». (Hundegger: anich. atmosphären.atlas, S. 7) So setzt Barbara Hundegger Peter Anich, den Bauern und «meister der mechanischen künste» (Hundegger: anich. atmosphären.atlas, S. 7), ins Bild, auf einen Ast, unter die Sterne. Hier – in und zwischen die Zeilen gebettet – kann man ihn sich trotz aller Gewichte, von denen wir im Verlauf der Lektüre erfahren, leicht vorstellen. Die Autorin gibt einem eine Stimme, der zwar gesehen wurde, bei dem das Aber aber so schwer wog, wie die zuvor erwähnten Gewichte.

Im letzten Gedicht des Bandes heisst es: «dein ende: nichts sehen nichts/ hören | der ganze körper: taub | und gegen/ abend im garten | wohin man dich brachte:/ wüste krämpfe bei dem birnbaum wo dein/ hang begann | die sterne: prächtig | deiner:/ 43 geworden | ach anich: es ist aus | großer/ wagen kleiner wagen fahren beide vor dich/ zu holen | und du: steigst in den kleinen ein». (Hundegger: anich.atmosphären.atlas, S. 201) Barbara Hundegger reichen wenige Wörter, wenige Zeilen, um in Streiflichtern das Porträt eines Menschen zu entwerfen, etwas davon ein- und aufzufangen. Man liest es und will sich aufs Bein schlagen.

Eine Sache zu vermessen, zu durchdringen, heisst auch: durch sie hindurchzudringen zu etwas, was dahinter liegt, was es auch noch gibt. So weist« [anich.atmosphären.atlas]» über das Leben Peter Anichs, über das Tirol hinaus, indem es Strukturen offenlegt: Ein Mensch wird zerrieben zwischen Herkunft und sozialer Klasse, Wünschen, Sehnsüchten und Möglichkeiten, Pflichten und Anforderungen von oben. Das Durchmessen über die Biografie und den geografischen Raum hinaus geht in den Köpfen der Leser*innen weiter. Durch die sprachliche Gestaltung, den Ton, den Rhythmus, durch den diese Texte aufgespannt, gestützt, getragen werden, wächst der Raum ins Unermessliche.

In Ihrem letzten Band mit dem Titel «[in jeder zelle des körpers wohnt ein gedächtnis]» behandelt Barbara Hundegger die Corona-Pandemie, lotet Hörweiten und -tiefen aus, legt einen Katalog der Angst an, geht dem individuellen Erinnern der Überlebenden der Shoah und ihrer Nachfahren nach, fächert ein Motetten-Kabinett zu Textquellen bei Bach auf, entwirft das berührende Porträt einer Häuslerin, der tant’, widmet jedem der 55 Kilometer des Brennertunnels einen Dreizeiler – das macht sie wirklich –, sprüht Lebensregelnnebel, bis er sich lichtet und etwas sich mit ihm, indem sie Redewendungen und Sprichwörter dreht und wendet, dass kein Wort beim anderen bleibt, und schliesst mit Gedichten für und an Kinder. Im zyklischen Arbeiten potenziert sich die Wirkung der Gedichte entgegen der Logik in der Summe, wenn sie über ihre jeweiligen Grenzen hinaus mit dem Nachbarinnen-, dem Nachbarinnennachbarinnen-Gedicht Zwiesprache halten, aber auch über die Zyklen hinaus und hinweg, an deren Enden und Anfängen weitersprechend, einen Faden unscheinbar spinnend oder aufgreifend, das eine
an das andere knüpfen.

Haltung: Art und Weise, besonders beim Stehen, Gehen oder Sitzen, den Körper, besonders das Rückgrat, zu halten; Körperhaltung; innere [Grund]einstellung, die jemandes Denken und Handeln prägt; Verhalten, Auftreten, das durch eine bestimmte innere Einstellung, Verfassung hervorgerufen wird; Beherrschtheit, innere Fassung; Tierhaltung.

Und wenn jemand fragte: «Worum geht es wirklich?»

Barbara Hundeggers Gedichte greifen verdichtend aus – und klammern ein. Es ist, als ob die Gedichte unzählige Stimmen hätten, die sie weitergeben: an diejenigen, die zu selten gesehen oder gehört werden. Hundegger erschreibt eine Poesie der radikalen Zugewandtheit: den Menschen wie den Dingen gegenüber, die in die Gedichte aufgenommen werden: «an jemandes/seite auf der seite stehen wo der mensch das herz/hat» (Hundegger: wie ein mensch der umdreht geht, S. 113), heisst es einmal. Zugleich prangern und klagen die Texte an, sind in der kritischen Offenlegung von Missständen jedweder Art unmissverständlich, ohne je den lyrischen Ton abzulegen. Barbara Hundegger schreibt aus der Sprache herausgearbeitete, alles durchdringende Kleinstkunstwerke.

«schönrechnungsart: wie schwer der/ halbe mantel denen wiegt die er vor/ not bewahrt | rechnungsart: ja wie/ viele mäntel denn noch der schon/ hat der davon groß den halben gibt» (Hundegger: wie ein mensch der umdreht geht, S. 39) Das hat mit Haltung zu tun.

«Das Nicht-Berücksichtigen, das Ausblenden der Verhältnisse, die uns umgeben und bestimmen – Armutsfragen, Minderheitenfragen, Geschlechtergerechtigkeitsfragen, Marktfragen, Medienfragen, Mechanismen und Dynamiken der Macht auch in demokratischen Systemen usw. – ist […] eine Quelle literarischer Ungenauigkeit und der Überantwortung politischer Zustände in die Zuständigkeit des und der Einzelnen.» (Hundegger: dein wörterkopfball kämpft mit wind, S. 52)

Ich kannte erst einige verstreute Gedichte Barbara Hundeggers, als ich sie als Moderatorin erleben konnte. Ich dachte: Das wird nicht allen passen. Die Auftakterin nichts als Wohlfühl-Vorband, stattdessen ein Ausloten bis ins Verwinkeltste, ein Auffalten, das dazu führen kann, dass die Gedichte im Anschluss einen schweren Stand zu haben scheinen. Aber Gedichte können sich nicht fürchten. Und es geht nicht um eine Inpflichtnahme der Wörter, vielmehr um die Verpflichtung der Autorin, sich selbst, einem Gegenüber, der Sache und der Sprache gegenüber – der fremden wie der eigenen. Auch das hat mit Zugewandtheit zu tun.

Und mit Haltung.

«Grundsätzlich gilt, dass die Texte, die ich produziere, in ihrer Gesamtheit den Anspruch verfolgen, sich in durchdachter Weise sprachlich und gesellschaftspolitisch komplex mit den je relevanten Themen, Spiel-Orten, Sprachfeldern usw. literarisch auseinanderzusetzen und aus dieser Sprach- und Wahrnehmungsarbeit so konzentrierte wie berührende lyrische Gebilde entstehen zu lassen, die das weithin Unterschätzte an Gedichten, jenseits verstaubter Erwartungen oder Zuschreibungen und in Opposition zur Randexistenz von Lyrik innerhalb des Literaturmarkts, emotional und intellektuell lesbar, hörbar, erfahr- und erfassbar zu machen.» (Hundegger: dein wörterkopfball kämpft mit wind, S. 57.) Das heisst auch: Gedichte in den öffentlichen Raum zu tragen. Und wenn die Acryl-Platten so gross sind, dass sie gerade noch so ins Auto passen, kann das in den Rücken gehen. Irgendwie hat auch das mit Haltung zu tun. Den Public-Poetry-Projekten wäre ein eigenes Kapitel zu widmen.

Ein literarischer Text ist aus Wörtern gemacht. Wenn man sie nebeneinander und untereinander aufreiht, es schafft, Bezüge zwischen selbigen herbeizuschreiben, kann ein Gerüst entstehen – Gedichte beginnen immer als Baustellen. Es gibt aber Texte, die wirken, als stünde einem ein Mensch gegenüber. In ihrem Innern klirrt es nicht, wie wenn Metall auf Metall schlägt. Sie haben ein Skelett, eine Wirbelsäule, ein Rückgrat: Haltung eben. Und es schlägt ein Herz nach draussen.

«Womit ich mich in meiner Lyrik-Arbeit die ganze Zeit befasse: mit der prekären Balance von Wörtern, ihren Bedeutungen, Schatten, ihrem Gewicht, ihrem Licht, um daraus Kleinstgesamtkunstwerke zu erschaffen – und wenn das gelingt, wenn es das hat, das Gedicht, was es dazu braucht, und wenn es (sich) das leistet, gleichzeitig poetisch, politisch und persönlich zu sein, dann ist es ein in sich und mit der Welt in schneidiger Schwebe austariertes Buchstaben-Kunst-Ding von erstaunlichem Gehalt.» (Hundegger: dein wörterkopfball kämpft mit wind, S. 87)

Zu sagen, nichts sei vor Barbara Hundeggers sprachlichem Zugriff sicher, griffe zu kurz. Was ist das für ein Zugriff? Man denkt an die Bewegung der Finger, die fester greifen, wieder loslassen, noch einmal zugreifen, sieht eher aber ein Pulsieren vor sich, spürt, wie diesen Gedichten der Puls geht. Und vielleicht ist alles, was in diesen Texten zur Sprache kommt oder zu dem die Sprache kommt, gerade das: aufgehoben, zu sich genommen, getragen.

Ja, Barbara Hundeggers Gedichte erzählen etwas. Gerade die Gedichtzyklen erzählen sogar viel. Doch selbst dort, wo sie viel erzählen, breiten und erzählen sie nie aus. Stattdessen arbeiten die Gedichte mit Leerstellen, also mit Luft, lassen Raum, ihrem Nachhall nachzuhören. Der eigentliche Text entsteht durch diesen erweiterten Hallraum. Das heisst: die Leser*innen nicht ausschliessen, sie ernst nehmen. Und ja, auch das hat mit Haltung zu tun.

Die Auslassung in literarischen Texten ist anfällig für den Bluff. Wo nichts steht, entsteht nicht zwingend Tiefgang. Barbara Hundegger aber schreibt nicht nichts, sondern immer so viel, wie nötig ist. Denn: «Was in einem Gedicht steht, steht nicht – zwecks Deutung oftmals bemüht – ‚zwischen den Zeilen‘, sondern in seinen Zeilen, wer in die Zeilen nichts hineinschreibt, darf sich nicht wundern, dass sich daraus nichts herauslesen lässt und auch zwischen den Zeilen nichts steht.» (Hundegger: dein wörterkopfball kämpft mit wind, S. 62) Reduktion und Verdichtung sind immer der Klarheit verpflichtet, «denn die Schwebe, Mehrdeutigkeit, Offenheit eines Textes entsteht durch Genauigkeit und nicht durch Vernebelung.» (Hundegger: dein wörterkopfball kämpft mit wind, S. 62)

Wie das Gewicht einer Sache, deren sich ein Gedicht annimmt, in demselben erscheint, wird zuvorderst durch die Form, also die Sprache mitbestimmt. Die Sprache des Gedichts spottet dabei der Physik, wird es doch paradoxerweise in der Verdichtung leicht. Es zieht sich nicht zusammen, verschliesst sich nicht, sondern macht sich auf, hebt ab. Und es kann aufgehen in einem – über den Klang, der Rhythmus, den Sound.

«stirnen bieten: in dem schrägen licht des spätnachmittags/ staubwild durch dein fenster bricht in dem/ regenbogenstreifen den die spiegelkante als/ spektralstrahl über deinen schreibtisch wirft/ im zigarettennebel den deine herkunft deine/ zukunft um dich legt übersetzt sich etwas in/ schwerkraftlose wörter von kuriosem gewicht/ von beträchtlicher größe je näher sie kommen/ umso mehr als nähmen gezeiten projektionen/ lawinen plakate aus dem weltall kurs auf dich (Hundegger: schreibennichtschreiben, S. 41)

Im Film «Dead Poets Society» gibt es eine Szene, in der ein Schüler aus dem fiktiven literaturwissenschaftlichen Werk «Poesie verstehen» vorliest. Die Grösse eines Gedichts – so behauptet die Einleitung – lasse sich berechnen, indem man dessen sprachliche Perfektion, die sich ihrerseits insbesondere an der Verwendung metrischer Mittel bemessen lasse, auf der x-Achse vermerke, während man die Bedeutung des Gedichts auf der y-Achse festhalte. Die ermittelte Fläche bilde die Qualität eines Gedichts ab. Das ist natürlich Unsinn. Und so bittet Robin Williams die Schüler denn auch, die entsprechende Seite herauszureissen.

Die Grösse eines Gedichts bemisst sich daran, wie oft man sich bei dessen Lektüre auf das Bein klopft und flucht vor Glück, dass so etwas möglich ist. Wie oft man aus dem Stuhl springt und ins Nebenzimmer rennt, um seinen Liebsten ein Gedicht oder einen Vers daraus vorzulesen, auch wenn der dreijährige Sohn jedes Mal ruft: «Papa, ned immer rede!» Die Grösse eines Gedichts bemisst sich daran, wie gross seine Fähigkeit ist, Atem zu holen, auf dass es gross und immer grösser wird, wenn man es wieder und wieder liest. Ihre Gedichte, liebe Barbara Hundegger, wachsen im Lesen ins Unermessliche.

Wenige Stunden, bevor die Geburt meines zweiten Sohnes losging, schrieben Sie mir: «kinder sind ja die nettesten menschen überhaupt auf der welt.» Ich habe Ihnen noch nicht geantwortet. Über Kinder zu schreiben ist dem Schreiben über Gedichte verwandt – was soll man sagen? Es gibts nichts mehr zu überbrücken.

Ihre Nachricht schloss mit der Bitte, ja der Aufforderung, das Leben zu feiern.

Heute, liebe Barbara Hundegger, feiern wir Sie und Ihre Gedichte. Ab morgen wieder das Leben.

Herzliche Gratulation.

Barbara Hundegger, geboren 1963 in Hall in Tirol, lebt als freie Schriftstellerin in Innsbruck. Mehrere Jahre Studium der Germanistik, Philosophie und Theaterwissenschaft in Innsbruck und Wien; langjähriges Engagement in der Autonomen Frauenbewegung; berufliche Tätigkeit als Korrektorin, Lektorin und Redakteurin; Lektorin am Institut für Sprachkunst/Universität für Angewandte Kunst/Wien. Mehrfach ausgezeichnet, u.a. Reinhard-Priessnitz-Preis (1999), Christine-Lavant-Lyrikpreis (2003), Outstanding Artist Award für Literatur (2011), Anton-Wildgans-Preis (2014) und Tiroler Landespreis für Kunst (2020). 

Sascha Garzetti, 1986 geboren, studierte Germanistik, Geschichte und skandinavische Literatur an der Universität Zürich. Heute unterrichtet er Deutsch an einem Gymnasium und Literarisches Schreiben an einer Volkshochschule. Garzetti schreibt Lyrik und Prosa. Seine Texte wurden in Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht. Vereinzelte Gedichte und Gedichtzyklen wurden ins Englische, Spanische, Griechische, Ukrainische, Russische und Bosnische übersetzt. Zudem leitete Garzetti Schreibwerkstätten für junge Erwachsene. Als Mitglied der Basler Lyrikgruppe kuratiert er das Lyrikfestival Basel und den Basler Lyrikpreis mit.

Beitragsbild © Samuel Bramley

edition aequinoctium – aus Liebe zu Wort und Bild

Wenn unbeirrbare Leidenschaft, das sichere Gefühl für Ästhetik und ein Plan, der sich in keiner Weise von wirtschaftlichem Denken leiten lässt, zusammenfinden, dann entstehen Kostbarkeiten, die ihresgleichen suchen, papierene Kunst, die einen Verkaufsort bräuchte, der sich grundlegend von den Gemischtwarenläden der Gegenwart unterscheidet.

Als nach der Erfindung des Buchdrucks das gedruckte Buch zu einem Kulturgut wurde, auch für «Normalsterbliche» erschwinglich, jedes Buch ein Manifest von Sorgfalt und Kompromisslosigkeit war, war Literatur noch weit weg vom Verbrauchsmaterial der Gegenwart. Dass es noch immer Verlage, BuchkünstlerInnen und BannerträgerInnen des Guten und Schönen gibt, grenzt an ein Wunder. Aber dass der Schweizer Schriftsteller, Herausgeber, Dichter und Lektor Markus Bundi zu ihnen gehört, verwundert nicht. Zusammen mit dem Grafiker Claudius Fischer erscheinen jährlich zwei Hefte, die eigentlich auf Samtkissen und Marmorsockeln zu Ansicht und Verkauf präsentiert werden müssten. Papierobjekte zum Lesen, Staunen und Verweilen, Kunststücke, die sich nach der Lektüre nicht so einfach in ein Regal schieben lassen, Hefte, die man nach der Lektüre in jedem Fall noch eine Weile mit sich herumträgt, weil sie einem ans Herz wachsen.

Markus Bundi: Menschen werden von Bildern inspiriert, und seit es Sprache gibt, evozieren Texte in deren Köpfen Bilder. Wenig erstaunlich also, dass das altgriechische Wort Idee nichts anderes meint als »Bild«. Darin trafen wir uns, die Herausgeber der edition aequinoctium schon früh. Claudius Fischer, der Zeichner und Gestalter, und ich, der Wörtermensch. Manchmal als ein scharfer Gegensatz – wie Tag und Nacht –, dann wieder ganz nah beieinander wie die Tag- und Nachtgleiche. Diese Wechselwirkung wollen wir befördern, indem wir sie nach aussen tragen, uns darüber austauschen, welches Tandem aus Kunst und Literatur gemeinsam abheben und fliegen könnte. Und so wird, wenn alles gut geht, auf das kommende Aequinoctium das nächste Heft erscheinen …

Am 22. September 2024 erschien das erste Heft der beiden Initianten selbst; «Als Sisyphos seinen Stein verlor», eine Kurzgeschichte von Markus Bundi (Erstveröffentlichung) und Zeichnungen aus dem Abreisskalender-Tagebuch von Claudius Fischer.

Die Hefte der edition aequinoctium haben einen Umfang von 16 bis maximal 24 Seiten, sind in ein Format 13 mal 21 gekleidet und werden mit grösster Sorgfalt von Hubert Oeschger in Bad Zurzach gedruckt. Die Auflage jedes Heftes ist limitiert, die einzelnen Exemplare handsigniert.

Im Frühling 2025 erschien «Nicht ganz stabil», ein Text von Zsuzsanna Gahse (Gewinnerin des Schweizer Grand Prix Literatur) und Fotografien des Künstlers Christoph Rütimann. Ein kongeniales Paar! Betrachtungen über den Mittelpunkt und die Wölbungen darüber.

Das dritte Heft, erschienen zur Tag- und Nachtgleiche im Herbst 2025, enthält neue Gedichte von Katharina Lanfranconi sowie einen durch das Heft fliessenden Farbrausch. Tuschearbeiten, die Sadhyo Niederberger aus Aarau speziell für die Edition geschaffen hat. Text und Bilder durchdringen sich, spiegeln sich wider und setzen Kontrapunkte.

Das ideale Weihnachtsgeschenk für kunstaffine HaptikerInnen!

Markus Bundi, lic. phil. I, geboren 1969, studierte Philosophie, Neue Deutsche Literatur und Linguistik an der Universität Zürich. Er arbeitete in jungen Jahren als Journalist, erst als Sport-, dann als Kulturredaktor bei einer Schweizer Tageszeitung. Seit über zwanzig Jahren unterrichtet er Philosophie an der Alten Kantonsschule Aarau. Er lebt als freier Autor, Literaturvermittler, Lektor und Herausgeber (u. a. der Werkausgabe Klaus Merz) in Neuenhof/ Schweiz. Für seien literarische Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet. Er ist Mitglied bei PEN Deutschland.

Claudius Fischer, geboren 1962, lebt in Würenlingen. Ausbildung zum Grafiker. Weiterbildung an der F+F Schule für Kunst und Design und an der Schule für Gestaltung in Bern/Biel. Arbeit als Grafik-Designer in verschiedenen Agenturen und viele Jahre als Hausmann. Seit 2000 eigenes Studio für Grafik-Design. Diverse Auszeichnungen, zuletzt 20214 Red Hot Design Award in visueller Kommunikation.

edition aequinoctium

Beitragsbild © Sadhyo Niederberger

Jane Wels «Das Es reiten», Edition offenes Feld

Ich weiss, Gedichte soll man immer wieder lesen. Die neuen Gedichte von Jane Wels rufen einem förmlich, wenn auch sanft und ganz leise. Als würde mir die Autorin zuflüstern. Auch der zweite Band der Lyrikerin überzeugt durch seine Subtilität, seine Empathie und seine Prägnanz.

Ich las die Gedichte der Lyrikerin noch einmal am Rhein, auf einer Bank unter Plantanen, mit Sicht aufs Riet an der gegenüberliegenden Seite des breiten Wassers. Die Sonne wärmte meinen Rücken, die Gedichte meine Seele. Die Sprache streichelte meinen Bauch.

Sag’ mir,
was du willst,
meine linke Hand
wird es schreiben.
Sie legt dein Staunen
ins Regengrüne,
verzapft sich
in Erinnerungen
aus verschlucktem Hall.
Jeder Buchstabe
schmeckt nach dir.

Jane Wels «Das Es reiten», eof, mit einem Grusswort von José F.A. Oliver, 2025, 92 Seiten, CHF ca. 27.90, ISBN 978-3-8423-8414-9

Viele ihrer Gedichte führen mich als Leser in einen Dialog, einen Dialog mit ihr, einen Dialog mit mir. Ich fühle mich ganz direkt angesprochen, ohne dass sich die Dichterin aufzudrängen versucht. Mit ihrem Schreiben eröffnet Jane Wels unsere gemeinsame Welt, stellt sich dazwischen, als würde sie sich neben mein Unbewusstes gesellen. Vielleicht auch darum der Titel ihres neuen Buches; „Das Es reiten“. Sie stellt sich jenen Fragen, die nie endgültig beantwortet sein wollen, die nach Offenheit dürsten und Perspektiven in die Weite suchen.

Gleich einem wandernden Fisch
in die Vergangenheit springen;
das Gedächtnis ist ein Geruch,
ein Butterbrot,
eine Achselhöhle,
ein Blick.

Augenblicke, ein Duft, Momente und das Empfinden, das aufblitzt. Was bei mir gleich wieder im Vergessen versinken würde, dem gibt Jane Wels sprachliche Kontur. Sie zeichnet mit feinen Strichen, was sich während des Lesens mit Farbe füllt.

Spüre ihr Gewicht,
fühle den verholzten Stiel,
bevor du ihn herausziehst
aus dem weichen Fleisch,
einen Krater in ihre Schale reißt
– Zerfetzen ist ein Geräusch -,
sie schälst,
ihr das Kerngehäuse herausschneidest,
sie vierteilst,
ihr Saft durch die Finger rinnt,
duftend, zartflüssig,
bis sie schließlich
auf deiner Zunge liegt,
die köstliche Charneux.

Es sind nicht die grossen Gesten. Dafür immer wieder das genaue Tun, das Bewusstsein im Genuss, einfaches Tun, das zu heiliger Handlung wird, selbst dann, wenn das Gedicht  „nur“ den Verzehr einer Birne beschreibt. Jane Wels gibt dem Alltäglichen, dem, was sonst kaum je im Fokus steht, das man übersieht, ein Stück beinahe übernatürlicher Sinnlichkeit.

Morgen
tu ich so,
als sei ich Emil Sinclair,
bestelle einen Singapore Sling;
hänge den schwarzen Wald
an den Nagel
und lasse mich,
wie eine Wirbellose,
in deine Lagune treiben.

(Emil Sinclaire war ein Pseudonym von Hermann Hesse) Ein Lebensgefühl einer Frau, die weiss, wo die Anfänge und Enden ihrer Träume sind, die in sich zuhause ist, auch wenn sie sich auf dem Rücken ihrer Imagination treiben lassen kann. Ein Lebensgefühl, von dem ich mir gerne ein Stück abschneiden würde.
Jane Wels beschenkt mich mit ihren Gedichten!

Jane Wels, geboren 1955 in Mannheim, lebt im Nordschwarzwald. Sie studierte Entwicklungspsychologie, Pädagogik und Medienwissenschaften. Wels veröffentlichte in Literaturzeitschriften und in Online-Magazinen. Zuletzt erschien von ihr der Band «Schwankende Lupinen» (edition offenes feld, 2024).

Webseite der Schriftstellerin und Lyrikerin

Beitragsbild © privat

Louise Landes Levi «The Goddess / Die Göttin», Moloko Print, übersetzt und herausgegeben von Florian Vetsch

The Goddess – Der Versuch, die Finsternis auszulöschen – neue und ausgewählte Gedichte von Louise Landes Levi

Als im Juni 2022 die 1944 in New York geborene Dichterin, Sarangi-Spielerin und Weltreisende Louise Landes Levi nach einem langen Aufenthalt in Japan in St. Gallen auf den Dichter, Herausgeber und Übersetzer Florian Vetsch traf, um gemeinsam mit ihm und zwei Musikern im KultBau St. Gallen aufzutreten, vereinigten sich Welten, die für einen Abend auf der Bühne miteinander verschmolzen. Kein Wunder, dass Florian Vetsch, Kenner amerikanischer und deutscher Beatliteratur, in der Folge alles daran setzte, mit neuen und ausgewählten Gedichten der aussergewöhnlichen Künstlerin einen breiten Zugang für ein deutschsprachiges Publikum zu schaffen. Herausgegeben bei Moloko Print, einem Label, das sich expressionistischer und zeitgenössischer Literatur sowie moderner Lyrik verschrieben hat.

Now / I realize / I’m in a Paradise / for POETRY

Louise Landes Levi „The Goddess / Die Göttin“, New & Selected Poems, Neue & ausgewählte Gedichte, aus dem Amerikanischen übersetzt & mit einem Nachwort versehen von Florian Vetsch, ISBN 978-3-910431-31-7, Preis Buch und CD: 20 EUR

Louise Landes Levi versteht sich nicht einfach als Dichterin. Sie ist nicht nur dann Dichterin, wenn sie schreibt oder auftritt. Louise Landes Levi ist Dichterin. Künstlerin, Lebenskünstlerin mit jeder Faser ihres Körpers, ihres Auftretens, ihrer Wirkung. Ihr Schreiben ist ein Wandern durch die Zeit, all den grossen Figuren ihres Lebens entlang, sei es der Dzogchen-Meister Namkhai Norbu oder Ira Cohen, einer charismatischen Schlüsselfigur der Beat Culture, Lyriker, Fotograf und Filmemacher. Louise Landes Levis Poesie ist ein Schmelztiegel zwischen Kontinenten und Kulturen. Was die Autorin ausserordentlich werden lässt, ist ihr Eintauchen und Aufgehen in den offenen Zonen dieser Kontinentalplatten. Ihre Gedichte, die Florian Vetsch englisch und deutsch einander gegenüberstellt, sind Manifest einer Lebensart, einer Überzeugung, einer grenzenlosen Leidenschaft; Wenn die Fremde kommt gewähre ihr Einlass. Von zärtlichen Augenblicken, Momenten der Erkenntnis und Erleuchtung, von Begegnungen und Liebeserklärungen, von Statements und Befreiungen – Louise Landes Levi taucht in Sprache, Musik und Fotographie, begibt sich in ihrer Kunst auf eine permanente Suche nach dem Absoluten, diesem einen Moment, der alles mit allem verbindet.

Der mit einer Fotoserie der Künstlerin, einer CD mit der Suite Kami, eingespielt von Bart de Paepe und Timo van Luijk und einem Nachwort des Übersetzers und Herausgebers Florian Vetsch ist eine Schatztruhe, zugleich ein Tor zu einer Welt, die ganz und gar in ihrer Leidenschaft aufgegangen ist.

Beitragsbild © Ira Cohen Archives

Jochen Kelter «Grönlandsommer», Caracol

47 Jahre nach seinem Debüt, dem Lyrikband „Zwischenbericht“, und eingebettet ins 25-Jahr-Jubiläum des Literaturhauses Thurgau – Jochen Kelter war der erste Programmleiter des Literaturhauses – feierte der Dichter vergangene Woche mit seinem neuen Gedichtband „Grönlandsommer“ im Bodmanhaus Buchtaufe.

Jochen Kelter, in Köln geboren, aber schon ein halbes Jahrhundert auf der Schweizer Seite des Bodensees beheimatet, mit Sicht auf sein Herkunftsland, lernte ich 1992 persönlich kennen, als ich im Publikum einer seiner Lesungen sass. Damals war Jochen Kelter ein Autor aus dem Verlagshaus von Egon Ammann. Darunter die Erzählung „Die steinerne Insel“, ein Buch, das von seinem langen Aufenthalt in New York erzählt. New York, Paris, Konstanz, Ermatingen, vielleicht jene Achse, auf der sich das Leben Jochen Kelters bewegte, ein Dichter, der weit mehr ist als ein an seiner Scholle haftender Regionaldichter. Sein Blick ist stets weit, wach, empfindsam und klar. Da ist nichts Verklärendes, aber umso mehr Sehnsucht, nicht zuletzt die des immer älter, immer eingeschränkter werdenen Mannes, der aber nichts von seiner kreativen Lust an der Schönheit der Sprache eingebüsst hat.

Dass Jochen Kelter von der einen Seite des Bodensees auf die andere Seite schaut, ist symptomatisch für seinen Blick. Nicht der Blick eines Außenseiters, aber oft der Blick eines Aussenstehenden, eines Besorgten, eines Betroffenen, eines Nachdenklichen.

Blick und Erinnerung

Die Bäume auf beiden Seiten
der Straße kahl im Wintergrau
sind mächtig gewachsen
du erinnerst dich an die Reihen
ihrer lange gefällten Vorgänger
ihr Sommergrün wölbte sich
schattig über die ganze Straße
wie viel Zeit ist seither vergangen?

Du fährst an Häuserreihen
in der Stadt entlang als sähest du
sie zum ersten Mal so fremd
erscheinen sie jetzt wahrscheinlich
sind ihre ockerfarbenen ihre
grauen und rostroten Mauern schon
gestanden als du den dir fremden
Ort zum ersten Mal sahst

Jochen Kelter «Grönlandsommer», Caracol, 2025, 136 Seiten, CHF ca. 20.00, ISBN 978-3-907296-42-4

Jochen Kelter schreibt mit einem hohen Anspruch an Schönheit, Klang und Präzision. Seine Gedichte, die sich manchmal wie Kurzprosa lesen, in wenigen Zeilen ganz tief ins Leben blicken, aus einem einzigen Moment ein monumentales Bild machen, Erinnerungen nicht verklären, dafür umso mehr schärfen und mit Witz und Schalk den Widrigkeiten seiner Gegenwart begegnen, sind Sprachbilder, die zwischen den Zeilen weit mehr erahnen lassen, ohne sich ex­hi­bi­ti­o­nis­tisch zu gebärden. Manchmal filmreife Actionszenen, manchmal ein ganzes Leben im Schnelldurchlauf, oft ein klares Festschreiben der Schizophrenie, menschlichen Tuns, aber ganz ohne Larmoyanz.

Albtraum

Schwester und Schwager
laden ihn ein er soll sein soeben
erschienenes Buch mitbringen
im Wohnzimmer drängen sich
Journalisten und Kameraleute
er soll aus dem Buch vorlesen
er bittet um eine Leselampe
man zieht ihm den Tisch weg
er sucht verzweifelt sein Buch
was sagen Sie zum Krieg in der
Ukraine? Man hält ihm ein
Mikrofon unter die Nase: Haben
wir wirklich eine Klimakrise?
Nun sagen Sie doch endlich etwas
wo ist mein Buch? Welches Buch?
Ihre Meinung zum Krieg im Sudan
zum Überfall auf Bergkarabach
man zieht den Tisch weiter weg
schweißgebadet erwacht er
tappt ins Nebenzimmer macht
Licht – hier endlich Licht

Immer wieder finden sich in Jochen Kelters Gedichten Einschließungen, Verweise auf Musik, nachhallende Verszeilen von Liedern aus der Klassik, genauso wie Textzeilen aus Songs von Joni Mitchell. Einschliessungen aus der Lektüre anderer Bücher, so wie „Menschenwerk“ der südkoreanischen Nobelpreisträgerin Han Kang, die sich in ihren Büchern immer wieder mit unverdauter Geschichte, all der Gewalt, die sich ins kollektive Gewissen von Generationen frisst, auseinandersetzt. Themen, die auch Jochen Kelter nicht loslassen. Genauso wie der Verlust eines kulturellen Bewusstseins. Und immer wieder blitzt der Witz auf, für Jochen Kelter das einzige Mittel, um sich aktiv gegen die Oberflächlichkeiten der Gegenwart zu sperren.

Weiße Fahnen

Der Marktplatz ist aufgebrochen
völlig mit Pflastersteinen übersät
im Boden stecken grüne Fähnchen
wie geheimnisvolle Rätsel von
Außerirdischen hierher gebracht
aus uns unbekanntem Grund

Hinter den Türmen der Kathedrale
ragen weiße Fahnen wie Zeichen
der endgültigen Kapitulation
die Nebenstraßen stehen hoch
unter Wasser die Türen aller
Häuser verschlossen Hochwasser

Krieg wer weiß das? Keiner weiß
Genaues die Zeit scheint an ihr Ende
zu kommen was wird nach der Zeit
werden wir wenn wir am Morgen
erwachen in einer anderen Welt
oder in keiner Welt jemals mehr?

Sommernacht

Durch die Zweige der alten
Bäume im Dunkel der Nacht
beleuchtet der Vollmond strahlend
von unten die langsam westwärts
ziehenden grau hellen Wolken

Nach dort draußen in die Welt
der Attentäter Naturkatastrophen
der Hassprediger normalen Mörder
sagt der Nachbar zum Nachbarn
traut sich von uns niemand mehr

Außer den Mutigen Waghalsigen
Verrückten und alltäglichen Mördern
den Irrsinnigen ohne Furcht vor
Massenpanik und der übrigen Welt
wir hier unter dem friedlichen Mond

Zusammen mit „Fremd bin ich eingezogen“ (2020), „Im Grauschlaf stürzt Emil Zátopek“ (2021) und „Verwehtes Jahrhundert“ (2023) bildet „Grönlandsommer“ den beeindruckenden Reigen von vier Gedichtbänden im Caracol Verlag. Die beiden Gedichte zum Eingang sind aber auch ein deutlich Statement, dass sich die Dichtung von Jochen Kelter alles andere als Nabelschau sieht. Seine Texte sind eingebettet in die Zeit, ein geschichtliches und politisches Bewusstsein, immer auch in Sorge um die Spezies Mensch, zugleich aber Bilder eines Sprachmalers, der mit wenigen Strichen markieren kann, dessen wacher Blick auf die Welt jener eines Strengen ist, streng mit sich selbst, streng mit jenen, die in ihrer Egomanie krachen lassen.

2020 / 2021 / 2023 / 2025

Jochen Kelter ist 1946 in Köln geboren. Studium der Romanistik und Germanistik in Köln, Aix-en-Provence und Konstanz. Seit über fünfzig Jahren lebt er auf der Schweizer Seite des Bodensees in Ermatingen (von 1980 bis 2014 zudem in Paris). Lyriker, Erzähler, Essayist. 1988 bis 2001 war er Präsident des European Writers’ Congress, der Föderation der europäischen Schriftstellerverbände, und von 2002 bis 2010 Präsident der Schweizer Urheberrechtsgesellschaft ProLitteris.

Indiziert bei akuter Schwedensehnsucht: Eva Brunner «Zweitwald», Weissmann Verlag

Gerade im Sommer ergreift mich, wie tausende andere im deutschsprachigen Raum, das «Bullerbüsyndrom», eine plötzliche, süße Sehnsucht nach Schweden, die mehr über uns Betroffene aussagt, als über das real existierende Land. Berthold Franke prägte in seiner Zeit als Chef des Goethe-Instituts Stockholm den Begriff.

© Pfeffer Produktionen/Torben Nuding

Gastbeitrag von Christine Zureich

Was bei „Bullerbysyndromet“ (BBS) hilft? Eine Reise und, ja, Bibliotherapie. Ich möchte Astrid Lindgren, die Hauptverursacherin des Syndroms empfehlen, „Ferien auf Saltkrokan“, das für Kinder geschriebene Buch verträgt sich mit dem Erwachsensein besser als „Wir Kinder aus Bullerbü“. Dann Tucholsky, natürlich: „Schloss Gripsholm“, die fast sommerleichte Liebesgeschichte um Peter und Lydia (und Billi). Neu in meiner Reiseapotheke gegen BBS dieses Jahr: Eva Brunners „Zweitwald“. Die zweite Gedichtsammlung der Lyrikerin ist im Frühjahr 2025 im Weissmann Verlag, Köln, erschienen.

Ob Eva Brunner je am „Bullerbysyndrom“ litt, weiß ich nicht. Ein rosiger Blick auf das Land würde sich längst geklärt haben: Brunner emigrierte vor einigen Jahren schon mit ihrer Familie aus Berlin nach Uppsala. Der vorliegende Band nun gibt in 11 Kapiteln plus Glossar ein poetisches Protokoll wieder dieses Ankommens (und Ringens) des lyrischen Ichs um das Zweitland, die Zweitsprache, den Zweitwald.

Der Titel jedenfalls lässt Sehnsucht nach mystischer Landschaft anklingen, Trollwald wie versprochen Moos, und im selben Atemzug zugleich ein wenig die Entzauberung, die mit der Reibung an der Realität und Gewöhnung einhergeht: Zweitwagen und Second Hand, auch dieser Aspekt schwingt mit. Und ja, da wird aus anfänglicher Auswanderer-Euphorie ein etwas temperierteres Gefühl: lågom heißt genau richtig / lågom klingt leise / sind Beherrschung und Ruhe zwanghaft?/ (…) / oder kann man in dieser Natur nicht anders? / (…) / något wird von der vorbeiziehenden Landschaft betäubt.
Das lyrische Ich notiert kulturell verankerte Unterschiede in der Selbst- und staatlichen Fürsorge: bloß nicht zu viel Stress und koppla av / genug (…) aber bitte keine Nüsse mit in Schulen nehmen ej / nötter

Zugleich wird verwiesen auf gewisse blinde Flecken der neuen Heimat hinsichtlich des eigenen sozialstaatlichen „Musterschülertums“:

das beste Land der Welt / ist konfliktscheu blendet aus / Jahrzehnte der Zwangssterilisation / der Unterdrückung der Samen / (…) / die eignen Raubzüge / kaum erwähnt man ist modern/auf Bergen bester Empfang / friedliche stugas auf Inseln / Unrecht kommt von Außen / ist nur im Krimi groß

Eva Brunner «Zweitwald», Weissmann Verlag, 2024, 72 Seiten, CHF ca. 20.90, ISBN 978-3-949168-18-5

Aber auch die eigenen Haltungen und Ideale hinterfragt das lyrische Ich : wir sitzen im Raum der invandrare / (…) / was haben wir vorher gelernt und gesehen?/wer hatte die Wahl wer nicht? / erste Grüppchenbildung / (…)/ heute steure ich gegen entdecke/morgen ergebe ich mich
Neben den Herausforderungen aus dem invandrar-sein hat sich das lyrische Ich mit dem ganz gewöhnlichen Familienleben als permanente forbifahrt am Ideal herumzuschlagen: Kinder, die nicht die Liebe zu Ronja Räubertochter teilen, sondern Harry Potter vorziehen. Kinder die nur im Zoo nicht nölen. Kinder, mit denen es die neue Sprache zu lernen geht, zusammen mit einer weiteren Fremdsprache im Vokabellisten Ping-Pong. Ich versuche, die Sprache glatt zu streichen / hänge doch: Eva Brunner glättet einzelne schwedische Wörter in die Verse ein, so fein arbeitet sie da, dass aus Kontext und klanglicher Ähnlichkeit mit dem Deutschen – die Mannschaften sind verwandt – keine Übersetzung benötig wird, und wo doch, wird hinten im Glossar alles aufgelöst. Das ist klanglich schön und manchmal auch lustig, setzt einen leisen, effektiven Kontrapunkt gegen die stellenweise fast bullerbüenen Bilder, (die wir doch so sehr lieben und brauchen):

IV.
manche använder Saunamützen mit kaltem Wasser
all die Boote und Blumen mit Kopf und kropp
Himmel so tief wie das Meer blunda blau
wir sind süchtig nach Safran och semlor
kleine Bewegungen nobel lucia
Lass dein Haar herunter

Eva Brunner, 1980, seit Juli 2024 freie Autorin und Übersetzerin. 2015 Promotion in Amerikanistk, 2007 M.A. in Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Psychologie und Publizistik/Kommunikationswissenschaft. Seit 2018 lebt Eva Brunner in Uppsala/Schweden und ist dort Mitglied der Uppsala Autor:innengesellschaft, die ihr auch einen Schreibplatz im Literaturhaus stellt. Ihr Lyrikdebüt »Achtung, die Naht«, parasitenperesse, erschien 2019. 

© Leif Santoso Knobbe

Yves Raeber zur Übersetzung von «Terres déclives» (deutsch: «Schieflage») von Thierry Raboud

Ich begann so, wie ich es bei meinen Prosaübersetzungen zu tun pflege, und hackte meine ersten Versuche in den Computer, löschte und überschrieb alles, wieder und wieder, verlor mich in meinen unzähligen Varianten. Und wurde stutzig. Etwas stimmte nicht. Terres déclives ist keine Prosa! Und es war meine erste Lyrikübersetzung.

«und alles finge von vorne an» 

Ich musste anders arbeiten und griff zum Kugelschreiber, kritzelte wild drauflos, füllte dutzende Heftseiten – ein bisschen so, als wäre ich selbst der Poet. Das fühlte sich zwar im ersten Moment besser an, doch das Ergebnis blieb meist Makulatur. Nachsichtig entzifferte ich meine Hieroglyphen, schaute grosszügig über gedankliche Schludrigkeiten hinweg, begnügte mich mit ein paar wenigen Zufallstreffern und kam wieder nicht weiter. Ich wurde erneut zum digitalen Worthandwerker, setzte mich vor den Bildschirm und arbeitete mich Silbe um Silbe, Wort um Wort, Zeile um Zeile vor. Doch wenn ich nach einer Pause wieder auf den Bildschirm starrte, erschrak ich: Wie schwerfällig und verschwurbelt meine deutsche Übersetzung doch war, kein Vergleich mit dem elegant dahinfliessenden, dabei komplexen Original. Ich musste genauer arbeiten! Noch besser erfassen, noch präziser begreifen, was das Gedicht wirklich erzählt. Ich fuhr zu Thierry Raboud, und wir arbeiteten das Original von Anfang bis Ende durch. Oft blieben wir an einer Stelle hängen, kamen nicht weiter, verloren uns im Dschungel der Assoziationen. 

parmi les collections
estampes pressées par le temps
lavis pâles sous la paume 
de notre oubli

bei den sammlungen
vom lauf der zeit 
plattgewalzter drucke 
unter der hand des vergessens 
vergilbter tusche 

Meinte Raboud mit «par le temps» entweder im Lauf der Zeit oder eher vom Lauf der Zeit, oder vielleicht beides oder noch etwas anderes? Wie konnte ich ihm auf Französisch den Unterschied zwischen den deutschen Präpositionen im und vom oder der in diesem Kontext schwerfälligen Variante durch erklären? Raboud hatte auf die meisten Fragen eine Antwort, und selbstverständlich wusste er, warum er ein Bild, eine Metapher, eine Assoziation, eine Assonanz, einen Zeilensprung, einen Reim gewählt oder was ihn dazu inspiriert hatte. Aber nicht immer. Manchmal war etwas einfach «entstanden». Bei den Dichtern ist das so. Wieder an meinem Schreibtisch stellte ich fest, dass seine Erläuterungen mir die Arbeit nicht nur erleichterten, sondern stellenweise auch erschwerten. Ich verstand zwar genauer, was in der einen oder anderen Zeile mitschwang, war aber noch immer von einem befriedigenden Resultat meilenweit entfernt. Verklumpt, verschwurbelt, verkopft erschien mir meine Übersetzung, die Lektüre würde abschrecken.

Also fing ich wieder von vorn an, und ich fand immer besser in die Spur. Mit Geduld – und, wie könnte es anders sein, ein bisschen Demut. 

je contourne les statues penchées
dont les visages s’effarent
et dévisagent sans plus de fierté
le vide des sentiers 
qui derrière les portes du musée 
s’ouvre 

ich meide die unsteten statuen
ihren kleinmütigen blick
aus blutleeren augen
auf die weglose ödnis 
hinter dem klaffenden
museumstor. 

Thierry Raboud «Schieflage», die Brotsuppe, aus dem Französischen von Yves Raeber, 2025, 72 Seiten, CHF ca. 26.00, ISBN 978-3-03867-105-3

Aber nicht immer nahm das Gedicht meine Übersetzungsvorschläge widerstandslos an. Es entwickelte ein eigenes Selbstbewusstsein und verbat sich, wenn es ihm gegen den Strich ging, etwas in sich aufzunehmen, was ich mir ausgedacht und doch so gut «gepasst» hätte. Ich musste, stellte ich fest, nicht nur in Rabouds Originaltext hineinhorchen, sondern auch auf die Übersetzung hören, mit ihr in Dialog treten und, wenn es hart auf hart käme, ihr ein Zugeständnis abringen. Gebundene Sprache lässt sich nicht auf jede Bindung ein.

Immer klarer wurde mir auch, dass die «Beziehung», die ich mit Terres déclives einging, anders geartet war, als ich es von einer Prosaübersetzung her kenne: Lasse ich mich bei der Arbeit an einem Roman gerne von der Handlung, der Thematik, von einem Schicksal oder der Stimmung eines Texts berühren, so war es hier das Wort, das mich leitete, mir Räume öffnete oder verschloss, die Wucht der Wörter, die in mir Frohlocken oder Verzweiflung auslösten. 

Nicht immer konnte ich die Komplexität eines Sprachbilds übertragen: 

les tableaux seuls
ont gardé leur aplomb
leur horizon en droit-fil
cisaille le ciel et la terre
de rectitude insolente
alors que
tout penche 

nur die bilder
bleiben im lot
dreister schnitt
zwischen himmel und erde
ein rechthaberischer horizont
wo doch
alles wankt.

«en droit-fil» ist ein Begriff aus dem Textilwesen und bezeichnet den Schnitt quer durch den vertikalen Fadenlauf eines Stoffs. «cisailler» heisst zerschneiden, durchtrennen. Raboud beschreibt damit den Schnitt oder Riss zwischen Himmel und Erde. Im Deutschen ist das in knappen Silben nicht zu übersetzen. Ich entschied mich deshalb für «dreister schnitt/zwischen himmel und erde», was sich zwar vom Original entfernt, aber dafür den aggressiven Charakter der französischen Zeile wiedergibt. Im Netz fand ich dazu ein Zitat aus einem diplomatischen Gespräch, in dem der Ausdruck im Sinne von «korrekt, aber rücksichtslos» verwendet wurde, was zu meiner Entscheidung beitrug.

Manchmal erschwerte ich mir die Arbeit auch unnötigerweise. Für «éclairs pâteux» hatte ich lange pastose Erleuchtung stehen, ein schwerfälliger, sich aus der Polysemie des Originals erklärender Neologismus: Bei Raboud stehen die «éclairs» sowohl für Blitze auf einem Ölgemälde wie auch, leicht ironisch, für geistige Erleuchtung. Das Adjektiv «pâteux» bedeutet teigig, dickflüssig, träge; «avoir la langue pâteuse» bezeichnet eine nach übermässigem Alkoholkonsum schwere Zunge. Irgendwann war ich bei gelallten Züngeleien, und damit völlig im Abseits. Als ich mich kurz vor der Textabgabe für das Einfachste und Naheliegendste, für die wörtliche Übersetzung pastose Blitze zurückentschied, atmete auch der Verleger auf. 

Ein Jahr später erschien das Buch, und ich erinnerte mich an die Titelsuche. Schieflage war mir früh eingefallen, doch ich fand es zu journalistisch, eine Überschrift allenfalls für eine Zeitungskolumne. Ich versuchte es mit Erde, mit Plan, Terrain oder Ebene. Auch Hanglage kam nicht infrage, falsches Bild und anderweitig besetzt. Abschüssiges war mundartlich konnotiert, und als auch der Verleger nicht weiterkam, holte ich die Schieflage wieder aus der Versenkung und wusste gleich: Der Titel passt. Er leistet genau das, was ich brauche, er löst das Gedicht aus der «hohen leiste der letzten zuflucht» und verlagert es in eine schnörkellose Sachlichkeit. 

«et tout recommencerait»

Thierry Raboud, 1987 in Martigny geboren, gehört zur Nachwuchsgeneration der Lyriker in der Westschweiz. Seine erste Gedichtsammlung, «Crever l’écran» (Ed. Empreintes), wurde mit dem Prix Pierrette Micheloud gewürdigt. Als Literaturkritiker und Musiker ist er auch im Bereich Performance und Installation tätig. Im Jahr 2023 war er Preisträger eines Kulturstipendiums der Fondation Leenaards. Seine Gedichte wurden auch ins Italienische übersetzt (Ed. Valigie Rosse).

Yves Raeber ist Schauspieler, Regisseur und literarischer Übersetzer von Theaterstücken und Prosa. Für die Übersetzung von «Die Panzerung» («Béton Armé») von Philippe Rahmy wurde ihm 2019 von der Stadt Zürich eine literarische Auszeichnung verliehen.

Rezension von Daniel Graf in der Republik