„Hinter mir lag ein schlechtes Ende und vor mir ein Abschied.“ Jörg Magenau, bekannt geworden mit seiner literarischen Reportage „Princeton 66“, über die Gruppe 47, ein „Gipfeltreffen der deutschsprachigen Literatur an der Ostküste der USA“, schrieb mit „Die kanadische Nacht“ einen eindringlichen Roman über das Woher und Wohin, über den stillen Raum zwischen Vergangenheit und anbrechender Zukunft.
Ein Mann fährt alleine durch die kanadische Prärie. Sein Vater, mit dem er über Jahrzehnte nur noch via Mail sporadisch Kontakt hatte, liegt krank im Sterben. Den Mann erreichte in Deutschland ein Anruf: „Kannst du kommen? Du kannst mich doch hier nicht so liegen lassen.“ Also fliegt und fährt er hin. An einen Ort, den er nicht kennt, zu einem Vater, den er verloren glaubte, im Ungewissen darüber, ob er es rechtzeitig schaffen würde. Vor sich die Ungewissheit, hinter sich lauter lose Enden, die sich in keine Ordnung fügen.
„Denn was heisst Schreiben anderes, als die Dinge schöner zu machen, als sie sind?“
Vater- und Mutterbücher sind ein unendlich scheinendes Reservoir an Geschichten und Auseinandersetzung. Kaum eine Kunstgattung scheint sich derart ausgiebig an dieser Thematik abzuarbeiten wie die Literatur. Die ersten Jahre eines Lebens prägen ganze Biographien, lassen episch schleifen, kämpfen, hadern und wegstossen. Und doch bleibt der Vater, die Mutter. Sie brennen sich ein, lagern sich in den Sedimenten der eigenen Geschichte ab. Und wer selbst solcher oder solche wird, weiss sehr schnell, wie unsäglich gross das Minenfeld an möglichen Fehlern, Fehltritten, Fehlentscheidungen und misslichen Reaktionen ist.
„Wir schreiben es hin, doch nichts von dem, was wir erlebten, geht im Geschrieben auf.“
Jörg Magenau erzählt von einem in die Jahre gekommenen Sohn, der sich ans Sterbebett seines Vaters auf der anderen Seite des Ozeans aufmacht. Es ist eine lange Reise. Mit Sicherheit in Sachen geografischer Distanz. Aber nachdem der Vater vor Jahrzehnten Deutschland verliess und in Kanada eine neue Existenz begann, nachdem er sich neu verheiratete und alle Bande zu seiner alten Heimat kappte, wäre er wohl auch gestorben, ohne dass sein Sohn vom Sterben erfahren hätte. Aber da war dieser Anruf: „Kannst du kommen? Du kannst mich doch hier nicht so liegen lassen.“
Ein Anruf, der die Entscheidung leicht machte, in ein Flugzeug zu steigen und den Weg ins Ungewisse auf sich zu nehmen. Ein Anruf, der eigentlich im richtigen Augenblick kam, denn als Schriftsteller musste er sich aus den Schlingen eines missratenen Buchprojektes lösen, aus der Nähe zu einer Geschichte, die er Jahre mit sich herumgetragen hatte. Und seine zweite Frau, die einen Sohn mit in die Ehe brachte, zwang ihn immer mehr, sich mit seiner unfreiwilligen Rolle als „Vater“ auseinanderzusetzen. So wurde der Ruf zu dieserReise ins Ungewisse zu einem Schlüssel, einem Schlüssel in die Vergangenheit und einem Schlüssel in die Zukunft.
„Eine Idee ist wie ein Papierdrache an einer dünnen Schnur hoch über den Wolken.“
Während der Mann durch die Weiten Kanadas fährt, tauchen Bilder aus der Vergangenheit auf, Bilder seines Vaters, der damals gemeinsamen Geschichte. Sie verweben sich mit den Auseinandersetzungen rund um sein letztes Buchprojekt, in dem eine Malerin ihn bat, eine Biographie über ihren verstorbenen Gatten, einen Dichter zu schreiben. Es hätte ein Buch über ein Künstlerpaar werden sollen, ein Buch, das von der Leidenschaft einer Künstlerliebe hätte erzählen sollen, ein Buchprojekt, in dem die greise Malerin zur eigentlichen Ghostwritern wurde, weil sie sich immer intensiver und bestimmender in das Schreiben einmischte. Bis zu dem Moment, als sie sich nach Jahren der beiderseitig intensiven Auseinandersetzung endgültig aus dem Projekt zurückziehen wollte, dem Schriftsteller die Veröffentlichung untersagte.
„Der Tod ist das Gebirge des Seins, der Schrein des Nichts, der Sprung in den Abgrund, der Punkt jenseits, auf den das Leben zuläuft, ohne ihn je zu erreichen, weil es dann, wenn es dort ankommt, schon nicht mehr ist.“
Jörg Magenau will aber nicht einfach die Geschichte eines Sohnes, die Geschichte eines „Abgeschnittenen“ erzählen. Jörg Magenaus Schreiben, die Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn und jene mit der Malerin sind durchsetzt mit Gedichten von Friedrich Hölderlin. Hölderlin feierte letztes Jahr seinen 250. Geburtstag. Hölderlin gibt den Auseinandersetzungen in der sich der Erzählende befindet eine ganz besondere Stimme. Der Erzähler in „Die kanadische Nacht“ stellt Fragen. Genauso wie es Hölderlin in seinen formvollendeten Gedichten auch tat, wenn auch nicht mit Fragezeichen. „Die kanadische Nacht“, ein Buch über das Schreiben, den Nachhall von Geschichten.
„Was bleibet aber, stiften die Dichter.“ Hölderlin
Jörg Magenau, geboren 1961 in Ludwigsburg, studierte Philosophie und Germanistik in Berlin. Er ist einer der bekanntesten deutschen Feuilleton-Journalisten und schrieb u. a. Biographien über Christa Wolf, Martin Walser und die Brüder Ernst und Friedrich Georg Jünger. Zuletzt erschien von ihm «Bestseller: Bücher, die wir liebten …» und bei Klett-Cotta die literarische Reportage «Princeton 66». «Die kanadische Nacht» ist sein erster Roman.
Kein Mensch kannte den Namen Cilette Ofaire, als Charles Linsmayer 1988 als Band drei seiner Edition «Reprinted by Huber» ihren Roman «Ismé» von 1940 als «Ismé. Sehnsucht nach Freiheit» deutsch neu herausbrachte und mit einer Biographie der Autorin versah.
Cilette Ofaire – «Ismé», Charles Linsmayer zusammen mit der Schauspielerin Heidi Maria Glössner im Literaturhaus Thurgau, Donnerstag 22. April 2021, 19:30 Uhr. Wir bitte Sie um Anmeldung unter diesem Link.
Der Erfolg war so durchschlagend, dass das Buch nach kurzem nicht nur als Hardcover, sondern auch als pendo-Taschenbuch vergriffen war und die Édition de l’Air in Vevey, verblüfft durch den Erfolg im deutschen Sprachraum, auch die französische Originalfassung wieder zugänglich machte. Ja, es fand sich sogar eine Gruppe von Ismé-Fans zu einem Verein zusammen, der ein Schiff mit dem gleichen Namen nachbaute und auf den Spuren von Cilette Ofaire in See stach!
33 Jahre lang war das Buch vergriffen, als Charles Linsmayer als Band 38 seiner Edition eine Neuausgabe herausbrachte, mit einer erweiterten Biographie und dem erstmaligen Abdruck des gezeichneten Bordtagebuchs der Autorin. Und diesmal machte die Édition de l’Air von Anfang an mit und brachte Linsmayers Neuausgabe in einer identischen französischen Fassung ebenfalls neu auf den Markt. Und das Wunder geschah! Wiederum war das Buch nach wenigen Wochen ausverkauft und musste eine zweite Auflage gedruckt werden, und zwischen Dezember 20 und März 21 figurierte der Roman die ganze Zeit auf der Bestsellerliste des SBVV!
Charles Linsmayer, Germanist, Literaturkritiker und -vermittler, lebt in Zürich als Journalist und Herausgeber von Schweizer Literatur. Er wurde mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Preis des Schweizer Buchhandels, dem Deutschen Sprachpreis und dem Eidgenössischen Preis für literarische Vermittlung 2017. Legendär sind seine «Hottinger Literaturgespräche».
Gefragt, wie er sich diesen neuerlichen Erfolg erkläre, meinte Charles Linsmayer, der inzwischen als Biograf von Cilette Ofaire auch in der Romandie ein gefragter Interview-Partner ist, dass dieser Roman mit seiner tief empfundenen Menschlichkeit, seiner einfachen, bildhaften Sprache, seiner Begeisterung für die Seefahrt und die Weite des Meeres eben gerade in einer Zeit, wo niemand reisen könne, zu einer faszinierenden Lektüre avanciert sei. Ja, dass sich der Vorgang von 1940, als der Roman als Erstausgabe im deutsch besetzten Frankreich als Buch der Hoffnung und der Freiheit begrüsst wurde, sich angesichts der Einschränkungen und Bedrohunen der Pandemie zu wiederholen scheine.
Im Literaturhaus Thurgau wird Charles Linsmayer anhand von Texten und Bildern das Leben von Cilette Ofaire und ihre abenteuerliche Seefahrt mit der «Ismé» vorstellen, während die Schauspielerin Heidi Maria Glössner die schönsten Stellen aus dem Roman vorlesen wird.
Heidi Maria Glössner, «Grande Dame» der Schweizer Theater- und Filmszene
Den Abschluss bildet ein Gespräch mit dem Herausgeber, in dem er erzählt, wie er auf Cilette Ofaire gestossen ist und was sie ihm persönlich bedeutet.
Eine Handvoll Frauen treffen sich nach vielen Jahren wieder. Damals ermöglichte ihnen ein internationales Kunststipendium einen längeren Aufenthalt auf der Mittelmeerinsel Krk in der Villa de Artium. Eine Handvoll Frauen damals vor achtzehn Jahren, voller Verheissungen, Versprechen für die Zukunft.
Sie treffen sich in Zürich wieder, weil Adrienne Rytz-Bonnet, die ehemalige Präsidentin dieser Stiftung, zu einer Réunion einlädt, die erste Runde von damals, weil Adrienne spürt, dass ihre Krankheit sie schwinden lässt, weil es an der Zeit ist, die Kraft für einen letzten Kampf zu bündeln.
„Kapitulation“ Buchtaufe im Literaturhaus Thurgau, Donnerstag 29. April 2021, 19:30 Uhr. Wir bitte Sie um Anmeldung unter diesem Link.
Aina, kasachisch-schweizerische Actionskünstlerin, die im Kunsthaus zur Aufseherin geworden ist, wenn auch mit subversiven Zügen. Kirsty, die mit einem sehr persönlichen Forschungsprojekt über ihre schreibende Grossmutter einmal mehr bei einer Preisverleihung abblitzt. Brigitte, die einst alles auf ihre Bratsche setzte und nun den Primaten im Zoo spielt. Cloé, mittlerweile längst dem Alter eines Shootingstars entwachsen und im Permastreit mit ihrem Verleger, der sich schlankere Manuskripte wünscht, Zeug, das sich besser verkauft. Und Yvonne und Nomi. Yvonne, Adriennes Privatmasseurin und Nomi, Adriennes Tochter.
Sie alle sind Versehrte. Irgendwann kam es zu Kapitulation. Einmal mehr, einmal weniger. Sie alle mussten klein beigeben; den Umständen, dem Misserfolg, den Männern, den Erwartungen, dem Kampf. Sie alle haben ihren Preis bezahlt, ihre Narben einkassiert. Schon möglich, dass es Berufsgattungen und Gesellschaftsschichten gibt, in denen sich die Gleichberechtigung dem Ideal gar nicht mehr so weit weg zeigt. Aber wenn es einen Bereich in der Gesellschaft gibt, in dem es noch immer viel zu viele männerdominierte Plattformen gibt, dann in der Kultur. Michèle Minelli zeigt dies in einer Art und Weise, die bei der Lektüre beinahe schmerzt. Michèle Minelli schneidet ohne Narkose. Die eitrigen Geschwüre ergiessen sich über den üppig angerichteten Tisch eines opulenten Bilderschmauses. Die Autorin breitet die Schilderung der verschiedenen Welten, in denen sich die Frauen in den beiden Tagen vor ihrem Treffen in Zürich bewegen und aus denen sie sich schälen, in einem eigentliches Erzählmosaik aus, ein Blitzlicht hier, eine Spot da. Lichter, die sich in die Tiefe bohren, die nicht chronologisch ausleuchten, sondern in verschiedensten Tiefen erzählen, wie das Leben mit ihnen spielt. Dass das zuweilen für mich als Leser verwirrlich ist, für den genauen Leser, ist ein Preis, den man gerne zahlt angesichts der Kraft und wörtlichen Leidenschaft, die der Roman ausstrahlt.
Michèle Minelli hat viel gewagt. Den Roman aber mit den ersten Sätzen schon zu schubladisieren, wird dem nicht gerecht, was der Roman will. Würde man den Roman als „Frauenroman“ titulieren, gäbe man den Männern einen Grund ihn nicht zu lesen. „Kapitulation“ ist ein kämpferischer Gesellschaftroman, der aber nicht aus sicherer Distanz erzählt, sondern mitten aus dem Kampfgebiet von Gleichberechtigung und jahrhundertelanger Immunisierung substanzieller Veränderungen. Mag sein, dass es Stimmen gibt, die mahnen, was Frauen in der Gegenwart im Vergleich zur Vergangenheit alles können, dürfen und tun. Aber die Stimmen vermögen immer weniger zu kaschieren, dass es immer noch ein Kampf ist und bleibt. Ein Kampf, der viele Opfer fordert, Opfer die eine scheinbar moderne und aufgeschlossene Gesellschaft so einfach hinnimmt und akzepiert. Dass dieser Kampf noch lange nicht ausgestanden ist und dass es viele Männer noch immer hinnehmen, dass männliche Privilegien Selbstverständlichkeit bleiben, dass die Welt in der wir leben, in vielem durch ein männliches Okular gesehen wird.
„Kapitulation“ will viel mehr als bloss unterhalten, viel mehr als bloss eine Geschichte erzählen, auch wenn es die Geschichte der Frauen im Europa der Gegenwart ist. Dass Michèle Minelli im letzten Kapitel eine der Frauen in ihrer Verzweiflung über all die Lähmungen und Zurückweisungen das Letzte riskiert und dabei in ihrer letzten Kapitulation wieder nur verlieren kann, ist pessimistische Konsequenz. „Kapitulation“ ist schwere Kost, fordert von mir als Leser alles – ganz sicher mehr als bloss Reflexion. «Kapitulation» ist kämpferisch, durchflutet von starken Bildern und Dialogen. Eine Breitseite literarischer Wucht!
Michèle Minelli, geboren 1968. Schriftstellerin und Filmschaffende. Koordinatorin der Franz-Edelmaier-Residenz für Literatur und Menschenrechte in Meran, Vorstandsmitglied Deutschschweizer PEN-Zentrum. Seit 2000 sechs Sachbücher und sieben Romane mit Übersetzungen ins Französische, Chinesische und Albanische. Die Arbeit an »Kapitulation« wurde mit einem Werkbeitrag der Kulturstiftung des Kantons Thurgau gefördert. Minelli lebt und arbeitet auf dem Iselisberg.
Ich sah den leuchtenden Schweif eines Kometen, der nur im Abstand eines Menschenlebens erscheint, sah ihn viele Male, bis er mir zum Gefährten wurde, mir keinen Schrecken einflösste wie jenen, die an Omen glaubten. Ich sah den Himmel, als er noch so hoch war, dass Götter darin leben konnten, und ich sah diese Götter ausziehen aus dem Himmel nach und nach, einem Allmächtigen platzmachend erst, bis auch dieser ausziehen musste, sodass der Himmel nun leer ist. Ich sah die Berge, als sie noch keine Namen trugen, als niemand daran dachte, sie zu besteigen, und ich sah diese Berge nach und nach bezwungen werden, auch jene, die als heilig galten. Ich sah in der Wüste einen Mann auf einer Säule stehen, sah ihn auf dieser Säule verharren für Jahre, und der Mann antwortete auf meine Frage, warum er das tue, er wolle sich nicht in Versuchung führen, er entsage dem Weltlichen, um das Himmlische zu erlangen. Ich sah die Meere, als sie noch weit waren, als sie noch als unüberwindbar galten, als in ihnen noch Leviathan und Cetus lauerten darauf, die Seefahrer hinabzureissen, sah diese Kreaturen schrumpfen und schliesslich verschwinden von den Meereskarten, ich sah Schiffe auslaufen in diese Meere, und ich sah sie zurückkommen tief im Wasser liegend und betörend duftend. Ich sah Menschen sich so sehr fürchten vor dem Tod, dass sie behaupteten, es gäbe den Tod nicht, hörte sie sagen, das Leben ginge nach dem Sterben weiter bis in die Ewigkeit. Ich sah Menschen sich so sehr fürchten vor dem Leben, dass sie ihre Körper aufschnitten, ihre Körper aufhängten, ihre Körper wegwarfen in Schluchten und in Flüsse. Ich sah Menschen sich so sehr fürchten vor dem Verlust eines andern Menschen, dass sie behaupteten, dass das Leiden, das einem der Verlust eines andern Menschen verursache, schlecht sei, dass man niemanden so sehr lieben dürfe, dass sein Verlust einem Leiden verursachen könnte. Ich sah einen Mann brennen, angezündet von denen, die nicht glauben wollten, dass jeder Stern am Himmel eine Sonne sei, und dass um jeden dieser Sterne Planeten kreisten. Ich sah Frauen brennen, viele Frauen, denen man vorwarf, Nadeln in Milch gezaubert zu haben, ich kenne den Geruch von brennendem Haar, von schmelzender Haut, ich kenne den Anblick von Gesichtern, die in Flammen verkohlen. Ich sah Frauen sich die Zähne schwärzen, sah sie sich die Zähne weissen, die Haare lang tragen oder kurz, sah sie all diese Dinge tun im Namen der Schönheit. Ich sah Tiere, die als heilig galten, und deren Tötung bestraft wurde, und ich sah dieselben Tiere bezeichnet als schmutzig und nichtswürdig, und sah ihre Tötung gefeiert von vielen Menschen. Ich sah die Menschen Gesetze aufstellen, wen man lieben durfte und wen nicht, sah sie die eine Liebe erheben zum Höchsten, was es gebe, die andere Liebe als teuflisch verbannen. Ich sah die Menschen Dinge schaffen, die ihnen die Arbeit erleichterten auf dem Felde, sah sie Maschinen schaffen, die sich bewegten wie sie selbst,aber nicht aussahen wie sie selbst, ich sah die Menschen Fabriken errichten, welche die Bedürfnisse der Menschen befriedigen sollten, und ich sah sie Fabriken errichten, die Menschen vernichteten.
All das sah ich mit meinen eigenen Augen, aber niemand glaubt mir, dass ich all das gesehen habe.
Lukas Maisel «Buch der geträumten Inseln», Rowohlt, 2020, 272 Seiten, CHF 32.90, ISBN 978-3-498-00202-2
Lukas Maisel, geboren 1987 in Zürich, machte eine Lehre zum Drucker. Bald merkte er, dass er Bücher lieber schreiben als drucken würde und studierte am Literaturinstitut in Biel. Für das Manuskript «Buch der geträumten Inseln» erhielt er 2017 einen Werkbeitrag des Kantons Aargau und 2019 einen Förderpreis des Kantons Solothurn.
Vaterbücher haben Konjunktur. Christian Futscher hat eines geschrieben, das herausleuchtet, das einem beglückt, ohne verklären zu wollen. Weit mehr als eine Sammlung vergnüglicher Anekdoten, sondern eine Liebeserklärung an den Eigenwillen eines Sonderlings!
Als mein eigener Vater starb und mir klar wurde, dass es bei einer Beerdigung nicht reichen konnte, ein paar Daten und Ereignisse chronologisch aufzuzählen, wurde auch klar, wie viel mit dem Tod mitgerissen wird, wie viel Leben, wie viel Geschichte und Geschichten, wie viel Begegnung. Geschichten, die ins Vergessen abtauchen. Geschichten, die man nur lebendig halten kann, wenn sie immer wieder erzählt werden oder jemand die Kraft hat, sie aufzuschreiben.
Christian Futscher hatte die Kraft. Aber seine Sammlung von Vatergeschichten ist viel mehr als ein Erinnerungsbuch eines Zurückgelassenen. Jener Vater, den Christian Futscher in seinem Buch beschreibt, ist ein Sonderling. Einer der in den warmen Monaten kellnerte und es in den kälteren der Frau überliess, morgens zur Arbeit zu gehen. Ein Mann, der das Leben von einer anderen Seite abzurollen versuchte, das Faultier zu seinem Lieblingstier machte und seinem Jungen sagen konnte, es täte ihm leid, kein ernsthafter Vater zu sein, kein Fels in der Brandung, dass er keine Geschwister habe, die Wohnung nicht hell sei, man kein Auto besitze. Ein Mann, der sich selbst in düsteren Augenblicken einen Dummkopf, Jammerlappen, Kasperl nennt. Sein Vater war ein Sonderling, einer der mit Papierröllchen und Gummi andere in der Stadt abschiessen konnte, der auf Bäume kletterte und zu zwitschern begann, der es morgens nicht aus dem Bett schaffte und nachdem ihn seine Frau gebeten hatte, doch wenigsten die welken Blumen in der Vase bis am Abend zu entsorgen, bloss die Blüten kappte und meinte, die Stängel sind noch schön gewesen. Einer, der Fremdwörter ganz sinnfrei benutzen konnte, absichtlich falsch, der seine Frau anfangs noch zur Weissglut, später in die Resignation stiess.
Christian Futscher «Mein Vater, der Vogel», Czernin, 2021, 112 Seiten CHF 30.90, ISBN 978-3-7076-0728-4
„Mein Vater, der Vogel“ ist weit mehr als ein Erinnerungsbuch, ein paar lustige Geschichten, die an einen Sonderling erinnern sollen. Es ist ein Buch über einen „komischen Vogel“, der nicht nur von seiner Umgebung als solcher wahrgenommen wird, für den sich manchmal sogar der eigene Sohn schämt. Ein Buch über einen Vater, einen Sohn und eine Mutter, eine Familie, die mit dem Auszug des Sohnes auseinanderbricht. Über einen Mann, der sich nicht um Konventionen kümmert, in einer Zeit, in der meine eigenen Eltern stets um das äussere Erscheinungsbild als Familie bedacht waren. Über einen Mann, der nicht wird, was wir erwachsen nennen, der das Kind in sich leben lässt, dessen Flügel aber dann doch irgendwann fluguntauglich werden.
Ich habe lange nicht mehr so herzhaft gelacht bei der Lektüre eines Buches. Und doch mischte sich ins Lachen eine leise Trauer darüber, dass der Vater in diesem Buch letztlich am Schluss vom Himmel fiel, dass sich der Mensch selbst seiner Freiheiten beraubt und man Lebenslust manchmal mit dem Leben bezahlt. Der Vater in „Mein Vater, der Vogel“ war ein Lebenskünstler. Etwas, was der Autor selbst in seinem eigenwilligen Schreiben ausleben kann.
Wenn es eine Lektüre gibt, mit der man sich bezaubern lassen kann, dann „Mein Vater, der Vogel“!
Interview
Als Sohn ist einem ein Vater durchaus manchmal peinlich. Und weil sich ihr Vater doch des öfteren als schräger Vögel präsentierte, waren die Peinlichkeiten auch öfter. Aus den Geschichten spricht Wehmut. Vielleicht auch ein bisschen Schmerz, ihn nicht besser verstanden zu haben?
Mein Vater ist 1982 von einem Tag auf den anderen an einem Herzinfarkt gestorben, er war erst 52 Jahre alt. Ich war damals 22. Mein Vater war ganz und gar kein schräger Vogel, sondern ein mit beiden Beinen auf dem Boden stehender Mann, der einen Beruf hatte, der mir ein Rätsel war. In der Schule sollten wir den Beruf unseres Vaters nennen, ich musste zuhause nachfragen, um dann sagen zu können: Handelskammerangestellter. Mein Vater war auch jahrelang Vizebürgermeister der Stadt Feldkirch, ein Mann der ÖVP, der aber im Gegensatz zu vielen anderen in der Partei den Wiener Parteiobmann Erhard Busek, der oft als „bunter Vogel“ bezeichnet wurde, sehr schätzte.
Ich habe meinem Vater viel vorgeworfen, besonders schlimm nach seinem plötzlichen Tod war für mich, dass da auch ein Gefühl der Erleichterung war. Ich habe meinen Vater in vielem nicht verstanden, und es war für mich unmöglich, ruhig mit ihm zu reden. Ein paar Wochen nach seinem Tod war ich mit einem Freund eine Woche in Paris. An einem Abend, ich weiss nicht, wie wir darauf kamen, machten wir ein Rollenspiel: Mein Freund spielte meinen Vater, ich den zornigen jungen Mann, der ich auch war. Mein Freund schlüpfte so gut in seine Rolle, dass ich auf diesem Umweg ein längst überfälliges Gespräch mit meinem Vater führte, in dem ich ihm alles sagen konnte. Das Gespräch, das zwischendurch auch sehr emotional war, dauerte mehrere Stunden lang. Kurze Zeit später war ich dann zum ersten Mal fähig, um meinen Vater zu weinen. Bis dahin hatte ich noch keine einzige Träne vergossen, war ich innerlich kalt und erstarrt gewesen.
Peinlichkeiten. Mein Vater war eine imponierende respektable Persönlichkeit. Es beeindruckte mich schwer, als ich ihn einmal bei einer Rathaussitzung durch die geschlossenen Türen des Rathaussaales lautstark schimpfen hörte. Ein anderes Mal war er an unserer Schule als Politiker eingeladen, hielt vor der ganzen Schule eine Rede und beantwortete anschliessend Fragen. Ich war stolz auf meinen Vater. Ein peinliches Erlebnis, an das ich mich erinnere (ich habe in einem Buch darüber geschrieben): Freunde und ich sahen ihn aus einiger Entfernung, wie er auf der Terrasse unseres Hauses stand und mit den Händen in der Luft herumfuchtelte, als habe er den Verstand verloren. Meine Freunde lachten, ich schämte mich, obwohl ich natürlich wusste, was er tat: Er dirigierte zu der Musik, die im Wohnzimmer lief, die wir aber auf die Entfernung nicht hören konnten. Hätte ich den Satz von Gerhard Fritsch damals schon gekannt, hätte ich meinen Freunden sagen können: „Wer die Musik nicht hört, hält die Tanzenden für Wahnsinnige.“
Noch etwas, das mir zu Peinlichkeiten, bzw. zu Fehlern einfällt: Ich las bei einer Psychologin, dass gute Eltern 40 Fehler pro Tag machen. Als ich, inzwischen selber Vater, das zu meinem damals ca. 10-jährigen Sohn sagte, meinte er: „40 okay, aber du machst 400!“
«Mein Vater, der Vogel» auf dem 54. Literaturblatt
Steigen Sie auch auf Bäume? Haben Sie Flügel?
Ich steige zwar nicht auf Bäume (lange her, dass ich das tat), schreibe aber immer wieder davon. Ob das etwas mit dem Affentheater zu tun hat, das ich zeitweise im Kopf habe, es also mehr mit Affen zu tun hat, als mit Vögeln? Das könnte sein. Dagegen spricht, dass Affen kaum in meiner Literatur vorkommen, Vögel jedoch sehr häufig, und zwar von Anfang an. Mein erstes Buch heisst „was mir die adler erzählt“ (visuelle Poesie, getippt auf meiner guten alten mechanischen Schreibmaschine, einer ADLER), weitere Bücher heissen: „Schau, der kleine Vogel!“ und „Dr. Vogel oder Ach was!“, und dann gibt es noch ein Kinderbuch mit dem Titel: „Ich habe keinen Fogel“.
Während meiner Jugend hatte ich immer wieder Träume, in denen ich versuchte zu fliegen, was aber nie klappte. Irgendwann so Mitte 20 gelang es plötzlich, ich konnte mich aus jeder Gefahr in die Lüfte retten, flog auch zum Spass … Es war immer ein erhebendes Gefühl, wenn mir im Traum einfiel, dass es jederzeit möglich war, zu fliegen. Sehr intensive, beglückende, befreiende Flugerlebnisse!
Jede Generation arbeitet sich an ihren Vätern ab, vorgestern, gestern wie heute. Väterbücher haben Dauerhochkonjunktur. Warum? Und warum schaffen Sie es, daraus keinen Kampf, sondern zumindest für mich Leser, ein Vergnügen zu machen?
Ich denke, das ist einfach zu beantworten: Fast alle Menschen haben Väter, die ihnen nahe sind, mit denen sie sich auseinandersetzen müssen, mit denen sie Schönes und anderes erleben, die sie prägen, von denen sie etwas mitbekommen, denen sie ähnlich sind. Um Urs Widmer in dem Zusammenhang zu zitieren: „Die Geschichten aller sind immer die besten Geschichten.“
Ich habe längere Zeit Material für mein Vater-Buch gesammelt, hatte irgendwann eine Fülle von Geschichten, Episoden, Szenen, wusste aber lange nicht, was ich damit machen sollte, wie ich das Ganze stimmig unter einen Hut bringen könnte. Dann zog mein Sohn aus, ein guter Freund, der ein grosses Alkoholproblem hatte, starb überraschend, mir fiel ein tragikomisches Buch von Jean-Louis Fournier in die Hände: «Er hat nie jemanden umgebracht: mein Papa». Fournier schreibt darin über seinen Vater, der Alkoholiker war und mit 43 gestorben ist, als der Autor 15 war. Urwitzige, aber natürlich auch urtraurige Geschichten. Ein zweites autobiografisches Buch von Fournier heisst «Wo fahren wir hin, Papa?» Darin schreibt er über seine zwei geistig und körperlich schwer behinderten Söhne, die er beide überlebt hat. Der erste Sohn starb mit 15 … Fournier ist laut Klappentext «Schriftsteller und Humorist».
Dann hatte ich irgendwann die Idee, neben den zum Grossteil lustigen Geschichten und Streichen des Vaters die Geschichte einer Ehe und einer Krankheit anzudeuten, eine hintergründige Ebene einzubauen, einen Bogen zu spannen, so dem Ganzen mehr Tiefgang zu verleihen. So in etwa.
Ihr Buch ist mehr als ein Vaterbuch. Es ist auch das Buch einer Familie, eine Ehe, die nach dem Auszug des Sohnes endgültig zerbricht. Auch das Buch einer Frau, die ihren Mann nicht „halten“ kann. Ein Buch über einen Menschen, der nicht den Konventionen entspricht. Sind Sie Schriftsteller geworden, weil man als Künstler am leichtesten tun kann, was ihr Vater eigentlich auch tat?
Mein Vater war sehr kunstinteressiert, wäre am liebsten Musiker geworden, z.B. Dirigent (vom leidenschaftlichen Herumfuchteln auf der Terrasse habe ich schon erzählt), aber er musste damals ein kurzes Studium wählen, ausserdem eines, das ein rasches und sicheres Einkommen garantierte, also Jus (sein Vater war mit 46 gestorben, da war mein Vater 16, sein Bruder ist mit 12 gestorben, da war er 11) … Als Schriftsteller kann man alles werden, was man will, und wenn es nur auf dem Papier ist. Jetzt könnte ich noch zwei schöne Zitate bringen, lasse es aber bleiben. Nur so viel: Das eine ist von Franz Hohler, darin geht es darum, die Tür zum Kinderzimmer offen zu lassen, das andere ist von Kurt Vonnegut, in dem es darum geht, dass wir auf Erden sind, „to fart around“.
Gibt es Fragen, die Sie Ihrem Vater versäumt haben zu stellen? Welche?
Was hast du als Handelskammerangestellter den ganzen Tag gearbeitet? Wie war dein Vater, über den ich leider so gut wie gar nichts weiss? Ist dein Vater wirklich manchmal im Hauseingang gelegen und hat seinen Rausch ausgeschlafen, weil ihn deine Mutter nicht in die Wohnung liess? Wie war das für dich, als dein Vater starb? Wie war es, als dein Bruder starb? Der soll sehr begabt gewesen sein, stimmt das? Wie war das für dich neben dem „Wunderknaben“? Darf ich die gezählten 92 Briefe lesen, die du als junger Mann deiner späteren Frau/meiner Mutter geschrieben hast? Wo sind die Briefe hingekommen? – Die letzte Frage muss ich meiner Mutter stellen.
Welches Buch hat Sie in den letzten Monaten nicht losgelassen? Und warum?
Neben dem Ulysses von James Joyce, den ich zum ersten Mal bis zum Ende gelesen habe, weil ich für die sogenannte Joyce-Passage in Feldkirch eine „Joyce-Installation“ entwickelt habe (ein Comic, in dem übrigens auch ein Vogel zu sehen ist, der ähnlich aussieht wie der auf dem Cover meines Vater-Buches!), die noch bis April zu sehen sein wird, war es ein Buch, das mir ein Freund empfohlen hat: Die Insel Felsenburg von Johann Gottfried Schnabel. Nach der Lektüre habe ich dem Freund in einer E-Mail Folgendes geschrieben: „honetter rainer, ‚die insel felsenburg’ von schnabel […] was für eine lustige sprache, ich meine ergötzliche! voritzo admiriere ich diese eigenmündliche sprache sehr, die mich ungemein divertiert, die vermögend ist, das einwurzelnde melancholische wesen aus meinem gehirne zu vertreiben. derowegen nahm ich allhier und allda doch immer zuflucht zu den büchern! zum glück ist mir bis jetzt die erschreckliche zerscheiterung eines schiffes erspart geblieben, nunmehro möge mein schicksal auch weiterhin kontinuieren mich höflich zu traktieren … 2500 druckseiten waren es bei schnabel, sein huber [Florian Huber, mein Lektor bei Czernin, der meinen ‚Vogel’ ordentlich gestutzt hat] hiess tieck, allerdings kürzte tieck das werk erst ca. 100 jahre nach schnabels tod zusammen, meine huber tat es schon zu meinen lebzeiten … was mich jetzt auch noch interessieren würde, sind schnabels bücher ‚Der im Irrgarten der Liebe herum taumelnde Cavalier’ und ‚Der aus dem Mond gefallene und nachhero zur Sonne des Glücks gestiegene Printz’. hast du die zwei gelesen? soll ich auch? schnabel hat ja barbier gelernt, arbeitete auch als solcher. bitte zeitreise, ich will den herrn kennenlernen!“
… und übrigens: Der Drochl Verlag, der Bücher von Christian Futscher herausgibt, pflegt eine ganz besondere Reihe: Handgebundene Schmuckstücke in einem Schuber in Kleinstauflage für «Feinschmecker». So wie «Nidri. Urlaub total» von Christian Futscher (Hier der Link)!
Christian Futscher, geboren 1960 in Feldkirch, Studium der Germanistik, lebt seit 1986 in Wien, wo er u. a. Pächter eines Stadtheurigen war. 1998 erfolglose Teilnahme beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt, dafür 2006 Publikumspreis bei der «Nacht der schlechten Texte» in Villach. 2008 Gewinner des Dresdner Lyrikpreises. 2014 österr.-ungarisches Austauschstipendium. Seit 2010 Verfasser von Schulhausromanen mit Schulklassen. 2015 Aufenthaltsstipendium in Schloss Wartholz und 2016 in Winterthur.
Ein einziger Augenblick kann eine Katastrophe provozieren. Und dieser eine kurze Augenblick kann sich zu einem nie endenden Sturm auswachsen, aus dem es keinen Ausstieg gibt. Felicitas Korn, die sich bisher als Drehbuchautorin und Filmregisseurin einen Namen machte, weiss ganz genau, wie sie mich mit ihrem feinen Geflecht einspinnen kann!
Felicitas Korn liest am 16. Thuner Literaturfestival «literaare» vom 28. – 30 Mai 2021.
Wenn es der Virus zulässt, wird Felicitas Korn an den 16. Literaturtagen „literaare“ in Thun Ende Mai lesen. Dieses Buch allein ist den Weg nach Thun wert! Ihr Roman „Drei Leben lang“ ist raffiniert erzählt, mit einem erstaunlichen Gefühl für Nähe und Distanz, Bildern, die viel mehr erzeugen, als das, was sie zeigen.
Eine Familie fährt mit dem Auto nach Spanien in die Ferien. Vater am Steuer, Mutter daneben, Sohn und Tochter auf der Rückbank. Aber in einem Tunnel wird aus der Abenteuerfahrt in den Süden ein nie enden wollender Alptraum. Es kracht. Die Eltern verbluten zwischen Metall und Beton. Die Kinder rettet man. Michi und Xandra landen in einem Übergangsheim. Und weil sich Michi für seine jüngere Schwester verantwortlich fühlt, büxt er mehr als einmal aus. Zuerst weil er Poppy für seine Schwester holen soll und später, weil er weiss, dass man sie vielleicht nicht an den selben Ort, ins selbe Heim, in die gleiche Familie schicken will. Michi will den kleinen Rest, der geblieben ist, zusammenhalten. Und er glaubt nicht an die vielfach ausgesprochenen Beteuerungen, man wolle nur das beste für sie beide. Und weil Michi immer mal wieder an der Seite seines Vaters an Autos herumschraubte, hofft Michi auf Aziz, den Mann in der Werkstatt, mit dem sich sein Vater so gut verstand. Vielleicht ist Aziz seine Hilfe.
Felicitas Korn «Drei Leben lang», Kampa, 2020, 304 Seiten, CHF 30.00, ISBN 978 3 311 10025 6
King hat sein Kingdom, endlich. Er glaubt, sich lange genug den Arsch aufgerissen zu haben für den Schuppen in Frankfurts Innenstadt, dort wo das Leben brodelt. Wenn er in seiner protzigen Loft über den Dächern der Stadt aufwacht und sich die erste oder auch noch eine zweite Linie durch die Nase hineinzieht, ist jeder Tag wie ein neuer Feldzug im Kampf auf dem Weg ganz nach oben. Auch ein Kampf um Jana, die Unberührbare, seine Schneekönigin, die er von der Seite seines mächtigen Partners und Ziehvaters Mekki abwerben will, die so etwas wie das Tor zu seiner Glückseligkeit werden soll. King glaubt, vor dem ganz grossen Durchbruch zu stehen, das Geschäft mit dem weissen Pulver ganz neu aufmischen zu können. Mit seinen Verbündeten bis nach Südamerika, seinem Leinenhund bei der Polizei und Jana, seiner Göttin des Mondes, glaubt er, unaufhaltsam und unwiderstehlich zu sein.
Und Loosi, einer, den ein erneuter Absturz, ein neuer grosser Suff wohl endgültig unter den Boden bringen wird, dem der Arzt beim letzten Mal Magenauspumpen erklärt, es werde nicht noch einmal ein nächstes Mal geben. Loosi ist ein Loser. Und ausgerechnet er hat sich bei einer der angeordneten Gruppentherapien der minderjährigen, tablettensüchtigen Sanni angenommen. Sie hausen draussen, an den fransenden Rändern der Stadt. Und weil das Leben Geld kostet, weiss Loosi, dass ihm irgendjemand aus der Patsche helfen muss, denn er weiss doch, wie man die Karre zum Laufen bringt.
Drei Leben, drei Existenzen. Drei Leben, die genausogut hätten anders werden können. Drei Leben, bei denen es irgendwann begann, „schief“ zu laufen. Ganz langsam oder urplötzlich wie beim 14jährigen Michi, der eigentlich nur eines will, sich selbst und seine Schwester Xandra retten. So wie King sich selbst und Jana retten will und Loosi Sanni.
Felicitas Korn erzählt aber nicht einfach vier mehr oder weniger aus dem Ruder laufende Existenzen. Die Schriftstellerin und Filmemacherin erzählt mit dem Blick einer Cineastin, mit dem perfekten Gefühl für den Schnitt und dem Verweben von mehreren Erzähl- und Zeitebenen. „Drei Leben lang“ erklärt nicht. Vieles bleibt in der Schwebe, lässt mich nach dem Ende einer gebannten Lektüre nicht los. Felicitas Korn fesselt mich mit meinen eigenen Bildern!
Interview
Die drei Leben kippen zwischen der Sehnsucht, nicht alleingelassen zu werden, irgendwo zuhause zu sein, Geborgenheit zu fühlen und der Verzweiflung, alles immer wegbrechen zu sehen. Das ist Angst. Was kann Sicherheit geben?
Zunächst muss eine bestimmte materielle Grundsicherung gegeben sein, um sich sicher zu fühlen. Das ist z.B. bei Loosi nicht mehr der Fall. Gesund zu sein, ist auch sehr beruhigend. Ausserdem und v.a. denke ich, dass das Gefühl, geliebt zu werden und jemanden zu lieben, Sicherheit gibt. Geborgenheit, Verbundensein, Aufgehobensein. Michi, King, Loosi verlieren dies viel zu früh, finden es nicht mehr und/oder geben die Hoffnung schliesslich auf, dass sie es nochmals finden könnten. Das ist das Kernthema von „Drei Leben lang“.
„Jeder stirbt an dem beschissensten Gefühl, das es gibt. Der Einsamkeit“, sagt Loosi. Mit dieser Erkenntnis ist Loosi nicht allein. Er teilt die milliardenfach. Dieses beschissene Gefühl grassiert. Ausgerechnet in einer Welt, die sich so vernetzt wie nie zeigen will. Ist Liebe, Familie, Freundschaft nur eine vorübergehende Betäubung? Schlussendlich stirbt doch jeder allein.
Ich denke, dass Liebe, Familie und Freundschaft (a.o.) eine der absolut wichtigsten Dinge im Leben sind, und auch den Sinn des Lebens speisen. Der Sinn ist meines Erachtens, seinen Platz im Leben zu finden, und seine Talente, sein Können, seine Individualität einbringen zu können in die Gemeinschaft. Wenn es aber keine Gemeinschaft gibt, leben wir nur im luftleeren Raum, und dann sterben wir an dem „beschissensten“ Gefühl der Einsamkeit. Dass wir letztlich alle allein sterben, ist natürlich ein Fakt und traurig. Aber ich denke, dass es möglich sein kann, trauernd, oder auch glücklich zu sterben, wenn wir auf ein erfülltes Leben zurückblicken können.
King sieht von seiner Loft hinunter auf die Strassen der Stadt. Auf die Ameisenmenschen, die Tag für Tag zur Arbeit gehen, morgens im Dunkeln aufstehen und abends erschöpft vor der Glotze einschlafen. Die Welt der Kinohelden, Sportidole und Glamoursternchen suggeriert schon den Kindern, dass das Ameisenleben nur etwas für Verlierer und Gescheiterte ist. Man lese in den Freundschaftsbüchern der Kinder, was sie einmal werden wollen! Vor allem Jungs! Auf der einen Seite die heftig geführte Genderdiskussion, auf der andern die kleinen Macker auf Pausenhöfen. Diskutieren wir nicht zu oft über das Falsche?
Ja, wir, die Medien, die Meinungsmacher, die Politiker diskutieren meines Erachtens zu oft über das Falsche. Selten geht es um wahre Werte und die Ursache der Probleme. Meist geht es um Geld, Macht, Ego, Selbstdarstellung. Dass so die narzisstische Prägung der Gesellschaft immer mehr Futter bekommt, ist offensichtlich ein grosses Problem unserer Zeit. Man bedenke zB. Fake News und Komplettverweigerer von belegten Tatsachen. Dass es zB. immer noch Menschen gibt, die die Klimakatastrophe für eine Lüge halten oder die Notwendigkeit der AHA-Regeln für unnötig, ist ein Irrsinn, der einfach nur noch absurd ist, aber leider Realität.
Das sich die Leben von King und den beiden Kindern Michi und Xandra verhängnisvoll kreuzen, blitzt nur in einem einzigen Satz durch. Ein Satz, der durchaus das Kapital für ein ganzes Kapitel gehabt hätte. Aber damit splittern sie die Geschichte geschickt, erzählen, wie man es im Film wahrscheinlich so nicht kann. Wo liegen die grössten Unterschiede zwischen filmischem und literarischem Erzählen?
Beim Drehbuchschreiben geht es vor allem um Handlung, um den Kern-Plot, und als Drehbuchautorin arbeitet man immer als erste Kreative eines langen Prozesses. Sukzessive kommen während der Arbeit immer mehr Menschen dazu, die ihren Teil beitragen. Ausserdem müssen die DrehbuchautorInnen aus Kostengründen dann auch immer mehr ändern, kürzen. Film ist zunehmend eine kreative Dienstleistung für einen harten Markt, die in einem grossen Team erfolgt und einem meist stark begrenzten Budgetrahmen unterliegt. Oft müssen DrehbuchautorInnen im Prozess viel Frustration ertragen, zumindest sehr offen sein, bis ihre Geschichte nicht selten grundlegend verändert und zusammengestaucht, mit dem fertigen Film das Licht der Welt erblickt. Und die Regie ist im Grunde v.a. kreative Projektleitung. Regie hat viel mit Organisation zu tun, man muss parallel denken und planen können, alle Departments im Blick behalten, für wen wann was wichtig ist und wie du in einem bestimmten Zeitrahmen alles sicher nach Hause bringst.
Der Roman bietet dem gegenüber eine grosse Freiheit. Hier spricht erstmal niemand mit, hier gibt es keine finanziellen Beschränkungen, ausser der, dass der Lebensunterhalt verdient werden muss, und zu einem späteren Zeitpunkt arbeiten Schreibende meist mit nur ein oder zwei Leuten weiter; dem Lektor und dem Verleger. Das ist eine überschaubare Runde, und auf eine gewisse Weise ist in meinem Empfinden die Arbeit an einem Roman wie Drehbuchschreiben und Regieführen in Einem. Die Welt, die man im Film mit der Regie kreiert (die Feinheiten der Figuren, das Innenleben, die Inszenierung, die Bilder, die Farben, die auditive Ebene, der Rhythmus) – das alles macht man im Roman mit Worten.
Auch die Geschichte, die Herkunft von Jana bleibt nur angedeutet. Genauso die Geschichte um den Vater von Michi. Im realen Leben bleibt vieles angedeutet, das meiste. Ausgerechnet in der erzählenden Literatur wird in der Regel hell ausgeleuchtet. Seit die Nabelschau zur einer eigentlichen Gattung geworden ist, erst recht. Verwechseln wir Tiefgang mit der Helligkeit des Ausleuchtens?
Das finde ich eine sehr treffende Bezeichnung. Mehr Tiefgang statt Ausleuchten und Nabelschau würde sicher helfen, dass Bildung weiter fortschreitet, die Menschen glücklicher werden und unser Planet vielleicht noch gerettet werden kann.
Meistens lese ich nach der Lektüre noch einmal das Zitat, das die meisten Schreibenden an den Anfang eines Buches setzen. Das ihrige von Marc Aurel ist wie ein Thema; „Nicht den Tod sollte man fürchten, sondern dass man nie beginnen wird zu leben.“ Wann beginnt man zu leben?
Ich denke, man beginnt zu leben, wenn man nicht mehr mit dem Überleben beschäftigt ist, sondern das Leben als solches erfährt. Materiell, emotional und geistig.
Felicitas Korn, geboren 1974 in Offenbach am Main, ist Drehbuchautorin und Filmregisseurin. Werke sind u.a. der Musikclip zum gleichnamigen Hit Supergirl der Band Reamonn, der Kurzfilm nass mit Bela B. von der Band Die Ärzte und der Spielfilm Auftauchen, der nicht zuletzt aufgrund seiner «Radikalität und Konsequenz» (FBW) internationales Aufsehen erregte. In den letzten Jahren schrieb sie auch immer wieder für verschiedene Fernsehformate. «Drei Leben lang» ist Felicitas Korns erster Roman, dessen Verfilmung sie gerade vorbereitet. Sie lebt und arbeitet in Berlin.
Das kann so nur ein Schriftsteller! Vielleicht gibt es unter den SchriftstellerInnen auch nur ganz wenige, die es können, die es wirklich können. Und vielleicht ist Christoph Simon einer der ganz wenigen, die es meisterlich können: Den Dingen Leben einhauchen.
Christoph Simon zeichnet seine Dinge, all das, was er täglich benützt, was in seiner Wohnung steht, das eine verborgen, nur selten zur Hand genommen, das andere immer wieder. Er zeichnet sie mit Stift und Worten. Mit Stiften klar umrissen und mit Worten aufgebrochen und ausgefüllt, mit Leben und Seele: Die konservative Stimmgabel, die Spülmaschine, die zum Ort der Begegnungen wird, der nachdenkliche Staubwedel, der eingebildete Stöckelschuh, Madame Kuhn Rikon, die alte Pfanne in der Küche mit ihren Kratzern und Verbrennungen. Christoph Simon gibt den Dingen eine Seele, lässt sie reagieren, antworten, erkennen und zweifeln.
Ich wohne im Parterre. Als ich an diesem kleinen Bericht schrieb, fuhr ein fettes, schwarzes Auto auf den Besucherparkplatz vor der Tür. Ein Mann mit Krawatte und Mappe entstieg dem sichtbar teuren Gefährt, schloss die Tür und verriegelte seinen Schlitten mit seiner Fernbedienung. Er blieb einen kurzen Moment stehen, blickte zurück, einen Moment länger, als nur festzustellen, ob das Auto mit seinen Blinkern zwinkert. Es war der Blick eines besorgten Vaters, der nicht sicher ist, ob er seinen Schützling so ganz allein an einem fremden Ort sich selbst überlassen darf. Christoph Simon hätte dem Auto eine Stimme gegeben, hätte den Blick der sich entfernenden Biomasse nicht nur erwidert, sondern verbalisiert.
Christoph Simon «Die Dinge daheim», edition taberna kritika, 2021, 80 Seiten, CHF 15.00, ISBN 978-3-905846-61-4
Christoph Simon vermenschlicht die Dinge mit voller Absicht. Nicht aus Bewusstseinsgründen oder um das spezifische Gewicht der Dinge zu erhöhen. Christoph Simons Schreibe ist ein Spiel mit den Dingen. Er atmet den Dingen Leben ein, lässt sie unser eigenes Tun und Lassen spiegeln. Und Christoph Simon tut er meisterlich, in köstlicher Manier, sodass man den eigenen Dingen mit einem Mal ebenfalls versucht ist, Stimmen zu geben. Eigentlich müsste man das Büchlein in lauter Sprechblasen zerschneiden, um sie den Dingen überall an die Kontur zu kleben. Was Christoph Simon tut, hat etwas fein Subversives.
Christoph Simon weiss, wie Dialog funktioniert. Auch den Dialog mit sich selbst. Er weiss es, weil er auf der Bühne steht und unmittelbar gezeigt bekommt, ob im Hinundher ein Wiedererkennungswert liegt oder nicht. Und doch sind die kleinen Miniaturen viel mehr als nur Minutengeschichtchen. Sie spiegeln die Welt des Menschen; all die Eitelkeiten, Eigenheiten und Einbildungen.
Man kaufe das Büchlein und stecke es in die Westentasche. Dann wird das Warten bei der Ärztin, die Fahrt im Zug, die Minuten im Bus zum reinsten Vergnügen!
Christoph Simon, geboren 1972 im Emmental, lebt als Schriftsteller und Kabarettist in Bern. Er ist Gewinner des Salzburger Stiers 2018 und zweifacher Schweizer Meister im Poetry-Slam. Seine Romane (u. a. «Spaziergänger Zbinden», «Franz oder Warum Antilopen nebeneinander laufen») sind in mehrere Sprachen übersetzt und mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet worden. Zu seinen Dingen daheim pflegt er ein entspanntes Verhältnis.
Eva Roths erster Kinderroman „Lila Perk“ ist pures Abenteuer. Keine Fantasiegeschichte, aber fantastisch erzählt: „Nach allem, was in den letzten Stunden passiert war, glaubte ich nicht mehr, dass der Bär die grösste Gefahr für uns darstellte. Es gab noch viel Gefährlicheres!“
Lila hats nicht leicht. Ihre Mutter ist vor einem Jahr gestorben und ihr Vater ist seither in einer Zwischenwelt abgetaucht. Nicht da und nicht dort. Auch in der Schule ist es nicht leicht; ein Wechsel in eine höhere Schule, unsichere Sommerferien und Freundinnen, die sich für alles andere interessieren als das, was sie mit sich herumschleppen muss. Und dann sind da auch noch Aurel und die Walze. Aurel ist ein bisschen älter als sie, einer von den Schwierigen, einer, der sogar in den Sommerferien bei der Walze antreten muss. Die Walze ist Frau Stieger, bis zu den Sommerferien Lilas Lehrerin, vor ein paar Jahren auch Aurels Lehrerin.
Aber noch in den Tagen vor den Ferien bricht mit einem Mal der Trott zwischen Grau und Trauer. Lilas Vater hat sich ein Auto gekauft, einen Geländewagen, ein Survivalbuch, allerlei Zeug, um in der Wildnis zu kampieren und gesagt, sie solle sich ans Steuer setzen: „Wenn mir irgendwo im Nirgendwo etwas passiert, musst du mit dem Auto Hilfe holen.“ Mit einem Mal spricht ihr Vater wieder, nachdem er Monate lang schweigend am Tisch neben ihr gesessen hatte. Mit einem Mal ist etwas von dem zurück, von dem Lila glaubte, sie hätte es verloren. Mit einem Mal scheint sich sogar Aurel für sie zu interessieren, nachdem er sie hinter dem Steuer neben ihrem Vater gesehen hatte. „Einen coolen Vater“, nennt Aurel Lilas Papa. Auch wenn Lila viel lieber mit einer ihrer Freundinnen in den Urlaub gefahren wäre oder zu Oma und Opa Per ans Meer, als mit Papa ins Ungewisse, lässt sie auf Papas Geheiss alles Unnötige zuhause zurück und steigt ins Auto, ab ins Ziellose.
Eva Roth «Lila Perk», empfohlen ab 10 Jahren Verlag Jungbrunnen, 160 Seiten, CHF 23.90, ISBN 978-3-7026-5948-6
Nachdem ihnen im Westen, in Frankreich ziemlich schnell klar wird, dass wildes Kampieren schwierig werden kann, fahren sie nach Osten, durch Österreich und die Slowakei hindurch, bis die Autobahnen aufhören, die Strassen immer schmaler werden und sogar der Zug endet, bis zu einem kleinen Nest namens Miesto Sliviek und noch weiter. Bis die Strasse aufhört und nur noch der Fluss und die Vögel zu hören sind. Dort bauen sie ihr Zelt am Ufer des Wasser auf und erleben eine Nacht, die ihnen beinahe das Leben kostet.
Lilas Reise mit ihrem Vater wird eine Reise an die Grenzen. Und wenn der Akku vom Mobiltelefon seinen Geist aufgibt und der Tank leer ist, wenn die Walze sich bis in den letzten, hintersten Winkel ihres Lebens einmischt, wenn sich Lila eines Nachts ganz alleine ins Auto setzt und es stehen lassen muss und wenn sie in Miesto Sliviek strandet, im letzten Dorf am Ende der Welt, dann wird der Urlaub in der Wildnis zum wirklichen Überlebenstripp. Das bisschen Normalität, das ihr geblieben ist, droht im Chaos zu ertrinken. Der Fluss der Ereignisse droht alles wegzureissen.
Eva Roth schildert die Unberechenbarkeit des Lebens, wie sehr sich Lila der scheinbaren Willkür der Erwachsenenwelt ausgeliefert fühlt, wie sich in unverdautem Schmerz der Zorn einnisten kann. „Lila Perk“ ist die Geschichte von einem Mädchen und ihrem Vater, die sich in ihrem Schmerz beinahe verloren haben, die sich an einem ganz anderen Ort wiederfinden, denen Menschen zur Seite stehen, von denen Hilfe nicht zu erwarten ist.
„Lila Perk“ ist fein erzählt, nicht unnötig aufgeblasen, ganz nah an der Seite eines mutigen Mädchens. Wer das Buch liest, hört den Fluss, riecht den Wald und das Feuer und spürt von der verzweifelten Liebe eines verunsicherten Mädchens!
Eva Roth, geboren 1974, ist in Schwellbrunn AR aufgewachsen. Sie schreibt Prosa und Theaterstücke für Kinder und Erwachsene. Von 1997 bis 2014 arbeitete sie als Primarlehrerin im Kanton Thurgau und in Zürich. Heute ist sie Lektorin in einem Kinderbuchverlag. Neben ihrem ersten Kinderroman „Lila Perk“ sind 2021 zwei Stücke für die Uraufführung geplant: „Streuner“ am Theater Winkelwiese (Regie: Mélanie Huber) und „Falls China kommt“ am Sogar Theater (Regie: Jonas Darvas). Eva Roth ist auch für den Retzhofer Dramapreis 2021 in der Sparte Kindertheater nominiert.
Eine von X.’ vielen Reisen auf dem afrikanischen Kontinent führte ihn – vermutlich 2014 – in die burundische Hauptstadt Bujumbura. Ich weiss nicht genau, was er dort machte. Manchmal frage ich mich, was er in solch abgelegenen Orten eigentlich suchte. War er für den Geheimdienst unterwegs? Bei dieser Reise allerdings war eher das Gegenteil der Fall. Er wurde beschattet, aber entkam den Agenten.
Er war wie so oft als Journalist eingereist, was auch seltsam ist, weil es die Formalitäten verkomplizierte, und er ja nichts schrieb. Er wäre einfacher als Tourist gekommen. Viele Journalisten reisen der Einfachheit halber lediglich mit einem Touristenvisum, was mit Risiken verbunden ist. Warum machte er es umgekehrt? In Ländern wie Burundi werden ausländische Reporter routinemässig überwacht. War es für ihn eine Art Spass zu versuchen, die Verfolger abzuhängen?
Er stieg zuerst im gediegenen Hotel Roca ab, wo oft Korrespondenten und internationale Delegationen unterkommen. Die Räume sind verwanzt, Telefon und Internet werden überwacht. Er besuchte gelegentlich ein billiges, schummriges Restaurant und beobachtete, dass zwei Agenten draussen, auf der anderen Strassenseite, warteten. Die Toiletten befanden sich im Hinterhof des Restaurants. Bei einer kleinen Inspektion stellte er fest, dass von dort ein schmaler Durchgang zum Innenhof des Nachbarhauses führte. Von dort wiederum gab es einen Ausgang auf ein Seitensträsschen, das weiter ins dichtbevölkerte Quartier und zu einem kleinen, überdachten Markt ging. Bei seinem vierten oder fünften Besuch der Imbissbude haute er durch diesen Hinterausgang ab. „Double-door“ nennt man dieses Manöver im Gangsterslang. Er verschwand im Labyrinth des Viertels.
Er hatte kein Gepäck mehr im Roca-Hotel. Das war bereits am Busbahnhof deponiert. Er zog ins Botanica-Hotel in Downtown um. Man hatte ihm gesagt, dort müsse man keinen Pass vorweisen. So würden auch die Behörden nicht erfahren, wo er war.
Er erschrak zwar, als die Frau am Empfang (es war eher eine Abstellkammer) ihm sagte, er solle seinen Pass nachher dem Chef geben, der komme in einer Stunde. Er versuchte, dem Chef auszuweichen. Aber als er ihm dann später am Abend doch über den Weg lief und an das kleine Pult beordert wurde, merkte er, dass der Chef davon ausging, er habe den Pass bereits der Frau gezeigt (oder zumindest so tat, um den offiziellen Schein zu wahren).
X. hatte Benoît in einem Klub namens „Arena“ kennen gelernt. Sie waren in einer Sitzgruppe am Rand eines Pools miteinander ins Gespräch gekommen. Mit dabei war ein älterer Franzose. X. hatte ihn gefragt, woher komme, und er antwortete, er lebe aus dem Koffer. Es stellte sich heraus, dass er Burundi seit Jahrzehnten kannte, wie auch viele andere afrikanische Länder. Über seine Tätigkeit wollte er nicht allzu viel preisgeben. „Sagen wir, ich bin Consultant.“ Auf X.’ Nachfrage sagte er: «Ich arbeite regional.» Er stellte sich auch nicht mit Namen vor. Irgendwann erhob er sich mit seinem Whiskyglas und sagte: „Es hat mich gefreut, Sie kennenzulernen. Falls jemand nach mir fragt – wir sind uns nie begegnet“ – und verschwand in der tropischen Nacht. Es hörte sich an wie aus einem schlechten Film, aber er meinte es ernst. Da blieben nur noch Benoît und X. übrig. Es war Benoît, der ihm das „Botanica“ empfahl und nebenbei erwähnte, man müsse dort keinen Pass vorzeigen. Er schwärmte ihm von Vanessa vor, einer Burunderin, in die er sich verliebt hatte. Eigentlich wollte er sie an diesem Abend ein letztes Mal treffen, aber seit 24 Stunden nahm sie das Telefon nicht mehr ab. Benoît war verwirrt, er konnte sich ihr Verhalten nicht erklären. Hatte sie ihr Handy verloren, wollte sie nichts mehr mit ihm zu tun haben, oder war etwas Schlimmes passiert? Die Stunde seiner Abreise näherte sich, und er geriet immer mehr in Panik. Kurz vor der Fahrt an den Flughafen meldete sie sich, aber es war zu spät für ein Treffen. Benoît gab X. 200 Dollar und ihre Telefonnummer. Sie sollte später am Abend vorbeikommen, und X. würde ihr das Geld aushändigen.
X. wartete im «Botanica»-Hotel auf sie, im kleinen Restaurant des Innenhofs. Gegen elf Uhr nachts tauchte sie auf. Sie war nachlässig gekleidet und schmutzig, aber X. verstand sofort, warum Benoît so fasziniert von ihr war. Ihre Augen leuchteten, eine fast sichtbare Aura ging von ihr aus. Sie wollte nicht, dass X. ihr das Geld im Restaurant gab. Er ging zur Rezeptionistin, die eingezwängt hinter dem Eisenpult sass, und liess sich den Schlüssel geben. Die Decke war so niedrig, dass ihr der Ventilator bei einem brüsken Aufstehen die Haare wegrasiert hätte. Sie reichte ihm den Schlüssel für Zimmer Nr. 7. Das war das Zimmer von Benoît. Offensichtlich verwechselte sie ihn mit ihm, vielleicht, weil Benoît auch schon mit Vanessa hier gewesen war. In diesem Moment erst merkte er, dass es tatsächlich eine entfernte Ähnlichkeit zwischen ihm und Benoît gab. Darüber hinaus hatten Afrikaner oft Mühe, weisse Gesichter auseinanderzuhalten, so wie es Europäern oft auch umgekehrt mit ihnen ergeht. X. liess sich nichts anmerken und ging mir ihr in Benoît ehemaliges und jetzt leeres Zimmer. Sie erzählte ihm, dass sie verhaftet worden sei und eine Nacht im Gefängnis hinter sich hatte. Das Telefon hatte man ihr abgenommen, deshalb verpasste sie Benoîts viele Anrufe. Sie hatte Benoît nichts von ihrer Verhaftung erzählt, sie schämte sich. Nun, sagte sie, wolle sie so rasch als möglich nach Hause, um sich zu duschen und sich umzuziehen. X. sagte ihr, sie könne schon hier ein Bad nehmen, wenn sie wolle. Sie blickte ihn stumm und erstaunt an und lachte dann. Bevor sie ging, lud X. sie für den nächsten Tag zum Mittagessen ein. Er begleitete sie hinaus und hielt ein Taxi für sie an. Als er zurückkam, war niemand mehr an der Rezeption. Er schnappte sich seinen Schlüssel und brachte seine Sachen ins Zimmer Nr. 7. Am nächsten Morgen begrüsste ihn die Rezeptionistin mit „Bonjour Monsieur Benoît“.
Vanessa erschien tatsächlich zum Mittagessen. Sie gönnten sich in der Pergola des Hotels Stachelschwein mit Kochbananen und eine Flasche eisgekühlten Rosé. Nachher landeten sie im Bett. Sie setzte sich rittlings auf ihn und schlug ihm mit der Hand auf den Hintern, wenn er nachliess, und mit den Füssen auf die Oberschenkel, als ob er ein Pferd wäre und sie ihm die Sporen gäbe. Ein schlechtes Gewissen hatte er nicht. Er beendete gewissermassen für Benoît, was dieser angefangen hatte. Er brachte die Sache zu Ende, aber er machte es für ihn, in seinem Namen.
Am Abend gab sie ihm einige Texte, eine Art Tagebuch, die sie Benoît versprochen hatte. X. war neugierig auf ihren Inhalt, öffnete sie jedoch nicht und übergab sie, wieder in Europa, Benoît. Dass er mit ihr im Bett gewesen war, verschwieg er.
Was er allerdings nicht wusste: Vanessa erzählte Benoît alles, der X. jedoch nichts davon sagte. Dafür erzählte Benoît es mir, nach X.’ Verschwinden.
***
Ich ertappe mich bei der Fantasie, nach Bujumbura zu reisen und die Geschichte weiterzuführen. Ich könnte mich als Benoît oder als X. ausgeben (ich habe noch einen seiner Passports). Ich würde im selben Hotel Botanica absteigen, im selben Zimmer Nr. 7, und Vanessa anrufen. Ich kenne ihre Nummer (die bestimmt längst nicht mehr funktioniert – ich vergesse, wie viele Jahre das schon her ist! X. meinte manchmal auch, er könne irgendwohin zurückkehren und nahtlos dort weitermachen. Das ist eine Illusion, und wie viel mehr, wenn ich dort weitermachen will, wo jemand anders aufgehört hat. X. allerdings würde sagen: Natürlich kann ich in die Haut einer fremden Person schlüpfen – ich mache es dauernd! Und natürlich kann ich die Zeit austricksen – auch das tun wir unaufhörlich, ohne es zu merken).
(Der vorliegende Text ist ein bisher unveröffentlichter Auszug aus der entstehenden Erzählung «Tod eines Tricksters».)
David Signers acht Erzählungen in «Dead End» kreisen um biografische Wendepunkte, an denen bisher geregelte Existenzen aus den Fugen geraten. Eben noch im Alltag verhaftet, finden sich die Protagonisten plötzlich an fremden, düsteren Orten wieder. In Situationen, die sie überfordern. Oder in denen ihr Leben zu einem jähen Ende kommt. Dead End. Signer schickt in seinem Erzählband weisse, europäische Männer im mittleren Alter ins Verderben. Ob in Varanasi oder in Zürich, alle jagen verlorenen Träumen und unstillbaren Sehnsüchten hinterher, neben denen die Fassaden der bürgerlichen Leben zu Staub zerfallen.
David Signer, geboren 1964, promovierter Ethnologe, hat mehrere Jahre in Afrika verbracht. Er ist Autor des zum Standardwerk gewordenen Buches «Die Ökonomie der Hexerei oder Warum es in Afrika keine Wolkenkratzer gibt» über die Auswirkungen der Hexerei auf die wirtschaftliche Entwicklung Afrikas. Von 2016 – 2020 lebte er als NZZ-Afrikakorrespondent in Senegal, seit 2020 wohnt er in Chicago und berichtet für die NZZ aus Amerika und Kanada. Zuletzt erschienen von ihm die Erzählungen «Dead End» (Lector Books, 2017) und der Roman «Die nackten Inseln (Salis, 2010).
Im Herbst erscheint von ihm im NZZ Libro-Verlag das Buch «Afrikanische Aufbrüche. Wie mutige Menschen auf einem schwierigen Kontinent ihre Träume verwirklichen».
Der Autor und Philosoph Martin Kunz lässt mit sechszehn Gelegenheitstexte zum Innehalten auffordern, sie sollen um Unterbrechen verführen. Zu diesem Buch, das durch die Pandemie-Krise eine neue Qualität erhält, stellt er sich Fragen.
«Ich muss ja nur noch, was ich muss.» Gastbeitrag von Urs Heinz Aerni
Urs Heinz Aerni: Melancholie ist ein grosses Wort, das jedoch oft missverstanden wird, warum findet dieser Begriff Eingang in den Titel Ihres Buches?
Martin Kunz: Der Vorschlag, die Überschrift des siebten Textes als Buchtitel zu wählen, stammt vom Verleger. Aber ich war sofort einverstanden. Ich will der Melancholie etwas von ihrer Schwärze nehmen. Sie ist das wertvolle Gefühl des Unzulänglichen. Sie steht im Gegensatz zum Affentheater der Eitelkeit. Sie muss nicht in die Resignation führen, sie kann sogar lächeln. Ihr Lächeln wäre dann kein gestelltes, kein nervöses, keines, das die Zähne zeigt. In ihm erschiene ein Ja, das entwaffnet, aber nicht applaudiert. So kann eben auch das Erotische beginnen: als scheues Spiel, dem innewohnt, dass Lachen und Tod Hand in Hand gehen, wie beispielsweise Georges Bataille schön herausgearbeitet hat. Und jetzt sind wir beim Grundton der Betrachtungen in diesem Buch: Es gibt kein Licht ohne Schatten, was nicht zur Schwarzweissmalerei verführen soll, sondern zur Differenzierung der Farbzuschreibungen, zur Nachdenklichkeit. Und diese gehört zur Grundhaltung des Philosophen.
Ihre Reflexionen bewegen sich zwischen Themen gesellschaftlicher Natur und ganz persönlichen Notizen, wie lässt sich auf dieser Gratwanderung, schreiben ohne gleich die Seele ausstülpen zu müssen?
Die meisten dieser Texte sind aus bestimmten Erlebnissen heraus entstanden. Irgendetwas lässt mich nicht mehr los, und so setze ich mich hin, um zu schreiben, um dem vielleicht Zufälligen des Alltags etwas Grundsätzliches abzugewinnen. Ich bin im Spital; bin mit Freunden am Feiern; erhalte eine Nachricht von einem Kritiker meines Denkens; ich sitze am Meer, und es beginnt zu nieseln; eine Klage geht ein wegen des Verhaltens von Studierenden usw. Da kann es geschehen, dass es mich packt, und ich schreibe.
Quasi ein aus der Hüfte geschossener Affekt-Text?
Oder, manchmal entsteht zunächst so etwas wie ein polemischer Kommentar, den lasse ich dann ruhen und setze mich später wieder hin, will über das Glossenhafte hinaus zur wirklichen Erwägung gelangen. Meine Innereien kehre ich nicht nach aussen, aber sie müssen mitbeteiligt sein.
Sie tangieren mit Ihren philosophischen Erwägungen Bereiche wie Religion, Wahrheitssuche, pädagogische Grenzen, Eros, Träume, Sturm und Drang und Respekt. Damit geben Sie zu, dass trotz den immens vielen Tonnen philosophischer Schriften nach wie vor alle Fragen offen sind. Oder nicht?
Warum und wozu noch mehr schreiben? – das frage ich mich manchmal auch. Aber es ist vielleicht die falsche Frage. Schreiben ist wie jede innengeleitete künstlerische Arbeit eine Art Muss. Wenn man Glück hat, interessiert das Hervorgebrachte auch andere. Doch wer nur auf Massenerfolg zielt, ist kein Künstler.
Sagen Sie das mal den Kolleginnen und Kollegen mit Bestsellernauflagen…
«Die stille Erotik der Melancholie», Erwägungenn und Improvisationen, mit Illustrationen von Jeanine Osborne, Bucher Verlag, 2018, 96 Seiten, CHF 22.90, ISBN 978-3-99018-476-9
Natürlich ist gegen Erfolg nichts einzuwenden. Aber zu ihrer Frage zurück: Warum so unterschiedliche Themen? Weil das meinem Selbstverständnis entspricht. Ich sehe mich als vielseitig denkenden Flaneur, als Universaldilettanten auf professionellem Niveau, als jemanden, der kraft seiner Kompetenzen über alles und nichts nachdenken kann. Das ist etwas verspielt gesagt, was Philosophen in einer Welt von Spezialisten wieder sein sollten. Aber selbst eine erhaben gedachte Philosophie ist nochmals aufzubrechen auf eine Weite hin, die sie selber nicht hat. Und dort tummeln sich die Fragen, die wir vielleicht besser umspielen als definitiv beantworten. Platon wird von Aristoteles in Frage gestellt, Aristoteles von Platon. Bedeutende Denkformen fruchtbringend in die Existenz mit hineinnehmen, das wäre ein Philosophieren, das zur Gestaltung des Lebens beiträgt. Und weil dies denkerisch kaum je gelingt, brauchen wir die Kunst. Und wohl auch so etwas wie Religion.
Wie oft kommen Sie sich als Künstler und Philosoph bei der Arbeit in die Quere?
Eine listige Frage. Der Romantiker in mir möchte ja, dass Philosophie, Mythos, Kunst und Logos eins werden. Ich fühle mich Byung-Chul Han verbunden, der kürzlich geäussert hat, dass es der Welt gut täte, reromantisiert zu werden. Der Melancholiker bedauert schmunzelnd, dass dies nicht gelingt. Und der allem Hinterwäldlerischen abholde Spätmoderne sagt Ja, aber zur Welt, wie sie ist.
Und als Musiker…?
Freue ich mich über all das Gelungene in der Musik, die, wo sie ganz bedeutend ist, nie nur bejaht. Als Improvisator versuche ich das auszudrücken, was jetzt gerade zu sagen wäre.
Also mitnichten Konflikte zwischen den unterschiedlichen Schaffensarten?
In Wirklichkeit ist es aber durchaus so, dass sich die Arbeitsformen Denken, Poetisieren, musikalisches Gestalten tatsächlich in die Quere kommen können. Die erste Seminararbeit, die ich damals an der Universität ablieferte, kommentierte mein Professor so: Vielleicht ist es besser, wenn Sie Künstler werden. Ich habe dann zu sortieren gelernt. Aber als ich meine Dissertation schreiben sollte, entstanden wieder zuerst Gedichte. Unterdessen kann ich gut umgehen damit und lasse zu, was sich aufdrängt. Ich muss ja nicht mehr, muss nur noch, was ich muss.
Apropos Kunst, wenn ich ein Gemälde malte mit einem lesenden Menschen, der Ihr Buch in Händen hält, wie müsste dieses aussehen?
Da fällt mir ein Bild ein, das ich als Student liebte: Die Lesende von Jean Jacques Henner, einem während des Fin de siècle beliebten Malers. Das Bild mag künstlerisch problematisch sein, aber ich habe die zum Lesen verführte Daliegende gemocht, eine Nackte, die ihrerseits den Betrachter, scheinbar ohne es zu wollen, noch zu ganz anderem als zum Lesen verführt. Und der Gipfel war, dass, kaum war das Bild aufgehängt, eine Frau in mein Leben trat, die ihr glich und die während einiger Jahre grosse Bedeutung für mich hatte. Orientieren Sie sich also beim Malen des Bildes an einem solchen Ereignis.
Auch für das vorliegende Buch fanden Sie eine Künstlerin, mit der sich schon länger zusammen arbeiten…
Richtig. Nun hat sich ja Jeanine Osborne, eine interdisziplinäre Künstlerin, mit der ich seit rund zwanzig Jahren arbeite, in meine Texte vertieft und eine Fülle von Zeichnungen geschaffen, mit denen sie meine Gedankengänge augenzwinkernd kommentiert. Ich freue mich sehr, dass einige dieser Arbeiten in mein Buch aufgenommen werden konnten. Jeanine Osborne und allen andern, die mich mit ihren Kommentaren zu meinen gedanklichen Streifzügen herausgefordert haben, danke ich herzlich.
Martin Kunz studierte Philosophie, anthropologische Psychologie, Pädagogik und deutsche Literatur in Zürich und Berlin. Weiterhin studierte er am Konservatorium und an Kunstschulen und liessß sich zum analytisch orientierten gestaltenden Psychotherapeuten ausbilden. Bis vor kurzem war er Professor an der Pädagogischen Hochschule in Zürich. Heute führt er am Rande des Zivilisationslärms ein Atelier für Kunst und Philosophie. Von ihm sind u. a. «Honig und Quarz. Lyrik und philosophische Zuspitzungen» (Collection Entrada 2017) und das «Wider der Selbstvergessenheit», Bucher Verlag 2020).