Francesco Micieli «Über das Gras gehen», die brotsuppe

Francesco Micieli war einer der ersten, der sich literarisch mit dem Schicksal der Kinder von italienischen «GastarbeiterInnen» auseinandersetzte. 40 Jahre nach seinem Debüt ist «Über das Gras gehen» eine überaus poetische Erzählung über ein Trauma, das bis in die Gegenwart immer und immer wieder durchlebt werden muss.

„Über das Gras gehen“ mag autobiographische Elemente in sich tragen, Francesco Micieli kam als Knabe in die Schweiz zu seinen Eltern. Aber der Autor entfernt sich in seiner Erzählung ganz deutlich von realen Eindrücken hin zu einer sehr stimmungsvollen, kindlichen Wahrnehmung, in der Träume, Fantasien, Geschichten und Märchen das eigene Empfinden durchmischen. Da schreibt kein älterer Mann aus der Sicht eines Kindes. Francesco Micieli gelingt, was in der Literatur nur ganz selten in dieser Tiefe und Intensität gelingt; da schreibt sich jemand in die Seele, er transformiert sich schreibend. Dabei geht es Francesco Micieli nicht darum, die Reise vom Süden, von der Heimat bei den Grosseltern, in den Norden zu den fremd gewordenen Eltern zu erzählen, eine Reise zu rapportieren. Seine Kamerafahrt ist nicht die eines Betrachters, eines Sich-Erinnernden, nicht einmal der Blick durch das Kind, die Wahrnehmung dieses Jungen, der alleine im Zug nach Norden sitzt, sondern dieses fluide Etwas, die Seele jenes Jungen, die inneren Bilder, die sich der Junge auf der langen Reise macht, die ihn überkommen, die ihn im gleichmässigen Rattern des Zuges wegtragen, einlullen durch die immer wechselnden Gegenüber im Abteil.

Francesco Micieli «Über das Gras gehen», Verlag die brotsuppe, 2026, 100 Seiten, CHF ca. 24.99, ISBN 978-3-03867-120-6

Odi wohnte die ersten Jahre seines Lebens in Italien, in Süditalien, bei seinen Grosseltern. Er musste Abschied nehmen, wurde in den Zug in den Norden gesetzt, ohne dass man ihn gefragt hätte. Eine Reise zu seinen Eltern, die er kaum kennt, die ihm fremd sind. Eine lange Reise im Zug, allein, sich selbst überlassen, in einer Mischung aus Angst, Rückzug und Hypersensibilität. Er weiss, dass es ein langer Abschied ist von der Welt, die er kennt, hinein in eine Welt, in der er nichts und niemanden kennt. Es war das Schicksal vieler Kinder, von Eltern, die ihr Glück als „GastarbeiterInnen“ im Norden, in der Schweiz suchten und ihre Kinder erst dann nachreisen liessen, wenn es das neue Leben im Norden erlaubt, zumindest finanziell. Aber „Über das Gras gehen“ widmet sich allen Kindern, denen ähnliches Schicksal widerfährt. So steht der Erzählung vorangestellt; Für die Kinder, deren Reise wegen Krieg, Armut und Hungersnot weg von den Eltern geht. Micieli trägt ein Trauma mit sich, auch wenn es überwunden und schreibend verarbeitet ist. Schon 1986 trug Francesco Micielis Debüt den Titel „Ich weiss nur, dass mein Vater große Hände hat. Tagebuch eines Kindes.“

Es ist der Blick zurück in die Welt zusammen mit seinen Grosseltern, jene Welt, die bisher seine Welt ausmachte. Eine Welt aus Wärme und Liebe, aus tiefen Empfindungen und dem absoluten Gefühl der Geborgenheit. Es ist das Herausgerissen-sein, die Verstörung, die Versuche eines Kindes, die Welt neu zu ordnen, während vor den Fenstern des Zuges die Landschaft vorbeirast und die Menschen im Sechserabteil des Zuges dauernd wechseln. Es ist eine Erzählung des Übergangs, der Überfahrt, über das Realistische hinaus in den permanenten Versuch, das Erlebte neu einzuordnen.

„Über das Gras gehen“ ist ein literarisches Konzentrat, Grund genug, all jene Bücher des Autors in meinen Regalen noch einmal zur Hand zu nehmen. Eine Erzählung, die derart viel Wärme, so viel Hoffnung ausstrahlt, dass sie zu Liebkosung wird.

Interview

Immer mehr werden wir in den Schulen mit Kindern konfrontiert, die entwurzelt wurden, die bei den Plänen ihrer Eltern nur eine marginale Rolle spielen, die mit ihren Gefühlen sich selber überlassen werden. Die Gründe solcher Entwurzelungen sind ebenso vielfältig wie die Fähigkeiten der Kinder, diese mehr oder weniger zu verarbeiten. Jene, denen eine Kindheit in einem wohlgehüteten Nest vergönnt war, brauchen Bücher wie die ihren. Menschen wie ich. Wie viel Selbstverarbeitung, wie viel Mission steckt in diesem Buch?
Ob von Selbstverarbeitung gesprochen werden kann, weiss ich nicht. Bestimmt ist es so, dass sich in diesem Buch eine Erfahrung einschreibt, die Erfahrung des Verlassen-Müssen von Menschen und Orten, die einen in den ersten Jahren des Lebens geprägt und gehalten haben. Es ist ein Müssen, weil nicht selbst gewählt, weil äussere Bedingungen – Armut, Kriege, Klimakatastrophen – dies auslösen. Der freie Wille, falls es diesen gibt, spielt hier keine Rolle.
Ist Mission im Buch? Vielleicht ist eher ein Aufzeigen einer Verwandtschaft der Lebensläufe von Kindern, die, aus welchem Grund auch immer, in ihrem Dasein durch „feindliche“ Ereignisse erschüttert werden. Es ist die ewige Wiederkehr der Odyssee, die selten mit der Rückkehr nach dem eigenen Ithaka endet.

Immer wieder kreist ihr Schreiben um dieses eine Thema, das Schicksal entwurzelter Kinder. Es gibt viele KünstlerInnen, die in ihrem Schaffen immer und immer wieder um „das gleiche Thema“ kreisen. Nicht weil sie keine Fantasie hätten, sondern weil solche Themen letztlich unergründlich sind. Oder gibt es Momente, in denen sie sich an dieses eine Thema gekettet fühlen?
Nein, ich fühle mich in keiner Weise gekettet. Eher würde ich sagen, ich stehe dem genannten Thema gerne zu Diensten, mit dem Wenigen, was ich kann.
Und, ja, die Erkenntnis von Heraklit „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen“ ist auch in der Kunst, die sich einem Thema widmet, gültig.

«Er hatte von seiner Grossmutter gelernt, den Wörtern nicht immer zu trauen“, steht auf Seite 20. Liegt nicht genau dort einer der Ursprünge, dass sie Schriftsteller geworden sind? Trauen nicht genau die Schriftsteller den Wörtern nicht und brauchen Bücher, um um jene Wörter zu kreisen?
Schwer zu sagen, wo der Ursprung „meines Schreibens“ ist. Ich bin in einem Haus, in einer Gesellschaft aufgewachsen, in welcher es keine Bücher gab. Die Sprache, die wir gesprochen haben (Arbëresh, antike Form des toskanischen Albanisch), war keine Schreibsprache und besass nur das Vokabular des damaligen Alltags.
Ja, das Schreiben ist auch ein Den-Wörter-Nicht-Trauen, sie anders zu beleuchten, als sie aus der Sprachschublade kommen. Und doch sind sie das einzige Instrument, mit welchem zu arbeiten gilt. Um es mit einem Wortspiel zu sagen: Schreiben beinhaltet „reiben“ , es ist ein Sich-an-den-Wörtern-reiben.

Was ist seit ihrem Debüt 1986, das sich damals schon diesem Thema widmete, im Schreiben passiert? In der Gesellschaft und in Francesco Micieli?
Lässt sich diese Frage beantworten?
Vierzig Jahre sind passiert, mit allem, was drin ist. Viele Bücher wurden zu diesem Thema geschrieben, in verschiedenen Sprachen, in verschiedenen Kulturen. Das ist vielleicht eine banale Aussage zur Frage. Und doch werden jeden Tag Kinder mit Gewalt aus ihrer sozialen wie geografischen Umgebung gerissen. Die vielen Bücher haben keinen Wall dagegen bilden können. Die Bücher liegen „gratis zum mitnehmen“ auf der Strasse, die an gewissen Orten den vor dem Lärm der Waffen flüchtenden Menschen im besten Fall als Sitzgelegenheit dienen.

Ihr Roman ist ein literarisches Konzentrat, eingedampfte Sprache, zwischen Prosa immer wieder lyrische Passagen. Ergibt sich das organisch, im Schreiben – oder liegt darin ein Plan, ein Konstrukt?
Darf ich da mit Roland Barthes antworten? Eine alte Antwort, ich weiss, aber sie passt, weil sie immer wieder neu gesagt werden kann:
„Die Literatur ist ein schwieriger, schmaler, tödlicher Stand geworden. Sie verteidigt nicht mehr ihren Schmuck, sie verteidigt ihre Haut.“
Es versteht sich von selbst, dass damit nicht das Produkt Buch gemeint ist, sondern das Schreiben per se.

Francesco Micieli wurde 1956 in Santa Sofia d’Epio (Italien) geboren. Seit 1965 lebt er in der Schweiz. Er studierte Romanistik und Germanistik in Bern, Cosenza und Florenz. Danach war er als Schauspieler, Autor und Theaterregisseur tätig. Francesco Micieli lebt heute als freier Schriftsteller in Bern.

Beitragsbild © Donata Ettlin (Bilder aus dem Familienalbum von Francesco Micieli)

«Menschenrechte. Weiterschreiben», herausgegeben von Svenja Herrmann und Ulrike Ulrich, Salis Verlag

Die Menschenrechte werden 70, erreichen das Greisenalter, drohen zu sterben, auch wenn die hohen Hallen der UNO Ewigkeiten ausstrahlen. Svenja Hermann und Ulrike Ulrich, zwei Schriftstellerinnen, die sich vor zehn Jahren schon einmal daran machten, als Herausgeberinnen den Menschenrechten zu einem Jubiläum eine literarische Stimme zu geben, luden zusammen mit Amnesty International und dem Literaturhaus Zürich zur Buchtaufe von „Menschenrechte. Weiterschreiben“ ein.

Art. 1
Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.

Vor 70 Jahren, von den Schrecken eines Weltkriegs gebrannt, im Wissen darum, dass nur Toleranz und Völkerverständnis, gleiche Rechte für alle und ein einigermassen verbindliches Gefühl für Sicherheit eine weitere kriegerische Katastrophe verhindern kann, formulierte man 30 Artikel allgemein gültiger Menschenrechte. Die UNO machte sich zum Hüter des Grals, baute hohe Häuser, hisste viele Fahnen, schützte sich mit blauen Helmen und glaubte daran, dass Dialog der einzige Weg sein müsste, die Welt vor einem erneuten Aufflammen globalen Krieges zu schützen.

Art. 5
Niemand darf der Folter oder grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe unterworfen werden.

Statt dessen sind Politik und Wirtschaft der Welt der Arroganz wie niemals zuvor ausgeliefert. Wer die 30 Artikel der Menschenrechte liest, schüttelt den Kopf. Nicht über deren Inhalt, sondern über ihre Bedeutungslosigkeit angesichts selbstverliebter Potentaten und allmächtiger Konzerne. Wer sie wirklich liest und sich auf sie einlässt, spürt die Hoffnung, die darin steckt, den Glauben an die Menschheit, den ungebrochenen Glauben an eine menschenwürdige Zukunft, dass Wissen, dass einzig Toleranz und Respekt einer drohenden Katastrophe entgegenwirken können. Das Lesen der 30 Artikel der Menschenrechte schmerzt, tut weh, dieser selbstverständliche, gradlinige Ton, diese Sätze, die offensichtlich und überall mit Füssen getreten werden, sei es von den eigenen Politikern im Land, den umsatz- und wachstumsgeilen Wirtschaftskäpitänen oder selbstverliebten Staatsoberhäuptern diesseits und jenseits der grossen Wasser. Die Distanz und Diskrepanz zwischen formuliertem Recht und globaler Wirklichkeit sind hanebüchen.

Art. 12
Niemand darf willkürlichen Eingriffen in sein Privatleben, seine Familie, seine Wohnung und seinen Schriftverkehr oder Beeinträchtigungen seiner Ehre und seines Rufes ausgesetzt werden. Jeder hat Anspruch auf rechtlichen Schutz gegen solche Eingriffe oder Beeinträchtigungen.

30 Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus allen Landesteilen der Schweiz wurden von den Herausgeberinnen angefragt und durch das Los an einen der 30 Artikel der allgemeinen Menschenrechte zugeteilt. Entstanden sind 30 unterschiedlichste Texte, Geschichten, Gedichte, Gedanken, Essays. Literatur als Trägerin universeller Werte, die durch die Menschenrechtserklärungen verdeutlicht werden. Ein Zeugnis davon, wie weit diese Erklärungen gefasst werden können, wie leidenschaftlich sich die und der Schreibende dazu äussert.

Art. 23
Jeder hat das Recht auf Arbeit, auf freie Berufswahl, auf gerechte und befriedigende Arbeitsbedingungen sowie auf Schutz vor Arbeitslosigkeit. Jeder, ohne Unterschied, hat das Recht auf gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Jeder, der arbeitet, hat das Recht auf gerechte und befriedigende Entlohnung, die ihm und seiner Familie eine der menschlichen Würde entsprechende Existenz sichert, gegebenenfalls ergänzt durch andere soziale Schutzmaßnahmen. Jeder hat das Recht, zum Schutz seiner Interessen Gewerkschaften zu bilden und solchen beizutreten.

Das Buch soll zum Nach- und Weiterdenken anregen, beweisen, dass nicht gezweifelt wird an ihrer Relevanz und Stärke. In einer Zeit, in der es 70 Jahre nach der Verschriftlichung nicht mehr um Forderung, sondern um bitternotwendige Verteidigung geht. Menschenrechtskriege, Menschenrechtsverletzungen geschehen nicht nur in der Ukraine, in der Türkei, in den Strassenschluchten amerikanischer Grossstädte und staatlich organisiert an Völkern wie den Uiguren in China. Wer die Menschenrechte liest, und dazu braucht es keiner besonderen Interpretationen, stellt fest, dass es vor der Haustüre brennt, dass man uns selbst in der Schweiz fast jedes Jahr dazu zwingt, an der Urne gegen die gesetzlich verankerte Verletzung anzukämpfen.

„Das Gewissen ist ein Gefäss mit Löchern.“ Gianna Molinari

Autorinnen und Autoren:
(D) Amina Abdulkadir, Sacha Batthyany, Urs Faes, Catalin Dorian Florescu, Lea Gottheil, Petra Ivanov, Daniel Mezger, Gianna Molinari, Werner Rohner, Ruth Schweikert, Monique Schwitter, Eva Seck, Henriette Vásárhelyi, Benjamin von Wyl, Julia Weber, Yusuf Yeşilöz
(F) Odile Cornuz, Isabelle Capron, Daniel De Roulet, Heike Fiedler, Max Lobe, Noëlle Revaz, Sylvain Thévoz
(I) Laura Accerboni, Vanni Bianconi, Francesco Micieli, Alberto Nessi, Fabio Pusterla
(R) Göri Klainguti, Leo Tuor
Svenja Herrmann, 1973 in Frankfurt a. M. geboren, Schriftstellerin, Studium der Germanistik und Rechtsgeschichte, Schriftstellerin (Lyrik), seit vielen Jahren als Begabungsförderin im Bereich Literatur tätig, vor mehr als zehn Jahren hat sie »Schreibstrom« ins Leben gerufen: Ein Projekt für kreatives und literarisches Schreiben für Kinder und Jugendliche in und um Zürich, Lerntherapeutin i.A.  Jüngstes genreübergreifendes Vermittlungsprojekt in Zusammenarbeit mit der Regisseurin Bettina Eberhard: Video Poem für Jugendliche. Für ihre literarischen Arbeiten wurde Svenja Herrmann mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit einem Atelierstipendium der Landis & Gyr Stiftung (2015) und mit einem Werkbeitrag des Kantons Zürich Herbst 2015.
Ulrike Ulrich, 1968 in Düsseldorf geboren, Studium der Germanistik, Kunstgeschichte und Publizistik. Seit 2002 lebt und arbeitet sie in der Schweiz. 2010 erschien ihr Romandebüt »fern bleiben« im Luftschacht Verlag in Wien. 2008 erschien die Anthologie »60 Jahre Menschenrechte – 30 literarische Texte« im Salis Verlag. Sie ist Mitglied der Literaturgruppe index (www.wortundwirkung.ch). Ihre Texte wurden mehrfach ausgezeichnet. Zuletzt erhielt sie 2010 den Walter Serner-Preis und einen Anerkennungspreis der Stadt Zürich, 2011 den Lilly-Ronchetti-Preis.