Lyrik und Jazz – uff! Zwei Genres, an die sich selbst manch routinierte Leserin oder Leser kaum herantraut. Zu schwierig, zu intellektuell, zu anspruchsvoll, zu andeutungsreich und bedeutungsoffen, zu wenig zugänglich, zu wenig allgemeinverständlich, denken viele. Besonders die Kompositionen und Improvisationen von John Coltrane haben es in sich, gehören mit ihren rasend schnellen Läufen (bis zu 1’000 Noten pro Minute!), komplexen Akkordwechseln und avantgardistischen Harmonien zu den anspruchsvollsten, ja, gefürchtetsten Jazz-Werken überhaupt. Der Olymp (oder Mount Everest?) jedes Jazz-Musikers.
Gastrezension von Sonja Bonin
Wie schön, dass der ein Jubiläum zum 23. September naht: Vor 100 Jahren wurde der legendäre Jazzkomponist und -saxophonist geboren – und starb leider bereits mit 40 Jahren an Leberkrebs. Der Schweizer Lyriker, Übersetzer und Kritiker Florian Bissig lädt nun mit seinem neuen Gedichtband ein, es einfach mal mit beidem zu probieren: Jazz und Lyrik. In selbstironischer Bescheidenheit nennt er sein neues Werk, in dem er sich «an Coltrane entlang dichtet» ein «kreatives Scheitern».

Die Rezensentin widerspricht. «Spielen, was ist» gelingt es ausgezeichnet, uns Leben und Werk von John Coltrane näherzubringen, indem er Schritt für Schritt dessen radikale Entwicklung imitiert: vom gefälligen Rhythm & Blues («Ein Rütteln und Schütteln/bis jeder Fuss wippt») über die Bandarbeit mit Miles Davis («Mit hartem Ton und leicht verstimmt […] eckig phrasiert/mit schroff-sensiblem Timbre») über «die raschen Rückungen», die er Thelonious «Monks chromatische[n] Morgenglocken» beifügt, bis zum verhalten-tragischen «Alabama». Dabei spiegeln Bissigs Gedichte kongenial entscheidende Elemente in Coltranes Musik. Etwa in «Anti-Jazz, schreiben sie», wo die «reinen Quinten» das alles durchziehende Leitmotiv bilden, um das sich in wiederkehrenden Schleifen die vernichtenden Kritikerkommentare ranken wie ein improvisiertes Saxophon-Solo und in dem die Vokalkombinationen kontrastierend hin- und her springen wie die Klangfarben des Künstlers bei seinen berühmten «Coltrane Changes»: «ein wütender junger Tenor, schreiben sie […] «rufend und suchend/schreiend und jubelnd/kreischend und preisend».
Aufbau oder Komplexität der Musik stechen in ihrer lyrischen Spiegelung oft auch optisch direkt ins Auge, zum Beispiel beim Gedicht «Klangflächen»:



Florian Bissigs Gedichten folgt als «liner notes» ein vergnüglich-erhellender Essay des Autors über John Coltrane und seine Musik.
Knapp über 100 Seiten hat dieses schön gestaltete Bändchen aus dem Verlag Die Brotsuppe – doch es bietet Inspiration für Stunden. Warnung an die Leser: Sie werden sich mehr mit Lyrik und Jazz beschäftigen wollen, als Sie je geahnt haben!
Im Verlag Die Brotsuppe erschien bereits Florian Bissigs Lyrik-Debut «Anchises in Alaska». Bissig übersetzte und edierte zudem für die Friedenauer Presse das erste Buch einer Afroamerikanerin, Gedichte und Briefe von Phillis Wheatley.

Florian Bissig, geboren 1979, ist Publizist und literarischer Übersetzer. Er studierte in Zürich, Berlin und Austin Philosophie und Englische Literaturwissenschaft. Als freier Journalist schreibt Florian Bissig für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften über Literatur und Musik. Er übersetzte ausserdem die Lyrik von S.T. Coleridge, verfasste dessen Biografie und besorgte die erste deutsche Übertragung der Werke von Phillis Wheatley. Florian Bissig lebt mit seiner Familie in Affoltern am Albis.
Sonja Bonin, geboren 1970, studierte Philosophie und Germanistik sowie Buch- und Medienpraxis in Mannheim, Frankfurt a. M. und Rutgers, New Jersey. Sie ist freie Journalistin und Übersetzerin und lebt, nach langjährigen Aufenthalten in Deutschland, den USA und China, in Zürich. Sie arbeitete u. a. für den Tagesspiegel, Spiegel Online, Aspen Institute Berlin und LiteraturReview. Zu den von ihr übersetzen Autoren gehört Howard Zinn «Eine Geschichte des Amerikanischen Volkes» und «Rosa Parks. Meine Geschichte«
Beitragsbild: Fondation Jan Michalski © Tonatiuh Ambrosetti






Es war das Jahr der Unfälle. Danach hiess es amigs, wir lebten halt hier unten im Bermudadreieck. Wobei, im Bermudadreieck wird spurlos verschwunden.
Christoph Schneeberger wird 1976 im Aargau geboren und wächst in Vogelsang und Birr auf. Er studiert zunächst am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel und schliesst 2018 den Master in Literarischem Schreiben an der Hochschule der Künste Bern ab. Christoph Schneeberger verknüpft die verschiedenen Bereiche der Kunst und ist in vielseitigen Formen und Identitäten aktiv. Als X Noëme – so heisst er als Dragqueen – performt er etwa eine Lesung seines preisgekrönten Romans «Neon Pink & Blue». 2021 gewann Christoph Schneeberger den Schweizer Literaturpreis.

2018 und 2019 verbrachte Johanna Lier mehrere Monate in Griechenland und auf der Insel Lesbos und kam eher zufällig ins Registrierung- und Ausschaffungszentrum Moria. Eine Gewalterfahrung, die eine Antwort erforderte. Die Autorin kehrte nach Moria Camp zurück und begann, basierend auf Kriterien aus James Baldwins Essay «Everybodys Protest Novel», zu recherchieren und zu schreiben.

Weil ihn die Bilder aus jener Zeit auch im Alter nicht loslassen. Weil er nie aus seinem Schweigen herausfand. So wie ihn die Schicksale der verstorbenen Kinder nicht loslassen, die Geschichten, die er sich zusammenreimt, die den Kindern eine Vergangenheit schenken, die erklärbar machen, warum man sie auf dem Friedhof vergessen hat. Er macht seinen Kindern Geschenke, bemüht sich viel mehr als nur um die Bepflanzung, das Kreuz, den Grabstein und den Weg dorthin. Er gibt den Kindern Namen; Primel, Forsythie, Hyazinthe, Pfingstrose oder Anemone. Er redet zu ihnen, leistet ihnen Gesellschaft, ist ihnen Behüter und Vater.
Immer und immer wieder dreht sich Literatur um Erinnerungen. Literatur ist die Kunst des Erinnerns, sei es im Zusammenhang mit Historie oder um das, was man in sich trägt, eingegraben bis in die Gene. Historisches Erinnern, das sich unweigerlich und gleichermassen mit Deutung und Wertung verbindet, ist wie persönliche, individuelle Erinnerung Motor des Tuns und Denkens. Literatur, selbst wenn sie sich oberflächlich betrachtet mit Gegenwart oder Zukunft beschäftigt, ist immer transformierte Erinnerung. Und wenn sich Aleida und Jan Assmann, gemeinsam Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, in Leukerbad mit ihrem Schreiben vorstellen, dann gleich mehrfach und ineinander verwoben. Über ihre Forschungen zum Thema „Kollektives Gedächtnis“ wird in verschiedenen Gesprächsformationen diskutiert und schnell klar, dass sich Literatur nicht nur mit Erinnerung befasst, sondern mit ihrem Niederschlag ganz deutlich zu „kollektiven Erinnerung“ beiträgt, in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Eine kollektive Erinnerung, die in eine ganze Generation wirkt.
Zoltán Danyi las in Leukerbad aus seinem bei Suhrkamp erschienenen ersten Roman „Der Kadaverräumer“. Der Erzähler wird in der Vojvodina in die serbische Armee eingezogen und Augenzeuge kriegerischer Gräuel, wird nach dem Krieg „Kadaverräumer“, der tote Tiere von den Strassenrändern zu sammeln hat, wird Schmuggler, Flüchtling, unglücklich Liebender, Leidender an seinem Körper. Ein Mann, der nicht verdauen kann. „Der Kadaverräumer“ ist aber nicht einfach nacherzählte Erinnerung, sondern in langen mäandernden Sätzen ein in sieben Klagelieder gefasster Gedankenstrom. Er erschliesst sich mir als Leser nicht so einfach, da die Schichten des Fliessens vielfach sind, starke Bildern und Sätze zeigen, was der Wahnsinn eines Krieges und dessen Folgen in einem Menschen für Katastrophen anrichten können, auch dann, wenn die offensichtliche Aggression längst Erinnerung ist.
erschienenen Roman „Wie die Milch aus dem Schaf kommt“ macht sich die Erzählerin und Protagonistin Selma auf die Suche nach ihrer Herkunft. Nach dem Tod ihrer Grossmutter findet Selma unerwartet in einer Tupperware-Box Papiere und Hinterlassenschaften, die klar machen, dass nichts so ist, wie es schien. Selma macht sich auf eine lange Reise, sowohl zeitlich wie geographisch, weit zurück ins 19. Jahrhundert, tief hinein in die bäuerliche Welt des thurgauischen Donzhausen, weit weg bis in die Ukraine und nach Israel.