Robert Seethaler «Das Café ohne Namen», Claassen

Einmal im Leben allen Mut fassen und jenen Schritt wagen, der einem etwas von jenem Glück bringt, dass überall zu spriessen scheint. Robert Seethales Roman „Das Café ohne Namen“ ist die Geschichte eines Mannes, der sich am Glück durch seine Gegenwart hangelt, zurückhaltend erzählt aber mit viel Liebe für jene, denen das Siegen nicht in die Wiege gelegt ist.

Wer Bilder aus den letzten Jahren des Krieges und der Nachkriegszeit in den Grossstädten Deutschlands sieht und jene des Krieges jetzt in der Ukraine, kann sich kaum vorstellen, dass dereinst wieder ganz „normale“ Leben an jenen Orten stattfinden kann. Auch grosse Teile der Stadt Wien standen in Schutt und Asche. Ein Jahrzehnt stand die Stadt unter Zwangsverwaltung der Siegermächte. Aber noch ein Jahrzehnt später, in der Zeit, in der Robert Seethalers neusten Roman zu spielen beginnt, schien in der Stadt an der Donau alles im Umbruch, alles möglich. Wer es sich zutraute, wagte den Schritt in die Selbstständigkeit. Die Zukunft schien rosig, die Vergangenheit, das Versagen der Väter wollte man hinter sich lassen. Eine Generation später wuchs aus den Trümmern eines verlorenen Krieges, aus den Trümmern einer Idiologie ein scheinbar neuer Mensch, ein scheinbar neues Bewusstsein. Überall wurde gebaut, die Wirtschaft prosperierte.

Simon, der den Krieg bloss noch als Kind erlebte, dessen Eltern ihre Leben auf ganz unterschiedliche Art und Weise an den Krieg verloren. Sein Vater satrb den Heldentod im Feldlazarett, seine Mutter kurz danach an einer Blutvergiftung. Simon verdient sein Brot, sein Bett mit Gelegenheitsarbeiten auf dem Markt; mal dort etwas helfen, hier was austragen. Es reicht grade so, um über die Runden zu kommen. Man mag ihn, nimmt seine Hilfe gerne in Anspruch, nicht zuletzt deswegen, weil er nicht jede Hilfeleistung mit Geld vergolten haben will. Er ist zufrieden, auch wenn er weiss, dass es nicht ewig so weitergehen will, erst recht dann nicht, wenn weil dereinst das Glück auch auf seiner Seite stehen soll.

Robert Seethaler «Das Café ohne Namen», Claassen, 2023, 288 Seiten, CHF ca. 34.90, ISBN 978-3-546-10032-8

Frisch einquartiert bei einer Kriegswitwe übernimmt er ein leerstehendes Café nicht weit vom Markt, auf dem er als Gelegenheitsarbeiter sein Auskommen fand. Ein heruntergekommenes Gefiert, schmutzig, wenig versprechend. Aber Simon weiss, dass es seine Chance sein muss. Kaffee, Limonade, Himbeersoda, Wein und Bier, Schmalzbrot mit oder ohne Zwiebel, Essiggurken und Salzstangen – nicht viel. Und weil ihm kein Name richtig erscheint, bleibt das Café jenes ohne Namen.

Auch wenn die Anfangszeit schleppend verläuft, entwickelt sich das Café mehr und mehr zu einem Treffpunkt all jener, denen im Leben ein Stück Zuhause fehlt, aber auch jener unruhigen und mutlosen Seelen, die in der aufstrebenden Stadt durch die Maschen fallen, traumaisiert von ihrer Vergangenheit, fallengelassen von der Gegenwart, erschlagen von der Zukunft. 

Die noch junge Mila wird zu seiner Hilfe und irgendwann gelingt es Simon gar, einen Tag in der Woche nicht im Schankraum zu erscheinen, um an der Donau dem Wasser zuzuschauen. Er freundet sich mit dem Fleischermeister auf der anderen Seite der Strasse an, dessen Familie ungewollt mehr und mehr wächst, dessen Frau abzudriften droht und einer Geschäft, das von den ersten Supermärkten arg in Bedrängnis gerät. Nicht alle in Wien gehören zu den Gewinnern. Auch Simon nicht.  Oder Renè Wurm, einem der Ringer vom Neumarkt, die in inszenierten Schaukämpfen vom grossen Geld, von einer Karriere in Amerika träumen. Ein grosser, schwerer Mann, furchteinflössend aber mit der grossen Sehnsucht nach Nähe und einem Ort, der sein Zuhause ist. Oder mit der Witwe, bei der Simon sein Zimmer hat, einer Frau, die in ihrer Vergangenheit hängengeblieben ist und immer mehr in eine fortschreitende Demenz taumelt.

Was Robert Seethalers Roman lesenwert macht, ist die Leichtigkeit seines Erzählens. Ein ruhiger Streifzug durch die Stadt Wien um 1970. Man riecht den alten Mief in den Gassen. Man friert mit, wenn der alte Ofen aussteigt oder gar explodiert. Man sieht in Lumpen gekleideten Gescheiterten, die über dem ewig gleichen Glas in einer schummrigen Ecke des Cafés ihr Dasein aussitzen. Man begleitet diesen freundlichen, zurückhaltenden Mann, der ein Café betreibt wie damals seinen Dienst am Markt. Robert Seethalers Roman ist Denkmal all jener, die an der Seite der Verlierer das Leben meistern. Die Menschen, die in dem Café ein Stück Zuhause, ein Stück Heimat und Geborgenheit finden, sind Archetypen. Er erzählt einfach und süffig, ohne Effekthascherei, so unverkrampft und leicht, dass mich das Lesen für einmal in einen fast tranceartigen Zustand versetzt, ohne die harten Schickale jener Zeit schönzureden.

Robert Seethaler, geboren 1966 in Wien, ist ein vielfach ausgezeichneter Schriftsteller und Drehbuchautor. Seine Romane «Der Trafikant» (2012), «Ein ganzes Leben» (2014) und «Das Feld» (2018) wurden zu grossen internationalen Publikumserfolgen. Seine Bücher wurden in über 40 Sprachen übersetzt. Mit seinem Roman «Ein ganzes Leben» stand er auf der Shortlist des International Booker Prize. Zuletzt erschien von ihm der Roman «Der letzte Satz» (2020) bei Hanser Berlin. Robert Seethaler lebt in Berlin und Wien.

Beitragsbild © Urban Zintel

Antonia Baum «Siegfried», Claassen

Sie sitzt im Wartezimmer eines psychiatrischen Ambulatoriums auf einem roten Metallstuhl und wartet. Sie hat sich ausgeklinkt. Ausgeklinkt aus ihrer Ehe, ihrer Familie, ihrem Beruf als Schriftstellerin, ihrem Verhältnis mit ihrem Lektor, ihren Sorgen, ihren Ängsten. Nur aus ihrer Geschichte kann sie sich nicht ausgklinken. Antonia Baum erzählt kunstvoll vom Scheitern.

Alex liebte sie. Vielleicht liebt Sie ihn noch. Aber weil sie ihn mit Benjamin betrogen hatte und kein Geheimnis daraus machen wollte, sperrte er sie aus seinem Leben aus. Sie liebte Alex, weil Alex aus einem ganz anderen Stall kam wie sie, weil sich Alex kaum um Konventionen scherte. Weil Alex in einer Bar arbeitet, die nicht einmal ihm selber gehört und Geld schon irgendwie hereinkommen würde. Es gab eine Zeit, da hätte sie gerne noch zwei Kinder von ihm gehabt, neben ihrer Tochter Johnny. Wenn da alles andere nicht gewesen wäre: die ewigen Geldssorgen, das ewige Bedrängtwerden, am meisten von ihr selbst, weil nichts mehr funktionieren wollte, die Waschmaschine genauso wie das Schreiben an einem neuen Roman. Darum sitzt sie auf dem roten Metallstuhl. Weil sie nicht weiss, ob sie kurz davor ist, verrückt zu werden, die Kontrolle ganz zu verlieren, von all dem zugedeckt zu werden, vom Gegenwärtigen wie vom Vergangenen.

Antonia Baum «Siegfried», Claassen, 2023, 256 Seiten, CHF ca. 34.90, ISBN 978-3-546-10027-4

Sie erinnert sich an ihre Mutter, die lieber weg war als zuhause. An Hilde, ihre strenge Grossmutter, die eigentlich gar nicht ihre Grossmutter war. Denn Siegfried, ihr Sohn, kam erst in die Familie, nachdem sich ihr leiblicher Vater verdünnisiert hatte. Siegfried ist und war das einzig Konstante in ihrem Leben. Wenn auch seltsam distanziert, war er meistens da, versprach Hilfe, hatte es auch getan, als sie ihn letzthin um einige Tausend gebeten hatte, weil man ihnen drohte, die Wohnung zu kündigen, weil die Miete nicht mehr bezahlt wurde. Siegfried schien zu schaffen, was ihr nicht gelingen wollte. Sie bekam ihr Leben nicht in den Griff, schon gar nicht die Leben ihrer Familie. Die Zeiten bei Hilde waren das genaue Gegenteil von dem, was das fahrige Leben mit ihrer Mutter ausmachte. Bei Mutter das Ungefähre, Unbeständige, Unbestimmte, die Bedrohung. Bei Hilde die stramme Führung, das Schwimmtraining am hauseigenen Pool mit Hilde im Bademantel und mit Trillerpfeife.

Geschichten von Menschen, die die Kontrolle verlieren, die sich in den Schluchten der Grossstadt verlieren, gibt es viele. Geschichten von Frauen, die zerrissen werden im Spagat zwischen Pflichten als Mutter, Ehefrau, Ernährerin und Kreative ebenfalls. Was Antonia Baums Roman „Siegfried“ auszeichnet, ist die Art des Erzählens, ihre Sprache, das fein Ziselierte ihrer Schilderungen. Kaum je las ich derart genaue Beschreibungen von Zuständen oder Geschehnissen, die wegen ihrer Sprachkunst nie langweilen. Es war als wären Szenen in Slowmotion erzählt. Dabei wurden sie weder langfädig noch langweilig. Antonia Baum scheint eine tiefere Form der Wahrnehmung zu beherrschen. 

Ebenso köstlich sind ihre Figuren, vor allem Hilde und ihr Sohn Siegfried, der zu einem Vaterersatz der Erzählerin geworden ist. Hilde als Relikt einer vergangenen Zeit, die sich köstlich nervt an den Eigenheiten der Gegenwart. Als das Mädchen, das die Erzählerin damals war, in Hildes grossem Haus zu stöbern beginnt, findet sie Zeugnisse einer Zeit mit Bildern von ausgemergelten Menschen, Leichenhaufen und Männern in Uniformen. Da war auch Hildes Ehemann, Siegfrieds Vater, den man nicht nur beerdigt hatte, sondern in der Gegenwart totgeschwiegen. Und Siegfried, der wie der Drachentöter aus der nordischen Sagenwelt unverwundbar und unverwüstlich erscheint. So ganz anders wie die Erzählerin selbst. Sie, die sich nicht mehr aufrichten kann. Sie, die sich selbst betrogen fühlt.

„Siegfried“ ist ein Sprachkunstwerk. Hier glänzt die Sprache, denn sie erzählt viel mehr als das, was reines Nacherzählen wiedergibt!

Antonia Baum, geboren 1984, ist Schriftstellerin und Autorin für DIE ZEIT. Ihre Bücher – zuletzt der Roman «Tony Soprano stirbt nicht», das Memoir «Stillleben» und eine persönliche Bestandsaufnahmen des Werkes von Eminem – haben grosse Medienresonanz erhalten. «Siegfried» ist ihr erster Roman im Claassen-Verlag.

Beitragsbild © Urban Zintel

Lucy Fricke «Die Diplomatin», Claassen

Fred ist deutsche Konsulin, ehrgeizig, taff und eigentlich nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen. Sie ist beruflich dort, wo sie immer hinwollte, hat das erreicht, wovon sie immer träumte. Aber war es das wirklich? Zu welchem Preis? Lucy Fricke trifft pfeilgenau in das wunde Herz einer Frau, eines Lebens, eines Systems. „Die Diplomatin“ reisst den Vorhang weg!

Fred heisst eigentlich Friederike Andermann. Sie tut das, was bis vor wenigen Jahrzehnten noch fest in Männerhand war; sie ist Diplomatin. Sie studierte, dachte eine Weile, Richterin werden zu wollen, begann dann aber eine Diplomatinnenkarriere im Auswärtigen Amt. Ursprünglich aus der Idee, etwas bewirken, sich einbringen, an etwas Grossem teilhaben zu wollen. Aber diese Idee geriet schon länger ins Wanken. Nicht erst in Uruguays Hauptstadt Montevideo, ihrer ersten Stelle als Botschafterin.

Über Wochen muss sie sich im Hinblick auf das Fest zur Deutschen Einheit Anfang Oktober in Montevideo mit Grillfleisch, Bratwürsten, Gästelisten und anderen Kleinigkeiten herumschlagen. Sicher auch deshalb, weil sie sehen muss, wie andere Frauen Mütter werden und sie einsam. Und als dann noch eine bekannte Verlegerin aus Deutschland anruft und von ihr verlangt, alle Hebel in Bewegung zu setzen, weil sie seit 24 Stunden keine Nachricht mehr, keinen Post von ihrer Influencertochter erhalten habe und sich das Verschwinden nach ihrem Zögern als eine Entführung entpuppt, wird aus der Enge, in der sie sich fühlt, eine schlammig zähe Masse. Nachdem die junge Frau tot aufgefunden wird, sich das ganze zur Katastrophe mit unabsehbarem Ende auswächst, suhlt sich Fred in Schuldgefühlen, die ihr von niemandem genommen werden können. Bis sie versetzt wird, zuerst zurück nach Deutschland, später in die deutsche Botschaft in Istanbul.

Lucy Fricke «Die Diplomatin», Claassen, 2022, 256 Seiten, CHF 32.90, ISBN 978-3-546-10005-2

Aber so mondän die Räumlichkeiten und Einrichtungen der dortigen Botschaft sind, die Türkei hat sich unter dem jetzigen Präsidenten zu einem repressiven Staat entwickelt, dessen Vorstellungen von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie, von Völkergemeinschaft und Europa ganz andere sind, als jene, die in Freds Seele noch immer als Idee herumschwirren. Istanbul, eine Stadt, die Fred gleichermassen liebt, fasziniert und überfordert. Wie ihre Arbeit.

Irgendwann taucht Barış (türkisch die ‚Versöhnung’) ein deutsch-türkischer Student auf, der seine Mutter in einem der türkischen Gefängnisse besucht. Jene Mutter geriet wegen Nichtigkeiten ins Visier der türkischen Polizei, wurde verhaftet und ohne Anklage und Verhandlung eingesperrt. In eine überfüllte Zelle, gezeichnet von den Strapazen, von mangelnder medizinischer Betreuung. Barış will seine Mutter frei, will Gerechtigkeit. Aber sein Besuch für die Mutter bringt keine Erleichterung. Auch er wird Ziel des türkischen Sicherheitsapparats, muss untertauchen, sich verstecken. Für Fred beginnt ein heikler Tanz auf Messers Schneide, ein Konflikt, den sie nicht nur auf diplomatischer Ebene verloren sieht, ein Konflikt, der ihr mit schmerzlicher Deutlichkeit zeigt, wie wenig Macht zur Veränderung nicht nur in ihren Händen liegt.

Dass Lucy Fricke ihren Roman zum grössten Teil in der türkischen Hauptstadt spielen lässt, dass sie Istanbul nicht bloss zu einer pittoresken Kulisse macht, dass sie glasklar zeigt, wie die Macht des türkischen Kontrollstaates eine Atmosphäre der Angst und permanenten Bedrohung erzeugt, dass hinter all den Fassaden aus Schein und Lügen Repression herrscht, ist mutig. Ich glaube kaum, dass Lucy Fricke, die mehrere Monate im Land und in dieser Stadt verbrachte, je wieder unbehelligt die Grenze wird überqueren können.

„Die Diplomatin“ ist ein Roman über eine Frau, die mitten in ihrem Leben ernüchtert und desillusioniert feststellen muss, dass jenes Leben, dass sie führt, jener Beruf, in dem sie zu wirken versucht, kaum mehr etwas davon hat, wovon sie einstmals träumte. Hoffnungen sind verschwunden, Leidenschaft erkaltet. Ein Kampf, den alle in ihrem Leben ausfechten müssen, Erkenntnisse, die allen drohen, unabhängig von Geschlecht, Stand oder Beruf. Was bleibt von den Idealen, die man einst wie Leuchtfeuer durch sein Leben trug? Wie schafft man es, dass jenes Feuer nicht erlischt? Auch die Sehnsucht nach Erfüllung und Liebe!

Lucy Frickes Roman ist mutige Literatur!

Interview

Ihr Roman lässt sich in verschiedene „Richtungen“ lesen. Zum einen ist es der Roman über die Ernüchterungen einer Frau, nicht nur in ihrer Arbeit, auch mit ihren Beziehungen, nicht zuletzt mit der Liebe. Und dann ist es auch ein Roman, der sich mit der Diplomatie direkt auseinandersetzt, wie sehr einem die Hände gebunden sind. Aktuell scheint es die Diplomatie noch schwieriger zu haben. Man verhandelt zwar irgendwie, aber im Ukrainekrieg sprechen beide mit einem Vokabular, dass vor 80 Jahren schon einmal Konjunktur hatte und mit Diplomatie rein gar nichts mehr zu tun hat. Ängstigt Sie das auch?
Es ist Angst gepaart mit Ohnmacht, die denkbar schlechteste Kombination. Wir, die wir nicht Macht haben, die grossen Entscheidungen zu treffen, können nur im Kleinen tun, was immer uns möglich ist. Humanitäre Unterstützung in jeder Form. 

Ein grösserer Teil Ihres Romans spielt in der türkischen Hauptstadt, in der Sie mehrere Monate verbracht haben. Eine Stadt, in die man sich genauso verlieben wie verlieren kann. Eine Stadt mit pittoresker Kulisse, fest im Klammergriff eines rigiden Alleinherrschers. Ihr Roman nimmt kein Blatt vor den Mund. Befürchten Sie, in Zukunft nie mehr in die Türkei einreisen zu können?
Nie mehr, das würde ich nicht sagen. Auch dieser Präsident wird nicht ewig an der Macht bleiben. Aber den nächsten Sommer werde ich sicher nicht in Istanbul verbringen, das ist ein kleines Opfer im Vergleich zu dem, was den Figuren im Roman und so vielen Menschen in der Türkei widerfährt. 

Fred fürchtet sich als Diplomatin permanent vor Fehleinschätzungen. Eine Furcht, die auch mich zuweilen lähmt. Wer weiss schon, welche Entscheidung die richtige ist. Diese Furcht schleicht sich bis in ihre Gefühlswelt, wenn sie nicht weiss, ob sie ihnen trauen kann. Mein Schwiegervater war ein Leben lang Bauer. Er meinte einmal, als ich mit ihm auf dem Feld bei der Aussaat mitfuhr, nichts garantiere ihm eine gute Ernte. Haben wir Instinkt und Urvertrauen verloren?
Vielleicht sind wir generell vorsichtiger geworden, oder auch umsichtiger. Meine Hauptfigur Fred hat dazu jeden Grund, ihre Entscheidungen und Einschätzungen betreffen das Leben anderer direkt. Das ist ein Fakt und kein Gefühl. Vertrauen ist schwierig, wenn Gespräche abgehört werden, Überwachung und Geheimdienst allgegenwärtig sind. Sie ist in ihrer Position einsam geworden, wie es oft einsam ist an der Spitze. Sie kann nie wissen, ob sich ihr Gegenüber für sie oder für ihre Funktion interessiert. Bevor sie Entscheidungen trifft, sammelt sie Informationen, sie muss permanent die politischen und menschlichen Konsequenzen ihres Tuns bedenken. Eine Diplomatin sollte nicht in erster Linie ihrem Instinkt vertrauen, aber sie darf in ihn auch nicht verlieren. Darin liegt eine grosse Herausforderung.  

Die Gefängnisse auf der ganzen Welt sind mit Menschen gefüllt, die zu unrecht eingesperrt sind. Meist sind wir im scheinbar kultivierten Westen gezwungen, dies zähneknirschend hinzunehmen, auch wenn Unrecht und Willkür offensichtlich sind. Sie nehmen ein Schicksal stellvertretend in ihren Roman. Ein Schicksal, das ein „gutes“ Ende findet. Hätte es nicht ebenso viele Gründe gegeben, die „Befreiung“ scheitern zu lassen?
Noch vor dem ersten Satz war mir klar, dass dieses Buch mit Hoffnung enden wird. Hoffnung, die daraus entsteht, dass Menschen sich engagieren. Denn daran glaube ich, und es hat mich wirklich glücklich gemacht, während meiner Recherche solchen Menschen zu begegnen. Anwälte, Künstlerinnen, Journalisten und eben auch Diplomatinnen, die nicht aufhören zu kämpfen. Irgendwann kommt immer ein Sieg dabei heraus, und auch wenn es nur ein einzelner sein mag, ist dieser eine alles wert.  

Hat Fred den Glauben an die Wirkung ihres Handelns nicht verloren? Und glauben Sie an eine positive Wirkung der Literatur?
Ich habe neulich gehört, dass mein Roman, in Verbindung mit Briefen an das Gericht, dazu beigetragen haben könnte, die drohende Abschiebung eines kurdischen Paares zurück in die Türkei zu verhindern. Sie wären nach ihrer Einreise dort direkt inhaftiert worden. Im besten Fall ist es so, dass Literatur den Blick auf die Welt oder auf einzelne Schicksale verändert und schärft. Wenn man sich mit diesem Anspruch ans Schreiben macht, hat man, glaube ich, einen guten Kompass für seine Arbeit.  

Lucy Fricke wurde in Hamburg geboren und lebt in Berlin. Für ihre Arbeiten wurde sie vielfach ausgezeichnet, zuletzt war sie Stipendiatin der Kulturakademie Tarabya in Istanbul. Ihr Roman «Töchter» erhielt 2018 den Bayerischen Buchpreis, wurde in acht Sprachen übersetzt und fürs Kino verfilmt.

Beitragsbilder © Gerald von Foris

Christian Baron «Ein Mann seiner Klasse», Claassen, Gastbeitrag von Frank Keil

Christian Baron erzählt in seinem Debütroman „Ein Mann seiner Klasse“ von Armut, von seinem prügelnden Vater, seiner depressiven Mutter – und wie ihm der Aus- wie Aufstieg gelang.

Frank Keil

Von dort, was man ‚unten‘ nennt
von Frank Keil

Doch, es gibt Lichtblicke. Es gibt Momente, in denen der Vater noch nicht so heillos betrunken ist, dass er hemmungslos um sich schlägt und seine Gewaltausbrüche keine Grenzen kennen. Helle Momente, in denen er vielleicht angetrunken ist, daher gut gelaunt, lustig gestimmt bald, zu Scherzen aufgelegt; wo er aus heiterem Himmel den einen oder anderen Geldschein springen lässt und dann können sich seine Kinder was kaufen, was sie grad wollen; dann umgarnt er seine Frau, auf charmante Art. Oder Momente, wo er seinem ältesten Sohn plötzlich sagt, der könne sein, wie er will, seinetwegen auch schwul – Hauptsache er sei auf das, was er sei, stolz. Richtig stolz. So wie auch sein Vater stolz auf sich sei, egal was die Nachbarn sagten oder die Polizei oder das Jugendamt. Es sind – wie gesagt – Lichtblicke. Meistens aber ist es dunkel. Sehr dunkel. Bis rabenschwarz.

Christian Baron kommt von dort, dass man „unten“ nennt, wenn man nicht von dort kommt; sondern von „oben“ oder – noch beliebter, weil unverfänglicher: „so aus der Mitte“. Er hat einen anderen Weg erst einschlagen können, nachdem das Jugendamt zugriff und dem Vater nach dem Tod seiner Frau die Kinder entzog. Er hat nicht nur die Schule abgeschlossen, er hat studiert und er ist Journalist geworden, Redakteur. Aktuell ist er beim Berliner „Der Freitag“ beschäftigt. Und als die Wochenzeitung eine Kulturbeilage zum Weltfrauentag produzierte, schreibt er für diese einen Essay: „Ganz egal, ob geprügelt und ob das Geld versoffen wurde: Ich wollte immer genau so werden wie mein Vater“, der Untertitel (www.freitag.de/autoren/cbaron/ein-mann-seiner-klasse). Die Literaturagentin Franziska Günther bekommt ihn in ihre Hände, und sie kontaktet Baron und schlägt ihm vor, genau darüber ein Buch zu schreiben. Und er setzt sich hin und schreibt seine Lebensgeschichte auf, und er hat sie vor allem literarisch geformt. 

Die Kapitel heissen ZORN, GLÜCK, SCHMERZ und ÜBERRASCHUNG. Sie heissen SCHAM, STOLZ, ANGST, LIEBE, dann HASS und HOFFNUNG. Und das letzte Kapitel heisst ZWEIFEL. Jeweils in Grossbuchstaben.

Christian Baron «Ein Mann seiner Klasse», Claassen, 2020, 288 Seiten, CHF 30.90, ISBN 978-3-546-10000-7

„Vom Laster gefallen“ murmelnd der Vater, wenn er von der Arbeit kommt und irgendetwas mit nach Hause bringt, was er sich sonst nicht leisten könnte, manchmal Spielzeug für die Kinder. Er ist kräftig und stark, der Vater, er arbeitet als Möbelpacker, der alles tragen kann, im doppelten Sinne des Wortes. Und er fürchtet sich nicht – und das hat seine guten, aber vor allem hat es seine schlechten Seiten. Von denen er durchaus weiß, die ihm nicht unbekannt sind. Dass er, der so stolz auf seine körperliche Arbeit ist, die er jeden Tag stemmt, genau davon nicht leben kann, macht die Wut aus, die ihn immer wieder packt. Hätte es einen Ausweg gegeben? Gibt es einen für einen wie ihn?

Baron, 1985 in Kaiserslautern geboren, erzählt die Geschichte seiner Kindheit einerseits gradlinig und direkt; andererseits wechselt er hin und wieder in sachte Rückblenden. Schaut sich zu wie er schaut, auf sich und seine Geschwister und die Eltern, damals. Ist aber auch unterwegs in der erzählerischen Gegenwart, sitzt dann mit seinem entsprechend erwachsenem Bruder zusammen und sie reden über das, was damals war; an das sie sich durchaus unterschiedlich erinnern, wie das so ist. Und im nächsten Moment geht es wieder zurück ins damalige Geschehen, mit einer Unmittelbarkeit, die einen packt, als sei man dabei. Im Schlechten wie im manchmal im Guten.

Und so ist sein Buch entsprechend auch keine blanke Abrechnung mit seinem Vater. Es ist kein hasserfülltes Buch, das ist es so gar nicht. Baron schreibt von dem, was damals war; schlüpft als erwachsener und als entsprechend distanzierungsfähiger Autor in die Sicht eines Kindes, dass sich seine Welt, in der es nun mal lebt, so erklären muss, dass das Leben in ihr aushaltbar bleibt. Und am besten mehr als das. Und er erzählt auch davon, dass es helfen kann, das Lebens (s)eines Vaters zu verstehen, was nichts damit zu tun hat, es zu entschuldigen oder zu billigen. Sondern: verstehen, um wichtiges für sich selbst zu erfahren. Etwa: Warum man seinen Vater, der einen schlägt, trotzdem liebt. Das es kein entweder/oder ist, als Kind. Und später dann auch nicht mehr.

Wobei wir bei alledem nicht im luftleeren Raum bleiben, sozusagen. Es gibt schliesslich auch Nachbarn, die wegschauen oder die mal gegen die Wand hauen, wenn es drüben in der kleinen Wohnung drunter und drüber geht und sie der Lärm stört. Es gibt Mitschüler, die dem Erzähler immer wieder klar machen, dass er unter ihnen nichts zu suchen hat; dass er wieder dort hingehen soll, wo er herkommt. Und dass er dort zu bleiben hat. Auch davon erzählt Baron.

Und es gibt starke Frauenfiguren, offenbar im Leben wie erst recht im Buch. Die Mutter etwa, die in ihren Jugendjahren Gedichte schrieb – und es gibt eine Szene, in denen ein Lehrer diese Gedichte vor der versammelten Klasse verhöhnt und die nun sichtbare Brutalität steht in nichts dem nach, was ihr Mann später mit ihr anrichtet, wenn er ihren Kopf greift und zuschlägt. Gewalt – auch davon erzählt Baron – sind nicht nur Schläge. Man kann auch einen Menschen niederschlagen, ohne ihn zu berühren.

Und es gibt die Tante, die zu retten versucht, was noch zu retten ist: ihre Schwester, die immer wieder in tagelange Depressionen versinkt und dann das Bett nicht verlässt; die Kinder, die in dem Wechselspiel von unerwarteter Zuneigung und plötzlich ausbrechender Gewalttätigkeit unterzugehen drohen. Wie soll man das auch verstehen, dass mit einem Mal wieder alles ganz anders wird?

Es sind denn auch immer wieder die hoffnungsvoll aufscheinenden Momente, die einen durch die Lektüre leiten und die davon erzählen, dass Menschen auch in Momenten großer Bedrängnis versuchen sich ihre Freiräume zu sichern und seien es noch so weniger: Die Mutter tanzt hingebungsvoll zur Musik der Kelly Family. Mit dem Vater spielen die beiden Jungs eine Runde Super Mario auf der Konsole, die rein zufällig vorher vom Laster gefallen ist. Und gelegentlich taucht auch ein ganz feiner Humor auf; der Humor der vordergründig Unterlegenen, die nicht daran denken, dass sie klein beigeben; die darauf bestehen, dass auch ihr Leben eine eigene Würde und immer auch Geschichte hat.

Ja, es gab Momente, in denen sass man gerne mit dem Erzähler, seinen drei Geschwistern und der Mutter in der kleinen Küche und schaute zu, was sich ergab; hörte zu, was gesprochen wurde, was gescherzt. Und wenn der Vater hinzukam, dann war das zuweilen auch okay. Eher selten, eigentlich fast nie. Aber manchmal eben doch. Und genau diese Momente versucht der Autor zu bewahren. Auch um sich zu retten, vielleicht bis heute.

© Hans Scherhaufer

Christian Baron wurde 1985 in Kaiserslautern geboren. Er studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Germanistik in Trier. Nach Stationen bei der Lokalzeitung Die Rheinpfalz und Neues Deutschlandsowie Veröffentlichungen bei nachtkritik, Neue Zürcher Zeitung und Theater der Zeit arbeitet er seit 2018 als Redakteur bei der Wochenzeitung der Freitag.

Das Harbour Front Literaturfestival vergibt den Klaus-Michael Kühne-Preis zum elften Mal an das beste Romandebüt des Jahres. Der mit 10.000 Euro dotierte Preis soll junge Literatur fördern und deren Bedeutung unterstreichen.

Die Mitglieder der Hauptjury – Felix Bayer (Spiegel), Stephanie Krawehl (Buchhandlung Lesesaal), Stephan Lohr (NDR Kultur a.D.), Maximilian Probst (Zeit) und Meike Schnitzler (Brigitte) – begründen ihre Entscheidung für Christian Baron und seinen Roman „Ein Mann seiner Klasse“ (Claassen) wie folgt:

„In seinem autobiografisch angelegten literarischen Debüt «Ein Mann seiner Klasse» beschreibt Christian Baron auf sehr eindrückliche Art das Aufwachsen in einer dysfunktionalen Familie in Armut. Die Jury hat besonders überzeugt, dass die Leserinnen und Leser in ein Milieu geführt werden, das oft nur als statistische Grösse auftaucht. Hier bekommt diese Welt eine Stimme und das in einer literarisch klug gestalteten Weise. Christian Baron verzichtet auf Klischees und ideologische Zuordnungen. Vielmehr entlarvt er die Muster gesellschaftlicher Kategorisierungen und überzeugt durch die Bestandsaufnahme eines Lebens mit einem stets betrunkenen und prügelnden Vater und einer depressiven und früh an Krebs gestorbenen Mutter – Mit allem Schrecken, mit allem Schmerz, aber auch mit den Momenten von Stolz und Glück.

Beitragsbilder © Hans Scherhaufer