Hayat Erdoğan «Hauptsache kein Zeitgeist», Claassen #SchweizerBuchpreis 26/06

Am 6. Februar 2023 bebt die Erde im Südosten der Türkei und im Norden Syriens. Mehr als 60 000 Menschen verlieren ihr Leben, ganze Stadtteile werden dem Boden gleichgemacht. Millionen werden obdachlos. Am 6. Februar 2023 bleibt eine junge Frau in Zürich in ihrer Wohnung. Alles bricht auf sie ein.

Die Erzählerin in Hayat Erdoğans Debütroman erfährt kurz nachdem sie in ihrer Wohnung in Zürich aufwacht, dass ein schweres Erdbeben ganze Landstriche verwüstet hat, auch solche, mit denen ihre Familie verbunden ist. Menschen sind verschüttet und gestorben, Existenzen vernichtet. Was als seismische Naturkatastrophe die Ränder von Kontinentalplatten erschüttert, bebt gleichermassen in der Stimme, im Denken der Erzählerin, reisst Abgründe auf, reisst Vergessenes, Unverdautes aus dem Vergessen hervor. Eine Frau in Zürich, weit weg vom Epizentrum des Bebens, wird von den Wellen des selben erfasst. Sie, die eigentlich zu funktionieren hätte, auf die Arbeit wartet, die einen Vortrag zu schreiben hätte, die Mails beantworten müsste, sieht sich mit Bildern, Gedanken, Assoziationen konfrontiert, die sie in Wellen überschwappen. Das Trauma der Menschen in ihrem Herkunftsland, ihrer Familie, erfasst sie in ihren vier Wänden, wirbelt sie durch, lähmt sie ebenso wie sich Abgründe öffnen, Visionen zu flimmern beginnen, Gedanken mäandern.

Eine Frau im Zwiespalt zwischen Pflichten, die nichts mit dem zu tun haben, was momentan über sie hereinbricht, dem Schmerz einer Trennung, einer Entliebung zu einem „Niemand“, den sie mit genau diesem Ettikett zu fassen versucht. Die Konfrontation des Banalen mit dem Dramatischen, den Wortmeldungen ihrer Familie, dem Klagelied ihrer Mutter, den Nachrichten auf ihrem Telefon. Ein Kammerspiel mit klaustrophobischer Wirkung, ein Aufeinanderprallen von extrem unterschiedlichen Wirklichkeiten. Hayat Erdoğan unterteilt ihr Buch, das vielmehr ein essayistischer Roman als ein erzählerisches Werk ist, in 24  Gesänge, jeden einer Stunde eines schlaflosen Tages zugeordnet. Sie erzählt weder die Geschichte einer gestressten, in Pflichten eingebundenen Frau, noch das Protokoll einer Naturkatastrophe aus der Distanz. Es ist das Beben selbst, das sich in der Erzählerin fortsetzt, mit einem ganzen Chor an Stimmen, die sich ins Geschehen, ins Mäandern mischen, allen voran der irische Schriftsteller und Dichter James Joyce.

„Hauptsache kein Zeitgeist“ kann auch durchaus als Absichtserklärung gelesen werden. Wenn überhaupt erzählt, sind es Assoziationen. Die Erzählstimme lässt sich wegtragen auf der Suche nach Spuren, einer Spur für den Vortrag, den sie schreiben sollte, einer Spur, um auf das zu reagieren, was an seismischen Wellen auf sie einschlägt, auf all das, was die Geschichte ihres Herkunftslands an Vernarbungen zurückgelassen hat, auf das, was an Rebellion gegen Festgefahrenes und Eingeschriebenes, gegen Gewalt und Diskriminierung Wunden immer und immer wieder aufreisst, auch dort, wo Begriffe wie Liebe und Sehnsucht schnell verklären.

„Hauptsache kein Zeitgeist“ ist ein bewegendes, anspruchsvolles Buch. Umso erstaunlicher ist die Tatsache, dass dieses Buch für den Schweizer Buchpreis nominiert ist. Nicht, dass es der Nominierung nicht würdig wäre, ganz im Gegenteil. Wenn der deutsche Schriftsteller Maxim Biller gegen „harmlose Wohlfühlprosa“ wettert, dann entspricht „Hauptsache kein Zeitgeist“ genau dem, was der ewig Unangepasste fordert. Hayat Erdoğans Debütroman ist alles andere als Wohlfühlprosa, auch keine Nabelschau einer Gekränkten, Verwundeten. Viel mehr eine kraftstrotzende Kampfschrift, die alles von mir als Leser abverlangt. Da schreibt jemand mit jeder Zelle seines Seins!

Hayat Erdoğan» Hauptsache kein Zeitgeist», Claassen, 2026, 304 Seiten, ISBN
9783546100915

Hayat Erdoğan ist Dramaturgin, Kuratorin und Kolumnistin. Sie studierte Germanistik, Anglistik und Dramaturgie, war Forschungsstipendiatin der James Joyce Stiftung in Zürich und Triest, Dozentin an der Zürcher Hochschule der Künste, und leitete künstlerische, forschende Projekte zwischen London und Hong Kong. Von 2019 bis 2025 war sie Co-Direktorin und Dramaturgin am Theater Neumarkt in Zürich. «Hauptsache kein Zeitgeist» ist ihr Debütroman. 

Illustrationen © leafrei.com

Ein ganz persönlicher Rückblick auf die Sprachsalz Literaturtage in Kufstein vom 11. – 13. September 2026

Zum 24. Mal feierte das Sprachsalz mit Gästen die Literatur. Ein Dutzend internationale Schriftlicher*innen, volle Säle, freier Eintritt, viele Begegnungen und vorzügliche Stimmung – das macht Sprachsalz aus!

Gleich mehrfach hängen am Sprachsalz lange, meterbreite Papierbahnen mit den Namen all jener, die in den letzten 24 Austragungen des Sprachsalz eingeladen wurden. Eine beeindruckende Liste mit beeindruckenden Namen. Von Japan bis Südamerika, vom hohen Norden bis Südafrika. Namen, die in meiner Bibliothek zuhause wie Reliquien gehortet und gefeiert werden. Aber auch Namen, die ich „versäumte“, weil ich in den letzten Jahren wohl Stammgast, die ersten Jahre des Festivals „versäumt“ habe. Wie gerne wäre ich einmal Jon Fosse begegnet. Oder ein zweites Mal Peter Kurzeck. Oder Claire Keegan. Oder dem grossen Ismail Kadare. Oder der grossen Dichterin Frederike Mayröcker. Die Liste ist beeindruckend lang und Zeugnis grossen Engagements, ausufernder Leidenschaft und eines beachtlichen Selbstbewusstseins. Eine Liste, die durchaus als Reputation dienen kann, Festivaleinladungen, die zur Auszeichnung werden.

© Denis Moergenthaler

Am Samstag Morgen sass ich mit einer der Organisator*innen des Festivals auf einen kurzen Schwatz zusammen. Sie, Ulrike Wörner, eine der Kurator*innen des Festivals, hatte am Abend vorher die Lesung mit der südkoreanischen Literaturnobelpreisträgerin Han Kang moderiert. Die Moderation meines Lebens, meinte sie. Nicht nur wegen ihrer Nervosität, sondern weil sich mit dem lange andauernden Applaus am Schluss der Lesung eine Anspannung löste, die man ihr auf der Bühne nicht anmerkte, die ihr aber den Schlaf geraubt hatte. Schon nach der Lektüre des ersten Romans der Südkoreanerin Han Kang „Die Vegetarierin“ 2016, versuchte Ulrike Wörner, die Autorin ans Sprachsalz einzuladen. Ohne Erfolg, nicht einmal eine Antwort auf ihre Anfrage. Sie tat es auch nach „Menschenwerk“ 2017, wieder erfolglos. Was als tapferer Versuch begann, entwickelte sich zu einer eigentlichen Challenge; jedes Jahr eine Anfrage, auch wenn die Hoffnung auf eine positive Anwort mit der Verleihung des Nobelpreises 2024 noch einmal mehr zu schwanken begann. Dann ploppte doch eine Mail auf, eine Zusage, Es freut uns, ihnen mitteilen zu können. Aber mit der Zusage des Managements einer Nobelpreisträgerin hören die Anstrengungen nicht auf, das kleinteilige Organisieren beginnt, die Abarbeitung einer ganzen Liste von Bedingungen, die im Umgang mit einer Nobelpreisträgerin sehr gut nachvollziehbar sind. 

© Denis Moergenthaler

Es war ein zauberhafter Abend, weil die Faszination dieser Autorin in Kufstein mit Händen zu greifen war, weil die Autorin auf der Bühne genau das zeigte, was sich in ihren Büchern manifestiert, weil man im Saal und davor spürte, dass da jemand sass und sprach, der sich mit seinem Schreiben um die grossen Fragen der Menschheit bemüht, es mit aller Kraft und ganzer Hingabe tut, weil sie sich verletzlich, dankbar und freundlich zugewandt zeigt, obwohl sie sich in ihrer Rolle als Exponentin der Literatur nicht wohl zu fühlen scheint. In ihrem neusten Buch „Der goldene Faden“ veröffentlicht sie einen Teil eines Gartentagebuchs. Sie erzählt von ihrem kleinen Haus, ein bisschen mehr als 30 Quadratmeter und ihrem noch viel kleineren Garten, den sie trotz fehlenden Sonnenlichts, dafür mit Hilfe von Spiegeln, anzulegen beginnt. Was sie tut, tut sie ganz, mit totaler Hingabe, fokussiert und kompromislos. Eine Leidenschaft, die auf Leser*innen überspringt, eine Leidenschaft, die ganz offensichtlich eine Sehnsucht bedient, die in der Gegenwart mit all den Ablenkungen immer schwerer zu erreichen ist.

© Denis Moergenthaler

Als ich am Samstag Morgen in Kufstein in einem Café auf dem Stadtplatz sass und am kleinen Tisch mit anderen über den Abend mit Han Kang sprach, sah ich die Autorin in ihrem langen beigen Regenmantel (Die Sonne schien.) an meinem Tisch vorbeispazieren. Sie ging langsam, liess ihren Blick auch hinauf an die Giebel der Dächer, ins Blau des Himmels schweifen. Für einen ganz kurzen Moment dachte ich, ihr Buch in meiner Tasche zu schnappen, ihr hinterherzulaufen, um sie doch noch um eine Signatur zu bitten, weil sie am Abend zuvor nicht wollte, dass man sie den Annähungen der Massen aussetzte. Aber ich zügelte mich selbst. Wie vermessen wäre es gewesen, sie aus ihrem Spaziergang herauszureissen. Sie ging Minuten später ein zweites Mal an meinem sonnenbeschirmten Tisch vorbei. Ich wünschte ihr ganz im Stillen alles Gute.

© Yves Noir

Genau das ist es, was ich am Sprachsalz schätze; Auch wenn die Fixsterne der Literatur im Scheinwerferlicht auf der Bühne sitzen – am Morgen danach begegne ich ihnen im Frühstücksraum, auf einem Spaziergang am Inn, auf dem Stadtplatz mitten in Kufstein. Oder im Lift, kurz vor meinem Auschecken. Noch einmal Martin Piekar, der mich schon in den Wochen vor dem Festival mit seinem Prosadebüt „Vom Fällen eines Stammbaums“ überzeugte, ein Autor, der aber schon seit einem Jahrzehnt seinen ganz eigenen Weg als Lyriker geht. Ein Bär von einem Mann mit einem grossen Kämpferherz. Vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Robert Gernhard Preis und nominiert für den Aspekte-Literaturpreis, einem Preis, der anlässlich der Frankfurter Buchmesse im Oktober 2026 vergeben wird. Ein Autor, der mit Vehemenz für den Humor in der Literatur streitet. Einer der weiss, dass man im tiefen Wasser den sicheren Boden verlassen muss, um jene Freiheit zu erreichen, die einem zu neuen Ufern bringt. Einer der nicht will, dass der Schrecken übertüncht wird, der Störfaktor bleiben will, nicht zuletzt in seiner Arbeit als Lehrer, in der Vermittlung davon, was Dichtung sein kann; die Manifestation von Auseinandersetzung mit dem Leben. Im Gespräch auf der grossen Bühne des Theatersaals musste er sich wohl nicht zum ersten und auch nicht zum letzten Mal mit dem Begriff von „Autobiographie“ und „Autofiktion“ auseinandersetzten, einer im Grunde unergibigen Diskussion, denn Erzählen ist immer Fiktion, selbst dann, wenn er wie in seinem Roman über die schwierige Geschichte seiner Familie und das ebenso schwierige Leben zusammen mit seiner pflegebedürftigen Mutter schreibt. Literatur ist sprachgewordene Auseinandersetzung, im besten Fall Sprachmusik, so wie in „Vom Fällen eines Stammbaums», erst recht in all den Szenen, in denen die Mutter mit polnischem Akzent zu ihrem Sohn spricht, Szenarien, die jenem Gernhard’schen Humor sehr nahe kommen.

© Yves Noir

„Sprachsalz“ als Gastgeber für Sprachdurchdrungene, Sprachbesessene im besten Sinne des Wortes. So wie der 1954 in Schaffhausen geborene Dichter, Romanautor, Essayist und Übersetzer Ralph Dutli, der zum einen mit seinem letzten Gedichtband „Alba“ und mit „Holundertraum“ einer Sammlung seiner 100 Lieblingsgedichte, von der Antike bis in die Gegenwart, Gedichte von Dante, Villon, Louise Labé und John Donne und weiter bis Rimbaud, Apollinaire, Chlebnikow, García Lorca und Brodsky – und Gedichte aus eigener Feder. Ein Buch, das aber eigentlich nur transportiert, ein Buch mit einem Schlüssel (QR-Code) zu seiner Stimme, zu raumfüllender Poesie, die Dutli gekonnt mit seiner Stimme auszufüllen weiss. Ob deutsch, französisch, italienisch oder russisch; Dutlis Stimme überzeugt selbst dann, wenn die Sprache bei mir nur eine Ahnung hinterlässt. Da schwelgt einer und bietet mir seine Kunst wie ein Geschenk an.

Nell Zink © Denis Moergenthaler

Ich bin den Oragniasator*innen von „Sprachsalz“ unsäglich dankbar für die drei in Sprache eingetauchten Tage, die mir das Salz fürs Leben geworden sind. All die anderen Autor*innen; Fernando Aramburu, einer der Grossen der Spanischen Literatur, Uta Köbernick, die mit Witz, Schalk und messerscharfem Kommentar überzeugte, Regina Hilber, eine reisende Poetin oder die in Deutschland lebende und in Kalifornien geborene Schriftstellerin Nell Zink, die abgrundtief über gesellschaftliche Schieflagen schreiben kann.

Ich bin mir bewusst, dass mein Rückblick auf die 24. Internationalen Tiroler Literaturtage in Kufstein unvollständig ist. Nichts desto trotz liebe ich, was dort passiert und freue mich auf die Jubelausgabe im Spätsommer 2027!

DANKE!

Beitragsbild © Denis Moergenthaler

Schweizer Buchpreis 2026, Die Nominierten #SchweizerBuchpreis 26/01

Sie sind da, die fünf Bücher, die fünf Namen. Mit Spannung erwartet, mit einem Gemisch von Zustimmung und Verwunderung zur Kenntnis genommen. Vier Frauen und ein Mann. Drei Namen, die ich auf meiner ganz persönlichen Liste hatte, zwei, die mich überraschen.

Die Auszeichnung ist mit insgesamt 42‘000 Franken dotiert. Der:die Preisträger:in erhält 30‘000 Franken; die vier anderen Finalist:innen erhalten jeweils 3‘000 Franken. Die öffentliche Preisverleihung findet am Sonntag, 15. November 2026 im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals BuchBasel statt.

Die Begründung der Jury: Mit der diesjährigen Shortlist begeben wir uns auf die Suche. Die fünf nominierten Romane richten den Blick auf das Verborgene und schärfen unsere Wahrnehmung für das, was zu oft unsichtbar bleibt: eine Mutterschaft am Rande der Gesellschaft, die inneren Erschütterungen nach einem Erdbeben, Altersarmut und prekäre Arbeit, Kälte innerhalb einer Familie sowie Abhängigkeit und Ohnmacht in einer Liebesbeziehung.
Die Autorinnen und der Autor kreisen um die Fragen: Was erkennen wir? Und wie erinnern wir uns? Sie loten die Möglichkeiten des Erzählens ebenso aus wie jene des bewussten Nicht- Erzählens und nutzen souverän die Spielräume, die allein die Literatur bietet.
Die nominierten Werke zeigen nicht nur vielfältige Lebenswirklichkeiten auf, sondern auch die sprachliche und stilistische Bandbreite der Schweizer Gegenwartsliteratur.

Lukas Bärfuss «Königin der Nacht » (Rowohlt Verlag)
Lukas Bärfuss erzählt vom Aufwachsen mit einer Mutter, die sich selbst «Rabenmutter» nannte: eine Frau ohne Bildung, ohne Geld und ohne Perspektiven. Er landete als Halbwüchsiger auf der Strasse, der Mutter blieb im Alter kein anderer Ausweg als die Armutsmigration in die Karibik. Im Rückblick wird diese persönliche Leidensgeschichte mit der Sozial- und Politikgeschichte der Schweiz verknüpft. Mit Wut und Wucht fragt Bärfuss, welchen Anteil gesellschaftliche und staatliche Verhältnisse an der Lebenssituation seiner Mutter hatten – und macht so aus einer Familiengeschichte eine Auseinandersetzung mit gesellschaftlicher Verantwortung.

Hayat Erdoğan «Hauptsache kein Zeitgeist» (Claassen Verlag)
6. Februar 2023: In der Türkei und in Syrien hat die Erde gebebt. Die Ich-Erzählerin sitzt zu Hause und wartet auf Nachricht von ihren Verwandten und lässt gleichzeitig ihr Leben, das sie als Tochter einer türkischen Familie in  Deutschland gelebt hat, Revue passieren. Und da ist noch die Sehnsucht nach «Niemand», dem Mann, der sie verlassen hat und den sie nicht loslassen kann. In «Hauptsache kein Zeitgeist» entfaltet sich in 24 Stunden, gegliedert in 24 Gesänge, die Komplexität und Vielfalt der Gegenwart. Formal mutig und innovativ, umkreist die Erzählerin grosse Themen wie Migration und Feminismus, sucht Erklärungen in der Sozialphilosophie, denkt über die Beziehung zur Mutter nach und lernt schliesslich sich selbst neu kennen.

Yael Inokai «Die Auster» (Hanser Berlin Verlag)
Dr. Bronstett, der Geschäftsführer eines legendären Berliner Kaufhauses, wird ermordet aufgefunden. Die 73-jährige Reinigungskraft Leonora Bloch hat bereits alle Spuren beseitigt, als die Polizei am Tatort eintrifft. Schnell zeigt sich, dass in diesem Roman nicht die Aufklärung die Hauptsache ist, sondern der Mikrokosmos der Kaufhauswelt, den Yael Inokai mit leichter Hand entwirft. Es ist eine Welt, in der Glanz und Elend, Luxus und Armut aufeinandertreffen. Mit geschliffenen Dialogen und mit stilistischer Raffinesse entwickelt Inokai ein
Beziehungsgeflecht, in dessen Zentrum eine Person steht, die meistens unsichtbar und selten Romanheldin ist: die Reinigungskraft.

Sonja Sophie Kreis «Das grosse Eis» (Rowohlt Berlin Verlag)
Anna hat ihren Bruder seit 40 Jahren nicht mehr gesehen. Er lebt zurückgezogen in Grönland. Nach dem Tod der Eltern reist Anna zu ihm. Während sie in einem Hotel auf ihn wartet, erinnert sie sich an ihre Kindheit. Ihre deutsche Mutter heiratete in den 50er-Jahren über die Grenze in die Schweiz, wo sie nicht willkommen war. Während die Familie vordergründig ein verschontes Leben lebt, hinterlassen der Krieg und seine Verwerfungen Spuren. Mit starken Bildern und sprachlicher Präzision verwebt die Autorin die überwältigenden Eindrücke
in Grönland mit den Nachkriegsjahren im Deutsch-Schweizer Grenzland zu einem grossen Familienroman.

Sarah Elena Müller «Unwucht» (Limmat Verlag)
Unendlich oft hat Alice gewartet, auf Rio, auf einen Anruf von ihm, auf ein Zeichen. Sie hatten sich im Kunststudium kennengelernt. Nun verliert er sich in kleinkriminellen Machenschaften und in seiner Drogensucht. Sie jobbt als Kellnerin, klammert sich an unfertige Liebeslieder und will nicht sehen, was die Freundinnen schon lange erkennen: Sie muss weg von ihm. Sieben Jahre später steht Alice vor Rios Tür und will nochmals mit ihm reden. Sie schreibt an einem Buch über die gemeinsame Zeit, um ihre Geschichte zu verstehen. Aber was kann man, was darf man erzählen? Mit sprachlicher Kraft und Witz erkundet die Autorin in «Unwucht» die Abhängigkeit innerhalb einer Beziehung und die Verstrickungen einer heillosen Liebe.

Illustration © leafrei.com

Han Kang «Der goldene Faden», Claassen

Manchmal legt sich das Gelesene wie eine warme Decke über mich. So wie bei «Der goldene Faden» der südkoreanischen Schriftstellerin Han Kang. Ein Buch, das durch seine Schlichtheit und Eindeutigkeit besticht, das ich nach der Lektüre nachwirken lassen muss.

2024 vergab die Schwedische Akademie in Stockholm den Nobelpreis für Literatur der 1970 geborenen südkoreanischen Schriftstellerin Han Kang. Das Leben einer Autorin ändert sich mit einem solchen Preis grundlegend. Nicht nur weil mit einem Schlag alle finanziellen Sorgen weggewischt sind, sondern weil man permanenter Aufmerksamkeit ausgesetzt ist, dauernd im Fokus der Öffentlichkeit steht und wohl nie mehr als die gänzlich Unbekannte in einer Stadt spazieren kann. Und wie gross muss der Erwartungsdruck all jener sein, die auf eine Neuveröffentlichung warten, seien es dürstende Leser*innen, die Verlage, die das Glück und die Finanzkraft haben, jene Bücher präsentieren zu dürfen und die Veranstalter*innen, die mit einem solchen Namen im Programm wissen, dass die Menschen strömen werden. Ob László Krasznahorkai, Han Kang, Jon Fosse oder Annie Ernaux, um nur die Namen der letzten Jahre zu nennen; sie werden zu Leuchtfeuern.

Kann sein, dass die Erwartungen ins Unermessliche steigen, wenn sich ein neues Buch einer Nobelpreisträgerin ankündigt. Umso grösser ist das Potenzial einer Enttäuschung. Im deutschsprachigen Raum veröffentlichte Han Kang ihre Romane bislang bei Aufbau, neu nun in der Ullstein Verlagsgruppe. Wie eng, intim und freundschaftlich die Zusammenarbeit zwischen Schriftstellerin und Lektorin ist, zeigt die Tatsache, dass die Nobelpreisträgerin der Lektorin folgte, als sich Aufbau Verlag und Lektorin Friederike Schibach trennten.

Han Kang «Der goldene Faden», Claassen, aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee, 2026, 176 Seiten, ISBN 978-3-546-10174-5

Sehr gut nachvollziehbar, dass ein neuer Verlag dann auch gleich einen Pflock einschlagen will, ebenso nachvollziehbar, dass eine solche Aktion Risiken birgt, wenn nobelpreishohe Erwartungen nicht erfüllt werden. „Der goldene Faden“, eben erschienen, ist kein Roman. Ein solcher soll erst 2027 erscheinen. Im neuen Buch finden sich die Rede zu Verleihung des Nobelpreises, Betrachtungen, Gedichte und ein Gartentagebuch. Vermeintlich nichts Spektakuläres, war denn auch ihre Rede zur Preisverleihung kein lauter Polterer, viel mehr eine Besinnung auf das, was Han Kang zum Schreiben leitet. Was sie antreibt, was sie beabsichtigt. Der Titel des Buches bezieht sich auf ein Gedicht, dass sie als Mädchen geschrieben hatte und das sie in einer Schachtel beim Aufräumen wiederentdeckte.

Wo könnte die Liebe sein?
In meinem pochenden Herzen ist sie verborgen.

Was ist Liebe?
Ein goldener Faden, der Herz mit Herz verbindet.

Han Kang erzählt von ihrem Schreiben, ihrer so vorsichtig tastenden Art, sich einem Thema, einem Stoff anzunähern. Sie sucht nicht nach einem Plott, auch nicht nach Antworten. Sie stellt existenzielle Fragen, durch die sie sich selbst dünnhäutig macht, empfänglich für Bilder, die sowohl sie wie mich eintauchen lassen. Han Kang ist auf der Suche nach dem, was sie den „goldenen Faden“ nennt, jenes absolut Verbindende, selbst in Geschichten, die auf den ersten Blick nur das Zerstörerische, Hass und Gewalt, zeigen. So wie bei ihren Romanen „Menschenwerk“ und „Unmöglicher Abschied“, die sich explizit mit zwei Massakern aus der südkoreanischen Geschichte auseinandersetzen. Mit Sicherheit ein Grund, warum man in Stockholm auf die Autorin aufmerksam wurde. Nur durch Konfrontation mit den dunklen Kapiteln menschlicher Geschichte kann Versöhnung wachsen, können Einsichten, gerissene Fäden erneut verknüpft werden.

Selbst die Ausschnitte aus dem Gartentagebuch der Autorin offenbaren ihren Blick, ihre Absicht, ihre Sorgfalt, ihre Liebe. Und genau in Relation mit dem „Grossen“ erkenne ich ihre Leidenschaft, ihre Intension. Die glasklaren Sätze, die kurzen Einträge in ein Tagebuch des Wachsens und Gedeihens, aber auch der Kampf gegen Störungen, gegen die Macht der Zerstörung, der Kampf um das Licht, das Anbringen von Spiegeln, die das Sonnenlicht an die richtigen Stellen reflektieren – alles voller Metaphern, auch wenn sich die Texte federleicht lesen lassen.

„Der goldene Faden“ ist Balsam, Offenbarung, Ermutigung und Musik zugleich. Wie ich mich freue auf die Begegnung mit dieser wundersamen Autorin!

Han Kang liest und diskutiert am «Sprachsalz», den Internationalen Tiroler Literaturtagen in Kufstein vom 11. – 13. September. Mehr Informationen finden sie hier.

Han Kang wurde 1970 in Gwangju, Südkorea, geboren. 1993 debütierte sie als Lyrikerin, 1994 veröffentlichte sie ihren ersten Roman. Für ihren Roman «Die Vegetarierin» wurde sie 2016 mit dem International Booker Prize ausgezeichnet. Ihr Werk, darunter «Menschenwerk» und zuletzt «Unmöglicher Abschied» erscheint in über 40 Sprachen und wurde mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet. 2024 erhielt Han Kang den Nobelpreis für Literatur für ihre „intensive poetische Prosa, die sich mit historischen Traumata auseinandersetzt und die Zerbrechlichkeit menschlichen Lebens aufzeigt».

Ki-Hyang Lee, 1967 geboren in Seoul, studierte Germanistik, Pädagogik und Japanologie in Seoul, Würzburg und München. Sie lebt in München, wo sie als Übersetzerin und Verlegerin des Märchenwald Verlags arbeitet. Zudem ist sie Dozentin an der Universität. Unter ihren zahlreichen Übersetzungswerken finden sich Han Kangs «Die Vegetarierin» und Cho Nam-Joos «Kim Jiyoung, geboren 1982». Für die Übersetzung von «Der Fluch des Hasen» wurde sie mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2024 und mit dem Preis der Stiftung LTI Korea 2025 ausgezeichnet.

Beiträge zu «Weiss» von Han Kang auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Paik Dahuim

Asta Olivia Nordenhof «Das Teufelsbuch», Claassen

Manchmal werde ich gebeten, Lesetipps zu geben. Ich weiss kaum, wem ich „Das Teufelsbuch“ von Asta Olivia Nordenhof empfehlen könnte. Kein Roman zur Entspannung oder Unterhaltung. Einer jener Romane, die um jeden Preis reiben und provozieren wollen. Und trotzdem faszinieren!

Schon der erste Teil ihrer auf sieben Bände angelegten Reihe schlug in ihrem Heimatland Dänemark ein wie eine Bombe. Zum einen, weil Dreh- und Angelpunkt dieser Serie jene Schifffahrtskatastrophe der Scandinavian Star war, bei der 1990 159 Passagiere bei einem Brand ihr Leben verloren. Damals stellte man fest, dass auf dem Schiff fast gleichzeitig mehrere Brände gelegt wurden. Wer Verursacher dieser Katastrophe war, ist noch immer ungeklärt. Kein Wunder, dass sich irgendwann auch die Literatur mit einer möglichen Variante einmischt. Dabei geht es Asta Olivia Nordenhof bei ihrem literarischen Grossprojekt keineswegs um eine Aufarbeitung und Rekonstruktion. Sie mischt Fakten und Fiktion und setzt nun mit dem zweiten Band zu einer allumfassenden Kritik an der Gesellschaft an. In einer Art und Weise, die wehtun will, die provoziert, die manchmal nur schwer auszuhalten ist. Asta Olivia Nordenhof tut schreibend alles, wovor sich die meisten hüten würden; schonungslos wütend, schmerzhaft grell und entblösend. 

Asta Olivia Nordenhof «Das Teufelsbuch», Claassen, 2026, aus dem Dänischen von Ursel Allenstein, 160 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-546-10104-2

Asta Olivia Nordenhof schreibt sich in eine Figur, deren Blick ebenso trocken und nüchtern auf sich selbst gerichtet ist, wie auf ihre unmittelbare Umgebung. Der Blick darüber hinaus ist der Blick auf eine Katastrophe, auf eine Gesellschaft, die sich ganz der Gier verschrieben hat, auf eine Gesellschaft, die sich einzig und allein der Bereicherung verschrieben hat, koste es was es wolle. Liebe ist bloss noch eine ferne Sehnsucht, allenfalls das kurze Glück des Moments. Der Mensch als Individuum ist alles, Mitmenschen kreisen nur noch um das Individuum. Selbst Liebe und Sexualität sind viel mehr Instrument, allerhöchstens Manifestation einer Verunsicherung.

Es ist die Zeit zwischen zwei Coronawellen. Olivia lernt unterwegs einen Mann kennen, von dem sie sich in London für zwei Wochen in dessen Wohnung einladen lässt. Warum nicht auf angenehme Weise aus einer Quarantäne zwei Wochen Zeit schaffen, in denen sie endlich jene Kurzgeschichte aufschreiben kann, die sie schon lange mit sich trägt. Zwei Wochen Zeit mit einem Mann in seinem luxuriösen Appartment hoch über der Stadt London. Mit einem Mann, von dem sie nichts weiss, an dem sie auch nichts interessiert. Zwei Wochen, in denen man Zweisamkeit spielt, Tisch und Bett teilt – und doch bleiben beide in ihrer vom anderen unberührten Bubble.

Olivia schreibet von ihrer Begegnung mit T., einem reichen Mann, der sie wenige Jahre zuvor als Prostituierte nicht bloss für ein paar Stunden kaufte, sondern gleich für eine unbestimmte Zeit, für eine nicht vorbestimmte Anzahl Tage, wie ein Stück einer Staffage. Olivia geht den Deal ein, so wie eine Fallschirmspringerin, die aus dem Flugzeug springt und nicht weiss, ob der Rucksack auf ihrem Rücken wirklich ein Fallschirm ist. Ihre Augen werden verbunden. Sie spürt, wie sie in ein Flugzeug geführt, in einem Hotel von ihren Augenbinden befreit wird. Der Mann legt ihr strickte Regeln auf, mit dem Versprechen, jederzeit aus dem Deal aussteigen zu können. Es beginnt eine Zeit im goldenen Käfig. Im gemeinsamen Bett liegt ein grosses Messer.

Im Roman wechselt sich Prosa und erzählende Lyrik, zwei Stimmen, zwei völlig verschiedene Atmosphären. Da schreibt eine zutiefst Verletzte, eine Versehrte, eine Verwundete, eine um den Glauben an das Gute Beraubte. Eine, die in eine Löwengrube geworfen wurde und sich nur mit spitzen Krallen und markerschütternden Verbalattacken zu wehren weiss. „Das Teufelsbuch“ liest sich wie die Stimme einer in den Wahn Getriebenen. Von unbändiger Kraft. Keine Ahnung, ob ich die Kraft habe, die fünf noch folgenden Bände zu lesen.

Asta Olivia Nordenhof tritt vom 26. bis 28. Juni beim Internationalen Literaturfestival Leukerbad auf.

Asta Olivia Nordenhof ist eine preisgekrönte Lyrikerin und Schriftstellerin. Ihr Roman, «Geld in der Tasche», wurde erstmals 2020 in Dänemark veröffentlicht und gewann den Literaturpreis der Europäischen Union sowie den PO-Enquist-Preis. Zudem wurde es für den Literaturpreis des Nordischen Rates nominiert. Die Veröffentlichung sorgte international für Aufsehen, das Buch wird in sechzehn Sprachen erscheinen. Der zweite Band der Reihe, «Das Teufelsbuch», wurde in Dänemark sofort zum Bestseller.

Ursel Allenstein studierte Skandinavistik und Germanistik in Frankfurt und Kopenhagen. Sie ist Übersetzerin aus dem Schwedischen, Norwegischen und Dänischen von u. a. Sara Stridsberg, Johan Harstad und Tove Ditlevsen. Für ihre Übersetzungen wurde sie vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Jane Scatcherd-Preis der Ledig-Rowohlt-Stiftung.

Beitragsbild © Albert Madsen

David Szalay «Was nicht gesagt werden kann», Claassen

István ist 15, als ihn eine Nachbarin, der er bei den Einkäufen helfen soll, verführt. Eine Plattenbausiedlung am Rande einer ungarischen Stadt. Was ihn überrumpelt und in eine Welt reisst, die er nicht einzuordnen weiss, ist der Beginn eines Lebens, das von Katastrophe zu Katastrophe taumelt. „Was nicht gesagt werden kann“, mit dem David Szalay den Brooker Price 2025 gewann, ist die Geschichte eines Mannes, mit dem bloss geschieht.

Ich war hin- und hergerissen zwischen Abscheu und Faszination. Warum kann dieser Mann sein Leben nicht wirklich in seine Hände nehmen? Warum lässt er alles nur geschehen? Warum nimmt er jene wenigen Geschenke, die ihm das Leben gibt, nicht wirklich entgegen? Warum bleibt er Zuschauer? Erdulder? Warum lässt er sich so sehr instrumentalisieren? Ich lese den Roman von David Szalay eigenartig fasziniert, weil die fast 400 Seiten etwas Unausweichliches haben, das in der Strenge und Konsequenz in einem Roman nur ganz selten ist.

Als Istváns Odysse beginnt, ist er noch ein Junge, seltsam allein und eingeschlossen in sich selbst. Als die Geschichte zu Ende geht, tut sie es lakonisch, so sehr, dass es weh tut. Istváns Geschichte beginnt mit seiner Mutter, die ihn hinausschickt und damit verliert. Und sie endet mit dem Tod seiner Mutter. István ist allein.

David Szalay «Was nicht gesagt werden kann», Claassen, 2025, «Flesh» aus dem Englischen von Henning Ahrens, 384 Seiten, CHF ca. 36.90, ISBN 978-3-546-10150-9

Durch ein tragisches Missgeschick kommt István, noch nicht einmal volljährig, was letztlich auch sein Glück ist, in die Mühlen der Justiz, von dort als ungarischer Soldat in den Irak, wo sein einziger Freund von einer Mine getötet wird und István nach Hause zu seiner Mutter kommt. Was im Krieg geschah, nimmt István mit, akzeptiert, dass man seine Verwundung posttraumatisch nennt, wird dank seiner militärischen Ausbildung zum Bodygard eines reichen Paars in England. Seine Hauptaufgabe; er chauffiert sie und ihn im Bentley wohin man ihn heisst, zwei Reiche, beide in ihrer Welt. Helen, die Frau seines Auftraggebers, macht ihn zu ihrem Liebhaber. Eine Beziehung, die Helens Sohn Thomas nicht verborgen bleibt.

Was für István zu Beginn auch in Sachen Sex Dienstleistung ist, wird über die Jahre eine Beziehung. Eine Beziehung, von der István genau weiss, dass sie nicht zu seinem Leben werden darf. Nicht nur weil Helen verheiratet ist. Nicht nur weil sein Chef, Helens Mann, an Krebs erkrankt. Und auch nicht weil er ahnt, dass ihm der Sohn der beiden immer mehr eine Rolle zuweist, die er nicht einnehmen will. Die Situation spitzt sich zu. Noch eine Katastrophe. Was sich als Zusammenfassung trivial liest, ist das Drehbuch eines Lebens, das wie ein Golfball von Loch zu Loch gestossen und geschlagen wird. Ein Leben, das nie zur Ruhe kommt.

István stellt sich selbst und dem Leben, seinem Leben, keine Fragen. Er erduldet. Und die flüchtige Seligkeit, die ihm das bisschen Glück in die Hände gibt, zerrinnt. Selbst als István Vater wird. Im Original heisst der Roman „Flesh“. Vielleicht hätte eine wörtliche Übersetzung dem Roman auch im Deutsch jene Note gegeben, die einem bei der Lektüre ein Frösteln über den Rücken zieht. David Szalay erzählt in genau dieser frostigen Distanz. Ein Roman wie ein kalter, dunkler Stein. Ein literarischer Monolith!

Aus der Begründung der Jury zur Nominierung für den Booker Prize 2025: István steht in vielerlei Hinsicht für das Stereotyp des Maskulinen – körperbetont, impulsiv, von den eigenen Gefühlen entfremdet (und in grossen Teilen des Romans sprachlos: Er zählt wohl zu den wortkargsten Figuren der Literatur). Dennoch zeichnet dieses hypnotisierende, fesselnde Buch mit seiner bewusst reduzierten Prosa das überaus bewegende Lebensporträt eines Menschen.

David Szalay, 1974 in Montreal, Kanada, geboren, wuchs in London auf und lebt in Wien. Mit «Was ein Mann ist», seinem vierten Roman, kam er 2016 auf die Shortlist des Man-Booker-Preises. Sein Werk wurde in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Ebenfalls auf Deutsch erschienen ist sein Roman «Turbulenzen». 

Henning Ahrens, geb. 1964, lebt in Frankfurt a. M. Veröffentlicht als Autor Lyrik und Prosa; zuletzt erschien sein Roman «Mitgift» (S. Fischer Verlag). Er übersetzte Lyrik, Kinder- und Jugendbücher sowie zahlreiche Romane aus dem Englischen, darunter solche von Saul Bellow, Jonathan Safran Foer, Richard Powers und Hanif Kureishi.

Beitragsbild © Martin Figura

Sprachsalz 2025 – das Salz in der Ursuppe der Literatur

Was ist für sie das Salz in der Suppe? Für die einen mag es der Erfolg im Beruf sein, die Anerkennung, der Applaus, für andere die Momente der Verzückung, das fluide Glück, oder die Begegnung mit Menschen, bis zur Unmittelbarkeit. Sprachsalz, ein grossartiges Literaturfestival in Kufstein im Tirol bietet an drei Tagen die Gelegenheit, der Literatur so nahe zu kommen, wie sonst kaum: Einzige Voraussetzung; man muss sich aufmachen.

Dacia Maraini, eine der Grossen der italienischen Literaturszene, eine unermüdliche Kämpferin, nicht nur in der Literatur mit ihrem Buch „Ein halber Löffel Reis“, ein autobiographischer Roman über ihre Gefangenschaft als Kind zusammen mit ihrer Familie in einem japanischen Internierungslager während des zweiten Weltkriegs oder die japanische Autorin Mieko Kawakami, von deren deutscher Erstveröffentlichung „Brüste und Eier“ der japanische Grossmeister Maruki Murakami meinte So grossartig, dass es mir den Atem raubt oder der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew, der 2022 mit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine sein Heimatland verlassen musste und seither in Berlin lebt und mit blitzgescheiten und scharfzüngigen Büchern wie „Der grosse Gopnik“ zu Lebzeiten Putins wohl nie mehr einen Fuss in sein Heimatland setzen kann – um nur drei von einer langen Liste grosser Namen aufzuzählen. Wie jedes Jahr glänzen die internationalen Literaturtage in Kufstein im Tirol mit einem überzeugenden Mix aus grossen Namen, wichtigen Themen und Autorinnen und Autoren, denen die grosse Bühne endlich die Gelegenheit bietet, sich einem breiteren Publikum zu zeigen.

Mieko Kawakami © Yves Noir / Sprachsalz

Wer die Liste aller bisher ins Sprachsalz eingeladener Künstler*innen liest, ist schwer beeindruckt. Da findet sich fast alles, was ein literaturinteressiertes Herz in Wallung bringt. Erstaunlich, was das Team um den Festivalgünder, Autor, Komponist und Musiker Heinz D. Heisl seit fast einem Vierteljahrhundert aus dem Boden stampft; ein Fest der Literatur, ein Tummelplatz für all jene, denen die Literatur, das Buch, die Kunst, die Musik Türöffner zu etwas viel Grösserem sind, zu einer Welt, die all jenen verborgen bleibt, die bloss im Hamsterrad des Alltags rennen. So sehr sich der Inn in Kufstein von seiner abweisenden, distanzierten Seite zeigt, einem bewusst wird, wie bedrohlich gefährlich dieses milchig weisse Wasser werden kann, wie hoch die Mauern zu seiner Bändigung sind, so nah wird mir die Kunst, die Welt aus Leidenschaft, Poesie und Erzählkunst im Kultur Quartier, einer Festivallocation, die alles bietet, was ein Festivalpublikum braucht; stimmige Räume, in denen man sich dem Sound der Sprache hingeben kann, ein Festivalzentrum für Begegnungen, Gespräche, ganz nah einem leckeren Kaffee, einem guten Glas Wein. Da sitzt sogar einer an einer kleinen Hermes Reiseschreibmaschine und schreibt, tippt mit grünem Hut und seinem Zeigerfinger. Marco Kerler, Dichter aus Deutschland, schenkt jedem, der sich auf den Stuhl neben ihn traut, ein Poem, ein Gedicht, ein Unikat, witzig, hintersinnig, kitschig, romantisch, um es nachher, eine Treppe tiefer vor der Linse festzuhalten. Da wird Literatur zu einem Stück von mir. Ich nehme sie nicht nur in meinem Herzen mit nach Hause, sondern mir fast unmittelbar auf den Leib geschnitten.

Franz Hohler © Denis Moergenthaler / Sprachsalz

Wie ich ihn mag, den alten Mann, der mittlerweile leicht gebeugt, die Bühne besteigt und mit dem Alter ein sympatisches Weilchen braucht, bis er wie immer kluge Antworten gibt. Nicht nur für Schweizer ist Franz Hohler ein beinah kulturhistorisches Urgestein. Wenn er hinter dem Stehpult seine Geschichten vorträgt, dann strahlen Gesichter wie die von Kindern. Man applaudiert aus purer Freude. Franz Hohler ist ein Geschenk. Auch wenn sich der Künstler als Kaberettist zur Ruhe setzte: er weiss, wie er seine Texte in Szene setzen, wie es sich selbst als Instrument seinem überaus aufmerksames Publikum zuwenden muss.

Durs Grünbein © Denis Moergenthaler / Sprachsalz

So ganz anders der Sprachkünstler Durs Grünbein, schon vor 30 Jahren mit dem bedeutensten Preis der deutsprachigen Literatur geehrt, dem Georg-Büchner-Literaturpreis, mit seinem Dresden-Epos „Der Komet“, einem Erinnerungsroman an seine Grossmutter, die die Vernichtung der Stadt im Februar 1945 erleben musste. Die Geschichte einer jungen Frau, die hoffnungsvoll in die grosse Stadt zieht, den Mann fürs Leben findet, um unter den amerikanischen Bomben, die die Stadt in Schutt und Asche legen, ihr Leben in Trümmern sieht. Ein Roman, der angesichts der Weltlage aktueller nicht sein kann.

Johan Harstad © Denis Moergenthaler / Sprachsalz

Johan Harstad besuchte Kufstein mit seinem fast 1200 Seiten schweren Roman „Unter dem Pflaster liegt der Strand“, ein Schwergewicht der norwegischen Literatur, ein Roman zwischen den Zeiten, zwischen Coming-of-Age und Agenten- und Wissenschaftsgeschichte, ein Roman vom ganz Grossen und ganz Kleinen. Schade, dass am Festival auf der Bühne nicht mehr diskutiert und ausgetauscht wurde. Nicht nur den Besucher*innen des Festivals hätte sich noch viel mehr erschlossen. Auch den eingeladenen Künstler*innen wäre diese Auseinandersetzung mit ihren Büchern zu gönnen gewesen.

Weitere Gäste waren die vielfach ausgezeichnete Dichterin und Romanautorin Ulrike Draesner, Yannic Han Biao Federer mit zwei berührenden Romanen über Verlust, Hanspeter Düsi Künzler mit einem Roman zwischen Nikotin und Soul, der Wörterfabrikant und Vokabeljongleur Stephan Tikatsch und die Dichterin und bildende Künstlerin Erika Wimmer Mazohl.

Matthias Schönweger © Denis Moergenthaler / Sprachsalz

Der Südtiroler Matthias Schönweger, Aktionskünstler, Sprachjongleur, Literaturperformer beschliesst das diesjährige Festival. Ein Mann, dessen Leben ganz Kunst ist, dessen Aufritte jedesmal Inszenierung sind, der mit jeder Faser verspielte Lebensfreude ausstrahlt, dessen Bücher zu Kunstwerken, Nachzeichnungen seiner Gedankenwelt, Spielwiese seiner grenzenlosen Fantasie sind. Ein Mann, dem ich schon in seiner Heimatstadt Meran begegnete, dessen Herzlichkeit und Nähe sich unauslöschlich einbrannte. Sprachsalz zeigte den Film «MENSCH, msch!», der Einblicke in sein Schaffen, seine Archive und seine Denkbewegungen gewährt. Matthias Schönweger ergänzt mit einer seiner legendären Performances.
Sprachsalz 2025 war ein Ereignis! Mit viel Leidenschaft perfekt organisiert, volle Säle, zufriedene Gesichter. Ein prickeldes Vollbad in der Literatur. Schon jetzt ein Fixpunkt in meinem Kalender für den Frühherbst 2026.

Danke!

Viktor Jerofejew © Denis Moergenthaler / Sprachsalz

Titelfoto: Dacia Maraini © Denis Moergenthaler / Sprachsalz

Robert Seethaler «Das Café ohne Namen», Claassen

Einmal im Leben allen Mut fassen und jenen Schritt wagen, der einem etwas von jenem Glück bringt, dass überall zu spriessen scheint. Robert Seethales Roman „Das Café ohne Namen“ ist die Geschichte eines Mannes, der sich am Glück durch seine Gegenwart hangelt, zurückhaltend erzählt aber mit viel Liebe für jene, denen das Siegen nicht in die Wiege gelegt ist.

Wer Bilder aus den letzten Jahren des Krieges und der Nachkriegszeit in den Grossstädten Deutschlands sieht und jene des Krieges jetzt in der Ukraine, kann sich kaum vorstellen, dass dereinst wieder ganz „normale“ Leben an jenen Orten stattfinden kann. Auch grosse Teile der Stadt Wien standen in Schutt und Asche. Ein Jahrzehnt stand die Stadt unter Zwangsverwaltung der Siegermächte. Aber noch ein Jahrzehnt später, in der Zeit, in der Robert Seethalers neusten Roman zu spielen beginnt, schien in der Stadt an der Donau alles im Umbruch, alles möglich. Wer es sich zutraute, wagte den Schritt in die Selbstständigkeit. Die Zukunft schien rosig, die Vergangenheit, das Versagen der Väter wollte man hinter sich lassen. Eine Generation später wuchs aus den Trümmern eines verlorenen Krieges, aus den Trümmern einer Idiologie ein scheinbar neuer Mensch, ein scheinbar neues Bewusstsein. Überall wurde gebaut, die Wirtschaft prosperierte.

Simon, der den Krieg bloss noch als Kind erlebte, dessen Eltern ihre Leben auf ganz unterschiedliche Art und Weise an den Krieg verloren. Sein Vater satrb den Heldentod im Feldlazarett, seine Mutter kurz danach an einer Blutvergiftung. Simon verdient sein Brot, sein Bett mit Gelegenheitsarbeiten auf dem Markt; mal dort etwas helfen, hier was austragen. Es reicht grade so, um über die Runden zu kommen. Man mag ihn, nimmt seine Hilfe gerne in Anspruch, nicht zuletzt deswegen, weil er nicht jede Hilfeleistung mit Geld vergolten haben will. Er ist zufrieden, auch wenn er weiss, dass es nicht ewig so weitergehen will, erst recht dann nicht, wenn weil dereinst das Glück auch auf seiner Seite stehen soll.

Robert Seethaler «Das Café ohne Namen», Claassen, 2023, 288 Seiten, CHF ca. 34.90, ISBN 978-3-546-10032-8

Frisch einquartiert bei einer Kriegswitwe übernimmt er ein leerstehendes Café nicht weit vom Markt, auf dem er als Gelegenheitsarbeiter sein Auskommen fand. Ein heruntergekommenes Gefiert, schmutzig, wenig versprechend. Aber Simon weiss, dass es seine Chance sein muss. Kaffee, Limonade, Himbeersoda, Wein und Bier, Schmalzbrot mit oder ohne Zwiebel, Essiggurken und Salzstangen – nicht viel. Und weil ihm kein Name richtig erscheint, bleibt das Café jenes ohne Namen.

Auch wenn die Anfangszeit schleppend verläuft, entwickelt sich das Café mehr und mehr zu einem Treffpunkt all jener, denen im Leben ein Stück Zuhause fehlt, aber auch jener unruhigen und mutlosen Seelen, die in der aufstrebenden Stadt durch die Maschen fallen, traumaisiert von ihrer Vergangenheit, fallengelassen von der Gegenwart, erschlagen von der Zukunft. 

Die noch junge Mila wird zu seiner Hilfe und irgendwann gelingt es Simon gar, einen Tag in der Woche nicht im Schankraum zu erscheinen, um an der Donau dem Wasser zuzuschauen. Er freundet sich mit dem Fleischermeister auf der anderen Seite der Strasse an, dessen Familie ungewollt mehr und mehr wächst, dessen Frau abzudriften droht und einer Geschäft, das von den ersten Supermärkten arg in Bedrängnis gerät. Nicht alle in Wien gehören zu den Gewinnern. Auch Simon nicht.  Oder Renè Wurm, einem der Ringer vom Neumarkt, die in inszenierten Schaukämpfen vom grossen Geld, von einer Karriere in Amerika träumen. Ein grosser, schwerer Mann, furchteinflössend aber mit der grossen Sehnsucht nach Nähe und einem Ort, der sein Zuhause ist. Oder mit der Witwe, bei der Simon sein Zimmer hat, einer Frau, die in ihrer Vergangenheit hängengeblieben ist und immer mehr in eine fortschreitende Demenz taumelt.

Was Robert Seethalers Roman lesenwert macht, ist die Leichtigkeit seines Erzählens. Ein ruhiger Streifzug durch die Stadt Wien um 1970. Man riecht den alten Mief in den Gassen. Man friert mit, wenn der alte Ofen aussteigt oder gar explodiert. Man sieht in Lumpen gekleideten Gescheiterten, die über dem ewig gleichen Glas in einer schummrigen Ecke des Cafés ihr Dasein aussitzen. Man begleitet diesen freundlichen, zurückhaltenden Mann, der ein Café betreibt wie damals seinen Dienst am Markt. Robert Seethalers Roman ist Denkmal all jener, die an der Seite der Verlierer das Leben meistern. Die Menschen, die in dem Café ein Stück Zuhause, ein Stück Heimat und Geborgenheit finden, sind Archetypen. Er erzählt einfach und süffig, ohne Effekthascherei, so unverkrampft und leicht, dass mich das Lesen für einmal in einen fast tranceartigen Zustand versetzt, ohne die harten Schickale jener Zeit schönzureden.

Robert Seethaler, geboren 1966 in Wien, ist ein vielfach ausgezeichneter Schriftsteller und Drehbuchautor. Seine Romane «Der Trafikant» (2012), «Ein ganzes Leben» (2014) und «Das Feld» (2018) wurden zu grossen internationalen Publikumserfolgen. Seine Bücher wurden in über 40 Sprachen übersetzt. Mit seinem Roman «Ein ganzes Leben» stand er auf der Shortlist des International Booker Prize. Zuletzt erschien von ihm der Roman «Der letzte Satz» (2020) bei Hanser Berlin. Robert Seethaler lebt in Berlin und Wien.

Beitragsbild © Urban Zintel

Antonia Baum «Siegfried», Claassen

Sie sitzt im Wartezimmer eines psychiatrischen Ambulatoriums auf einem roten Metallstuhl und wartet. Sie hat sich ausgeklinkt. Ausgeklinkt aus ihrer Ehe, ihrer Familie, ihrem Beruf als Schriftstellerin, ihrem Verhältnis mit ihrem Lektor, ihren Sorgen, ihren Ängsten. Nur aus ihrer Geschichte kann sie sich nicht ausgklinken. Antonia Baum erzählt kunstvoll vom Scheitern.

Alex liebte sie. Vielleicht liebt Sie ihn noch. Aber weil sie ihn mit Benjamin betrogen hatte und kein Geheimnis daraus machen wollte, sperrte er sie aus seinem Leben aus. Sie liebte Alex, weil Alex aus einem ganz anderen Stall kam wie sie, weil sich Alex kaum um Konventionen scherte. Weil Alex in einer Bar arbeitet, die nicht einmal ihm selber gehört und Geld schon irgendwie hereinkommen würde. Es gab eine Zeit, da hätte sie gerne noch zwei Kinder von ihm gehabt, neben ihrer Tochter Johnny. Wenn da alles andere nicht gewesen wäre: die ewigen Geldssorgen, das ewige Bedrängtwerden, am meisten von ihr selbst, weil nichts mehr funktionieren wollte, die Waschmaschine genauso wie das Schreiben an einem neuen Roman. Darum sitzt sie auf dem roten Metallstuhl. Weil sie nicht weiss, ob sie kurz davor ist, verrückt zu werden, die Kontrolle ganz zu verlieren, von all dem zugedeckt zu werden, vom Gegenwärtigen wie vom Vergangenen.

Antonia Baum «Siegfried», Claassen, 2023, 256 Seiten, CHF ca. 34.90, ISBN 978-3-546-10027-4

Sie erinnert sich an ihre Mutter, die lieber weg war als zuhause. An Hilde, ihre strenge Grossmutter, die eigentlich gar nicht ihre Grossmutter war. Denn Siegfried, ihr Sohn, kam erst in die Familie, nachdem sich ihr leiblicher Vater verdünnisiert hatte. Siegfried ist und war das einzig Konstante in ihrem Leben. Wenn auch seltsam distanziert, war er meistens da, versprach Hilfe, hatte es auch getan, als sie ihn letzthin um einige Tausend gebeten hatte, weil man ihnen drohte, die Wohnung zu kündigen, weil die Miete nicht mehr bezahlt wurde. Siegfried schien zu schaffen, was ihr nicht gelingen wollte. Sie bekam ihr Leben nicht in den Griff, schon gar nicht die Leben ihrer Familie. Die Zeiten bei Hilde waren das genaue Gegenteil von dem, was das fahrige Leben mit ihrer Mutter ausmachte. Bei Mutter das Ungefähre, Unbeständige, Unbestimmte, die Bedrohung. Bei Hilde die stramme Führung, das Schwimmtraining am hauseigenen Pool mit Hilde im Bademantel und mit Trillerpfeife.

Geschichten von Menschen, die die Kontrolle verlieren, die sich in den Schluchten der Grossstadt verlieren, gibt es viele. Geschichten von Frauen, die zerrissen werden im Spagat zwischen Pflichten als Mutter, Ehefrau, Ernährerin und Kreative ebenfalls. Was Antonia Baums Roman „Siegfried“ auszeichnet, ist die Art des Erzählens, ihre Sprache, das fein Ziselierte ihrer Schilderungen. Kaum je las ich derart genaue Beschreibungen von Zuständen oder Geschehnissen, die wegen ihrer Sprachkunst nie langweilen. Es war als wären Szenen in Slowmotion erzählt. Dabei wurden sie weder langfädig noch langweilig. Antonia Baum scheint eine tiefere Form der Wahrnehmung zu beherrschen. 

Ebenso köstlich sind ihre Figuren, vor allem Hilde und ihr Sohn Siegfried, der zu einem Vaterersatz der Erzählerin geworden ist. Hilde als Relikt einer vergangenen Zeit, die sich köstlich nervt an den Eigenheiten der Gegenwart. Als das Mädchen, das die Erzählerin damals war, in Hildes grossem Haus zu stöbern beginnt, findet sie Zeugnisse einer Zeit mit Bildern von ausgemergelten Menschen, Leichenhaufen und Männern in Uniformen. Da war auch Hildes Ehemann, Siegfrieds Vater, den man nicht nur beerdigt hatte, sondern in der Gegenwart totgeschwiegen. Und Siegfried, der wie der Drachentöter aus der nordischen Sagenwelt unverwundbar und unverwüstlich erscheint. So ganz anders wie die Erzählerin selbst. Sie, die sich nicht mehr aufrichten kann. Sie, die sich selbst betrogen fühlt.

„Siegfried“ ist ein Sprachkunstwerk. Hier glänzt die Sprache, denn sie erzählt viel mehr als das, was reines Nacherzählen wiedergibt!

Antonia Baum, geboren 1984, ist Schriftstellerin und Autorin für DIE ZEIT. Ihre Bücher – zuletzt der Roman «Tony Soprano stirbt nicht», das Memoir «Stillleben» und eine persönliche Bestandsaufnahmen des Werkes von Eminem – haben grosse Medienresonanz erhalten. «Siegfried» ist ihr erster Roman im Claassen-Verlag.

Beitragsbild © Urban Zintel

Lucy Fricke «Die Diplomatin», Claassen

Fred ist deutsche Konsulin, ehrgeizig, taff und eigentlich nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen. Sie ist beruflich dort, wo sie immer hinwollte, hat das erreicht, wovon sie immer träumte. Aber war es das wirklich? Zu welchem Preis? Lucy Fricke trifft pfeilgenau in das wunde Herz einer Frau, eines Lebens, eines Systems. „Die Diplomatin“ reisst den Vorhang weg!

Fred heisst eigentlich Friederike Andermann. Sie tut das, was bis vor wenigen Jahrzehnten noch fest in Männerhand war; sie ist Diplomatin. Sie studierte, dachte eine Weile, Richterin werden zu wollen, begann dann aber eine Diplomatinnenkarriere im Auswärtigen Amt. Ursprünglich aus der Idee, etwas bewirken, sich einbringen, an etwas Grossem teilhaben zu wollen. Aber diese Idee geriet schon länger ins Wanken. Nicht erst in Uruguays Hauptstadt Montevideo, ihrer ersten Stelle als Botschafterin.

Über Wochen muss sie sich im Hinblick auf das Fest zur Deutschen Einheit Anfang Oktober in Montevideo mit Grillfleisch, Bratwürsten, Gästelisten und anderen Kleinigkeiten herumschlagen. Sicher auch deshalb, weil sie sehen muss, wie andere Frauen Mütter werden und sie einsam. Und als dann noch eine bekannte Verlegerin aus Deutschland anruft und von ihr verlangt, alle Hebel in Bewegung zu setzen, weil sie seit 24 Stunden keine Nachricht mehr, keinen Post von ihrer Influencertochter erhalten habe und sich das Verschwinden nach ihrem Zögern als eine Entführung entpuppt, wird aus der Enge, in der sie sich fühlt, eine schlammig zähe Masse. Nachdem die junge Frau tot aufgefunden wird, sich das ganze zur Katastrophe mit unabsehbarem Ende auswächst, suhlt sich Fred in Schuldgefühlen, die ihr von niemandem genommen werden können. Bis sie versetzt wird, zuerst zurück nach Deutschland, später in die deutsche Botschaft in Istanbul.

Lucy Fricke «Die Diplomatin», Claassen, 2022, 256 Seiten, CHF 32.90, ISBN 978-3-546-10005-2

Aber so mondän die Räumlichkeiten und Einrichtungen der dortigen Botschaft sind, die Türkei hat sich unter dem jetzigen Präsidenten zu einem repressiven Staat entwickelt, dessen Vorstellungen von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie, von Völkergemeinschaft und Europa ganz andere sind, als jene, die in Freds Seele noch immer als Idee herumschwirren. Istanbul, eine Stadt, die Fred gleichermassen liebt, fasziniert und überfordert. Wie ihre Arbeit.

Irgendwann taucht Barış (türkisch die ‚Versöhnung’) ein deutsch-türkischer Student auf, der seine Mutter in einem der türkischen Gefängnisse besucht. Jene Mutter geriet wegen Nichtigkeiten ins Visier der türkischen Polizei, wurde verhaftet und ohne Anklage und Verhandlung eingesperrt. In eine überfüllte Zelle, gezeichnet von den Strapazen, von mangelnder medizinischer Betreuung. Barış will seine Mutter frei, will Gerechtigkeit. Aber sein Besuch für die Mutter bringt keine Erleichterung. Auch er wird Ziel des türkischen Sicherheitsapparats, muss untertauchen, sich verstecken. Für Fred beginnt ein heikler Tanz auf Messers Schneide, ein Konflikt, den sie nicht nur auf diplomatischer Ebene verloren sieht, ein Konflikt, der ihr mit schmerzlicher Deutlichkeit zeigt, wie wenig Macht zur Veränderung nicht nur in ihren Händen liegt.

Dass Lucy Fricke ihren Roman zum grössten Teil in der türkischen Hauptstadt spielen lässt, dass sie Istanbul nicht bloss zu einer pittoresken Kulisse macht, dass sie glasklar zeigt, wie die Macht des türkischen Kontrollstaates eine Atmosphäre der Angst und permanenten Bedrohung erzeugt, dass hinter all den Fassaden aus Schein und Lügen Repression herrscht, ist mutig. Ich glaube kaum, dass Lucy Fricke, die mehrere Monate im Land und in dieser Stadt verbrachte, je wieder unbehelligt die Grenze wird überqueren können.

„Die Diplomatin“ ist ein Roman über eine Frau, die mitten in ihrem Leben ernüchtert und desillusioniert feststellen muss, dass jenes Leben, dass sie führt, jener Beruf, in dem sie zu wirken versucht, kaum mehr etwas davon hat, wovon sie einstmals träumte. Hoffnungen sind verschwunden, Leidenschaft erkaltet. Ein Kampf, den alle in ihrem Leben ausfechten müssen, Erkenntnisse, die allen drohen, unabhängig von Geschlecht, Stand oder Beruf. Was bleibt von den Idealen, die man einst wie Leuchtfeuer durch sein Leben trug? Wie schafft man es, dass jenes Feuer nicht erlischt? Auch die Sehnsucht nach Erfüllung und Liebe!

Lucy Frickes Roman ist mutige Literatur!

Interview

Ihr Roman lässt sich in verschiedene „Richtungen“ lesen. Zum einen ist es der Roman über die Ernüchterungen einer Frau, nicht nur in ihrer Arbeit, auch mit ihren Beziehungen, nicht zuletzt mit der Liebe. Und dann ist es auch ein Roman, der sich mit der Diplomatie direkt auseinandersetzt, wie sehr einem die Hände gebunden sind. Aktuell scheint es die Diplomatie noch schwieriger zu haben. Man verhandelt zwar irgendwie, aber im Ukrainekrieg sprechen beide mit einem Vokabular, dass vor 80 Jahren schon einmal Konjunktur hatte und mit Diplomatie rein gar nichts mehr zu tun hat. Ängstigt Sie das auch?
Es ist Angst gepaart mit Ohnmacht, die denkbar schlechteste Kombination. Wir, die wir nicht Macht haben, die grossen Entscheidungen zu treffen, können nur im Kleinen tun, was immer uns möglich ist. Humanitäre Unterstützung in jeder Form. 

Ein grösserer Teil Ihres Romans spielt in der türkischen Hauptstadt, in der Sie mehrere Monate verbracht haben. Eine Stadt, in die man sich genauso verlieben wie verlieren kann. Eine Stadt mit pittoresker Kulisse, fest im Klammergriff eines rigiden Alleinherrschers. Ihr Roman nimmt kein Blatt vor den Mund. Befürchten Sie, in Zukunft nie mehr in die Türkei einreisen zu können?
Nie mehr, das würde ich nicht sagen. Auch dieser Präsident wird nicht ewig an der Macht bleiben. Aber den nächsten Sommer werde ich sicher nicht in Istanbul verbringen, das ist ein kleines Opfer im Vergleich zu dem, was den Figuren im Roman und so vielen Menschen in der Türkei widerfährt. 

Fred fürchtet sich als Diplomatin permanent vor Fehleinschätzungen. Eine Furcht, die auch mich zuweilen lähmt. Wer weiss schon, welche Entscheidung die richtige ist. Diese Furcht schleicht sich bis in ihre Gefühlswelt, wenn sie nicht weiss, ob sie ihnen trauen kann. Mein Schwiegervater war ein Leben lang Bauer. Er meinte einmal, als ich mit ihm auf dem Feld bei der Aussaat mitfuhr, nichts garantiere ihm eine gute Ernte. Haben wir Instinkt und Urvertrauen verloren?
Vielleicht sind wir generell vorsichtiger geworden, oder auch umsichtiger. Meine Hauptfigur Fred hat dazu jeden Grund, ihre Entscheidungen und Einschätzungen betreffen das Leben anderer direkt. Das ist ein Fakt und kein Gefühl. Vertrauen ist schwierig, wenn Gespräche abgehört werden, Überwachung und Geheimdienst allgegenwärtig sind. Sie ist in ihrer Position einsam geworden, wie es oft einsam ist an der Spitze. Sie kann nie wissen, ob sich ihr Gegenüber für sie oder für ihre Funktion interessiert. Bevor sie Entscheidungen trifft, sammelt sie Informationen, sie muss permanent die politischen und menschlichen Konsequenzen ihres Tuns bedenken. Eine Diplomatin sollte nicht in erster Linie ihrem Instinkt vertrauen, aber sie darf in ihn auch nicht verlieren. Darin liegt eine grosse Herausforderung.  

Die Gefängnisse auf der ganzen Welt sind mit Menschen gefüllt, die zu unrecht eingesperrt sind. Meist sind wir im scheinbar kultivierten Westen gezwungen, dies zähneknirschend hinzunehmen, auch wenn Unrecht und Willkür offensichtlich sind. Sie nehmen ein Schicksal stellvertretend in ihren Roman. Ein Schicksal, das ein „gutes“ Ende findet. Hätte es nicht ebenso viele Gründe gegeben, die „Befreiung“ scheitern zu lassen?
Noch vor dem ersten Satz war mir klar, dass dieses Buch mit Hoffnung enden wird. Hoffnung, die daraus entsteht, dass Menschen sich engagieren. Denn daran glaube ich, und es hat mich wirklich glücklich gemacht, während meiner Recherche solchen Menschen zu begegnen. Anwälte, Künstlerinnen, Journalisten und eben auch Diplomatinnen, die nicht aufhören zu kämpfen. Irgendwann kommt immer ein Sieg dabei heraus, und auch wenn es nur ein einzelner sein mag, ist dieser eine alles wert.  

Hat Fred den Glauben an die Wirkung ihres Handelns nicht verloren? Und glauben Sie an eine positive Wirkung der Literatur?
Ich habe neulich gehört, dass mein Roman, in Verbindung mit Briefen an das Gericht, dazu beigetragen haben könnte, die drohende Abschiebung eines kurdischen Paares zurück in die Türkei zu verhindern. Sie wären nach ihrer Einreise dort direkt inhaftiert worden. Im besten Fall ist es so, dass Literatur den Blick auf die Welt oder auf einzelne Schicksale verändert und schärft. Wenn man sich mit diesem Anspruch ans Schreiben macht, hat man, glaube ich, einen guten Kompass für seine Arbeit.  

Lucy Fricke wurde in Hamburg geboren und lebt in Berlin. Für ihre Arbeiten wurde sie vielfach ausgezeichnet, zuletzt war sie Stipendiatin der Kulturakademie Tarabya in Istanbul. Ihr Roman «Töchter» erhielt 2018 den Bayerischen Buchpreis, wurde in acht Sprachen übersetzt und fürs Kino verfilmt.

Beitragsbilder © Gerald von Foris