Lena Gorelik «Alle meine Mütter», Rowohlt

Vielstimmig und empathisch: Lena Goreliks Roman «Alle meine Mütter» wagt eine konsequente Offenheit, die dem Thema Mutterschaft ja so guttut.

Es ist immer dasselbe: Mütter, Liebe, Schmerz
Gastrezension: Hannah Matter wurde 2003 in Basel geboren. Sie studiert Deutsche Philologie und Geschichte an der Universität Basel. 

Schon auf den ersten Seiten des Romans legt die Erzählerin ihre Karten offen auf den Tisch: Über den Text, den sie nun schreiben wird, weiss sie nur, «dass er Mütter versammeln soll und Nicht-Mütter, uns alle irgendwie, unsere Kinder, wie die Kinder, die wir nicht haben». Diese Offenheit ist programmatisch – und sie ist ehrlich. 

Hier sind sie also, alle ihre Mütter: Maschutka, die im sowjetischen Wartezimmer sitzt, um ihr Kind abzutreiben, als eine Kakerlake an ihr vorbeihuscht. Yara, die auch noch nach Jahren an den Fast-Badeunfall ihres Kindes zurückdenkt. Kurz ist sie als Frau sitzen geblieben, anstatt als Mutter Kian zum Pool zu folgen. Eine Geschichte, die für die anderen keine ist – sie ging schliesslich gut aus. Oder Jules, «ungewollt kinderlos», die sich tieftraurig durch die sozialen Medien scrollt und junge Familien bei ihren chaotischen Morgenritualen begleitet. Und Julia, die mit 17 das befreiende Wörtchen niemals sagt. Niemals möchte sie Kinder haben.  

«Alle meine Mütter» ist kein geradliniger Roman, das würde man bei Lena Gorelik auch nicht erwarten. Mosaikartig reiht sie eine Episode an die andere. Immer wieder schaltet sich ein Ich ein, das das Erzählte unterbricht, hinterfragt, öffnet: «Wie schreibe ich, ohne zu verletzen?» Etwa, wenn von Müttern die Rede ist, die unfreiwillig zu Expertinnen von Gendefekten und Nachteilsausgleichen werden. Die wissen, ihr Kind braucht sie besonders, vielleicht für immer.  

Dieses Ich hat keinen Namen, dürfte aber Lena Goreliks Ich sehr nahe sein. Es weiss, dass es sich selbst und die eigene Mutter nicht ausklammern kann, und so schiebt sich diese Mutter-Tochter-Geschichte zwischen die anderen Frauen, in einer Intimität und Ausführlichkeit, die sich Gorelik nur hier erlaubt.

Lena Gorelik «Alle meine Mütter», Rowohlt, 272 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN: 978-3-498-00762-1

Das Verhältnis der beiden ist innig, auch wenn die Mutter Anne wenig von sich erzählt. Es ist eine Innigkeit, die die Erzählerin in der Vergangenheit manchmal fast erstickte und der sie bis heute ambivalent gegenübersteht: Fürchtet sie sich, nur Tochter zu sein, für immer ein Wir mit der Mutter – oder ist es, im Gegenteil, die Distanz, die trotz allem zwischen ihnen besteht? Und was wäre, wenn sie die eigene Mutter jenseits dieser Rolle kennenlernen könnte?

Erst als Anne krank wird, wird diese zu einem «eigenen Menschen, mit eigenen Schmerzen», die nichts mit ihrer Tochter zu tun haben.

Schmerz und Liebe liegen in dieser und den anderen Geschichten stets nahe beieinander. Einmal überlegt die Erzählerin, das soeben Geschriebene wieder zu löschen – es sei „immer dasselbe: Mütter, Liebe, Schmerz“. Glücklicherweise lässt sie es stehen.

Was die verschiedenen Episoden auch verbindet, ist die Erkenntnis, dass Muttersein nie im luftleeren Raum geschieht. So ist die Beziehung der Erzählerin zu ihrer Mutter durch die Migration der Familie geprägt. Dem Kind wurde früh bewusst, dass die Mutter nicht alles ist, nicht alles kann. Zum Beispiel kein Schwäbisch. 

Auch vielgehörte Weisheiten wirken auf das Muttersein ein: Mütter machen Milch mit Honig, vergessen Geburtsschmerzen, wissen instinktiv, was ihr Kind braucht. Mütter haben bereits die «grau verschmierten Umrisse auf dem Ultraschallbild zu lieben». Sie sind auch immer schuld. 

Vielstimmig erzählt Gorelik, wie Mutterschaft sein kann, mit und entgegen diesen Erwartungen. «Ich wollte über die gesellschaftlichen Bilder schreiben, die mir immer wieder begegnen», sagte die Autorin in einem Interview. Es ist spürbar, dass das Thema vor den einzelnen Geschichten da war. Sorgfältig geht sie alle durch, diese Mütter. Eine Aufgabe, die in Zeiten von Pro-Life und Tradwives besonders dringlich scheint.

Manchmal allerdings wirkt die Erzählung schwerfällig. Die Erzählerin reflektiert,  zweifelt, bricht wieder ab. Etwas mehr Vertrauen, dass die Leser*innen mitdenken und nicht alles ausbuchstabiert bekommen müssen, hätte dem Roman stellenweise gutgetan. 

Und doch: Es sind genau diese vielen Fragen und die offene Erzählform, die eine authentische Auseinandersetzung ermöglichen und verhindern, dass Mütter festgeschrieben werden. Mit grosser Empathie gelingt es Gorelik, viele von ihnen darzustellen und ernst zu nehmen. Viel Liebe und Schmerz steckt darin. Es ist kein leichtes Buch, aber das möchte es auch nicht sein.

Dieser Text entstand im Rahmen eines Seminars zur Literaturkritik im Frühjahr 2026 an der Universität Basel unter der Leitung von Daniel Graf (Literaturkritiker beim Republik Magazin).

Lena Gorelik, 1981 in St. Petersburg geboren, kam 1992 mit ihren Eltern nach Deutschland. Ihr Roman «Hochzeit in Jerusalem» (2007) war für den Deutschen Buchpreis nominiert, «Mehr Schwarz als Lila» (2017) für den deutschen Jugendliteraturpreis. 2021 erschien ihr Roman «Wer wir sind» und wurde begeistert besprochen. Regel­mässig schreibt Lena Gorelik Essays zu gesellschaftlichen Themen, u.a. für die Süddeutsche Zeitung oder Die Zeit. 2024 wurde sie mit dem Heinrich-Mann-Preis für Essayistik ausgezeichnet, 2026 mit dem Preis der Literaturhäuser

Beitragsbild © Thomas Dashuber

Lena Gorelik «Mehr Schwarz als Lila», Rowohlt

Paul ist verschwunden, seit Tagen. Alex, seine Freundin, macht sich Sorgen. Sie verkriecht sich zuhause, will mit niemandem reden, auch nicht mit Ratte, ihrer Freundin. Paul, Alex und Ratte sind 17, alle in der gleichen Klasse, aber die einzigen in Lena Goreliks Roman „Mehr Schwarz als Lila“, die einen Namen tragen. Alle anderen sind auswechselbar. Paul, Alex und Ratte nicht. Eine Schicksalsgemeinschaft. Eine Dreierbande wie sie es nur mit 17 gibt.

Ratte ist Alex beste Freundin. Ratte heisst eigentlich Nina. Aber Ratte hasst ihren Namen. Und Alex heisst eigentlich Alexandra. Alex wohnt mit ihrem schweigsamen Vater seit dem Tod ihrer Mutter und einem Papagei, den sie von ihrem Vater geschenkt bekam und irgendwie die Leerstelle füllen soll. Paul hat Mutter und Vater, aber auch einen Bruder. Und Pauls kleiner Bruder ist behindert, braucht Mutter und Vater, sodass Paul, dem in der Schule alles ziemlich leicht fällt, viel Zeit übrig bleibt. Für Paul schenken Alex und Ratte das, was er in der Familie nicht findet; Verbundenheit, Nähe. Paul schenkt Alex ein Notizbuch, blau, in Leinen gebunden. Auf dem Deckel steht „Shit that matters“. Alex sammelt Wörter und trägt mehr Schwarz als Lila. Und Ratte? An Ratte ist alles etwas anders, nicht bloss ihre braunen Rastas und dass sie stets ohne Helm auf ihrem Mofa fährt. Die Freundschaft der drei 17jährigen ist alles. Bis zu einem Ausflug, einer Klassenfahrt mit dem Referendar Johnny, mit dem an der Schule alles anders wurde. Sie fahren kurz vor den langen Ferien mit der Klasse nach Auschwitz, nicht nach Italien und ans Meer. Und dann gibt es dort jenen langen Kuss zwischen Alex und Paul. Ein Kuss unter dem Galgen in Auschwitz, ein Kuss, bei dem Alex Paul keine Wahl lässt, ein Kuss, der sich im Netz vertausendfacht, ein Kuss, der Paul in Polen zurücklässt und Alex zwingt, ihre Geschichte zu erzählen.

Lena Goreliks Roman erzählt, was passiert, wenn Freundschaft an der Allgemeinheit, an Interpretationen und Missverständnissen zu zerbrechen droht. Wenn sich ins geschlossene Private plötzlich die Allgemeinheit einmischt. Und Lena Gorelik versteht, dass Freundschaft mit 17, Freundschaft nach der Kindheit und vor dem Erwachsensein, anders ist, als alle Freundschaft sonst. Wenn sie zerbricht, wird nichts mehr so sein, wie es einmal war, weil jene Freundschaft unter den dreien nie mehr und anders ist als Liebe und Familie.

Zum Kippen bringt das untrennbare Dreigestirn ausgerechnet ein Lehrer, ein Referendar, eine Stellvertretung. Ein junger, hübscher Typ. Schwarz gekleidet wie Alex. Lässig irgendwie. „Einer, der den Raum einnimmt, statt reinzukommen.“ Die drei nennen ihn Johnny, was sich der junge Striegel gefallen lässt. Mit Johnny glauben die drei einen Verbündeten in der Welt der Erwachsenen gefunden zu haben. Und dann noch Lehrer, Referendar. Plötzlich wird Schule wieder zum „Vielleicht“, einem Ort, wo Leben stattfindet. Johnny schreibt Wörter an die Wandtafel, lässt schreiben, jeden, ohne mit dem Resultat etwas beweisen zu müssen. Und irgendwann beginnen sie, sich die Texte vorzulesen, ihre Texte, Fünfminutentexte, Texte von innen.

Ratte, Paul und Alex sind alles. Zusammen betreten sie die Klasse, zusammen gehen sie in die Pause. Und manchmal sitzen die drei mit Alex’ Vater am Tisch und Alex’ Vater fragt: „Na ihr drei, wie war euer Tag?“
Aber mit Johnny beginnt das Gleichgewicht zu wackeln und unter dem Galgen in Auschwitz, einem Ort kollektiver Erinnerung, der alles andere ausblenden muss/will, zerbricht sie.
Paul, Alex und Ratte mögen Johnny, aber nicht alle gleich.

Lena Gorelik, Jahrgang 81, ist jung genug, um zu verstehen. Sie beschreibt mit ungebrochener Empathie, wie eine Freundschaft zerfällt, an der sich Paul, Alex und Ratte festhielten, die sie sicher und uneinnehmbar zu machen schien. Eine Art der Freundschaft, für die es in ihrer Nähe und Unmittelbarkeit in der Welt der Erwachsenen keinen Platz mehr hat, weil sich jene Welt zu sehr um Konvention und Anpassung bemüht. Und das endet ausgerechnet in Auschwitz, dem Ort, der kein Missverständnis duldet, gerät das, was zwischen Freundschaft und Liebe pendelt, ausser Kontrolle. So weit, dass sich selbst der Zentralrat der Juden einmischt, die Öffentlichkeit sowieso. Dabei hatte der Kuss nichts mit Auschwitz zu tun, nicht einmal mit Paul.

Was Lena Gorelik kann, ist erstaunlich. „Mehr Schwarz als Lila“ zeigt, wie sehr die Welt der Jugendlichen bebt, wie weit weg sie vom Verständnis Erwachsener sein kann. Lena Gorelik tut das mit so viel Sympathie und Wärme, dass ich nur staune. Lena Gorelik tut auf, was anderen nach der Jugend ein Leben lang verschlossen bleibt. Anlässlich einer Lesung in Stein am Rhein meinte Lena Gorelik, sie hätte schon immer einmal mit der Stimme eines Teenagers schreiben wollen, vielleicht auch, weil sie sich noch gar nicht so weit von dieser Zeit entfernt fühle. Lena Gorelik vermisst gute Bücher, die sich ernsthaft mit dieser Zeit auseinandersetzen, Bücher wie «Tschick» von Wolfgang Herrndorf. «Gratwanderungen, das Spiel mit Grenzen, das interessiert mich. Kunst soll Fragen stellen und im besten Fall bewegen.»

Lena Gorelik, in St. Petersburg geboren, kam elfjährig mit ihrer Familie nach Deutschland. Mit ihrem Debütroman „Meine weißen Nächte“ (2004) wurde sie als Entdeckung gefeiert, mit „Hochzeit in Jerusalem“ (2007) war sie für den Deutschen Buchpreis nominiert. Ihr Roman „Die Listensammlerin“ (2013) wurde mit dem Buchpreis der Stiftung Ravensburger Verlag ausgezeichnet. 2015 erschien „Null bis unendlich“, die „Welt am Sonntag“ schrieb: „Ein starkes, ein emotionales Buch, das durch seine reduzierte Sprache große Gefühle offenlegt.“

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Titelbild: Sandra Kottonau