48. Solothurner Literaturtage – Wenn die Welt sich im Wort spiegelt

Weder Regen noch Kälte schienen den BesucherInnen des Festivals die Lust an Literatur verderben zu können. Der Regen strömte, die Leute strömten. Für drei Tage wurde Solothurn ein Fenster hinaus und eines hinein. Hinaus in die Welt, die immer unverträglicher zu werden scheint. Hinein in den Mensch, der mehr und mehr gezwungen wird, den Schatten etwas entgegenzusetzen.

Mehr als einmal bildeten sich lange Schlangen vor den Veranstaltungsorten. Eindrücklich dann, wenn eine solche Schlange vor einem Kino mitten in der Altstadt den Strom von Touristen, Radfahrerinnen und Familien beim Bummeln zu blockieren drohte. Alle, die sich nicht im Schweif des Festivals bewegten, mussten sich wundern über all die Stehenden und Wartenden, sei es mitten am Tag vor dem Konzerthaus Solothurns oder vor der kleinen Weinbar an der Aare, beim Kino am Uferbau oder in den Hallen des Kunstmuseums. Solothurn war fest in der Hand all jener, die sich durch Bücher nicht nur bezaubern, sondern in Welten versetzen lassen. Die sich auseinandersetzen mit den Rändern der Menschlichkeit und darüber hinaus, die sich hinaustragen lassen über die Grenzen ihrer selbst, die sich verzücken lassen durch die Kraft des Wortes. Mehr als 17000 BesucherInnen fluteten die Stadt, beklatschten all jene, die mit Büchern, Wortkunst und Performance der Tiefe ihrer Innenwelten eine Form geben.

In mehr als 150 Veranstaltungen mit rund 140 Autor*innen und Übersetzer*innen bieten die Solothurner Literaturtage alljährlich einen Einblick in ihr Schaffen und provozieren Auseinandersetzung mit aktuellen Fragen der Gegenwart. Kleinräumiges und Raumgreifendes, klassische Lesungen mit Gesprächen, Podiumsdikussionen weit über die Buchdeckel hinaus, Experimentelles und Traditionelles in allen vier Landessprachen, Kinder- und Jugendbücher, Lyrik und Prosa, Philosophisches, tiefe Einblicke in menschliche Höhen und Tiefen, Zeugnisse grösster Empathie und umfassender Auseinandersetzungen. Stimmen aus anderen Kulturen, gewaltdurchsetzten Krisengebieten, aus Vergangenem und zu Erwartendem.

Moderatorin Sieglinde Geisel, Sasha Filipenko und Übersetzerin Iryna Herasimovich

Beeindruckend die Stimmen all jener, die nicht mehr zurück in die Länder ihrer Kindheit wollen oder können, die Unwiederbringliches mit sich tragen, letztlich auch die Hoffnung in eine Zukunft. Allen voran die Ukrainerin Tanja Maljartschuk, die 2011 nach Wien emigrierte und 2018 Bachmannpreisträgerin wurde. Oder der belarussische Schriftsteller Sascha Filipenko, der seit seiner Flucht 2020 aus Russland wohl nie mehr in sein Heimatland zurückkehren kann, ohne eine mehrjährige Haftstrafe kassieren zu müssen. Oder die sudanesische Schriftstellerin und Aktivistin Stella Gaitano, die aus ihrem von Kriegswirren zerfressenen Land nach Deutschland floh. Autorin*innen, denen es nicht leicht fiel, sich den Fragen hiesiger Moderator*innen auszusetzen, die Leid, Kriegserfahrung, Vertreibung und Gewalt in der Form nur aus zweiter Hand kennen. Solothurn und sein Publikum setzten sich dem aus, eine Auseinandersetzung, die bitter nötig ist, auch wenn sie nur sensibilisieren kann.

«Die neue autoritäre Ordnung. Eine literarische Annäherung» mit Ilma Rakusa, Dimitré Dinev und Tanja Maljartschuk

Ebenso eindrücklich der Besuch des Schriftstellers, Theater- und Drehbuchautors Dimitré Dinev aus Bulgarien, der sich nach seiner Flucht nach Wien mit Gelegenheitsjobs durchschlug, Philosophie und Philologie studierte und auf Deutsch zu schreiben begann. 2025 erhielt er mit seinem Roman «Zeit der Mutigen» den Österreichischen Buchpreis. Eine über 1200seitige Familiensaga über die zerstörerische Macht der Diktatur und die grossen Fragen des 20. Jahrhunderts. Ein Mann der klaren Worte.

Veronika Zorn im Gespräch mit Moderatio Cédric Weidmann

Aber die Solothurner Literaturtage sind auch eine wunderbare Gelegenheit, Stimmen zu entdecken, die mich sonst nie in dieser Form erreicht hätten. Zum Beispiel die Sprachforscherin Veronika Zorn, die mit ihrer bei der edition taberna kritika erschienenen Publikation «Notizen von der linken Hand» der Frage nachgeht, wie das Denken im Schreiben mit dem Wechsel ins Ungewohnte beeinflusst wird. Ein Buch, das vom Nachdenken bis ins Nachahmen einlädt. Oder die 1998 in Zürich geborene Louisa Merten mit ihrem Debütroman «Hundesöhne». Ein Buch mit beklemmenden Schauplätzen und betörenden Sätzen.

Lukas Bärfuss mit Moderatorin Hayat Erdoğan

Denkwürdig die Auftritte von Dorothee Elmiger und Lukas Bärfuss, bei denen der grosse Konzertsaal Solothurn, die Location, die das ehrwürdige Salzhaus direkt an der Aare noch bis im kommenden Jahr ersetzen soll, zu platzen drohte. Beides grosse Figuren der CH-Literatur, Exponent*innen, die mit klaren Gedanken Räume erweitern. 

Louisa Merten

Schwierig waren die Podien, vor allem dann, wenn Moderation und drei Eingeladene über Themen wie «Das Böse schreiben» sprechen sollten. Wie soll man auf den «Kern der Sache» stossen, wenn die Fragen nur die Oberfläche berühren, wenn man sich nicht in die Kontroverse traut und wenn in der Veranstaltung selbst auch noch die Bücher der eingeladenen Gäste eine Rolle spielen sollen. Dabei wäre das Thema eine Einladung, so wie es im Programm angekündigt war; Drei Autor*innen erkunden die Vielschichtigkeit des Bösen: vom moralischen und politischen Bösen bis zu struktureller Gewalt, Ausbeutung und Zerstörung. Die Diskussion drang nicht einmal ansatzweise in jene Vielschichtigkeit. Ich war mir nicht einmal sicher, ob den Eingeladenen klar war, warum man ausgerechnet sie an diese Veranstaltung eingeladen hatte. Es braucht mehr Zeit, mehr Mut und eine ordentliche Portion Risiko.

Grossen Dank an das ganze Festival-Team. Allen voran Catherine Schlummberger, Rico Engesser, Janina Enderle, Nuria Sublee und Claudia Niggeler. Ich freue mich auf die kommende Ausgabe!

Beitragsbilder © fotomtina

Michael Hugentobler «Bis die Bären tanzen», dtv

Wie kaum ein anderer in der CH-Literatur malt Michael Hugentobler mit vielen Pinseln auf grosser Leinwand. Was der Autor an der Grenze zwischen Fiktion und Realität in Buchdeckel bannt, ist grosse Erzählkunst vereint mit der Leidenschaft fürs Detail.

Die aus Deutschland stammende Familie Leiber wohnt in Heiden, im Kanton Appenzell Ausserrhoden, einem Kurort hoch über dem Bodensee und dem Rheintal. Um die Bande in die alte Heimat nicht ganz abbrechen zu lassen, verbringt die Familie die Sommermonate jeweils im 180 Kilometer entfernten Heidenheim bei der Familie Hirsch, im Süden Deutschlands, nicht weit von Memmingen. In unbeschwerten Wochen tummeln sich die Kinder, bis sich der Himmel mit dem ersten Weltkrieg zu verdunkeln beginnt und die Bande nach Deutschland zu reissen drohen. Zum Beispiel jene Freundschaft zwischen Isabelle, von allen nur Belle genannt, und Baron, dem Sohn der Künstlerfamilie Hirsch, einer Familie, die sich der Kostüm- und Kulissenkunst verschrieben hat und in einer grossen Scheune im Ort eine Welt in der Welt erschaffen hat. Belle und Baron wachsen wie Geschwister auf, schreiben sich auch in den Wirren des Krieges weiterhin Briefe, schwören sich ewige Freundschaft, bis auch der Ton in den Briefen immer sachlicher wird und das Band reisst. Mutter Leiber tut neben ihrem an Alkoholismus verfallenen Ehegatten alles, um in der Schweiz eine Einbürgerung zu erwirken, ein Ansinnen, das mit zunehmendem Kriegsgeschehen und mit den Vorurteilen der Einheimischen nicht einfacher wird.

Nur zwei winzige Buchstaben entscheiden über Finden und Erfinden.

Belle, deren Träume vom Liebesglück zerschlagen werden, «reisst» sich zusammen, heiratet, um nicht für immer ledig zu bleiben, lässt sich von den Versprechungen einer Auswanderungsagentur einwickeln, fährt mit Schiff und Ehemann nach Brasilien, wo man etlichen Auswanderern ein Stück Land verspricht, ein zweites Stück Heimat, einen Acker und ein Haus, eine Zukunft als Siedler. Ein nächster Traum, der in den feuchten Tiefen des Urwalds beinah vom Wahnsinn gefressen wird.

Michael Hugentobler «Bis die Bären tanzen», dtv, 2026, 352 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-423-44869-7

Anne, die ältere Schwester von Belle, die mit einer Pfefferschote zwischen den Zähnen zur Welt gekommen sei, die nichts von der Enge des Appenzellerlandes hält, die in permanentem Kampfmodus zu leben scheint und sich mit revolutionärer Lektüre füttert, bricht ebenfalls in die Ferne auf, bevor sie sich der Enge, den Traditionen und Gottgewolltem, dem Leben als Untertänige, als Serviererin, ergeben muss, nach einer wahren Odysse nach Australien. Dort packt sie selbstbewusst ihr Leben, adopiert den Sohn eines Anachistenehepaars, schwimmt an der Seite eines Finanzmarktspezialisten im Geld, einem Mann, dessen Herz eher rattert wie eine Rechenmaschine.

Jakob, Cob, der einzige Sohn der Familie, beginnt mit Glück, trotz zunehmender Wirtschaftskrise, eine Arbeit in einer Eisengiesserei in Rorschach am Bodensee, genau das Richtige für ihn, der seine Muskeln als einziges Kapital einer unsicher gewordenen Zukunft sieht. Erst recht, als der besoffene Vater seine sonst versteckte Luger auf ihn richtet und abdrückt und der Katastrophe nur entkommt, weil seine Mutter längst die Kugeln aus dem Magazin entfernt hatte. Cob bricht mit seinen Eltern, lernt eine Zirkusschönheit kennen, mit der er durch die Lande tingelt, bis auch er von der Realität wie Ikarus vom Himmel geholt wird.

Nur Elfriede, kurz Elfie, bleibt zuhause, wie Ehefrau und Mutter, die Mutter von Constantin, dem eigentlichen Erzähler dieser ausufernden Geschichte, eines Historikers. Constantin ist jahrzehntelang der Überzeugung, der Spross einer völlig langweiligen Familie zu sein, auch wenn es in den Erzählungen seiner Grossmutter die verrücktesten Geschichten gibt. Bis ein Sturz eben dieser Grossmutter, Mamme Lieber, den Damm endgültig zum bersten bringt und Constantin nicht nur von Berufes wegen zwingt, sich auf die Suche nach den tatsächlichen Geschichten zu machen.

Kennen sie die Geschichte ihrer Grosseltern? Kennen sie sie wirklich? Gar ihrer Urgrosseltern? Oder verfallen auch sie dem kollektiven Irrtum, der institutionalisierten Langeweile, einer kleinbürgerlichen, steinernden Ordnung entsprungen zu sein? Oder geistern Geschichten, Ahnungen, Unausgesprochenes, Geheimnisse in ihrer Familie, ihrer Sippe herum? So wie Baron, der Spross einer Maskenkünsterfamilie die Wirklichkeit zu verstecken weiss, so schafft Michael Hugentobler ein Panoptikum schillernder Existenzen, die sich in den Strudeln des letzten Jahrhunderts zu halten versuchen. Ein Buch überbordender Fantasie, geschrieben von einem Mann, der davon überzeugt ist, dass die Realität von der Fantsie kaum zu überbieten ist. Ein literarischer Leckerbissen, der funkelt und fasziniert, der einem sprachlos macht angesichts seiner Dichte und Kunstferigkeit. Ein literarisches Fries, das sich fast um den ganzen Globus spannt, ohne dabei künstlich zu wirken. Ein kolossales Stück Literatur, genau das Richtige, um in den Weiten der Fantasie abzutauchen! Was für ein Buch!

Das Leben ist eine wunderschöne Katastrophe, und natürlich dürfen wir es mit Schweigen überdecken.

Michael Hugentobler, 1975 in Zürich geboren, arbeitete nach der Schule als Postbote und bereiste dann dreizehn Jahre lang die Welt. Heute ist er freischaffender Romanautor und Reporter. 2018 erschien sein Debütroman «Louis oder Der Ritt auf der Schildkröte«, sein zweiter Roman «Feuerland» wurde 2021 für den Schweizer Buchpreis nominiert. Er lebt mit seiner Familie in Aarau/Schweiz.

Beitragsbild © Markus Kirchgessner