Kerstin Hensel «Abendgruss», Luchterhand

„Zwei Erzählungen“ steht auf dem Cover zu Kerstin Hensels neustem Buch. Vielleicht wäre „Doppelroman“ eine bessere Bezeichnung. Auch wenn die beiden Geschichten in unterschiedlichen Zeiten angesiedelt sind, kreisen sie wie Doppelplaneten um den gleichen Kern.

Die eine Geschichte über Wolf Kohlmann, einen jungen Mann in der DDR, der in einer Chemiearbeiterdynastie gross wird. Auch er bleibt in seinem Beruf der Chemie treu, wird Fotograph, belichtet das, was seine Eltern in den Fabriken herstellten, was man dem Knaben und jungen Mann Fotoapparaten mit auf den Weg gab, an Feiertagen, zum Geburtstag, immer wieder einmal das neuste Modell aus DDR-Fabrikation, stolze Erzeugnisse sozialistischer Wertschöpfung. Ein junger Mann, der es nie schafft, im Leben und in der Gesellschaft Tritt zu fassen. Da ist ein Staat im Umbruch, ein System in den letzten Zügen, da fällt die Mauer und nichts ist mehr so, wie es einmal war – und mit Wolf Kohlmann passiert es einfach. Er sieht alles durch sein Okular, ein Blick der Dinge, der nie abbildet, was wirklich ist. So wie sein Blick auf die Welt. Einzige Bezugspunkte in seinem Leben nach dem Tod seiner Eltern sind der Armeearzt Baldur Uphoff, zu dem er sich mehr als freundschaftlich hingezogen fühlt und seine Schwester, die im Haus ihrer Eltern geblieben ist. Während die Bindung zu Baldur Uphoff ein Leben lang fluid bleibt, heftet sich die Schwester wie eine Klette an das Leben ihres Bruders. So sehr sie ihn an sich zu binden versucht, permanent ein schlechtes Gewissen einimpft, so unfähig bleibt sie bis ins Alter, am Leben ihres Bruders teilzunehmen, selbst dann, als sich wider Erwarten Erfolg einstellt und Wolf Kohlmann mit seinem stets etwas anderen Blick zu einem gefragten Künstler wird.

Kerstin Hensel «Abendgruss», Luchterhand, 2026, 3’4 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-630-87772-3

Die andere Geschichte erzählt von Tillandsia Grütz, die ihr Leben in der Praxis ihrer Therapeutin auslegt. Sie erzählt ihr Leben, oder vielleicht das Leben, das eben nicht stattgefunden hat. Schon als Kind missverstanden, gesegnet mit einem unglücklichen Namen. Ihre Mutter, die ordentlich erfolgreich ein Blumengeschäft führt und sich der Hege und Pflege von Tillandsien verschrieben hat, Gewächsen, die auf anderen Gewächsen oder Felsen gedeihen, nicht mit dem eigentlichen Boden verwachsen sind. So wie Tillandsia Grütz, die sich schon als Kind, hochbegabt und von ihren Mitschülerinnen drangsaliert, in ihre ganz eigenen Forschungen stürzt, eine lange Reise nach den Wurzeln des Gähnens. Tillandsia Grütz ist fasziniert vom riesigen Maul des Flusspferds. Auch sie, in der Erzählung in der Gegenwart angesiedelt, ist eine nie Angekommene. Eine junge Frau, die ihre Existenz stets an die rätselhaftesten Figuren klebt, sei es den vier Jahrzehnte älteren ehemaligen Professor des Ingenieurswesens Nickel Hornschuh, zu dem sie eine mehr als toxische Beziehung pflegt, eine Freundschaft zwischen maximaler Anziehung  und immer wieder grassierender Abstossung. Der einzige, der ihr wirklich zur Seite steht, ist ihr schrulliger, lispelnder Wohngenosse, mit dem sie im Alkohol getränkt ein Kind zeugt und ihn damit verliert.

Zwei Leben, die nie ankommen, die aber auch beide nie wirklich reflektieren, was die Gründe sind, dass sie keine Wurzeln im Wirklichen finden, selbst Tillandsia Grütz auf der Couch bei ihrer Therapeutin nicht. Zwei Leben, die sich in Zwängen verwickeln, an denen der Strom des Lebens vorbeizieht, Zombies ihres Schicksals. Kerstin Hensel erzählt mit gekonnter Distanz, nie voyeuristisch, in seltsamer Lakonie. Wären die beiden Erzählungen Bilder, erinnern sie an Porträts in seltsamen Farben, leicht verzerrt, aus der Realität herausgerissen. Was ungemein überzeugt, ist die Leichtigkeit ihres Erzählens, grossartig gemalt, mit breitem Pinsel, mutig. Nicht zuletzt spüre ich als Leser, dass da jemand schreibt, dem es um weit mehr als um die Wiedergabe einer origniellen Geschichte geht. Kerstin Hensel komponiert Sprachmusik. Ich habe mich bezaubern lassen.

Kerstin Hensel wurde 1961 in Karl-Marx-Stadt geboren. Nach ihrer Ausbildung zur Krankenschwester studierte sie am Institut für Literatur in Leipzig. Sie gilt als eine der vielseitigsten und einflussreichsten Vertreterinnen der deutschen Gegenwartsliteratur. Ihr Werk umfasst Lyrik, Romane und Erzählungen. Sie unterrichtet an der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch«. Seit 2024 ist Kerstin Hensel Leiterin der Sektion Literatur der Akademie der Künste Berlin. Bei Luchterhand sind zuletzt erschienen: der Lyrikband »Schleuderfigur« sowie der Roman »Regenbeins Farben«. Kerstin Hensel lebt in Berlin.

Beitragsbild © Susanne Schleyer