Thommie Bayer «Gern gesehene Gäste», Piper

Matteo ist Zuschauer, schon als Kind. Einer, den man stehen lässt. Einer, der stets daneben steht. Einer, der sich mit seinem Platz im Schatten abgefunden hat. Bis ihm ein Schriftstellerpaar mit einem Mal das Gefühl gibt, wichtig zu sein. Thommie Bayers Roman überzeugt durch seine Figurenzeichnung und den Spiegelblick eines Beobachters.

Es gibt sie unzweifelhaft. Man muss sich nur an den Pausenplatz in der Kindheit zurückerinnern, die Klasse damals, an die Kinder im Quartier. Es sind jene, die im Sportunterricht weder von der einen noch der anderen Gruppe gewählt werden, die niemand will, niemand braucht. Matteo darf zwar zwischendurch immer wieder mal jenen helfen, die es in der Schule nicht so leicht haben. Was aber noch lange kein Grund ist, ihn mitzunehmen. Matteo ist nicht einmal ein Klotz am Bein. Er ist ein Niemand. Irgendwann hat er sich in seiner Nische eingerichtet, auch wenn seine Mutter während seiner Kindheit alles tut, um Matteo wie jeden anderen aussehen zu lassen.

Matteo wird Zimmermann, geht für drei Jahre auf Wanderschaft. Aber selbst auf seiner langen Tour bleibt er aussen vor. Auch das Glück mit dem anderen Geschlecht scheint nicht zum seinen zu werden. Auch dort sieht man ihn nicht. Er sucht auch nicht mehr, er würde nie Teil einer Gemeinschaft sein. Sein Alleinsein wird ihm sein Zuhause. Wenn er liest, wenn er wandert, wenn er sich im Wald auf den immer gleichen Hochsitz zurückzieht. Er übernimmt nach seinen Wanderjahren Gelegenheitsjobs, die ihn über Wasser halten und hilft seiner Mutter in der Buchhandlung in der Stadt.

Thommie Bayer «Gern gesehene Gäste», Piper, 2026, 208 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-492-07192-5

William nimmt ihn für zwei Wochen auf eine Baustelle in Frankreich mit. Sie sollen ein Haus fertigstellen, von oben bis unten streichen, Regale einbauen, im Haus eines Schriftstellerehepaars. Keira und Eric, er erfolgreich, sie um einiges weniger. Die beiden überlassen William und Matteo das Haus. Und als man ihnen die Hausschlüssel zurückgibt, nachdem die beiden von Matteo am Bahnhof mit dem Auto abgeholt wurden, fragt Eric Matteo, ob er Lust hätte ihn auf seiner Lesetour mit seinem neuen Roman als Chauffeur zu begleiten. Matteo, der nie einen Plan in seinem Leben hat, einen solchen auch gar nicht braucht, nimmt den Job an. Nicht nur weil ihn die Aufgabe reizt. Auch weil er sich von der 40 Jahre älteren Keira angezogen fühlt, weil ihm das Paar das Gefühl gibt, jemand zu sein, weil man ihn schätzt. So sehr sich Matteo zu den beiden hingezogen fühlt, so sehr vermitteln ihm die beiden ein Gefühl, das selbst mit seiner Mutter abhanden gekommen war.

Während Keira zuhause bleibt, fährt Matteo Eric von einer zur nächsten deutschen Metropole, von Halle zu Halle, Bibliothek zu Bibliothek, von vollem Haus zu vollem Haus. Eric schwimmt auf einer Welle des Erfolgs, der Anerkennung und Bewunderung. Und im Schweif dessen geschehen bei Matteo Dinge, von denen er glaubte, für immer ausgeschlossen zu sein. Aber je näher er den beiden, vor allem Eric kommt, desto mehr hat er mit dem Umstand zu kämpfen, dass er die kleinen Zeichen zu interpretieren beginnt. Interpretationen, die das makellose Bild eines aufgegangenen Fixsterns in seinem Leben zu trüben beginnen. Erst recht als eine junge blonde Frau auftaucht und ein Mann, der Eric droht, ihn zu vernichten.

„Gern gesehene Gäste“ ist ein Roman über einen Mann, der im Schweif eines Sterns zu leuchten beginnt. Über scheinbar perfekte Leben, die Geheimnisse verbergen. Was es bedeutet, wenn ein Leben im Schatten mit einem Mal ein Stück Sonne bekommt, jene Momente, in denen man endlich spürt, am richtigen Ort, mit den richtigen Menschen zu sein. Vielleicht ist der Roman auch ein Buch über das Er-Wachsen-Werden. Mit Sicherheit ist das Buch ein Spiegelbuch, hier die LeserInnen, dort die SchriftstellerInnen. Ein Buch über Wahrnehmung, Schein und das wahre Glück. Ein typischer Bayer. Ein Roman mit dem Sound von Leonard Cohen: We are so small between the stars / So large against the sky / And lost among the subway crowds / I try to catch your eye.

Thommie Bayer, 1953 in Esslingen geboren, studierte Malerei und war Liedermacher, bevor er 1984 begann, Stories, Gedichte und Romane zu schreiben. Neben anderen erschienen von ihm die Romane „Das Glück meiner Mutter“, „Das innere Ausland“ und der für den Deutschen Buchpreis nominierte Roman „Eine kurze Geschichte vom Glück“ und zuletzt „Einer fehlt“. Thommie Bayer lebt mit seiner Frau in Staufen bei Freiburg.

mehr von und über Thommie Bayer auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Peter von Felbert

Eva Strautmann «In der Luft», Plattform Gegenzauber

Hoch hinaus ragt sie 
dicht bemooste Windung, 
nein Windungen 
aus braunem Sud, halsstarrigem Schlamm, 
fest gezogen von wehenden Ästen 
Luftschläuche umschlungen von faserigen Holzlenden, 
sich biegend, 
knatschend am Schreien um Hilfe.
Es steht bis zum Hals,  
wachsendes Wasser 
Vierblättrige Sonne aufgespalten im Licht 
nach vorn, nach hinten am Zergehen 
in strahlender Hitze, 
nicht mehr zu sehen. 
Dann die weitläufige Fläche mit eisigen Blättern 
aus dem Dunkel von oben, 
alles scheint einmal hell auf, 
am Glitzern, glänzend 
im wehenden Sand? 
In dunkelroter Erde 
Am Stampfen durch Blutrot 
durch krachendes Gebälk. 
Schon lächeln sie ins Mark, 
geschnitzte Masken, eingegerbte Gesichter an sinkenden Stämmen, 
in prachtvoller Grünblässe 
schreien um Hilfe. 
Wachsendes Wasser strahlt und schwappt von hinten, 
glänzt, 
im Wellen über die viergeteilte Sonne, 
spült weg, weggespült, 
alle Hälser gefüllt, Münder randvoll überlaufen 
bis kein Wort mehr hervordringt, 
bis es still wird im wachsenden Wasser 
Die Windungen fallen, 
fallen gegen sich selbst, halten sich gegenseitig fest im Tanz, 
im Geschlinge, 
Verschlungensein 
im Mikado ihres Sinkens. 
Bis das Wasser die Fläche überstrahlt, 
alles glänzt, 
grell, zu grell 
gelbscheinend 
In der Luft am Fliegen, am Tanzen 
am Schreien 
im Vergehen 
in der Luft

Eva Strautmann lebte nach dem Abitur in Grossbritannien. Sie ist Autorin, Künstlerin und Dozentin. Während des Studiums der Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin war sie zunächst als Tutorin und anschliessend als künstlerische Mitarbeiterin an der Hochschule der Künste Berlin tätig. Nach ihrer Tätigkeit als Regieassistentin am Berliner Ensemble folgte ein Umzug nach Frankfurt am Main. Im September 2005 hatte sie eine grosse Einzelausstellung in der Heussenstamm – Galerie am Römer in Frankfurt am Main unter dem Titel „Im Schreiben gehen – Im Malen schauen», bei der sie Bilder und Prosa-Texte kombinierte.

Beitragsbild © Eva Strautmann «Abstraktion 20», Öl auf Leinwand 

1. A*dS Preis – Was für eine Ehre

Liebe Anwesende, lieber Gallus Frei

Dürfte ich eine Diagnose stellen, würde ich sagen: Gallus Frei ist ein Buchverrückter. Möglicherweise sind wir das in diesem Saal alle mehr oder weniger, aber bei ihm ist die Ausprägung extrem.
Stellen wir uns Gallus Frei am gedeckten Tisch vor: Bücher gehören zu seiner täglichen Nahrung. Er liest sie, verdaut sie und verstaut sie in massgefertigten Regalen.
Ist die Phase der Nahrungsaufnahme – das schlichte Lesen – vorbei, rezensiert er die Bücher, führt Interviews mit den Autor:innen und veröffentlicht seine Gedanken auf dem Blog seiner Website literaturblatt.ch.
Seit zehn Jahren schon!
Manche Bücher schaffen es auch auf eins der Literaturblätter, auf denen er bereits seit 2011 jeweils vier Neuerscheinungen bespricht.
In Schnürlischrift! Handgezeichnet! Kugelschreiber auf Papier!
Pro Jahr verschickt Gallus Frei fünf bis sechs Ausgaben an seine Abonnent:innen.
Old School per Post reisen diese beständigen Rezensionsobjekte an ihr Ziel.

Wir wissen alle, dass in den herkömmlichen Medien immer weniger Platz für Buchbesprechungen zur Verfügung steht. Wie gut, dass Gallus Frei so viele Schweizerische und internationale Neuerscheinungen sichtbar macht: leidenschaftlich, wort- und bildreich. Mit seinem Blog begleitete er in den vergangenen Jahren nicht nur diverse Literaturfestivals, sondern während vier Jahren auch den Schweizer Buchpreis.

Aber Gallus Frei ist nicht nur Büchergourmet, sondern auch Gastgeber. An seinem Tisch in Amriswil vereint er Lesezirkel und Autor:innen; vier Jahre lang verantwortete er das Programm des Literaturhauses Thurgau, und seit 2024 leitet er zusammen mit Ariane Novel das St. Galler Literaturfestival Wortlaut.
Apropos Literaturhaus Thurgau: Raten Sie, wer dort die Bücher aus ihren Vitrinen befreite und für sie passende Regale baute? –

Gallus Frei kann fast alles. Vielleicht hat das mit seinem Brotberuf Primarlehrer zu tun. Herausragend ist seine Leidenschaft, sein Tempo, sein von Ideen brutzelnder Kopf, sein nicht versiegender Lesehunger und seine Freude am Kontakt mit den Literaturschaffenden. Und wir freuen uns, wenn unsere Bücher ihm in die Hände fallen.

Wir danken Gallus Frei für seinen wertvollen Einsatz für die Literatur und gratulieren herzlich zum ersten A*dS-Preis.

Laudatio: Eva Roth


Beitragsbild © Philipp Neff schliff.ch

«Mit jedem Vers» mit Thomas Dütsch und Chris Wirth

Thomas Dütsch, der seinen letzten Gedichtband «Zwischenhoch» bei Nimbus herausgab, las neue und «alte» Gedichte. Chris Wirth antwortete ihnen musikalisch oder nahm mit seiner Bassklarinette etwas vorab. Ein Abend des Genusses, eine Stunde des Eintauchens.

Es gab ihn schon vor 300 Jahren, den Literarischen Salon. Was damals noch in Adelhäusern geschah, weil auch die Literatur etwas war, wofür man nur in Adelshäusern Zeit und Muse hatte, das Leben der meisten Menschen damals bestand fast ausschliesslich aus Arbeit, dem Willen zu überleben, hat längst auch in Wohnzimmern des Kleinbügertums seinen Weg gefunden. Man trifft sich in der Wohnung von lesenden Menschen, lauscht für einmal auf Stühlen, die alle auf einen Punkt im Wohnzimmer ausgerichtet sind, lässt sich kulinarisch verwöhnen und kommt mit SchriftstellerInnen in einer Art ins Gespräch, für die es bei den üblichen Lesungen weden Zeit noch Raum gibt.

So auch an einem sonnigen Maiabend in Amriswil. Eingeladen waren der Dichter Thomas Dütsch und sein Musikerfreund Chris Wirth an der Bassklarinette. Jeder spielte auf seinem Instrument, zeichnete Wortbilder in die Luft. Ein Dutzend Gäste wurden sanft wachgepinselt. Thomas Dütsch sammelt, was er irgendwann am Schreibtisch zu Gedichten formt, in einem Wachstuchheft, das er immer mit sich trägt; Wörter, Wortfetzen, Gedanken. Sprachstücke wie Fundstücke, gesammelt in einer ganzen Bibliothek. Aus den einen Stücken werden Gedichte. Andere gedeihen nie. Bis ein Gedicht fertig ist, dauert es manchmal Jahre, manchmal über mehr als ein Dutzend Fassungen. Sehr oft wird Naturlyrik daraus, nie entrückt, nie verklärend, ganz nah am Betrachter, Bilder im Weckglas, lyrische Ansichtskarten, Ansichten innerer und äusserer Landschaften, ganz oft mit Fragen durchmischt.

Sie spielten sich gegenseitig zu, mal leise, mal wirblig, mal nachdenklich, mal fast tanzend, nahmen Fäden auf, liessen sie wieder los. So wie der eine seine Augen schloss, so blickte mir der andere ins Gesicht, machte mich zu einem Gegenüber, betroffen, getroffen. In solchen Stunden ist Kunst das, was scheinbar unsichtbar ist, das wie eine gallertige Masse zu schwingen beginnt. Und alle, die lauschen, werden Teil dieser Kunst, schwingen mit, werden zu grossen Trichtern, Umwandlern, Transformatoren.

Ich danke Thomas Dütsch und Chris Wirth für das Abenteuer einer Sternstunde der Empfindung.

Lieber Gallus, liebe Irmgard, vielen herzlichen Dank für die Einladung zur Hauslesung am 9. Mai! Euer Wohnzimmer war ein idealer Ort für unsere musikalische Lesung. Dass es uns gelungen ist, euch und eure Gäste mit unseren Gedichten und Klängen berühren, ist auch eurer herzlichen und offenen Art als Gastgeber zu verdanken. Auf der Rückfahrt nach Zürich waren wir uns einig: Es war ein künstlerisch und menschlich ein sehr reicher und stimmungsvoller Abend! Herzlich, Thomas Dütsch und Chris Wirth

Thomas Dütsch, geboren 1958 in Zürich, studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie in Zürich, Tübingen und Berlin. Auf Einladung des Berliner Kultursenats war er 1991 sechs Monate Stipendiat im Literarischen Colloquium Berlin (LCB). Für seinen ersten Lyrikband «Windgeschäft» (2001) und «Weißzeug» (2011) erhielt der Autor Anerkennungsgaben der Stadt Zürich. Thomas Dütsch lebt in Wädenswil.

Rezension zu «Zwischenhoch» auf literaturblatt.ch

Chris Wirth, 1966, beschäftigte sich nach dem Klarinettendiplom am Konservatorium Zürich intensiv mit Improvisation, Komposition und Arrangement. Neben einem Klarinetten-Trio mit eigenen Kompositionen wirkte er in verschiedenen Formationen und Projekten mit. 

Beitragsbilder © Philipp Neff schliff.ch

Colm Tóibín «Die Schwestern», Hanser

Montserrat, Conxita und Núria, drei Schwestern, erben das Haus ihrer Tante Julia, irgendwo in den spanischen Pyrenäen. Nur dieses Erbe führt die drei Schwestern nach Jahrzehnten zusammen. Als sie jung waren, nahm sie ihre Mutter mit nach Argentinien. Ein schmaler, aber äusserst atmosphärischer Roman des Meisters!

Weil es für die Mutter der drei Schwestern in Spanien keine Zukunft mehr zu geben scheint, nachdem der Vater gestorben war, werden die Schwestern von ihrer Mutter unfreiwillig nach Argentinien umgesiedelt. Dort muss das Glück stattfinden. Aber auch dort findet die Mutter den Tritt nicht. So sehr die Schwestern als Mädchen durch den Umzug wie Freundinnen aufwachsen, eine Einheit bilden, so sehr zerbricht diese Einheit, weil jede der Schwestern als junge Frau in einem eigenen Umfeld zu bestehen hat. Montserrat, Conxita und Núria brechen in Gegenwarten auf, die kaum mehr miteinander etwas zu tun haben. Núria, die Älteste, heiratet nach der Auswanderung in die besten Kreise Buenos Aires, hat schnell Kinder und lebt sie sich in Sphären aus, die nichts mit den Welten ihrer Schwestern zu tun haben. Conxita wird Gesellschafterin einer verschrobenen Dame und Montserrat, Montse, «das Nesthäkchen», arbeitet Jahrzehnte in einer Autowerkstatt. Aber Montse ist nicht die, für die die älteren Schwestern sie halten. 

Colm Tóibín «Die Schwestern», Hanser, 2026, aus dem Englischen von Ditte Bandini und Giovanni Bandini, 128 Seiten, CHF ca. 32.90, ISBN 978-3-446-28649-8

Jenes geerbte Haus ihrer verstorbenen Tante wurde kurz vor ihrem Tod renoviert. Die drei Schwestern treffen sich dort, zusammengeführt mit den verschiedensten Absichten, von Colm Tóibín inszeniert wie ein Kammerspiel. Montse ist der Mittelpunkt der Geschichte, jene Schwester, deren Leben bisher am unauffälligsten verlief. Sie ist die einzige, die nicht mit dem Plan, das Haus zu verkaufen, in die Pyrenäen gereist ist. Für sie bietet dieses Haus erstmals die Chance auf ein Stück Unabhängigkeit, ein Stück Glück, zumal man die Tante im kleinen Dorf schätzte. Es ist das Haus, in dem sie damals zusammen mit ihrer Mutter die Ferien verbrachten. Das Haus ist ein Stück Zuhause.

Colm Tóibín zeigt, dass das Erbe nicht nur in den Dingen steckt, sondern auch in den Leben, die enden, in den Leben der Eltern, in dem, was sie an erlebter Erinnerung zurücklassen. Hier das Haus mitten im Dorf, hier das Trümmerfeld zwischen den ungleich gewordenen Schwestern, die auch in den Wochen im Haus ihrer verstorbenen Tante wie gleichpolige Magnete auseinanderdriften. Man kann Colm Tóibín dafür bewundern, dass er sich traut, eine Geschichte zu erzählen, in der fast nur Frauen vorkommen. Zum einen kann er das, weil er ein Meister seines Fachs ist. Zum andern geht es nicht um geschlechterspezifisches Verhalten, sondern um den Zusammenprall menschlicher Existenzen überhaupt. Das andere Geschlecht deshalb, um den Figuren im Erzählen jene Distanz zu geben, die maximale Nähe erzeugen kann.

In „Die Schwestern“ geht es um Beziehungen. Um eine Mutter, die die älteste Tochter zur Leitfigur macht, ihre Schwestern zu Spielbällen, Rollen die den beiden jüngeren bleiben. Eine Mutter, die ihre Kinder wie Möbelstücke auf einen anderen Kontinent verpflanzt. Um einstmals Verschworene, die auseinanderbrechen. Um Leben, die nach ihrem Kern suchen. Um Leben, die alles der Fassade opfern. Montse ist die einzige, die immer bei sich selbst geblieben ist.

Es macht unglaublich Spass, dem Drama zuzuschauen!

Colm Tóibín, 1955 in Enniscorthy geboren, ist einer der wichtigsten irischen Autoren der Gegenwart. Bereits sein erster Roman «Der Süden» (1994) wurde von der Kritik enthusiastisch gefeiert. Sein Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem IMPAC-Preis, dem David Cohen Prize for Literature und dem Würth-Preis für Europäische Literatur. Zuletzt erschienen «Long Island» (Roman, 2024) sowie «Vinegar Hill» (Gedichte, 2025). Er wurde für 2022 – 2024 zum Laureate for Irish Fiction ernannt.

Giovanni Bandini und Ditte Bandini arbeiten seit 1985 als Schriftsteller und freie Übersetzer. Unter anderem haben sie Seamus Heaney, Matt Ruff, Cathleen Schine, Kiran Nagarkar und Neel Mukherjee ins Deutsche übertragen.

Beitragsbild © Emanuele Spina

Michael Hugentobler «Bis die Bären tanzen», dtv

Wie kaum ein anderer in der CH-Literatur malt Michael Hugentobler mit vielen Pinseln auf grosser Leinwand. Was der Autor an der Grenze zwischen Fiktion und Realität in Buchdeckel bannt, ist grosse Erzählkunst vereint mit der Leidenschaft fürs Detail.

Die aus Deutschland stammende Familie Leiber wohnt in Heiden, im Kanton Appenzell Ausserrhoden, einem Kurort hoch über dem Bodensee und dem Rheintal. Um die Bande in die alte Heimat nicht ganz abbrechen zu lassen, verbringt die Familie die Sommermonate jeweils im 180 Kilometer entfernten Heidenheim bei der Familie Hirsch, im Süden Deutschlands, nicht weit von Memmingen. In unbeschwerten Wochen tummeln sich die Kinder, bis sich der Himmel mit dem ersten Weltkrieg zu verdunkeln beginnt und die Bande nach Deutschland zu reissen drohen. Zum Beispiel jene Freundschaft zwischen Isabelle, von allen nur Belle genannt, und Baron, dem Sohn der Künstlerfamilie Hirsch, einer Familie, die sich der Kostüm- und Kulissenkunst verschrieben hat und in einer grossen Scheune im Ort eine Welt in der Welt erschaffen hat. Belle und Baron wachsen wie Geschwister auf, schreiben sich auch in den Wirren des Krieges weiterhin Briefe, schwören sich ewige Freundschaft, bis auch der Ton in den Briefen immer sachlicher wird und das Band reisst. Mutter Leiber tut neben ihrem an Alkoholismus verfallenen Ehegatten alles, um in der Schweiz eine Einbürgerung zu erwirken, ein Ansinnen, das mit zunehmendem Kriegsgeschehen und mit den Vorurteilen der Einheimischen nicht einfacher wird.

Nur zwei winzige Buchstaben entscheiden über Finden und Erfinden.

Belle, deren Träume vom Liebesglück zerschlagen werden, «reisst» sich zusammen, heiratet, um nicht für immer ledig zu bleiben, lässt sich von den Versprechungen einer Auswanderungsagentur einwickeln, fährt mit Schiff und Ehemann nach Brasilien, wo man etlichen Auswanderern ein Stück Land verspricht, ein zweites Stück Heimat, einen Acker und ein Haus, eine Zukunft als Siedler. Ein nächster Traum, der in den feuchten Tiefen des Urwalds beinah vom Wahnsinn gefressen wird.

Michael Hugentobler «Bis die Bären tanzen», dtv, 2026, 352 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-423-44869-7

Anne, die ältere Schwester von Belle, die mit einer Pfefferschote zwischen den Zähnen zur Welt gekommen sei, die nichts von der Enge des Appenzellerlandes hält, die in permanentem Kampfmodus zu leben scheint und sich mit revolutionärer Lektüre füttert, bricht ebenfalls in die Ferne auf, bevor sie sich der Enge, den Traditionen und Gottgewolltem, dem Leben als Untertänige, als Serviererin, ergeben muss, nach einer wahren Odysse nach Australien. Dort packt sie selbstbewusst ihr Leben, adopiert den Sohn eines Anachistenehepaars, schwimmt an der Seite eines Finanzmarktspezialisten im Geld, einem Mann, dessen Herz eher rattert wie eine Rechenmaschine.

Jakob, Cob, der einzige Sohn der Familie, beginnt mit Glück, trotz zunehmender Wirtschaftskrise, eine Arbeit in einer Eisengiesserei in Rorschach am Bodensee, genau das Richtige für ihn, der seine Muskeln als einziges Kapital einer unsicher gewordenen Zukunft sieht. Erst recht, als der besoffene Vater seine sonst versteckte Luger auf ihn richtet und abdrückt und der Katastrophe nur entkommt, weil seine Mutter längst die Kugeln aus dem Magazin entfernt hatte. Cob bricht mit seinen Eltern, lernt eine Zirkusschönheit kennen, mit der er durch die Lande tingelt, bis auch er von der Realität wie Ikarus vom Himmel geholt wird.

Nur Elfriede, kurz Elfie, bleibt zuhause, wie Ehefrau und Mutter, die Mutter von Constantin, dem eigentlichen Erzähler dieser ausufernden Geschichte, eines Historikers. Constantin ist jahrzehntelang der Überzeugung, der Spross einer völlig langweiligen Familie zu sein, auch wenn es in den Erzählungen seiner Grossmutter die verrücktesten Geschichten gibt. Bis ein Sturz eben dieser Grossmutter, Mamme Lieber, den Damm endgültig zum bersten bringt und Constantin nicht nur von Berufes wegen zwingt, sich auf die Suche nach den tatsächlichen Geschichten zu machen.

Kennen sie die Geschichte ihrer Grosseltern? Kennen sie sie wirklich? Gar ihrer Urgrosseltern? Oder verfallen auch sie dem kollektiven Irrtum, der institutionalisierten Langeweile, einer kleinbürgerlichen, steinernden Ordnung entsprungen zu sein? Oder geistern Geschichten, Ahnungen, Unausgesprochenes, Geheimnisse in ihrer Familie, ihrer Sippe herum? So wie Baron, der Spross einer Maskenkünsterfamilie die Wirklichkeit zu verstecken weiss, so schafft Michael Hugentobler ein Panoptikum schillernder Existenzen, die sich in den Strudeln des letzten Jahrhunderts zu halten versuchen. Ein Buch überbordender Fantasie, geschrieben von einem Mann, der davon überzeugt ist, dass die Realität von der Fantsie kaum zu überbieten ist. Ein literarischer Leckerbissen, der funkelt und fasziniert, der einem sprachlos macht angesichts seiner Dichte und Kunstferigkeit. Ein literarisches Fries, das sich fast um den ganzen Globus spannt, ohne dabei künstlich zu wirken. Ein kolossales Stück Literatur, genau das Richtige, um in den Weiten der Fantasie abzutauchen! Was für ein Buch!

Das Leben ist eine wunderschöne Katastrophe, und natürlich dürfen wir es mit Schweigen überdecken.

Michael Hugentobler, 1975 in Zürich geboren, arbeitete nach der Schule als Postbote und bereiste dann dreizehn Jahre lang die Welt. Heute ist er freischaffender Romanautor und Reporter. 2018 erschien sein Debütroman «Louis oder Der Ritt auf der Schildkröte«, sein zweiter Roman «Feuerland» wurde 2021 für den Schweizer Buchpreis nominiert. Er lebt mit seiner Familie in Aarau/Schweiz.

Beitragsbild © Markus Kirchgessner

Leonor Gnos «Bis die Schwalben fliegen», edition bücherlese

Leonor Gnos Gedichte erzählen glasklar und unverschlüsselt. Hinge ihre Kunst wie Bilder an Wänden, wäre sie gegenständlich, aber unmissverständlich vieldeutig. Da schreibt und dichtet eine Frau mit dem Mut einer Unverzagten, mit dem tiefen Bewusstsein, dass ihre Sprache Musik ist.

Ich lernte die fast Neunzigjährige in einem Restaurant in Luzern kennen. Eine kleine Frau mit ausgesuchter Garderobe, keckem, schwarzem Lederhut ohne Krempe, wachen Augen und fein rot nachgezogenen Lippen. So wie ihre Gedichte hat das Wesen dieser Frau nichts Aufdringliches, weder ihre Gedichte noch ihr Tun zwingen etwas auf. Und trotzdem sitzen wir uns nach wenigen Minuten wie alte Bekannte gegenüber. Aber genauso geht es mir mit ihren Gedichten. Da schreibt jemand mit einem Gleichmass an Herz, Seele und Geist. Nichts Verschlüsseltes, nichts Vergeistigtes, nichts Verklausuliertes. Die Vielschichtigkeit ihrer Lyrik liegt offen, so wie die Freundlichkeit und Zugewandtheit der Frau hinter den Gedichten.

 

Die Winde austoben lassen
die abgeflauten Stösse
keinen Schrei mehr übrighaben
erstickendes Heulen Winseln
bis das letzte Wehen flach liegt

die Wörter aufsteigen
in bangen Sätzen
Rückkehr ins Gedicht
als wäre es das erste Mal

 

Leonor Gnos «Bis die Schwalben fliegen», edition bücherlese, 2026, 104 Seiten, CHF ca. 26.00, ISBN 978-3-03981-028-4

Leonor Gnos orientiert sich an der Natur, einem wachen Auge, dem Blick für die Kleinigkeiten, hinter denen sich das Grosse verbirgt. Helle Farben, offenbarende Bilder, klare Konturen, die meinen eigenen Blick schärfen. Leonor Gnos nimmt nicht Stellung, trotzdem sind ihre Gedichte Statements einer Haltung, setzen etwas gegen die Abgründe im Menschlichen, gegen die Verwerfungen der Gegenwart. Ihre Gedichte sind geschmeidig, nie glatt, verraten viel über die Art ihres Schauens, ihren Alltag, ihr Schreiben, das längst zu Atem geworden ist.

 

Wie Formen und Umformen glückt
zeigt mir der Mond in der Nacht
wenn der neue Entwurf gelingt
und ich an nichts zu glauben brauche
mich wie die Sängerin auf die Luft stütze
die den Klangkörper der Wörter trägt

so setze ich Zeilen als schriebe ich
ein Gedicht allen Regeln zum Trotz

 

Der Gedichtband ist in drei Teile unterteilt; Funkensprühen – Lichte Scheitel – Geflüchtete Sonnen. Vom Frühling, vom Erwachen durchs Jahr bis hinein in den Winter, ins Vergehen, ins Sterben. Eingeschlossen die Erfahrungen eines langen Lebens, des Werdens und Vergehens, vom Aufbrechen bis in den Tod. Mag sein, dass Resümieren mitschwingt, der Blick zurück auf ein langes Leben. Aber ohne Groll, dafür mit einer ordentlichen Portion erfrischenden Widerstands.

 

Lange Schatten fliehen
mit der sinkenden Sonne
Goldtöne lösen sich auf im Dämmer

in den Bäumen kauern Gnome
werfen Kastanien und Nüsse

doch ich suche das Licht des Meers
bevor die Sonne verschwindet
und ich mit ihr

***

Der Gedanke bohrt und gräbt
nicht wie der Stein oder der Schatten
er geht einem Ton auf den Grund
einer Stimme in der Nähe
der Kindheit und des Todes

geht dem Gedicht nach
dem Schrei und seinem Schweigen

Foto © Benedikt Troxler
Foto © Benedikt Troxler

Ich liebe Musik, in der Lyrik ist viel Musik, Wörter und Silben folgen einer musikalischen Intention, einem Rhythmus, der den Versen den Zauber des Gedichts geben. Erinnern, Denken, Empfinden, Finden, Erfinden, Verbinden. Leonor Gnos

Leonor Gnos, geboren 1938 in Amsteg, UR, publiziert Lyrik und Prosatexte. Nach einer kaufmännischen Ausbildung lernt sie mehrere europäische Sprachen, verknüpft mit Aufenthalten in England, Italien, Spanien, Griechenland. Sie erwirbt Lehrdiplome und unterrichtet 1988 – 2009 Deutsch in Paris. Im Alter von fünfzig Jahren beginnt sie mit dem literarischen Schreiben und veröffentlicht in den folgenden Jahren zahlreiche Gedichtbände. Seit 2010 lebt sie – die pulsierende Städte liebt – in Marseille. Dort ist sie Mitglied des lyrischen Zirkels «Le Scriptorium».

Beitragsbild © Roberto Conciatori

Dita Zipfel «Es ist hell und draußen dreht sich die Welt», Insel

Auf einer gemeinsamen Reise kommen sich zwei Frauen näher, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Und neben den ganz großen Fragen bleibt am Ende vor allem eines: ein unbefriedigendes Gefühl.

Mutterschaftsurlaub
Gastrezension: Anna-Lia Käslin-Tanduo kam von der Elbe an den Rhein und studiert nun in Basel Literaturwissenschaft. Am liebsten beschäftigt sie sich mit Fragen zur Erzähltheorie und Mutterschaftsdarstellungen in der Kunst.

Ein Roman über Mutterschaft. Noch einer. Brauchen wir das?

Diese Frage kann man sich stellen, wenn man Dita Zipfels Buch «Es ist hell und draußen dreht sich die Welt» vor sich hat. Denn darum geht es, genauer gesagt um zwei Frauen: Eva, die schon Mutter ist, und Linn, die es noch werden soll. Zusammen mit ihren Partnern Felix und Matze und den beiden Kindern von Eva und Felix verreisen sie an die Côte d’Azur. In einen Luxusbungalow, der so ist, wie man sich Luxus vorstellt: Alles ist weiß und poliert, der Boden glänzt. Nach dem Urlaub werden Linn ihre befruchteten Eizellen eingesetzt, und dann bekommen sie und Matze endlich auch ein Kind. So weit der Plan.

Doch das erste Problem ist schon der Bungalow, das Ufo aus Glas wird nämlich von Felix bezahlt. Er bezahlt auch den ganzen Urlaub, denn Felix ist reich. Und das stört Linn. Sie mag Felix eigentlich nicht, und noch weniger die perfekte Eva. Aber Matze und Felix sind Jugendfreunde und so muss sich Linn ihrem Schicksal ergeben.

Etwas uninspiriert kommt dieser Plot daher: eine Gruppe auf engem Raum, Konfliktpotenzial inklusive. Auch die Figuren sind nicht gerade originell. Felix ist zwar erfolgreich, auf der Suche nach ständiger Optimierung aber nicht glücklicher als alle anderen. Und die normschöne Eva, die sich bewegt als würde ein Wind sie tragen, ist in Wahrheit auch unsicher und überfordert. Linn und Matze sind die Normalos, nicht unglücklich im Leben, aber perfekt ist es eben auch nicht.

Dita Zipfel «Es ist hell und draußen dreht sich die Welt», Insel Verlag, 2026, 219 Seiten, CHF ca. 34.90, ISBN 978-3-458-64612-9.

Spannend verspricht es zunächst zu werden, als die beiden Frauen sich annähern. Da gibt es zuerst ein erotisches Knistern, das sich aber nicht recht entwickelt und deshalb irgendwie fehl am Platz wirkt. Trotzdem werden die beiden Verbündete, vapen heimlich zusammen und werfen sich verschwörerische Blicke zu. Und sie spielen gemeinsam Wahrheit oder Pflicht, was aber aufregender klingt, als es dann letztendlich ist. Die Beziehung der beiden dient vor allem dazu, auszuhandeln, worum es im Roman geht: Was es heißt, Mutter zu sein. Vor allem Linn fragt sich dabei, ob sie das wirklich kann. Und Eva gibt zu, dass eben nicht alles so perfekt ist, wie es scheint.

Das klingt alles nicht neu und macht über weite Strecken auch nicht wirklich viel Spaß. Eva und Linn zeigen immer wieder, dass Frauen zu ihren Körpern ein schwieriges Verhältnis haben. Der Roman startet damit aber keinen Überwindungsversuch, sondern festigt traurige Tatsachen. Denn Eva und Linn bewerten den weiblichen Körper mit Blick auf Mutterschaft rigoros: vorher gut, nachher schlechter. Wer kann, sollte das Nachher im Vorher noch so gut es geht beeinflussen. Zum Beispiel durch einen Kaiserschnitt, dann bleibt wenigstens der Beckenboden heil. So zumindest lautet Evas Empfehlung an Linn. Ein zweifelhafter Rat, den der Roman aber nicht weiter hinterfragt.

Und so verläuft vieles nur an der Oberfläche. Das ist auch nicht verwunderlich, denn neben der Beziehung zwischen Linn und Eva gibt es zahlreiche weitere Schauplätze: Da sind die ständigen Konflikte zwischen Felix und Linn, die Freundschaft von Felix und Matze, die Geschichte von Latifa, die für die Reinigung der Ferienhäuser zuständig ist. Es wird geklaut, geschimpft, gelogen und der Bungalow wird am Ende zum Bunker. All das wirkt zusammen wie ein buntes, grelles Bild, in dem alles wichtig ist, aber nichts so richtig zu Geltung kommt.

Romane über Mutterschaft brauchen wir weiterhin, unbedingt. Denn nur so bleiben wir über Care, Rollenbilder und alles damit Verbundene im Gespräch. Aber vielleicht nicht gerade so.

Dieser Text entstand im Rahmen eines Seminars zur Literaturkritik im Frühjahr 2026 an der Universität Basel unter der Leitung von Daniel Graf (Literaturkritiker beim Republik Magazin).

Dita Zipfel, 1981 in Kiel geboren, schreibt Theaterstücke, Drehbücher, Essays und Literatur. 2020 wurde sie für ihren Jugendroman «Wie der Wahnsinn mir die Welt erklärte» unter anderem mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Ihre Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Sie schreibt Geschichten, die ein bisschen wie Filme sind, vielleicht, weil sie sich das Erzählen im Kino ihres Opas beigebracht hat.

Beitragsbild © Jacintha Nolte/Insel Verlag.

Martina Caluori «Schatten der Pinus», lectorbooks

Martina Caluoris Romandebüt „Schatten der Pinus“ ist ein 152 Seiten langes Fries der Innen- und Aussenwelten. Ein fast verlassener Campingplatz im Nirgendwo am Meer. Die vier, die geblieben sind, erwarten nichts mehr, leben ganz im Moment oder dämmern in Erinnerungen.

Es war einst ein Platz mit Kinderlärm, rufenden Eltern, Geruchswolken aus Sonnencreme und gegrilltem Fleisch, mit aufgespannten Sonnenschirmen und Fetzen von Musik. Geblieben sind eine Handvoll Gestrandeter, Zurückgebliebener, Ausharrender – und die Pinien, die von jeher ihre krummen Rücken nach dem Wind richten. Sand voller Abfall, Plastikresten. Das Meer ist grau geworden. Von Zeit zu Zeit werden sie mit dem Nötigsten versorgt, die geblieben sind in ihren Campingmobilen, die einst die Freiheit versprachen. Es ist nicht der Blick aufs Meer, nicht einmal auf die leise gewordenen Bewegnungen derer, die geblieben sind. Es ist der Blick nach innen, die Resignation, der Blick in blass werdende Vergangenheiten, die Restsehnsucht.

Vielleicht ist das die Gefahr der Vergangenheit: das sie nicht einfach war, sondern sich mit jedem Erinnern neu zeigt.

Martina Caluori «Schatten der Pinus», lectorbooka, 2026, 152 Seiten, CHF ca. 31.90, ISBN 978-3-907709-27-6

Phine, Jochen, Bo und eine namenlose, alte Frau; sie alle eingeschlossen sind in ihre eigene Geschichte, ihre eigene Welt, hadernd, trauernd, alleine, verlassen, einsam. Das einzige, was sie verbindet, ist der Ort, ein Leben ohne wirkliche Zukunft und das Gefühl des Vergessenseins. Gefangen von sich selbst. Nur manchmal sitzen die einen zusammen, trinken und sinnieren. Nur die alte Frau, die am Strand die langen Nadeln der Pinien sammelt, scheint sich einigermassen frei zu bewegen.

Martina Caluori erzählt keine Geschichte. Selbst die Erinnerungsfetzen, die in den ineinander verflochtenen Texten auftauchen und wieder verschwinden, sind Fragmente, Erinnerungsbilder, Gefühle, Stimmungen. Martina Caluori malt ein langes Bild, eine Stimmung, Szenen von Menschen, die sich nicht aufgegeben haben, aber auch nichts mehr von ihrem Leben erwarten, nicht einmal einen nächsten Tag. Mag sein, dass es die einen als Dystopie lesen, Bilder aus einer Zeit, in der der nächste Tag nur die Verlängerung der Gegenwart ist, in der man sich nicht einmal mehr in ein Zurück sehnt, in der man das Hoffen aufgegeben hat, von Menschen, die angesichts der grauen Gegenwart an den Farben der Vergangenheit zweifeln. Es geht bei Martina Caluoris Schilderungen nicht um die Erinnerungen selbst, nicht um die Bilder, nicht um die Inhalte, sondern was das Erinnern mit den ProtagonistInnen macht, den Akt selbst, das Hineinschauen.

Wenn du verhindern willst, dass sich Vergangenes verändert, müsstest du aufhören, daran zu denken.

Manchmal gibt es Bücher, die einem den gleichförmigen Lesefluss verweigern. Nicht weil die Spannung abbrechen würde, sondern weil einem bei der Lektüre Sätze anspringen, die sich festkrallen, mit denen man ringen muss, die nicht loslassen, die haften bleiben, sich nicht abschütteln lassen. In „Schatten der Pinus“ gibt es diese Sätze zuhauf. Manchmal staune ich einfach nur über die Klarheit eines solchen, die Weisheit oder die Prägnanz. Manchmal werfen sie mich aus dem Lesefluss, weil in meinem Kopf durch die Sätze eine Runde weg vom Text in meine eigene Gedankenwelt gemacht werden muss, weil mich das Nachdenken aufhält, weil ich es nicht zulassen will, so einfach über den einen oder anderen Satz hinwegzulesen.

Ein ungemein wundersames, atmosphärisches Buch.

im Literaturhaus Thurgau Gottlieben

Martina Caluori lebt als Lyrikerin und Autorin in der Schweiz. Nach einem Studium der Publizistik und Filmwissenschaften debütierte sie 2019 mit dem Lyrikband »Frag den Moment«, gefolgt von Mundartlyrik für »Öpadia: A Novella us Graubünda« (2021) und 2022 von ihrem Kurzprosadebüt »Weisswein zum Frühstück«. 2023 erschien ihr Gedichtband mit Audiowerk »Ich weine am liebsten in Klos« (beide lectorbooks). Für ihren Debütroman »Schatten der Pinus« (2026, lectorbooks) wurde sie mit dem Literarischen Werkbeitrag der Stadt Chur sowie mit dem Grossen Werkbeitrag des Kantons Graubünden ausgezeichnet.

Beitragsbild © Michel Gilgen

Hauslesung mit Thomas Dütsch und Chris Wirth «Mit jedem Vers»

Samstag, 9. Mai, 18 Uhr, Maihaldenstrasse 11, 8580 Amriswil, Lesung, Musik und Diskussion bei Wein, Wasser und Leckereien, (bis ca. 21 Uhr), Eintritt inkl. Konsumation 35 CHF, zwingend Anmeldungen bis 3. Mai unter info@literaturblatt.ch oder 076 448 36 69 (Platzzahl beschränkt!). Hauslesung mit Thomas Dütsch und Chris Wirth «Mit jedem Vers» weiterlesen