Thomas Kunst «Masleboi», Suhrkamp

Was Kunst schreibt, ist Kunst. Ob Lyrik wie in seinem letzten Lyrikband «Wü» oder wie im vorletzten Roman «Zandschower Klinken». Erst recht mit «Masleboi», einem Nicht-Roman, auch wenn das Etikett «Roman» auf dem Buch stehen muss. Masleboi ist ein Tripp in die Tiefen der Sprachkunst.

Vielleicht müsste man dem Buch einen Beipackzettel verpassen, auf dem vor dem Umgang mit dem Stoff gewarnt werden muss. Wer reine Unterhaltung erwartet, wird sich verwundert die Augen reiben, auch wenn GeniesserInnen literarischer Feinkost sehr wohl bestens unterhalten werden. Wer Spannung sucht, sieht sich mit den üblichen Massstäben enttäuscht, obwohl die Spannung eher vertikal zu finden ist, in der Art, wie Thomas Kunst sieht, denkt und sich treiben lässt. «Masleboi» ist ein Blindflug im Kopf des Dichters. Mit «Masleboi» sträubt sich der Dichter einmal mehr gegen Konventionen, scheinbar allgemeingültigen Vorstellungen, was Literatur zu sein hat. Weit weg vom Diktat, ein Buch, einen Roman mehr im Strom all dessen zu werden, was unter dem Titel «Autofiktion» veröffentlicht wird. Im Gespräch um die gegenwärtigen Strömungen (die alles andere wegzureissen drohen), diskutiert sich Thomas Kunst regelmässig in Rage. Mit Recht. Warum soll ausgerechnet das, was die Literatur kann, zu einem Einheitsbrei werden? Warum akzeptiert man in der Musik oder der bildenden Kunst all die Sonderlinge, macht aus ihnen Halbgötter, wenn sie sich gerade eben nicht einordnen lassen?

Thomas Kunst «Masleboi», Suhrkamp, 2026, 223 Seiten, CHF ca. 36.90, ISBN 978-3-518-43277-8

So kann man viel leichter beschreiben, was «Masleboi» nicht ist. (In einem Interview erzählt Thomas Kunst, er habe das Wort, das dem Buch den Namen gibt, von seinem Vater, der damals, als er Kind war, immer wieder von «Masleboi» sprach, einem der in der DDR damals alles Mögliche und Unmögliche besorgen konnte. Jetzt ist Thomas Kunst «Masleboi». Er besorgt mir all die Bilder, die nur er mir besorgen kann. Und er besorgt es mir ganz ordentlich.) «Masleboi» ist keine Geschichte, ein Sprachkunstwerk ohne Plott, ein Buch mit unendlich vielen skurrilen Bildern und Binnengeschichten, ein Tripp, der an Fellini erinnert, der nicht erklären und schon gar nichts beweisen will. «Masleboi» ist ein bisschen Utopie, ein bisschen Dystopie, manchmal Science-Fiction, machmal Perlenschnur, oft ein Geheimnis und immer ein Abenteuer. Bestimmt sind viele Bilder Versatzstücke aus dem Leben des Autors, so wie Schnappschüsse eines Autisten. «Masleboi» ist die Denkspur, die Thomas Kunst hinter sich zurücklässt. Eine faszinierende Welt aus Lichtblitzen und Schattenstücken.

Da lebt einer in Otchanganarriva, einem kleiner Ort im Nirgendwo. Er hat sich ein Haus gebaut aus Büchsen und Brettern, ein Haus mit Tisch, Bett und Briefkasten. Dosen als Trinkgefäße, Aschenbecher für Freunde, Gewürzbecher, Kerzenverstecke, Stifthalter, Muschelbüchsen, Zahnputzbecher und Pflanzentöpfe mit Trauermücken, Restnässeparadiese. Er verschanzt sich zuweilen darin, würde all die vollen Dosen auch zur Selbstverteidigung brauchen, auch wenn er wegen der abgelösten Etiketten nicht mehr weiss, was in den Dosen eingeschlossen ist. Neben all den Sonderlingen an diesem sonderbaren Ort wird auch in den untergegangenen und versenkten Schiffen vor der Küste gewohnt und gelebt. Es ist eine seltsame Welt, jener Ordnung enthoben, in der die Realität zu ersticken droht. Der Erzähler ist nicht allein. Da geistert Masahlena herum, ein geisterhaftes Wesen – und natürlich eine Katze, das Pinguinmädchen. Er lebt von in Epoxidharz eingelegten Insekten, verkauft sie als Bernsteinschmuck.

«Masleboi» ist für jene, denen Sprache mehr ist als Transportmittel. «Masleboi» ist Kunst.

Rezension zu «Zandschower Klinken» auf literaturblatt.ch

Thomas Kunst, geboren 1965, ist ein «gelehrter Dichter, ein leidenschaftlicher Leser, ein hochgebildeter Bibliothekar und ein bunter Vogel; ein Romantiker, den der Weltzustand beunruhigt und der es versteht, diese Beunruhigung durch die künstlerische Form in Einsicht zu verwandeln und den Mut der Fantasie ins Spiel zu bringen» (Hans Höller). Für seine Lyrik und Prosa wurde er zuletzt mit dem Kleist-Preis 2023 und dem Erich Fried Preis 2023 ausgezeichnet. Er lebt in Sachsen-Anhalt auf dem Lande.

Beitragsbild © Sandra Kottonau