Paula wird schwanger, ungewollt. Bei Paulas Grossmutter wird Alzheimer diagnostiziert. Ausgerechnet bei ihr, die eine der letzten Zeitzeuginnen der „Mühlviertler Hasenjagd“ ist, einem Massaker an ausgebrochenen Häftlingen des KZs Mauthausen. Während ihre Grossmutter ins Schweigen sinkt, bäumt sich in Paula das Leben auf!
Paula ist Lehrerin, engagiert und endlich auf eigenen Füssen. Sie wohnt in Linz, nicht weit vom Hof ihrer Eltern und Grosseltern in unmittelbarer Nachbarschaft der Gedenkstätte des KZs Mauthausen. Ganz jung wurde dort ihre Grossmutter Zeugin der Flucht jener russischen Kriegsgefangenen, die man in den letzten Monaten des Krieges im KZ im Block 20 eingesperrt hatte, einem Todesblock. Mehrere hundert K-Häftlinge (Kugel-Häftlinge, die erschossen werden sollten, wenn sie nicht durch Hunger und Krankheit qualvoll sterben mussten) versuchten aus purer Verzweiflung einen Massenausbruch. Wer nicht die Kraft hatte, sich den Fliehenden anzuschliessen, wurde am 2. Februar 1945 von den überraschten Bewachern erschossen. Von den 500, die flohen, überlebten nicht einmal zwei Dutzend. Man jagte nach ihnen wie nach Hasen, durchkämmte Wälder und Dörfer, durchsuchte Häuser, Ställe und Scheunen. Wer jemanden versteckte, dem drohte selbst der Tod. Einer jener russischen Offiziere war Sergei. Irgendwann stand er in Fetzen und blanker Verzweiflung vor der Türe. Man versteckte ihn im Heuboden, wo er nur durch Zufall nicht gefunden wurde. Ein Progrom, ein Massaker, das sich tief ins Bewusstsein der Familie eingefressen hat. Ein Bewusstsein, mit dem aber jeder in der Bauernfamilie Reisinger ganz unterschiedlich umgeht. Eine Greueltat, mit der die Einwohner des kleinen Ortes auch 70 Jahre später immer noch zu kämpfen haben, nicht zuletzt mit ihrer Unentschlossenheit, gegen das Vergessen einen Gedenkort einzurichten.
„…Wie wenn vom Wegschauen irgendwann einmal was besser g’worden wär in der Welt.“

Paulas Grossmutter wird immer wieder als eine der letzten Zeitzeuginnen eingeladen und für ihre Art des Erinnerns ausgezeichnet. Sie hat nie geschwiegen, so ganz anders wie Paulas Mutter, die viel lieber endlich den Mantel des Vergessens über die Vergangenheit gelegt hätte. Paula fühlt sich in ganz besonderer Weise zu ihrer Grossmutter hingezogen, einer schollenbewussten Frau, die nicht nur den Widrigkeiten von Vergangenheit und Gegenwart trotzt, sondern auch den innerfamiliären Spannungen. Sie bleibt ein Fels, gibt Paula das, was sie an Familie braucht. Erst recht jetzt, wo in ihr ein neues Leben wächst, das sie allein zur Welt bringen muss. Erst recht jetzt, wo sich mit nicht mehr zu leugnenden Kleinigkeiten, Verwirrungen und Verunsicherung eine Ahnung in das sensible Familiegefüge schleicht, das alles auseinanderzubrechen droht. Und als Ahnung zur Gewissheit wird, die Betreuung, die Kontrolle der Grossmutter immer schwieriger werden, als eine Ärztin bei Paula eine Herzinsuffizienz diagnostiziert und Paula mahnt, jegliche Aufregung während der Schwangerschaft zu vermeiden, wird die Situation immer schwieriger.
„Wenn alle Angst haben, dann rührt sich keiner, oder fast keiner. Dann wird das, was man davor für unmöglich gehalten hat, auf einmal ganz schnell normal.“
Paula wird aus allen ihren Sicherheiten herausgerissen, ihren Selbstverständlichkeiten. Eine ungeplante Schwangerschaft, Herzprobleme, die Rückkehr in ihr Eltern- und Grosselternhaus, ihr Kinderzimmer, zurück in den „Schoss“ einer Familie, die mit Grossmutters Diagnose Alzheimer so unterschiedlich umgeht wie mit den Erinnerungen dieser, die immer deutlicher durch den Schleier des Vergessens durchbrechen; die Erinnerungen an Sergei, an ihre schon lange verstorbene Schwester Katherl, an den Krieg, die SS, die Nazis. Für Paula war ihre Grossmutter der Fels in allen Unsicherheiten, jene, die ihr stets zu helfen wusste. Mit einem Mal ist es Paula, die die Sicherheit geben muss, ihrer Grossmutter und dem Kind unter ihrem Herzen.
Damals waren es die Ausgebrochenen, die man wie die Hasen jagte. Heute sind es jene, die sich unter den drohend schwarzen Wolken wegducken, nicht sehen wollen, sich im Privaten verkriechen, sich dem nicht stellen wollen, was nur durch Erinnerung und Konfrontation zu stemmen ist. Anna Silber erzählt in einer archaischen Sprache, direkt und sinnlich. Während die Geister der Vergangenheit nicht schweigen wollen, versinkt ausgerechnet jenes Leben, das sich stets der Erinnerung, dem Nicht-Vergessen-Wollen, zuwandte. Während im Bauch der Erzählerin ein Kind wächst, ihr Herz aus dem Takt gerät, wandelt sich die Perspektive auf das Leben grundlegend. Nebst eindringlicher Familiengeschichte und prägnanter Auseinandersetzung mit einem Stück Vergangenheit des Schreckens, das bis in die Gegenwart wirkt, ist „Wie die Hasen“ spannend bis zur letzten Zeile!
Anna Silber wurde 1995 in Mödling geboren und wuchs in Deutschland auf. Sie studierte Transkulturelle Kommunikation und Internationale Betriebswirtschaft. Zahlreiche Förder- und Nachwuchspreise. Ihr Debütroman «Chopinhof-Blues» erschien 2022 im Picus Verlag, 2023 «Das Meer von unten».
Beitragsbild © Paul Feuersänger

Tom Zürcher, 1966 geboren, ist freier Texter. Meistens textet er in Zürich. Er textet alles, was das Leben von ihm verlangt, doch am liebsten textet er Romane. Keine Mitgliedschaften, keine Jurys, keine Pläne. In festen Händen. 2019 war er mit «Mobbing Dick» für den Deutschen Buchpreis nominiert. Im Picus Verlag erschien 2021 sein neuer Roman «Liebe Rock».


