Der 1. Schreibwettbewerb «Amriswil schreibt» ist Geschichte

Die Stadt Amriswil schreibt viele Geschichten: Schulkinder entdecken ihr literarisches Talent. Am ersten Schreibwettbewerb der Volksschulgemeinde Amriswil-Hefenhofen-Sommeri haben 355 Schülerinnen und Schüler mitgemacht. Die vier Besten sind jetzt ausgezeichnet worden.

von Barbara Hettich

«Ein paar Sekunden» – so lautet der Titel einer Geschichte, die Aline Popp, Schülerin der 3. Sekundarstufe, eingereicht hat. Sie erzählt von einem Dilemma, das ihre Heldin innerlich fast zerreisst: Ihr Freund hat mit dem Auto ihre Eltern zu Tode gefahren. In seiner Laudatio würdigte Jens Steiner, Schriftsteller und Jurymitglied, die Geschichte von Aline Popp:
Aline Popp beschreibt Ambivalenzen behutsam, spürt den emotionalen Umschwüngen akkurat nach und gelangt zu einer Wahrhaftigkeit, die die Jury sehr beeindruckt hat.

An der Preisverleihung im Kulturforum Amriswil am Mittwochnachmittag durfte Aline Popp als Gewinnerin der Kategorie D (Oberstufe) ihren Preis – Urkunde, Büchlein, gravierter Stift und Büchergutschein – entgegennehmen.

Das Thema «Freundin verloren/Freund verloren» war bei der Wettbewerbsausschreibung klar vorgegeben. Und dieses Thema hat insbesondere Mädchen sowie die Fünft- und Sechstklässler (Kategorie C) angesprochen. Jedenfalls wurden in dieser Kategorie die meisten Arbeiten eingereicht.

Maëlle Emma Schenk hat sich durchgesetzt und mit ihrem Text «Für immer verloren …» die Jury überzeugt. Mit klarer Stimme liest sie dem Publikum ihre Geschichte vor. Sie erzählt von einem Mädchen, das seine beste Freundin durch einen Streit verloren hat, eine neue findet, diese verliert und zu guter Letzt wieder findet. Jurypräsident Gallus Frei würdigte die Arbeit der Fünftklässlerin mit folgenden Worten: Maëlle Emma Schenk erzählt mit viel Empathie, ohne die Geschichte mit überschwänglichen Emotionen vollzustopfen.

Mit einer Kriminalgeschichte hat sich Tim Ayan Schnyder auf den vordersten Platz in der Kategorie B (Dritt- und Viertklässler) geschrieben. In der Geschichte «Der Mann mit dem braunen Kittel» erzählt er von zwei Freunden, die von einer Verbrecherbande entführt wurden. Katja Alves, Schriftstellerin und Jurymitglied, fand für die Arbeit anerkennende Worte: Tim wählt für seine Geschichte Motive und Szenarien, die man aus Filmen und Games zwar kennen mag, schafft es jedoch, eine eigenständige spannende Geschichte zu erzählen.

Warum sollen die Bäume im Wald nicht miteinander reden können? Anna Keller hat sich in der Kategorie A (Erst- und Zweitklässler) mit einer kurzen und fantasievollen Geschichte mit dem Titel «Der Wind» in die Herzen der Juroren geschrieben. Journalist und Jurymitglied Urs Bader lobte diesen Beitrag so: Einfühlsam berichtet sie vom Schicksal zweier Blätter, die ausgerechnet nach einem Streit auseinandergerissen werden. Was aus ihnen wird, bleibt offen. Auch deshalb ist die Geschichte anrührend.

«Schreiben soll nicht nur Pflicht sein, Geschichten sollen für ein Publikum geschrieben werden», sagt Gallus Frei, Lehrer und Literaturvermittler. «Es gibt Kunstwettbewerbe, Musikwettbewerbe, Sportwettbewerbe, ja sogar Mathematikwettbewerbe – warum sollte es in unserer Schulgemeinde also nicht auch einen Schreibwettbewerb geben?» Mit dieser Frage hat sich Gallus Frei seit längerer Zeit auseinandergesetzt und vergangenes Jahr den ersten Schreibwettbewerb der Volksschulgemeinde Amriswil-Hefenhofen-Sommeri initiiert. Gallus Frei sass gemeinsam mit dem Journalisten Urs Bader, mit der Schriftstellerin Katja Alves und dem Schriftsteller Jens Steiner in der Jury. Von den rund 1700 Schülerinnen und Schülern von der 1. Primar- bis zur 3. Sekundarklasse haben 355 Kinder und Jugendliche eine Geschichte eingereicht. 50 Geschichten kamen in die engere Auswahl, wurden von den Juroren nochmals gelesen und 20 davon ausgesucht, die nun im Büchlein «Amriswil schreibt 2020/2021» veröffentlicht wurden. Das Büchlein, ausgeschmückt mit Illustrationen von Lea Frei, kann man für 10 Franken im Schulbüro kaufen. «Ich bin sehr stolz auf euch», würdigte Schulpräsident Christoph Kohler an der Preisverleihung das Engagement aller Beteiligten. Einander verstehen sei wichtig, eine gute Sprachbildung sei schon deshalb von zentraler Bedeutung.

Beitragsbild © Barbara Hettich (Die vier Preisträger vlnr Aline Popp, Anna Keller, Tim Ayan Schnyder und Maëlle Emma Schenk)

Für einmal Abenteuer im Kopf in der Turnhalle – Eva Roth liest.

Eva Roth las viermal hintereinander den Kindern aus dem Amriswiler Schulhaus Kirchstrasse aus ihrem aktuellen Roman „Lila Perk“, die Geschichte eines mutigen Mädchens. Wer das Buch liest, hört den Fluss, riecht den Wald und das Feuer und spürt von der verzweifelten Liebe eines verunsicherten Mädchens!

„Setz dich ans Steuer“ ist eigentlich keine Aufforderung, die einem verunsichern könnte, von der man glauben könnte, sie entspringe ein Verrücktheit. Ausser man ist nicht einmal zwölf und der, der die Aufforderung ausspricht, der Vater. Lila staunt über ihren Vater, weil er so plötzlich in die Ferien fahren will, weil er seit ein paar Tagen ein Auto besitzt, weil er nach dem Tod seiner Frau, von Mama, wieder zu sprechen beginnt, nachdem er über Monate mit grau gewordenem Gesicht dahinvegetierte. “Du musst fahren können, wenn mir etwas passiert.“ Und so sitzt Lila hinterm Steuer , übt zu sammeln mit ihrem Vater und fährt, meist nur nachts. Aber was passiert, wenn man sie sehen würde? Wenn jemand dahinter käme, dass ein Vater seine Tochter auffordert, Auto zu fahren?

„Überlebt in der Wildnis – alle wichtigen Tipps“ heisst das Buch, das der Vater über den Tisch schiebt, als er Lila erklärt, dass es an der Zeit wäre, gemeinsam Ferien zu machen. Ein Buch, dass eigentlich so gar nicht zu ihrem Vater passt, der sich bisher kaum für die Natur zu interessieren schien. Eine verrückte Idee. Nicht die gemeinsamen Ferien, aber die Absicht, daraus einen Tripp in die Wildnis zu machen, denn eigentlich wäre Lila viel lieber wie die Jahre zuvor mit ein oder zwei Freundinnen mit Oma und Opa Perk nach Kroatien gefahren. Schwimmen am Meer, Badeferien am Strand.

Aber Lilas Vater hat einen Plan und Oma und Opa Perk müssen verzichten. Was sie stirnrunzelnd tun, denn selbst die Grosseltern spüren, dass es gut sein würde, wenn Vater und Tochter für ein paar Wochen in die Ferien fahren, wenn sie ganz füreinander dasein würden. Und dann gehts tatsächlich los. Mit Zelt, Schlafsack, Vorräten und all dem, was Papas Buch „Überlebt in der Wildnis – alle wichtigen Tipps“ auflistet. Weit weg, in ein Tal hinter dem letzten Dorf, an einen Fluss, über dem der Schotterweg gerade genug Platz fürs Auto lässt. Eine Reise ins Ungewisse, Vater und Tochter ganz alleine. Eine abenteuerliche Reise weit weg, während sich Tochter und Vater ganz nahe kommen.

Eva Roth, die neben Kinderbüchern auch Romane für Erwachsene und Theaterstücke schreibt und als Lektorin in einem Verlag arbeitet, weiss als ehemalige Lehrerin sehr genau, wie sie mehrere Klassen gleichzeitig in einer Turnhalle mit ihrer Geschichte fesseln kann. Jungs und Mädchen von der ersten bis zur sechsten Klasse lauschen gebannt, Kinder, denen es im Unterricht oft schon schwer fällt, zehn Minuten an der gleichen Arbeit zu bleiben, klebten an ihren Lippen, erliegen den Bildern, die die Schriftstellerin zu kreieren weiss.
Das ist Sprachförderung, ein Bad in Geschichten und Sprache, Kopfkino für ein Publikum, dass hungrig ist auf Geschichten mit Tiefenschärfe!

«Eine Turnhalle. Ein rotes Feld und ein blaues Feld, Sitzkissen. Ein Stapel Bücher und ungefähr 160 freundliche, aufmerksame, neugierige und top vorbereitete Kinder: Die Lesungen im Schulhaus Kirchstrasse sind unvergesslich. Wie schön festzustellen, dass der Funke springt – hin und her!» Eva Roth

Rezension «Lila Perk» auf literaturblatt.ch

Pascale Osterwalder «Daily Soap», Graphic Novel, Luftschlacht

Eigentlich ist er ein armer Kerl. Ein halbes Leben wartete er auf seine Bestimmung, seinen Platz, den man ihm versprochen hatte, um dann in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden, ein Leben unter Druck auszuhalten, nur geben zu müssen. „Daily Soap“ ist eine ganz besondere Soap, eine Seifenoper der besonderen Art.

Der Held dieser Soap wartet. Zuerst ewig lange, bis sich jemand seiner erbarmt, ihn mitnimmt und bezahlt, bis er seinen Platz gefunden hat in einer der Nasszellen in der Wohnung. Er hatte Monate ausgeharrt, zuerst ganz hinten im Regal, dann vorne, unberührt, bis man ihm eine farbige Etikette verpasste, eine Art Auszeichnung, eine Ermunterung, ihn zu nehmen, ein Entgegenkommen.

Dann steht er dort, am immer gleichen Ort, meist unbeachtet, um dann mit einem Mal hergeben zu müssen, was man hütet, sein ganzes Inneres. Für ganz kurze Momente gehört die Zuwendung ihm, wenn auch nur unter Druck, um sich nachher leer zu fühlen und wieder zu warten. Zischen all den anderen Dingen mit exakter Bestimmung.

Er ist ein Spender, ein Wohltäter, eine Institution für die öffentliche Hand. Jetzt erst recht in Zeiten von Pandemie und grosser Verunsicherung. Auch wenn am Schluss das unweigerliche Ende droht. Das Ende, dem er zuschauen kann, wenn der grosse schwarze Sack erscheint, wenn andere verschwinden, Neues dasteht.

Pascale Osterwalder haucht einem Seifenspender Leben ein, gibt dem Ding für einmal Individualität, ein empfindliches Gefühlskostüm. Die Illustratorin zeichnet mit Bleistift eine Seifenoper der ganz besonderen Art. Und weil beim Luftschlacht Verlag in Wien neben Belletristik, Kinder- und Kunstbücher auch Graphit Novels zum festen Bestandteil des Verlagsprogramms gehören und man sich nicht scheut, der gezeichneten Ästhetik auch die entsprechende Hülle, das haptische Kleid zu geben, ist „Daily Soap“ ein eigentliches Geschenk an all jene geworden, die tatsächlich mit den Augen lesen!

Interview

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit der Zeitschrift Falter?
Ich habe letzten März, während des ersten Lockdowns unter anderem den Falter angeschrieben und mein Seifenspender-Projekt vorgestellt. Der Seifenspender ist durch die Pandemie plötzlich zu einem omnipräsenten Objekt geworden und mein langjähriges Projekt hatte schlagartig an Aktualität gewonnen. Ich hatte mich direkt an Klaus Nüchtern vom Falter gewandt, der gleich begeistert war und es an die ganze Redaktion weitergeleitet hatte. Ich dachte dann, dass sie die Serie vielleicht 5-6 Ausgaben lang behalten würden, aber nun dauert sie bereits ein Jahr lang an – die Pandemie bekanntlich leider auch.

Was war zuerst; der Seifenspender oder Corona?
Das Seifenspender-Projekt habe ich vor gut zehn Jahren begonnen und über die Jahre sind immer wieder Zeichnungen, Animationen, Texte, kleine Skulpturen dazugekommen; mit kleinen Ausstellungen und Filmscreenings. Vor ca. drei Jahren habe ich begonnen an der Buchidee zu arbeiten. Die Verlagssuche gestaltete sich aber eher schwierig, weil depressive Seifenspender lange doch eher ein Randthema waren. Da hat die Pandemie dem Projekt einen ordentlichen Schub beschert.

Sie hauchen Dingen Leben ein. Sieht jemand, der so genau schaut wie Sie, anders?
Während meiner Zeit als Artist in Residency in New York habe ich meinen verspielteren Blick auf die Welt zurückgewonnen, (Das war vielleicht das beste an dem Preis) und wieder begonnen, meine eigenen Geschichten aufzuschreiben, zu zeichnen und zu animieren. Während der Ausbildung war das oft nicht so gefragt oder kam einfach zu kurz. In meiner kleinen Wohnung in New York habe ich auch zum ersten Mal den Seifenspender als Charakter wahrgenommen. Da habe ich mich sehr frei gefühlt, ich musste nichts abliefern, kein Produkt, ich musste nichts definieren. Plötzlich war alles möglich – ich glaube, das macht auch diese Stadt mit einem – und die Dinge haben angefangen zu leben. Diese Stop-Motion-Filme sind damals entstanden: https://www.elaxa.ch/portfolio/fox-bear/ und auch dieses Projekt mit meiner erfundenen Gans: https://www.elaxa.ch/portfolio/meandmygoose/ 
Jetzt helfen mir auch meine Kinder, diesen verspielten Blick zu bewahren.
Ich weiss nicht, ob ich anders sehe. Es macht mir einfach Spass, mir vorzustellen, wie es einem Gegenstand ginge, wäre er ein Lebewesen oder hätte er Gedanken. Und so sehe ich manchmal in Anordnungen von ein paar Flaschen oder Putzmittel ganze Beziehungsdramen. Manchmal reicht eine gewisse Perspektive und das Ding wird zum Charakter.

Aus ihren Zeichnungen, aus dem ganzen Buch spricht viel Respekt, Liebe zu den Dingen. Aber nicht die Liebe eines Messis, eines Konsumsüchtigen, sondern die Liebe und der Respekt eines Menschen, der hinter die Dinge zu schauen weiss. Steckt hinter dem Buch auch eine Mission?
Es ging mir nie um eine Mission, aber ich bekomme viele Rückmeldungen, dass Leute ihre Seifenspender jetzt mit anderen Augen sehen. Und wenn das Buch dazu beiträgt, dass man Skrupel bekommt, seinen leeren Seifenspender wegzuwerfen und ihn stattdessen wieder auffüllt, dann macht mich das froh. 

Sie sind Illustratorin. Ein steiniger Weg?
Steinig würde ich nicht sagen. Ich habe es über die Jahre geschafft, neben Grafikaufträgen, immer mehr mit Illustrationen zu verdienen. (Aber ab und zu tut ein unkreativer Auftrag auch ganz gut, das kann man einfach abarbeiten.) 
In den letzten Jahren habe ich immer mehr versucht, meine eigenen Projekte voranzutreiben, was aber neben den Auftragsarbeiten, die das Geld einbringen (und Kindern), nicht so einfach ist. Der neuerliche Werkbeitrag der Ausserrhodischen Kulturstiftung im Dezember 2019 hat mir dabei geholfen. 
Es ist jetzt gerade noch ein anderes Buch im Druck, das der Zürcher Verlag everyedition.ch herausbringt. Es heisst „All I ever had, went down the drain.“, ist auf English und mit einem ziemlich dicken schwarzen Pinsel-Filzstift gezeichnet und geschrieben. Es ist inhaltlich roher und direkter. Ein gezeichneter Monolog des Seifenspenders, der den Besitzer direkt anspricht. 

(Wiedergabe der Illustrationen mit freundlicher Genehmigung des luftschlacht Verlags)

Auf der Webseite der Autorin findet man sogar animierte Kurzfilme, die nicht nur den Seifenspender bewegten!

Pascale Osterwalder «Daily Soap» Aus dem Leben eines Seifenspenders, Luftschlacht, 2021, 134 Seiten, CHF 26.90, ISBN 978-3-903081-88-8

Pascale Osterwalder, geb. 1979 in der Ostschweiz, ist selbständige Illustratorin, Grafikerin und Animationskünstlerin. Sie studierte Visuelle Kommunikation an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich und landete nach einer Artist in Residency in New York schliesslich in Wien. In ihrer künstlerischen Arbeit beschäftigt sie sich hauptsächlich mit dem Eigenleben von Alltagsgegenständen. Ihre Seifenspenderzeichnungen erscheinen derzeit wöchentlich im «Falter».

Webseite der Illustratorin

Beitragsbild © Albert Waaijenberg

Vier wirklich gute Bücher?

Nummer 55 ist in Arbeit! Jedes Mal ein Abenteuer für mich. Jedes Mal ein Wagnis. Jedes Mal vier Bücher, für die ich meine Hand ins Feuer lege, die wohl auf ganz unterschiedliche Art und Weise zu überzeugen verstehen, ganz bestimmt mit Qualitäten, die es sich lohnt zu erlesen!

Wer Lust hat, ein 10minütiges Interview über die Entstehung der Literaturblätter zu hören, dann klicken sie hier:

Hier können Sie durch alle Literaturblätter «blättern».

Hier können Sie Literaturblätter abonnieren.

«Sehr schön, besonders, nicht einfach ein Flyer, sondern ein kleines Kunstwerk über die Literatur hinaus.» Karl Rühmann

«ich bin etwas schmähstad, kann nur sagen: das blatt macht mich platt. ich freu mich sehr, lieber herr frei, und sage: herrlich, tandaradei! große freude! d a n k e . in heller vorfreude auf alles weitere und mit lieben grüßen» Christian F.

«Mit Farben zwischen Worten und Namen, schillernd, strahlend, in Steine gefasst, opalin, so kommt das 54. Literaturblatt ungemein leuchtend daher: eine Freude. Und die Worte und die Farben weisen, als strahlender Navigator, auf das hin, was Texte immer sein möchten: mit Sprache zu benennen auf Hoffnung hin, wie Bobrowski sagte: die Hoffnung auf Lesende, auf eine andere Welt, auf andere Zeiten, hinaus aus den Virenwolken, hinein in einen Frühling von Knospen und knospenden Silben, die Wege öffnen in die Welt der Bücher, das Wunder des Literarischen. Höre also Leser, Leserin, «udirai nuovo ludo, den neuen Gesang».» Urs Faes

«Erst neulich noch mit Sandra Gugic durch den Viktoriapark gelaufen und jetzt finde ich uns beide im neuen Literaturblatt, wie schön! Mit Urs Faes vor Jahren einmal korrespondiert und immer wieder gedacht, hoffentlich lernen wir uns mal kennen; und jetzt auch mit ihm in der neuen, so schön blau-grünen Ausgabe. Nur Christian Futscher ist mir noch unvertraut, aber nicht mehr lange. Werde ihn lesen, das Vaterthema interessiert mich, die Vaterlose sehr. Tolle Gruppe. Danke Gallus für deine liebevolle Arbeit.» Zora del Buono

Martina Clavadetscher «Die Erfindung des Ungehorsams», Unionsverlag

Vielleicht ist es die Sehnsucht des Menschen nach der perfekten Maschine, der perfekten Hilfskraft, des perfekten, bedürnislosen Dienens. Ganz sicher ist er der Reiz des Machbaren, Erschaffer:in zu werden. „Die Erfindung des Ungehorsams“ ist eine Geschichte in der Geschichte in der Geschichte. Ein Roman, der den menschlichen Code zu knacken versucht, jenes Geheimnis, das uns zu Menschen macht.

Schon in ihrem letzten Roman „Knochenlieder“ spielte Martina Clavadetscher derart gekonnt und verblüffend mit ihrer Sprache, ihrem Sound, ihrer Konstruktion, ihrem ganz eigenen Instrumentarium, dass sie für mehr als „nur“ den Schweizer Buchpreis nominiert wurde. „Die Erfindung des Ungehorsams“ ist die grosse Schwester ihres letzten Romans. Formal ähnlich gestaltet (im Flatter- nicht im Blocksatz), manchmal fast an Lyrik erinnernd, über weite Strecken geschrieben, als wäre die Autorin monologisierend auf einer schwarzen Bühne im Scheinwerferlicht, das Szenario in den Köpfen der Zuhörer:innen aufsteigen lassend. „Die Erfindung des Ungehorsams“ geht aber noch einen Schritt weiter, steht „Knochenlieder“ in nichts nach, überflügelt ihn.

„Ihr Leben verläuft nach Plan.“

Martina Clavadetscher will nicht einfach eine spannende Geschichte erzählen. Sie erzeugt während des Lesens das Bewusstsein, wie schmal der Grat zwischen Realität und Künstlichkeit ist, wie nah wir uns in unserer Gegenwart einer bedrohlich werdenden Zukunft nähern, wohin uns unsere Fantasielosigkeit gepaart mit Profitdenken führen kann, wie klein der Unterschied ist zwischen Menschlichkeit und Automatismus. Dabei rankt sich ihre Sprache in Sphären, die in der deutschsprachigen Literatur nur selten anzutreffen sind. Ihre Sprache, ihr Erzählen ist alles andere als künstlich und schafft einen erstaunlichen Kontrast zum fast blutleeren Geschehen in der Geschichte.

„Gesetzmässigkeiten tarnen sich bloss mit Willkür, damit das Logische nach aussen unlogisch wirkt.“

Martina Clavadetscher «Die Erfindung des Ungehorsams», Unionsverlag, 2021, 288 Seiten, CHF 29.00, ISBN 978-3-293-00565-5

Iris lebt irgendwo in Manhattan in einem Penthouse. Sie erwartet Gäste, wartet mit Ungeduld. Es wird eine kleine Party sein, wie immer und jedes Mal, mit Godwin und Wollstone, zwei älteren Damen. Iris hat den Part der Erzählenden, während die Gäste lauschen. Iris erzählt aus dem Leben von Ada, Ada Lovelace, die es wirklich gab, die vor mehr als 200 Jahren in England lebte und die Tochter jenes berühmt, berüchtigten englische Dichters Lord Byron (1788–1824) war, den sie aber nie kennen lernte. Von ihrer gestrengen Mutter (im Buch Übermutter) erbte sie das überdurchschnittliche Geschick mit Zahlen, das sie schon in jungen Jahren mit dem Mathematiker Charles Babbage zusammen brachte, der eine Differenzmaschine entwickelte, etwas, das sich als Vorläufer der heutigen Computer entpuppte. Ada, einst ein kränkliches Kind, von der Mutter überbehütet, um es aus dem langen Schatten ihres unseligen Vaters zu zerren, entwickelte mit Charles Babbage die Idee einer Maschine, die weit mehr kann, als jene Spielmaschinen, mit denen man damals ein Publikum zu faszinieren vermochte.

In „Die Erfindung des Ungehorsams“ ist die Geschichte eingebetet in jene der „Halbschwester“ Ling, die an einem andern Irgendwo irgendwann Arbeiterin in einer Produktionsstätte für Sexpuppen ist, alle identisch konzipiert nach dem Vorbild einer Schauspielerin, einer Fanny Lee, die die Hauptdarstellerin eines Film ist, den Ling längst zu ihrem Lebensbegleiter gemacht hat, den sie immer wieder in ihren dämmrigen Feierabenden sieht, nach Tagen, die zwischen Fabrik und Wohnsilo immer gleich aussehen. Lings Arbeit in der Fabrik ist es, die Körper nach dem Guss nach Silikonresten zu untersuchen, bevor sie noch ohne Kopf an einen Haken gehängt werden, um in einer nächsten Halle mit dem Haupt versehen zu werden, einem Modul, das interaktiv auf einen zukünftigen Besitzer regieren soll.

„Ling, das Programm hat gelernt zu lügen.“

Ling ist einsam. Bis sie einen der kopflosen Körper mit nach Hause nimmt, bis sie Jon B., einen der Wachmänner der Sexpuppenfabrik bei sich zuhause einlässt, bis der Wunsch nach Gemeinschaft aus den Treffen in Lings Wohnung Konspiration werden lassen und ein Wagnis daraus entstehen soll.

Martina Clavadetscher verwebt die verschachtelten Erzählstränge aber so, dass ich als Leser nie den Überblick verliere, gewisse Details und Feinheiten aber doch nur bei ganz genauer Lektüre zum Vorschein kommen. So wie etwa das Detail, dass hinter den Namen Godwin und Wollstone die Mutter der Schriftstellerin Mary Shelley, der Schöpferin Frankensteins, Mary Wollstonecraft-Godwin verbirgt. Frankenstein, ein Diener, ein Geschöpf aus der Hand eines Menschen, abgekoppelt von einer natürlichen Ordnung.

„Das Unzähmbare lebt. Es keimt. Und bringt etwas ganz Eigenständiges hervor.“

Martina Clavadetscher gelang mit ihrem Roman „Die Erfindung des Ungehorsams“ Erstaunliches und Verblüffendes! Der Roman bietet genau das, was sich Leser:innen wünschen, die mehr als nur unterhalten werden wollen. „Die Erfindung des Ungehorsams“ ist vielschichtig, vieldeutig und poetisch zugleich!

© Ingo Höhn

Martina Clavadetscher, geboren 1979, studierte Germanistik, Linguistik und Philosophie. Seit 2009 arbeitet sie als Autorin, Dramatikerin und Radio-Kolumnistin. Ihr Prosadebüt «Sammler» erschien 2014. Für die Spielzeit 2013/2014 war sie Hausautorin am Luzerner Theater. Mit ihrem Theaterstück «Umständliche Rettung» gewann sie 2016 den Essener Autorenpreis und war im selben Jahr für den Heidelberger Stückemarkt nominiert. Für «Knochenlieder» erhielt sie 2016 den Preis der Marianne und Curt Dienemann-Stiftung und wurde 2017 für den Schweizer Buchpreis nominiert.
Martina Clavadetscher lebt in der Schweiz.

Rezension und Interview zu «Knochenlieder» auf literaturblatt.ch

Webseite der Autorin

Beitragsbilder © Ingo Höhn 

25. Internationales Literaturfestival Leukerbad, 25. – 27. 6. 2021, Jubiläumsausgabe am Fusse der Gemmi

So viele Mitwirkende wie nie zuvor kommen am letzten Juniwochenende nach Leukerbad zur 25. Ausgabe des Internationalen Literaturfestivals.

Erstmals werden die besonderen Leseorte in Leukerbad um zwei Festivalzelte ergänzt, um flexibel auf Wetter und Hygieneauflagen reagieren zu können.
45 Autorinnen und Autoren, Publizistinnen, Philosophen, Wissenschaftlerinnen, Verleger und Übersetzerinnen reisen für das 25. Internationale Literaturfestival nach Leukerbad. Neben der Gesprächsreihe «Perspektiven» und der Literarischen Wanderung rundet eine Auftaktveranstaltung in Zürich die Jubiläumsausgabe ab.

Gesprächsreihe «Perspektiven»

In insgesamt acht Gesprächen geht die Reihe «Perspektiven» vielfältigen Fragen aus Literatur und Gesellschaft nach. Angefangen in der Schweiz: Wie steht es um den Röstigraben im Literaturbetrieb und welchen Stellenwert hat die Literatur der Romandie in der deutschsprachigen Schweiz? Weitere Gespräche widmen sich dem globalen Phänomen des erstarkenden Populismus und Nationalismus sowie dem Zusammenhang von «Kapital und Ressentiment». In hochkarätiger Besetzung wird ausserdem über die strukturellen Hintergründe von physischer und psychischer Gewalt gegen Frauen debattiert. Und schliesslich werden Ansätze untersucht, Lyrik neu zu denken.

Geschichte des Internationalen Literaturfestivals Leukerbad

1996 lud der Leukerbadner Ricco Bilger zusammen mit René Grüninger zum 1. Internationalen Literaturfestival Leukerbad ein. Innerhalb von zehn Ausgaben avancierte das Festival zum Anziehungspunkt für Literaturinteressierte. Die heutige Festivalleitung, Hans Ruprecht (seit 2006) und Anna Kulp (seit 2007), baute das Festival in 15 Jahren zu einem Knotenpunkt der europäischen Literaturszene aus: Die Eintrittszahlen sind von 1200 gezählten Eintritten im Jahr 2006 auf zuletzt 3800 gestiegen. Statt 20 bis 25 Autorinnen und Autoren sind jetzt jedes Jahr 35 bis 40 in Leukerbad zu Gast. Das Festival hat sein Portfolio erweitert und sein Profil als innovatives und internationales Literaturfestival in der Schweiz geschärft.
Mit dem Übersetzungskolloquium, der Literarischen Wanderung, den Schreibwerkstätten, mit Auftaktveranstaltungen im Wallis oder in Zürich und vor allem mit der Gesprächsreihe „Perspektiven“ hat es seine Bekanntheit auch über die Landesgrenzen hinaus erhöht. Das Literaturfestival Leukerbad möchte einen Beitrag dazu leisten, die Welt, in der wir leben, in ihrer heutigen Komplexität auszuhalten und Inseln des Verstehens zu schaffen. Leukerbad, hoch oben in den Walliser Bergen, ist der perfekte Ort, um die Welt für ein paar Tage aus der Ferne zu betrachten und mit gestärktem Geist und ausgeruhtem Körper in den Alltag zurückzukehren.

Webseite des Festivals

Die Siegergeschichte der Kategorie D: Sekundarschule

Ein paar Sekunden

Ich weiss nicht, welches Gefühl ich schlimmer finde. Das Gefühl gleich nach dem Unfall? Oder das jetzt, wo es in meinem Bauch zieht und mein Herz sich anfühlt, als klaffe ein riesiges Loch darin?

Ich dachte immer, die Wahrheit wäre etwas Gutes, etwas, das man unbedingt wissen möchte. Doch vor einigen Minuten wurde mir das Gegenteil bewiesen. Die Wahrheit kann auch verdammt schmerzhaft und zerstörerisch sein. Denn durch eine grausame Wahrheit habe ich einen Freund verloren. Gerade eben. Und den einen Teil meines Herzens hat er gleich mitgenommen. Noah.

Ich drehe mich um und stürze aus seinem Zimmer. Ich renne aus dem Haus, über die Strasse und weiter über die Wiese. Es ist mir egal, dass Noah nach mir ruft, es ist mir egal, dass meine Schuhe vom Gras nass und schmutzig werden. Es ist mir egal, dass es im nächsten Moment wieder zu regnen beginnt und es ist mir auch egal, dass es schon Abend und somit dunkel wird. Mir ist alles egal und ich renne einfach immer weiter.

Meine Kleidung ist klitschnass und mein Gesicht dreckverschmiert, als ich mich keuchend an den dicken Stamm eines Baumes lehne. Nach kurzer Zeit komme ich wieder einigermassen zu Atem und klettere vorsichtig die Leiter zum Hochsitz empor. Schon unzählige Male bin ich hier hochgestiegen, die einzelnen Tritte könnte ich trotz des morschen Holzes im Schlaf erklimmen.

Auf der kleinen Plattform angekommen, lasse ich mich auf den Boden sinken und atme den Geruch von feuchtem Holz ein. Ich lehne mich an die Rückwand und diese gibt ein lautes Knarzen von sich. Durch die Schlitze der fehlenden Bretter auf der Vorderseite blicke ich auf die verregnete und trübe Landschaft.
Schon immer mochte ich diesen alten Hochsitz, welchen Noah und ich auf einem unserer Streifzüge durch den Wald entdeckt hatten. Viele Stunden haben wir gemeinsam hier oben verbracht und geredet. Noah wird bestimmt wissen, dass ich hier bin. Doch ich glaube nicht, dass er mir bis hier hin folgt. Er kennt mich besser als jeder andere und weiss, dass ich jetzt einfach Zeit brauche.

Unwillkürlich muss ich an die vielen Dinge denken, welche ich ihm hier oben erzählt habe. Wie wir gemeinsam gelacht und manchmal auch geweint haben, an die sternenklaren Nächte, welche wir in einen Schlafsack gekuschelt auf dem Hochsitz verbracht haben, an die vielen Snickers, die wir hier oben geteilt haben, an die Tiere, welche wir von unserem Ausguck beobachten konnten, an die Geständnisse, welche wir vor dem anderen abgelegt haben und auch an die letzten Wochen, als Noah immer bei mir war und zugehört hat. Und nun das… Mir steigen Tränen in die Augen, und ich versuche gar nicht erst, sie wegzuwischen. Ich vergrabe mein Gesicht in den Händen und weine. All die Wut, die sich in mir aufgestaut hat, verpufft und Tränen kullern über meine Wange. Meine Brust fühlt sich ganz eng an und bei der Stelle, wo früher noch ein Teil meines Herzens war, spüre ich einen drückenden Schmerz. „Scheiss Leben!“, brülle ich in den Wald hinaus. Ein lautes Schluchzen dringt aus meiner Kehle und schniefend kauere ich mich auf den Boden des Hochsitzes. Ich weine alle Tränen, die ich noch übrig habe. Ich glaubte, das können nach den letzten Wochen nur noch wenige sein, doch da habe ich mich gewaltig getäuscht.

Mittlerweile ist es dunkel und meine Augenlider werden immer schwerer. Wegen der nassen Kleidung zittere ich am ganzen Körper und schlinge meine Arme um die Knie. In Gedanken fühle ich Noahs Arm um meine Schulter, wie er mich an sich drückt und sachte über meinen Rücken streicht. Nach dem Unfall, bei welchem ich meine Eltern und meine Schwester verloren habe, gab er mir Halt und hat immer zugehört, ist mitten in der Nacht nach draussen gekommen und hat mit mir geweint. Ja, die Wochen nach dem Unfall waren schwer, doch da hatte ich einen Freund an meiner Seite. Aber jetzt, wo ich ihn verloren habe, bin ich ganz alleine. Den Kopf auf meine Knie gelegt, weine ich mich in einen unruhigen Schlaf.

Das laute Knacken eines Astes reisst mich unsanft aus dem Schlaf. Ich schrecke hoch und bleibe stocksteif sitzen. Ich höre ein Rascheln und dann beginnt jemand, vorsichtig die Leiter hochzusteigen. Das kann nur einer sein, denke ich. Die Gedanken überschlagen sich in meinem Kopf und angespannt warte ich darauf, dass Noahs brauner Haarschopf vor mir auftaucht. Tränen treten mir wieder in die Augen, als er sich mit einem unruhigen Blick neben mich setzt. Ich starre stur geradeaus und versuche vergeblich, nicht zu heulen. Die Tränen kullern über meine Wange und Noah rückt etwas näher zu mir. „Mili, es tut mir so leid“, flüstert er mit erstickter Stimme. Als ich zu ihm blicke, merke ich, dass auch er weint. Ich beisse mir auf die Unterlippe und schüttle leicht den Kopf. „Ich habe lange überlegt, ob ich es dir sagen soll. Ich hatte solche Angst, dich zu verlieren. Aber du hast ein Recht darauf, die Wahrheit zu kennen. Und… ich hielt es nicht mehr aus.“ Noahs Stimme bricht. Wieder schüttle ich den Kopf. Wie kann das alles sein?

Ich erinnere mich daran, wie ich gleich zu Noah geflohen bin, als mich die schreckliche Nachricht erreicht hatte. Ich kann mich noch genau an sein geschocktes Gesicht erinnern, als ich ihm vom Unfall erzählte. Wie erstarrt stand er da, ehe er mich in den Arm nahm. Ich hatte ja keine Ahnung, dass er in diesem Moment erfuhr, dass er die Eltern seiner besten Freundin umgebracht hatte. Noah sass nämlich am Steuer des Wagens, dem meine Eltern ausweichen mussten. Ihr Auto krachte frontal in den Baum neben der Strasse. Die Insassen überlebten nicht. Und Noah fuhr einfach weiter.„Geh Noah, bitte. Ich bin noch nicht bereit, mit dir zu reden. Und ich bin mir auch nicht sicher, ob ich es jemals sein werde.“ Ich schaue ihm direkt in die Augen und presse meine Lippen aufeinander. Ich weiss, dass ihn meine Worte hart getroffen haben. Aber ich muss mich schon zusammenreissen, ihn nicht anzuschreien. Noah wendet den Blick von mir ab und steht auf. „Ich weiss, Mili. Und ich erwarte das auch ich von dir“, stösst er hervor. „Aber ich möchte, dass du eins weisst: Du bleibst immer meine Freundin. Ich weiss, dass ich den Schaden, den ich angerichtet habe, um nichts in der Welt wieder gut machen kann. Es ist schlimm für mich zu wissen, dass du meinetwegen deine Familie verloren hast. Und nun auch deinen Freund.“ Noahs Stimme versagt, er dreht sich um und beginnt vorsichtig, die Leiter hinunter zu steigen. Er blickt mich ein letztes Mal an. „Ich gehe jetzt zur Polizei und zeige mich an. Mach‘s gut Mili, du bist der stärkste Mensch, den ich kenne“, flüstert er traurig und verschwindet aus meinem Sichtfeld. Ich höre seine Schritte, die sich schnell entfernen. ‚Ja, geh!‘, schreie ich ihm in Gedanken nach. ‚Verschwinde! Ich möchte dich nie wieder sehen!’ Wie erstarrt sitze ich da und rühre mich nicht. ‚Wieso?‘, frage ich mich immer wieder. Und wieso genau ich?

Ich lehne mich wieder an die Wand und schliesse die Augen. Es klingt wahrscheinlich seltsam, aber jetzt, wo Noah fort ist, fühle ich mich auf einmal schrecklich einsam. Und erst jetzt wird mir richtig bewusst, wie viel Mut es Noah wahrscheinlich gekostet hat, noch einmal zu mir zu kommen. Und ich Idiot habe ihn eiskalt abgewiesen.

Einerseits bin ich wahnsinnig wütend auf ihn. Doch eigentlich weiss ich: Es ist nicht direkt Noahs Schuld. Am Unfalltag bekam er den lang ersehnten Führerschein. Er war auf dem Heimweg, als er nur ganz kurz eingenickt ist. Ein paar Sekunden, die unser beider Leben veränderten. In der Zeit danach war er für mich da, dabei hätte er Unterstützung benötigt. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie es ist, mit solchen Schuldgefühlen zu leben.

Ich beginne daran zu zweifeln, ob es richtig war, Noah so hart abzuweisen und ihm allein die Schuld zu geben. Doch dann sage ich mir: Jeder braucht Zeit, um so einen Schock zu verarbeiten. Und ich nehme mir ganz fest vor, Noah noch eine Chance zu geben. Denn er ist kein schlechter Mensch, im Gegenteil! Mit ihm kann man lachen bis zum Umfallen und er hält immer zu einem.
Ich werde mir die Zeit nehmen, die ich brauche. Und dann werde ich es versuchen. Und ganz langsam kann ich mir auch vorstellen, dass ich soeben nicht zum letzten Mal mit Noah hier oben sass.
Denn er ist mein bester Freund. Und wird es wahrscheinlich immer bleiben.

Aline Popp, 3. Sek.

© leafrei.com

Laudatio zu „Ein paar Sekunden“ den Siegertext von Aline Popp in der Kategorie D

Aline Popp hat sich mit ihrem Text eine anspruchsvolle Aufgabe gestellt. Sie erzählt darin von einem Dilemma, das die Heldin innerlich fast zerreisst: ihr bester Freund hat mit dem Auto ihre eigenen Eltern zu Tode gefahren. Es ist die Geschichte einer grossen Trauer – und eine Geschichte voller gefährlicher Klippen für die Autorin. Doch Aline Popp umschifft sie geschickt, beschreibt die Ambivalenzen genau und behutsam, spürt den emotionalen Umschwüngen akkurat nach und gelangt so zu einer Wahrhaftigkeit, die die Jury sehr beeindruckt hat.
Jens Steiner, Schriftsteller, Jurymitglied 45

Die 20 besten Geschichten werden in einem Büchlein abgedruckt, dass ab Mitte Juni bei der Schulverwaltung Amriswil käuflich zu erwerben ist.

Jury für den Schreibwettbewerb 2020/2021 :

Katja Alves, 1961 in Coimbra, Portugal geboren. Verfasserin von Radiotexten und Hörspielen, Romanen, Sachbücher für Kinder und Erwachsene. Daneben arbeitet Katja Alves arbeitet sie als leitende Lektorin für den NordSüd Verlag. katjaalves.ch 

Jens Steiner, 1975 in Zürich geboren, schreibt seit zwölf Jahren Bücher für Erwachsene und Kinder. Seit Kurzem lebt er an der deutschen Ostseeküste. jenssteiner.ch

Urs Bader, Lic. phil. I Universität Zürich. Von 1984 bis 2019 Redaktor beim St.Galler Tagblatt, lebt in Amriswil.

Gallus Frei-Tomic, 1962 in St. Gallen geboren, Primarlehrer in Amriswil, Literaturvermittler und seit 2020 Programmchef im Literaturhaus Thurgau. literaturblatt.ch 

Illustration © leafrei.com

André David Winter «Die Leben des Gaston Chevalier», edition bücherlese

Längst nicht jede Geburt steht unter einem guten Stern, auch wenn man die eine jede Weihnachten feiert. André David Winter, der sich 2007 mit seinem Roman „Die Hansens“ schon einmal in die Abenteuer einer Familie hineinschrieb, überzeugt mit seinem neuesten Roman nicht nur durch den so gar nicht helvetisch grosszügigen Schwung des kräftigen Erzählens, sondern durch einen Sound, durch Bildfarbe, die an französische Filme erinnert, nicht nur wegen der frankophonen Namen.

Gaston wird 1929 in eine Pariser Artistenfamilie hineingeboren. Sein Vater ist artiste et céphalopode, Schlangenmensch, selten bis nie zuhause. Seine Mutter versucht sich selbst als Modistin über die Runden zu bringen, mehr schlecht als recht, zumal ihr Gemahl nur in den seltensten Fällen Geld von seinen Streifzügen zurück nach Hause bringt. Man deponiert den kleinen Gaston mal hier mal da, bis er im Unrat einer entfernten Verwandten liegen bleibt und zu einem sabbernden Stück Dreck zu werden droht, das die Tante bloss ihr „Tier“ nennt. 

Glücklicherweise kehrt Gastons Vater doch noch einmal zurück, rettet seinen verkümmerten Sohn vor dem sicheren Tod, nimmt ihn mit und lässt ihn bei einer Bekannten, die ein Bordell unterhält, in dem Gaston zu einem eigentlichen Maskottchen heranwächst und all jene Liebe dankbar entgegennimmt, die man ihm in seinem bisherigen Leben verweigerte. Schnell zeigt sich, dass Gaston sich nicht nur wohl in den vielen Kissen fühlt, sondern schnell zu lernen weiss, all das, was ihm seine Ammen beibringen und das, was in den Büchern geschrieben steht, aus denen man ihm in den Pausen gerne vorliest.

André David Winter «Die Leben des Gaston Chevalier», edition bücherlese, 2021, 208 Seiten, CHF 30.90, ISBN 978-3-906907-43-7

Aber als Gaston in die Schule gehen sollte und klar wird, dass das Haus, in dem er lebt das Leben des kleinen Jungen zur permanenten Provokation im Ort werden lässt, nimmt der Vater Gaston mit, obwohl der kleine Junge die Frauen und allen voran Paulette nicht gerne zurücklässt. Aus Gaston soll auch ein Artist werden. Gaston ist mehr als lernwillig, saugt auf wie ein Schwamm. Was er von seinem Vater und dem Leben auf der Strasse nicht lernt, lernt er in den wenigen Tagen und Wochen, in denen er dann doch immer wieder einmal zu Schule geht. Und als es Gastons Vater im Schatten der Soldaten mit einer Truppe junger Mädchen finanziell immer besser geht, stellt man gar Privatlehrer an. Doch in den letzten Monaten des Krieges wendet sich das Blatt. Gastons Vater gerät in Gefangenschaft und Gaston selbst rettet sich in den sicheren Hafen eines Klosters.

Nach dem Krieg macht sich Gaston auf auf die Suche nach seinem Vater, nach Paulette, durch die Trümmer eines verwüsteten Landes. Gaston wird zu einem Phantom, einem Geist, der immer wieder sein Antlitz wechselt, fremdes Leben zu seinem eigenen macht, bis die letzte Rettung nur noch in der Fremdenlegion zu liegen scheint, jenem Ort, wo man ihm mit einer Nummer eine neue Identität zu geben verspricht. Aus dem Phantom wird eine Kampfmaschine, bis Gaston ein letztes Mal seine Fesseln hinter sich lassen kann und er zurück in den sicheren Schoss jenes Klosters findet, das ihn schon einmal rettete. Gaston wird zu einem bischöflichen Privatsekretär und ausgerüstet mit einer geheimen Mission mit einem Mal zu einem Mann mit dicker Brieftasche und geheimnisvoller Aura. Ein Mann, der das Herz einer jungen Bankierstochter erobert.

Schlussendlich wird Gaston der Gehilfe von Monsieur Petit, dem Inhaber der Librairie Jousseaume mitten in Paris. Dort hofft Gaston, dass dereinst Paulette den Laden betreten werde, weil Gaston weiss, wie sehr ihr an der Welt der Bücher gelegen ist.

„Die Leben des Gaston Chevalier“ ist ein völlig atypischer Roman in der Literaturlandschaft Schweiz, die nur ganz selten Geschichten hervorbringt, die mit dem grossen Pinsel gezeichnet sind, die cineastisch erzählen, ohne oberflächlich und platt zu bleiben. André David Winter zeichnet einen Mann, der durch ein Jahrhundert gepeitscht wird, der dann aber doch weiss, dass nur zwei Dinge bleiben; die Liebe und die Literatur. „Die Leben des Gaston Chevalier“ ist Resultat purer Erzählfreude. Ein Abenteuerroman!

© Fabian Biasio

André David Winter, geboren 1962 in der Schweiz, verbrachte die ersten acht Lebensjahre in Berlin. Nach Stationen auf Bauernhöfen in der Schweiz und in Italien folgten die Ausbildung in der Psychiatrie und die Arbeit in der Notschlafstelle sowie in einem rumänischen Kinderheim. Heute arbeitet Winter als Kursleiter und Erwachsenenbildner im Gesundheitswesen. Er lebt mit seiner Familie im Kanton Luzern.

Beitragsbild © Ayse Yava

Die Siegergeschichte der Kategorie C: 5. und 6. Klasse

Für immer verloren ….

Ich, Julia, liege in meinem Bett und weine. Meine allerbeste Freundin Hanna und ich haben uns zerstritten. So fest, dass wir meiner Meinung nach nie wieder Freundinnen sein können. Am liebsten würde ich meine ganzen Winterferien in meinem Zimmer verbringen. Aber das geht leider nicht, weil Mama und ich morgen nach Österreich fahren. Zum Glück gibt es dort Schnee, nicht so wie hier, nass und kalt. Die ganze Zeit muss ich an die schönen Erlebnisse mit Hanna denken. Ich hoffe, die Ferien mit Mama lenken mich ein in wenig von der Tatsache ab, dass ich ab jetzt ein freundinnenloses Leben führe, jedenfalls bis ich eine neue gefunden habe.

„Julia hast du schon gepackt?“, das war meine Mutter. „Nein habe ich noch nicht.“

Am nächsten Morgen, als alles eingepackt und im Kofferraum unseres Autos verstaut ist, fahren Mama und ich los. Wir besprechen unsere Ferienpläne. Ich erfahre, dass es dort ein Hallenbad gibt. Endlich kann ich ihr auch von meinem schlimmen Streit mit Hanna erzählen. Mama sagt: „Ach Julia, in deinem Alter kommen und gehen die Freundinnen wie Sandkörner am Meer, du findest bestimmt schon bald eine Neue.“ „Aber…“ So sehr ich Mama auch mag – in solchen Sachen versteht sie mich einfach nicht. An einer Raststätte kaufen wir ein Sandwich.

Als wir endlich im Hotel ankommen, bin ich de. Ich schaue mir das Zimmer an, in dem wir die nächsten vier Tage wohnen werden. Es ist schön hier. Ich lege mich in das bequeme Bett und schlafe eine Weile. Als ich aufwache, ist es schon bald Zeit fürs Abendessen. Ich ziehe mir frische Kleider an und gehe mit meiner Mutter ins Restaurant. Dort hole ich mir Spaghetti. Am Buffet treffe ich ein Mädchen. Sie scheint etwa in meinem Alter zu sein. Wir sprechen miteinander und es stellt sich heraus, dass das Mädchen Mira heisst und tatsächlich zwölf Jahre alt ist, wie ich. Wir verabreden uns für morgen zum Skifahren. Ich laufe wieder zum Tisch zurück und bin ziemlich glücklich – verglichen zu gestern.

Am nächsten Morgen nach dem Frühstück warte ich am verabredeten Ort auf Mira. Ich denke schon, dass sie mich vergessen hat, aber dann sehe ich sie kommen. „Hi Julia, sorry dass ich zu spät bin. Wir ziehen bald um und ich musste mit meinen Eltern noch etwas besprechen.“ „Kein Problem“, sage ich. „Wollen wir los?“, fragt Mira. Wir fahren den ganzen Vormittag Ski und haben viel Spass. Gegen Mittag gehen wir Pommes essen. Dann sagt Mira: „Ich muss wieder zurück ins Hotel, meine Eltern warten auf mich.“ Wir machen ab, dass wir uns um vier Uhr in der Lobby zu einem Brettspiel treffen.

Als ich zurück ins Hotelzimmer komme, sagt Mama mit einem Grinsen im Gesicht: „Na, was habe ich gesagt?“ „Was meinst du?“, frage ich. „Dass du bald eine neue Freundin finden wirst, oder wer war dieses Mädchen da unten?“ „Das war Mira, sie ist wirklich sehr nett!“, antworte ich schnell, um ihre nervige Fragerei zu beenden.

Ich komme pünktlich um Vier in die Lobby. Freudig stelle ich fest, dass Mira schon da ist. „Hi!“, begrüsse ich sie. „Was spielen wir?“, fragt Mira. Ich antworte: „Monopoly wäre toll!“ Wir spielen sehr lange. Mira erzählt, dass sie leider schon übermorgen heimfahren müssen. Darauf erwidere ich: „Wir müssen aber unbedingt nochmal zusammen Skifahren.“ „Ja, sicher, sollen wir noch zusammen ins Hotelschwimmbad gehen?“, fragt sie. Freudig stimme ich ihrem Vorschlag zu. Wir holen unsere Badesachen und gehen zum Schwimmbad. Es ist schön und gross hier! Wir schwimmen eine Weile. Mira ist erstaunlich schnell und gut. Ich frage sie, wo sie das gelernt hat. Sie erzählt, dass sie im Schwimmverein sei und diesen Sommer sogar einen Wettbewerb gewonnen hat. Ich wünschte, ich könnte auch so gut schwimmen.

Am nächsten Morgen treffen Mira und ich fast gleichzeitig am vereinbarten Treffpunkt ein. Als wir beim Skilift schon fast oben sind, weiss ich plötzlich, was ich sie schon lange fragen wollte. „Du Mira…“, beginne ich, aber in diesem Augenblick ruft sie: „Oh nein, Julia, ich habe meinen Skistock verloren!“ „Den holen wir uns wieder!“ Wir fahren bis am Nachmittag. Morgen reist Mira ab. Deshalb haben wir besprochen, dass wir heute gemeinsam Abendessen. Wir haben es lustig und die Er- wachsenen verstehen sich auch gut. Mira und ihre Eltern fahren morgen schon um acht Uhr los. Ich habe ihr versprochen, dass ich extra früh aufstehe, um mich noch von ihr zu verabschieden. Danach gehe ich ins Bett. Ich kann nicht schlafen und drehe mich in meinem Bett hin und her. Jetzt weiss ich auch wieder, dass ich Mira nach ihrer Adresse fragen will. Das mache ich morgen.

Am nächsten Tag stehen wir alle auf dem Vorplatz, verabschieden und umarmen uns. Mira und ich müssen weinen. „Ich vermisse dich jetzt schon!“, flüstert sie mir ins Ohr. Alle steigen ein, ihr Vater startet den Motor und sie fahren los. Ich winke dem Auto nach, bis es um die nächste Kurve verschwindet. Da fällt mir plötzlich siedend heiss ein, dass ich ihre Adresse nicht habe. Ich renne bis zur Kurve, aber das Auto ist ver- schwunden. Jetzt habe ich auch meine zweite, beste Freundin verloren. Ich kann es nicht fassen, am liebsten würde ich die Zeit zurückdrehen! Den Rest des Tages fahre ich mit Mama Ski, das macht wenig Spass. Nach dem Abendessen packen auch wir unsere Sachen.

Nach einer unruhigen Nacht fahren Mama und ich am nächsten Tag los. Niemand spricht ein Wort. Ich überlege wie es wohl wäre, wenn Mira neben mir wohnen würde, bestimmt wären wir unzertrennlich, vielleicht gingen wir zusammen in den Schwimmverein und in dieselbe Klasse! Ich vermisse sie. Auf die Schule morgen freue ich mich überhaupt nicht.

Am Tag danach in der Schule ignoriert mich Hanna, das stört mich eigentlich nicht. Es klingelt und alle stürmen ins Klassenzimmer. Plötzlich steht Frau Martin, unsere Klassenlehrerin in der Tür. Sie begrüsst uns mit „Hallo zusammen, ich möchte euch ein neues Klassenmitglied vorstellen.“ Hinter ihrem Rücken tritt ein Mädchen hervor. „Mira!“, rufe ich, renne nach vorn und umarme sie. Ich bin überglücklich!

Maëlle Schenk, 5. Klasse

© leafrei.com

Laudatio zu „Für immer verloren“ den Siegertext von Maëlle Schenk in der Kategorie C

Maëlle Schenk erzählt mit ausgesprochen viel Empathie von einem Mädchen im Strudel ihrer Gefühle. Eine Geschichte davon, dass das Leben oft nicht so verläuft, wie man sich das wünscht. Maëlle stopft ihre Geschichte aber nicht mit überschwänglichen Emotionen voll, sondern schreibt stimmungsvoll und authentisch. Sprachlich überzeugt ihr Text ebenfalls. Sie erzählt klar und nimmt begonnene Erzählstränge wieder auf, formuliert gekonnt und weiss, wie sie dramaturgisch bauen muss. Ich gratuliere!
Gallus Frei, Literaturvermittler, Jurypräsident

Die 20 besten Geschichten werden in einem Büchlein abgedruckt, dass ab Mitte Juni bei der Schulverwaltung Amriswil käuflich zu erwerben ist.

Jury für den Schreibwettbewerb 2020/2021 :

Katja Alves, 1961 in Coimbra, Portugal geboren. Verfasserin von Radiotexten und Hörspielen, Romanen, Sachbücher für Kinder und Erwachsene. Daneben arbeitet Katja Alves arbeitet sie als leitende Lektorin für den NordSüd Verlag. katjaalves.ch 

Jens Steiner, 1975 in Zürich geboren, schreibt seit zwölf Jahren Bücher für Erwachsene und Kinder. Seit Kurzem lebt er an der deutschen Ostseeküste. jenssteiner.ch

Urs Bader, Lic. phil. I Universität Zürich. Von 1984 bis 2019 Redaktor beim St.Galler Tagblatt, lebt in Amriswil.

Gallus Frei-Tomic, 1962 in St. Gallen geboren, Primarlehrer in Amriswil, Literaturvermittler und seit 2020 Programmchef im Literaturhaus Thurgau. literaturblatt.ch 

Illustration © leafrei.com

Joachim B. Schmidt: Post von Island 1

Zuerst verliebte sich Joachim B. Schmidt in die Insel, später in Kristin Elva Rögnvaldsdóttir. Jetzt lebt der Schriftsteller seit mehr als einem Jahrzehnt mit seiner Familie auf Island und es scheint, als wäre er mit „Kalmann“, seinem vierten Roman, endlich auf dem Weg an den Ort, wo er hingehört.

Joachim B. Schmidt schreibt neben Romanen, Erzählungen, Filmrezensionen, Reiseberichten und Reportagen in den kommenden Monaten Postkarten von Island. Analoge Kleinkunstwerke für digitale Geniesser:innen! In einer Welt, in der man kaum mehr zum Stift greift, um Post- und Ansichtskarten aus allen Ecken der Welt zu senden, in der das Reisen einen schalen Beigeschmack bekommen kann und das Regal am Kiosk nur noch Karten zeigt, die vor Jahrzehnten produziert wurden, sind «Postkarten» auf literaturblatt.ch ein Zeichen dafür, dass die analoge Welt noch immer existiert.

Arnaldur Indriðason, 1961 geboren, graduierte 1996 in Geschichte an der University of Iceland und war Journalist sowie Filmkritiker bei Islands grösster Tageszeitung Morgunbladid.Heute lebt er als freier Autor mit seiner Familie in Reykjavik und veröffentlicht mit grossem Erfolg seine Romane. 1995 begann er mit Erlendurs erstem Fall, weil er herausfinden wollte, ob er überhaupt ein Buch schreiben könnte. Seine Krimis belegen allesamt seit Jahren die oberen Ränge der Bestsellerlisten. Seine Kriminalromane «Nordermoor» und «Todeshauch» wurden mit dem «Nordic Crime Novel’s Award» ausgezeichnet, darüber hinaus erhielt der meistverkaufte isländische Autor für «Todeshauch» 2005 den begehrten Golden Dagger Award sowie für «Engelsstimme» den Martin-Beck-Award, für den besten ausländischen Kriminalroman in Schweden.

Arnaldur Indriðason ist heute der erfolgreichste Krimiautor Islands. Seine Romane werden in einer Vielzahl von Sprachen übersetzt. Mit ihm hat Island somit einen prominenten Platz auf der europäischen Krimilandkarte eingenommen.

Joachim B. Schmidt liest im Literaturhaus Thurgau aus «Kalmann». © Sandra Kottonau / Literaturhaus Thurgau

Joachim B. Schmidt, geboren 1981 in Graubünden, aufgewachsen als Bauernsohn am Heinzenberg, lebt und arbeitet seit 2007 als Autor, Journalist und Reiseleiter auf der Vulkaninsel Island. Schmidts aktueller Roman «Kalmann» wurde mit einem Werkbeitrag der Pro Helvetia ausgezeichnet und erschien im Herbst 2020 bei Diogenes. Seine letzten drei Romane «In Küstennähe» (2013), «Am Tisch sitzt ein Soldat» (2014) und «Moosflüstern» (2017) sind im Landverlag erschienen. Schmidt lebt mit seiner isländischen Partnerin und zwei gemeinsamen Kindern in Reykjavík.

Postkarten aus Taiwan von Alice Grünfelder

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