Radio Literaare! Das 16. Thuner Literaturfestival Literaare findet statt!

Es gibt in diesen Tagen viele Gründe, ein Festival nicht durchzuführen. Wir alle kennen sie und haben sie schon zu oft gelesen. Aber: Das 16. Thuner Literaturfestival Literaare findet statt!

So wie es im Moment aussieht, sind Ende Mai tatsächlich Veranstaltungen vor Ort und mit einem kleinen Publikum möglich. Und falls doch nicht – und für all jene, die nicht anreisen können oder möchten – werden die Lesungen in jedem Fall auch als Radiosendungen gestreamt! In Kooperation mit dem professionellen Radio-Team von Bi aller Liebi werden die Lesungen über das eigens eingerichtete Literaare-Webradio zu hören sein – und so Literatur, raumunabhängig, wieder eine Bühne gegeben.

Detailliertere Infos dazu demnächst unter www.literaare.ch und den Social-Media-Kanälen.

Hinweise bezüglich Covid-19 Sicherheitsmassnahmen kommunizieren wir ebenfalls frühzeitig auf unserer Website und den Social-Media-Kanälen. Die aktuellen Schutz- und Hygienevorschriften des BAG werden beachtet und die nötigen Vorkehrungen dazu getroffen.

Pre-Opening:
Thun liest ein Buch mit «Alpefisch» von Andreas Neeser
Ortsangabe folgt demnächst.

Freitag, 28. Mai 2021
17.30 Uhr
«Aus weiblicher Sicht» mit Benedikt Meyer
Rathaus, Rathausplatz 1

20.00 Uhr
Eröffnungslesung mit Monika Helfer
Musikalische Begleitung durch Sonja Huber
Die Lesung wird in Gebärdensprache übersetzt
Rathaushalle, Rathausplatz 1

23.00 Uhr
Absacken mit Matto Kämpf
Rathaus, Rathausplatz 1

Samstag, 29. Mai 2021

13.00 Uhr
Sofalesung mit Felicitas Korn
Rathaushalle, Rathausplatz 1

14.30 Uhr
Lesung mit Martin R. Dean
Rathaushalle, Rathausplatz 1

16.00 Uhr
Lesung mit Sabine Scholl
Rathaushalle, Rathausplatz 1

17.30 Uhr
Lesung mit Levin Westermann
Rathaushalle, Rathausplatz 1

20.30 Uhr
Das Narr – Vernissage
Cafebar Mokka, Thun

Sonntag, 30. Mai 2021

11.00 Uhr
Matinée mit Lucify-Schriftstellerinnen und Tramontana
Rathaus, Rathausplatz 1

13.00 Uhr
Zora del Buono im Gespräch mit Gallus Frei
Rathaus, Rathausplatz 1

14.30 Uhr
Lesung der Gewinner*innen des Textstreich Lyrik-Wettbewerbs
Rathaus, Rathausplatz 1

16.00 Uhr
Ann Cotten im Gespräch mit Paul Jandl
Rathaus, Rathausplatz 1

17.30 Uhr
Page 99 Test: Sieglinde Geisel und Thomas Strässle
Rathaus, Rathausplatz 1

am 16. Thuner Literaturfestival literaare

Webseite Literaare

 

Michael Kleeberg im Literaturhaus Thurgau

Michael Kleebergs Buch „Glücksritter. Recherche über meinen Vater“ ist keine Abrechnung, viel mehr eine eigentliche Liebeserklärung an seinen Vater, eine Klärung, die sich nicht einstellen wollte oder konnte, solange sein Vater noch lebte.

Michael Kleeberg strotzt vor Geschichten. «Kein Wunder, Schriftsteller.» Aber Michael Kleeberg liebt Menschen, geht auf sie zu, verwandelt eine Lesung in ein Gegenüber. Und wenn der Autor dann mit einem Glas Wein aus seinem Leben erzählt, von all den Begegnungen, Erfahrungen, Reisen, Freundschaften, dann spüre ich als Zuhörer seinen unendlichen Reichtum. «Glücksritter. Recherche über meinen Vater» erzählt nicht zuletzt davon, wem der Autor seine Quelle verdankt.

„Alle Graustufen des realen Lebens sind verschwunden und es wird nur noch Schwarz und Weiss gepredigt.“

Wenn Mütter oder Väter sterben, wenn man Häuser und Wohnungen räumen muss, wenn man bei jedem Ding, das man noch einmal in Händen hält, entscheiden muss, ob es auch zur eigenen Geschichte gehört oder ob es bloss noch Überbleibsel ist, zwängen sich unweigerlich Fragen in den Vordergrund. Väter und Mütter sind einem irgendwie immer nah. Und doch muss man sie gewinnen, denn verlieren muss man sie unweigerlich. 

Eine Einsicht Kleebergs Recherche war, dass seinem Vater Freundschaften nie wichtig waren, viel mehr Status und das Bild einer perfekten Familie. Erklärbar durch die Nachkriegszeit, in der eine ganze Generation sich auf das Äussere fokussierte, eine intakte Hülle. Sein Vater war über Jahre das, was das Wirtschaftswunder im Nachkriegsdeutschland zum Muster erklärte; immer mehr, immer besser. Und selbst Jahrzehnte nach dem Krieg, während man die Erinnerungskultur in Deutschland an allen Rändern entzündete, blieben Männer und Frauen wie seine Eltern im Dunstkreis einer Normalität, die sie in Kindertagen wie die Muttermilch aufgesogen hatten, die eine tatsächliche Auseinandersetzung mit den Gräueln des Nationalsozialismus behinderte, wenn nicht sogar verunmöglichte.

Eine Recherche über die Mythen einer Familie, zu jenen die Überzeugung gehörte, man hätte es viel weiter bringen können, wenn einem das Glück nicht versagt geblieben wäre. «Glücksritter» als einer, der dem Glück hinterher galoppiert.

Michael Kleeberg beschreibt in seinem Buch unendlich zärtliche Momente. Zum Beispiel jenen, als sein Vater ihm als kleinem Jungen Geschichten zeichnete, Comics davon machte, liebevoll nachzeichnete, was er erzählte.
Ihm zu lauschen war wie der Blick auf seine inneren Bilderwelten und -landschaften. Genuss!

«Ich habe meinen Freunden aus Gottlieben geschrieben: «Grüße aus der Freiheit!» Und genau so habe ich es auch gemeint. Aus der Paranoia, dem Irrsinn und Denunziationswahn, die derzeit in Deutschland herrschen, herauszukommen (gegen manche von der deutschen Obrigkeit in den Weg gestellte Reisehindernisse) und zum ersten Mal seit sieben Monaten in einer von gesundem Menschenverstand geprägten Umgebung wieder vor echten Menschen lesen zu können, war ein Geschenk, für das ich Dir, lieber Gallus, nicht genug danken kann.
Es waren schöne Tage im Zeichen der Literatur, die wir beide lieben.» Michael Kleeberg

Programm Literaturhaus Thurgau

Beitragsbilder © Sandra Kottonau / Literaturhaus Thurgau

Olivia Kuderewski «Lux», Voland & Quist

Lux musste weg. Musste ein altes Leben hinter sich lassen. Vielleicht neu beginnen, vielleicht eine Pause, vielleicht ein neues Paar Schienen, die Ordnung in einem aus den Fugen geratenen Leben bedeuten. Sie steigt aus und ein in New York auf einen Tripp gen Westen, der Sonne, dem Licht entgegen. Zumindest ist da ein kleines Fünkchen Hoffnung.

Zugegeben, wer sich an diesen Roman wagt, muss einiges einstecken. Olivia Kudereswski schrieb keine Unterhaltungsliteratur. „Lux“ ist wie das Leben der Protagonistin; ein dauerndes Hin-und-Her zwischen Rausch, Ernüchterung, Sehnsucht und Absturz. Olivia Kuderewski leuchtet mit grellem Licht in ein Leben, das taumelt, das die Spur verloren hat, das strauchelt und stolpert. „Lux“ ist ein Roman, der mich in ein Leben zieht, eine Umgebung, eine Welt, die trotz seiner Gegenwärtigkeit etwas Dystopisches birgt. Das, was wir an Sehnsuchtsbildern der USA, das, was wir als Projektionen einer jungen Existenz, eines jungen Lebens mit uns herumtragen, ist weit weg von der Realität, die Olivia Kuderewski in ihrem Debüt beschreibt.

Lux ist eine junge Frau. Sie macht eine Reise, eine Reise quer durch das Land, durch die Staaten, von Ost nach West. Mit wenig Gepäck und der Absicht, vieles aus ihrem alten Leben zurückzulassen. Sei es Charles, sei es ihre Familie, seien es die Antidepressiva oder die Diagnosen, mit denen man sie aus der Klinik entlassen hatte. Sie will ihrer „Glocke“ entfliehen, diesem Etwas, dass sie nicht aus ihren Fängen entlässt, das sie von allem anderen Leben trennt, dass sie für gewisse Zeiten ausknockt.

Olivia Kuderewski «Lux», Voland & Quist, 2021, 219 Seiten, CHF 31.90, ISBN 978-3-86391-279-6

Unterwegs lernt sie eine junge Frau kennen. Kat. Eine Ausgeflippte mit langem, leuchtend, weissem Haar. Eine Furie mit Schalenkoffer. Sie reisen zusammen, ohne je zusammen zu sein. Kat ist unnahbar, Lux schwer zu fassen. Je länger die Reise geht, desto mehr scheint die eine die andere zu brauchen, flimmert die Beziehung zwischen Hass und Anbetung, zwischen Unverständnis und Ergebenheit. Bis die beiden aus lauter Überdruss mit einem Spiel beginnen. Man stellt sich gegenseitig Aufgaben bis zur Selbstaufgabe, weit über die Schmerzgrenze hinaus. Nicht bloss die Reise, das Leben soll ein Tripp werden.

Das Buch erinnert mich an all jene, die sich durch körperliche Selbstverstümmelung besser spüren wollen, die den Schmerz brauchen, um sich ihrer Existenz sicher zu sein. „Lux“ schneidet ins Fleisch, ist ein Tripp in die Niederungen einer aus dem Kurs geratenen Selbstfindung. „Lux“ beschreibt, was wir nicht hören und nicht sehen wollen, ist eine Art menschliche Apokalypse. „Lux“ ist kein warmes Licht, viel mehr blaues Licht, das mich aufputscht, das Lux aufputscht, um in dunklen Phasen umso tiefer abzusacken.

„Lux“ ist eine Roadstory in einer dystopisch wirkenden Kulisse, durch ein kaputtes Land, vorbei an kaputten Menschen. Selbst dort, wo andere mit ihren Autos stehen bleiben und die Postkartenidylle fotografieren, ritzt es Lux an ihrer Haut, reissen die beiden Frauen an ihren Seelen. Und doch ist „Lux“ sprachlich ein Genuss. Von seltener Intensität und Nähe. Olivia Kuderewski schaut durch ein Brennglas, bis der Blick schmerzt. Die Autorin schreibt dort weiter, wo die meisten anderen aufhören.

Interview:

Warum die USA? Sind die Staaten als Kulisse kaputt genug? Oder weit weg genug?
Das hat mit den hartnäckigen Klischees von Freiheit zu tun, die hochkommen, wenn es um Roadtripps geht. Die gelten ja als Inbegriff von Befreiung und Lux will genau das erreichen – die Staaten sind ihre selbstgewählte Kulisse dafür. Der ultimative Roadtripp findet nun mal in den USA statt. An welchen besseren Ort könnte man sonst all seine Illusionen über Freiheit schleppen?

Sie wollen nicht einfach unterhalten, eine Geschichte mit Pointe erzählen. „Lux“ ist eine Berg- und Talfahrt mit eindeutigem Überhang Richtung „freier Fall“. Muss gute Literatur mehr wollen, als zu unterhalten?
Ich mag „freie Fall“-Bücher, wie Sie das nennen, also Texte, bei denen es auf irgendeine Art um ein Risiko geht. Mit denen sich jemand aus dem Fenster lehnt und die dann noch so gut gemacht sind, dass sie richtig treffen. Mir gefällt es, wenn jemand seine eigene Sprache und Handlung und eigene Figuren entwickelt. Ob das dann nur gut unterhält oder auch noch als „gute Literatur“ durchgeht, ist mir ziemlich egal.

Wo lag der Ursprung Ihres Romans, die erste Idee, der Kick, der die Geisterfahrt ins Rollen brachte?
Wahrscheinlich arbeiten sich die meisten Schreibenden an ihren Idolen ab, bei mir war das früher Kerouac. Aber der richtige Kick setzte ein, als ich irgendwann beim Schreiben den Gedanken hatte, dass ich meiner Hauptfigur ALLES wegnehmen will, was sie hat. Das spricht wohl für meinen schlechten Charakter.

Lux schafft es nicht, sich von ihrer „Glocke“ zu befreien. Ich kenne diese Glocke auch. Alle haben sie, wenn man ehrlich ist. Jene Glocke, die kleine Kinder noch nicht haben, die irgendwann zu wachsen beginnt und bei einigen zu einem Alp wird. Dieses Glockengefühl hat sich durch die Pandemie wohl bei vielen noch verstärkt. Eine Klimakrise der menschlichen Existenz? Eine Klimakrise, die ebenso viel Potenzial zur Katastrophe hat und global werden kann?
Sie fragen da wahrscheinlich nach so etwas wie Isolation und der Angst davor. Im Roman geht es Lux darum, aus dieser „Glocke“ auszubrechen und wieder Kontakt zur Welt aufzunehmen. Aber ob die Menschen mehr unter Einsamkeit leiden als früher und aus welchen Gründen, kann ich schlecht beantworten. Es ist ja immer grässlich, wenn man so empfindet, warum auch immer. Und wenn sich jetzt die halbe Welt wegen Corona einsam fühlt, dann ist das natürlich – neben allem, was die Pandemie auch noch anrichtet – eine Katastrophe.

Lux und Kat. Lux bedeutet Licht. Und wenn man im Wörterbuch unter Kat nachschaut, erscheint „aus den Blättern eines afrikanischen Baums gewonnenes Rauschgift“. Wie passend. Lux sucht ihr Licht. Und Kat wird ihr Gift? Zufall oder zu viel Interpretation?
Ha! Das wusste ich nicht, danke für den Hinweis. Das passt ja! Obwohl ich das mit dem afrikanischen Baum nicht so recht mit meinem Roman in Verbindung bringen kann. Mir ging es bei der Namensfindung auch, aber nicht ausschliesslich, um die Tiere mit dem Fell. Und dann gab es noch einen Haufen anderer Assoziationen dazu, Katalysator, Katastrophe, Katharsis, Katatonie, KitKat …

„Das einzige Mittel gegen Angst ist Mut“, steht in Ihrem Roman. Ein Leuchtturm?
Im Roman nimmt dieser Leitspruch ja eher ungesunde Züge an und wird als Gedanke in einem Moment geäussert, in dem die Protagonistin zugekokst ist – würde ich jetzt nicht zu meinem allgemeinen Lebensmotto machen! „Mut“ ist ja sehr deutungsoffen und kann auch fiese Resultate nach sich ziehen.

Welches Buch, welche Musik brannte sich in den vergangenen Monaten unauslöschlich in Sie hinein? Warum?
Wede Harer Guzo von Hailu Mergia/ Dahlak Band – meine Mitbewohnerin hört den Song rauf und runter und wir leben von der Wanddicke her quasi in Schuhkartons.
Und Ágota Kristófs „Das große Heft“ – selten so etwas Grausames und Rührendes gelesen. Zwei Jungen, Zwillinge, die in Kriegszeiten versuchen, sich vorsorglich physisch und psychisch selbst abzuhärten.

© Lisa-Marie Keck

Olivia Kuderewski, 1989 geboren, lebt in Berlin. „Lux“ ist ihr erster Roman. Sie hat vergleichende Literatur und Schreiben studiert, volontiert, bisher in wenigen Anthologien veröffentlicht und noch keinen Preis gewonnen.

Beitragsbild © Alain Barbero

HEARTBEATS – Lesung im Gedenken an Hans Peter Gansner (1953–2021) & Ira Cohen (1935–2021)

von Florian Vetsch

„Alles ist Herz; Herz ist alles!“, sagte einmal der am 1. Mai verstorbene Dichter, Romancier und Journalist Hans Peter Gansner (1953–2021). Der Tag der Arbeit passt zu dem bekennenden Linken. Doch wenn einer wie Gansner stirbt und ein weiterer Stuhl leer am Tisch bleibt, kann einem das schon zu Herzen gehen: konsequenter Antikapitalist, schlagkräftiger, scharfzüngiger Kritiker ungerechter Herrschaftsstrukturen, Freund des grossen Oikos, der Pflanzen, Tiere und Planeten, der Menschen auch, Liebender, an Herz-Insuffizienz demütig und kreativ Leidender, fulminanter Barde, freizügiger Conteur, Gründungsmitglied der Solothurner Literaturtage, ein Ausbund an Ideen und Projekten bis zuletzt… Auf der Homepage des Songdog Verlags schreibt Andreas Niedermann in seinem Nachruf: „Sein Output, sein Œuvre, ist beeindruckend und umfasst so ziemlich jede literarische Gattung. Un vrai homme de lettres.“ Bei Songdog, Bern/Wien, erschienen in den letzten Jahren Gansners „Herz“-Gedichtbände; darin spürt er in einem weiten Verweisungszusammenhang den konkreten und symbolischen Bezügen seines Leitthemas nach.

Der vor 10 Jahren verstorbene US-amerikanische Dichter, Fotograf und Filmemacher Ira Cohen (1935–2011), 18 Jahre älter als Gansner, wurde wie dieser von der Beat Generation beeinflusst, insbesondere von Brion Gysin, dem Entdecker der Cut-up-Methode. Surrealismus und Dadaismus, Alchemie, Dante und Rimbaud bildeten weitere Inspirationen seines Schaffens. Cohen unterhielt in New York eine Kammer, in der er die von ihm erfundene Mylar-Fotografie, eine Zerrspiegeltechnik, praktizierte und Jimi Hendrix, William S. Burroughs u.v.a.m. porträtierte. Er lebte in den 1960er Jahren in Marokko und in den 1970er Jahren in Katmandu, Nepal, wo er im Schatten des Himalaya auf einer Reispapier-Handpresse Erstausgaben von Paul Bowles, Diane di Prima oder Gregory Corso druckte. Er hinterlässt zahlreiche Gedichtbände, darunter Wo das Herz ruht (Stadtlichter Presse, Wenzendorf 2010) und Alcazar (Moloko Print, Pretzien 2021), beide zweisprachig erschienen.

herzlinie

ich habe gelesen: der daumen des prokurators
war nach unten gerichtet und eine hohle hand
wurde verstohlen nach dem lohn ausgestreckt
während rohe fäuste nägel durch hände hämmerten
errichtend das weltreich des faustrechts.
ich weiss: kolbenhiebe haben die hände verstümmelt
des sängers im stadion von santiago de chile
und fäuste schlagen noch immer in stumme gesichter
und die finger am abzug krümmen sich wieder und wieder
im sinternden licht des morgengrauens.
du berichtest: eine hand hat den schlagstock ergriffen
und eine andere im aufgerissenen kopfsteinpflaster gewühlt
um den ersten stein zu werfen auf die gletscherwand
und die hand eines verzweifelten lege schon die lunte
an die zellentür hinter der er erstickt.
und doch glaube ich: eine faust wird sich öffnen
und zeigen dass sie leer ist und ein finger wird sich
nicht krümmen sondern ausgestreckt
vorwärts weisen und der verstümmelte wird mit
seinen armstümpfen dirigieren in der erinnerung des volkes
bis zur befreiung. und die hand des verzweifelten zieht
die zündschnur zurück und eine hand dreht den schlüssel
im schloss und stein und schlagstock entfallen den erhobenen
händen die endlich zueinander finden nach den handgreiflichkeiten
und allen wird schliesslich ihre schwesterliche hand reichen
eine neue und nie gekannte herzlichkeit

(aus Hans Peter Gansner: „megaherz – Gedichte“. Songdog. Wien 2016)

Webseite von Hans Peter Gansner

Wikipedia Eintrag

Viceversa Eintrag

Autoreneintrag Songdog Verlag

Interview in der Schaffhauser Zeitung

 

LAST POEM

When I have nothing
more to say
will some greater truth
come forth to fill the page
with an understanding
never experienced before?
Will the precious yellow satin
cover my thoughts & speak
of secrets hidden from my
deepest self?
After all the scratching out
will anything remain to say
that recovery follows crucifixion
that loss engenders victory
in the passing of things,
that to stand alone
is to encounter the world
and be done with it once &
                    for all

Dec 27, 2006

DAS LETZTE GEDICHT

Wenn ich nichts mehr
zu sagen habe
wird dann eine höhere Wahrheit
eingreifen, um die Seite
mit einem Verstehen zu füllen
das noch nie zuvor erfahren wurde?
Wird die kostbare gelbe Atlasseide
meine Gedanken verhüllen & von
Geheimnissen sprechen, die meinem
tiefsten Selbst verborgen sind?
Nach all dem Geschabe wird
noch etwas zu sagen bleiben
dass Aufschwung auf die Kreuzigung folgt
dass im Lauf der Zeit
Verluste den Sieg erzeugen
dass wer allein steht
der Welt begegnet
und damit hat sich’s erledigt, ein für
                       allemal

27. Dez. 2006

(aus Ira Cohen: „Alcazar – 17 Poems / 17 Gedichte“. Moloko Print. Pretzien 2021)

Ira Cohen auf Wikipedia

New York Times, 1. Mai 2011

Ira Cohen: THE INVASION OF THUNDERBOLT PAGODA (1968) 

Ira Cohen: KINGS WITH STRAW MATS (1998)

Ira Cohen im Interview 1999

The Ira Cohen Archive LLC

Florian Vetsch über Ira Cohen im Saiten

Beitragsbild (Gansner) © Helen Brügger, (Cohen) © Florian Vetsch

Jürg Halter «Gemeinsame Sprache» Gedichte, Dörlemann

Als ich das erste Mal vor mehr als 15 Jahren Gedichte von Jürg Halter las, war das für mich die Wiederentdeckung der Lyrik, nachdem ich sie für Jahrzehnte aus den Augen verloren hatte, man mir während der Ausbildung den Zugang zu ihr durch Deutungszwang verschüttet hatte. Damals war Jürg Halter ein Rebell mit ungewohntem Ton. Heute ist Jürg Halter die Stimme eines Bewusstseins!

Er schreibt auf allen Kanälen, mischt sich ein, mischt mit. Er liest, performt, singt und spricht, mal im Takt, mal mit Schlagzeug, mal in Talkshows oder mitten im Grünen, manchmal im Spiegel einer Pfütze, manchmal in einem proppenvollen Saal. Jürg Halter ist ein Phänomen, ein Unikum. Mal scharfzüngig und beissend, mal lieblich und umgarnend, mal heiss und leidenschaftlich, mal mahnend und zornig. Man kann sich leicht verunsichern lassen, weil sich der Tausendsassa nicht fassen lässt, weil er unermüdlich sein Ding durchzieht, weil er ebenso schonungslos wie ehrlich ist, weil er Sprache gewordenes Abbild einer Generation geworden ist, die weder hinnimmt noch akzeptiert, weder kuscht noch blökt.

Defektes Leben

Wir sind krank nach uns selbst,
an den schönen Orten der Welt,
lassen uns sagen, wo diese liegen,
sehnen in die Weite, sehnen uns matt.

Wir sparen uns für eine Zukunft auf,
um die wir uns selbst betrügen.
Wir treten besonnen ans Feuer,
niemals wollen wir brennen.

Wir verschwenden uns wohltemperiert,
betäubt von der Hitze, die uns fehlt,
warten wir – dass das wahre Leben beginne
(etwa nach der nächsten Eiszeit).

Solange wir unseren Tod verdrängen,
kommen wir nicht lebendig zur Wahrheit,
danach zu leben heisst zweifelsohne nicht
täglich vor Todesangst zu sterben.

 

Jürg Halter «Gemeinsame Sprache» Gedichte, Dörlemann, 2021, 152 Seiten, CHF 24.00, ISBN 978-3-03820-089-5

Nach einem halben Dutzend Gedichtbänden, einem Roman („Erwachen im 21. Jahrhundert» bei Zytglogge) und unzähligen „Zetteln“ auf denen er in den Sozialen Medien den Lauf der Geschichte kommentiert, erschien bei Dörlemann sein neustes Werk „Gemeinsame Sprache“. Ein Titel, der versöhnlich klingt. Aber das Versöhnliche zeigt sich wenn überhaupt in den Liebesgedichten. Allen anderen Gedichten ist die Gemeinsamkeit eben höchstens die gemeinsame Sprache, das Wissen um den Schmerz in all den Abgründen und Unvereinbarkeiten des Lebens. Sein erster Gedichtband „Ich habe die Welt berührt“ war der Versuch, der globalen Zersetzung etwas entgegenzusetzen. Mit „Gemeinsame Sprache“ tut er es wieder, nicht weniger zornig, nicht weniger leidenschaftlich.

Kunst

Wenn ich für meine Antwort auf die Frage,
ob ich von der Kunst leben könne,
jees Mal Geld kriegt,
könnte ich alleine von dieser Frage leben.
Aber das wäre keine Kunst.

 

Jürg Halter ist der Beweis, was Lyrik alles kann. Dass Lyrik nicht bloss die Seele streicheln muss. Dass Lyrik mitreissen, vielleicht sogar niederreissen kann. Dass Lyrik alles andere als lieblich, entrückt und verklärend sein muss. Und „reizend“ dabei einen ganz eigenen Dreh bekommt. Jürg Halter denkt politisch, gesellschaftskritisch, ist sich für nichts zu schön, wettert und schimpft, um sich im Handumdrehen mit aller Zärtlichkeit an ein Du zu wenden.

Glimmen

Montagnacht empfahl ich mich
fraglos deiner Traurigkeit, 
im Auto vor dem Haus,
während du rauchend
in der dunklen Küche sasst –
als wäre Liebe zu ertragen.

 

Alle drei Gedichte aus: Jürg Halter, «Gemeinsame Sprache» © 2021 Dörlemann Verlag AG, Zürich. Mit freundlicher Genehmigung des Dörlemann Verlags!

«Glimmen», der Song und das Video zum Buch «Gemeinsame Sprache» (Dörlemann, 2021). Musik: Mario Batkovic. Bild: Rob Lewis.

Jürg Halter, 1980 in Bern geboren, wo er meistens lebt. Halter ist Schriftsteller, Lyriker, Spoken Word Artist und Speaker. Er gehört zu den bekanntesten Schweizer Autoren seiner Generation und zu den Pionieren der neuen deutschsprachigen Spoken-Word-Bewegung. Studium der Bildenden Künste an der Hochschule der Künste Bern. Regelmässig Auftritte in ganz Europa, in den USA, in Afrika, Russland, Südamerika und Japan. Zahlreiche Buch- und CD-Veröffentlichungen. 

Webseite des Autors

Beitragsbild © Rob Lewis

Christian Futscher «Der Vogel», Plattform Gegenzauber

Es war an meinem zehnten oder elften Geburtstag, als mein Vater bei meiner Geburtstagsfeier, die in einem Garten stattfand, auf einen Baum kletterte. 
Als er oben war, rief er: „Ich bin ein Vogel!“ 
Dann begann er zu pfeifen und zu zwitschern.
Meine Freunde fanden das lustig, ich nicht.
Mein Vater bewegte die Arme, als ob sie Flügel wären. 
Dabei fiel er fast vom Baum.
Meine Freunde lachten, ich nicht.
„Komm sofort herunter!“, rief ich.
Als er endlich wieder unten war, sagte ich: „Wenn du noch einmal lustig bist, dann bringe ich mich um.“ 
Er hat nicht aufgehört, lustig zu sein.
Und ich lebe immer noch.

 

Kuh spielen

Im Schwimmbad trafen wir Freunde von mir, die sich zu uns setzten.
„Wer spielt mit mir Kuh?“, fragte mein Vater plötzlich in die Runde.
Meine Mutter und ich sahen uns an.
„Wie geht das?“, fragte einer meiner Freunde, und mein Vater antwortete: „Auf allen vieren durch die Wiese gehen, immer wieder laut muhen, mit dem Mund Gras zupfen, blöd in die Luft schauen …“, und nach einer kleinen Pause fügte er hinzu: „und mit dem Schwanz die Fliegen vertreiben!“ 
Daraufhin musste er selbst am meisten lachen.

 

Die bissige Banane

Einmal waren zwei Freunde von mir zu Besuch, die auch mit uns zu Abend aßen. Es gab Würstel mit Senf und Ketchup.
Nach dem Essen gingen meine Freunde und ich ins Wohnzimmer, um dort fernzusehen. 
Plötzlich stürmte mein Vater mit einer geschälten Banane in der Hand ins Zimmer und rief: „Hilfe, die Banane hat mich gebissen! Au weh, au weh, tut das weh!“
In ein Ende der geschälten Banane hatte er einen geöffneten Mund, das heißt, ein aufgerissenes Maul hineingeschnitten, an dem sich etwas Ketchup befand. Und auch auf dem linken Unterarm, in den ihn die Banane gebissen hatte, war Ketchup.  
Mein Vater zeigte auf die Wunde an seinem linken Unterarm und wiederholte mit schmerzverzerrtem Gesicht: „Die Banane hat mich gebissen! Böse Banane! Ganz ganz bö-se Ba-na-ne!“
Später im Bett soll ich zu ihm gesagt haben, er sei „deppert, ultradeppert und sogar ultraschalldeppert“.

 

Lumpi

Irgendwann trieb mein Vater in einem Geschäft für Zauberartikel eine ganz besondere Hundeleine auf. Sie war verstärkt, in ihrem Inneren musste sich ein dickerer Draht befunden haben oder so etwas, an ihrem Ende war ein Hundegeschirr angebracht. Wenn man die Leine entsprechend hielt, sah es aus, als ob ein unsichtbarer Hund an der Leine wäre – eine beeindruckende, fast perfekte Illusion.
Mein Vater war begeistert von dieser Hundeleine. 
Dem unsichtbaren Hund gaben wir den Namen Lumpi.
„Lumpi ist ein Traumhund!“, sagte mein Vater. „Er bellt nicht, er haart nicht, er braucht nichts zu fressen und zu trinken, er beschwert sich nicht, jagt keinen Katzen nach, kackt nicht auf den Gehsteig, nicht einmal Gassi gehen muss man mit ihm.“  
Auch ich war eine Zeitlang begeistert von Lumpi.
Auf unseren Spaziergängen wurden wir immer wieder auf unseren unsichtbaren Hund angesprochen, was oft recht unterhaltsam war.
Kinder kamen gelaufen, interessierten sich für Lumpi, der auch recht laut knurren konnte, wenn mein Vater Lust hatte zu knurren.

 

Die Erbse

Meine Eltern und ich saßen in einem Gastgarten beim Essen. Auf meinem Teller befanden sich Fleisch mit Reis, Kohlsprossen und Erbsen. 
Während ich es mir schmecken ließ, sagte meine Vater plötzlich: „Die Erbsen sind die kleinen Brüder der Kohlsprossen.“ 
Ich korrigierte ihn: „Nein, es sind ihre Kinder!“
„Brüder!“
„Kinder!“
„Brüder!“
„Kinder!“

Meine Mutter mischte sich ein und rief: „Ruhe!“
„Nur eins noch“, sagte mein Vater: „Egal, ob die Erbsen die Brüder oder die Kinder der Kohlsprossen sind, keine von ihnen wird überleben!“ 
Kurz darauf sagte er: „Doch, eine schon!“ und wischte mit dem Messer eine Erbse vom Teller, so dass sie auf die Erde fiel.
Meine Mutter verdrehte die Augen, worauf er mit Unschuldsmine sagte: „Ich bin mit dem Messer ausgerutscht!“
Da musste ich so lachen, dass ich einen regelrechten Lachkrampf bekam. 
Ich konnte sehen, wie sich mein Vater darüber freute. 
Und auch meine Mutter musste jetzt lachen.
Dann setzte mein Vater noch eins drauf. Er trat mit dem Schuh auf die Erbse und sagte bedauernd: „Nein, leider, auch sie überlebt nicht. Das Leben ist hart! Hart wie eine Schuhsohle.“

(Alle Texte mit spezieller Erlaubnis zur Veröffentlichungen aus «Mein Vater, der Vogel»)

Christian Futscher «Mein Vater, der Vogel», Czernin, 2021, 160 Seiten CHF 30.90, ISBN 978-3-7076-0728-4

Christian Futscher, geboren 1960 in Feldkirch, Studium der Germanistik, lebt seit 1986 in Wien, wo er u. a. Pächter eines Stadtheurigen war. 1998 erfolglose Teilnahme beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt, dafür 2006 Publikumspreis bei der «Nacht der schlechten Texte» in Villach. 2008 Gewinner des Dresdner Lyrikpreises. 2014 österr.-ungarisches Austauschstipendium. Seit 2010 Verfasser von Schulhausromanen mit Schulklassen. 2015 Aufenthaltsstipendium in Schloss Wartholz und 2016 in Winterthur.

Rezension von «Mein Vater, der Vogel» mit Interview auf literaturblatt.ch

Buchtaufe von «Kapitulation» von und mit Michèle Minelli

Auf der Bühne des Literaturhauses leuchteten Blumen und durch das offene Fenster hörte man Vögel pfeifen. Von Idylle erzählt Michèle Minellis neuer Roman «Kapitulation» nicht. Viel mehr von den Kollateralschäden eines nicht enden wollenden Geschlechterkampfs, mehr oder minder gescheiterter Lebensentwürfe und permanenter Missverständnisse, wie sich Wirklichkeit abbilden sollte.

Eine Handvoll Frauen, die sich nach vielen Jahren wieder treffen sollen, lebten damals für einige Wochen zusammen auf der Mittelmeerinsel Krk, eingeladen von einer Stiftung, sie alle voller Perspektiven und Hoffnungen auf ein Leben als Künstlerinnen. Die Initiatiantin von damals will die Frauen noch einmal zusammenkommen lassen, in Zürich, hergeholt aus ganz verschiedenen Lebensumständen.
Damals glaubten alle auf Krk an eine grosse Zukunft, alles sei offen. Um jetzt, nicht einmal zwei Jahrzehnte später, festzustellen, dass man kapituliert hatte, kapitulieren musste.

In den ersten 200 Seiten begleitet man die Protagonistinnen durch die zwei Tage vor dem ominösen Treffen in Zürich. Michèle Minelli webt einen dichten szenischen Teppich, bis sie sich treffen und aus dem kammerspielartigen Treffen bei gedämmtem Licht eine Katastrophe zu werden droht.

In einem Gespräch, das Adrienne Rytz-Bonnet, die ehemalige Präsidentin der Stiftung führt, fällt der Satz „Wenn eine Frau will, kann sie heute alles erreichen.“ Was sich ein grosser Teil der Gesellschaft wie ein Mantra vorsagt, widerspricht sich ausgerechnet in der Kulturszene, in der es  «Gockel» zuhauf gibt.

„Ich habe keine Kraft mehr, neben Männern funktionieren zu müssen, die menschlich Sosse sind.“

Blumen für zwei Bücher: «Kapitulation» und «Chaos im Kopf»

Mag sein, dass die Lektüre für den einen oder anderen (Mann) als Kampfschrift liest. «Kapitulation» ist aber alles andere als eine Abrechnung, sondern eine schonungslose Analyse dessen, was sich nicht leugnen lässt.

«Im Mai 2012 schlugen einst Blicke auf dem Gallusplatz in St.Gallen Brücken. Diese tragen heute noch. Herzlichen Dank für deine Einladung ins Literaturhaus – zum Glück verstecken die Masken nur die Münder!»
Michèle Minelli

Rezension von «Kapitulation» auf literaturblatt.ch

Rezension von «Chaos im Kopf» auf literaturblatt.ch

Das weitere Programm im Literaturhaus Thurgau

Beitragsbilder © Lauro Zanabria

Hans Platzgumer «Bogners Abgang», Zsolnay

Eine Kreuzung mitten in der Stadt, mitten in der Nacht. Ein Auto fährt einen Mann, der mit einem Mal aus dem Dunkel auftaucht, von der Strasse. Was nach einem Unfall aussieht, wird zur Tragödie. Wer trägt die Schuld für das, was passiert? Wer fällt das Urteil?

Andreas Bogner ist Künstler und lebt in Innsbruck, verheiratet und doch mehrheitlich allein in seiner grosszügigen Atelierklause über dem Gewusel der Stadt. Dass ihm der Erfolg als Künstler nicht an den Fersen klebt, erklärt sich Bogner zum einen an seinem fehlenden Existenzkampf, der Tatsache, dass er seinen Lebensunterhalt nicht erstreiten muss, weil ihm sein Vater Mittel genug hinterlassen hatte. Zum andern glaubt Bogner, dass man ihn nicht verstehen will, seine Kunst, seine Sprache, obwohl er sich aus seiner Sicht doch ziemlich deutlich von der regionalen Kunstszene absetzt. Gefüttert wird seine Ansicht durch Schreiberlinge wie den selbstherrlichen Kunstkritiker Kurt Niederer, der ihn immer wieder geflissentlich vorführt und ihn zu einem Exemplar oberflächlicher und selbstherrlicher Möchtegerngenies macht. Kein Wunder, dass es Andreas Bogner am wohlsten ist in seinem Atelier, wo er weder auf das Klingeln der Haustür noch auf die Anrufe seiner Frau reagiert. Dort in jenen vier Wänden ist der einzige Ort, an dem man ihm sein Leben, seine Existenz, sein Tun, seine Kraft, seinen Rausch nicht streitig macht.

Bis zu jenem verhängnisvollen Tag, an dem er während Stunden an einer Zeichnung arbeitet, einem Portrait einer Walter PPK 7,65 mm, einer Pistole aus dem Waffenschank seines Schwiegervaters, den er lange genug bearbeiten musste, bis dieser ihm widerwillig die Waffe für einige Tage im Atelier überliess. Bis er an diesem Abend per Zufall eine Sendung im Radio hörte, in der der Kunstkritiker Kurt Niederer, sein ganz persönlicher Scharfrichter, zum Todesstoss gegen ihn den Künstler ausholte. Bis er die Waffe entgegen allen Versprechungen seinem Schwiegervater gegenüber packte und sich in der angebrochenen Nacht auf der anderen Strassenseite von Niederer Stammlokal in Stellung brachte.

Hans Platzgumer «Bogners Abgang», Zsolnay, 2021, 134 Seiten, CHF 30.90, ISBN 978-3-552-07204-6

Nicola Pammer studiert in Innsbruck Deutsch auf Lehramt. Eigentlich kommt sie aus Bregenz und fühlt sich alles andere als wohl in der Stadt am Inn. Noch viel weniger in der lauten WG und dem winzig kleinen Zimmer, dass sie nur mit Stöpseln in den Ohren bewohnen kann. Wenn immer möglich fährt sie an den Wochenenden zurück in die Stadt am See, zu ihren Eltern, in das Leben, das sie ursprünglich dachte, hinter sich lassen zu können. Bis zu diesem einen Abend, als sie sich zu einer Party überreden lässt und das eine oder andere Glas zu viel trinkt. Als sie sich dann doch hinter das Steuer des Autos ihrer Mutter setzt und glaubt, es wäre eine gute Idee, die leeren Strassen, die kaputte Stadt hinter sich zu lassen. Bis ein Rumps durch den alten Ford Fiesta geht und sie im gleichen Moment weiss, dass sie jemanden angefahren hat, kurz das Auto stehen lässt, um dann doch wegzufahren, nicht auszusteigen, nicht zu helfen, nicht zu tun, was ihre Pflicht gewesen wäre. Sie fährt zu ihrer Mutter. Und weil sie die Schuld nicht allein auf ihren Schultern tragen kann, erzählt sie der Mutter, warum sie keine Ruhe mehr findet, warum sie es nicht mehr für sich behalten kann. Erst recht, als in den Nachrichten berichtet wird, dass ein bekannter Journalist und Kunstkritiker mitten in der Nacht angefahren wurde und am darauf folgenden Tag im Spital seinen Verletzungen erlag.

Hans Platzgumer verwebt Leben, die sich sonst nie ineinander verhakt hätten. Er lässt Leben eskalieren, Leben entgleisen. Platzgumer konfrontiert mich mit den kleinen und grossen Grausamkeiten des Lebens, der Willkür des Schicksals, den Tiefschlägen des Zufalls. Alles kippt in einem winzig kurzen Augenblick. Was vorher fest verankert und tief verwurzelt schien, ist mit einem Mal im freien Fall. „Bogners Abgang“ ist kein Krimi, auch wenn da eine Waffe knallt, auch wenn ein Verzweifelter in der Genueser Unterwelt kiloweise Trockeneis besorgt, wenn eine Mutter mit voller Absicht ihren Fiesta gegen die Wand fährt und den Wagen für einen Tausender an einen Autohändler vertickt, nur um ihre Tochter vor den Fängen der Justiz zu schützen. Hans Platzgumer zeigt, wie dünn das Eis ist, wie schmal der Grat, wie bröcklig das Fundament. Wie tief uns Eitelkeiten und Ängste hinabstossen können und wie schnell der freie Fall Fahrt aufnimmt.

Man fällt tief ins Buch!

Interview

Irrtümlicherweise, reflexartig begann ich den Brief mit der Anrede „Herr Bogner“. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Platzgumer und Bogner nahe beieinander sind. Bogner ist ein introvertierter, von sich überzeugter Künstler und Einzelgänger. Ein Mann, in dessen Atelier alles seinen Platz hat, alles wohlgeordnet ist. Selbst in seinem Schaffen versucht er Ordnung herzustellen. Und dann wirft ihn das scheinbar vernichtende Urteil eines selbsternannten Kunstkenners aus der Bahn, vollends aus dem Gleichgewicht. Gibt es Kunst nur um seiner selbst Willen? Wer in der Kunst kann sich der Kritik entziehen? Nicht einmal die Kritik selbst.

Lustig, dass Sie mich fast als Bogner angeredet hätten. Ich bin froh, dass ich nicht er bin. Auch tauge ich nicht als Vorbild für diese Figur. Sie ist aber nahe an dem einen oder anderen bohémen Kollegen angesiedelt, den ich kenne. Diese Bogners da draussen haben es nicht leicht. Sie stellen ihr eigenes Schaffen über alles andere und werden von narzisstischen Empfindungen umgetrieben. Das daraus resultierende Achterbahnleben zwischen Kränkungen, Enttäuschungen und kurzen euphorischen Momenten ist schwer auszuhalten – vor allem für empfindsame Seelen, die sie bei aller Eitelkeit noch dazu sein müssen, um ihr Werk zu produzieren.

Kunst um ihrer selbst Willen ist nicht auszuhalten. Andererseits liebe ich eine Kompromisslosigkeit in der Kunst und fordere diese tatsächlich ein. Verschreibt sich ein Kunstschaffender wiederum voll und ganz, vollkommen nackt und ungeschützt seinem Werk, wird es schwer für ihn, mit Kritik vernünftig umzugehen. Er positioniert sich ja von vornherein schon jenseits der Vernunft. Gebeutelte und zerstörte Künstlerseelen entstehen daraus. Ich bin froh, für mich selbst die notwendige Distanz zum eigenen Werk gefunden zu haben. Das erspart mir viel Leid und Ärger. Dem Bogner bleibt nichts erspart.

Ist „Bogners Abgang“ Kritik an der Selbstgefälligkeit?

Das Buch zeigt jedenfalls, wohin ein egozentrisches Dasein führen kann und auch, wie leicht eine derartig veranlagte Person verletzt werden kann. Selbstherrlichkeit versucht fehlende Selbstsicherheit zu kompensieren. Wer diesen Dämon in sich nicht in den Griff bekommt, dessen Leben ist zu grossen Teilen eine Hölle. Kein errungener Erfolg kann jemals Erfolg genug sein. Narzissten sind niemals glückliche Menschen.

Nicola Pammer ist eine stille, stets rücksichtsvolle, junge Frau. Einmal über die Stränge geschlagen, wirft sie der Zufall völlig aus der Bahn. Da nützt auch der Beschützerinstinkt der Mutter nichts. Ist es symptomatisch, dass das Übel dort am heftigsten zuschlagen kann, wo eine reine Seele nicht damit rechnet?

Ich bezweifle, dass es reine Seelen gibt. Auch Nicola ist nicht unschuldig. Sie ist eine angenehmere Zeitgenossin als der Bogner, aber auch sie hat Abgründe. Das Schicksal schert sich meist nicht um die Gerechtigkeit. Nicht jeder bekommt, was er verdient. Doch bei allem Mitleid mit Nicola, Bogner zieht letztendlich keine bessere Karte. Ich persönlich würde lieber wie Nicola, nicht wie Bogner aus dieser Geschichte herausgehen.

Bogner wünscht sich mehr als die Wirklichkeit, die das Leben generiert. Selbst in seinem Wunsch, die Todeserfahrung zu illustrieren, muss sich Bogner der Banalität beugen. Ist Kunst der Kampf gegen die Banalität?

Kunst ist sicherlich Ausbruch aus der Banalität. Gerade in Coronazeiten, in denen wir mit viel weniger Kunsterlebnis auskommen müssen, merken wir das. Kunst stilisiert, überhöht, sie macht aus dem Natürlichen das Künstliche. Verlässt sie die rein unterhaltende Ebene, kann sie unsere Sichtweise auf Dinge verändern. Im besten Fall ist Kunst Zauberei. Sie kann uns den Boden unter den Füssen wegziehen. Sie kann uns uns selbst verlassen lassen. Sie kann Wahrheiten verdrehen, ausschmücken oder auch überhaupt erst erfahrbar machen. Somit trägt sie auch eine grosse Verantwortung in sich.

Nebst unzähligen Tonträgern, die Sie seit bald 35 Jahren komponieren, produzieren und einspielen, vielen Theater- und Hörspielarbeiten, einer Oper und Soundtracks ist Ihre Karriere als Schriftsteller die jüngste. Schwingt beim Schreiben immer ein Soundtrack mit? 

Nein. Ich schreibe immer im Trockenen, vollkommen unbeeinflusst von Musik. Ich steuere auch im Nachhinein gar nicht gern den Soundtrack zu meinen eigenen Texten bei (wie ich es zB. bei der Hörspielinszenierung von «Am Rand» gemacht habe). Geschriebene Sprache muss erstmal ohne Score auskommen können.

Sofern es aber zu Bogners Abgang einen Soundtrack gibt, ist dieser bereits mit einem der beiden vorangestellten Zitate gelegt.

Schwirrt Ihnen bei so viel offenen Baustellen nicht manchmal der Kopf?

Ja, vielleicht, aber wem schwirrt nicht oft der Kopf? Ich kann mich zu 100 Prozent in eine momentane Arbeit hineinfallen lassen. Wenn ich etwas mache, bin ich voll und ganz auf diese eine Sache konzentriert. Ich verschwinde in ihr. Erst wenn sie erledigt ist oder ich erschöpft pausieren muss, treten die anderen Dinge wieder zurück in mein Leben.

Was tut Hans Platzgumer, wenn er die Nase voll hat?

Meditieren. 2x täglich. Das hilft mir, die nötige Gelassenheit wiederzuerlangen.

Erzählen Sie von einem Buch, das Sie in jüngster Vergangenheit aus den Socken gehauen hat?

George Saunders «Lincoln im Bardo». So eine Idee möchte ich einmal haben – und die Fähigkeit, sie so umzusetzen. Ein Jahrhundertbuch.

© Alex Eizinger

Hans Platzgumer, geboren 1969 in Innsbruck, hat mit seinem Diplom der Wiener Musikhochschule in der Tasche in vielen Teilen der Welt gelebt und mit vielzähligen Projekten seit 1987 auf sich aufmerksam gemacht. Nach dutzenden Alben auf internationalen Labels und weltweiten Auftritten verlagerte er seit den 00er Jahren den Schwerpunkt seines künstlerischen Schaffens hin zur literarischen Arbeit. Seit seinem Debütroman 2005 sind zehn Bücher erschienen.
In den 90ern wurde Hans Platzgumer für einen Grammy nominiert, 2016 für den deutschen Buchpreis.

Rezension von «Am Rand» auf literaturblatt.ch

Webseite des Autors

Beitragsbild © Sandra Bellet

Michael Kleeberg «Glücksritter. Recherche über meinen Vater», Galiani

Die Frage nach dem Woher und Wohin wird wohl in keinem Moment mehr gepusht, als dann, wenn Väter und Mütter sterben. Wenn es unmöglich geworden ist, Fragen direkt zu stellen. Wenn Wohnungen und Häuser geräumt werden und mit einem Mal nackte Mauern stehen, wo einst Geschichte lebte. Michael Kleeberg, grosser Romancier und Essayist, wäre nicht Michael Kleeberg, wenn er den Tod seines Vaters so einfach hinnehmen würde. „Glücksritter. Recherche über meinen Vater“ ist ein direktes, aber liebevolles Buch über einen Vater, der erst durch den Tod in wirkliche Nähe rückte.


„Glückritter. Recherche über meinen Vater“
Lesung mit Gespräch im Literaturhaus Thurgau,
Donnerstag 6. Mai 2021, 19:30 Uhr.
Wir bitte Sie um Anmeldung unter diesem Link.

Ich begegnete Michael Kleeberg zum ersten Mal 2002, als er mit seinem Roman „Der König von Korsika“ Gast bei den Solothurner Literaturtagen war. Damals hatte ich aber ein anderes Buch von ihm in meiner Tasche, das ich unbedingt signiert haben wollte, weil es damals wie heute eines jener Bücher ist, die meine Lesebiographie nachhaltig beeinflussten. Ein Buch, das in meiner Bibliothek zu den „Überbüchern“ zählt und mit der Widmung des Autors zur Reliquie: „Ein Garten im Norden“, ein modernes Märchen mitten in der Gegenwärtigkeit. Ein junger Mann bekommt von einem Antiquar ein leeres Buch geschenkt. Mit dem Buch verspricht er ihm: „Was immer Sie hineinschreiben, wird Wirklichkeit geworden sein, wenn Sie das Buch beendet haben.“

Mit „Glücksritter. Recherche über meinen Vater“ ist Michael Kleeberg vielleicht genau diesem Versprechen ein bisschen näher gekommen. Denn wer sich in der Art wie der Autor mit dem Leben und der Herkunft seiner Eltern, seines Vaters auseinandersetzt, muss der Wirklichkeit unweigerlich näher kommen. So wie ich selbst trägt jeder ein Bild seines Vaters mit sich herum, Erinnerungen und scheinbare Tatsachen, die über Jahrzehnte zementieren, einem glauben machen, man würde jene kennen, in deren Familie man geboren wurde. Es baut sich über ein Leben lang Stein auf Stein, eine Fassade, hinter die man aber aus Respekt, Furcht, Desinteresse oder zu grosser Distanz gar nicht zu schauen vermag. Eine Fassade, die aber Schatten wirft, einen Schatten, der bleibt, auch wenn der Tod vieles mit sich reisst.

Michael Kleeberg „Glücksritter. Recherche über meinen Vater“, Galiani, 2020, 240 Seiten, CHF 30.90, ISBN 978-3-86971-140-9

Michael Kleebergs Recherchebuch über seinen Vater beginnt mit einer Geschichte aus den letzten Lebensjahren seines Vaters. Wie oft, wenn der Erzähler mit seiner Familie in die Ferien fährt, hütet der achtzigjährige Vater das Haus. Nach der Rückkehr durch einen beunruhigenden Mailwechsel wird offenbar, dass der Vater Opfer eines Trickbetrügers wurde, der ihm ganz offensichtlich mit dem Versprechen vom grossen Geld mehrere tausend Euro abknöpfen konnte. Er macht sich auf zu seinem Vater, seiner Mutter, stellt ihm Fragen, die brennen, weil der Sohn genau weiss, dass die alten Eltern finanziell nicht auf Rosen gebettet sind. Aber bei der Konfrontation wird klar, dass ein Sohn kein Freund ist. Dass sich gewisse Fragen als Sohn nur ganz schwer oder gar nicht stellen lassen.

Der Tod seines Vaters und die Geschichte um das in den Sand gesetzte Ersparte seiner Eltern, die Räumung einer Wohnung und die verschwiegene Demenz seiner Mutter werden die Ausgangspunkte einer Suche nach dem Woher. Der Vater, in den letzten Jahren des Krieges vierzehn, erlebt die Gräuel einer Kapitulation, die Vertreibung von seinem Zuhause, Jahre in einem Lager und den wechselvollen Aufstieg im Nachkriegsdeutschland. „Glücksritter. Recherche über meinen Vater“ ist ein Buch über einen glücklosen Vater, einen Mann, der ein Leben lang dem Glück hinterherritt, der sich von der grossen Geschichte und seiner eigenen Geschichte verraten fühlte. Von einem Mann, dem das Geld und Status das Wichtigste war und unbedingt wollte, dass sein einziger Sohn dereinst ein Doktor werden sollte. Von einem Mann, der die Geschichte nach seiner Fasson zu drücken wusste und sich nie den Tatsachen der Geschichte stellte. Von einem Mann, der ihm die Liebe zur Fantasie schenkte, der ihm Geschichten erzählte ohne sich je der eigenen Geschichte zu stellen.

„Glückritter. Recherche über meinen Vater“ ist keine Abrechnung, sondern eine Liebeserklärung.

Michael Kleeberg, geboren 1959 in Stuttgart, lebt als Schriftsteller und Übersetzer (u.a. Marcel Proust, John Dos Passos, Graham Greene, Paul Bowles) in Berlin. Sein Werk (u.a. «Ein Garten im Norden», «Karlmann», «Vaterjahre», «Der Idiot des 21. Jahrhunderts») wurde in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt. Zuletzt erhielt er den Friedrich-Hölderlin-Preis (2015) und den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung (2016). 2020 erschien sein Buch «Glücksritter. Recherche über meinen Vater».

Webseite des Autors

Beitragsbild © leafrei.com / Literaturhaus Thurgau

Ruth Loosli «Mojas Stimmen», Caracol

Wenn eine Familie auseinanderzubrechen droht. Ruth Looslis Debüt beschreibt den schmalen Grat zwischen Selbstzerstörung und Verzweiflung all jenem gegenüber, das einem aus der Hand genommen wird. Die Geschichte einer Mutter und ihrer Tochter, die sich wie ein Doppelgestirn aus der Gravitation des Normalen entfernt.

Moja schien das Leben im Griff zu haben, machte Matura, ging in einem Zwischenjahr auf Reisen und begann danach ein Studium, das sie wohl abbrach aber nichts desto trotz einen sicheren Stand als Pflegehelferin in einem Heim fand. Dass sie mit dreizehn ihren Vater durch einen Unfall verlor, ihre Mutter damals eine Auszeit nehmen musste und Moja bei Nachbarn unterbrachte, dass sich Moja damals mit Canabis zu trösten begann, schien alles überwunden. Bis es Moja eines Morgens nicht mehr schaffte, ihre Wohnung zu verlassen. Bis sie sich krank schreiben liess. Bis sie sämtliche Kontakte sausen liess, bis auf jene zu ihrer Mutter Paula und ihrem Bruder Jonas.

Ruth Loosli «Mojas Stimmen», Caracol, 2021, 224 Seiten, CHF 24.90, ISBN 978-3-907296-05-9

Paula und ihre Tochter Moja wohnen in der gleichen Stadt. Was anfänglich wie eine Krise aussieht, etwas, aus dem man sich selbst am Schopf herausziehen kann, etwas, das wie eine lang andauernde Dürre irgendwann vorbei sein muss, schiebt sich immer mehr in eine Sphäre, die sich jedem Zugriff, jeder Beeinflussung, jeder Hilfe verweigert. So schwer es für die 25jährige Moja wird, sich in ihrem Leben zurechtzufinden, eine Ordnung zu finden, Halt und Struktur, so schwer ist es für ihre Mutter Paula, die nicht akzeptieren will und kann, dass ein Problem sich jeder Lösung entzieht, dass man nicht in die Hände spucken und die Sache angehen kann, dass man akzeptieren soll, was aus der Distanz unweigerlich an einem Abgrund zu stehen scheint, unmittelbar vor der Vervielfachung einer schwelenden Katastrophe.

Moja hört Stimmen, verschiedene Stimmen. Stimmen, die viel mehr zu zählen scheinen als ihre eigene und die ihrer Mutter. Stimmen, die Moja immer mehr von der Welt abkoppeln, in denen sie sich verliert. Moja schliesst sich in ihrem Zuhause ein. Selbst die Kontakte zu ihrer Mutter und ihrem Bruder, die die einzigen geblieben sind, denen sie sich phasenweise öffnen kann, unterbindet sie immer öfters. Sie zahlt keine Rechnungen mehr, die Versicherungen verweigern weitere Unterstützung, der Kühlschrank bleibt leer, Kleider bleiben in der Wohnung liegen und Anrufe und Mitteilungen auf dem Mobilphone unbeantwortet. Nur die Glimmstängel scheinen die einzige Form von Wärme zu sein, die sie zulässt, die ihre Leere wärmen.

Irgendwann wird die Not so gross, dass der einzige Ausweg darin besteht, Moja in eine staatliche Institution einzuweisen, der sie sich aber nur widerwillig ergibt und letztlich nur eine Verschnaufpause für die gebeutelte Mutter bedeutet. Ein kleiner Funken Hoffnung, eine Spur Perspektive, auch wenn sich Paulas Tochter jeder Annäherung durch das Pflegepersonal verschliesst, ausgerechnet sie, die doch auch einmal als Pflegende in einem Heim arbeitete.

Ruth Loosli leuchtet auf beeindruckende Weise hinein in eine Welt, die von der Diagnose Schizophrenie dominiert wird, von der Einsicht, dass nicht klar ist, was zum Ausbruch einer solchen Krankheit führt und wie der Weg aus dem Labyrinth dieser Krankheit zu finden ist. Wie einem als Mutter die Hände gebunden sind, wie sehr man versucht ist, die Fehler bei sich selbst zu suchen. Wie diese Krankheit alles dominiert und einem aus der gewohnten Umlaufbahn zu katapultieren droht. Wie die Sehnsucht nach Nähe und der Wunsch doch nur helfen zu wollen, alles in ein klebriges Loch stösst, aus dem weder Tochter noch Mutter aus eigener Kraft herausfinden.

„Mojas Stimmen“ ist ein durchaus gewagter Roman über Themen, die durch zu viel Nähe und Emotionalität schnell abgleiten könnten. Aber Ruth Loosli gelingt es, sich schreibend in eine sprachliche Nähe zu bringen, die wohl viel Emotionalität zulässt, aber immer jenen erzählerischen Abstand wahrt, den es braucht, um den Erzählsog von aussen zu erzeugen. „Mojas Stimmen“ ist eine starke Stimme! Ein Stimme, die sich bis in die eingefügten Schreibbilder der Autorin manifestiert!

Interview

Auf dem Titelbild deines Romans steht eine Steinfigur am Ufer eines Bachs. Stein ist fest, der Untergrund ist fest. Und doch braucht es nur einen Schups von aussen und alles zerfällt. Von allein richtet sich die Figur niemals mehr auf. Beginnt nicht genau dort die Krux vieler Krankheiten der Psyche?
Vielleicht müsste man sich aber auch fragen, ob der vermeintlich feste Untergrund nicht vielleicht doch Risse hat, ob die feste Schicht zu dünn ist, um längerfristig zu tragen. Dasselbe bei der Figur: Jeder Stein für sich ist zwar fest, aber dort, wo die Steine aufeinandergestellt werden, zittert man unwillkürlich ein bisschen. Nichts hält sie aufeinander als ein sorgfältig geprüftes Gleichgewicht, das jederzeit – von einem leichten Beben – einem stärkeren Wind, gestört werden kann. Tatsächlich wird sich die Figur, einmal zerfallen, nicht mehr von alleine aufrichten. Ob das Bild dann aber für die Krankheiten der Psyche zu verwenden ist? Würde man die psychischen Krankheiten vermehrt als «seelische Krise» bezeichnen, wäre im Wort «Crisis» auch der «Wendepunkt» zu erkennen. Und darin vielleicht die berühmte «Chance» – aber tatsächlich braucht es manchmal Jahre, um wieder neuen Boden zu finden oder ein Leben geht zu Ende, weil eine Krise, ein schwankender Boden nicht auszuhalten ist.

Paula will ihrer Tochter bloss helfen. Etwas, was man als Mutter oder Vater meistens noch kann, wenn die Kinder noch zuhause in der Verantwortung der Eltern stehen. Ein Wunsch, der unmöglich und selbstzerstörerisch werden kann, wenn die Kinder erwachsen, selbstbestimmt (oder auch fremdbestimmt) sind. Kann Mutter – oder Vaterliebe zerstören?
Persönlich würde ich das eher verneinen. Aber aus Fallbeispielen, aus Filmen und auch aus der Literatur wissen wir, dass elterliche Liebe zerstörerische Züge haben kann. Dann aber zerstört der betroffene Elternteil in der Regel auch sich selbst, in letzter Konsequenz.

Alles in unserem Leben muss funktionieren. Paula ist kurz vor 60. Sie muss funktionieren. Moja ist 25, hat eine Wohnung, einen Job. Sie muss funktionieren. Jonas, Mojas älterer Bruder, funktioniert. Bis alles zu kippen droht. Ist Schreiben der Versuch, eine Ordnung in das drohende Chaos des Lebens zu bringen?
Ja, ich finde jede schöpferische Tätigkeit trägt diesen Versuch, Ordnung zu schaffen in sich. Das kann auch bedeuten, eine Wand neu zu streichen, ein Bild zu malen, zu singen, ein Gartenbeet bepflanzen. Mein Schreiben hat auf jeden Fall damit zu tun, die Übersicht über mein Leben behalten zu wollen. Einige Dinge und Begebenheiten zu verstehen, zumindest im Rückblick. Denn Schreiben ist immer auch Nachdenken über sich selbst, häufig im Spiegel der anderen, der gesellschaftlichen Entwicklung. Auch in meinen Gedichten ist dieses Verstehen und Ordnen wollen bestimmt erkennbar.

Eine typisch mütterliche Reaktion auf Lebenskrisen der Kinder ist die Suche nach eigenen Versäumnissen, nach Fehlern in der Erziehung, dem eigenen Versagen. Man mache als Vater oder Mutter täglich 10 Fehler meint eine Studie. Leiden wir unter einer fehlgeleiteten Fehlerkultur?
Das kann man sicher so sehen. Ich bin selber auch so erzogen worden und aufgewachsen. Fehler gab es zuhauf, Lob und Anerkennung selten. Es braucht eine Balance von Beidem. Grundsätzlich ist eine wertschätzende Haltung, die Fehler akzeptiert, analysiert, aber nicht hervorhebt, eine wahre Förderung von Lebendigkeit und einem gesunden Vertrauen in sich und das Leben. Deshalb ist die Begleitung von Kindern so wichtig. Aber auch eine verzeihende Haltung sich selbst gegenüber, wenn man erwachsen ist und vielleicht selber auch erwachsene Kinder hat, die ihren eigenen Weg finden müssen.

„Ich bin sprachlos. Ich kann es nicht fassen“, sagt Paula, als eine Nachbarin von ihrem Schicksal erzählt. Ist das der Unterschied zur Literatur, die nie sprachlos wird? Literatur ist Aufbruch.
Wird Literatur nie sprachlos? Du meinst, nur weil der Literatur die Sprache als Material zur Verfügung steht, kann sie gar nicht sprachlos werden? Ein interessanter Gedanke. Dass Literatur Aufbruch bedeuten kann, dem stimme ich gerne und ohne Widerrede zu. 

Ruth Loosli, geboren 1959 in Aarberg (Seeland), wo sie aufgewachsen ist. Sie hat drei erwachsene Kinder und ist ausgebildete Primarlehrerin. Seit einigen Jahren lebt und arbeitet sie in Winterthur. Sie veröffentlicht in Anthologien und Literaturzeitschriften. Ein erster Gedichtband «Aber die Häuser stehen noch» erschien 2009. Es folgte im Wolfbach Verlag (DIE REIHE, Band 5) 2011 «Wila, Geschichten»; dieser Band wurde mittlerweile auf Französisch übersetzt. Weiter ist 2016 der Lyrikband «Berge falten» im selben Verlag erschienen. 2019 veröffentlichte der Waldgut Verlag den Lyrikband «Hungrige Tastatur».

Lyrik von Ruth Loosli auf der Plattform Gegenzauber

Webseite der Autorin 

Beitragsbild © Vanessa Püntener