Thomas Kunst im Literaturhaus Thurgau: „Es war ein Fest bei euch!“

„Um aus Zandschow herauszukommen, bleibt er in Zandschow“, steht im Roman „Zandschower Klinken“ von Thomas Kunst, einem Roman, der auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises für Furore sorgte und selbst auf dieser Liste von gewissen KritikerInnen nicht ernst genommen werden wollte.

Man kann diesen Satz vielfältig verstehen. Vielleicht auch in den verschiedensten Lesarten eines Buches, in den vielfältigen Möglichkeiten mit Sprache Leben zu gestalten. Wer nur das eine sieht, wem von vorneweg klar ist, wie Literatur sein muss, wer sich in fixen Kategorien bewegt, wer eine Geschichte erzählt haben will mit klarem Schnittmuster und einem kunstvollen Plott, der ist mit Thomas Kunsts Prosa schlecht bedient. Da schreibt einer fernab von allen Paradigmen, denen sich der Literaturbetrieb im Gravitationsfeld der verschiedensten Interessen angepasst hat.

Thomas Kunst macht in einem Interview sehr deutlich, was er mit seinem Schreiben will und nicht will: „Mich interessiert keine Linarität, keine Nacherzählbarkeit. Mein Erzählen ist ein chaotischer Klumpen aus Einzeleinfällen, die ich irgendwie zusammenfüge.“ Was aus diesem angekündigten Chaos entsteht, ist aber alles andere als ein wirrer Haufen Sätze. Thomas Kunst lässt sich treiben, sowohl im Geschehen, wie in seiner Sprache. Sein Roman mäandert zwischen den verschiedensten Erzählweisen; manchmal wie ein Bericht, ein Brief, ein Gebet, ein Gedicht, eine Stimmung. Er mäandert auch in seinen Perspektiven, mal ganz nahe, mal von weit weg. Thomas Kunst liebt seine Figuren, die Gegend, die Sonderlinge, die Gestrandeten, die Erfolglosen, Gescheiterten, Aufrechtgebiebenen. Thomas Kunst erklärt nicht die Welt, schon gar nicht das idealisierte, verklärte Landleben, das in Magazinen bis zur Unkenntlichkeit entfremdet wird.

„Zu Beginn eines jeden Buches ist Wut und Zorn“, erklärt Thomas Kunst an der Lesung im Literaturhaus Thurgau. Eine Energie, eine Kraft, die der Autor in ausufernde Kreativität verwandeln kann. Das verlangt von mir als Leser einiges ab. „Ich habe grosse Lust, LeserInnen zur Weissglut zu bringen“, sagt Thomas Kunst in einem Interview. Seine Sprachkunst flötet nicht mit leisen Tönen, will mich nicht verzücken, schmeichelt mir nicht, schon gar nicht meinen eintrainierten Lesegewohnheiten, obwohl Thomas Kunsts Roman durchaus moralische Kraft hat, wenn er sich selbst ganz dezidiert als „politischer Autor“ bezeichnet. In “Zandschower Klinken“ steckt viel Kritik, viel Gesellschaftskritik, auch viel DDR, ohne dass der Roman ein Wenderoman oder ein DDR-Roman wäre. „Zandschower Klinken“ ist vielleicht eine Art Gegenentwurf zu all den „Dorfromanen“, die in der aktuellen Literaturszene Hochkonjunktur haben.

„Zandschower Klinken“ strotzt vor Potenz. Wer sich auf Kunst einlässt, wird belohnt, auch wenn einem der Autor nicht brav an der Hand nimmt.

Rezension von «Zandschower Klinken» auf literaturblatt.ch

Beitragsbilder © Sandra Kottonau / Literaturhaus Thurgau

Verena Uetz «Der Duft nach frisch gebackenem Brot», Plattform Gegenzauber

Soll ich denn wirklich von dem kleinen Mädchen schreiben, das ich einmal war? Zeigt es sich mir? Auf Fotos ja, in der Erinnerung kaum. Deshalb erfinde ich jetzt ein sechs-jähriges Mädchen. Es heisst „Es“. So wurden damals Mädchen genannt: „Es“ , das Mädchen. Ich aber nenne es Vreneli. 
Vreneli hat eine zwei Jahre ältere Schwester. Diese lebt in einer ganz anderen Welt, obschon im gleichen Dorf, an der gleichen Adresse mit der gleichen braunen Haustüre, deren Türfalle nicht mehr richtig schliesst, im gleichen roten Mietshaus mit der gleichen traurigen Grossmutter in der Küche am Herd, die ein feines Essen aus immer den gleichen wenigen Lebensmitteln zaubern muss.
Das Mädchen, ich, hat viele Ämtlein in der Küche und beim Einkaufen im Dorf. Brot holen zum Beispiel. Von dieser Duft-Wunderwelt in der Backstube hat niemand sonst eine Ahnung. Und auch nicht von der noch warmen goldenen Kruste dank der ich den kurzen Heimweg ad libitum verlängern kann, bis das Brot nackt aussieht und Grossmutter verärgert. Jeden Tag aufs Neue. Und jeden Tag schmeckt die warme Brot-Rinde einfach köstlich.

Und jetzt, mein kleines Vreneli? Freust du dich auf die Schule? Erstklässlerin bist du dann mit einem richtigen Schulweg. Weiter noch als bis zum Bäcker. Dem Dorfbach entlang und vorbei an den zwei breiten Schaufenstern des Schuhgeschäfts. Dort werden auch Schultornister verkauft, jedoch deinen hast du vom Götti aus der Stadt bekommen. Viel lieber hättest du den roten aus dem Schaufenster gehabt. Er liegt noch immer dort zum Verkauf.

Mein brauner Schultornister – was für ein Wort! – ärgert mich jeden Tag mehrmals. Am Morgen daheim und später erst recht im Schulzimmer, wo wir alle unsere Theks leeren und in einer Zimmerecke in gerader Linie aufreihen müssen.
Wäre meiner rot gewesen statt sch…braun hätte ich immer mal wieder liebevoll zu ihm hingeschaut. Aber so?

Aus meiner Fantasie kommt Hilfe in der Not. In Gedanken färbe ich ihn. Rot. Ein schönes Dunkelrot. Nein, nicht so dunkel!! Vielleicht tomaten- oder geranienrot mit einem silbrig glitzernden Schnappverschluss und….

„Vreneli, was träumst du in den Tag hinein? So geht das nicht in der richtigen Schule, weisst du!“ Ich zeige mich zerknirscht, freue mich aber umso mehr auf den Heimweg, wo ich einen langen Umweg mache an der Kirche vorbei und dem angrenzenden Friedhof. Aber dort renne ich schnell, kann nichts anfangen mit einem Friedhof. Könnte ja eigentlich mal die Grossmutter fragen, die muss es ja wissen, sie hat schon weisse Haare. Ich dafür einen roten Thek! Glattleder. Nicht wie die Buben, die ein Kuhfell darauf haben. Wären sie nicht Buben, hätte ich vielleicht etwas Mitleid erübrigen können.

Wieder daheim erschrecke ich die Grossmutter.
„Was um Himmels-Härdöpfelswillen ist mit deinem Thek passiert?“
„….“
„So so, ein bisschen waschen im Bach wolltest du ihn?!“
„Ja, und dann ist halt auch ein bisschen Schlamm draufgekommen. Ist ja egal, ich hasse ihn.“

Seit Schulanfang darf ich in ein Heft alles schreiben was ich möchte. Die Fröilein Zürcher hat es mir geschenkt. „Weil du doch so eine berühmte Mutter hast, die Bücher schreibt. Da willst du sicher auch immer mal wieder etwas aufschreiben.“
„Ist Mutti berühmt? Was ist berühmt?“
Ich schreibe jeden Tag in mein Heft. Bin stolz. Es liegt immer unter meinem Kissen. Niemand darf es lesen. So also wird man berühmt!
Mutti schreibt immer Nachts im Bett, raucht dazu ihre Parisienne-Filter, Vati schläft daneben und die voll geschriebenen Blätter fliegen im Zimmer herum.

Die Schule gefällt mir. Aber sie gefällt mir auch nicht. Es ist langweilig, die Buben sind so dumm und rotzig und frech. Ich will nie einen Bruder, oder doch, ja, ein grosser Bruder wäre mein Traum, einer, der mir immer hilft auf dem Pausenplatz und schon heimlich Zigaretten raucht.

 

femscript.ch publiziert zu ihrem 30-jährigen Bestehen eine Anthologie mit rund 50 Beiträgen. Es sind Geschichten, aus dem Verborgenen ans Licht geschrieben. Es ist Poesie, zwischen Tag und Nacht aus der Dämmerung gesiebt. Inspiriert von einer gemeinsamen Werkstatt, haben die Autorinnen formal, stilistisch und inhaltlich ganz verschiedene Türen geöffnet und vielfältige Zugänge geschaffen.

Verena Uetz-Manser, * 1937 Georen und aufgewachsen in Bassersdorf. Ausgebildet als Musikpädagogin, verheiratet, zog eine Schar Kinder auf, eigene und Pflegekinder. Mit dem Schreiben begann Verena Uetz-Manser, als die Kinder aus dem Haus waren. Texte in Anthologien («Wörterknistern» und «Dreiundsechzig», KaMeRu 2015) und in «mein Magazin». Verena Uetz-Manser war auch Keramikerin mit eigener Werkstatt und in vielen Bereichen Kursleiterin.

Michael Fehr «super light», Der gesunde Menschenversand

Michael Fehr ist ein Phänomen. Da sitzt einer gleich neben mir an einem kleinen Tischchen, ein Glas Wasser, ein kleines schwarzes Büchlein und ein Mobilphone mit einer Tastatur auf dem Display. Er stampft und klatscht, gibt den Rhythmus mit Luft, die durch die Lippen schiesst, singt und gibt den Bass, ein einziges vielfältiges Instrument von der Sohle bis zum Scheitel. Mensch gewordenes Lebensgefühl!

Besucht man die Webseite von Michael Fehr, springt einem der Schriftsteller und Dichter nicht gleich entgegen. Auf den ersten Blick könnte er auch ein Musiker sein. Vielleicht ein Saxophonist, einer, der mit seinem rauen Spiel die Szene aufmischt. Vielleicht ist dieser erste Eindruck ja auch gar nicht falsch. Vielleicht ist Michael Fehr einmal Musiker, einmal Dichter, ein Stimm- und Wortmusiker, oder alles in einer Person. Einer, der mit seiner eigenwilligen Kunst schwer einzuordnen ist, es tunlichst vermeidet, einer Schulbade zuzugehören. Michael Fehr ist Schriftsteller, Dichter, Performer, Sänger. Jedes seiner Bücher ist eine Überraschung, so wie man davon ausgehen kann, dass sein im Frühling erscheinendes Buch „Hotel der Zuversicht“ auch zu einem Sprach- und Leseexperiment wird. Vielleicht ist Michael Fehr so etwas wie der Tom Waits der Schweizer Literatur, ein bisschen «lonsome Cowboy».

Michael Fehr «super light», Der gesunde Menschenversand, 2021, 45 Seiten, CHF 15.00, direkt beim Verlag zu beziehen

Das sind für die Charakterisierung eines Künstlers vielleicht ein bisschen viele «Vielleicht“. Wer „super light“ auf der Bühne lauscht, den entführt Michael Fehr in eine ungefähre Zwischenwelt. Ein Vielleicht. Das mag mit der Entstehung seiner Texte zusammenhängen, da sie viel näher am Klang, am Sound, an der Akustik sind, als bei den meisten anderen Wortkünstlern, bei denen die noch stumme Schrift vorausgeht. Das mag an der Konzentration seiner Sprache liegen, an der Verdichtung der Bilder, einer Szenerie der Verknappung. Michael Fehr Erzählminiaturen öffnen Räume, erst recht, wenn er sie selber liest, noch viel mehr, wenn er sie in einen Rhythmus setzt, sein ganzer Körper mitgeht, wenn er singt, wenn er seine Augen schliesst und seine Arme in der Luft seinem Gesang Richtung geben.

Michael Fehr gab an diesem Abend sehr viel von sich, seinen Arbeiten, seinem Ringen um Sprache, seinem Denken und Nachdenken preis. Gedanken, die in seine Texte fliessen, von denen er durchdrungen ist, die durch seine Performance ein Ventil finden. Vielleicht auch, um sich angesichts der vielen Ungerechtigkeiten Luft zu machen.

Das Literaturhaus Thurgau dankt Michael Fehr und im Speziellen der Zeitschrift ERNST für die Zusammenarbeit!

Die Redaktion des Magazins ERNST, einem Schweizer Magazin, das sich sehr ambitioniert mit den verschiedensten Themen auseinandersetzt, nicht zuletzt literarisch, beabsichtigte schon lange eine Nummer zur Literatur, zum Buch. Nun wurde es gar eine Doppelnummer zum Thema „Manuskript“. Angefragt wurden Schreibende, sich zu ihren ganz verschiedenen Arten des Schreibens zu äussern. Darunter Gianna Molinari, Paul Nixon und Michael Fehr. Mehr Informationen zum ERNST.

Michael Fehr, geboren 1982, aufgewachsen in Muri bei Bern. Er studierte am Schweizerischen Literaturinstitut und am Y Institut der Hochschule der Künste Bern. 2014 gewann Fehr mit einem Auszug aus «Simeliberg» den Kelag-Preis und den Preis der Automatischen Literaturkritik in Klagenfurt.

superliecht auf YouTube

Beitragsbilder © Marc Doradzillo

Günter de Bruyn «Die neue Undine», illustriert von Jörg Hülsmann, S. Fischer

Die Geschichte des weiblichen Wassergeist Undine ist alt, der Name Undine indogermanisch, von „Welle“ abgeleitet. Die Urgeschichte aus dem 13. Jahrhundert wurde vielfach nacherzählt, u. a. 1811 von Friedrich de la Motte Fouqué als Märchennovelle und in verschiedenen Varianten auch in anderen Figuren wiederzufinden (Loreley). Günter de Bruyn erzählt die Geschichte neu und doch mit der Patina einer unsterblichen Sage.

Undine, eine junge Frau aus der Wasserunterwelt, will das Menschsein ergründen, verliebt sich und muss ihren Geliebten warnen. Denn einmal verheiratet, muss der Geliebte seine Untreue mit seinem Leben bezahlen und Undine wird verschwinden. Beide Geschichten, jene von Friedrich de la Motte Fouqué und die von Günter de Bruyn sind in dem überaus schmucken Band zusammen mit den Illustrationen von Jörg Hülsmann abgedruckt. So etwas wie der dritte Band, nach „Effi Briest“ von Theodor Fontane und „Sternstunden der Menschlichkeit“ von Stefan Zweig, die alle von Jörg Hülsmann illustriert in jede Bibliothek von BuchliebhaberInnen gehören.

Günter de Bruyn «Die neue Undine», illustriert von Jörg Hülsmann, S. Fischer, 2021, 160 Seiten, CHF 40.90, ISBN 978-3-10-397041-8

Ein einsames Fischerpaar am Ufer eines grossen Sees geniesst das späte Familienglück bis die Tochter an einem stürmischen Tag verschwindet. Todunglücklich ergeben sich die beiden ihrem Schicksal bis urplötzlich ein Mädchen an ihre Haustüre klopft, tropfnass, unbeeindruckt vom Unwetter in ihrem Rücken. Das Mädchen ist blond, gleich alt wie ihre verschwundene dunkelhaarige Bertalda. Die beiden nehmen das Mädchen auf und sie bleibt bei ihnen, wenn auch immer fremd und dem Wasser zugeneigt. Jahre später verschlägt es einen jungen Ritter zu den Fischern an das Ufer des Sees. Und weil dieser durch ein Unwetter gezwungen ist zu bleiben, verlieben sich die beiden jungen Leute. Der Ritter hält um die Hand Undines an, die ihm gerne in seine heimatliche Burg folgt mit der Warnung, dass er etwaige Untreue teuer zu bezahlen hätte. Zurück am Hof des Ritters wird klar, dass das Mädchen, dem er vor seiner Reise seine Hand versprochen hatte, die verschollene Tochter des Fischerpaars ist, eine junge Frau, die ihre Vergangenheit vergass. Es kommt, wie es kommen muss.

Warum eine alte Geschichte nacherzählen? Weil Sagen mehr als bloss Geschichten sind. Weil sie zum Erbmaterial einer ganzen Kultur gehören. Und wenn solche Geschichten bis zu Ariellefilmen aus dem Hause Disney verniedlicht werden, ist bitternötig, dass man dem alten Erbe kein neues Gesicht, aber ein neues Gewand gibt, keine Adaption in die Moderne, aber in einer Sprache erzählt, die nichts vom sagen-haften Zauber der Urfassungen eingebüsst hat. Und wer kann ein solches Kunstwerk besser als ein alter Meister seines Fachs.

Dass der Verlag S. Fischer bei dieser Veröffentlichung den Illustrator Jörg Hülsmann mit ins Boot nahm, macht aus der Sage einen Buchschatz erster Güte. Kein Buch, das man nach der Lektüre so einfach zwischen andere Bücher ins Regal schieben will. Ein Buch, das Raum nimmt und Raum braucht, dass sich zeigen lassen will, das zur Verführung aufruft, so wie die schöne Wasserfrau aus den Tiefen des Sees. „Die neue Undine“ ist eine literarische Sirene!

Der letzte vom Autor zu Lebzeiten abgeschlossene Text!

Günter de Bruyn wurde am 1. November 1926 in Berlin geboren und lebte seit 1969 im brandenburgischen Görsdorf bei Beeskow als freier Schriftsteller. Er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. dem Heinrich-Böll-Preis, dem Thomas-Mann-Preis, dem Nationalpreis der Deutschen Nationalstiftung, dem Eichendorff-Literaturpreis und dem Johann-Heinrich-Merck-Preis. Zu seinen bedeutendsten Werken gehören u.a. die beiden kulturgeschichtlichen Essays «Als Poesie gut» und «Die Zeit der schweren Not», die autobiographischen Bände «Zwischenbilanz» und «Vierzig Jahre» sowie die Romane «Buridans Esel» und «Neue Herrlichkeit». Günter de Bruyn starb am 4. Oktober 2020 in Bad Saarow.

Jörg Hülsmann, geboren 1974, studierte Illustration in Düsseldorf und Hamburg. Seit 2003 zeichnet er als freier Illustrator für Buchverlage wie S. Fischer, Suhrkamp Insel, DuMont oder die Büchergilde Gutenberg und für Magazine wie das mare-Magazin, die Frankfurter Rundschau und Das Magazin des Tages-Anzeigers, Zürich.

Beitragsbild © Doris Poklekowski

Didi Drobna «Was bei uns bleibt», Piper

Manchmal wächst Gras über eine Sache oder ein ganzer Wald. Manchmal will man vergessen, obwohl man spürt, dass es unmöglich ist. Das Erlebte modert über Jahrzehnte weiter, Wunden verschliessen sich nie, Versöhnung, auch jene mit sich selbst, ist unmöglich. Didi Drobna erzählt, wie sich der Schrecken über Generationen fortsetzt, die Geschichte zweier Familien im langen Schatten des Grauens.

Besucht man die Webseite der Ortschaft Hirtenberg in Niederösterreich, erinnert nichts an den Umstand, dass in der Hirtensteiner Patronenfabrik Zwangsarbeiterinnen und KZ-Häftlinge unter widrigen Umständen den Krieg an den Fronten mit Munition zu versorgen hatten, dass kurz vor der deutschen Kapitulation über 300 Frauen gezwungen wurden, einen 150 km langen Gewaltsmarsch Richtung KZ Mauthausen unter die Füsse zu nehmen, ohne Perspektive, bewacht von der SS. Selbst der Wikipediaeintrag über Hirtenberg verrät bloss mit einer Notiz die ansässige Munitionsfabrik und ihre Rolle im 2. Weltkrieg. Wichtiger dort der Vermerk, dass die Auslastung des Werks „gut“ war. 

Aber was in Landschaften und Ortsbildern verschwunden ist, wirkt trotzdem weiter. Ganz bestimmt in den Geschichten all jener, die von Geschichte direkt oder auch in Generationen danach betroffen waren. Dass das grosse Schweigen über die dunklen Jahre des Nationalsozialismus ein Phänomen ist, das bis in die Gegenwart wirkt, ist nichts Neues, dass persönliches dem institutionellen Aufarbeiten meist hoffnungslos hinterherhinkt, ebenfalls. Didi Drobna erzählt eine Geschichte, ein Stück Geschichte, Tatsachen, die mit den letzten Überlebenden, die berichten könnten ins allgemeine Vergessen zu rutschen drohen.

Didi Drobna «Was bei uns bleibt», Piper, 2021, 256 Seiten, CHF 28.90, ISBN 978-3-492-07052-2

Klara, nie weit weg gekommen, selbst in der Seele verwundet durch einen Vater, den die Front schluckte, wird als Zwangsarbeiterin in der Hirtensteiner Patronenfabrik verpflichtet. Eine Patronenfrau, in einer Zeit, als nur noch die Parteibonzen an den Endsieg glaubten. Man produziert Munition für die Front, jeden Tag eine Million Patronen. In den letzten Monaten des Krieges soll die Produktion durch KZ-Häftlinge noch gesteigert werden. So arbeiten in den letzten Wochen einheimische Zwangsarbeiterinnen und ausgezehrte KZ-Frauen Schulter an Schulter. Als die Front immer näher rückt und mit ihr die Angst, werden kriegswichtige Maschinen in einen Zug verfrachtet, mit ihnen eine begrenzte Zahl der Belegschaft. Ein Zug in den Tod. Klara bleibt zurück, schlägt sich in die Wälder und folgt dem Zug jener KZ-Frauen, die von SS-Leuten bewacht zu Fuss nach Mauthausen aufmachen. Unter den KZ-Frauen ist Lujza, die Klara nicht aus den Augen verlieren will.

Klara, weit über 80, spürt, dass sich ihre Lebenskraft verabschiedet. Sie muss sehen, wie die Geschehnisse rund um jenen fürchterlichen Krieg, den sie als junge Frau miterleben musste, selbst im Leben ihres Enkels Luis weiterwirken. Sie sieht ihren Nachbarn Horst, der ganz alleine seine wilde Tochter Dora grosszieht, die an den „Geistern ihrer Vorfahren“ leidet. Und weil Luis ebenfalls spürt, dass nicht nur das Dach des Hauses, in dem er seit dem Tod seiner Eltern mit seiner Grossmutter zusammen wohnt, in Ordnung gebracht werden muss, nimmt Klara an der Hand und fordert sie auf, ihr Schweigen endlich zu brechen.

Didi Drobna erzählt ganz behutsam. Von einer unkritischen jungen Frau in einer kriegswichtigen Fabrik, die einfach zufrieden ist, einen sicheren Platz in einer unsicheren Zeit zu haben. Von der Begegnung mit einer jungen Frau, der man alle Rechte, jede Würde genommen hat. Von einer alten, fürsorglichen Frau, die den Alp nie abschütteln konnte, der bis ins Leben ihres Enkels wirkt. Von einem Mann und seiner Tochter, die das Schicksals einer Mutter und Ehefrau mit sich herumtragen, ein Schicksal, das sich im Leben der Tochter spiegelt, dem das Mädchen hilflos ausgeliefert ist. „Was bei uns bleibt“ ist keine Enthüllungsgeschichte. Aber eine Mahnung dafür, dass weder Gras noch Bäume das Leiden in der Vergangenheit verbergen können.

Didi Drobna bei den Ruinen der zweiten Hirtenberger Patronenfabrik

Interview

Sind wir uns der Tatsache, dass der Boden, auf dem wir leben, von Geschichte getränkt ist, zu wenig bewusst? Man mahnt zwar immer, man müsse im „Hier und Jetzt“ leben. Aber birgt sich darin nicht eine fatale Portion sich permanent entschuldigender Oberflächlichkeit?

Nach dem Krieg floss alle Kraft in den Wiederaufbau. Viele Dinge wurden ausser Acht gelassen, auch die konsequente Auseinandersetzung mit verbliebenem nationalsozialistischem Gedankengut. Es gab da eine grosse Angst, selbst in den Fokus zu geraten. In manchen Punkten ist in Österreich der Umgang mit dieser Zeit immer noch viel zu zögerlich. Auch da ist die Geschichte meines Romans ein gutes Beispiel: Dass eine Fabrik wie in Hirtenberg nach 1945 nahtlos weiterproduziert, ist wenig überraschend. Irgendwo ist immer Krieg, und damit lässt sich Geld verdienen. Heute hat Hirtenberg auf ganze andere Produktsegmente umgestellt und ist nach 160 Jahren Patronen und Granaten endlich „friedlich“. Andererseits erinnert vor Ort immer noch nichts an die Vergangenheit. Keine Gedenktafel, kein Schild, das aufklärt. Das hat mich bei meinen Besuchen und Recherchen vor Ort irritiert. Wichtig ist aber, dass wir dieses Kapitel nicht als abgeschlossen begreifen.

„Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ mag in gewissen Situationen stimmen. Aber wir alle schleppen Geheimnisse mit uns herum, kleine und grosse, mit unter lebensbedrohliche. TherapeutInnen verschiedenster Couleur kassieren im Kampf gegen dieses Schweigen vielleicht eben jenes Gold. Warum fällt es dem Menschen so schwer zu reden, zu erzählen?
Ich glaube, dass einige Menschen mit der Zeit oder im Alter von Schuldgefühlen oder Reue eingeholt werden können. Es gibt doch immer etwas zu bereuen, Dinge die man getan oder eben nicht getan hat. Das können kleine oder grosse Dinge sein. Nicht immer muss es sich dabei um etwas Schlechtes handeln. Aber ich kann mir vorstellen, dass besonders grosse Lebensthemen und Geheimnisse am Ende stark hochkochen können – so wie sie es im Roman bei der Hauptfigur Klara tun. Wenn es um den Zweiten Weltkrieg geht, gab es eine ganze Generation, die ihre Erfahrungen, egal ob gut oder schlecht, zu einem grossen Grad verschwiegen hat. Manche konnten nicht darüber sprechen und manche wollten es auch nicht. Für die nachkommenden Generationen ist es aber unglaublich wichtig, von diesen Erfahrungen zu lernen und diese Geschichten zu hören.

Klara und ihr mittlerweile erwachsener Enkel Luis, ein junger Mann, den sie an Stelle seiner Eltern grossgezogen hatte. Sie beide sind Versehrte. Klaras Nachbar Horst, ein alleinerziehender Vater und seine Tochter Dora. Das ist das Viereck, in dem sich ihr Roman bewegt. Auch sie beide Versehrte. Alle allein gelassen, gepeinigt durch die Geschichte. Müssten nicht all jene, die das Glück der Unversehrtheit oder einer minimalen Versehrtheit geniessen dürfen, laut skandierend auf den Strassen ihr Glück demonstrieren?
Dazu zitiere ich gerne einen Satz, der im Roman meine Hauptfigur Klara mehrmals umtreibt: «Die Abwesenheit von Unglück ist ein Glück an sich.»

Wie sind sie auf diesen Stoff gestossen?
Am Anfang von allem stand Klara – eine alte Frau, die auf ihr Leben zurückblickt. Eher zufällig kam mir die Idee, ihr eine Vergangenheit in der Patronenproduktion zu geben. Im Zuge der Recherchen dazu stiess ich auf Hirtenberg und war völlig erstaunt, dass ich noch nie von diesem Ort und dieser Fabrik, die zwei Weltkriege beliefert hatte, gehört habe. Dann fiel ich wie Alice im Wunderland ins Kaninchenloch: Ich recherchierte in verschiedenen Archiven, darunter auch dem der Öffentlichkeit nicht zugänglichen Archiv der Hirtenberger Fabrik, sprach mit ZeitzeugInnen, las mich umfangreich zum Zweiten Weltkrieg ein und durchkämmte den Hirtenberger Wald nach den Überresten der zweiten Fabrik. Spätestens da wurde mir klar, dass ich hier auf ein Stück Geschichte gestossen bin, das wie die Erinnerungen der dort arbeitenden und gefangenen Menschen bisher verschüttet geblieben ist. Und ich entschloss mich, diese Geschichte mit Hilfe von Klara zu erzählen.

Ihr Roman ist nicht zuletzt ein Roman darüber, was „Familie“ bedeuten kann. Selbst dann, wenn das Personal dazu alles andere als dem überall als Mass genommenen Idyll entspricht. Klara und Horst sind dabei zwei ziemlich entgegengesetzte Archetypen. Beide Familien in einem Wechselspiel zwischen Nähe und Distanz. Pumpen wir das Ideal „Familie“ nicht zu sehr auf?
Familie ist in meinen bisherigen Werken immer ein zentrales Thema. Der Begriff «Familie» hat sich im Laufe der Zeit sehr stark gewandelt, dessen Personal ebenso. Dem versuche ich mithilfe meine Figuren nachzuspüren.

Didi Drobna wurde 1988 in Bratislava geboren und lebt seit 1991 in Wien. Sie studierte Germanistik und  Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien. Für ihre literarische Arbeit wurde sie mit mehreren Stipendien und Literaturpreisen ausgezeichnet. Didi Drobna arbeitet auch als Jurorin für Literaturwettbewerbe und lehrte von 2018-2019 an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Parallel zu ihrem Schreiben arbeitet Didi Drobna an einem Wiener IT-Forschungszentrum. 2018 erschien ihr zweiter Roman «Als die Kirche den Fluss überquerte» bei Piper. 

Beitragsbild © Barbara Wirl

Das 57. analoge Literaturblatt ist per Post auf dem Weg zu Ihnen!

«Geschichten finden oder meinetwegen erfinden ist eine Seite. Aber sie müssen gefunden und also noch einmal er-funden werden, um zur Welt zu kommen. Das Glück eines solchen Finders, lieber Gallus, ist unser aller Glück!» Anna Baar

«Mit einer sprachsensibel nuanciert verfassten Rezension gewürdigt und mit einem personifizierten Literaturblatt im wahrsten Sinn des Wortes beschenkt: ein nachhaltiges Begegnen mit einem leidenschaftlichen Buchmenschen und Botschafter. Danke, lieber Gallus Frei, fürs Aufeinandertreffen zum angeregten Gespräch!» Flavio Steimann

«Die Blätter sind sehr schön, schöne Schrift auf tollem fetten Papier. Bin gespannt aufs Lesen, noch keine Musse gehabt. Und diverse werden an die Wand gehängt werden, ganz zu schweigen von den Büchern, die es dann zu lesen gibt. Am besten Job an den Nagel hängen!» B. Gers

Für mindestens 50 Fr./€ schicke ich ihnen die kommenden 10 Nummern der Literaturblätter. Die Literaturblätter erscheinen ca. 5 – 6 Mal jährlich. Infos

Thomas Kunst „Zandschower Klinken“, Suhrkamp

Thomas Kunst ist ein Meister der skurrilen Poesie. Dass es sein neuster Roman „Zandschower Klinken“ in die Shortlist des Deutschen Buchpreises schaffte, ehrt das Buch, den Schriftsteller, aber auch die Jury des Buchpreises, die ein Buch ins Scheinwerferlicht stellen wollte, das in vielem gängigen Mustern widerspricht. „Zandschower Klinken“ ist ganz und gar Kunst-Werk!

Das Wort „Klinke“ müsste man vielen in der Schweiz erklären. Das helvetische Pendant „Türfalle“ würde wohl nicht klingen wie Klinke, ergäbe aber in der Geschichte durchaus Sinn. Zandschow gibt es nicht, genauso wie seinen Nachbarort Höverlake. Aber Zandschov muss irgendwo in der flachen Pampas Norddeutschlands liegen. Ein Kaff, ein paar Häuser und ein Feuerwehrteich mit einer Schenke am Ufer und einer kleinen Insel mitten im kleinen Wasser.

„Im glücklichsten Fall hast du Eltern und Geschwister, die du liebst. Im unglücklichsten Fall hast du Eltern und Geschwister, kurz vor deinem Tod, die dir egal sind.“

Thomas Kunst «Zandschower Klinken», Suhrkamp, 254 Seiten, CHF 32.90, ISBN 978-3-518-42992-1

Bengt Claasen ist mit seinem Auto aus seinem alten Leben weggefahren, mit der Absicht, nicht zurückzukehren und dort zu bleiben, wo das Hundehalsband, das er auf das Armaturenbrett unter der Frontscheibe gelegt hat, runterrutscht. Folglich fährt Claasen langsam, langsam und sehr lange. Ungeachtet dessen, dass sich andere Autos hinter dem seinigen stauen und hupen. Bis das Hundehalsband wirklich rutscht und er seinen Wagen an den Strassenrand stellt, nicht weit von Zandschow, dem kleinen Ort im Nirgendwo. Kulturelles und gesellschaftliches Zentrum dort ist die Schenke am Feuerlöschteich; „Getränke-Wolf“. Dort gibt es alles, was es zum Existieren braucht. Und wenn nicht, dann hilft Getränke Wolf auch mal bei den Etiketten nach, um die Bedürfnisse seiner Gäste zu stillen. Zandschow folgt einem strikten Wochenplan. Am Montag übt man im ausrangierten Bauwagen das U-Bahn-Fahren, dienstags die Handhabung eines wiederbelebten Geldautomaten zwischen den Bäumen am Feuerlöschteich. Mittwochs dann die Europakonferenz mit Diskussionen über soziale Gerechtigkeit, Altersdemut und Selbstverteidigung. Am Donnerstag werden Plastikschwäne ausgesetzt, an den Freitagen soll jeder im Ort demonstrieren, wie der Weltuntergang manipulativ aufzuhalten sei und die Wochenenden sind zur Naherholung an der Küste. Der Teich ist Zandschows Indischer Ozean und Getränke Wolfs Sansibar. Im hintern Teil des Ladens steht eine Sonnenbank mit Lichtanimationen im Innenraum. Auch Wolf ist einer, der hätte gehen können, aber geblieben ist. Und wenn man nicht in die Welt draussen zieht, dann holt man die Welt zu sich, Sansibar an den Feuerlöschteich, feiert jedes Jahr das Darajani-Fest mit Hängematten und Freibier.

„Wolf besass alles, um aus Zandschow herauszukommen. Um aus Zandschow herauszukommen, blieb er in Zandschow.“

Claasen ist nicht der einzig Gestrandete in Zandschow. Da gibt es auch noch den Kleinen Grabosch, der vor Jahren mit einem Handwagen, allerlei Zeugs und einem übergrossen Kronleuchter in Zandschow ankam. Grabosch auf der Suche nach einem Ort, einer Decke, einem Raum für seine Leuchte.

Zandschow ist ernstzunehmen. Zandschow ist der Gegenentwurf zur Rationalität. Claasen hat sein Leben zurückgelassen. Zum Wenigen, das er mitnahm, gehört das Hundehalsband ohne Hund und seine Erinnerungen. Erinnerungen an seine Familie, einen fehlenden Vater, eine strenge Mutter und sein Reh, seine Schwester.

Es geht nicht darum, die Geschichte zu verstehen. So wenig, wie es dem Autor darum geht, eine Geschichte zu erzählen. „Zandschower Klinken“ ist eine literarische Symphonie mit Themen, die immer wieder auftauchen, Wiederholungen, Verdopplungen. Man spürt die Musikalität des Textes. Zugegeben, die Komposition ist eigenwillig und, zumindest für mich, nicht immer nachvollziehbar. Aber eben genauso wie das Leben selbst, dass nie einem Plan folgt, das eigenwillig bleibt, voller Wiederholungen und Zusammenhängen, die sich nie erschliessen. Thomas Kunst Roman hat etwas Fellinisches, einen ganz eigenen Zauber.

Thomas Kunst, geb. 1965, studierte zunächst Pädagogik. Er schreibt Lyrik und Prosa und befasst sich mit musikalischer Improvisation (Gitarre und Violine). Kunst debütierte 1991 bei Reclam Leipzig mit dem Buch «Besorg noch für das Segel die Chaussee. Gedichte und eine Erzählung». Seitdem sind seine Texte in 16 Einzeltiteln sowie in Anthologien, Literaturzeitschriften und im Internet veröffentlicht worden. Thomas Kunst ist Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland, lebt und arbeitet in Cuba.

Webseite des Autors

Illustration © leafrei.com / Literaturhaus Thurgau

Michael Fehr «Und ich dachte, Schreiben, also das ist wirklich die einfachste Kunst von allen…»


«…In einer gewissen Über­heblichkeit hatte ich
nicht allzu viel Respekt vor der Schriftstellerei.
Ich dachte, jeder und jede kann etwas denken und aufschreiben»

Text: Anita Zulauf

Da war mal einer. Ein Kleiner. Schmaler. Sechs Jahre alt, vielleicht. Er sitzt am Schlagzeug. In der Bibliothek einer feudalen, alten Villa, in Muri bei Bern. Es ist ein Sommer in den Achzigern. Die Sonne wirft Strahlen, warm, in diesen Raum, durch zwei Jahrhunderte alte, blind gewordene Fensterscheiben. Staubpartikel tanzen. Er sieht sie nicht. Sitzt an diesem Schlagzeug. Und spielt.

Der Schlagzeuglehrer hat ihn angewiesen, zu üben. Bis er wiederkommt. Wohin er ist? Irgendwohin. Aufs Klo? Nach draussen, rauchen? Der Junge schlägt die Stöcke auf die ­Becken. Bald in einer Art Trance. Den Fuss, rhythmisch auf das Pedal.

Und dann passiert es. 

«Auf einmal war da dieses Gefühl. Ich spürte, da ist was. Etwas, das tief in mir Zuhause ist. In mir angelegt. Etwas, das mich nie mehr loslassen wird.» Und er spielt. Und spielt. Und jetzt kann er nicht mehr aufhören. Und will auch nicht mehr aufhören. Er muss pinkeln, aber dafür ist keine Zeit. Er spürt, wie ihm der Urin die Beine runterläuft, er hört das leise Plätschern, vermutet, dass sich nun alles über das Pedal ergiesst. Er spielt weiter.

33 Jahre später. Michael Fehr. Autor.

«Als der Schlagzeuglehrer zurückkam, war es mir uh peinlich, und er fand es natürlich nicht grad lustig. Mit ­Papiertüchern tupfte er den Urin so gut wies eben ging vom Pedal.» Diese Geschichte erzählt mir Michael Fehr an einem Nachmittag im vergangenen August, an einem der wenigen warmen Sonnensommertage. Wir treffen uns im Seebistro Luz in Luzern. Die Holzterrasse des Restaurants ragt über den See, unter uns plätschern leise leichte Wellen an die Ufermauern.

Michael Fehr lebt in Bern. Er ist stark sehbehindert. Juvenile Makuladegeneration lautete die Diagnose, mit der er 1982 zur Welt kam. Seinen Mund umspielt ein Lächeln, spitzbübisch irgendwie, leicht ironisch, so, als wäre er amüsiert, über all die Wichtigkeiten und die sich zu wichtig Nehmenden. Er trägt einen Anzug, ein Hemd, elegant. Und trotzdem wirkt es irgendwie so, als hätte er sie in jenem Sommer in den Achtzigern in dieser Bibliothek schon getragen. Und sie wären einfach zusammen gross geworden. 

Obwohl fast blind, hält Michael Fehr mehrheitlich Blickkontakt. Kannst du mich sehen? Frage ich. Er versucht zu erklären, ich zu verstehen: «Ich erkenne Schemen, Farben, Ahnungen.» Und dann: «Wenn wir beide vom Sehen sprechen, sprechen wir nicht vom Gleichen. Ich habe ja nie ­gesehen wie du. Insofern kommt auf diese Frage keine Antwort.»

Es ist sein Vater, der ihm beibringt, Augenkontakt zu halten. Von klein auf. «Er sagte, schau hinauf zu den Leuten, wenn sie mit dir reden.» Dieser Vater, der mit derselben Sehbehinderung zur Welt gekommen ist. Wie wiederum dessen ­Mutter. Der Vater, der daher aus Erfahrung weiss, worauf es ankommt, im sozialen Miteinander, was wichtig ist, gesellschaftlich verlangt. «Doch wenn du klein bist und fast nichts siehst, siehst du die Gesichter der Leute erst recht nicht. ­Zudem hat es mich absolut nicht interessiert, was da oben vor sich ging. Doch mein Vater hat darauf bestanden. Darum kann ich den Blick halten, wenn ich will. Das hat einen entscheidenden Vorteil im sozialen Alltag. Obwohl mir selbst das wenig bringt.»

Wie nennt er, Michael Fehr, es, was er hat? Handicap? Beeinträchtigung? «Ich habe eine Behinderung. Ich habe dem immer so gesagt, das war in unserer Familie kein Tabuthema. Es ist genau das, was es macht: es behindert mich.» Nur mit der Änderung des Sprachgebrauchs und dessen Repetition verändert sich nichts, sagt er. «Dieses Bemühen um politische Korrektheit ist Stumpfsinn, wahnsinnig intellektuell und das Privileg der Reichen. Das langweilt mich total. Du darfst also gerne Behinderung sagen.»

Aufgewachsen ist er in Gümligen bei Bern, ein Dorf, damals. In einer Blockwohnung, ohne Geschwister. «Meine Eltern hatten wenig Geld. Mir wäre das aber nie aufgefallen, mir hat nichts gefehlt.» Als kleines Kind fürchtet er sich vor den anderen Kindern, die unberechenbar, rabiat, wild und schnell sind. «Meine Eltern stellten mich regelmässig raus. Freiwillig wäre ich nicht gegangen. Sie sagten, das musst du jetzt aushalten, wir kommen in fünf Minuten. Ich weiss, dass das auch für sie nicht einfach war.» 

Die Teenagerzeiten waren dunkler

Jodler, Schlager, Marschmusik, das mag er, als Kind. Und da ist der Wunsch, Schlagzeugspielen zu lernen. Er trommelt auf Blech und Büchertürme. Die Eltern mieten ein Schlagzeug. Da ist er, wie gesagt, etwa sechs. Sie organisieren einen Übungsraum, im Luftschutzkeller, gleich neben dem Wohnhaus. Dort fürchtet er sich zwar, in diesem Keller, fürchtet sich vor Gespenstern. Darum singt er, laut, trommelt, um sie zu vertreiben. 

Das Singen und Trommeln im Luftschutzkeller. Zusammen mit den unzähligen Geschichten, die er als Kind der Achziger ab «Kassettli» in Endlosschlaufe hört. Geschichten, vollgepackt mit Abenteuern, die ihm nur gefallen, wenn sie dunkler sind als dunkel, heller als hell, in denen es kracht und alles explodiert. Und am Ende trotzdem alles gut kommt. Dies alles sammelt sich, schlummert in ihm, gärt, wächst, kumuliert. Bis es sich Jahre später allmählich ineinanderzufügen beginnt.

Trotz Sehbehinderung wollte er unbedingt in die Regelschule, und «meine Eltern unterstützen mich darin total». Damals, in den Achzigern, in denen noch wenig über Integration und Inklusion gesprochen wurde, war das eher neu. «Da gab es Lehrer, die mich total unterstützten und solche, die mich absichtlich schlecht behandelten.» Unter den Kindern war er immer akzeptiert. «Ich kam mit den meisten gut aus, ich konnte gut zeichnen, trommeln, ich hatte das Gefühl, ­gehört zu werden, die meisten waren gern mit mir.» Die Teenagerzeiten waren dunkler, «aber schon da war das Gefühl, da ist jemand in mir, der etwas will.» 

Hintertür zurück in die Kunst

Beim Wirtschafts- und Jura-Studium an der Uni in Bern greift seine bislang angewendete Methode, zuhören und auswendig lernen, nicht mehr. Nach vier Studienjahren gibt er überfordert auf. Es ist der Berufsberater der Uni, der ihn schliesslich auf das damals neue Literaturinstitut in Biel aufmerksam gemacht hat. «Da war ein Hintertürchen zurück in die Kunst, nachdem ich das Schlagzeugspielen mit zwanzig in einer grossen Frustration aufgegeben hatte, weil ich fand, ich sei zu schlecht, oder jedenfalls ungenügend. Und dann dachte ich, schreiben, also das ist wirklich die einfachste Kunst von allen. In einer gewissen Überheblichkeit hatte ich nicht allzu viel Respekt vor der Schriftstellerei. Ich dachte, jeder und jede kann etwas denken und aufschreiben.» Allerdings ist es dann gerade dieser fehlende Respekt, der es ihm ermöglicht, wieder frei und hemmungslos die Kunst in Angriff zu nehmen. Wie damals, am Schlagzeug, als Kind. «Ich dachte, jeder kann wie er will. Inklusive ich. Und das hab ich auch so praktiziert.» Womit er natürlich auch angeeckt ist. Weil ganz so einfach ist es dann halt doch nicht.

«Aber was ich bekommen habe, war Raum, frei arbeiten zu können und das Vertrauen der Leute, dass ich schon weiss, was ich tue.» Und ja, er war ein Arbeiter, hat es sehr ernst genommen. Es gab immer wieder einzelne Leute, die ihn dort unterstützt haben, indem sie sagten, lasst ihn machen. Der rennt jetzt dreihundertmal gegen die Wand, bis er es selbst rausfindet. «Eine Zeit lang bin ich nicht müde geworden, zu stänkern und zu provozieren.» Dass sie das ausgehalten haben, ihn toleriert, dafür ist er ihnen im Nachhinein dankbar. Sie hätten mich auch rausschmeissen können. Das haben sie nicht getan.» Und ja, da waren noch ein paar wenige, «wahnsinnig gescheite Leute», die er in Biel und später an der Hochschule der Künste in Bern kennen gelernt hat. «Wenn mir einleuchtet, dass es bei jemandem etwas zu lernen gibt, bin ich der Erste, der eifrig ist.»

«Ich will nicht eingeordnet werden»

Seit dem Erscheinen seines ersten Buches «Kurz vor der Erlösung» im Jahr 2013 wollen ihn Kulturkritiker einordnen, was er tut, dieser Fehr, der in so gar kein Genre passen will. Sie nennen es rhythmische Prosa. Oder Spoken Word. «Ich will nicht eingeordnet werden, ich will meine eigene Kunst machen. Zum Einen mache ich Songs, zum Anderen Geschichten. Die Geschichten sind etwas länger, die Songs kürzer. So einfach ist das.» 

Am Anfang versucht er, sich anzulehnen, sucht Schriftsteller, die er für grossartig hielt, versuchte, sie auf eine gewisse Art zu imitieren. «Aber sehr bald bin ich meinem eigenen Regelwerk verfallen, dem kompositorischen Verfahren verbunden mit dem Klingenden, mit Sound.» Jedes Wort musste er mindestens einmal wiederholen, dann entweder noch ein zweites Mal oder ein zweites Mal in einer Variation. Auf Silben-, Wort- und Phrasenebene, in bestimmten Rhythmen und Klang. «Dieses Verfahren habe ich erfunden und gesagt, so muss es sein. Und wenn man das schafft, und gleichzeitig auch noch, eine Narration darzubieten, dann ist man wirklich gut.» Er findet diese Technik immer noch äusserst interessant. «Aber heute, würde ich sagen, werde ich immer einfacher, unintellektueller und, wie ich finde, beseelter. Die Storys, die sind aber – und das ist geblieben – sehr absurd. Die gehen sehr weit in den logischen Zusammenhängen. Sind sehr strapaziös. Da darf man ruhig verblüfft sein. Oder sogar entgeistert.» 

Seine Texte zeichnet er mit einem Handy-Tonaufnahmeprogramm auf. «Ich bin nicht der pragmatische Schriftsteller, ich bin ein Kopfschreiber», sagt er. Es gehe ums Fassen von Gedanken, ein absolut innerlicher Prozess, tief hinein in jede einzelne Formulierung. «Wenn ich mit den Audio-Aufnahmen beginne, habe ich die Texte im Kopf, oder heute würde ich sogar sagen, in der Seele. Ich weiss ganz klar, was herauskommen wird. Ausgenommen das Abenteuer, wenn mir während des Sprechens auf einmal ganze Fragmente fehlen, ausgeschnitten, aus dem Sinn, und du weisst in dem Moment, die kommen nicht zurück. In diesem Moment passiert das Abenteuer, und du machst einen Ausflug, der nicht vorgesehen war. Das ist absolut spannend. Aber bis auf diese Hindernisse oder Abenteuer, die sowieso passieren, bin ich total vorbereitet.» So entstehen Audios, Bühnenprogramme, Texte werden transkribiert und als Bücher herausgegeben.

Ein Gefühl von Wind, vielleicht

Auf der Bühne wird er wieder zu diesem Jungen im Luftschutzkeller. Er spielt Schlagzeug, schreit, singt laut, leise, die Stimme überraschend rau, rauchig, der Nachklang, ein Hauch, eine Ahnung, nach Abenteuer, Schurkenschaft, ­Halunken auf Raubzug. Worte explodieren. «Wenn nichts herrscht ausser Puls, stampfen, klatschen, singen, dann bin ich zufrieden, das gibt mir unendliche Geborgenheit.» Mit Musikerkollege Rico Baumann steht er aktuell mit dem Programm «super light» auf der Bühne. «Ich spiele für Menschen, die Freude haben an Irritation und Verblüffendem. Vielleicht sind sie auch mal entsetzt. Sie fragen sich, was ist das genau? Was will er sagen mit dem? Das gefällt mir. Es gefällt mir, wenn die Menschen danach nach Hause gehen, mit dem Gefühl, dass eine Türe aufgegangen ist, also nicht, dass sie mit einer Befriedigung heimgehen, sondern mit ­einem Gefühl von Wind, vielleicht. Mit Überraschung, Inspiration vielleicht.» 

 «Auftreten», sagt er, «ist ein wesentlicher Teil von mir. Der Moment des Entfaltens, der Präsenz, dieses Sendebewusstsein, mag ich sehr. Das musste ich lernen, übers ­Machen, im Sinn von Mut. Es ist eine Art Blossstellung, ein Gefühl, das wir erst mal gelernt haben, zu verhindern. Man könnte scheitern, gesellschaftlich in Ungnade fallen, man wird angreifbar. Doch man kann lernen, es zu geniessen, diese Radikalität, sich blossstellen, nackt fühlen, für einen Moment, oder einen Abend. Und wenn ich dann der bin, der schon lange ausgezogen dasteht, im Gefühl von Nacktheit, haben nur die anderen was zu verlieren. Weil hinter dieser Blossstellung, hinter der Scham, ist die totale Befreiung.»

«Ich arbeite an meinem Durchbruch»

«Mit ‹Kurz vor der Erlösung› ist es richtig losgegangen. Obwohl dieses Buch zunächst niemand gelesen hat ausser jene aus dem Betrieb, diejenigen, die mir die Preise gegeben haben. Damit wurde ein Interesse geboren, das man andernfalls vielleicht nicht hätte forcieren können, weil ich zu ungewöhnlich und schräg in der Landschaft stehe.» Zwei Jahre später gewann er mit «Simeliberg» unter anderem den Literaturpreis des Kantons Bern, den Kelag-, und den Preis der automatischen Literaturkritik im Rahmen des Ingeborg-Bachmann-Preises. Auf einmal wollten ihn alle. Zeitungen, Fernsehen, Radio. Anfangs ist es schön, dieses Erfolgsgefühl. «Man will mehr davon, mehr, und noch mehr. Und das passiert auch, eine gewisse Zeit lang. Dann geht es wieder zurück, genauso wie es gekommen ist. Und du merkst, das sind Wellen, du bist so schnell weg, wie du da warst. Aber ich muss sagen, ich akzeptiere bis heute nicht, dass ich nur so eine Welle bin. Ich arbeite bis heute an meinem Durchbruch.» Allerdings, sagt er, ist er nicht bereit, dafür Kompromisse in seiner Kunst zu machen. «Auf diesem Weg zu bleiben, das ist das Schöne daran. Es ist das Gefühl, das dich vor dem Fall bewahrt.»

Er schreibt nicht, weil er das unbedingt will. Er tut es, weil er muss. «So simpel das tönt, ich habe einen Auftrag in meinem Leben. Ich muss den Blues wiederbeleben, den ein paar Menschen Anfang des 20. Jahrhunderts gespielt haben. Willie Johnson, Gary Davis, Lemon Jefferson, alle sehr mangelhaft sehende oder blinde Musiker, mit denen ich mich sehr stark identifiziere.» Er erzählt, von dem Bedürfnis, diese ungestüme und radikale, im Moment präsente Narration von etwas, das ihn jetzt gerade scharf betrifft, wiederzubeleben. Etwas, das hundert Jahre lang verloren gegangen ist. «Ich bin hier, in dieser Zeit, um das wiederzubeleben. Das ist mein Auftrag. Auf Teufel komm raus. Den verspüre ich des Nachts sehr intensiv. Dieses Ding muss ich stemmen.» Optimistisch gedacht habe er dafür hundert Jahre Zeit. «Das ist einfach wahnsinnig kurz. Weil zuerst musst du aufwachsen, dann muss dir alles bewusst werden. Dann musst du deine Ahnen, dein geistiges Kontinuum wieder finden. Herausfinden, wo sie sind, diese anderen. Vielleicht bin ich schon mal gestorben und jetzt dafür wieder geboren. Wie gesagt, es gibt viel zu tun. Also muss ich mich konzentrieren.»

Darum kann und will er sich nicht aufhalten lassen, schon gar nicht von Kritiken und Kritikern. «Natürlich bin ich total geschmeichelt, wenn mir jemand Komplimente macht. Natürlich bin ich verärgert, wenn mich jemand ­kritisiert. Manchmal auch betroffen. Aber ich habe einfach keine Zeit, mich länger damit zu befassen, insofern bin ich nicht kontemporär businesstauglich. Ich weiss auch nicht, ob ich mich selbst lesen würde. Ich bin natürlich ultrakritisch, finde eigentlich alles schlecht, was ich gemacht habe.» Zwar war es zu diesem Zeitpunkt das Richtige, sagt er. Aber nicht gut genug. «Das Bedürfnis nach dem finalen Werk ist da. Aber bis jetzt habe ich es noch nicht erreicht.»

Was hat dir deine Behinderung genommen? «Den Zugriff auf die Welt. Ich stelle es mir wahnsinnig schön vor, vom Tisch aus der Kellnerin zuzurufen, welches Sandwich von der Auslage ich gerne hätte. Ein schneller Blick auf die Bahnhofuhr, oder kurz mit dem «Charre» irgendwo hinfahren, auf der Autobahnraststätte Essen holen, das hat für mich etwas wahnsinnig Romantisches. Dieses Zugreifende, ich nehme mir was ich will, und ich nehme es vor allem, bevor du es nehmen kannst. In meiner Vorstellung wäre ich zweimal so breit geworden, wie ich bin, dann wäre ich so ein Typ, der mit dem Segelboot in die See und in die Welt sticht, loszieht, ich würde alles kurz und klein schlagen, alles wäre ganz gefährlich, es gibt fast keinen Ausweg, aber am Schluss gewinnen die Guten und alles ist genau richtig. Dann kommt man vielleicht wieder nach Hause und vielleicht nie mehr.»

Hat sie dir auch was gegeben, deine Behinderung? «Sound! Ich höre überall Artikulationen, höre, was alles kreucht und fleucht, Alltagssound, Musik, ich habe ein ­intensives Gefühl von Sound und Rhythmus. Wenn man da immer unterbrochen würde von allem, was man auch noch sieht, wäre es wahrscheinlich nicht so intensiv… aber vielleicht ist das auch ein romantischer Gedanke. Ich weiss ja nicht, wie’s wäre.»

Michael Fehr, geboren 1982, ist ein Schweizer Schriftsteller aus Bern. Fehr studierte am Schweizerischen Literaturinstitut und an der Hochschule der Künste Bern. Er erhielt unter anderem den Literaturpreis des Kantons Bern und für seinen Roman Simeliberg den Kelag-Preis im Rahmen des Ingeborg-Bachmann-Preises.

ERNST-Magazin

Webseite Michael Fehr

Ruth Loosli «Narbengebiet», Plattform Gegenzauber

Bildbetrachtung zu Hoppers „Four lane road“

Frau steht am Fenster
Frau ruft
Mann hört weg
        wirft Schatten an die Wand
        als hätte er nichts anderes zu tun
        als hätte er keine Spuren zu sichten
        kein Haus zu richten (keine Frau zu lieben)

Als müsste er niemals Sprit verkaufen als führen 
keine Autos vorbei. So sitzt er da. Konzentriert in sich
versunken mit dem linken Ohr ganz der Frauenstimme
zugewandt – doch dieses Hören trotzig verweigernd.

Niemand kommt vorbei
Niemand wirft Schatten 
Niemand kommt und bewegt die Gesichtsmuskeln

Diese Stunde steht ewig da und wirft Schatten an die Wand
Den Mann in den Stuhl
Die Frau ans Fenster
Die Strasse in ihre Linie
Den Himmel in seine Farbe
Den Wald an seinen Rand

Hält er in der linken Hand eine dicke Zigarillo?
Ja, er hält sie und sie brennt langsam nieder. 
Dass niemand merkt wie sich die Hitze in die Finger brennt!
In die Hand. 
Brennt der Mann?
Brennt die Frau?
Ja, sie brennen und ein jeder brennt für sich.

 

Kap der guten Hoffnung

An steilen
Klippen 
Klappern 
Brillenpinguine.

Ein Naturreservat am
Kap der guten Hoffnung.

Da leben Elanenantilopen
Bergzebras Paviane
Baboons Dessies 
Schildkröten
Echsen und Strausse.

Südafrika. 
Das Kap der Guten Hoffnung
Treibt mich in mein eigenes 
Minenfeld absterbender Korallen
Riffe. Sorry Mann, Hoffnung ist 
zuweilen grosse Lüge,
stinkende Brühe. Was wir alles 
zu retten meinen mit der Hoffnung.

Bergzebra gegen Milchzahn.
Milchpulver gegen Muttermilch.

An steilen Klippen klappern 
Brillenpinguine. Lass sie laufen,
alte Kolonialistin.

 

Auf dem Spaziergang

Es klappert im Wind das Signal.
Es wachsen durch Ritzen die Mauerblümchen
Es scheint
Dass die Sonne Batterien auflädt und den 
Brombeeren die Säure raubt.
Sieht so aus 
Als seien die Beine 
Der Katze rasiert 
Wie Seidenstrümpfe so elegant und glatt

Es schaut zurück:
Ein Hund mit ergrautem Schnauz.

 

Arpade mit Hof (fnung)

hof
hofieren
chauffieren
echauffieren
zitieren
vegetieren

auf dem Hof der Chancengleichheit
zieh ich Schweine auf

Vegetarier stehen 
Schlange

 

Frag nicht

Die Schafgarbe, sie weiß es.

Frag nicht den Kieselstein

Frag vielleicht deine Schwester 
Sie klügelt aus
Oder den Spaziergänger 
Er bleibt stehen 
Das Gedicht 
Es motzt sich auf

Das Herz ist stark
doch kennt es nur das Alphabet
der verschlungenen Wege.

 

Brennende Geduld, sagt Jordi Vilardaga

Am Ufer des kleinen Baches wachsen Brennnesseln. Ich habe
den Impuls, meine Hände hineinzulegen, damit sich der
Schmerz in der Kehle im ganzen Körper verteilt. Das Wasser
fließt sachte dahin,
die Sonne verguckt sich ins Fließen und ich bleibe lange
stehen.
Danach setze ich mich in Bewegung, setze Fuß vor Fuß, bücke
mich nach einem Holzstück, nach einer Katze, setze Fuß vor
Fuß, höre Kinder schreien, sie schreien, ich mache einen
Umweg. Danach hören sie auf zu schreien, ich breche den
Umweg ab, setze Fuß vor Fuß und bin mir nicht sicher das
Nötige zu wissen. Ich denke eher, dass die Brennnesseln
fähiger sind, sich ihrer Entfaltung zu widmen.
Überall werden alte Häuser abgebrochen, und neue hingestellt.
Woher kommen die Steine? Woher kommt der Zement?
Woher kommen die Arbeitskräfte? Ich bin fast sicher, dass die
Antworten nahe liegen, aber ich erkenne sie nicht.
Dann beginnen die Kirchenglocken zu läuten, es ist
Samstagabend. 
Eine Ameise sucht irritiert einen neuen Weg, die Hecke wurde
entfernt, die Bäume gefällt.

 

Ruth Loosli, geboren 1959 in Aarberg und im Seeland aufgewachsen. Sie hat drei erwachsene Kinder und ist ausgebildete Primarlehrerin. Seit einigen Jahren lebt und arbeitet sie in Winterthur. Sie veröffentlicht in Anthologien und Literaturzeitschriften. Ein erster Gedichtband «Aber die Häuser stehen noch» erschien 2009. Es folgte im Wolfbach Verlag 2011 «Wila, Geschichten» und 2016 der Lyrikband «Berge falten«. 2019 brachte der Waldgut Verlag den Lyrikband «Hungrige Tastatur» heraus. Im Frühling 2021 ist im Caracol Verlag der erste Roman erschienen: «Mojas Stimmen«.

Beitragsbild © Vanessa Püntener

Ludwig Fels «Mondbeben», Jung und Jung

Ludwig Fels starb am 11. Januar dieses Jahres in Wien. Wie gerne hätte ich den Schriftsteller kennengelernt. Wie gerne hätte ich ihm zu seinem letzten Roman gratuliert, der noch vor seinem Tod bei Jung und Jung erschien. Denn „Mondbeben“ ist starke Literatur, stark in seiner Sprache, stark in seiner Konstruktion, stark in seiner Geschichte!

Angesichts seiner 75 Lebensjahre hätte ich Zeit genug gehabt, den Autor zu entdecken, sowohl für seiner erzählerisches Werk wie auch für seine Lyrik. Aber ich habe ihn zu meinem grossen Bedauern versäumt, habe die Einladung nie angenommen und schäme mich fast ein bisschen. Jetzt, nach der Lektüre von „Mondbeben“, einem Roman, dessen Lektüre in mir auch eine Art Beben auslöste, ergebe ich mich dem Konjunktiv, gestehe mein Versäumnis ein und werde posthum nachholen, was in meiner „Bibliothek der Grossen“ noch fehlt.

Ludwig Fels debütierte 27jährig mit seinem Gedichtband „Anläufe“, zwei Jahre später mit seinem ersten Roman „Die Sünden der Armut“. Etwas, was den Autor durch all die Jahrzehnte ausmachte, war seine Wucht und seine Wut in einer Sprache, einem Erzählen, das sich nicht zurückhält. Keine selbstzerstörerische Kraft, aber eine Energie, die sich auch in seinem letzten Roman unmittelbar in mir als Leser fortsetzt, eine Wut über schiere Ungerechtigkeit und die Unausweichlichkeit des Schlechten. Ludwig Fels beschreibt den Kampf, das Aufbäumen von Menschen, die gefangen sind in Vergangenheit und Gegenwart. Keinen Gutmensch, kein Helden, Menschen, die sich glücklos zu wehren versuchen.

Ludwig Fels «Mondbeben», Jung und Jung, 2020, 320 Seiten, CHF 34.90, ISBN 978-3-99027-241-1

Olav Ostrander wird nach seiner Haft erwartet. Von seiner Frau, wegen der er für Jahre im Knast auf die Freiheit wartete, auf ein neues Leben, eine zweite Chance. In seinem alten Leben war Olav eine Art Schuldeneintreiber. Nicht von der netten, freundlichen Art, sondern um die Schuldner daran zu erinnern, dass es kein Entrinnen, kein Vergessen, kein Umgehen gibt. Ein Schuldeneintreiber, der auch nicht davon zurückschreckt, Forderungen mit Gewalt durchzusetzen. Im Knast war Olav aber wegen ganz anderem. Er sah im Haus gegenüber einen Mann, der seine Frau verprügelte, hetzte nach drüben, brach in die fremde Wohnung ein und verprügelte den Mann windelweich, den Mann jener Frau, die er Monate später im Gefängnis heiratete.

Olav und Helen wollen neu beginnen, auf Zifere Island, der Insel der Inseln, irgendwo vor der Afrikanischen Küste. Dort fand Helen in einem Prospekt der Hidden Pearl Resort Company eine zum Verkauf ausgeschriebene Villa, nicht weit vom Meer. Ein Haus, das sie mit dem kleinen Vermögen bezahlen konnte, das sie geerbt hatte, das ihnen beiden ein neues Leben schenken, der Beginn einer Neuzeit werden sollte, an einem Ort, der im Prospekt wie ein Paradies anmutet. Aber das Abenteuer gerät schon im ersten Hotel, in dem sie nach dem Flug absteigen, in Schieflache, weil das Paar mit einer Prostituierten in Streit gerät und Helen über dem Auge ernsthaft verletzt wird. Aber auch Olav zieht eine Spur hinter sich her, denn seit einiger Zeit mischt sich Blut in seinen Urin. Irgendwann stehen sie mit dubiosen Vermittlern in dem Haus mit Pool, einem grossen, leeren Haus, eingezäunt, nicht weit vom Meer, das nur über Schutt- und Abfallhalden erreichbar ist. Statt nun endlich das neue Kapitel in ihrem Leben beginnen zu können, werden die Tage zu einem Spiessrutenlauf zwischen Kliniken, Arzt, Taxen und den kleinen Nischen, in denen sie jene Ruhe suchen, die sie sich gegenseitig versprachen. Zu allem Unglück versinkt das Land in gewaltsamen Auseinandersetzungen, einem blutigen Putschversuch und Helen und Olav in den Machenschaften eines korrupten Polizeiapparats und den Fängen einer eigentlichen Immobilienmafia. Olav, der Mann, der einstmals vor nichts zurückschreckte, um zu holen, was befohlen war, wird zum Spielball eines unseligen Kampfes um Macht, Geld und den eigenen Vorteil. Es beginnt ein Wettlauf, der nicht zu gewinnen ist.

„Mondbeben“ zieht mich als Leser in ein Geschehen, dem ich nicht entsagen kann. Der Roman zieht mich in einen Strudel, der mich erzittern lässt, der das Beben in mir fortsetzt. „Mondbeben“ ist ein Roman, der mich in meinen Grundfesten erschüttert, mich förmlich demütig macht, in all den Privilegien, in denen ich mich mit aller Selbstverständlichkeit bewege. Und „Mondbeben“ ist einer jener Romane, die in seiner Stimmlage, ihrem Sound genau dem entsprechen, was Geschichte, Kulisse und Hintergründe zeigen wollen.

Sackstark!

Ludwig Fels, geboren 1946 in Treuchtlingen (Franken), gestorben am 11. Januar 2021 in Wien. Seit 1973 frei­beruflicher Schrift­steller. 1983 Über­siedlung nach Wien. Zahlreiche Publi­kationen, Gedichte, Romane, Hörspiele und Theater­stücke. Lebte bis zu seinem Tod in Wien. Auszeichnungen unter anderem: Leonce-und-Lena-Preis, Hans-Fallada-Preis, Kranichsteiner Literaturpreis und Wolfgang-Koeppen-Preis. Ludwig Fels debütierte 1973 mit dem Lyrikband «Anläufe» bei Luchterhand. Nach weiteren Lyrikbänden und dem Prosaband «Mein Land» folgte 1981 der Roman «Ein Unding der Liebe». Mehrere Monate hielt sich der Titel auf Platz 1 der SWR-Bestenliste. 1988 wurde das Buch verfilmt (ZDF). Zuletzt erschienen der Roman «Die Parks von Palilula» (2009) und der Gedichtband «Egal wo das Ende der Welt liegt» (2010) bei Jung und Jung.

Beitragsbild © Aleksandra Pawloff