56. Literaturblatt – «Liebe Freundinnen und Freunde»

Ich habe vor mehr als zehn Jahren mit den «analogen Literaturblättern» begonnen, weil ich nicht nur ein paar gute Buchtitel auf einem Zettel notieren wollte, sondern, weil ich meine Empfehlungen zu einer Mission werden lassen wollte. Weil ich mit meinen Literaturblättern allen Autor:innen, allen Schriftsteller:innen und Dichter:innen meinen Respekt zollen will. Weil Literatur Sprache gewordene Sorgfalt ist, die Mission, den Menschen die Welt öffnen zu wollen, auch in Richtungen, die unbequem sind.

Mittlerweile abonniert ein schönes Schärchen meine von Hand, mit Kugelschreiber gezeichneten und geschriebenen Literaturblätter, einige schon seit Beginn dieses Unternehmens. Dafür bin ich dankbar, das macht mich stolz.

Aber diese Literaturblätter sind neben meinen Einkünften als Moderator und Veranstalter die einzige Geldquelle in Sachen Literatur. Mein Schreiben für die Literatur sonst bringt kaum etwas ein. Das ist nicht weiter schlimm. Aber was mit die Abonnent:innen der Literaturblätter mit ihrer finanziellen Abgeltung ermöglichen, fliesst auf ein Konto, das mir die Freiheit gibt, mich weiterhin grenzenlos und manchmal auch erfrischend hemmungslos auf meiner Mission der Literaturvermittlung weiterzubewegen. Wer das Literaturblatt abonniert, unterstützt meine beiden Webseiten literaturblatt.ch und gegenzauber.literaturblatt.ch, mein Engagement weit über das Zeichnen, Schreiben und Gestalten hinaus.

10 Literaturblätter, die sich auf mindestens zwei Jahre verteilen, kosten Sie 50 Franken oder Euro. Mit diesem Beitrag unterstützen Sie nicht nur mich, sondern den ganzen Literaturbetrieb. In einer Zeit, in der dieser immer mehr vom Engagement einzelner abhängig ist, seit Corona erst recht. In einer Zeit, in denen es in den offiziellen Medien immer weniger Platz für die Literatur gibt, in der die Auseinandersetzung mir ihr immer fadenscheiniger wird.

„Literarische Blogger und -innen gibt es zuhauf, auch wenn kaum mal einer oder eine ein Buch aus dem Verlag hier hinten am Horizont in die Hände bekommt. Macht nix, Hauptsache Long John Silver liest unsere Preziosen. Nun ist es so, dass auch die Welt der Blogs eine der Superlative ist und wen wundert es, dass die Suche nach dem Besten, Schönsten und Weitvernetztesten im Gange ist. Mir persönlich ist nur einer bekannt; ein wenig verrückt ist er, – wie könnte ich ihn sonst kennen –, publiziert er doch seine immer eigenwillig geschriebenen Buchrezensionen – davon kann man sich jederzeit selbst überzeugen – nicht nur auf seinem Blog, sondern schreibt diese zusätzlich und von Hand mit Kugelschreiber wie in ein (B)Logbuch, druckt das Ganze auch noch auf Papier und verschickt diese Flaschenpost, die LITERATURBLATT heisst, per Post, mit Briefmarke und allem, was dazu gehört.“ Ricco Bilger, Verleger

Unterstützen Sie LITERATURBLATT hier.

Vielen, vielen Dank!
Und herzliche Grüsse
Gallus Frei-Tomic

PS Lesen hilft immer!

Doris Knecht «Die Nachricht», Hanser

Es ist vier Jahre her, seitdem Ruth ihren Mann Ludwig durch einen tragischen Skiunfall verloren hatte. Aber statt sich auf ein neues Leben zu fokussieren, erschüttern anonyme Nachrichten ihr Leben. Obwohl sie sich mit aller Kraft gegen den Kontrollverlust stemmt, werden aus den hereintropfenden Nachrichten überhohe Wellen, die ihr Leben zu kippen drohen.

Mit der Wasserfolter können Menschen durch stetig auf den Körper tropfendes Wasser um den Verstand gebracht werden. Jeder einzelne Tropfen ist ein Nichts. Das permanente Tropfen allerdings reisst am Verstand.

Ruth hat sich nach dem Tod ihres Mannes in ihrem neuen Leben eingerichtet, zumindest einigermassen, denn der Schmerz sitzt noch immer tief. Sie lebt in einem kleinen Holzhaus, das sie einst zusammen mit Ludwig baute. Zwei ihrer drei Kinder führen ein eigens Leben. Und der Jüngste, auch wenn er in der Schule nicht sein Möglichstes tut, schickt sich immer deutlicher an, ein eigenes Leben führen zu wollen. Ruth ist erfolgreich in ihrer Arbeit, zufrieden mit ihrem „Alleinsein“, an dem sie gar nichts ändern will. Eine Ruhe, die nicht leicht zu erreichen war, denn Ruth hatte nach dem Tod ihres Mannes feststellen müssen, dass Ludwig nicht der war, für den sie ihn ein Leben lang hielt, zumindest was seine Treue betraf. Ludwig führte ein Nebenleben, von dem Ruth erst beim Aufräumen seiner Hinterlassenschaft erfahren musste. Ein Stachel, der ihr nicht einfach nur Schmerzen bereitete. Er verunmöglichte jene Trauer, mit der sie sich gerne von ihrem Mann verabschiedet hätte.

Doris Knecht «Die Nachricht», Hanser Berlin, 2021, 256 Seiten, CHF 32.90, ISBN 978-3-446-27103-6

Und als mit einem Mal, wie aus dem Nichts, Nachrichten über Social Media in ihr Dasein eindringen, Nachrichteten, die von Mal zu Mal verletzender und zerstörerischer werden, Nachrichten, die nicht nur an sie gelangen, sondern an alle, die zu ihrem Umfeld gehören, bis zu ihren Arbeitgebern, bröckeln all jene Sicherheiten, auf denen Ruth ihr neues Leben einzurichten versuchte. Es sind Nachrichten, die nicht nur sie und ihren verstorbenen Mann beschmutzen. Es sind Nachrichten, die sich in der Brutalität ihrer Sprache ins Unterbewusstsein schleichen und dort zu steuern beginnen – nicht nur bei ihr, sondern aus Ruths Sicht auch in den Leben um sie herum, hinein bis in ihre Arbeit. Ein zerstörerisches Tropfen, gepaart mit der dauernden Frage, wer der Verfasser oder die Verfasserin dieser Nachrichten sein könnte. Bis hin zu Verdächtigungen, die sie an sich selbst zweifeln lassen, die ihre Familie, ihre Freundschaften belasten. Nachrichten, die zu einem immerwährenden Alp werden.

Wie wenig braucht es, dass ein Leben in Schieflache gerät. Wie verletzend können Wörter und Sätze sein, selbst wenn sie mit der Wahrheit rein gar nichts zu tun haben. Wie einsam kann man sich fühlen, wenn man sich nicht zu wehren weiss, wenn sich Dinge in ein Leben einmischen, die nicht zu beeinflussen sind. So sehr wie Krebs Ruths Freund von innen zerfrisst, sich unaufhaltsam an seine Zerstörung macht, so kann das zersetzende Gift von Unwahrheit und Beleidigung das Denken und Handeln zerfressen. „Die Nachricht“ offenbart diesen Zersetzungsprozess, den Sog, den diese Zersetzung auszulösen vermag. Ebenso eindrücklich beschreibt Doris Knecht unterschwellig aber auch jene Kraft, mit der man sich diesem Zersetzungsprozess entgegenstellen kann, auch wenn er damit nicht aufgehalten werden kann.

Klar liest man den Roman mit der Spannung, wer wohl der Verfasser dieser Nachrichten ist und was  die Gründe dafür sein könnten. Aber die eigentliche Spannung des Romans liegt ganz woanders: Ich will wissen, wie es Ruth schafft. Ich will sie siegen sehen. Ich will, dass sie ihr Leben zurück bekommt. „Die Nachricht“ dringt tief ein. Nicht nur, weil es Doris Knecht meisterlich versteht, die Spannung hochzuhalten, sondern weil ich weiss, dass das, was Ruth geschieht, auch mir passieren könnte, jetzt.

Interview

Obwohl es für Ruth immer klarer wird, wer der Verfasser dieser „Nachrichten“ sein könnte, bleibt jene Person eigentlich ein Gespenst, unfassbar. So wie anonyme Verfasser:innen von irgendwelchen Texten immer Geister sind. Wir leben im Zeitalter der Geister. Inhalte sind wichtiger als ihre Verifizierung, als ihre Verfasser:innen. Alles wird kommentiert, behauptet, erfunden. Gleichzeitig steigt das Bewusstsein, dass Wahrheit subjektive Wahrnehmung ist. Ruth ist diesem Geist lange hilflos ausgeliefert, eine ganze Welt den Fake-News. Müssen wir kapitulieren?
Es ist jedenfalls sehr schwer, sich dagegen zur Wehr zu setzen. Bzw: sich gegen einen unfassbaren, anonymen Stalker zu wehren, braucht Fokussierung und eine Menge Energie, die einem dann woanders fehlt. Und meistens bringt es am Ende nichts, man verliert also. Ruth wird das bald klar, und sie wählt einen anderen Weg: Sich zu stärken gegen solche Angriffe, weniger verwundbar zu werden, das abperlen zu lassen. Allerdings: Das führt auch dazu, dass viele Frauen verstummen und sich unsichtbar machen, um nicht zum Ziel von Angriffen zu werden.

Warum schaffen wir das „einfache Leben“ nicht mehr? Ruth will doch eigentlich nur den Frieden mit sich selbst und der Welt. Ist unser Leben derart kompliziert geworden, dass wir uns nicht mehr auf die wesentlichen Dinge konzentrieren können?
Es wird immer schwieriger, sich nicht ablenken zu lassen, wenn man nicht auf die Bequemlichkeiten des Internets, der digitalen Kommunikation, der sozialen Medien verzichten möchte. Da tun sich halt Welten auf, auch Wissens-Welten, in denen man sich gut verlieren kann. Das Problem ist: Wenn man darauf verzichtet, wird das Leben vielleicht ruhiger, konzentrierter, fokussierter, aber einfacher wird es nicht.

Es gibt in ihrem Buch, das eigentlich auch ein Liebesroman ist und ein Roman einer „Ernüchterung“ ist, ein ganzes Kapitel, dass sich wie eine Liebeserklärung liest. „Ludwig war ein kräftiger Mann…“ (S. 69). Ein Text wie eine Hymne. Ein Kapitel, dass deutlich macht, wie tief der Stachel der Enttäuschung sitzt und wie sehr sich das Ganze „entzündet“ hat. Pumpen wir Begriffe wie „Liebe“, „Familie“, „Ehe“ nicht zu sehr auf?
Unsere Gesellschaft macht Liebesglück, eine gelungene, funktionierende Ehe oder Beziehung, ein harmonisches Familienidyll leider noch immer zu einem Massstab eines erfolgreichen Daseins. Das schafft einen Erwartungsdruck auf Frauen und Männer, die für sich andere Existenzformen gewählt haben, der sich mitunter schwer abschütteln lässt.

Ruth steigert sich in das Rätsel dieser Nachrichten hinein. Das Fundament ihres Lebens scheint zu zerbröseln. Der Grat über den menschlichen Abgründen wird immer schmaler. Gibt Ihnen das Schreiben Halt, weil es ordnet? 
Tatsächlich ja. Man beschäftigt sich ja jahrelang mit dem Thema und den Figuren eines Romans, und mit diesem Thema habe ich mich besonders lange auseinandergesetzt. Daraus eine Geschichte zu machen, sie aufzuschreiben, sie für andere fühlbar zu machen, schafft ein gute Distanz, aus der sich auch komplizierte, schwierige Dinge klarer sehen lassen.

Am Schluss ihres Romans könnte das Wörtchen „Ende“ nicht stehen. Ich mag Geschichten, die nicht „zu Ende“ erzählt sind, weil keine Geschichte ein Ende hat, meist nicht einmal einen Anfang. Hätte die Geschichte im Prozess des Schreibens auch einen anderen Verlauf nehmen können oder war der Plan von Beginn weg festgelegt?
Ganz zu Beginn habe ich noch die Möglichkeit eines Rache-Exzesses erwogen, aus dem das Opfer als strahlende Siegerin hervorgeht. Mir war dann gleich klar, wie utopisch und märchenhaft das wäre. Ich wollte eine realistische Geschichte mit einem realistischen Ausgang erzählen, und das Match Feminismus gegen Patriarchat wird halt leider so gut wie immer vom Patriarchat gewonnen. Viele finden das Ende unbefriedigend, aber genau so ist das Leben nun mal.

Doris Knecht laust aus «Die Nachricht» am 5. November um 19.30 Uhr in der Kantonsbibliothek Frauenfeld. Reservationen bei der Organisatorin Marianne Sax (saxbooks.ch).

Doris Knecht, geboren in Vorarlberg, ist Kolumnistin (u.a. beim Falter und den Vorarlberger Nachrichten) und Schriftstellerin. Ihr erster Roman, Gruber geht (2011), war für den Deutschen Buchpreis nominiert und wurde fürs Kino verfilmt. Zuletzt erschienen «Besser» (2013), «Wald» (2015), «Alles über Beziehungen» (2017) und «weg» (2019). Sie erhielt den Literaturpreis der Stiftung Ravensburger und den Buchpreis der Wiener Wirtschaft. Doris Knecht lebt mit Familie und Freunden in Wien und im Waldviertel.
 
 
Beitragsbild © Heribert Corn

Ist der Beruf „Literat“ erlernbar? von Urs Heinz Aerni

Was haben Silvio Huonder, Friederike Kretzen und Ruth Schweikert gemein? Richtig, sie schreiben Bücher, also Romane. Aber sie unterrichten auch am Literaturinstitut Biel „Literarisches Schreiben“. Der Sinn einer Ausbildung zur Schriftstellerin oder zum Schriftsteller ist in der Literaturszene nach wie vor umstritten.

von Urs Heinz Aerni
Journalist, Korrespondent für den Buchreport in Dortmund und Mitglied des OK-Teams der Literaturtage Zofingen

In den Vereinigten Staaten werden einige Starautoren aus entsprechenden Schulen besonders gefördert und von Verlagen und Presse gehätschelt; das lässt befürchten, dass Talente, ja Genies, die untauglich für disziplinierte Schulbetriebe sind, keine Chance mehr bekämen. Die Gefahr der Aufzucht einer Textkultur mit Normen, die dem zahlungsfreudigen Zeitgeistpublikum entsprechen, läge da auf der Hand. Anbieter und Dozenten werden dies heftig in Abrede stellen und auf die grundsätzlichen Handfertigkeiten verweisen, die ja in jeder Kunstform ebenso erlernt werden müssten wie beispielsweise in der Bildenden Kunst oder im Journalismus.
Schreiben Autorinnen und Autoren bewusst auf ein Zielpublikum hin? Weiß der Schreibende ob er einen Leser bedienen möchte, der eher einen flüssigen Plot oder verschwurbelte Sprachkapriolen oder eine tiefenpsychologische Innenschau bevorzugt? Welche Sprache wird zur Literatur? Ist es, nebenbei gefragt, ein Unterschied, ob ich hier für DIE ZEIT oder das ZOFINGER TAGBLATT schreibe? Müsste ich meinen Stil der Blätter anpassen?

Zurück zur hohen Literatur. Der Schriftsteller Felix Philipp Ingold bemängelte mal in der NZZ das durchschnittliche Sprachniveau des Großteils der aktuellen Literatur. Wirken die Schreibschulen wie diejenige in Biel einem solchen Mangel entgegen? Allerdings ist es erstens schwierig, eine erwünschte Qualität zu definieren; zweitens wäre auch die Diskussion darüber zu führen, ob sich zurzeit Verlegerinnen und Verleger überhaupt noch auf das dünne Eis der Neuentdeckungen wagen – ohne auf Absatzzahlen zu schielen. Womit man bei der Frage angelangt wäre, ob die Kunst vor dem Markt war oder umgekehrt.

Der passende Buchtipp: „Kreatives Schreiben“ von Oliver Ruf, utb Verlag, 978-3-8252-3664-9.

Der passende Anlass: „Können alle schreiben lernen?“ Ein Streitgespräch mit Phlipp Tingler, Michèle Minelli, Manfred Papst und Monika Schärer am 31. Oktober um 10 Uhr an den Literaturtagen Zofingen im Kulturhaus West. www.literaturtagezofingen.ch

Gottlieben – ein Text- und Bildgeschenk von Stefan Keller

Einmal standen wir Kinder dort am Ufer und liessen uns von den vorbeifahrenden Kursschiffen zuwinken, als wären wir im Schloss zu Hause. Dabei kannten doch alle die Besitzerin, sie war eine weltberühmte Opernsängerin, die manchmal sogar im Fernsehen auftrat. Wie genau meine Familie mit ihr verwandt gewesen ist, weiss niemand mehr. Die Sängerin selber, die 93 wurde, konnte es am Ende auch nicht sagen.

Zum Schloss gehörten zwei Parks und zwei Türme, auf einem der Parkwege sah ich an einem schulfreien Nachmittag die erste Schlange meines Lebens: fein in Stücke geschnitten vom Rasenmäher. Jedenfalls glaubte ich, dass es eine Schlange war. In einem der Türme sah ich die Gefängniszelle von Jan Hus, der beim Konstanzer Konzil 1414 als Ketzer verhaftet und samt einen Schriften verbrannt worden ist, obwohl man ihm freies Geleit zugesichert hatte. Die Asche streuten die Pfaffen in den Rhein, sie ist hier vorbeigeschwommen. Auch einen abgesetzten Papst sperrten sie ins Schloss Gottlieben ein, danach war es aber lange Zeit sehr ruhig.

Die Weltgeschichte kehrte zurück, als ein französischer Putschist und Mitbegründer des kantonalen Schützenvereins das mittelalterliche Gebäude im Stil eines venezianischen Palais umbauen liess. 1838 musste er von der Baustelle weg das Land verlassen, um später als Napoleon III. den Beruf eines Kaisers zu ergreifen. Der einzige Thurgauer Bürger, zum Glück, der es so weit brachte. Wichtig ist eine andere Geschichte: 1914, vielleicht gerade zur Zeit, als dieses Bild mit den Soldaten entstand, gab es in Deutschland einen Krupp-Direktor, der sich über den Ersten Weltkrieg empörte, obwohl er als Rüstungsindustrieller daran sehr gut verdiente. Schliesslich emigrierte er in die Schweiz und schrieb ein Buch über die deutsche Kriegsschuld. Wilhelm Muehlon wohnte ab 1926 im Schloss, eine Flussbreite vom Deutschen Reich entfernt. Weil die Nazis ihn als Verräter und Schurken verhetzten, wurde ihm der Ort zu gefährlich und er zog 1939 nach Klosters.

(mit freundlicher Genehmigung des Rotpunktverlags aus: Stefan Keller «Bildlegenden. 66 wahre Geschichten», S. 32)

Michael Hugentobler «Feuerland» #SchweizerBuchpreis 21/9

Was passiert, wenn sich Wissenschaftler:innen als Hüter eines oder des Grals verstehen? Was passiert mit ihnen, wenn sie feststellen müssen, dass ihre Gegenwart den Schatz, von dem sie wissen, nicht zu schützen weiss? Ein Buch wird zum letzten Tor einer untergehenden Welt. Michael Hugentobler nimmt mich mit und gewährt mir einen Blick auf das sich schliessende Tor.

Michael Hugentobler war 13 Jahre auf einer Weltreise unterwegs, auch in Südamerika, in Patagonien, in Feuerland, jenem Gebiet am südlichsten Zipfel des Kontinents, das man bei seiner Entdeckung für unbesiedelt hielt, das aber von nomadisch lebenden Indianern bewohnt wurde, unter andern auch von den Yámana. Aber von diesen Völkern ist fast nichts geblieben. Kolonialisierung, eingeschleppte Krankheiten, Goldrausch und Christianisierungsversuche setzten den Völkern derart zu, dass von den ehemaligen Wassernomaden fast nichts mehr geblieben ist.

«Wörterbuch und Grammatik der Sprache der Yámana», auf dessen Umschlag man den Namen des Verfassers Thomas Biedres zu löschen versuchte.
Foto © Michael Hugentobler

Auf Michael Hugentoblers Reise durch dieses Land erfuhr er von der Geschichte eines argentinisch-britischen Missionars und seiner Leidenschaft für die Sprache der Yámana. Thomas Bridges wurde Zeit seines Lebens ein akribischer Erforscher der Sprache jener Ureinwohner und verfasste über Jahrzehnte ein Wörterbuch, das nicht einfach übersetzte, sondern die Wörter der Yámana in den Zusammenhang ihres Daseins schrieb. So wurde aus der Wörtersammlung das eigentliche Vermächtnis eines Volkes, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu verschwinden drohte. Thomas Bridges war aber nicht einfach ein fanatischer Sammler. Dieser Missionar wurde zum letzten Kämpfer dieses Volkes, wenn auch immer unter kolonialistischen Vorzeichen. Er gewann vom damaligen argentinischen Staatspräsidenten gar Landrechte, die er für die überlebenden Yámana-Indianer sichern wollte. Sein Wörterbuch, in dem er auf über 1000 Seiten mehr als 32000 Yámana-Wörter sammelte, trug er zeitlebens mit sich herum. Wie einen Schatz.

Michael Hugentobler «Feuerland», dtv, 2021, 224 Seiten, CHF 30.90, ISBN 978-3-423-28269-7

Schon gezeichnet von einer Krankheit starb Thomas Bridges auf einer seiner Reisen. Sein Wörterbuch gelangte in die Hände eines „erfolglosen Polarforschers“, der mit dem Buch seine Chance witterte, in den Olymp der Unsterblichen aufgenommen zu werden. Aber das Buch schien im Besitz dieses Mannes kein Glück zu bringen, bis es 1912 in London in die Hände des deutschen Völkerkundlers Ferdinand Hestermann fiel, dem sofort klar war, welchen Schatz er durch einen puren Zufall zu fassen bekam.

Ferdinand Hestermann spürte genau, dass in den Wirren des Krieges und zwei Jahrzehnte später in den Schatten des sich anbahnenden Tausendjährigen Reichs all jene Schriften und Bücher in Gefahr sind, die nicht dem wachsenden völkischen Bewusstsein des Nazis entsprachen. So wie damals Thomas Bridges machte sich Ferdinand Hestermann auf in einen Kampf. Diesmal ganz und gar nicht für ein Volk, schon gar nicht für das deutsche, sondern für die Wissenschaft, das Wissen, die Schätze, die sich über die Jahrhunderte in Bibliotheken ansammelten, die sich die Nationalsozialisten aber einverleiben wollten, um sie, wenn nötig, zu vernichten, so wie alles, dass ihnen nicht dienlich oder entartet erschien.

Michael Hugentobler erzählt die Geschichte nicht einfach chronologisch. Es stellt auch nicht den Anspruch, Historie nachzuerzählen, auch wenn ich als Leser bei meinen Verifikationen auf überraschend viele Fakten stosse. Es sind die beiden Männer, Thomas Bridges und Ferdinand Hestermann, die nicht nur aus heeren Gefühlen und purer Nächstenliebe zu Hütern eines Schatzes werden. Michael Hugentobler verwebt die beiden Männer und ihre Besessenheit miteinander. Er führt vor Augen, wie gross die Gefahr wird, wenn Wissen instrumentalisiert werden soll, sei es zum eigenen Nutzen oder im Dienst einer Ideologie. Was den Roman von Michael Hugentobler aber zu einem wirklichen Lesevergnügen macht, ist sein Detailreichtum, seine Buntheit, die kräftigen Farben, mit denen der Schriftsteller malt. Ich staune darüber, was der Autor alles mit in seinen Roman einpackt. Als hätte er sich nicht bloss unmittelbar an der Seite seiner beiden Protagonisten bewegt, als hätte er den Geist jenes Buches in jenen Augenblicken, als er es bei einem Besuch in der British Library in Händen hielt, in sich aufgesogen.

tūwunaiella — eine Wutrede beenden; zu bellen aufhören, linganāna — sich auf eine Wiese benehmen, dass sich die andere Person verpflichtet fühlt, ein Geschenk zu überreichen, māmihlāpinatapai — einander tief in die Augen schauen, wobei beide hoffen, der andere würde einen Vorschlag unterbreiten, der allgemein erwünscht ist, aber bislang noch nicht ausgesprochen wurde…

Michael Hugentobler offenbart das Geheimnis, wenn man für einen kurzen Augenblick im Licht einer untergehenden Sonne, einer verschwindenden Welt steht.

Mein Fazit: Der Roman hätte den Preis verdient. Der Autor hätte den Preis verdient!

Michael Hugentobler wurde 1975 in Zürich geboren. Nach dem Abschluss der Schule in Amerika und in der Schweiz arbeitete er zunächst als Postbote und ging auf eine 13 Jahre währende Weltreise. Heute arbeitet er als freischaffender Journalist für verschiedene Zeitungen und Magazine, etwa ›Neue Zürcher Zeitung‹, ›Die Zeit‹, ›Tages-Anzeiger‹ und ›Das Magazin‹. Er lebt mit seiner Familie in Aarau in der Schweiz. Sein Debütroman «Louis oder Der Ritt auf der Schildkröte» erschien 2018.

«Der alte Mann im Nebel» auf der Plattform Gegenzauber

Webseite des Autors

Beitragsillustration © leafrei.com / Literaturhaus Thurgau

Gekelterte Augenblicke – Buchtaufen mit Jochen Kelter

«Exil ist ein doppelter Grund, nirgendwo einheimisch zu werden», eine Aussage des 75jährigen Dichters Jochen Kelter, die auf viel mehr verweist, als auf das Geographische. Aber wenn Jochen Kelter irgendwo zuhause ist, dann in der Sprache, in der Dichtung, seiner Lyrik.

Schreibe dem Wesen der Dinge
Zeile für Zeile den Ton deiner

Seele ein deiner Zeit und das
Grauen der Macht die allein
sichtbar werden im Licht einer
denkenden Pupille auf dem Papier

(aus «Fremd bin ich eingezogen», Caracol Lyrik, 2020)

Moderator Urs Faes verstand es auf eindrückliche und einfühlsame Weise, das Publikum an die neuen Gedichte Jochen Kelters heranzuführen. Jochen Kelter, der ein Leben schreibt, sein Leben schreibt, auf die Welt und die Zeit mit Dichtung und Sprache reagiert, wohl aus den Momenten heraus, aber immer durch den Filter einer intensiven Auseinandersetzung.

«Wörter sind Zeitritzen.»

Jochen Kelter ist ein Heimatloser, der aber klar und deutlich zu Heimat, Zeitgeschehen, bis hinein in die Politik, Stellung bezieht, sei es in seinen Romanen, Erzählungen, seinen Essays und mit Sicherheit in seiner Lyrik. In diesem und im letzten Jahr gar mit zwei Gedichtbänden, beide im neu gegründeten Caracol Verlag erschienen und arg bedrängt durch die Umstände der Zeit. Umso wichtiger für den Dichter, dem zu seinem 75. Geburtstag das schreibende und mitfühlende Gegenüber seines Dichterfreundes Urs Faes zu einem Geschenk wurde.

Try and catch the wind

Versuch ihn zu fangen den Wind
versuche die Zeit anzuhalten
die Gelegenheit kommt so bald nicht
wieder beim Marsch auf Washington
I had a dream war nie die Chance
so gross die Welt zu verändern einen
Sitz im Bus neben einem Weissen
zu erklimmen die Blechhütten
zu verlassen the times they are
a-changing geht nicht in den Krieg
nach Vietnam für die Kriegsherren
die jedes Mass verlieren auf
euren Knochen sondern help us raise
raise the prisons to the ground
nie sei sie glücklicher sagt Joan Baez
als wenn ihr Einsatz für Menschsein
und die singende Stimme eins würden
Zivilcourage Kunst zu Zivilcourage
wird gesegneter war Amerika nie
seiner hellen schwarzen Seele näher
die Fotografien beinahe vergilbt

(aus «Im Grauschlaf stürzt Emil Zátopek», Caracol Lyrik, 2021)

Das Wunder der Literatur spiegelt sich in der Lyrik des Altmeisters, der in seinen Anfängen auch schon «unter Polizeischutz» aus seinen Büchern vorlas, weil er in seinem Schreiben, selbst in seiner Lyrik, kein Blatt vor den Mund nimmt. Jochen Kelter macht kleine Momente zu grossen Worten, zarte Melodien zu ernsten Themen, gibt pointierten Sätzen leise Sohlen. Es sind Blicke in tiefe Vergangenheit, manchmal warm, manchmal beissend. Blicke auf die Gegenwart ohne Sentimentalität, aber mit der Kraft eines Mannes, der durch den kleinen Augenblick in die Tiefen blicken kann. Flüchtiges wird zu Wichtigem, manchmal sogar durch Bilder und Figuren wie die Engel, die auf den ersten Blick so gar nicht zum Dichter zu passen scheinen.

Jochen Kelter und Urs Faes

«Nur was versehrt ist, spricht wahr.»

Jochen Kelter ist 1946 in Köln geboren. Studium der Germanistik und Romanistik in Köln, Aix-en-Provence und Konstanz. Lebt seit 50 Jahren auf der Schweizer Seite des Bodensees in Ermatingen (von 1993 bis 2014 zudem in Paris). Lyriker, Erzähler, Essayist. 1988 bis 2001 war er Präsident des European Writers’ Congress, der Föderation der europäischen Schriftstellerverbände, und von 2002 bis 2010 Präsident der Schweizer Urheberrechtsgesellschaft ProLitteris. Jochen Kelter hat Lyrik aus dem Italienischen, Französischen und Englischen ins Deutsche übersetzt. Er ist Mitglied des AdS (Autorinnen und Autoren der Schweiz) und des PEN-Zentrums Deutschland.

Adelheid Duvanel «Fern von hier» Gesammelte Erzählungen, Limmat

Sprengsätze

© Mine Dal

Gasttext von Alice Grünfelder, Schriftstellerin, Herausgeberin, Übersetzerin und Literaturvermittlerinvon Alice Grünfelder

Da fährt eine im Hochsommer in den Wald, der ihr aus der Kindheit vertraut ist, so heisst es. In dem sie vielleicht an der Hand ihrer Mutter, ihrer Grossmutter, wem auch immer, Beeren gesammelt hat? Wie hat man sich diese Kindheit vorzustellen, die wie «ein Kästchen ist, das explodiert, würde man es öffnen», so Friederike Kretzen, eine der beiden Herausgeberinnen des Bandes „Fern von hier“ von Adelheit Duvanel? Die Schriftstellerin fährt also in den Wald, sitzt, liegt unter einem dichten Dach aus Nadeln, Blättern – Fichten? Birken? –, vielleicht auch auf einer Lichtung, nimmt Medikamente, spürt deshalb nicht, wie es ihr mitten in diesem Julisommer kalt und kälter wird, wie das Leben aus ihr entweicht, «stirbt an Unterkühlung»: letzter Eintrag unter dem Stichwort Lebensdaten im Anhang des Erzählbands «Fern von hier» .

So unfassbar und auch unvorstellbar dieser Suizid ist, wird man dem Werk Adelheid Duvanels nicht gerecht, wenn es vom Ende her gedeutet wird, würde es damit gar pathologisieren. Manche finden ihre Texte zu schwer, andere zu dunkel, übersehen dabei womöglich das Flatterhafte der Figuren, die knapp über dem sogenannten festen Boden unter den Füssen schweben. Sich nicht verorten und auch nicht «bodigen» lassen wollen. Irritierende Figuren, die irisieren, auch wenn Duvanel ihnen konkrete Namen gibt: Allerweltsnamen wie Anton, Johannes, Manfred, Katja, Regine. Sie schickt sie zu Psychiatern und wirft die Träume vor deren Füsse, weil diese ja auch von irgendetwas leben müssen.

Darin zeigt sich Duvanels Lust an widerständigem Schreiben, an leiser Provokation, an Verdichtung des schier Unausdenkbarem auf kleinstmöglichem Raum, die Lust auch, alles, was zwischen Licht und Schatten in solch einer Existenz möglich ist, aufzuspüren. Und es zeigt sich vor allem in den Anfängen ihrer Texte, die – aneinandergereiht – eine ganz eigene Geschichte erzählen könnten:

Fern liegt wie ein milchblauer Leib die Landschaft hinter einem rostroten Gitter, wie es kahle Bäume bilden.
Ich heiße Mirjam, bin dreizehn Jahre alte und lebe im Erziehungsheim „Zuversicht“.
Der Wind reißt mit Krallen an den Telefondrähten; zu der Melodie könnte man singen. 
Hubert Vollundganz ist der kleine Mann mit dem schwarzen Hut, der dort um die Ecke biegt.

Die stille Frau trägt immer einen Sack aus rotem Stoff über ihrer Schulter.
Der Himmel fällt in Fetzen herunter.
Kurt küsste vor einigen Wochen seine Halbschwester zum ersten Mal auf beide Wangen.
Jakob nennt die Suppe, die er sich täglich kocht, «Eigenbrötlersuppe».
Der Wind packt die Bäume im Genick und schüttelt sie.

Gleichwohl verweigern die Erzählungen leichtfertige Deutungen, nach solchen Anfängen ist noch immer alles möglich, bis sich die Wirklichkeitsebenen verschieben, zuerst sachte, gegen Ende oft so, dass sich die Figuren, aber auch Leserinnen und Leser nicht mehr wirklich zurecht finden. Dabei nimmt sie mit jeder neuen Geschichte neuen Anlauf, richtet sich und ihre Figuren nicht etwa ein in der Melancholie, der Ausweglosigkeit, geht indes auch kein Bündnis ein mit niemandem, warum auch. Sie wirft irre Lichter auf diese Ordnung, widerspenstig und leise streifen ihre Figuren das Netz mit hilflosen Gesten ab, wollen sich nicht darin verheddern, einfangen, einsperren lassen. Überdeutlich zeichnen sich diese Zusammenhänge ab, doch heftig ist der Überlebenswille, das tönt und klirrt in den Geschichten, und oft leuchten sie rot auf, zündrot zum Beispiel.

Den Figuren kommt man indes nicht wirklich nah, da ist auch immer eine Distanz, aus der heraus eine leise Verwunderung leuchtet. Der Blick nach aussen erfolgt oftmals durch eine Brille, ein Fenster. Dann aber – wenn man den Figuren durch Strassen folgt, wenn ihre Blicke durch Fenster in Gemütlichkeiten fallen: das Gefühl des Ausgesperrtseins.

Hilfe wiederum (Adelheid Duvanel kennt sich mit Psychiatrien aus, sie selbst war oft genug in Behandlung und in psychiatrischen Kliniken) bringt keinerlei Klärung. Duvanel reisst den vermeintlich gutmeinenden Helfern die Fratzen ab wie Masken, sieht in ihnen Stellvertreter einer Ordnung, gegen die nicht nur ihre Figuren angehen, sondern sie als Autorin anschreibt. Entlang dieser Ordnung als autoritärem Prinzip entwickelt Adelheid Duvanel ihre Gegenerzählung.

Adelheid Duvanel, von der nun 251 Geschichten vorliegen – manche nur eine Seite lang, andere drei -, sei ein Geheimtipp, habe zu Lebzeiten nicht die Achtung erfahren, die ihr zugestanden hätte, wird in Feuilletons einhellig beklagt. Doch ihre Geschichten sind seit 1980 regelmässig in Zeitungen erschienen, Klaus Siblewski hat dafür gesorgt, dass sie gleich mehrere Bände beim Luchterhand-Verlag unterbringen konnte, es gab Auswahlbände. Wen ich auch frage, alle (zumindest in der Schweiz) kennen ihren Namen. Ignoriert und unbekannt sieht anders aus.

Es bleibt also abzuwarten, wie Samuel Moser es in einem Gespräch auf den Solothurner Literaturtagen sagte, ob sich nächstes Jahr noch jemand an diesen «Geheimtipp» erinnert, wie die Rezeption von Adelheit Duvanels weitergeht, ob es nur ein kurzes Strohfeuer ist. Oder, so Friederike Kretzen im Gespräch mit Stefan Howald: «Die Zeiten sind härter geworden, jetzt kann man auch Duvanel wieder lesen.»

Adelheid Duvanel: Fern von hier. Sämtliche Erzählungen. Herausgegeben von Elsbeth Dangel-Pelloquin unter Mitwirkung von Friederike Kretzen. Limmat Verlag, 2021

Die Galerie Litar zeigt von 29.10.-11.12.2021 die Ausstellung «Adelheid Duvanels Himmel»

Adelheid Duvanel, geboren 1936 in Pratteln und aufgewachsen in Liestal, machte eine Lehre als Textilzeichnerin. Sie arbeitete auf verschiedenen Bürostellen sowie als Journalistin und Schriftstellerin. Von 1962–1981 war sie mit dem Kunstmaler Joseph Duvanel verheiratet, mit dem sie eine Tochter hatte. Bis auf ein Jahr auf Formentera lebte sie in Basel, wo sie 1996 starb. Ihre schriftstellerische Laufbahn begann sie unter dem Pseudonym Judith Januar in den Basler Nachrichten, in Anthologien und literarischen Zeitschriften. Ab 1980 erschienen ihre Erzählbände im Luchterhand Verlag. Duvanel wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Grossen Schillerpreis und dem Kranichsteiner Literaturpreis

«Unabweisbar bleibt die Frage, warum die deutschsprachige Literaturkritik nicht zu Lebzeiten Adelheid Dvanels die Einzigartigkeit dieser Schweizer Erzählerin bemerkt hat.» Peter Hamm

Alice Grünfelder ist geboren im Schwarzwald, aufgewachsen in Schwäbisch Gmünd, studierte nach einer Buchhändlerlehre Sinologie und Germanistik in Berlin und Chengdu (China), war 1997–99 Lektorin beim Unionsverlag in Zürich, für den sie 2004–2010 die Türkische Bibliothek betreute. Vermittelte und übersetzte Literaturen aus Asien. Seit 2010 unterrichtet sie Jugendliche und ist als freie Lektorin tätig. Februar bis Juli 2020 war sie für ein Sabbatical in Taibei (Taiwan). Sie ist Herausgeberin mehrerer Asien-Publikationen, zuletzt Vietnam fürs Handgepäck (2012) und Flügelschlag des Schmetterlings (2009). Sie veröffentlichte eigene Gedichte, Essays und Erzählungen. Ihr Roman Wüstengängerin erschien 2018, der Essay Wird unser MUT langen 2019. Nominiert für den Irseer-Pegasus-Literaturpreis 2019, Werkjahr der Stadt Zürich 2019.

Thomas Duarte «Was der Fall ist», Lenos, #SchweizerBuchpreis 21/8

Wer geht schon ohne Grund auf einen Polizeiposten. Auch der Mann in Thomas Duartes Roman „Was der Fall ist“ nicht, auch wenn er niemanden und auch nicht sich selbst anzeigen will. Aber manchmal werden Polizeiposten auch zu Beichtstühlen – in Ermangelung einer Alternative. Thomas Duartes Roman ist ein kafkaesker Stich in die Tiefen menschlichen Seins.

Eigentlich ist es seine Stadt, sein Sommer, seine Nacht. Aber das was er tut, ist mitten in der Nacht nicht einfach ein Spaziergang, um Klarheit und etwas Abstand in sein Leben zu bringen. Es regnet, er ist nass bis auf die Haut. Scheinbar rein zufällig kommt er an einem Polizeiposten vorbei, von dem er gar nicht wusste, dass es ihn in seiner Stadt gibt. Und weil er klitschnass ist, durstig und ein Gegenüber braucht, geht er durch die beiden Glastüren zum einzigen Polizisten an einem fast leeren Schreibtisch, der Nachtwache im Posten hält. 

Beide brauchen sie ein Gegenüber, der nasse Mann, um Ordnung in ein Leben zu bringen, das aus den Fugen geraten ist und der Polizist, weil ihm eine Aufgabe in einer sonst ereignislosen Nacht gegeben ist. Der nasse Mann ist vertrieben worden. Vertrieben von seinem eigentlichen Zuhause, seiner Aufgabe, seiner Arbeit, von seiner Chefin, von Franz und Mira, der Frau, die längst viel mehr ist als nur die Putzfrau, die einmal wöchentlich bei ihm im Büro sauber macht. Denn er arbeitet nicht nur in seinem Büro. Er lebt dort. Tagsüber an seinem Schreibtisch, seiner Aufgabe, nachts in dem kleinen, fensterlosen Kabuff hinter seinem Schreibtisch, in dem eine schmale Pritsche steht. Er ist Buchhalter und „Exekutivperson“ in einer Stiftung, die finanzielle Unterstützung an Gesuchsteller auf der ganzen Welt gewährt, die in Notlage geraten sind, an Leute, die auf der Flucht sind, gezwungen werden, für einen Hungerlohn Drecksarbeit zu verrichten, für Menschen, die sich für ihr Recht zur Wehr setzen wollen. Er nimmt Gesuche entgegen, bearbeitet sie, nimmt Kontakt mit Gewährsleuten auf und legt die Gesuche seiner Chefin und Franz, dem Inhaber der Stiftung, vor. Franz residiert einige Etagen weiter oben in seinem vermüllten und zugestellten Büro. Auch er lebt mehr als er dort arbeitet und schreibt an seinem „Buch über den Zustand der Welt“. Franz ist der Mann mit dem nötigen Kapital, Geld, das nicht nach den Regeln von Rendite und Investition eingesetzt werden soll.

Thomas Duarte «Was der Fall ist», Lenos, 2021, 301 Seiten, CHF 32.00, ISBN 978-3-03925-016-5

Aber nach der ordentlichen Jahresversammlung des Stiftungsrates hat man dem Buchhalter das Vertrauen entzogen, ihn seines Postens, seines Lebens entzogen, aus seiner ganz engen Welt katapultiert, die er immer mehr nach seiner Fasson zurechtgeschrieben hatte, denn so gefärbt die Wahrnehmung eines jeden Gesuchsstellers (inkl.*) ist, so sehr gab er den Gesuchen bei seiner Endformulierung eine Färbung. Und weil Mira, die Putzfrau, immer mehr zu einer Gefährtin wurde, die im Kabuff hinter dem Büro die schmale Bettstatt mit ihm und gegenseitiger Leidenschaft teilte, weil später noch ein weiterer Ayslsuchender dazukam, weil Bilanzen ganz offensichtlich nicht mehr zum Stimmen gebracht werden konnten, endete die sonst zur Routine gewordene Jahresversammlung im Desaster, auch deshalb, weil selbst Reihen von säuberlich aufgereihten Ordnern das Chaos nicht mehr verbergen konnten.

Zwei Männer eine ganze Nacht lang auf einem Polizeiposten. Der eine erzählt, der andere tippt mehr oder weniger sein Protokoll in den Rechner auf dem sonst blanken Tisch. Der Roman switcht vom Erzählen auf dem Polizeiposten und dem Gespräch zwischen dem Buchhalter und Franz, seinem Chef. Sie färben beide ihre Wahrheit, der eine in seinen Berichten, seinen bearbeiteten Gesuchen, der andere in seinem Lebensprojekt, seinem „Buch über den Zustand der Welt“.

Wer bei seinem Lesestoff den Untertitel „Nach einer wahren Begebenheit“ braucht, ist mit diesem Buch schlecht bedient. „Was der Fall ist“ ist auch weder Krimi noch Enthüllungsgeschichte. Thomas Duarte taucht in eine skurrile Welt, die sich wie die Stiftung selbst nicht an geltende Regeln hält. Das ist äusserst erfrischend, aber auch gleichermassen verunsichernd. Aber weil Thomas Duarte sein Erzählen so selbstverständlich und gekonnt präsentiert, weil sich der Humor des Erzählers nicht an Pointen orientiert, sondern in allem Duartes spezieller Sound unterlegt ist, weil „Was der Fall ist“ nicht zuletzt eine gesellschaftliche Kritik an der Unsinnigkeit geltender Regeln ist, wird dieser Roman zu einem echten Leseabenteuer!

Fazit: Man muss schon eine gehörige Portion Mut besitzen, um sich von den gewohnten Lesepfaden entfernen zu wollen, will man die Qualitäten dieses Debüts erkennen. Aber weil ihn der Charta des Preises steht: um …“herausragenden Büchern grösstmögliche Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit zu verschaffen…“, gebe ich der Perle wenig Chancen, weil die breite „Öffentlichkeit“ solche Bücher gar nicht will.

«… Unaufgeregt und mit feiner Ironie entlarvt Thomas Duartes Text Gemeinplätze und bringt vorgefasste Sichtweisen ins Wanken. Dabei reflektiert er nicht nur das Erzählen und Rezipieren von Geschichten, er porträtiert auch mit frohgemuter Verzweiflung die Absurdität der Lebens- und Arbeitsbedingungen in unserer kapitalistischen Konsumgesellschaft…»
(Zitat aus der Jurybedründung zum Studer/Ganz-Preis 2020)

Thomas Duarte, geboren 1967, aufgewachsen bei Basel. Er studierte Geschichte und Philosophie und arbeitete nach Aufgabe des Studiums zuerst als Tramchauffeur, dann als kaufmännischer Angestellter und Sachbearbeiter. Später Studium der Kulturwissenschaften und der Literaturwissenschaft. «Was der Fall ist» wurde 2020 mit dem Studer/Ganz-Preis für das beste unveröffentlichte Debüt ausgezeichnet. Thomas Duarte lebt in Bern.

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Die König in der Jury #SchweizerBuchpreis 21/7

Annette König studierte an der Universität Zürich Germanistik, Politologie und Neue Geschichte. 2013 doktorierte sie an der Uni Basel in Neuere Deutsche Literaturwissenschaft. Seit 2013 arbeitet sie als Literatur-Redaktorin bei SRF.

Du bist eine unermüdliche Kämpferin für das gute Buch, arbeitest bei SRF als Literaturkritikerin und führst unter diebuchkoenigbloggt.ch eine Webseite, auf der du pointiert deine Meinung zur aktuellen Literatur formulierst. Nehmen Bücher so viel Platz in deinem Leben ein, dass anderes als Nebensache droht?
Ich versuche so zu leben, dass nichts zur Nebensache wird, was mir wichtig ist.

Man sieht dich immer wieder an Literaturfestivals, sehr oft sogar mit deiner Familie. Was bedeuten dir solche Veranstaltungen, zumal solche ja wie viele andere Veranstaltungen und die ganze Kulturszene arg zu leiden hatten?
Es sind für mich Orte der Begegnungen und der Inspiration. Auch liebe ich es, wenn an einer Lesung eine Energie freigesetzt wird, die sich auf das Publikum überträgt und dieses verbindet. Unvergesslich ist mir die ergreifende Lesung von Adonis am Internationalen Literaturfestival in Leukerbad. Da haben die Leute geweint.

Nun sitzt du schon zum zweiten Mal in Jury des Schweizer Buchpreises. Ein fünfköpfiges Gremium soll aus fast 100 eingesandten Büchern das beste aussuchen. Was bedeutet das für dich? 100 Bücher lesen?
Für mich bedeutet das viel Arbeit, aber auch grosse Freude, Texte entdecken zu dürfen und in der Interaktion mit den Jurymitgliedern meine literaturkritischen Methoden zu reflektieren und zu schärfen. Das ist wertvoll und bereichernd.

Die Jury setzt sich aus ganz verschiedenen Akteur:innen innerhalb der Buch- und Literaturszene zusammen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Diskussionen über das Gewicht eines Buches sehr kontrovers und heftig werden können. Kann man dann einfach so die Segel einholen, wenn man bei einem „Lieblingsbuch“ bei der Mehrheit der Jury auf taube Ohren stösst?
Ich bin eine Kämpferin, die bis zur letzten Minute der Jurysitzung für meine Favoriten einsteht. Und ja, manchmal muss man sich danach die Wunden lecken, wenn man auf taube Ohren gestossen ist. Aber Lieblingsbücher sind eine Herzensangelegenheit und Herzensangelegenheiten sind als solche nicht demokratisch. Und der Entscheid der Jury ist ein demokratischer. Das sind die Spielregeln.

Ist es nicht schwierig, bei Autor:innen, die ein grosses Werk schuffen und schon lange in der Literaturszene grosse Bedeutung haben, nur das aktuelle Buch zu sehen?
Nein. Jedes Buch nehme ich als eigenständigen Kosmos war. Ich tauche ein und entwickle eine Haltung dazu.

Gab es 2020 nach der Bekanntgabe der Shortlist, jener fünf Bücher, die in die Endausscheidung aufgenommen wurden, Reaktion an dich direkt? Reaktionen, bei denen du dich rechtfertigen musstest?
Ja, es gab Reaktionen im Sinne von: mutiger Entscheid, guter Entscheid.

Gemessen am Medieninteresse ist das Preisgeld des Schweizer Buchpreises mit Sicherheit nicht üppig, wenn man weiss, dass nur ganz wenige Schreibende vom Verkauf ihrer Bücher leben können. Was glaubst du, warum es für grosse Firmen schlicht zu wenig attraktiv ist, für Literatur ihr Banner aufzuspannen?
Ist das so? Vielleicht liegen die Gründe im System. Die Schweizer Kulturförderung ist in meiner Wahrnehmung relativ breit aufgestellt. Man denke an die vielen Förderausschüsse, Kulturstiftungen, Preisgeber und Sponsoringpartner. Mäzenatentum ist zwar wichtig, aber steht nicht im Vordergrund. Klar könnten sich da grosse Firmen vermehrt engagieren. Aber solche Literaturförderung ist auch stark von wirtschaftlichen Faktoren abhängig. Und da habe ich gewisse Vorbehalte. Denn Kunst sollte in erster Linie frei sein.

Bücher suchen nach Leser:innen. Manchen Büchern scheinen die Leser:innen einfach so zuzufallen. Da genügt schon der Name auf dem Buchcover. Gibt es ein aktuelles Buch, dem du gerne eine leidenschaftliche Stimme geben würdest, weil es nicht die ihm zustehende Aufmerksamkeit bekommt?
Es gibt Bücher, die bekommen Aufmerksamkeit, aber gehen ohne Literaturpreis aus. Zum Beispiel gibt es da einen Roman, der den Coming-of-Age-Kultfilm der 80er Jahre decodiert und in hervorragende Unterhaltungsliteratur verwandelt. Ich fühle mich an die Schwelle des Erwachsenwerdens versetzt und erlebe nochmals die Schwere und das Schwebende dieser Zeit. Den Weltschmerz, die Einsamkeit, die Ausgelassenheit und dieses Gefühl die Welt rocken zu können. Ich meine damit «Hard Land» von Benedict Wells und immer wenn ich davon spreche höre ich Don’t you forget about me von Simple Minds in meinem Kopf.
Und dann gibt es auch Bücher, die viel mehr Aufmerksamkeit bekommen sollten, auch wenn der/die Autorin mit einem Preis ausgezeichnet wurde. Hier denke ich an die Romane «Aufbrechen» und «Überleben» der Friedenspreisträgerin Tsitsi Dangarembga aus Simbabwe.

Hand aufs Herz: Was macht eine Vielleserin mit all ihren Büchern? Irgendwann sind die Regal voll!
Öffentliche Bücherschränke zum Bersten bringen!

Beitragsbild © Annette König/SRF

Johanna Berger «sagnichtnichts», Plattform Gegenzauber

sagnichtnichts von und mit Johanna Berger ist ein Gedichtefilm über die Liebe, in dem sich Menschen begegnen, verlieben, lieben, irren, trennen, verpassen, verglühen und wiederfinden. Im Zuge des ALBERTINA-Formats «Allein im Museum» visualisierte sie ausgewählte Gedichte an unterschiedlichen Orten vor und in der ALBERTINA / ALBERTINA MODERN als sich diese noch im Lockdown befand. Das Museum als Ort ist nicht immer sofort zu identifizieren. Denn nicht nur die Ausstellungsräume sind während des Lockdowns verlassen, auch viele MitarbeiterInnen arbeiten im Homeoffice. Das Museum verändert sich und wird zur Kulisse für sagnichtnichts, eine Hommage an die Liebe und die damit verbundenen Verwirrungen.  

Johanna Berger ist freie Schauspielerin und assistiert Aleksandar Acev am Max-Reinhardt-Seminar im Fach Körperliche Gestaltung. In Kooperation mit ALBERTINA (Format «Allein im Museum») visualisierte sie ausgewählte sagnichtnichts-Gedichte, führte Regie und spielte an div. Orten der ALBERTINA unterschiedliche Charaktere. Diesmal vor der Kamera.

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