Andreas Hillger «EI_LAND», Osburg

Schon mal ein Solei gegessen? Bis zur Lektüre von „Ei_Land“ kannte ich diese Art von haltbar gemachten, gekochten Eiern nicht. Mit der Lektüre dieses köstlichen Romans ist nicht nur die Lust auf ein solches Ei gewachsen, sondern auch jene, endlich einmal einen Blick in jene schwarzen Löcher zu werfen, die der Hunger nach Kohle in unser Nachbarland schürft und in das literarische Werk eines Schriftstellers, der mir bis jetzt entgangen ist.

Es öffnen sich riesige Löcher in Deutschland; Kohletagebau. Und an den Rändern, die sich immer tiefer in die Landschaft fressen, zerfallen Geistersiedlungen. In einer dieser Siedlungen, in einem kleinen Dorf, harren ein paar alte Männer, die sich nicht bewegen lassen, die einen aus Trotz, die andern weil sie nicht mehr können oder weil ihnen der Ort jenes Versteck bietet, das es braucht, um in Ruhe gelassen zu werden. Ein Haufen alter Kerle, die eigentlich nichts mehr wollen, schon gar nicht, dass man ihnen den letzten Rest ihres Lebens nimmt.

Mitten im Winter, viel Schnee liegt auf den Strassen, verirrt sich ein Fremder ins Dorf. Und weil sein Auto stecken bleibt und er zu erfrieren droht, tritt er ein, in das, was von aussen wie eine Dorfkneipe aussieht. Wolters, ein Makler „des guten Geschmacks“ will nur eine Nacht bleiben und dann wieder weg vom Ende der Welt. Aber die Dorfkneipe ist längst keine Kneipe mehr mit Ausschank und Speisekarte. Jeder muss sein Zeug selber mitbringen. Man trifft sich dort, die letzten Verbliebenen als eine Art Dorfrat, der im Turnus immer wieder einen neuen Vorstand, eine Art Bürgermeister bestimmt. Weil Wolters ganz offensichtlich Hunger hat, bietet man ihm Soleier an, zusammen mit Pfeffer, Salz, Senf, Essig, Öl und Worcestersauce. Soleier werden in einem Sud aus Wasser, Salz und Kräutern haltbar gemacht, nachdem man die Eier hartgekocht mit gebrochener Schale mit dem heissen Sud übergiesst und in grossen Einmachgläsern aufbewahrt. Der Fremde bekommt eine Schlafstelle bei Hagen Siegfried, einem der Gebliebenen, der im Haus einer Frau wohnt, die ihm, als auch er sich ins Dorf verirrte, ihr Haus als Erbe vermachte, weil es sonst niemanden gab, nicht einmal mehr einen Friedhof, auf dem man die toten Angehörigen hätte besuchen können.

Andreas Hillger «EI_LAND», Osborn, 2021, 250 Seiten, CHF 32.90, ISBN 978-3-95510-255-5

Aber Wolters ist Geschäftsmann. Und weil er nicht mitansehen kann, wie die sechs Männer, der von oben bis unten tätowierte Liebig, der hagere Werner, Lokführer Herbert, der ehemalige Gastwirt Joachim, der „König ohne Land“ und Konrad der Gewohnheitstrinker nur mehr warten und harren, was da kommt, macht er den Mannen den Vorschlag, aus den Soleeiern ein Geschäft zu machen, aus der Not eine Tugend; The Egg from the Edge! Es gäbe in den Städten, den hippen Bars und angesagten Lokalen Potenzial genug, um die urigen Soleier vom Ende der Welt an zahlungskräftige Konsument:innen zu bringen. Ein Stück alte Kultur, ein Relikt aus der Vergangenheit, etwas „Echtes“ für den kleinen Hunger zwischendurch.
Was am Anfang Stirnrunzeln verursacht, kommt, angefeuert durch Scarlett, die singende Tochter des Gastwirts immer mehr in Fahrt. Man kauft Orloffs, Altenglische Kämpfer und Deutsche Reichshühner, man richtet sich ein; Ställe mit Freilauf, ein eigentliches Labor, in dem man nach Rezepturen forscht. Liebig kommt gar auf die Idee, den Eiern durch die Schale hindurch eine verborgene Tätowierung zu verpassen. Die Maschinerie beginnt zu laufen. Bis der Motor durch einen Haufen Muskelmänner ins Stocken gerät.

Was Andreas Hillger literarisch einkocht, ist pures Lesevergnügen. Zum einen das Personal, seien es die schrägen Typen im Dorf, die singende Scarlett mit ihrer Band «Drei Schwestern“, die die Kampflieder rund um das Experiment EI_LAND singen, sei es die Kulisse, dieses Geisterdorf am Randes zum Nichts, sei es die Welle aus eine Mischung aus Enthusiasmus, Gier und Schnapsidee, die sechs Figuren auf standby in Aufruhr versetzt. Andreas Hillger sprudelt aber auch sprachlich, gibt dem Geschehen jene gesellschaftskritische Würze, die aus dem Roman viel mehr als eine Geschichte macht. „EI_LAND“ ist eine Parabel über den alten Mann, der es der Welt noch einmal beweisen will!

Grosses Lesevergnügen, das Hunger auf noch viel mehr als nur Buchstaben macht!

Interview

Sechs müde Männer am Abgrund, die noch einmal alles auf eine Karte setzen, auf ihr Ei des Kolumbus. Da das leere Loch in der Landschaft, ein kaputtes Dorf am Rand, ein Gasthaus mit verlorener Lizenz, ein im Schneegestöber festgefahrener Fremder und ein Glas mit eingelegten Eiern – wie sind sie auf die Idee gekommen?

Das war eine Mischung aus verschiedenen Inspirationen – oder Aromen, wie man im Fall der Soleier wohl sagen müsste. Zunächst wollte ich nach zwei historischen Romanen in der Gegenwart ankommen und dabei einen anderen, etwas groteskeren Tonfall finden. Dann beobachtete ich bei längeren Aufenthalten in Berlin das absurde Tempo, mit dem dort Moden und Trends wechseln – auch in der Gastronomie, deren Entwicklungen ich als neugieriger Dilettant verfolge. Und schliesslich fand ich das Thema gewissermassen vor der Haustür: Ich lebe in Dessau, die nächsten Braunkohle-Gruben und Baggerseen sind nicht weit entfernt, als Kind waren die vier Schornsteine des Kraftwerks Vockerode eine unübersehbare Landmarke für mich. Also ist „EI_LAND“ in gewisser Weise auch ein Heimatroman – ein Genre, das in der deutschsprachigen Gegenwarts-Literatur ja fröhliche Urständ feiert und dabei eine tiefe Sehnsucht nach Herkunft bedient. Dass ich die Geschichte dann in die Lausitz verlegt habe, liegt einerseits an der fortwährenden Präsenz des Tagebaus in dieser Landschaft und andererseits an meiner Liebe zur sorbischen Kultur, die trotz unmittelbarer Nähe so fern wirkt. 

Sie sind ein Theatermensch. Das spürt man ihrem Roman an, gibt ihm die klaren Konturen, die Dramaturgie und die markige Kulisse. Was gibt den Ausschlag, ob sie einen Stoff zu einem Bühnenstück machen oder zu einem Roman?

Das ist schwer zu beantworten. Einige Themen – etwa die Geschichte des barocken Augenarztes John Taylor, der sowohl Johann Sebastian Bach als auch Georg Friedrich Händel vom Grauen Star befreien wollte – habe ich sowohl im Prosatext als auch für die Bühne verarbeitet. Im Roman kann ich eine Atmosphäre jenseits der direkten Rede schaffen, die im Theater von anderen Künstlern kreiert wird. Jedes Schauspiel, jedes Musical entsteht im kollektiven Prozess, was im Idealfall eine grosse Bereicherung für den Autor sein kann – aber natürlich auch Leidensfähigkeit voraussetzt. Immerhin kann man sich im Falle des Scheiterns darauf verlassen, dass die Inszenierung irgendwann von der Bildfläche verschwindet. Die Arbeit am Roman ist einsamer, fast ein wenig asozial – aber im Ergebnis eben auch dauerhafter. Ich liebe es, zwischen diesen Gattungen zu wechseln und zwischendurch immer wieder auch dramaturgisch zu arbeiten. Und „EI_LAND“ sollte ursprünglich tatsächlich ein Musical werden. Damals ging es allerdings noch um Pumpernickel …  

Ihr Roman ist vielschichtig, in Vielem eine Groteske und doch ganz nah an der Wirklichkeit, ein Schelmenroman, auch wenn die Protagonisten alte Männer sind, durchaus eine Satire und hinter allem Gesellschaftskritik. Ich spüre als Leser das Vergnügen des Schreibens, des Fabulierens, des Zuspitzens. Männer und ihre Eier! Mussten Sie sich gegen das Überborden stemmen?

Ich versuche beim Schreiben, mich selbst bei Laune zu halten – und freue mich immer wieder, wenn mir die Wirklichkeit dabei hilft. Viele Details der Geschichte habe ich selbst erst entdeckt, als das Thema bereits feststand und meine Herrenrunde in Schwarzmühl bereits Position bezogen hatte. Das Deutsche Reichshuhn etwa oder die absurde Geschichte der Kirchen, die man behutsam aus den abzubaggernden Dörfern entfernt, um sie an anderen Orten als leere Hüllen ohne Gemeinde wieder aufzubauen … das muss man sich doch nicht ausdenken, das ist alles tatsächlich da! Das Mit- und Beschreiben der Realität habe ich als Journalist gelernt, nach meinem Seitenwechsel kann ich die Tatsachen nun mit mehr Phantasie verknüpfen. Und dabei liebe ich das Überbordende.

Haben Sie zuhause in Ihrer Küche auch einmal Eier in Soleier verwandelt? Mögen Sie sie noch immer?

Andreas Hillger mit einem Denkmal für die „Lutki“ im Spreewald-Ort Burg

Die aufwändige Zubereitung – also das Würzen mit Essig und Öl, Senf und Worchestersauce – hat in der Familie meiner Frau Tradition. Mich hat dieser Kult, der mit dem Einfachsten getrieben wird, immer zugleich amüsiert und gerührt. Gelegentlich beteilige ich mich noch immer daran … Aus meiner Jugend kenne ich zudem noch die Eckkneipen, in denen das Glas mit den eingelegten Eiern auf dem Tresen stand und die zumindest im Osten Deutschlands nach der Wende fast vollständig verschwunden sind, was man als Verlust eines Kulturgutes durchaus bedauern kann. Aber es gibt ja Hoffnung: Kurz nach Erscheinen von „EI_LAND“ las ich im Netz, dass Migros in der Schweiz tatsächlich jene vegane Variante auf den Markt bringt, an deren Herstellung meine Männer im Roman so lange erfolglos arbeiten. Dass sie tatsächlich aus Tofu hergestellt wird, wie es ja auch im Buch geschieht, hat mich sehr amüsiert – ebenso wie der futuristische Name „V-Love The Boiled“, gegen den mein „Soul-Eye“ nachgerade banal wirkt. So wird das hartgekochte Ei für biobewusste Trendsetter fashionabel. Manchmal ist der Text eben doch klüger als der Autor.

Über jedem der Kapitel steht eine Strophe der „Drei Schwestern“, einer Frauenband, angeführt von Scarlett, die wegen der Liebe zum Film diesen Namen trägt. Manchmal beissende Kommentare, die sich stets reimen, wie eine musikalische Stimme, die sich von Bühnenrand immer wieder ins Geschehen mit einmischt. Kamen diese Strophen im Nachhinein dazu? Hören Sie sie beim Schreiben?

Ich spiele gern mit solchen zweiten Ebenen, die als Orientierung oder Kommentar gelesen werden können. In meinem Bauhaus-Roman „gläserne zeit“ hatte ich den Protagonisten die drei Grundformen Dreieck, Kreis und Quadrat zugeordnet, in „Ortolan“ gab es kleine Piktogramme für die Hauptfiguren. Für „EI_LAND“ muss ich mir nun tatsächlich den Vorwurf des Plagiats machen – auch wenn ich nur bei mir selbst abgeschrieben habe. Fast alle Strophen stammen aus Musicals und Oratorien, die ich mit verschiedenen Komponisten geschrieben habe. Wenn es bissig wird, sind es meist Texte aus der Neubearbeitung von John Gays „Beggar’s Opera/Polly“, die zusammen mit Christoph Reuter für das Anhaltische Theater Dessau entstand – oder aus dem Fugger-Musical „Herz aus Gold“, das Stephan Kanyar und ich für das Staatstheater Augsburg schreiben durften. Andere Zeilen sind aus der Kinderoper „Oskar und die Groschenbande“ oder aus dem Melanchthon-Oratorium „Gott allein die Ehr‘“ entliehen. Aber weil die darstellende eben auch eine flüchtige Kunst ist, wollte ich den Fragmenten ein wenig Dauer verleihen – die ich beim Schreiben tatsächlich im Ohr hatte, weil sie ja bereits melodisch ausformuliert sind. Daher habe ich sie den „Drei Schwestern“ in den Mund gelegt, deren Name natürlich auf Tschechow verweist – und auf ein Leben im toten Winkel, das von Sehnsucht nach der Grossstadt verzehrt wird. Das schien mir irgendwie passend.

Andreas Hillger arbeitet nach langer journalistischer Tätigkeit als freier Autor und Dramaturg. Sein Hauptinteresse gilt dabei historischen Themen, die er oft auf dem Theater verhandelt – so u.a. zuletzt im mehrfach ausgezeichneten Fugger-Musical «Herz aus Gold» für das Staatstheater Augsburg oder im Melanchthon-Oratorium «Got.alein/die.Ehr». Bei Osburg erschienen seine Romane «Gläserne Zeit» (2013) und «Ortolan» (2020).

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Beitragsbilder © privat

Marc Djizmedjian «Der Mann, der keine Weihnachten feierte»

Als der Mann, der keine Weihnachten feierte, gefragt wurde, wie er dieses Jahr Weihnachten feiere, sagte er: Auch dieses Jahr feiere ich keine Weihnachten, denn auch dieses Jahr sehe ich nicht den geringsten Grund dazu. Ich habe auch in früheren Jahren nie Grund dazu gesehen, weshalb ich auch in früheren Jahren nie auf die Idee kam, Weihnachten zu feiern. Natürlich würde ich, fuhr er fort, hätte ich Grund dazu, ich meine, berechtigten Grund, Weihnachten feiern, ich würde tun, was alle tun, und eigentlich würde ich nichts lieber tun, denn in rechtem Lichte besehen sind Weihnachten ein schönes, weil zutrauendes Fest, das in jedem Fall zu feiern wäre, gerade in einer lichtfernen Zeit wie dieser – – da ich aber, wie dargelegt, auch dieses Jahr nicht den geringsten Grund dazu erkennen kann, werde ich es auch dieses Jahr nicht tun. Er sagte dies mit einem leisen Bedauern, das er sich doch nicht recht eingestehen mochte. Er ahnte ja längst, dass ihn nicht das scheinbare Fehlen von Gründen, sondern das Nicht-Erkennen-Können daran hinderte, es den Anderen gleichzutun und endlich Weihnachten zu feiern. Doch statt zu überbrücken, was ihn hinderte, blieb er beklommen davor stehen.

Marc Djizmedjian wurde in Zürich geboren und ist da aufgewachsen. Nach einigen Semestern Studium der Psychologie und Philosophie an der Universität Zürich absolvierte er eine Ausbildung als Redaktor und besuchte das Medienausbildungszentrum Luzern. Danach Tätigkeit bei verschiedenen Medien. Seit Anfang der neunziger Jahre literarisches Arbeiten (Erzählung, Kleine Prosa, gelegentlich Lyrik). 2021 erschien bei Telegramme seine Erzählungen «Schnee in Venedig».

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Sebastian Görtz «Bruno Karney winkt aus der Neunten»

Zuerst holt Almut Birnschein eine Schneekugel aus dem Pappkarton, dann einen Kerzenständer, danach einen Nussknacker. Die Schneekugel stellt sie auf die Kommode, den Kerzenständer auf das Klavier und den Nussknacker auf den Tisch. Almut Birnschein greift wieder in den Karton und zieht einen Strohstern heraus. Den befestigt sie am Fenster. Kurz schaut sie durch die Scheiben auf den Dorfplatz, auf den heute erster Schnee gefallen ist. Als Almut Birnschein erneut in den Karton greift, findet sie einen Schlüssel. Und den kennt sie nicht. Oder doch: Den kennt sie sehr gut. Almut Birnschein denkt an Bruno Karney. Und jetzt muss sich Almut Birnschein erst einmal setzen.

Als Bruno Karney vor zwanzig Jahren an einem Tag Ende November verschwand, geriet Almut Birnscheins Leben für einige Zeit ins Wanken. Die Polizei hatte damals mitgeteilt, dass Menschen manchmal verschwänden, weil sie verschwinden wollten und das natürlich auch dürften. Das komme gar nicht selten vor. Ob sich Bruno Karney zuletzt seltsam verhalten habe, fragte die Polizei, und Almut Birnschein konnte nicht mit einem Nein antworten. Wie lange, fragte die Polizei weiterhin, seien Almut Birnschein und Bruno Karney doch gleich ein Paar gewesen? Eine etwas zu lange Pause. Na also, sagte die Polizei und wunderte sich über gar nichts mehr. Was dann folgte: Am ersten Adventssonntag war Almut Birnschein traurig, am zweiten hoffnungsvoll, am dritten grellfröhlich, am vierten zornig. Weihnachten war leer wie ein trockener Brunnenschacht, das neue Jahr leer wie Nebel. Und bald war Almut Birnscheins Welt wieder gut, auch wenn Bruno Karney ihr abhanden gekommen war.

In der Hand der Schlüssel. Wie lange er in dem Karton mit der Adventsdekoration gelegen haben mochte? Schon zwei Jahrzehnte? Sogar länger? Oder hat Bruno Karney den Schlüssel etwa erst kürzlich auf geheimnisvolle Weise dort versteckt, wo ihn Almut Birnschein finden musste? Ein schlichter Schlüssel. Klein. Aus Metall. Schmucklos, aber spezifisch. So spezifisch, dass Almut Birnschein dies sagen kann: Der Schlüssel gehört zu Bruno Karneys Schreibtisch, und dieser befindet sich in der Stadt, in der Bruno Karneys Elternhaus steht, und in diesem lebt bis heute Bruno Karneys Schwester Antonia Karney, und zu der fährt Almut Birnschein jetzt hin, selbst wenn die Fahrt mit dem Zug ein paar Stunden dauert.

Bruno Karney, der Wissenschaftler. Biologe, Schwerpunkt: Mikrokosmos. Eine Begeisterung für das Winzige, die Almut Birnschein als Musikwissenschaftlerin nie geteilt hat, nicht teilt. Sie liebt es, wenn sich die Töne hinauf zum Grossen schwingen und der Klang eine ganze Welt umarmt. Bruno Karney wiederum ging ganz darin auf, ins Allzukleine vorzudringen. Seine Welt war die der mikroskopischen Amöben, der elektronenmikroskopischen Strukturen. Und doch, so hatte er wieder und wieder geschworen, gehörte auch Almut Birnschein zu seiner Welt. Neben seiner Liebe für alles Kleine, gab es ganz selbstverständlich diese grosse Liebe zu Almut Birnschein. Wiederum neben diesen zweierlei Lieben fand noch eine dritte Leidenschaft Platz: Bruno Karney liebte Musik. Konzerte liessen ihn mal erstarren, mal lösten sie ihn geradezu auf. In seine Einzelteile.

Zwanzig Jahre verdrängte Gedanken an Bruno Karney begleiten Almut Birnschein bei der Zugfahrt. Draussen kippt das Helltrübe ins Dunkelfestliche. Trotz des Schnees alles schwarz, aber mit einem Leuchten geschmückt. Dieses Leuchten schwillt an, je näher Almut Birnschein der Stadt kommt. Am Hauptbahnhof steigt sie aus.

Die Stadt, in der Bruno Karney aufgewachsen ist, hat alles, was Städte haben. Nicht nur ein Theater gibt es und ein Puppentheater, sondern auch ein Opernhaus mit grossem Orchester. Almut Birnschein hatte hier schon viele Konzerte zusammen mit Bruno Karney gehört. Der Direktor Maurice Fussbremer ist ein guter Freund. Er ist immer ein guter Freund geblieben, der Maurice Fussbremer.

Zwei verschneite Strassen hinter der Oper steht Bruno Karneys Elternhaus. Almut Birnschein klingelt. D-Dur kippt in Des-Dur. Lange nicht gehört, diese Klänge, bei denen man nie weiss, ob die Aufhebung der tonalen Einheit auf Gedankenlosigkeit oder Kompositionsgenie zurückzuführen ist. Früher waren Almut Birnschein und Bruno Karney oft gemeinsam in diesem Haus. Denken konnte er nur in seinem alten Zimmer, hatte Bruno Karney erklärt. Fühlen nur im Konzertsaal. Und wachsen nur im Dorf bei Almut Birnschein.

Die Tür geht auf. Antonia Karney lächelt und bittet Almut Birnschein hinein. Es riecht nach Plätzchen, aber auch nach Einsamkeit. Ein stilles Haus. Ungewohnt still. Dafür, dass hier eine Tonmeisterin lebt. Antonia Karney war bereits für Aufnahmen bedeutender Orchester in Übersee verantwortlich. Darunter Einspielungen, die auch nach Jahrzehnten noch als Referenz gelten. Die Musikwissenschaftlerin Almut Birnschein legt den Schlüssel in die Hände der Tonmeisterin Antonia Karney. Und Antonia Karney nickt.

Treppauf. Hier ist Bruno Karneys früheres Kinderzimmer. Es sieht nicht nach Kindheit aus. Sah es nie. Ein gewaltiger Schreibtisch. Fünf verschliessbare Schubladen. Vier Schlüssel stecken. Einer fehlt. Die Frauen sehen sich an. Antonia Karney steckt den neu entdeckten Schlüssel ins leere Schloss und schliesst. Almut Birnschein zieht die Schublade auf. Ein Heft. In Bruno Karneys unverkennbarer Handschrift steht darauf: Jenseits von pppp. Aha, sagt Antonia Karney. Almut Birnschein sagt: Still.

Sie lesen beide und staunen nicht schlecht. Der Lebensgefährte, der Bruder – Bruno Karney – war nämlich in den Tagen vor seinem Verschwinden einer Spur gefolgt, die mit wissenschaftlichem Anspruch zwei seiner Leidenschaften zu verbinden versprach: den Mikrokosmos und den Kosmos der Musik. So, wie sich die Perspektive auf das Leben verändern liess, indem man das Winzige mit dem Vergrösserungsglas betrachtete, müsste doch auch die Akustik zu ergründen sein, hatte Bruno Karney geglaubt. Das, was das menschliche Auge nicht sieht, kann durchaus belebt sein. Und das, was das menschliche Ohr nicht hört – ist das nicht auch ein verborgener Kosmos? Sicher: Die Physik hat den Schall längst ergründet. Doch was war mit dem in der Musik Verborgenen? Bruno Karney wollte konkret wissen, was bei einer Komposition unhörbar bleibt und doch vorhanden ist. Piano. Pianissimo. Pianopianissimo. Und dann? Welche Stille liegt in diesem Universum jenseits von pppp?

Almut Birnschein und Antonia Karney stehen vor dem Schreibtisch von Maurice Fussbremer und fassen die Gedankengänge von Bruno Karney zusammen. Die Stirn in Falten schlagend und die Ausführungen als schön und gut bezeichnend, verweist Maurice Fussbremer auf das Weihnachtsoratorium und die Adventsprogramme, die ihm als Direktor eines Opernhauses alle Nerven raubten. Dann sei bald Spielzeitpause. Was auch immer Almut Birnschein und Antonia Karney mit ihm und seinem Orchester vorhätten – er müsse ablehnen. Dann erst sagen die beiden, was sie genau mit Maurice Fussbremer und mit seinem Orchester vorhaben, woraufhin sich Maurice Fussbremer wild durch die Haare fährt und laut flucht. Nein, sagt er. Nochmals nein, sagt er. Und dann sagt er: Also gut.

Tschaikowski. Da wäre in der sechsten Sinfonie ein Fagott im stattlichen sechsfachen Piano. Oder die berühmten vier Minuten und dreiunddreissig Sekunden Stille von John Cage. Almut Birnschein will aber Mahlers Neunte, woraufhin Maurice Fussbremer wieder flucht. Ob denn Almut Birnschein wisse, wie lange es bitteschön her sei, dass Maurice Fussbremer die Neunte zur Aufführung gebracht habe. Das weiss Almut Birnschein nicht. Will es auch nicht wissen. Was sie will, ist die Neunte.

Es ist der Abend vor der heiligen Nacht. Das Orchester ist nicht vollständig. Es sind nicht alle Piccoloflöten da, nicht alle Klarinetten. Auch die Streicher sind etwas fadenscheinig. Die Neunte wird löchrig klingen und weniger zwitschern. Doch es soll reichen. Almut Birnschein konnte Maurice Fussbremer ausreden, gleich mit dem letzten Satz zu beginnen. Also beginnt Mahlers Neunte dort, wo sie eben anfängt. Mit dem Anfang.

Die Tonmeisterin Antonia Karney hat allerlei Mikrofone zwischen den Musizierenden aufgebaut und sitzt nun zusammen mit Almut Birnschein vor einem Monitor im Zentrum des Klangs. Die Musik bildet ein wildes Muster an Wellenbergen und Wellentälern. Schallwellen. Wellenreiten. Unter Kopfhörern tauchen Almut Birnschein und Antonia Karney durch die Sinfonie. Andante comodo. Im Tempo eines gemächlichen Ländlers. Rondo-Burleske.

Maurice Fussbremer schaut auf seine Uhr. Gleich Mitternacht. Ein Seufzen. Und dann der vierte, der letzte Satz. Jeden Ton dieser Sinfonie liebt Almut Birnschein. Sie bewegt sich durch die Komposition wie durch vertraute Strassen. Leiser. Die Musik wird, je näher das Ende des Satzes kommt, spürbar leiser. Antonia Karney dreht die Mikrofone einfach lauter. Die abschwellenden Wellen auf dem Monitor, die eben schon sanfter wurden, schlagen nun wieder heftig aus.

Dann ist es da. Das Hinübergleiten. Das Driften. Das Adagissimo. Die Lautstärke des Orchesters wird zurückgenommen. Immer mehr. Immer stärker. Und je leiser alles wird, desto stärker dreht Antonia Karney die Mikrofone lauter. Wellenberge. Wellentäler.

Das vierfache Piano. Kaum noch zu hören. Antonia Karney dreht auf. Ist das noch Musik? Antonia Karney dreht weiter auf. Noch streichen die Bögen die Seiten, doch ist tatsächlich noch etwas zu hören? Antonia Karney dreht immer weiter auf. Selbst dann, als im Orchester niemand mehr spielt, alles stillsitzt, schweigt, die Instrumente ruhen, dreht Antonia Karney am Regler für die Lautstärke.

Und tatsächlich: Die Musik geht weiter. Im Stillen. Im bisher Verborgenen. Auf dem Monitor tanzt der Mikrokosmos der Schallwellen. Da ist Klang. Da ist etwas. Und kurz bevor Antonia Karney nicht mehr lauter kann, und kurz bevor auch die letzte Schallwelle bricht und in sanfter Brandung angespült wird, zwickt Antonia Karney Almut Birnschein in den Oberschenkel und zeigt auf den Bildschirm. Dort, ganz klein auf der nun schon beinahe geraden Linie ist etwas. Da ist wer. Antonia Karney dreht bis zum Anschlag auf und macht auf dem Monitor sichtbar, was sonst zu winzig für jedes Ohr war.

Er ist da. Er lächelt ihnen auf dem Monitor entgegen, gefangen, doch wohl nicht unglücklich, hockt er da in der Neunten, Bruno Karney, und winkt.

Sebastian Görtz, geboren 1980 in Halle (Saale). Studium der Germanistischen Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte und Zeitgeschichte. Arbeit für verschiedene Museen, seit 2014 als Geschäftsführer eines Museumsverbundes. Seit mehreren Jahren literarische Texte für Zeitschriften und Sammelbände.

Beitragsbild © Sandra Kottonau

Ruth Loosli „Eine Geschichte, erzählt an einem kalten Dezembertag, kurz vor Weihnachten»

Je m’appelle Séraphine.
Je suis un ange. Un singe. Oder etwas dazwischen.
Wo wäre der Unterschied zu finden?
Ich trage immer denselben Mantel.
Nachts lege ich mich in eine Nische, die sich in den Mauern der Kathedrale befindet,
es gibt eine geheime Treppe dorthin. Ich habe Karton hingelegt, doch im Winter ist es zu kalt, um dort zu schlafen.
Tagsüber sitze ich in der Kathedrale. Die Glasfenster sind meine Freude, die Farben sind nur eine der Sprachen Gottes.
Das Licht.
Doch heute ist mir schwindlig.
Das Militär steht draussen, ich weiss nicht weshalb.
Müssen sie die Kathedrale bewachen?
Wenn sie wüssten … ich bin die Wächterin. Moi, Séraphine.
Séraphine, die ohne Besitz.
Séraphine, die Geliebte der Mauern.
Der auffliegenden Vögel.
Der ziehenden Wolken.
Der Gebete. Das Haus ist erfüllt vom Murmeln der Menschen.
Die Jahrhunderte haben sich in die Mauern eingeflochten, in die Struktur eingenistet.
Die Statik all dessen war eine Vision.
Wurde umgesetzt und blieb doch unerkannt.
Séraphine ist die Geliebte der Geheimnisse.
Sie braucht wenig Schlaf, wird von der Kälte beschützt und von der Wärme geehrt.
Wenn meine Glieder trotzdem schmerzen, reihe ich mich ein in den Rhythmus der Lieder. Wie genial einfach ist die Grundkomposition.
Pah!
Ich habe Freunde, trotz meiner verlotterten Erscheinung.
Sie wissen um den Wert meiner Beziehungen zum Himmel.
Meine Währung ist das Wort.
Sie nennen es «Gebet», stecken mir Zettel zu mit dem Namen ihrer Kranken darauf.
Im Gegenzug gibt es ein Fläschchen Gebranntes.
Mein Labsal.
Heute ist mir schwindlig.
Ich weiss nicht, woher das kommt.
Vielleicht der Nacken. Vielleicht die Entzündung um die Zähne herum.
In den Gelenken. Wer weiss das schon.
Heute brauche ich das Elixier, das ich für besondere Momente aufbewahre.
Je m’appelle Séraphine.
Engel im Gefängnis der dicken Mauern.
Mon Dieu, es gibt einen neuen Tag zu bewältigen.
Morgen feiern sie den Weihnachtstag.

Ruth Loosli, geboren 1959, Primarlehrerin. lebt und arbeitet seit einigen Jahren in Winterthur. Sie veröffentlicht in Anthologien und Literaturzeitschriften.
Ein erster Gedichtband «Aber die Häuser stehen noch» erschien 2009. Es folgte im Wolfbach Verlag (DIE REIHE, Band 5) 2011 «Wila, Geschichten»; dieser Band wurde mittlerweile auf Französisch übersetzt. Weiter ist 2016 der Lyrikband «Berge falten» im selben Verlag erschienen.
2019 brachte der Waldgut Verlag den Lyrikband «Hungrige Tastatur» heraus.
Im Frühling 2021 ist im Caracol Verlag der erste Roman erschienen: «Mojas Stimmen».

Webseite der Autorin

Gabrielle Alioth «Die Überlebenden», Lenos

Gabriele Alioth hat mit einem Teil ihrer eigenen Geschichte ihrem neuen Roman Leben eingehaucht. „Die Überlebenden“ klingt dramatisch, was es und er auch ist. Der Roman ist die Geschichte des Krieges, eines Kriegs, der von aussen auf die Protagonisten einwirkt, durch die Kriege dieses Jahrhunderts und eines Krieges von Innen, gegen seelische Gewalt, gegen das Vergessen, gegen das Schweigen.

Eine Familiengeschichte, die Geschichte dreier Menschen, die auf ganz unterschiedliche Weise unter den Auswirkungen von Gewalt zu leiden hatten. Gabriele Alioth erzählt in einem Interview, wie sie vor Jahren die Briefe einer Tante an ihren Mann in die Hände bekam, einer Tante, die die Briefe nach Jahrzehnten noch einmal gelesen hatte, die der Autorin sehr schnell offenbarten, dass da Stoff für mehr als eine Geschichte zu verarbeiten war. Und doch ist Gabriele Alioths Roman „Die Überlebenden“ keine Spiegelung von Tatsachen. Der Autorin geht es um die Fragen, die aus den Leben der Protagonisten resultieren, ob man dem biographischen Gencode einer Familie entfliehen kann, wie sehr das Schweigen in einer Familie durch die Zeiten wirkt, zerstörerisch über die Jahrzehnte. Gabriele Alioth will viel mehr als nacherzählen. Ihr Roman ist der Versuch einer Einordnung, vielleicht sogar einer versöhnlichen Klärung. 

„Wie die Geschichte jeder Familie ist auch die meiner erdichtet. Ich habe sie aus Erzähltem, Erinnerten, Erdachtem und Erträumten zusammengefügt, so wie es mir heute richtig erscheint.“

Gabriele Alioth «Die Überlebenden», Lenos, 2021, 269 Seiten, CHF 32.00, ISBN 978-3-03925-015-8

Vera, die eigentliche Erzählerin im Roman, kommt aus einer Bäckerdynastie. Mina, eine Tochter jenes Grossvaters, heiratet Oskar, einen Mann, der selten zuhause ist, während und nach dem Krieg nicht nur seinen undurchsichtigen Geschäften nachgeht, sondern in der Ferne ein Leben führt, das mit dem seiner Familie, seiner Frau und seiner Kinder gar nichts zu tun hat. Mina, die gezwungen ist, ihre Familie in eigener Regie durch die Zeit zu manövrieren, wird mehr als deutlich von ihrem dominanten Mann aufgefordert, brieflich genauestens zu rapportieren, was zuhause abgeht. Mina formuliert in diesen Briefen krampfhaft beflissen und positiv, was zwischen den Zeilen mehr als deutlich ihren Kampf ausmacht. Den Kampf vieler Frauen in jener Generation, die in ihrem Alltag ihren „Mann zu stehen hatten“, während die Ehemänner an ganz anderen Fronten ihre breite Brust zeigten. Den Kampf einer Frau, die trotz Familie und Ehe alleine ist.

Irgendwann ist Mina gezwungen auch noch den Sohn ihrer Schwester in ihrer Familie aufzunehmen. Max aber ist kein leichtes Kind, viel mehr ein Rebell, ob in Minas Familie, ihrem Zuhause, in der Schule oder in der Ausbildung. Beide reiben sich aneinander, bis Max ausbricht und sich als Pilot im Vietnamkrieg seinen Feinden stellt.

Als er nach Jahren zurück an die Stadt am Rhein kommt, quartiert er sich bei seiner Cousine Vera ein, einer Frau, die Schmetterlinge züchtet, jene filigranen Lebewesen, die durch eine blosse Berührung fluguntauglich gemacht werden können. So wie die eine Tochter von Oskar, die durch einen sexuellen Übergriff ihres Vaters „fluguntauglich“ gemacht wurde, eine Tat, an der Mina ein Leben lang zu kauen hatte, nie darüber sprach, die sich wie ein Alp über die ganze Familie stülpte. Statt gegen den Mann anzutreten, kämpft sie gegen den Rebellen Max, den Pflegesohn, der seinen Kampf wiederum bis in den fernen Osten schleppt.

„Die Überlebenden“ ist keine Unterhaltungsliteratur. Auch kein Roman, der eine Geschichte linear nacherzählen will. So wie es im Nachdenken über die eigene Familiengeschichte nie um eine Chronologie der Ereignisse geht, mischt Gabriele Alioth die Ereignisse so, wie sie dem Nachdenken darüber erscheinen. Das macht es für mich als Leser nicht ganz einfach. Aber genau das entspricht der Wirklichkeit. Gabriele Alioth zeichnet in einer verdichteten Sprache, im Mäandern zwischen Briefen, Erinnertem und Erdachtem. Sie legt ein Mosaik aus Stücken zusammen, die erst aus der Distanz, nicht zuletzt aus der zeitlichen Distanz eine grosse Ordnung ergeben. Mag sein, dass die Lektüre nicht so einfach flutscht. Aber Wahrheiten flutschen selten.

Kein Buch über die «Heilige Familie».

Gabrielle Alioth, geboren 1955 in Basel, war als Konjunkturforscherin und Übersetzerin tätig, bevor sie sich dem Schreiben zuwandte. 1990 publizierte sie ihren ersten, preisgekrönten Roman «Der Narr». Es folgten zahlreiche weitere Romane, Kurzgeschichten, Essays sowie mehrere Reisebücher und Theaterstücke. Daneben ist sie journalistisch tätig. Seit 1984 lebt Gabrielle Alioth in Irland. Für ihr Werk wurde sie 2019 mit dem Kulturpreis der Gemeinde Riehen ausgezeichnet.

Rezension des Gedichtbands «The Poet’s coat – Der Mantel der Dichterin» auf literaturblatt.ch

Webseite der Autorin

Hansjörg Schneider «Die Eule über dem Rhein», Diogenes

«Die Eule über dem Rhein» vom Grossmeister Hansjörg Schneider ist ein liebender Blick auf die Stadt am Dreiländereck, ein Buch voller Erinnerungen, über das Schreiben, sein Wachsen, die grossen Lieben des Lebens, gegen das Vergessen, ohne Pathos aber mit den Augen eines Weisen.                                    

Es gibt Autoren, an denen ich mich nicht „vorbeilesen“ kann, nur schon deshalb, weil sie mich schon ein ganzes Leseleben begleiten. Noch während meiner Ausbildung las ich Hansjörg Schneiders Roman „Lieber Leo“, von einem der auf sein scheinbar gescheitertes Leben zurückschaut, verwundet, weil ihn seine Liebe ohne Abschied verlässt. Es war der erste Schneider im Regal. Ein Paar Jahre später provozierte Hansjörg Schneiders Theaterstück „Sennentunschi“ nicht nur das brave Theaterpublikum, nach einer Fernsehproduktion auch unsere Familie, weil mein Vater darauf bestand, das Gerät abzuschalten, er dulde keine Pornografie im Wohnzimmer. Und als kurz vor der Jahrtausendwende „Das Wasserzeichen“ erschien, noch immer mein liebstes Schneiderbuch, weil es mich mit seiner Sprache und seiner Geschichte in ganz neue Sphären wegzog, wurde ich endgültig zu einem Schneiderer, schon lange vor all den Hunkelerkrimis, und erst recht bei deren Verfilmungen mit Matthias Gnädinger.

Hansjörg Schneider «Die Eule über dem Rhein», Diogenes, 2021, 288 Seiten, CHF 34.90, ISBN 978-3-257-07162-7

Mit „Die Eule über dem Rheinknie“ hat Hansjörg Schneider bei Diogenes kurze Prosa veröffentlicht, Kolumnen von 2015 bis 2017 und Betrachtungen über sein Leben. Auf dem Dach des Basler Münsters sitzt eine steinerne Eule. Sie blickt über den Rhein auf „die andere Seite“. Hansjörg Schneider, der mit seiner Familie früh nach Basel zog, blieb immer ein Aargauer, obwohl er längst ein Basler Urgestein ist. Wie die Eule blickt er in seinem Schreiben auch stets leicht erhöht „auf die andere Seite“, auf eine Schweiz, die ihm oftmals eng erscheint, sein Basel, vom Geldadel erdrückt, hinüber ins Elsass, in die Vogesen, wo er auch seinen Ermittler Hunkeler schickte, wenn ihm das Geschehen am Rheinknie auf die Pelle ging. „Die Eule über dem Rheinknie“ ist der Blick eines Mannes, der das Leben aus dem vergangenen Jahrtausend mit ins neue nimmt, von einem, der an den Gewohnheiten festhält, nicht aus dumpfem Trott, sondern weil ihm sein Tun, Denken und Handeln lieb geworden ist. Ein Schriftsteller, der noch immer von Hand schreibt, ein Heft nach dem andern füllt, mittlerweile mehrere hundert, einen Schatz, den er dem Schweizerischen Literaturinstitut übergab. Der sein Geschriebenes noch immer mit einer mechanischen Schreibmaschine abtippt und gleich korrigiert, kürzt oder ergänzt, dem das Tippen als körperliche Handlung ebenso wichtig ist, wie das Geräusch, auf das er nicht verzichten will.

Hansjörg Schneiders Blick schweift, manchmal ganz nah, wenn er von seinen Nachbarn erzählt, von den Alten in seinem Quartier, den Begegnungen im Supermarkt, wie sehr wir uns in unserem Hafen sicher fühlen, wie sehr wir uns an all die Annehmlichkeiten gewöhnt haben. Von seinen Spaziergängen in der Stadt, vorbei an den gestylten Joggern. Dann zurück in die Vergangenheit, in seine Kindheit und Jugend in Zofingen, über den Schmerz, mit seinen Krimis nie an die Solothurner Literaturtage eingeladen worden zu sein, über seine Zeit in Paris als bettelarmer Niemand. Über seine Schriftstellerkollegen Guido Bachmann, Dieter Fringeli, Christoph Mangold und Werner Schmidli, mit ihm ein Basler Pentagon, von denen alle bis auf ihn gestorben sind, die man mehr und mehr vergisst.

Hansjörg Schneider schreibt mit seinem ganz eigenen Witz und Schalk, nicht ohne Kopfschütteln über sich selbst. Er schreibt von einem Mann, der sein Leben und Tun liebt, der mit seinem Schreiben seine zweite grosse Liebe gefunden hat. Der kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn er Schwätzer mit Namen nennt und sich zuweilen Schmerz darüber einschleicht, was alles unwiederbringlich verloren geht. Aber das darf ein Mann von 83 Jahren, dessen Blick fast immer ein liebender und freundlicher ist.

Warum nicht mit der Eule über dem Rhein in den schneider’schen Kosmos einsteigen!

Interview

Ich schreibe Ihnen meine Fragen von Hand auf Papier. Sie schreiben noch immer in Hefte ebenfalls von Hand und tippen es anschliessend in eine mechanische Schreibmaschine. Schwingt da der Wunsch des Haptikers mit, „Spuren“ zu hinterlassen?
Ich schreibe erst von Hand, dann in die Schreibmaschine, weil ich es so gelernt habe und nie einen Grund sah, davon abzuweichen. Ausserdem finde ich meine Handschrift schön, obschon sie offenbar schwer zu entziffern ist. Aber es stimmt schon: Heimlich bin ich stolz auf meine handschriftlich gefüllten Hefte.

Ihr Buch ist eine Liebeserklärung an Ihre Mutter, Ihre Kindheit, den Blick in die Weite, die Stadt Paris und viele Freunde, die nicht mehr sind, darunter auch Werner Schmidli, einen Schriftsteller, von dem ich wie von Ihnen alles gelesen habe, der mir lieb ist, auch wenn er mich einst mit meinem Bücherstapel in Händen zum Signieren ganz an den Schluss der Warteschlange schickte. Fühlen Sie sich manchmal alleine gelassen?
Natürlich finde ich mich alleine gelassen, natürlich sitze ich allein am Tisch. Mit 83 Jahren ist das wohl normal.

Sie arbeiteten wie Peter Bichsel vor mehr als einem halben Jahrhundert als Lehrer. Ich bin es in meinem Brotberuf noch immer, schon 37 Jahre lang. Manchmal leide ich etwas unter dem Sisiphos-Effekt, an den immer gleichen Problemen, die man den Berg hinauf schiebt und rollt. Obwohl ich ein grosser Leser bin und mir das freie Schreiben in der Schule ganz zentral erscheint – nicht bloss Sprachübungen – entmutigt mich die Entfremdung von der Sprache manchmal, die Verflachung und Verarmung. Muss man Angst um die Sprache haben? Wird echte Auseinandersetzung mit Sprache immer seltener, einsamer?
Ich habe mein Germanistikstudium mit Stellvertretungen an aargauischen Bezirksschulen verdient, mit weissem Hemd und Krawatte und lauter Militärköpfen im Lehrerzimmer. Da wollte ich nicht mitmachen.
Heute ist es ganz anders in den Schulen, viel lockerer. Da ich den Lehrerberuf als sehr wichtig erachte, könnte ich mir heute ein Lehrerdasein gut vorstellen. Über die Sprache würde ich mir keine grossen Sorgen machen. Sie lebt, sie verändert sich, wie sie sich immer verändert hat.

Warum zählen Krimis mit einem literarischen Anspruch, so wie Ihre Hunkeler-Krimis noch immer zu minderwertiger Literatur? Zumindest im deutschsprachigen Raum, ganz im Gegensatz zu den „Angelsachsen“?
Die Verachtung des Krimis als Literaturgattung ist völlig idiotisch. Am besten nimmt man sie einfach nicht zur Kenntnis. Für mich ist der Krimi eine wunderbare Gattung. Man kann erzählen, beschreiben, was und wie man will. Schreiben heisst, sich die Freiheit nehmen, die man sich nehmen will.

Sie sind 83. Ihr Werk ist umfangreich, vielfältig und gross. Bald werde ich vor einer Gruppe „Studierender“ stehen und ihnen von der aktuellen CH-Literaturszene erzählen. Lauter Menschen, die davon träumen, dereinst ein Buch mit ihrem Namen in Buchhandlungen zu finden. Was würden Sie den mehr oder minder jungen Hoffenden raten, waren Sie doch auch einmal einer, auf den niemand gewartet hatte.
Selbstverständlich hat keiner auf mich gewartet, als ich jung war. Ich erhielt nur Absagen, von Zeitungen und Verlagen, auch von Theatern. Bis es eben doch geklappt hat, mit viel Glück. Natürlich ist Erfolg etwas Schönes. Aber der Grund, warum man schreibt, ist ja das Schreiben selber.

Hansjörg Schneider, geboren 1938 in Aarau, arbeitete als Lehrer und als Journalist. Mit seinen Theaterstücken, darunter „Sennentuntschi“ und „Der liebe Augustin“, war er einer der meistaufgeführten deutschsprachigen Dramatiker, seine „Hunkeler“-Krimis, verfilmt mit Matthias Gnädinger, führen regelmässig die Schweizer Bestsellerliste an. 2005 wurde er mit dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnet. Er lebt als freier Schriftsteller in Basel.

Beitragsbild © Philipp Keel

Max Annas „Local Train“, Plattform Gegenzauber

Neukölln
»Dahinten.« Kareem zeigte durch die Blätter vor ihren Augen. »Die S-Bahn …« Sein Körper spannte sich.
Vom Bahnhof Hermannstraße kommend, tauchten die Scheinwerfer auf, noch fern. Der surrende Ton, den die Bahn mit sich brachte, erreichte die Ohren etwas später.
»Hmhm …« Issam steckte die Hände in die Hosentaschen. Schwieg. Rührte sich nicht.
»Jetzt ist es sowieso zu spät.« Kareem entspannte sich wieder.
»Wir müssen darüber reden, wie wir das genau machen«, sagte Issam.
Die Scheinwerfer waren fast auf ihrer Höhe, zogen unter der Brücke vorbei. Kareem und Issam schauten dem Vorortzug hinterher. Durch das Blätterwerk vor ihren Augen und über das Grün auf der Böschung am Gleis flackerten die Lichter vorbei.
»Was gibt es da zu reden? Ist doch alles gesagt.«
»Na ja … Ob wir erst losgehen, wenn die Lichter zu sehen sind. Zum Beispiel.«
Jetzt sagte Kareem keinen Ton.
»Oder ob wir rennen. Ich meine … Wir wollen ja nicht, dass es so lange dauert, weil wir wollen ja auch nicht, dass uns jemand sieht und so. Oder ob wir …«
»Da …« Kareem zeigte in Richtung Tempelhof, wohin die erste S-Bahn verschwunden war. Scheinwerferflackern, das Surren. Auch von dort kam eine S-Bahn. »Aber wir wollten ja die von der anderen Seite nehmen.«
»Hmhm …« Issam drückte mit einer Hand ein paar Zweige neben seinem Kopf zur Seite. »… also ob wir am Geländer warten. Wie oft kommen die um diese Uhrzeit? Und wie lange noch?«
»Woher soll ich das wissen? Immer noch ganz schön oft. Und am Geländer zu warten ist zu gefährlich. Was, wenn die Bahn dann einfach nicht kommt? Wir können da ja nicht so rumstehen. Dahinten …« Kareem zeigte nach Norden. »Da sind Leute.«
»Kommen die hier vorbei? Aber irgendwann fahren die auch nicht mehr. Die Leute …«
»Sieht so aus. Ja … irgendwann ist Schluss mit den Bahnen.«
»Was machen wir?«
»Einfach leise sein. Aber es ist Freitag …« Kareem redete jetzt tonlos. »Da fahren die doch die Nacht durch.«
»Nnnnnnnnnn …« Hinter ihnen im Gebüsch war ein Rascheln zu hören. »Nnnnnnnnn …«, machte es wieder.
Kareem drehte sich um und trat dem Bündel fest in die Seite. »Ng …«, machte es und hörte auf, sich zu regen.
Kareem bückte sich und überprüfte den Knebel im Mund. Seine Fußballshorts saßen bombenfest zwischen den Zähnen. Er stand wieder auf und trat noch einmal zu.
»Die Schnürsenkel halten?«, fragte Issam leise.
»Bombenfest.« Kareem hob einen Daumen, checkte trotzdem noch einmal Hände und Füße.
Die Leute waren nähergekommen. Ihre Stimmen waren deutlich vernehmbar. Kareem erkannte drei Gestalten. Drei Männer. Leicht schwankend.
»Alles piccobello sonst …«, sagte einer.
»Die Strände?« Der zweite.
Der dritte lag einige Meter zurück und blickte sich um. Suchte einen Platz im Gebüsch. Kareem tippte Issam an. Legte den Finger auf die Lippen.
»Alles in Antalya. Leute nett und höflich. Strände sauber und nicht zu voll. Und kein Mensch redet über Politik.«
»Komm schon«, sagte der zweite und drehte sich dabei um. Der dritte beschleunigte seine Schritte.
Von Osten, von der Hermannstraße, kam die nächste S-Bahn gefahren. »Zu spät«, sagte Kareem. »Guck mal. Wenn die abfährt in der Hermannstraße, das kann man ja hören. Dann gehen wir los.«
»Hmhm …« Issam drehte sich um und blickte zu dem Bündel hinab.
»Wir können es nicht austesten. Gibt keinen Probedurchgang. Bahn fährt los. Wir starten und ziehen das durch.«
»Doch. Wir können das schon einmal durchgehen. Wenn wir hören, dass die Bahn abfährt, gehen wir zum Geländer. Dann sehen wir ja, ob das mit der Zeit hinhaut. Das sind … guck … 40 Meter?«
Kareem sagte nichts.
»Der hier kann ja nicht weg. Oder?«
»Du willst gar nicht mehr.«
»Doch … Aber … Ich meine … Washington kommt jetzt bald aus dem Krankenhaus.«
Kareem schüttelte den Kopf. »Er war eine ganze Woche im Koma.«
»Ja, aber jetzt ist er bald wieder bei uns.«
»Er wird die nächsten Monate mit Schienen an den Beinen rumlaufen. Nix Fußball und so.«
»Die Ärzte haben gesagt …«
»Mann, der Typ hat Washington fast umgebracht. Hast du das vergessen?« »Nein, natürlich nicht.«
»Wir haben nicht mal gewusst, ob er das überleben wird. Am Anfang haben sie gesagt, das wird nix mehr.«
»Ja …« Issam war ganz leise geworden.
»Gleich, da, die nächste Bahn. Komm …« Kareem bückte sich und fasste die Füße des Bündels.
Als sich Issam nicht rührte, erhob er sich wieder. Die Bahn näherte sich und fuhr vorüber.
»Guck mal«, sagte Issam.
»Was?«
»Da …«
»Der Hund? Der ist gleich wieder weg.« »Das ist kein Hund.«
Kareem sah genauer hin. Vier Beine, nicht so lang, dichtes Fell, braun oder rot, spitze kleine Ohren, der Schwanz buschig. Er hatte das Tier gar nicht kommen sehen. Es guckte die eine Straße entlang, dann über die Brücke.
»Ein Fuchs«, sagte Issam. »Hab ich auf YouTube gesehen.« »Was guckst du denn auf YouTube?«
»So was eben … Alles Mögliche.«
Ein Motor wurde in der Nähe gestartet. Viel zu viel Schwung beim ersten Kontakt mit dem Gaspedal.
»Wenn sie krank sind, greifen sie sogar Menschen an«, sagte Issam. »Haben sie da gesagt. Echt interessant.«
Der Fuchs drehte den Kopf ein paar Mal und verschwand dann Richtung Tempelhofer Feld. Ohne Eile.
Kareem beobachtete die Kreuzung aus dem Gebüsch heraus. Der Motor lief weiter, ohne dass der Wagen bewegt wurde. Noch keine Scheinwerfer zu sehen.
Das Tempelhofer Feld und Grün und Laubenwirtschaft im Rücken. Wohnhäuser auf der anderen Seite, zu viele Balkone für seinen Geschmack. Die kleine Brücke über die S-Bahn-Trasse ein Teil der T-Kreuzung. Bis zum Geländer auf der Brücke 50 Meter. Vielleicht sogar nur 40, da konnte Issam Recht haben. Jetzt wurden die Scheinwerfer angestellt. Das Geräusch des Motors wurde höher. Der Wagen kam um die Ecke gerollt. Die Scheinwerfer blendeten ihn für einen Moment. Er war froh, dass sie beide dunkle Klamotten trugen.
Als der Wagen gerade um die Ecke in der Emser Straße verschwunden war, tauchte genau dort eine Figur auf, die Kareem zu erkennen glaubte. Der Typ orientierte sich kurz, checkte den Grünstreifen, in dem sie sich verborgen hielten. Er sah dann auf sein Telefon und kam zielstrebig auf sie zu.
Nach dem Fußballspiel hatte sich Emeka geduscht und zurechtgemacht. Er war es tatsächlich. Als er vor dem Gebüsch stand, in dem sie sich verborgen hatten, guckte er noch einmal aufs Telefon. »Hey«, rief er.
Kareem packte ihn und zog ihn ins Versteck. »Was ist los?«, fragte er.
»GPS«, sagte Emeka. »Ganz einfach.« Er klopfte Issam auf die Schulter.
»Ja, ist ja gut …«, sagte Issam. »Ich hab ihm ein Foto geschickt.«
»Ein Foto?«
»Hier.« Emeka reichte Kareem das Telefon. Auf dem Foto war das Bündel zu sehen. Gefesselt und mit dem Knebel im Mund. Erstaunlich, wie gut diese Fotos heute waren, dachte Kareem. Die gelbe Borussia-Dortmund-Hose war selbst im Dunkeln gut zu sehen. Sie quoll aus dem Mund von dem Arschloch raus.
»Krass«, sagte Emeka und betrachtete das echte Bündel. Den geschorenen Schädel. Die isolierten Koteletten, gerade noch im Widerschein der Straßenlaternen zu sehen. »Wo habt ihr den her?«
»Auf dem Heimweg.« Kareem. »Wir wollten eigentlich Richtung Hermannstraße. Dann haben wir ihn gesehen.«
»Er hat uns gesehen und ist auf die andere Straßenseite.« Issam.
»Nein. Er hat uns nicht gesehen. Wir sind ihm einfach nach.«
»Und dann waren wir auf einmal hinter ihm.« »Genau hier.«
»Und dann hab ich ihn ins Gebüsch gezogen.« »Ich eher …«
»Also … wir haben das zusammen gemacht.«
»Aber wer ist das?« Emeka hatte den Blick bislang nicht von dem Bündel gelassen.
»Das ist der, der Washington fast umgelegt hat«, sagte Kareem.
»Scheiße.« Emeka sah jetzt hoch. »Der ist das?«
»Hmhm …« Issam. »So sieht’s aus.«
»Jou …« Emeka holte aus und trat dem Bündel in die Seite. Hinter der gelben Hose war ein Röcheln zu hören. Emeka trat noch einmal zu. Das Röcheln wurde schwächer.
»Und jetzt?«, fragte Emeka.
Eine S-Bahn fuhr vorbei. Kareem blickte sich um und sah den Lichtern hinterher.
Emeka sagte zuerst keinen Ton. Und blies dann langsam Luft durch die Lippen. »Okay«, meinte er.
»Und jetzt, wo wir zu dritt sind, geht das viel besser. Passt auf, da kommen schon wieder Leute.«
Eine Gruppe junger Frauen näherte sich. Die letzte von ihnen, die den anderen mit etwas Abstand folgte, blieb genau auf der Höhe ihres Verstecks stehen und nahm einen langen Schluck aus einer Sektpulle. Die drei anderen waren schon ein paar Meter weiter und blieben stehen. Eine von ihnen kam zurück und nahm die Flasche in die Hand. Sie sagte irgendetwas auf Spanisch, schnell und rau, bevor sie die Flasche an den Hals setzte. Dann noch etwas. Kareem verstand nicht ganz, worum es ging. Irgendwas mit einem Job. Dann trank sie noch einen Schluck, gab die Flasche zurück und ging wieder zu den anderen. Die Nachzüglerin folgte ihr langsam. Schweigend zogen die Frauen von dannen. Zwei S-Bahnen begegneten sich unter der Brücke, als die Frauen noch zu sehen waren. In Kareems Hose brummte das Telefon, dass er dem Bündel abgenommen hatte.
»Einer nimmt die Füße.« Kareem stellte sich so, dass er die aneinander gefesselten Hände des Bündels greifen konnte. »Ich glaube, ich höre die S-Bahn schon. Kommt!«
»Da ist einer.« Emeka stand halb auf dem Gehweg und lugte zur Seite. Auf der Brücke war ein Mann stehen geblieben. Er trug eine viel zu weite graue Jacke. Kareem zog Emeka ins Gebüsch zurück. Der Mann machte ein paar Schritte, blieb stehen, blickte hoch und zur Seite. Kam wieder näher.
»Was macht der da?«, fragte Issam.
»Pssst!« Kareem legte den Finger auf die Lippen. »Nnnnnnnnnnnn …«, kam es vom Boden.
Kareem trat dem Bündel in die Seite.
»Krrr …«, machte es von unten.
Der Mann hatte die Brücke mittlerweile überquert und schaute ins erste Auto, das gegenüber dem Grünstreifen geparkt war. Ein Kombi. Checkte den nächsten Wagen, einen Golf. Sah in den daneben. Bückte sich. Ging weiter. Neben einem kleinen Sportwagen ging er in die Hocke. Im Licht einer Straßenlaterne konnte Kareem sehen, dass seine Hose einen Riss im Schritt hatte. Die Schuhe fielen beinah auseinander. Der Mann stand auf und blickte sich wieder um. Dann holte er aus und hieb mit dem Ellbogen gegen das Fenster der Fahrertür.
Nichts passierte.
Er holte etwas weiter aus und versuchte es noch einmal. Jetzt zerbrach die Scheibe.
»Scheiße!«, sagte Emeka.
Kareem wartete auf den Alarm. Aber der kam nicht.
Der Mann griff ins Auto hinein. Steckte, was er rausholte, schnell in die Jacke und ging davon. Er sah sich nicht noch einmal um.
»Wow«, sagte Issam. »Das macht der aber nicht zum ersten Mal.«
»Kann man von so was leben?«, fragte Emeka.
Eine S-Bahn passierte die Brücke von Tempelhof kommend. Eine andere gleich darauf von der Hermannstraße aus.
»Was ist jetzt?«, fragte Kareem und bückte sich.
Issam und Emeka standen neben dem Bündel.
»Okay, na gut, ich nehme die Füße«, sagte Issam.
»Ich glaub’s nicht.« Kareem stand wieder auf.
»Was?« Issam stand sofort neben ihm. »Wer ist das denn?«, fragte er, als er den Blick justiert hatte. Eine Frau kam zielgenau auf das Gebüsch zu. Sie stützte sich auf einen Gehstock. Die Schritte waren unterschiedlich lang.
»Auntie Mo«, sagte Kareem. »Hast du ihr auch das Foto geschickt?«
»Ich kenne die gar nicht.« Issam.
»Ich hab’s ihr gezeigt.« Emeka.
»Scheiße. Die hat uns gerade noch gefehlt.« Kareem drehte sich ab und starrte auf das Bündel.
Der Stock klackerte deutlich, als sich Auntie Mo näherte. Sie stand schon vor dem Gebüsch. »Wo ist er?«, fragte sie, ohne sich Mühe zu geben, ihre Stimme zu senken.
»Schsch …« Kareem blickte auf das Haus gegenüber, als die Frau durch das Gesträuch brach.
»Ist er das?«, fragte sie in derselben Lautstärke. Dann spuckte sie auf ihn. Sie holte mit dem Stock aus, überlegte es sich aber anderes, bevor er auf dem Bündel niederging.
Kareem atmete aus. »Lass uns bitte leise sein, Auntie.« »Sie ist die Tante von Washington«, sagte Emeka zu Issam. »I am not«, sagte Auntie Mo, immer noch in voller Lautstärke. »I happen to know him from Lagos.«
»Okay.« Kareem legte Auntie Mo die freie Hand auf die Schulter. »Keine Tante. Aber wir müssen leise sein.«
Ein stotternder Motor kam langsam näher. Zu niedriger Gang, Aussetzer, wieder der Motor, erneut ein Aussetzer. In dem alten Toyota waren die Scheiben herabgelassen. Kareem machte ein leises »Sssss!« Sofort waren alle ganz ruhig.
Vier junge Männer saßen in dem Wagen. Glotzten in die Gegend. Einer war eine Glatze, die anderen sahen aus wie alle. Der Wagen war hellgrün, hatte aber rostbraune Türen. Das Dach war eingedellt. Ganz kurz stockte der Motor wieder, als der Wagen den Busch passierte. Der Fahrer blickte in den Fußraum unter sich und gab dem Gaspedal unter vollem Körpereinsatz ein paar Tritte. Der Motor hustete und fing sich dann wieder. Die vier fuhren schweigend um die Ecke.
Eine S-Bahn kam von der Hermannstraße angefahren. Dann eine aus der anderen Richtung. Kareem sah sich um. Die anderen machten keine Anstalten, ihm zu helfen. Issam schaute auf die Straße. Emeka war mit sich selbst beschäftigt. Auntie Mo blickte nach unten. Sie schüttelte den Kopf. Der Arm mit dem Stock zuckte.
»Wir können das jetzt ganz schnell machen«, sagte Kareem. »Zu viert geht das ganz einfach.«
Emeka bückte sich, Issam drehte sich zu dem Bündel. »Ich kann das nicht«, sagte Auntie Mo. »Mein Bein.«
Laufende Schritte, die näherkamen.
»Nnnnnnnnnnn …«, kam es vom Boden. Die vier Stehenden wandten sich der Straße zu.
»Nnnnnnnnnnn …«
Die Schritte waren jetzt deutlicher hören. Schnell und leicht. Keine Sneakers.
Eine S-Bahn übertönte die Laufgeräusche. Als die S-Bahn verklungen war, tauchte die Gestalt aus der Emser Straße kommend auf.
»Fuck me«, sagte Kareem. »Wo kommt die denn jetzt her?«
»Tanja.« Emeka schien weniger überrascht. »Das Foto?«, fragte Kareem.
»Ja … Sie auch.«
»Wo seid ihr?«, rief Tanja.
»Komm.« Emeka hielt eine Hand aus dem Gebüsch heraus. Tanja sprang durch die Lücke, die er mit dem Arm schuf.
»Die sind hinter mir her.« Tanja war außer Atem. »Wer?«
»So … Rechte … Nazis …« Tanja atmete aus. »Ein ganzer Wagen voll.«
»Mist«, sagte Issam.
»Haben angehalten. Und … Kacke geredet. Das war voll unangenehm.«
Kareem wollte wissen, was sie gesagt hatten, wollte aber nicht fragen.
»Das ist er?« Tanja hatte wieder Luft und zeigte nach unten.
»Hmhm«, sagte Kareem. »Die Narbe.«
Sie bückte sich und verteilte eine Reihe von Backpfeifen. »Hnnn …«, kam es vom Bündel.
Tanja schlug weiter, bis sie erneut außer Atem war. »Hnnn … hnnn … hnnn…«
»Komm«, sagte Emeka und nahm Tanja in den Arm.
»Reicht.«
»Und die Nazis?«
»Sind mir nicht hinterher.«
Der stotternde Motor war fern wieder zu hören. Kam näher. Jetzt war auch Rockmusik im Spiel. Sie wurde gleichzeitig mit den Motorgeräuschen lauter.
»Arschlöcher.« Kareem wartete darauf, dass der Wagen auftauchte. »Wir könnten einfach rausgehen und sie alle zusammenschlagen.«
»Bist du bescheuert?« Tanja war jetzt ganz laut. »Die sind bestimmt bewaffnet.«
Der Wagen tauchte wieder auf. Er kam aus der Emser Straße und blieb vor dem Gebüsch stehen, in dem sie verborgen waren. Der Fahrer stellte die Musik aus und öffnete die Tür. Er stieg aus und schaute die Straße erst in die eine, dann in die andere Richtungen hinunter. »Die muss doch irgendwo sein«, sagte er.
»Oder sie wohnt hier«, rief jemand aus dem Auto.
»Komm.« Noch eine andere Stimme. »Wir haben zu tun. Wir suchen doch den Björn.«
Der Fahrer setzte sich in den Wagen, stellte die Musik wieder an. Es war fürchterlicher Krach. Neben sich hörte Kareem jemanden kichern.
Hinter einem Balkon auf der gegenüberliegenden Straßenseite ging das Licht an. Zweiter Stock. Ein großer Mann trat heraus und sah auf die Straße. Er stellte sich an die Brüstung und zündete sich eine Zigarette an. Die vier Män- ner fuhren davon. Der auf dem Balkon beugte sich so über die Brüstung, dass er dem Auto nachsehen konnte.
»Ganz leise jetzt«, sagte Issam.
»Hnnnnnnnn!«, machte das Bündel. Kareem trat nach hinten aus.
In der gleichen Etage ging ein weiteres Licht an. Ein anderer Mann kam heraus. Auch er zündete sich eine Zigarette an. Die beiden Männer blickten sich nicht an. Kein Wort fiel zwischen ihnen. Als der erste zu Ende geraucht hatte, schnippte er die Kippe nach unten und zog sich zurück. Der andere tat es ihm kurz darauf gleich und verschwand auch.
Emeka hielt Tanja immer noch im Arm, als sich Kareem umdrehte. Er sah, wie sie sich befreite und mit dem Absatz genau in die Mitte des Bündels trat.
»Iiiiiirrr …«, kam es hinter der Borussia-Hose hervor. »Iiiiiirrr …«
Er wusste, dass der Verschnürte ein Nazi war, aber Kareem tat es beim Zusahen weh. Instinktiv zog er die Hoden ein.
Tanja trat noch einmal zu und dann noch einmal. Das Bündel krümmte sich, so gut es ging. Kareem zog sie weg.
Sie blies vor Wut. »Am Anfang haben sie gesagt, dass Washington nie wieder einen hochkriegt. So sehr haben sie ihn getreten. Da lag er ja schon am Boden. Und …«
»Wie viele waren die denn?«, fragte Issam.
»Drei. Der eine hat mich festgehalten. Und die anderen haben Washington verprügelt. Und als er am Boden lag haben sie ihn zuerst gegen den Kopf getreten. Und dann … Es war so schrecklich. Der war das.«
»Und dann?«, fragte Issam.
»Der, der mich festgehalten hat, der hat mir eine geschallert. Ganz fest. Aber ich hab das gar nicht gemerkt. Ich hab nur Washington gesehen. Dann sind sie weg.«
Eine S-Bahn passierte die Brücke von Tempelhof kommend.
»Jetzt?«, fragte Kareem und ließ Tanja los.
Issam griff sich die Füße. Tanja griff unter die Knie. Kareem bückte sich und wartete auf Emeka. Auntie Mo stand dabei und sagte kein Wort. Das Bündel wand sich. Vor Schmerz oder um sich zu wehren.
»Bestimmt kommt bald eine«, sagte Tanja.
»Beeilung«, sagte Issam.
»Kommt«, sagte Emeka.
Als sie ihn sicher im Griff hatten, erlahmte der Widerstand des Bündels etwas. Kareem überprüfte, ob die Straße frei war. »Also«, sagte er.
Sie stürzten aus dem Gebüsch und gingen eilig zur Brücke. Der Typ war mager und leicht.
An der Hermannstraße wartete eine S-Bahn auf die Weiterfahrt. Sie konnten die Scheinwerfer sehen. Ganz leise war die Ansage zu hören. Das Bündel begann, sich zusammenzuziehen. Die Türen der Bahn würden sich jetzt schließen. Sie hatten ihn immer noch fest im Griff, als die S-Bahn losfuhr.
»Wir müssen ihn aufs Geländer legen«, sagte Emeka.
»Mit Schwung dann.« Kareem war der Zug schon viel zu nah. Jetzt mussten sie sich beeilen. »Auf drei«, sagte er. »Eins …«
»Zwei …«, sagte Issam.
»Halt«, rief Tanja. »Das ist er nicht.«
Alle ließen zur gleichen Zeit los. Das Bündel knallte gegen das Geländer und fiel dann vor ihnen auf den Fußweg. Die S-Bahn rauschte unter ihnen hindurch.
»Was heißt: Das ist er nicht?« Emeka stand direkt vor Tanja. Auntie Mo schüttelte den Kopf.
»Da«, sagte Kareem. Er zeigte auf das Gesicht. »Die Narbe.«
»Sie ist auf der falschen Seite.«
»Wie falsche Seite?«
»Die falsche Seite.«
Alle beugten sich über das Bündel.
»Da …«, sagte Tanja. Sie fuhr die Narbe unter dem rechten Auge nach. Kurz und dick gab sie dem Auge den Anschein, als würde es leicht schräg zu dem anderen liegen.
»Die muss da sein«, sagte Tanja. Sie zeigte auf die linke Wange. »Von hier …« Das war direkt neben dem Auge. »Bis da …« Das war fast am Mundwinkel. »Ganz anders.«
»You sure?«, fragte Auntie Mo.
»Ja. Absolut. Er hat mich immer wieder so angegrinst, als er Washington zwischen die Beine getreten hat. Das vergisst man ja nicht.«
Alle richteten sich wieder auf.
»Und was machen wir jetzt?«, fragte Issam.
Schweigen. Eine S-Bahn kam aus Tempelhof.
»Nazi ist er auf jeden Fall«, sagte Emeka. »Keine Frage.« »Hast du denn die beiden anderen gesehen«, fragte Kareem.
»Den einen gar nicht. Den, der mich festgehalten hat. Und den anderen nicht richtig.«
»And these guys in the car?«, fragte Auntie Mo.
»Keine Ahnung. Die konnte man ja nicht erkennen.« »Wisst ihr was?« Issam hielt den Zeigefinger hoch. »Wir lassen ihn hier liegen. Dann kommt die Polizei und findet ihn. Der hat bestimmt einen Haftbefehl offen …«
»Wenn die Polizei das überhaupt mal interessiert?«, sagte Kareem. »Aber okay …« Er dachte nach. »Schillerkiez? Ein letztes Bier?«
Alle setzten sich in Bewegung. An der Kreuzung, ganz in der Nähe vom Gebüsch, wo sie sich versteckt hatten, fiel Kareem noch etwas ein. Er ging zurück zu dem Bündel.
Als er sich über den Jungen beugte, weiteten sich dessen Augen. Er hatte immer noch Angst. Kareem zog ihm die Borussia-Dortmund-Hose aus dem Mund.
Die Augen des Jungen wurden schmaler. Kareem sah, wie er die Muskeln um seinen Mund herum anspannte. »Kanacke«, sagte der Junge heiser.
Kareem holte das Telefon des Nazis aus der Hosentasche. Er warf es auf die Gleise, als an der Hermannstraße eine S-Bahn startete. Dann drehte er sich um und ging den ande- ren hinterher. Er freute sich auf das Bier.

Max Annas «Der Hochsitz» Rowohlt, 2021, 272 Seiten, CHF 32.90, ISBN 978-3-498-00208-4

Max Annas, geboren 1963, arbeitete lange als Journalist, lebte in Südafrika und wurde für seine Romane «Die Farm» (2014), «Die Mauer» (2016), «Finsterwalde» (2018) und «Morduntersuchungskommission» (2019) sowie zuletzt «Morduntersuchungskommission: Der Fall Melchior Nikolai» (2020) fünfmal mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet. Bei Rowohlt erschien ausserdem «Illegal» (2017).

Rezension mit Interview von «Der Hochsitz» auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Max Annas

«Ein verinnerlichtes Buch» Meinrad Inglin in der orte-Literaturzeitschrift

Rechtzeitig zum 50. Todestag des Schriftstellers Meinrad Inglin finden nicht nur verschiedene Gedenkanlässe statt und gab sich die Meinrad Inglin-Stiftung ein neues Gesicht, es erscheint im appenzelleschen Schwellbrunn auch eine neue Ausgabe der Literaturzeitschrift orte, die sich ganz dem grossen Schweizer Autor widmet. Meinrad Inglin ist eine Entdeckung wert!

 

zur Literaturzeitschrift orte

Beitragsbilder mit freundlicher Genehmigung der Meinrad Inglin-Stiftung

Heinrich Steinfest „Amsterdamer Novelle“, Piper

«Das Foto täuscht nicht, natürlich nicht. Sondern wir täuschen uns.» Das wir dem nicht mehr trauen, was wir sehen, zeigt die Gegenwart mehr als deutlich. Dabei ist es nicht das, was wir sehen, sondern wie wir sehen. Heinrich Steinfest hat eine kluge Novelle geschrieben. Von einem Mann, der sich in einen tödlichen Strudel ziehen lässt.

Ein paar Monate nachdem mein Vater gestorben war, sass ich in einer Strassenbahn in Zürich. Ein paar Reihen vor mir setzte sich ein Mann im Mantel, ohne Hut und legte seine Hände auf den Sitz vor sich. Ich sass paralysiert in meinem Sitz schräg hinter ihm und hätte für einen langen Augenblick wetten können, dass mein Vater dort sitzt: die gleiche Figur, die gleiche Haltung, die gleichen sich lichtenden Haare, und was mich am meisten verunsicherte, die gleichen Hände, die gleiche Art, den Daumen an den Zeigerfinger zu legen. Ich wäre am liebsten aufgestanden, hätte sanft seine Schulter berührt. Aus meiner Starre erwacht war ich sicher, einem Doppelgänger begegnet zu sein. Allerdings nur, bis sich der Mann von seinem Sitz erhob, sich umdrehte und die Strassenbahn verliess. Mit einem Mal war alle Ähnlichkeit abgefallen.

Heinrich Steinfest «Amsterdamer Novelle», Piper, 2021, 112 Seiten, CHF 23.90, ISBN 978-3-492-07117-8

Roy Paulsen ist Visagist in einer Fernsehstation, deckt das zu, was Scheinwerferlicht und Nahaufnahmen unweigerlich zeigen würden. Sein Sohn fotografiert zu Recherchezwecken in Amsterdam und schickt ihm eines der Fotos, überzeugt davon, seinen Vater auf einem Fahrrad, eine der Grachten entlangradelnd fotografiert zu haben. Aber Roy Paulsen war noch nie in Amsterdam. Paulsen pinnt das Foto in seinem Arbeitszimmer an die Wand, aber es bleibt viel mehr in seinem Kopf hängen als an der Wand zuhause. Ein Mann in kurzen Hosen vor einem dreistöckigen Klinkerbau, ein Mann mit seinem Profil, seiner Nase, seiner Brille. Und neben dem Mann auf dem Rad entdeckt Paulsen in einem Fenster des Hauses ein Gesicht.
Das Foto lässt ihm keine Ruhe, als ob es sich über alles andere darüber gelegt hätte. Paulsen beschliesst, seinen Sohn in Amsterdam zu besuchen, obwohl dieser ihm deutlich macht, eigentlich keine Zeit für ihn zu haben. Nachdem die Internetrecherche, digitale Fahrten durch Amsterdam ohne Erfolg blieben, das Haus nicht zu verorten war und sein Sohn auch keine Angaben über den Moment des Abdrückens machen konnte, macht sich Paulsen auf in die Stadt, in der er noch nie war. Es sollte eine Verifizierung werden, fünf Tage, die wenigstens Klarheit liefern sollten, wo dieses Haus steht.

Und tatsächlich, nach einem heftigen Gewitter sieht er auf der anderen Seite einer Gracht dieses Haus, unzweifelhaft. Er geht hin, steht davor und sieht, dass die Eingangstür über der Treppe bloss angelehnt ist. Von unstillbarer Neugier getrieben geht er hinein in das stille Haus, bis er mit einem Mal in einem Raum im Rücken zweier bulliger Männer mit Pistolen steht, die vor einem auf Stühlen gefesselten Paar vor sich deutlich machen, dass die Lage gleich endgültig werden würde. Ein Schuss fällt, der gefesselte Mann auf dem Stuhl kippt zu Seite, Paulsen greift ein und nichts ist mehr so, wie im sonst so geregelte Leben des Visagisten bisher. Aus blosser Neugier wird existenzieller Ernst.

Heinrich Steinfest erforscht nicht nur, was Wahrnehmung anzurichten weiss. Er entwickelt aus einem unscheinbaren Szenario einen wahren Krimi, bei dem es aber nur hintergründig um ein Verbrechen und die eventuelle Aufklärung geht. Neben dem „Doppelgängermotiv“ geht es auch um die Erfahrungen von Déjà-vus, Momenten, die einem glauben machen, man sei in einer Schlaufe gefangen. Paulsen ist getrieben vom Wunsch einer Erklärung. Ein Wunsch, der ihn immer tiefer in einen Strudel rutschen lässt, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt, dass ihm sein altes Leben entreisst.

„Amsterdamer Novelle“ ist ein virtuos erzähltes, literarisches Kleinod, viel mehr als ein Geschichtchen, schon gar kein Krimi – aber steinfestes Kunsthandwerk!

Heinrich Steinfest wurde 1961 geboren. Albury, Wien, Stuttgart – das sind die Lebensstationen des erklärten Nesthockers und preisgekrönten Autors, welcher den einarmigen Detektiv Cheng erfand. Er wurde mehrfach mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet, erhielt 2009 den Stuttgarter Krimipreis und den Heimito-von-Doderer-Literaturpreis. Bereits zweimal wurde Heinrich Steinfest für den Deutschen Buchpreis nominiert: 2006 mit «Ein dickes Fell»; 2014 stand er mit «Der Allesforscher» auf der Shortlist. 2016 erhielt er den Bayerischen Buchpreis für «Das Leben und Sterben der Flugzeuge», 2018 wurde «Die Büglerin» für den Österreichischen Buchpreis nominiert.

Beitragsbild © Burkhard Riegels

Literaturhaus Thurgau: Das Programm Januar – Mai 2022 steht!

Mit grosser Vorfreude präsentiere ich das neue Programm von Januar bis Mai 2022 im Literaturhaus Thurgau. Klar bleibt ein Vorbehalt, die leise Angst, dass uns wie im ersten Quartal 2021 ein Strich durch die Rechnung gemacht werden könnte. Aber wäre die Zuversicht nicht da, dann würden sich all die ProgrammmacherInnen nicht die Mühe machen, der Kultur einen Bühne zu bieten.

Das neue Programm bietet viel: Prosa und Lyrik, Musik und Installation, Ausstellung und Diskurs! Bleiben Sie uns auch in schwierigen Zeiten treu, treu dem schmucken Haus am Seerhein aber auch all den Kunstschaffenden, denen Orte wie das Literaturhaus Thurgau Lebensader ist!

Sämtliche Illustrationen © leafrei.com / Literaturhaus Thurgau