Matteo ist Zuschauer, schon als Kind. Einer, den man stehen lässt. Einer, der stets daneben steht. Einer, der sich mit seinem Platz im Schatten abgefunden hat. Bis ihm ein Schriftstellerpaar mit einem Mal das Gefühl gibt, wichtig zu sein. Thommie Bayers Roman überzeugt durch seine Figurenzeichnung und den Spiegelblick eines Beobachters.
Es gibt sie unzweifelhaft. Man muss sich nur an den Pausenplatz in der Kindheit zurückerinnern, die Klasse damals, an die Kinder im Quartier. Es sind jene, die im Sportunterricht weder von der einen noch der anderen Gruppe gewählt werden, die niemand will, niemand braucht. Matteo darf zwar zwischendurch immer wieder mal jenen helfen, die es in der Schule nicht so leicht haben. Was aber noch lange kein Grund ist, ihn mitzunehmen. Matteo ist nicht einmal ein Klotz am Bein. Er ist ein Niemand. Irgendwann hat er sich in seiner Nische eingerichtet, auch wenn seine Mutter während seiner Kindheit alles tut, um Matteo wie jeden anderen aussehen zu lassen.
Matteo wird Zimmermann, geht für drei Jahre auf Wanderschaft. Aber selbst auf seiner langen Tour bleibt er aussen vor. Auch das Glück mit dem anderen Geschlecht scheint nicht zum seinen zu werden. Auch dort sieht man ihn nicht. Er sucht auch nicht mehr, er würde nie Teil einer Gemeinschaft sein. Sein Alleinsein wird ihm sein Zuhause. Wenn er liest, wenn er wandert, wenn er sich im Wald auf den immer gleichen Hochsitz zurückzieht. Er übernimmt nach seinen Wanderjahren Gelegenheitsjobs, die ihn über Wasser halten und hilft seiner Mutter in der Buchhandlung in der Stadt.

William nimmt ihn für zwei Wochen auf eine Baustelle in Frankreich mit. Sie sollen ein Haus fertigstellen, von oben bis unten streichen, Regale einbauen, im Haus eines Schriftstellerehepaars. Keira und Eric, er erfolgreich, sie um einiges weniger. Die beiden überlassen William und Matteo das Haus. Und als man ihnen die Hausschlüssel zurückgibt, nachdem die beiden von Matteo am Bahnhof mit dem Auto abgeholt wurden, fragt Eric Matteo, ob er Lust hätte ihn auf seiner Lesetour mit seinem neuen Roman als Chauffeur zu begleiten. Matteo, der nie einen Plan in seinem Leben hat, einen solchen auch gar nicht braucht, nimmt den Job an. Nicht nur weil ihn die Aufgabe reizt. Auch weil er sich von der 40 Jahre älteren Keira angezogen fühlt, weil ihm das Paar das Gefühl gibt, jemand zu sein, weil man ihn schätzt. So sehr sich Matteo zu den beiden hingezogen fühlt, so sehr vermitteln ihm die beiden ein Gefühl, das selbst mit seiner Mutter abhanden gekommen war.
Während Keira zuhause bleibt, fährt Matteo Eric von einer zur nächsten deutschen Metropole, von Halle zu Halle, Bibliothek zu Bibliothek, von vollem Haus zu vollem Haus. Eric schwimmt auf einer Welle des Erfolgs, der Anerkennung und Bewunderung. Und im Schweif dessen geschehen bei Matteo Dinge, von denen er glaubte, für immer ausgeschlossen zu sein. Aber je näher er den beiden, vor allem Eric kommt, desto mehr hat er mit dem Umstand zu kämpfen, dass er die kleinen Zeichen zu interpretieren beginnt. Interpretationen, die das makellose Bild eines aufgegangenen Fixsterns in seinem Leben zu trüben beginnen. Erst recht als eine junge blonde Frau auftaucht und ein Mann, der Eric droht, ihn zu vernichten.
„Gern gesehene Gäste“ ist ein Roman über einen Mann, der im Schweif eines Sterns zu leuchten beginnt. Über scheinbar perfekte Leben, die Geheimnisse verbergen. Was es bedeutet, wenn ein Leben im Schatten mit einem Mal ein Stück Sonne bekommt, jene Momente, in denen man endlich spürt, am richtigen Ort, mit den richtigen Menschen zu sein. Vielleicht ist der Roman auch ein Buch über das Er-Wachsen-Werden. Mit Sicherheit ist das Buch ein Spiegelbuch, hier die LeserInnen, dort die SchriftstellerInnen. Ein Buch über Wahrnehmung, Schein und das wahre Glück. Ein typischer Bayer. Ein Roman mit dem Sound von Leonard Cohen: We are so small between the stars / So large against the sky / And lost among the subway crowds / I try to catch your eye.
Thommie Bayer, 1953 in Esslingen geboren, studierte Malerei und war Liedermacher, bevor er 1984 begann, Stories, Gedichte und Romane zu schreiben. Neben anderen erschienen von ihm die Romane „Das Glück meiner Mutter“, „Das innere Ausland“ und der für den Deutschen Buchpreis nominierte Roman „Eine kurze Geschichte vom Glück“ und zuletzt „Einer fehlt“. Thommie Bayer lebt mit seiner Frau in Staufen bei Freiburg.
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Beitragsbild © Peter von Felbert
