«Mit jedem Vers» mit Thomas Dütsch und Chris Wirth

Thomas Dütsch, der seinen letzten Gedichtband «Zwischenhoch» bei Nimbus herausgab, las neue und «alte» Gedichte. Chris Wirth antwortete ihnen musikalisch oder nahm mit seiner Bassklarinette etwas vorab. Ein Abend des Genusses, eine Stunde des Eintauchens.

Es gab ihn schon vor 300 Jahren, den Literarischen Salon. Was damals noch in Adelhäusern geschah, weil auch die Literatur etwas war, wofür man nur in Adelshäusern Zeit und Muse hatte, das Leben der meisten Menschen damals bestand fast ausschliesslich aus Arbeit, dem Willen zu überleben, hat längst auch in Wohnzimmern des Kleinbügertums seinen Weg gefunden. Man trifft sich in der Wohnung von lesenden Menschen, lauscht für einmal auf Stühlen, die alle auf einen Punkt im Wohnzimmer ausgerichtet sind, lässt sich kulinarisch verwöhnen und kommt mit SchriftstellerInnen in einer Art ins Gespräch, für die es bei den üblichen Lesungen weden Zeit noch Raum gibt.

So auch an einem sonnigen Maiabend in Amriswil. Eingeladen waren der Dichter Thomas Dütsch und sein Musikerfreund Chris Wirth an der Bassklarinette. Jeder spielte auf seinem Instrument, zeichnete Wortbilder in die Luft. Ein Dutzend Gäste wurden sanft wachgepinselt. Thomas Dütsch sammelt, was er irgendwann am Schreibtisch zu Gedichten formt, in einem Wachstuchheft, das er immer mit sich trägt; Wörter, Wortfetzen, Gedanken. Sprachstücke wie Fundstücke, gesammelt in einer ganzen Bibliothek. Aus den einen Stücken werden Gedichte. Andere gedeihen nie. Bis ein Gedicht fertig ist, dauert es manchmal Jahre, manchmal über mehr als ein Dutzend Fassungen. Sehr oft wird Naturlyrik daraus, nie entrückt, nie verklärend, ganz nah am Betrachter, Bilder im Weckglas, lyrische Ansichtskarten, Ansichten innerer und äusserer Landschaften, ganz oft mit Fragen durchmischt.

Sie spielten sich gegenseitig zu, mal leise, mal wirblig, mal nachdenklich, mal fast tanzend, nahmen Fäden auf, liessen sie wieder los. So wie der eine seine Augen schloss, so blickte mir der andere ins Gesicht, machte mich zu einem Gegenüber, betroffen, getroffen. In solchen Stunden ist Kunst das, was scheinbar unsichtbar ist, das wie eine gallertige Masse zu schwingen beginnt. Und alle, die lauschen, werden Teil dieser Kunst, schwingen mit, werden zu grossen Trichtern, Umwandlern, Transformatoren.

Ich danke Thomas Dütsch und Chris Wirth für das Abenteuer einer Sternstunde der Empfindung.

Lieber Gallus, liebe Irmgard, vielen herzlichen Dank für die Einladung zur Hauslesung am 9. Mai! Euer Wohnzimmer war ein idealer Ort für unsere musikalische Lesung. Dass es uns gelungen ist, euch und eure Gäste mit unseren Gedichten und Klängen berühren, ist auch eurer herzlichen und offenen Art als Gastgeber zu verdanken. Auf der Rückfahrt nach Zürich waren wir uns einig: Es war ein künstlerisch und menschlich ein sehr reicher und stimmungsvoller Abend! Herzlich, Thomas Dütsch und Chris Wirth

Thomas Dütsch, geboren 1958 in Zürich, studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie in Zürich, Tübingen und Berlin. Auf Einladung des Berliner Kultursenats war er 1991 sechs Monate Stipendiat im Literarischen Colloquium Berlin (LCB). Für seinen ersten Lyrikband «Windgeschäft» (2001) und «Weißzeug» (2011) erhielt der Autor Anerkennungsgaben der Stadt Zürich. Thomas Dütsch lebt in Wädenswil.

Rezension zu «Zwischenhoch» auf literaturblatt.ch

Chris Wirth, 1966, beschäftigte sich nach dem Klarinettendiplom am Konservatorium Zürich intensiv mit Improvisation, Komposition und Arrangement. Neben einem Klarinetten-Trio mit eigenen Kompositionen wirkte er in verschiedenen Formationen und Projekten mit. 

Beitragsbilder © Philipp Neff schliff.ch

Thomas Dütsch «Mit jedem Vers», Plattform Gegenzauber

Ziegenhirte 2.0

Er führt seine kleine Herde auf die Weide zieht
ein Bündel frischer Erlenzweige hinter sich her
Die Ziegen freuen sich wie im Märchenbuch Sie 
machen Sprünge rempeln einander an wedeln
mit den Schwänzen knabbern begierig am Laub 
Der Hirte zückt sein Smartphone filmt die Tiere
während sieben Sekunden verschickt das Video 
Dann telefoniert er sitzend auf dem Brunnenrand 
Die Ziegen eilen herbei stossen mit ihren Hörnern
fordernd gegen seine kreidebleichen Kniekehlen
Er tätschelt ihre Hälse spricht weiter in sein Gerät
Die Ziegen wenden sich ab trotten verwirrt davon
Der Hirte ist 70 Er trägt eine weisse Apple Watch
An seinem Arm klebt ein frisches Dialysepflaster 

(2022)

 

Das Eimerchen

Mein täglicher Weg an den Schreibtisch führt
im Gegenuhrzeigersinn um den Häuserblock
Ich leere das Eimerchen mit dem Grüngut
dehne meinen Rumpf vor dem Bücherschrank
zähle heute die bunten Pinguine vor der Kita
morgen die Schafe unterm Kirschbaum gelange
das quengelnde Eimerchen fest im Griff auf
eine sanfte Anhöhe sehe zu wie sich langsam
das Seebecken freinebelt während im Westen
die Nacht Länge um Länge abseilt den Mond
Wachgepinselt vom Hauch des frühen Tages
setz ich mich um Jahre verjüngt an mein Pult
Das Eimerchen indes will nicht an seinen Platz

(2024)

 

Ginge ich nicht

Mit einer Kaltnadel ritzt mir die Nebelhand
ihr Herbstmonogramm in die Nackenhaut
Ich schriee ginge ich nicht

Müde zirkelt mir die verdistelte Mittagssonne
ihr sprödes Licht vor die Füße
Ich haderte ginge ich nicht

Kreisend schwärzen letzte Stare den Himmel zu
und ihre Schreie steinigen mein ermattetes Herz
Ich stürbe ginge ich nicht

Ginge ich nicht durchs lodernde Laub

(2001)

 

Mit jedem Vers

Mit jedem Vers den ich schreibe
werde ich arm und ärmer verliere
eines meiner Geheimnisse die ich
mit Worten nicht benennen kann

Als Schmuggelware im Mantelsaum
trägt jeder Vers aus der Schneiderei
unzengroß eine Wahrheit über mich
ins Buchstabengetümmel hinaus

Die Leser werden Schnitt und Wurf 
genau besehen doch es wird dauern
bis einer das Verstuch dort befühlt wo
im Saum die Verhärtung zu spüren ist

Ich aber schreibe Verse wie eh und je
bis ich einst da steh nackt und kahl
eine geheimnislose Eiche ohne Frucht
wartend auf Sturm wartend auf Schnee

(2011)

Thomas Dütsch, geboren 1958 in Zürich, studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie in Zürich, Tübingen und Berlin. Neben seiner beruflichen Tätigkeit als Lehrer und Sprachdozent an der Pädagogischen Hochschule Zürich publizierte er Gedichte in den Literaturzeitschriften «einspruch», «drehpunkt» und «Sprache im technischen Zeitalter». Auch die «Neue Zürcher Zeitung», die «Zeit» und der «Tages-Anzeiger», Zürich, brachten Gedichte von ihm. 2001 erschien sein erster Lyrikband «Windgeschäft», für den er eine Anerkennungsgabe des Kantons Zürich erhielt. 2011 folgte sein zweiter Gedichtband «Weißzeug», der mit einer Anerkennungsgabe der Stadt Zürich ausgezeichnet wurde. In der «NZZ am Sonntag» lobte Manfred Papst die «Sorgfalt und das Formbewusstsein» seines Schreibens. Thomas Dütsch lebt in Wädenswil.

Beitragsbild © Ayse Yavas