Mit einem staccatoartigen Hupen rast der hellblaue Autocar der Buchgesellschaft Pierou an der Haltestelle im Zentrum von Carbelotte vorbei. Offenbar weiß der Chauffeur, dass die zwei Frauen, die sich vor dem leichten Nieselregen unter das Dach der Station geflüchtet haben, nicht bei ihm mitfahren wollen. Mir war sogar, er habe ihnen zugewinkt. Ich stehe unter einer mächtigen Espe auf der anderen Straßenseite – unentschlossen, ob ich meinen Schirm hervorholen oder darauf vertrauen soll, dass der Regen bald wieder aufhört. Etwas weiter nördlich, über der Baij Kabsakdi, ist der Himmel schon wieder blau. Oder noch? Ich mag keine nassen Regenschirme. Ich warte lieber noch etwas zu. Sollten mich die zwei Frauen überhaupt bemerkt haben, so lassen sie sich auf jeden Fall nicht stören. Sie sind ganz und gar mit ihren Beinen, ihren Hüften, ihren Armen, Schultern und Köpfen beschäftigt, die sie in rasendem Rhythmus bewegen. Ihre bloßen Füße sausen schwungvoll hinweg über die vom Regen am Boden der Haltestelle geschaffene Landschaft aus Tümpelchen, kleinen Teerinseln und Bächlein. Ihre weiten Röcke fliegen, als hätten sie sich von der Schwerkraft gelöst. Musik ist keine zu hören – sieht man vom Gezirpe der Jamakala ab, einer kleinen Grille, die sich an diesem späten Nachmittag schon den Abend herbeisingt. Gleichwohl bin ich sicher, dass die zwei tanzen. Und sie können das ausgesprochen gut, ihre Bewegungen sind gestaltet, folgen eindeutig einem Ablauf – und ich kann nicht erkennen, dass sie je unsicher wären, wie es weitergeht. Gut möglich, dass sie sich auf die Fête de la Carotte vorbereiten, in deren Rahmen es ja Tanzveranstaltungen und sogar Wettbewerbe gibt. Kann es sein, dass ich gerade der Entstehung eines neuen Karottentanzes beiwohne? Meine Lippen versuchen, den schnellen Sprüngen und Hüftschwüngen der zwei Frauen nachzuhüpfen: «Vive la carotototte au sein de Carbelotototte.» Nein. Das ist eindeutig nicht schnell genug. Die zwei haben ein gewaltiges Tempo drauf. Und Reime passen auch nicht zu diesem Tanz, der bei aller Stimmigkeit, bei aller Präzision auch etwas Ungereimtes, Ungehemmtes, Unfassbares hat. Wäre es möglich, dass sie sich von den Chevaliers de Carbelotte piksen ließen. Ich weiß nicht, welchen Effekt das Gift dieser eigentümlichen Insekten auf den menschlichen Körper hat. Aber es könnte ja sein, dass es wie ein Stich der Tarantel in eine Art Raserei versetzt, die sich choreografisch nutzen lässt. Der Regen wird stärker, der Himmel verdunkelt sich und mir ist gar, als sei durch das Prasseln und Rauschen hindurch ab und zu ein Donner zu hören. Die zwei Frauen lassen sich nicht beirren. Im Gegenteil: Ihre Freude am Tanz scheint mit dem Regen noch wilder, noch hemmungsloser zu werden. Vielleicht schlägt gleich ein Blitz in die Haltestelle ein, sie verwandeln sich in tremolierende Oktopusse und toben mit tausend Tentakelschlägen davon. Das Blätterdach der Espe über mir hat unterdessen so viel Wasser aufgenommen, dass es unten heraus und mir auf Schultern und Kopf tropft. Ich drücke mich an den Stamm, der noch weitgehend trocken zu sein scheint. Doch da bohrt mir ein Viechlein, das verborgen in der Borke sitzt, seine Nadel in die Schulter. Ich zucke zurück, doch schon breitet sich von der Stelle ein Schmerz in meinem Arm aus, klettert mir in den Nacken, in den Kopf. Toboza! Verflixt! Ob das ein Chevalier der Carbelotte war? Werde ich wohl auch gleich wie besessen durch den Regen tanzen? Ist das wirklich immer noch Donnergrollen, was ich da höre? Sind das nicht die Rhythmen mächtiger Trommeln, die näher und näher kommen? Und spüre ich nicht schon, wie meine bibbernden Beine den Boden bebeben?
Samuel Herzog, geboren 1966, führte einen unabhängigen Kunstraum mit Küche in Basel, gab verschiedene Mikrozeitschriften heraus, betreute einen Kleinstverlag, erforschte als Ausgrabungstechniker die Bronzezeit und war jahrelang als Begleiter von Liegewagen in Europa unterwegs. Er studierte Kunstgeschichte und war als Kunstkritiker und Redakteur für diverse Medien tätig. Heute bewegt er sich im Grenzbereich von Kunst, Literatur und Journalismus. Er schreibt über seine Reisen, beschäftigt sich mit kulinarischen Themen und widmet sich literarisch-künstlerischen Projekten wie der fiktiven Insel Lemusa, deren facettenreiche Kultur er seit 2001 in Museen, Publikationen und im Internet vorstellt.
Markus Bundi ist ein Tausendsassa! Er schafft es sogar, mich mit einer Katze zu locken. Das schaffen nicht viele. Markus Bundi ganz leicht, leichtfüssig und tiefschürfend. So wie es auch seine Gedichte sind. Wenig verwunderlich, dass es Bundi auf nicht einmal hundert Seiten schafft; ein eingedamfter Roman, literarischer Sud!
Es ist ein Roman für die Brusttasche. Dementsprechend nah geht er einem ans Herz. Nicht weil im Roman über eine Katze oder zumindest die symbiotische Beziehung zu einer geschrieben wird. Zu einem „Büsi“, wie wir Schweizer sagen, einer Bezeichnung, die genau jene Wesensart oder Sehnsucht beschreibt, die mich diesem Tier gegenüber misstrauisch werden lässt. Ich bin kein Katzenfreund, auch wenn immer ich der bin, dem Katzen unaufgefordert auf den Schoss sitzen und unmissverständlich klarmachen, was sie augenblicklich von mir fordern. „Hayo“ ist kein Katzenbuch, kein Katzenroman, auch wenn der Titel des Romans der Name einer Katze ist. „Hayo“ ist ein Familienroman im Kleinformat, eine Emanzipations-, eine Auferstehungsgeschichte einer jungen Frau, Séraphine, die den Tod ihres Katers, des Familienkaters zu verschmerzen hat.
Markus Bundi «Hayo Séraphines Roman», Kröner Edition Klöpfer, 2026, 120 Seiten, CHF ca. 30.90, ISBN 978-3-520-77401-9
Séraphine und Hayo sind gleichzeitig zur Welt gekommen, Seelenverwandte. Aber während Séraphine sich an der Grenze zum Erwachsensein abmüht, ist aus Hayo ein alter, gebrechlicher Kater geworden, der sich eines Morgens aus dem Schlafzimmer von Séraphine schleicht, um unter dem Sofa im Wohnzimmer, mitten in der Familie, sein Katzenleben zu beenden. Séraphine legt sich zu ihm auf den Teppich, so wie all die Jahre zuvor, in denen sie alles gemeinsam teilten, ihr Leben stets als Gemeinsamkeit verstanden. Mit dem Tod des Katers stirbt viel mehr als ein Haustier, viel mehr als ein eigenwilliger Vierbeiner, ein alt gewordener Gefährte mit Mundgeruch. Séraphine fühlt sich zurückgelassen, alleingelassen, das erste Mal in ihrem noch jungen Leben.
Wir waren immer von Beginn an eins, auch wenn mir das erst später bewusst wurde.
Mit Hayos Tod ist Séraphine genommen, womit sie nicht rechnete. Mit einem Mal fehlt der Mut, die Kraft, sich aufzurichten, das Leben weiterzuführen, als wäre nichts geschehen. Séraphine ist zum ersten Mal mit Sterben und Tod konfrontiert. Sie ist aus Selbstverständlichkeiten gerissen, unausweichlich damit konfrontiert, dass eine neue Ära beginnt, eine neue Zeitrechnung, dass sie nicht mehr gefragt wird, dass sie in ein eigenes Leben, in Selbstständigkeit gestossen wird. Hayos Tod ist viel mehr als der Verlust eines Haustiers, sondern das untrügliche Vorzeichen dafür, dass das Nest der Familie nicht für immer seine Wärme ausstrahlen soll.
Seit Hayo tot ist, will ich nicht mehr aufwachen.
Hayo und Séraphine waren eins. Eine Seele, zwei schlagende Herzen. Und weil diese Einheit zerbrach, hat Séraphine zu schreiben begonnen. Eigentlich das Geschäft ihres Vaters, der Hausmann und leidlich erfolgreicher Schriftsteller ist. Sein Stadtführer ist die einzige Veröffentlichung, mit der er mässigen Erfolg hatte. Ausgerechnet, denn das Buch steht auf seiner Liste ganz unten. Séraphines Vater ist Dichter, schreibt Gedichte, brotlose Kunst. Als ihre Mutter und ihr Vater sich kennenlernten, war er Musikjournalist. Man lernte sich in einem Konzert kennen. Ihr Vater, dessen Handschrift nur sie zu entziffern weiss, der ihr aber auch zeigt, dass die Wege durchs Leben nicht mit den eigenen Händen ausgelegt werden. Mit einem Mal ist da das Bewusstsein, dass man letztlich immer auf sich selbst zurückgeworfen ist, dass man in aller Gemeinschaft allein bleibt.
Markus Bundi schreibt sich in die Seele einer jungen Frau. Und das gelingt ihm ausgezeichnet. In die Verzweiflung, die Trauer, das Erwachen, das Aufstehen, das Bewusstwerden. Es ist nicht der Blick nach innen, sondern jener nach aussen. Eine junge Frau, die sich neu ausrichten, die den Kompass neu ausrichten muss. Ein zartes Buch voller Einsichten. Nicht zuletzt ein Buch über Familie, einen Schriftsteller als Vater, einen Vertrauten. Für einmal kein Kriegsschauplatz, dafür ein Buch zum Verlieben!
Markus Bundi, geboren 1969, studierte Philosophie, Neue Deutsche Literatur und Linguistik an der Universität Zürich. Er arbeitete in jungen Jahren als Journalist, erst als Sport-, dann als Kulturredaktor bei einer Schweizer Tageszeitung. Seit über zwanzig Jahren unterrichtet er Philosophie an der Alten Kantonsschule Aarau. Er lebt als freier Autor, Literaturvermittler, Lektor und Herausgeber (u. a. der Werkausgabe Klaus Merz) in Neuenhof/ Schweiz. Für seine literarische Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet. Er ist Mitglied bei PEN Deutschland.
In Nefeli Kavouras’ Debütroman «Gelb, auch ein schöner Gedanke» stirbt ein Ehemann und Vater über lange Zeit. Der Prozess des Abschieds verändert ihn und seine Familie.
Der Tod als Verwandlung Gastrezension: Sina Aebischer studiert Literaturwissenschaft in Basel und arbeitet für die Lesereihe Sofalesungen. Sie schreibt journalistisch für regionale Medien und literarisch als Teil des Kollektivs LITER.
Die Beerdigungsgäste sind gegangen und wir wissen nicht, was wir mit den Kuchenresten anfangen sollen. Wir haben immer nur bis hierher geplant, nie weiter. Das Wir, mit dem die Hamburger Autorin Nefeli Kavouras ihren Roman «Gelb, auch ein schöner Gedanke» anfängt, besteht aus Ruth und Lea, Mutter und Tochter, Witwe und Halbwaise. Denn Georg ist gestorben, nach langer Zeit. Über Jahre hinweg hatte sich sein Zustand verschlechtert, bis Ruth ihn zur Palliativpflege nach Hause holte. Der Prolog nimmt das Ende der Geschichte vorweg, bevor Kavouras zurückkehrt in die Zeit des langsamen Sterbens.
Für die gemeinsame Tochter ist die Präsenz des todkranken Vaters nur schwer zu ertragen: Wenn Mama ihn nicht so bescheuert pflegen würde, wäre er längst tot, und ich hätte ein richtiges Leben. Die Fünfzehnjährige wünscht sich ein ganz normales Teenager-Dasein ohne sterbenden Vater. Ruth hingegen steckt ihre ganze Energie in die Pflege Georgs und wünscht sich von Lea mehr Verständnis und Nähe zu ihm. Diese ekelt sich vor dem kranken Vaterkörper: Sein Körper ist unförmig und nur halb lebendig und komisch weich. Sein Körper stinkt und gibt Geräusche von sich, sein Körper gehört nicht mehr richtig zu ihm. Kavouras nähert sich dem sterbenden Körper ohne falsche Scheu, sie beschreibt, wie er sich verändert, wie er aussieht und riecht. Es gelingt ihr, ein Porträt des Sterbens zu zeichnen, indem sie den Prozess des Ablebens anhand der Angehörigen und ihres Empfindens ganz genau beobachtet.
Kavouras lässt Ruth und Lea in kurzen Kapiteln abwechselnd zu Wort kommen. Jedes Kapitel trägt einen Titel, viele davon sind ziemlich humorvoll. Sowieso schleichen sich immer wieder Momente der Leichtigkeit in das eigentlich so schwere Buch. Lea verbringt einen Sommer damit, ihre eigene Liebesgeschichte zu planen, eine Teenager-Romanze, die durch ihre Unbeholfenheit die düstere Stimmung auflockert und erinnert, dass der Tod in Leas Leben zwar allgegenwärtig aber nicht das einzige Thema ist.
Nefeli Kavouras «Gelb, auch ein schöner Gedanke», Kiepenheuer & Witsch, 240 Seiten, CHF ca. 33.90, ISBN 978-3-462-00870-8
Währenddessen versinkt Ruth in der Überforderung der Pflege, die sie längst alle Freundschaften und jeglichen Alltag gekostet hat. Manchmal vergesse ich, dass auch andere Menschen Themen haben, die sie beschäftigen, stellt Ruth fest. Themen, für die sie keine Kapazität hat, zu viel Platz nehmen das Sterben und die Trauer ein. Mutter und Tochter verlieren sich aus den Augen, leben aneinander vorbei, können die jeweils andere Perspektive nicht mehr nachvollziehen. Bis etwas gänzlich Unerwartetes passiert: Georg verwandelt sich in ein Pferd, ein Kunstgriff wie bei Kafka, auf dessen Werk der Text explizit verweist.
Der Moment vor der Verwandlung ist der einzige, in dem Georg selbst zu Wort kommt. Ein paar Sätze wie aus einer Traumsequenz, dann wird der Sterbende wieder von Ruth und Lea abgelöst, deren Rollen sich mit der Verwandlung Georgs ändern. Lea wird zur zuverlässigen Pflegerin, während Ruth nicht mehr weiss wohin mit sich selbst. Dort, wo ein kranker Mann gepflegt werden musste, ist jetzt plötzlich frei nutzbare Zeit und ein Leben, das gefüllt werden will.
Mit Georgs Verwandlung wirft der Roman Fragen nach unserem Umgang mit Krankheit und Tod auf. Ruth und Lea dienen dabei durch ihr gegensätzliches Verhalten exemplarisch und stellenweise ein wenig platt als Beispiel, wie eine Geschichte des Sterbens und der Trauer ablaufen kann. Lea als mürrischer Teenager, Ruth als aufopferungsvolle Ehefrau: Teils wirken sie eher wie Schablonen denn als ausgearbeitete Charaktere. Aber dann gibt es immer wieder Sätze, mit denen Kavouras direkt in die tiefe Menschlichkeit der Trauererfahrung vordringt: Drei, das Leben ist ja doch voller Leben. Zwei, es gibt Dinge, auf die ich mich freuen darf. Eins, ich werde immer einen Vater gehabt haben.
Mit Ruth und Lea zerrt Kavouras die Tabuthemen Trauer und Tod ins Scheinwerferlicht. Denn auch wenn Lea möchte, dass sie einfach mal an etwas anderes denken kann: Dem Sterben entkommen, kann sie nicht. Das Sterben wird im Roman zu einem Protagonisten, der nicht an den Rand oder das Ende eines Lebens gedrängt wird, sondern sich mittenrein setzt und bleibt. Und trotz allem einen leisen Optimismus zulässt.
Dieser Text entstand im Rahmen eines Seminars zur Literaturkritik im Frühjahr 2026 an der Universität Basel unter der Leitung von Daniel Graf (Literaturkritiker beim Republik Magazin).
Nefeli Kavouras, geboren 1996 in Bamberg, studierte Kulturwissenschaften in Lüneburg. Sie arbeitet für den mairisch Verlag, kuratiert das Literaturprogramm der »altonale«, führt mit Anselm Neft den Literaturpodcast »laxbrunch« und moderiert und organisiert regelmässig Lesungen. 2023 wurde sie für ihr Romanmanuskript mit dem Hamburger Literaturpreis ausgezeichnet. 2025 las sie auf Einladung von Laura de Weck daraus einen Auszug bei den 49. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt.
Urs Heinz Aerni: Frau Vonmoos, was veranlasste Sie, Ihrem künstlerischen Schaffen mit der Musik, ein neues hinzuzufügen und zwar der schriftstellerischen Art?
Claudia Vonmoos: Ich schreibe schon lange, nur hat es etwas gedauert, bis ich auf die Idee kam, mir die Texte zwischen zwei Buchdeckeln vorzustellen, um damit ein Lesepublikum zu erreichen. Auch als Musikerin habe ich, vor allem in meinen musikalisch-szenischen Projekten, viel mit Texten gearbeitet. Damals allerdings nicht mit eigenen, sondern mit Fremdtexten.
Die Sprache spielte also nebst der Musik schon immer eine Rolle?
Das Arbeiten mit Worten war für mich schon immer selbstverständlich.
Blättert man das schön gemachte Buch auf, sieht man sich keiner langen Erzählung gegenüber – abgesehen von den Porträts im hinteren Teil, sondern kurzen, ja ironischen und verspielten Sätzen. Es sind «Miniaturen» wie es im Untertitel steht. Was gefällt Ihnen an der kurzen Form des Schreibens?
Claudia Vonmoos «Kunst ist, sich an morgen zu erinnern», Kiener Verlag, 2025, 144 Seiten, CHF ca. 30.90, ISBN 978-3-948442-57-6
Bei der Arbeit an den Miniaturen gefällt mir die Herausforderung, eine Idee, einen Gedanken oder eine Geschichte mit wenigen Worten festzuhalten. Es sollte kein Wort zu viel, aber auch keines zu wenig auf dem Papier stehen. Die Miniatur lässt Raum für unterschiedliche Lesarten. Es freut mich, wenn Lesende Dinge im Text entdecken, die mir nicht aufgefallen sind. Auch kann jede Miniatur eine andere „Form“ haben. Die Arbeit daran ist abwechslungsreich.
Auf Seite 106 lesen wir das hier: Ich hätte gerne drei Gramm Ruhe. Sie können aufrunden. Oder schon der Satz als Titel: Kunst ist, sich an morgen zu erinnern. Kommen Ihnen solche Sachen nachts im Traum in den Sinn oder beim Proben als Pianistin?
Tatsächlich ertappe ich mich beim Klavierüben manchmal dabei, dass sich die Gedanken auf eine andere Ebene, die Textwelt, begeben. Für das Schreiben ist das gut, fürs Klavierspiel natürlich nicht. Aber Ideen können einem überall in den Sinn kommen, oft ganz unerwartet. Ich habe immer ein Notizbuch in Papier- oder digitaler Form, dabei.
Aber wie kamen Sie auf diesen schönen Buchtitel?
Den habe ich beim Blättern in älteren Notizen gefunden. Ich wusste sofort, dass ich den Satz als Titel verwenden will, weil damit mehrere Themen angedeutet werden, die im Buch eine Rolle spielen, zum Beispiel Zeit, Erinnerung, Kunst, Illusion und Absurdität.
Dieses Buch hat als Geschenk einen grossen Vorteil: Der Beschenkte muss sich nicht durch einen Roman lesen, sondern kann blättern und stöbern und da und dort schöne Sätze geniessen. Wie haben Sie es denn mit dem Lesen von Büchern?
Ich lese sehr gerne, auch Romane. Im Moment liegt das Buch „Lektionen“ von Ian McEwan vor mir. Der Autor verknüpft unterschiedlichste Ebenen virtuos miteinander. Das gefällt mir. Vor Kurzem habe ich per Zufall zwei Romane von Elfi Conrad entdeckt …
… Eine in Karlsruhe lebende Schriftstellerin mit den Romanen «Als sei alles leicht» und «Schneeflocken wie Feuer», die übrigens auch Musik studierte…
Ihre präzisen, kurzen Sätze ohne Schnickschnack treffen mitten ins Herz.
Bis 2023 unterrichteten Sie an der Musikakademie Basel. 2022 gingen Sie zum ersten Mal mit ihren Texten an die Öffentlichkeit, bei einem Wettbewerb in Basel landeten Sie mit einem Text in der Shortlist und 2024 erhielten Sie eine Auszeichnung in Wien. Wann ist ein Text für Sie vollendet?
Ich überarbeite meine Texte über eine lange Zeit. Schon oft dachte ich von einem Text, er sei „fertig“, bis ich ihn später wieder hervorholte und nochmals daran feilte. Wenn ich das „Gut zum Druck“ gebe, entlasse ich den Text aus meinen Fängen und sage mir, dass er jetzt fertig ist.
Schon vor vielen Jahren erhielten Sie einen Förderpreis der Stadt Chur, wo Sie aufwuchsen. Könnte man die damalige Förderung als Initialzündung Ihrer Karriere als Kulturschaffende bezeichnen?
Das ist allerdings lange her! Der damalige Preis war vor allem eine grosse Freude und Bestätigung. Er kam exakt zum richtigen Zeitpunkt. Ich hatte damals von einer Konzertbesucherin einen alten Flügel geschenkt bekommen. Mit Hilfe des Preisgeldes konnte ich ihn schön revidieren lassen. Da hat gerade einiges zusammengepasst.
Jetzt vielleicht eine einfältige Frage, die sich vielleicht auch die Buchhandlungen stellen: In welches Rayon würden Sie als Buchhändlerin Ihr Buch einordnen? Lyrik/Poesie, Belletristik, Philosophie oder Geschenkbuch?
Wenn ich Buchhändlerin wäre, würde ich es natürlich in alle Rayons einordnen (lacht). Nein, Spass beiseite. Die Texte sind weder ganz der Prosa noch ganz der Lyrik zuzuordnen. Kürzlich habe ich es in zwei Buchhandlungen unter Schweizer Literatur gesehen. Das gefällt mir, weil da alle Genres Platz haben.
Claudia Vonmoos ist in Chur aufgewachsen und lebt heute in Riehen bei Basel. Sie konzertierte über Jahre als Pianistin und kreierte und leitete Projekte mit Kunstschaffenden verschiedener Disziplinen. «Hintergründiger Wortwitz und immense Sprachmusikalität machen jeden der Texte zur Entdeckung», meint Barbara Schingnitz über ihr erstes Buch.
Es ist ein Seltsames mit der öffentlichen Bedeutung, zumindest bei mir und im Umfeld der eigenen Eitelkeit. Vor jeder neuen Veröffentlichung, wenn sie in den Druck ging, hatte ich die Erwartung: Dieses Buch wird zum Durchbruch und erlangt die Weltbedeutung der Bedeutungswelt, die mir gehört. Und jedes Mal fiel ich natürlich in die Enttäuschung über den Mangel an Wahrnehmung, unabhängig davon, wie viele Besprechungen und Auftritte es dann gab. Und jetzt, nach dreizehn veröffentlichten Büchern, habe ich es, was mich selbst betrifft, und dank Corina Caduff`s Kränken und Anerkennen, als eine Art Gesetz des sich Aussetzens in die Öffentlichkeit erkannt. Seit dem ersten Portrait, samt Foto, in der NZZ (1996), hatte sich diese Erwartungs-und-Gekränktheitsneurose nur immer brennender entzündet. Und die vorletzte Veröffentlichung Das nackte Wort (2021) fiel vollends durch und hatte in international «bedeutenden» Zeitungen keine einzige Besprechung, aber die von Gallus Frei im «literaturblatt.ch»! Und da erfuhr ich, was für ein herzstärkendes Glück es ist, mit Gallus Frei abseits vom öffentlichen Mainstream einen so literaturbegeisterten Literaturvermittler zu haben, der völlig unabhängig von Bekanntheit tiefe und hochberührende Lesetipps schreibt. Bei mir führte die Erfahrung der Bedeutungslosigkeit genau durch ihren Schmerz hindurch erst recht zum Erkennen ihrer nie vorhandenen Göttlichkeit, die erst im Fehlen sich zeigt, genau wie die bleibende Sprache erst nach der Sprache beginnt, im poetischen Verstummen, im musikalischen Schweigen, im beredten Raum der Stille. Was behaupte ich da? Erstens: Ohne Göttlichkeit mache ich es offensichtlich nicht nur nicht; – sie ist mein Erkennen – ich halte das Nichterkennen der Göttlichkeit in der närrischen Wortlust und durch die zärtliche Zunge des eigenen Mundes gar für eine Unmündigkeit. Und zweitens: Das Erkennen, dass es das Göttliche nicht gibt, erkennt es im Nichtsein als Sprache. Wir haben die Göttin Gott als Wort in uns und können ihre Nichtexistenz jederzeit sehen. Um den im Gedanken brennenden Engel jeden Augenblick zu erkennen, braucht es die Sprache wie es Holz oder anderes Brennmaterial braucht, damit das Feuer des Erkennens brennt, aber im Erkennen werden die Worte verbrannt und verbrennen sich selbst. Und genauso liegt die Bedeutung im Erkennen der Bedeutungslosigkeit, aber wiederum nur durch sie hindurch und gegen die darin herrschende und bei mir vor allem eigene Eitelkeit. Was hat das mit Gallus Frei und dem «literaturblatt.ch» zu tun? Zwar schenkt die Sprache allen mit dem nur in der Sprache existierenden und doch realen Namen die Einzigkeit und kann dem persönlichen Namen einen in der möglichen Öffentlichkeit sich möglicherweise sonnenden Namen verschaffen. Aber die sich in immer grelleren Aufmerksamkeitsblitzen mit Publicity absichernde Marktöffentlichkeit speist ihr Geschäft vor allem mit schon einschlägigen Autoren bei schon einschlägigen Verlagen, besprochen von schon einschlägigen Kritikern. Und Gallus Frei hat mit dem «literaturblatt.ch» die Erfahrung gemacht, für Literaturinteressierte schreiben zu können, auch ohne zu den in der Öffentlichkeit das Sagen Habenden zu gehören und hat genau darin die Möglichkeit umgesetzt, ganz aus eigener Überzeugung die Leidenschaft seiner Bücherbegeisterung zu vermitteln. Und jetzt kommt das Schönste: Der immer neu und frei wie der Hahn krähende Gallus Frei hat sich in seiner zehn Jahre lang unermüdlich arbeitenden Literaturliebe mit «literaturblatt.ch» doch einen Namen gemacht und seine Beiträge werden gelesen und geschätzt! Selbstredend liebe ich alles, was Gallus Frei sagt und schreibt. Er hat mir auch Im Verstummen vergöttlicht. Oder mit Felicitas Hoppe: «Da werden Engel zu Menschen und Menschen zu Göttern.» Ich danke Gallus für «literaturblatt.ch», ewig!
Christian Uetz
Christian Uetz, geboren 1963 in Egnach, ist ein philosophischer Poet und lebt in Zürich und Berlin. Nach einer Ausbildung zum Lehrer studierte er Philosophie, Komparatistik und Altgriechisch an der Universität Zürich. Im Rahmen des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs 1999 wurde Uetz der 3sat-Preis zuerkannt, 2000 der Schiller-Preis und Preis der Internationalen Bodensee-Konferenz, 2005 der Förderpreis des Kulturkreises der Deutschen Wirtschaft Berlin und der Thurgauer Kulturpreis. 2010 erhielt er den Bodensee-Literaturpreis für sein bisheriges literarisches Gesamtwerk.
Seine Performanceauftritte sind aussergewöhnlich. Man muss ihn einmal erlebt haben, diesen Sprachversessenen, schreibt Karl-Heinz-Ott in der NZZ. Wer Christian Uetz je bei einer seiner auswendig zelebrierten Lesungen gesehen hat, ahnt, was Nietzsche mit seinem Diktum, man müsse mit der Sprache zu tanzen verstehen, gemeint haben könnte.
Wann schmerzt Einsamkeit? Wann wird Einsamkeit zur Sehnsucht? Milena Michiko Flašar schrieb in ihren Büchern immer wieder über Einsamkeit. Einen „Zustand“, der im Dichtestress der Neuzeit weit verbreitet ist. «Gedankenspiele über die Einsamkeit» ist ein Essay, das ermutigt.
Die Reihe „Gedankenspiele“ aus dem Hause Droschl; schmale, klar formulierte Texte zu Themen, die den Nerv treffen. Geschrieben von DichterInnen und SchriftstellerInnen, die nicht durch intellektuelle Kapriolen bestechen wollen, sondern durch ihre Offenheit, den Blick in ihr eigenes Leben. So wie Milena Michiko Flašar, die von den Erlebnissen ihrer Kindheit erzählt, von den Erfahrungen, dass die Welt draussen nicht der Welt drinnen entspricht. Dass alle schon in der Kindheit ihre ersten Erfahrungen der Entfernung, unfreiwilliger Distanz machen.
Milena Michiko Flašar «Gedankenspiele über die Einsamkeit», Droschl, 2026, 2026, 48 Seiten, CHF ca. 19.90, ISBN 978-3-99059-195-6
In Einsamkeit ist ebenso viel Angst und Schmerz eingeschlossen wie Sehnsucht. Milena Michiko Flašar erzählte in ihrem Roman „Ich nannte ihn Kravatte“ vom Phänomen „Hikikimori“, von Menschen, die sich ganz in ihre vier Wände zurückziehen, die von ihren Familien aus Scham verleugnet werden. Ein Phänomen, das längst über Japan hinaus übergeschwappt ist. Oder das Phänomen „Kodokushi“ (einsames Sterben), Menschen, die unbemerkt leben und sterben, deren Tod erst dann bemerkt wird, wenn es zu stinken beginnt, wenn die Rückstände eines Lebens durch eine Spezialfirma beseitigt werden müssen. Phänomene, derer sich die Schriftstellerin nicht wegen der Faszination des Grauens annimmt, sondern weil sie symtomatisch sind für eine Gesellschaft, die auf der einen Seite am Dichtestress leidet, andererseits an zunehmender Anonymität und sozialer Inkompetenz.
Alleinsein ist eine Form des Eskapismus. Und Einsamkeit? Ist harte Realität.
Dabei ist Einsamkeit mit ebenso viel Sehnsucht verbunden. Mit der Lust, sich für eine gewisse Zeit zurückzuziehen, eine Zeit nur ganz allein, sei es in den Bergen, in der Wüste, im Kloster, im freien Fall, allein auf einer Reise. Aber diese Einsamkeit ist selbst gewählt. Sie ist durch einen Entschluss begrenzt. Sie ist aus eigenem Antrieb endlich. Einsamkeit ist ein Zustand, hineingestossen oder hineingegangen. Alleinsein eine permanente Auseinadersetzung, begonnen mit der Geburt, dem Schnitt durch die Nabelschnur, dem ersten deutlichen „Nein“ als Kind, der Abwendung während der Pubertät und der Emanzipation als junge Erwachsene, der Feststellung, dass selbst die Liebe einem nicht vor Einsamkeit bewahrt und das Sterben und der Tod der letzte Akt des Alleinseins, manchmal auch der Einsamkeit ist.
Milena Michiko Flašar schreibt davon, dass letztlich sowohl das Lesen wie das Schreiben, obwohl einsamer Zeitvertreib, Anteilnahme, Zuwendung, Hingabe sind. Wenn wir lesen, sind wir „mit“ dabei. Literatur ist die Fähigkeit, uns „mit“ einem Gegenüber zu identifizieren. Letztlich auch eine Auseinandersetzung mit uns selber, der Endlichkeit, sowohl körperlich wie zeitlich.
Milena Michiko Flašar denkt und schreibt offen und öffnend. Nicht die Spur von Besserwisserei. Selbst in ihrer Kritik an der Gesellschaft ist sie behutsam, vermeidet jede Form des Urteilens. Bestimmt ein Grund, warum sich die Schriftstellerin auch in ihren Romanen und Erzählungen immer wieder mit Einsamkeit auseinandersetzt.
Milena Michiko Flašar, geboren 1980 in St. Pölten, hat in Wien und Berlin Germanistik und Romanistik studiert. Sie ist die Tochter einer japanischen Mutter und eines österreichischen Vaters. Ihr Roman «Ich nannte ihn Krawatte» wurde über 100.000 Mal verkauft, als Theaterstück am Maxim Gorki Theater uraufgeführt und mehrfach ausgezeichnet. Er stand unter anderem 2012 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Zuletzt sind der Erzählband «Der Hase im Mond» und der Essay «Sterben lernen auf Japanisch» erschienen. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Wien.
Es gibt Bücher, die mich ab der ersten bis zur letzten Seite in einem Sog mitreissen und nachhaltig berühren. «Sanditz» ist so ein Buch. Lukas Rietzschel erzählt die Geschichte einer Familie aus dem fiktiven Ort Sanditz in der sich auflösenden DDR.
Zeitlich wird aus unterschiedlichen Perspektiven und Zeiten erzählt von der Wende bis zur Coronazeit und dem Angriffskrieg auf die Ukraine. Ich erfahre viel über das ehemalige Ostdeutschland, einen Bauern und Arbeiterstaat mit Kohletagebau und Glasfabriken. In eindrücklichen Mikroszenen erfahren wir das Schicksal der Familie Wenzel. Ohne Pathos und Anklage, aber mit beeindruckender Empathie für die geschilderten Menschen entsteht ein imposantes Panorama der deutschen Gesellschaft von bildhafter Kraft.
Lukas Rietzschel «Sanditz», dtv, 2026, 480 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-423-28516-2
Es geht um existentielle Auseinandersetzung von Menschen in den verschiedensten Situationen. Liebe, Homosexualität, Einsamkeit, Leben in Ungewissheit, Krankheit, freiwilliger Einsatz im Krieg in der Ukraine und Abrackern auf westdeutschen Baustellen zum Überleben sind Themen. Wie können Familie und Freundschaften in umwälzenden Zeiten bestehen. Die Sprache ist detailliert, farbig und ohne belehrenden Ton: «Mit der Rechten griff Marion nach Rolands Hand, mit der Linken nach Achims.» Ich wollte euch fragen, ob sich einer von euch beiden vorstellen kann, mich zu heiraten.» «Ich denke darüber nach, dann reden wir nochmal», sagte Roland. «Ist das dein Ernst?», fragte Achim. «Hier und jetzt werden wir das ja wohl kaum entscheiden können». «Doch», sagte er. «Indem du einfach Nein zu dieser Quatschidee sagst.»
«Die Russen sind durch das Fenster gekommen, Die Abdrücke ihrer Schuhe sind auf dem hellen Teppich noch zu sehen. Ihr Weg durch das Haus lässt sich genau nachverfolgen. Zuerst waren sie in der Küche, der Kühlschrank steht noch offen. Eine Wasserlache hat sich gebildet. ..Ruffy weist Tom auf den geplünderten Alkohol hin. Ähnlich wie die samt Halterung aus der Wand gerissenen Fernseher sei das überall so. Die Russen dächten wohl, sie seien auf Klassenfahrt.»
«Es gab auch Abende. An denen Roland bei ihm blieb. Er half ihm beim Duschen, brachte ihn ins Bett, deckte ihn mit den zahlreichen Decken zu, damit er nicht fror, räumte anschliessend die Küche auf und legte sich dann im _Wohnzimmer aufs Sofa. «Du hast dich als guter Diener erwiesen», sagte eines Tages Achim. «Was hältste du davon, wenn du einfach hierbleibst? »….Also zog Roland mit einem Koffer voll Klamotten ein. Was er sonst noch besass, liess er bei Marion im Bungalow. Sie half ihm, alles nach Sanditz zu fahren. Als er ausstieg, umarmte sie ihn so fest wie nie. «Was ist mit den Kindern?», fragte er. «Eines Tages werden sie es verstehen.»
Lukas Rietzschel, in der Nähe von Görlitz geboren und dort lebend, gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller des Ostens. Er tritt in Talk-Shows und in Zeitungen von West und Ost auf. Ihm geht es darum, die Ostdeutschen zu verstehen, zu verteidigen, aber auch ihre Problemzonen zu thematisieren. Bereits seinen ersten Roman «Mit der Faust in die Welt schlagen» habe ich mit Gewinn gelesen. Darin schildert er, wie die Perspektivlosigkeit der Zukunft einen jungen Menschen in die rechtsextreme Jugendkultur abdriften lässt. Im zweiten Roman «Raumfahrer» wird eine Familiengeschichte der DDR spannend mit der Beziehung der Brüder Baselitz verwoben. Was passiert mit Erinnerungen nach jahrelangem Schweigen? An der BuchBasel 2021 begegnete mir ein sehr sympatischer, engagierter und kluger Mensch, der sich mit Problemen der deutschen Gesellschaft fundiert und offen auseinandersetzt. «Sanditz» übertrifft die beiden ersten Romane nicht nur an der Anzahl Seiten. Ich wünsche diesem Epos eine grosse Leserschaft!
der Bär
Lukas Rietzschel, geboren 1994 in Räckelwitz in Ostsachsen. Schon sein Debütroman «Mit der Faust in die Welt schlagen» (2018) war ein Bestseller, der für das Kino verfilmt wurde. 2021 erschien der zweite Roman «Raumfahrer». Lukas Rietzschels Romane und Theaterstücke wurden vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Gellert-Preis, dem Sächsischen Literaturpreis und dem Literaturpreis „Text & Sprache“.
LAUT wohin mit den lauten Stimmen die sich stapeln in einem Leben
OHNE DICH was bleibt in mir wenn ich vergesse dass du nicht geblieben bist
wenn nichts Bestand hat befallen wir uns
ihre Lippen aufgespritzt der Schmerz
einander die Worte nach Hause tragen
am Morgen neben mir liegt ein Gedanke
OHNE würde ich mich verlassen wenn ich wüsste wer ich bin ohne mich
AUSBLICK wenn ein Gedanke den Abschied berührt dann blicke ich nach vorn zurück
Falte um Falte das Leben rückwärts legen
manchmal ist er im Überfluss
ohne Obdach sein letztes Ich
ich will mich mit dir verkörpern
so unruhig schön dein Konjunktiv
am Sonntag das Leben frisch beziehen
zum Schluss auf der Haut etwas Mund
Sternhaufen so viel am Himmel so nichts von mir
Matthias Gysel wurde 1962 in Schaffhausen geboren. Von ihm erschienen sind bisher: «Laub und Haut» Haiku und Gedichte, «Eine Geigerin zupft den Regen» Mikrolyrik und «Unser Mond ertrinkt im See» Mikrolyrik, alle im Anton. G. Leitner Verlag, Deutschland. Seine Lyrik wurde u. a. in der Zeitschrift «Sommergras», in «Das Gedicht», Hrsg. Anton. G. Leitner Verlag und im Literaturmagazin «Wortschau» veröffentlicht.
Jahrzehnte nach dem Krieg kehrt Nelka an den Ort zurück, an den man sie als 16-jährige von Lemberg, dem heutigen Lwiw in der Ukraine, in den Westen verschleppt hatte. Zurück auf ein Gut in Schleswig-Holstein, auf dem sie während dem Krieg Zwangsarbeit zu leisten hatte. Dorthin, wo sich ihre Vergangenheit unauslöschlich in ihre Seele eingegraben hatte.
Svenja Leiber erzählt nicht nur die Geschichte einer Zurückgekehrten, von einer, die nach etwas Verlorenem sucht. Sie erzählt auch von Marten, jenem Gutsverwalter, der während des Krieges mit aller Selbstverständlichkeit die Dienste dutzender Zwangsarbeiter in Anspruch nahm, um dem Plansoll der nationalsozialistischen Maschinerie zu genügen – und die eigene Tasche zu füllen. Svenja Leiber erzählt von einer jungen Frau, der man die Heimat nahm, die man in ein fremdes Leben steckte, über deren Leben man verfügte. Von einer alt gewordenen Frau, die an den Ort zurückkehrt, der sie maximal von ihrer Familie, ihrem Umfeld entfernte und ebenso maximal auf ihre eigene Existenz zurückwarf. Einen Ort, der ihr die Zeit nahm, an dem man sie zu brechen versuchte, an dem aus Menschen Material wurden. Svenja Leiber hätte aus dieser Geschichte, der Dramaturgie ihrer Inszenierung einen grossen Showdown machen können, den Rachefeldzug einer alten Frau, die Gerechtigkeit will. Aber Svenja Leiber erzählt eine ganz andere Geschichte.
Nelka muss noch einmal zurück, um sich zu verabschieden, um jener Zeit nachzuspüren, in der man ihr alles genommen hatte und zugleich eine Richtung gegeben, derer sie sich niemals mehr widersetzen konnte. Noch einmal zurück, um jenen Menschen zu gedenken, die sie zurücklassen musste, die ihr damals die Kraft schenkten, ihr eigenes Schicksal zu tragen. Jener Mann, der noch immer auf diesem Hof die Fäden zieht und dem Besuch der alt gewordenen Frau mit Argwohn und Befürchtungen entgegenschaut, ist für Nelka nicht das Ziel ihrer Reise. Aber Svenja Leiber schildert den Kampf, den sein Gewissen auszustehen hat, die Angst, mit der er sich seit den Briefen, die bei ihm eingetroffen sind, auseinandersetzen musste. Nichts ist vergessen, nichts ist ausgestanden.
… welche Frau musst nie ihren Körper einsetzen, um was zu bekommen. Das lernen wir ja als Erstes in dieser verdorbenen Welt. Sechs Zigaretten gab es.
Svenja Leiber «Nelka», Suhrkamp, 2026, 200 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-518-43276-1
Der Krieg tobt. Nelkas Vater ist Pomologe und führt seine Tochter schon früh in die Kunst des Obstbaus, der Veredelung ein. All die Namen der Apfelsorten werden zu einem Stück ihrer Welt, so wie Nelkas Familie all das ausmacht, was das grosse Mädchen in der Stadt zu ihrem Leben macht, in sich aufsaugt. Umso drastischer der Moment, als man sie dieser Welt entreisst, einer Familie, die ihr alles bedeutet, einer noch ganz zaghaften Liebe zu einem jungen Mann. Als man ihr von der Strasse weg ihr Leben nimmt und sie in einen Güterwagen steckt, in Durchgangslagern drangsaliert und sie die Willkür eines faschistischen Machtapparats an den Hof eines Grossbauern spült. Durch Zufall erfährt dieser vom Wissen der jungen Frau, jener Gutsverwalter, der in den Wirren des Krieges seinen Hof neu ausrichten muss, der mit der Fortdauer des Krieges genau spürt, dass das Tausendjährige Reich nicht so lange dauern wird, dass es eine Zeit nach dem Krieg geben muss.
Nelka wird von ihren Freundinnen, die sich auf dem Gut zu Tode schuften, weggeholt, in eine Kammer im Verwalterhaus. Dort ist sie nicht nur Martens Nachstellungen und Kontrolle ausgesetzt, sondern auch dem Misstrauen Martens Ehefrau. Nelka wird zur persönlichen Sklavin, jenen Herrenmenschen untertan, denen eine Ideologie der Menschenverachtung jedes Recht gibt. So wie der Obstbauer den Apfel veredelt, so edelt die Rassenlehre der Nazis den Menschen der Zukunft.
Für das Erinnern ist die Zeit gleichgültig, alles wird Bild. Aber es gibt Lücken. Und sie weiss, sie hat den Rand des Bildes noch nicht erreicht.
Nelkas Geschichte ist exemplarisch für die Millionen Menschen, die damals wie heute unter dem Zwang einer menschenverachtenden Ideologie Zwangsarbeit leisten müssen. Für die es keine Menschenrechte gibt. Svenja Leiber erfährt, dass Obstbäume in ihrer eigenen Heimat damals von „Ostarbeiterinnen“ gepflanzt wurden, von Zwangsarbeiterinnen, Verschleppten. Svenja Leiber gibt jenen Menschen und ihren Schicksalen ein Gesicht. Sie spürt nach. „Nelka“ ist mit dermassen viel Zartheit erzählt, Svenja Leibers Sprache zurückhaltend, einfühlend und glasklar, dass mich die Musik ihrer Sprache ebenso sehr berührt wie die Geschichte selbst. Keine Spur von Effekthascherei, dafür Zeugnis von Geschichte, die allzu schnell sprachlos macht. Grosse Literatur!
Interview
Wir leben überall in den Hinterlassenschaften der Geschichte. Jeder Quadratmeter, auch wenn dort „nichts“ steht, nichts direkt erinnert, ist von Geschichte durchdrungen, von Menschenschicksalen, die vergessen sind, manchmal einfach durch den Lauf der Zeit, manchmal aus purer Verdrängung. Ihnen haben die Obstbäume in ihrer Heimat eine Geschichte erzählt. Warum hören wir meistens nicht hin?
Ich kann an dieser Stelle nur mutmaßen. In meinem Fall nimmt das Hinhören zu, je umfangreicher mein historisches Wissen wird. Es muss eine Grundlage geben, die einen winzigen Hinweis, ein Detail, überhaupt als historisch relevant erkennbar macht. Gleichwohl ist die Kraft der Verdrängung in der Tätergeneration offenbar immens gewesen. In Anbetracht der Schrecklichkeit der Verbrechen im letzten Jahrhundert kann ich das sogar nachvollziehen. Immerhin, und darin liegt für mich auch ein gewisser Trost, ahnt der Mensch, welcher seine Taten verdrängt, im Grunde offenbar doch, dass es Unrecht war. Für mich ist es wichtig, auf diese tiefste Schicht in den Menschen doch weiterhin zu setzen.
Während des zweiten Weltkriegs funktionierte die deutsche Kriegsmaschinerie nur deshalb so lange reibungslos und effektiv, weil Millionen von Menschen gezwungen wurden, für ein menschenverachtendes Regime bis zur tödlichen Erschöpfung zu schuften. Etwas, was auch heute geschieht. Nelka hat überlebt und mit ihr die Kraft, an jenen Ort zurückzukehren, der ihr so viel genommen hat. Warum liegt ihr nichts an Rache?
Mein Gedanke war, dass sich Nelka mit einer wie auch immer gearteten Rache letztlich auf das Niveau ihres Unterdrückers begeben, und diesem «Drang nach Härte“*, der den Faschismus geprägt hat, Raum gegeben hätte. Sie will jedoch etwas anderes. Sie will Erinnerung, will die Hoheit über ihre eigene Geschichte zurück, und der Täter soll, indem er sich ebenfalls erinnert, diese Geschichte bezeugen. Es geht dabei um nichts weniger als um die Würde eines Lebens. In diesem Licht wäre Rache – Nelka weiß selbst in einem Moment des Romans, dass ihr Gegenüber diese Rache sogar erwartet – hinderlich.
Ist es nicht, wenn es denn überhaupt eine Aufgabe der Literatur gibt, Motivation vieler Schreibender, uns zur Erinnerung zu zwingen? Und ist es nicht fatalerweise so, dass genau jene unerreichbar bleiben, die Erinnerung dringend bräuchten? Wo bleibt das historische Bewusstsein jener, die unter wehenden Fahnen schreien?
Ich möchte niemanden zwingen. Ich wünsche mir eher, mit diesem Roman Menschen an einer Stelle zu erreichen, wo sie sich mit diesem jungen Menschen, Nelka, identifizieren oder jedenfalls gefühlsmäßig verbinden. Und im Grunde sogar auch mit dem Täter, Marten. Denn am Ende muss er einsehen, dass er sein kostbares Leben vielleicht vertan hat. Eine furchtbare Einsicht. Und das bedeutet auch, die rechten Schreienden dieser Tage schaden in erster Linie sich selbst… Ich bin aber der Ansicht, dass man ihnen, wo man aufeinandertrifft, immer weiter mit der Wahrheit über die Geschichte und die Fragen der Gegenwart entgegentreten muss. Denn ein Zug rechtsradikalen Denkens liegt im Hang zur Lüge. Die darf so nicht stehen bleiben.
Viele Szenarien in ihrem Buch erinnern mich an filmische Einstellungen. Emotionen in Cinemascope. Eine Kameraführung ganz nah an den ProtagonistInnen. Und doch in keiner Weise voyeuristisch. Vieles in ihrem Roman hat mit dem Gegensatzpaar Nähe/Distanz zu tun. Wie schafft es eine Person wie Nelka trotz allem ihre Mitte nicht zu verlieren?
Nelka ist als Figur ein Körper, der von den Strömen der kapitalistischen und libidinösen Ökonomie durchzogen ist, was beides Elemente des Faschismus waren und sind. In der Welt der damaligen Deutschen ist sie ein Objekt, ein „ Arbeitswesen“, ein Besitz. Sie wird zweifach begehrt, ökonomisch und sinnlich. Sie selbst kommt aber aus einer gänzlich anderen Welt, buchstäblich aus einem Garten, der, wenn man es genau liest, dem „Paradies» sehr nahe kommt. Ihre Mutter heißt Jeva… Was meine ich damit? Nelka bezieht ihre Resilienz aus dieser Herkunft, aus ihrer Erziehung, die von Liebe und Sanftmut geprägt war. Sie bezieht sie gleichsam aus der „Mitte“, aus dem Herzen. Nur so kann sie in extremen Momenten die Balance halten. Selbstverständlich ist mir bewusst, dass viele der damals Verschleppten und Ausgebeuteten eine solche Herkunft gar nicht hatten. Ich dichte sie dieser Figur an, denn mir schien, ich habe die Verantwortung, das Maß an Leid, das ich ihr in dieser Geschichte ja zumuten muss, irgendwo auszugleichen und auch den Lesenden einen Ausweg anzubieten.
Erinnern ist ein Akt, der in ganz verschiedenen Tonlagen und Farbspektren geschehen kann. Sie beschreiben das an vielen Stellen. Nelka erinnert sich ein ganzes Leben an Yasha, die Projektion einer ersten grossen Liebe. Nelka erinnert sich auch jahrzehntelang an Marten, den Verwalter. Und an Margaryta und Schura, zwei Gefährtinnen, die mit ihr verschleppt wurden. Wie trifft man die richtigen Farben, den richtigen Ton? Muss man sich in die Tonart langsam hineinschreiben?
Tatsächlich lerne ich im Schreiben die Figuren ja selbst erst kennen. Ich denke sie mir nicht im Vorhinein aus, sie steigen eher langsam aus dem Material herauf, das ich angesammelt habe und das sich auch schon ein wenig in mir abgelagert hat. Und dann komme ich mit ihnen ins Gespräch, tatsächlich rede ich mit ihnen, oder lasse sie in meinem Kopf reden. Und ich gehe ihre Wege. Und irgendwann fange ich an, anderen Menschen z.B. von Nelka zu erzählen, als würde ich sie eben kennen. Dann weiß ich, sie ist da, sie hat Gestalt angenommen. Und jedes Mal begeistert mich dieser Moment, denn das ist unsere Sprache, das kann sie!
(*Eva von Redecker)
Svenja Leiber, 1975 in Hamburg geboren, wuchs in Norddeutschland auf und verbrachte als Kind einige Zeit in Saudi-Arabien. Sie studierte Philosophie, Literaturwissenschaft, Geschichte und Kunstgeschichte, debütierte 2005 mit dem Erzählungsband Büchsenlicht, 2010 folgte der Roman Schipino. Im Suhrkamp Verlag erschien 2014 Das letzte Land, 2018 Staub und 2021 Kazimira. Svenja Leiber lebt und arbeitet in Berlin und Schleswig-Holstein.
1949 auf Island. Elsa ist eine von knapp 300 Frauen, die die Trümmer ihrer Heimat Deutschland verliessen und sich auf der Insel eine Zukunft erhofften. Eine Zukunft auf den kargen Höfen der windgepeitschten Insel, einem Leben in vielfacher Fremde. Katrin Zipse schrieb mit „Moosland“ einen atmosphärisch dichten Roman darüber, dass Heimat nur in sich selbst zu finden ist.
Elsas Zukunftslosigkeit in den Jahren nach dem Krieg muss derart gross gewesen sein, dass sie einem Aufruf der isländischen Bauernpartei folgte. Sie liess sich verschiffen, um auf der Insel, auf der viele junge Frauen den amerikanischen Truppen mit dem Abzug in die Staaten gefolgt waren, einen Platz zurück im Leben zu finden. Auf dem Land herrschte akuter Mangel an heiratswilligen Frauen und das harte Leben auf den abgelegenen Höfen funktionierte in ihrer Tradition nicht ohne viele helfende Hände. In den Kriegsjahren waren auf der Insel 30000 GIs stationiert. Die Insel erfuhr mit der von den Amerikanern aufgebauten Infrastruktur in wenigen Jahren den Übergang von einer ganz rudimentären landwirtschaftlich orientierter Kultur in die Anfänge grosser Investitionen, gedeihender Fischindustrie und soldatischer «Dienstleistungen».
Was Elsa in ihrer Heimat zurückliess, waren Trümmer und Hoffnungslosigkeit. Was sie auf die Insel mitnahm, trug sie am Leib und einem Beutel mit sich und tief in ihrem Herzen das Trauma eines Krieges, das mit der Kapitulation Nazideutschlands im Mai 1945 noch lange nicht sein Ende gefunden hatte. Zusammen mit vielen anderen Frauen verteilte man sie bis in die entlegensten Winkel der rauen Insel. Auf den Höfen, zu denen nicht einmal Strassen führten, liessen sich die Frauen ohne Sprachkenntnisse und meist auch oft ohne Erfahrungen in der Landwirtschaft auf ein «Experiment» ein, bei dem es letztlich um alles oder nichts ging; Wer die Kraft hatte, sich auf Umstände einzulassen, die unverrückbar einen Neubeginn zum alles abgewinnenden Kraftakt machte, hatte die Chance auf einen Neubeginn, einen Restart. Auch wenn die Bauernfamilie dort die Anwesenheit der deutschen Arbeitskraft, die in den ersten Monaten kein Wort spricht, zur Geduldsprobe wird.
Katrin Zispe «Moosland», Dumont, 2026, 224 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-7558-1183-1
Elsa wächst nur langsam in die Familie hinein. In die Arbeiten, die man ihr gibt, schickt sie sich, auch wenn Bauer und Bäuerin nur schwer nachvollziehen können, warum das Leben bei ihnen so schwer sein sollte. Auch die beiden Brüder und der Knecht bleiben auf Distanz. Trotzdem spürt Elsa, dass auch diese Familie an ihrem Schicksal, ihrer Geschichte zu beissen hat. Elsa findet zufällig das Foto einer jungen Frau. Es muss eine Tochter gegeben haben, deren Name in der Familie niemals fällt. Gerda, ihre Freundin, die mit ihr auf dem Schiff nach Island war, lebt zwar auf der gleichen Insel, aber unerreichbar weit weg. Mit der Zeit treffen Briefe von Gerda ein, Lebenszeichen einer Nähe, die Elsa verloren glaubt.
Die Stille ist so gross, dass sie sie hören kann. Ein Rauschen, das nicht vom Meer kommt und nicht vom Wind. Das immer stärker anschwillt, bis es sie ganz umschliesst.
Zwei Welten treffen aufeinander, jede mit Hoffnungen. Dazwischen ein Raum ohne Sprache, ohne Gemeinsamkeiten, einer Stille, die oft nur Wind und Regen brechen, eine Landschaft fast ohne Kontur, ein nicht enden wollenden Winter. Und einer Welt, die in der Weite zu einer Winzigkeit zu schrumpfen droht. Da ist die Geschichte einer Verlorenen, die Geschichte von Traumata, über denen das Schweigen steht, Existenzen, die ums Überleben kämpfen, denen dieser Kampf zur Selbstverständlichkeit werden muss. Erzählt in einer Sprache, die zur Landschaft wird, die genau dem entspricht, was Imagination zum sinnlichen Erleben werden lässt. Es ist erstaunlich, wie sehr Katrin Zipse in ihr Personal, diesen Kampf, die Innenwelten, die Landschaft und die Traditionen der isländischen Bauern eintauchen kann. Es ist, als ob sich während des Lesens Kälte und Wind über meine Haut legen würden. Ein beeindruckendes Leseerlebnis!
Interview
Was interessiert eine deutsche Autorin an der Geschichte einer solchen Frau, dem Schicksal einer Vertriebenen, dem Leben in krasser Einfachheit gemessen am Leben in Island heute? Die Intensität ihres Romans lässt vermuten, dass sich dieser Stoff förmlich aufgedrängt haben musste? Wo lag die Initialzündung?
Die Initialzündung geht bis 2015 zurück, als in Deutschland sehr viele Geflüchtete aus Syrien ankamen. Ich habe damals ehrenamtlich in verschiedenen Aufnahmeeinrichtungen Sprachkurse gegeben bzw. bei den Hausaufgaben geholfen. Wir hatten die Empfehlung, die Geflüchteten nicht auf ihre Erfahrungen zuhause und während der Flucht anzusprechen, um sie nicht zu retraumatisieren. Ich war unsicher, wie ich Kapitel im Lehrbuch, die sich mit Familie befassten, durchnehmen sollte, ohne womöglich an akute Verluste zu rühren. Ich wusste ja nicht, was sie durchgemacht hatten, ob sie zum Beispiel Familienmitglieder betrauerten. Und ich fand es schwierig, einzuschätzen, was ich beim Lernen erwarten konnte. Wie kann jemand mit freiem Kopf lernen, Neues in sich aufnehmen, wenn er damit beschäftigt ist, Vergangenes zu bearbeiten oder auch zu verdrängen? Es kam mir manchmal so herzlos vor, diese Erwartung an geflüchtete Menschen, sich zu integrieren, aktiv an einem Ankommen hier zu arbeiten, wenn sie so schwere Erfahrungen hinter sich hatten, für deren Bewältigung sie Zeit und ein gutes Umfeld gebraucht hätten.
Zeitgleich habe ich damals über Themen recherchiert, mit denen ich mich zusammen mit einer befreundeten Kollegin für ein Island-Stipendium bewerben konnte. Eher zufällig bin ich auf die deutschen Landarbeiterinnen gestoßen und dadurch entstand die Idee, zu versuchen, die Schwierigkeiten, die sich durch Migration und Integration, Aufbruch und Ankunft in der Fremde ergeben, aus umgekehrter Perspektive zu erzählen: von Deutschen, die sich in einem fremden Land zurechtfinden müssen.
Wir wollten ein Hörspielprojekt zu diesem Thema realisieren, weil es eine starke akustische Ebene hat. Wir haben ein Exposé geschrieben und tatsächlich ein Stipendium des Künstlerhauses Lukas in Ahrenshoop für Island bekommen. Doch als wir es antreten sollten, war meine Freundin zu krank geworden, um zu reisen und das Projekt weiterzuverfolgen. Ich bin dann allein nach Skagaströnd gefahren, aber unser gemeinsames Projekt wollte ich nicht ohne sie umsetzen, das wäre mir falsch vorgekommen. Deshalb habe ich mich entschieden, das Thema in einem Roman zu verarbeiten.
Sie haben sich dermassen nah an das Leben der isländischen Bauern nach dem 2. Weltkrieg geschrieben, dass man kaum glauben kann, dass es reine Imagination sein kann, blosses Hineinfühlen. Da ist so viel Bildhaftes, es riecht und duftet, so viel herausmodelliertes Detail. War das bloss Recherche oder noch viel mehr?
Es war sehr viel Recherche. Durch mein Stipendium war ich am Anfang meines Schreibprozesses einen ganzen Monat in Island, danach war ich noch mehrere Male dort, immer zu unterschiedlichen Jahreszeiten und immer in derselben Region. Die wichtigsten Eindrücke habe ich auf meinen langen Wanderungen gewonnen, und ich habe sehr viel von einer deutschen Schafbäuerin gelernt, die vor Jahrzehnten nach Island ausgewandert ist und sich ein enormes Wissen über das bäuerliche isländische Leben im letzten und vorletzten Jahrhundert angeeignet hat. Sie gibt dazu Bücher in ihrem eigenen Verlag, Alpha Umi, heraus. Darüber habe ich sie kennengelernt. Und ich hatte das große Glück, dass ich ihr während der Lammzeit helfen durfte. Das war eine unvergessliche Erfahrung, als ich zehn Tage mit ihr auf ihrem abgelegenen kleinen Hof in den Bergen gelebt habe und so eng mit den Schafen zu tun hatte. Sie fehlen mir seitdem richtig.
Außerdem gibt es tolle Freilichtmuseen in Island, die das Landleben optisch und zum Teil auch olfaktorisch nachvollziehbar machen. Die Torfhäuser haben immer noch einen ganz eigenen Geruch, genauso wie der Stockfisch, der dort ausgestellt ist. Und Island ist in Sachen Digitalisierung sehr weit. Ich konnte die Zeitschriften von 1949 online aufrufen und lesen, hatte Zugriff auf ein enormes Fotoarchiv und konnte sogar die Wetterbedingungen von jedem Tag des Jahres 1949 recherchieren.
Schon im Weggehen, auch wenn der Einsatz scheinbar befristet war, gab es kein Zurück. Wohin hätten sie gehen sollen? Zurück in ein zerbombtes Deutschland? Ein Leben ohne Zukunft mit der Last einer nicht zu tilgenden Vergangenheit? Heute gibt es diese Unausweichlichkeit fast nicht mehr. Aber sehr wohl die Faszination für einen radikalen Entschluss, das volle Risiko, den freien Fall. Sie beschreiben ein radikales Leben. Sowohl jenes der isländischen Bauern wie jenes der Frauen, die hofften, dort eine Chance auf Zukunft zu bekommen. Lieben sie das Unausweichliche? Ist das Schreiben das auch?
Als Autorin interessiere ich mich auf jeden Fall für radikale Lebensentwürfe, weil in ihnen so viel Dynamik steckt. Aber meine Protagonistin Elsa fasst keinen Plan für eine radikale Lebensveränderung. Sie wird da einfach hineingezogen. Mit Sola wäre sie in die USA ausgewandert, weil Sola das wollte. Mit Gerda geht sie nach Island, weil Gerda sie dafür anmeldet. Was an Elsa radikal ist, ist ihre Verlorenheit. Sie flieht vor den Verlusten, die sie erlitten hat. Sie kommt nicht damit zurecht, aber das Leben geht ja trotzdem weiter und muss irgendwie gelebt werden. Das ist ihre Ausgangssituation im Roman. Island als Fluchtpunkt fand ich für Elsa auch deshalb interessant, weil es von da aus erstmal nicht weitergehen kann. Ohne Schiff oder Flugzeug sitzt man auf der Insel fest. Und das ist für Elsa, die immer in Bewegung sein muss, um nicht von ihren Erinnerungen eingeholt zu werden, fast nicht auszuhalten.
Ich habe vor langer Zeit die Bücher von Halldor Laxness gelesen. Nach „Moosland“ werde ich wieder darin lesen. Liegt in der Faszination dieser Bilder nicht auch die Faszination der Einfachheit in einer immer komplexeren, komplizierteren Welt? Dass man sich jenes Leben mit all den Entbehrungen gar nicht mehr vorstellen kann?
Die Bücher von Halldor Laxness haben mir für meinen Roman sehr geholfen, auch die Romane von Jón Kalman Stefánsson – und die „Nonni“-Bücher von Jón Svensson, die ich schon als Kind verschlungen habe. Sie beschreiben ja alle auf sehr bildliche Art dieses aufs Wesentliche konzentrierte Leben.
Und ja, die Einfachheit in dieser ganz auf die Rhythmen der Natur und der Tiere ausgerichteten Welt hat auf jeden Fall etwas Faszinierendes in ihrer existenziellen Eindeutigkeit und Klarheit. Die Landschaft spiegelt das für mich auch, die baumlose Weite, die kahlen Bergketten, die leeren Strände. Das Detail fällt plötzlich ins Auge.
Ich würde aber sagen, in meinem Roman gibt es genau hier einen Bruch zwischen den Generationen. Die Elterngeneration lebt konsequent und klaglos mit dieser Einfachheit. Aber die Jüngeren sehen eine andere Perspektive für sich. Das verunsichert sie.
Wie irrig zu glauben, der letzte Weltkrieg sei im Mai 1945 zu Ende gewesen. Es gab Millionen, für die der Krieg nie vorbei war, die ein Leben lang leiden mussten, die das Leiden an ihre Kinder weitergaben. So wie der Krieg in Syrien noch lange nicht ausgestanden ist und es Generationen dauern wird, bis der russische Vernichtungskrieg gegen die Ukraine beendet sein wird, wenn in nicht allzu ferner Zukunft ein Waffenstillstand beschlossen wird. Was Elsa alles aus dem Krieg mitschleppt, kristallisiert sich nur wage aus dem Beschriebenen. Wie weit mussten sie als Schöpferin dieser Geschichte Einzelheiten wissen, die mir verborgen bleiben?
Als Schöpferin der Geschichte weiß ich so gut wie alles über Elsa. Ich habe ein genaues Bild von ihrem Leben vor dem Krieg, während des Kriegs, in den ersten Nachkriegsjahren und vor allem auch von ihrer Zeit mit Sola, als sie zusammen durch Deutschland gewandert sind. Das brauche ich, um sie als komplexen Charakter zu spüren und zu wissen, wie sie in welcher Situation reagiert.
Aber wichtig für diesen Roman ist nur, was Elsa bereit ist zu offenbaren, bzw. was sie immer wieder als Bild oder Erinnerung überfällt. Die Geschichte dahinter kann der Leser oder die Leserin nur vermuten, so wie wir bei Menschen, die geflüchtet sind, oft auch nur vermuten können, was sie erlebt haben. Und jeder und jede ersetzt die Leerstellen durch eigene Bilder.
Das korrespondiert auch mit der Erfahrung meiner Generation: Wir sind mit Eltern aufgewachsen, die einen Großteil ihrer Kindheitserfahrungen im Krieg für sich behalten haben, und wenn sie erzählt haben, dann oft nur in stereotypen Narrativen. Weil es eben nur so schwer möglich ist, über schreckliche Erlebnisse zu berichten, die man tief in sich vergraben hat. Und dieses Verdrängte belastet natürlich auch die folgenden Generationen, die versuchen, die Lücken zu füllen.
Elsa wird in eine Familie hineingeworfen. Um zu verstehen, was dort wirklich geschieht, fehlt ihr die Sprache, zumindest am Anfang. Eine Art Aphasie. Leben wir nicht in einer Zeit gesellschaftlicher Aphasie?
Ich glaube, unser Problem ist weniger, dass wir nicht mehr reden, sondern dass wir verletzend und polemisch mit Sprache umgehen. Und dass in unserer Gesellschaft, die Bereitschaft und das Vermögen einander zuzuhören, immer weiter zurückgehen.
Katrin Zipse wurde in Stuttgart geboren und lebt als Autorin und Hörfunkredakteurin in Baden-Baden. Sie studierte Theaterwissenschaft und Deutsche Philologie an der FU Berlin und arbeitete mehrere Jahre am Theater. Im April 2019 war sie Stipendiatin des Künstlerhaus Ahrenshoop in der NES Artist Residency in Skagaströnd. Im Herbst 2019 hat ihr der Förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg ein Stipendium für «Moosland» zuerkannt.