Julia Sutter «Und das wäre erst der Anfang», FVA

Krystina taumelt. Krystina ist 27. Es braucht nicht mehr viel, die Masterarbeit, die eine oder andere Entscheidung, und dann … Aber seit dem Tod ihrer Mutter ist nichts mehr so, wie es einmal war. Mit der Krankheit, dem Sterben und dem Tod bricht alles weg, auch der Boden, auf dem Krystina ihr junges Leben eingerichtet hatte.

Die St.Gallerin Julia Sutter (1987) befasst sich in ihrem Debütroman «Und das wäre erst der Anfang» mit der Orientierungslosigkeit nach dem frühen Tod eines Elternteils. Wenn jenes Gefüge, in dem man sich in Sicherheit wähnte, zu wanken beginnt. Wenn, wie bei Krystina, der Sturm so sehr wütet, dass er alles mitzureissen droht, woran man sich im Leben orientiert.

Krystinas Mutter stirbt an Krebs. Krystina ist die Jüngste. Ihre drei Schwestern verarbeiten Krankheit, Sterben und Tod der Mutter ganz unterschiedlich. Während Lisa genug zu tun hat mit ihrer eigenen Familie, ihrer Mutterschaft, Agnes auf Distanz geht und Zischge in ihren Forschungsprojekten Halt sucht, wankt Krystina – obwohl sie in Job und Beziehung alles hat, was ihr Sicherheit geben könnte: Arbeit bei einem Forschungsprojekt, das sich um den Zustand der heimischen Fichtenwälder bemüht und Maurin, ihren Freund, der in der Drogerie, in der er arbeitet, aufsteigen soll.

Julia Sutter «Und das wäre erst der Angang», Frankfurter Verlagsanstalt, 2026, 384 Seiten, CHF ca. 37.90, ISBN 978-3-627-00346-3

Aber Krystina schlingert. Und nicht einmal ihre Nächsten können sie aus diesem Taumeln befreien. Im Gegenteil: DasVerhalten ihres Vaters, der nach dem Tod der Mutter rasch mit der Entsorgung beginnt und nicht nur den Garten, das Reich ihrer Mutter sträflich vernachlässigt, sondern den Umzug in eine Wohnung plant, macht alles schlimmer. Im Gegenteil: Das Bemühen ihres Freundes, der alles versucht und alles in den falschen Hals manövriert, dessen Nähe Krystina immer weniger erträgt, verschärft die Lage nur noch weiter. Auch bei der Arbeit schwankt das Schiff. Ihre Arbeitspartnerin, zu der sich die Protagonistin hingezogen fühlt, scheint in eine Art Extremismus wegzukippen und wird irgendwann von ihren Vorgesetzten wegen Unregelmässigkeiten freigestellt.

Krystina sucht nach dem, was sie mit dem Tod ihrer Mutter verloren hat. Irgendwann sogar im ehemaligen Garten, von dem damals die Familie weggezogen war, wo Krystina und ihre Schwestern ihre Kindheit verbrachten, jenen Teil ihres Lebens, in dem sie sich aufgehoben fühlte, auch wenn damals schon Risse auftauchten. Risse, die sie nicht sehen wollte.

Mit der Familie ist es dasselbe wie mit den Bienen und Wespen. Auch wenn man ihnen die vielen schmerzhaften Stiche nicht verzeiht, formt man dennoch ohne Zögern die Hände zu Schöpfern, sobald man eins der Tierchen im dunklen Brunnenwasser zappeln sieht.

Das Debüt «Und das wäre erst der Anfang» von Julia Sutter erzählt mit Rückblenden in die Kindheit vom drohenden Zerfall einer Familie. Es sind die Mütter, die die Familie zusammenhalten, die auszugleichen wissen, die seismographisch erspüren, wenn Erschütterungen das Fundament erzittern lassen. 

Und gleichzeitig schreibt Julia Sutter vom Schmerz all jener Versäumnisse, für die sich ihre Protagonistin verantwortlich macht, von all dem Konjunktiv, den ihre Mutter vielleicht vor dem viel zu frühen Sterben bewahrt hätte. Nichts und niemand kann sie trösten. Der Roman schildert den unwillkürlichen Sog der Selbstzerfleischung, des Sich Verlierens, der Orientierungslosigkeit. Wie sehr eine junge Frau im Blick auf ihre Mitwelt den Blick auf sich selbst verliert. 

Dabei psychologisiert Julia Sutter nur unterschwellig. Sie erzählt in maximaler Nähe zu ihrer Protagonistin, was während der Lektüre eine beinahe klaustrophobische Enge erzeugt. Die Thematik, die Art des Erzählens – Sutters Schilderungen haben alles, was mir den Atem nehmen könnte. Aber die Autorin tut in ihrer Sprache genau das Gegenteil dessen, was der Gang der Geschichte tut. Sie öffnet eine Welt, eine immer ausweglosere Situation, die wie ein schwarzes Loch alles in sich hineinsaugt. Dieser Sog der Zerfleischung reisst beim Lesen auch an mir, ohne dass es mich in die Tiefe zieht.

«Und das wäre erst der Anfang» ist von überraschender Reife. Überraschend, weil es weit weg von autobiographischer Bewältigung angesiedelt ist. Ich staune über den langen Atem der Autorin, über die Prägnanz ihrer Sprache. Darüber, wie sie es immer wieder versteht, die mäandernde Handlung auf den Punkt zu bringen. 

Sutter ist ein Roman gelungen, der ein Spiegelkabinett unserer Gesellschaft ist – einer taumelnden Gesellschaft, einer Welt, der die Endlichkeit droht. Voller dezenter Metaphern wie der Garten der Mutter, um den sich niemand kümmert, und der Garten der Mutter Erde, dem es genauso ergeht.

Julia Sutter, geboren 1987, lebt mit ihrer Familie in St. Gallen. Sie absolvierte den Bachelor in Literarischem Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. Zur Förderung ihrer literarischen Projekte und für die Arbeit an »Und das wäre erst der Anfang« erhielt sie Atelierstipendien sowie Werkbeiträge von Stadt und Kanton St. Gallen. Neben dem Schreiben arbeitet sie in der Abteilung Kommunikation der reformierten Kantonalkirche.

Beitragsbild © Hanes Sturzenegger

Jürg Beeler «Josef Lautenbachers Reise nach Flätz», Knapp

Es passiert zuweilen, das ich mich bei der Lektüre über die Massen beglückt fühle. Dann, wenn das Gelesene mich in seiner Gänze berührt; die Geschichte, das Personal, der Ton, der Witz, das Unausgesprochene, der Sound … bis zu einzelnen Sätzen, wie Pflöcke eingeschlagen. Jürg Beelers neuer Roman beisst sich in die Gegenwart und hinterlässt Spuren.

Josef Lautenbacher ist seit wenigen Tagen in Rente, nachdem er über viele Jahrzehnte eine Buchhandlung in Nimmerach, einer kleinen Stadt am Jura Südfuss, geführt hatte. Eine Buchhandlung, die wie Bäckerei und Metzgerei zum Stadtbild gehörten und Lebensnotwendiges an ihre Kundschaft brachten. Nun ist der Buchladen an zwei junge Frauen übergeben. Für Lautenbacher keine leichte Sache, denn seine Nachfolgerinnen liessen keinen Stein auf dem anderen; gerafftes Sortiment, dafür Kaffee und Kuchen. Für Lautenbacher, einen Mann der alten Schule, ein Unding.

Mit Luise, seiner fünf Jahre älteren Frau, wird es mit der Pensionierung in der Dreizimmerwohnung ebenso nicht einfacher. Auch wenn Luise schon vor einem Jahrzehnt beschloss, allein in einem Zimmer schlafen zu wollen – wie soll man sich in einer so kleinen Wohnung aus dem Weg gehen? Als er noch seine Buchhandlung hatte, war das sein Ort, die Stunde vor Öffnung seine Stunde und ein Schild an der Tür das eine oder andere Mal seine Rettung vor aufdringlicher Kundschaft. Seit seiner Pensionierung ist Lautenbachers einzige Rettung vor den Einmischungen seiner Frau sein Notizheft, in das er Ordnung zu bringen versucht, Ordnung in eine Welt, die auseinanderzubrechen droht, Ordnung in seine Seelenlandschaft, durch die immer wieder einmal ein Sturm an ihren Grundfesten rüttelt – und das Bahnhofsbuffet in der Stadt. Der einzige Ort, wo er Luise mit Sicherheit nicht begegnet.

Luise war Luise, sie war so sehr Luise, dass ihm manchmal die Haare zu Berge standen.

Jürg Beeler «Josef Lauterbachs Reise nach Flätz», Knapp, 2026, 178 Seiten, CHF ca. 27.00, ISBN 978-3-907334-46-1

Als dann auch noch ein Arztbesuch ansteht, den auch seine beiden erwachsenen Kinder fordern, nur weil die eine oder andere kurzzeitige Schwäche nicht mehr zu kaschieren war, beginnt sich die Schlinge für Josef zuzuziehen. Dabei will er doch einfach nur seine Ruhe; kein Geschnatter, kein Kaffee und Kuchen, keine Nötigungen, nicht den Lärm seiner Enkelkinder, nicht die Strenge seiner Kinder – und schon gar nicht die Bevormundung seiner Frau.

Er will weg. Zuerst aus der Enge seiner Wohnung, weg von dem, was man ihm aufzudrängen versucht, weg von der Kleinstadt mit tausend Augen. Am liebsten nach Paris. In die Stadt der Dichter, der Künstler. Irgendwann schafft er es schon einmal bis nach Zürich. Ein erster Schritt ist getan, in ein kleines Hotel, in das man ohne Kreditkarte einchecken kann, ein Zimmer erstmal für ein paar Tage.

Dass sich die Welt zu ihrem Nachteil verändert hatte, war auch ihm aufgefallen, längst hielt er nicht mehr die Bücher für den Kitt der Gesellschaft, sondern die allgemeine Dummheit.

So sehr Josef Lautenbacher aus der Zeit gefallen ist, so sehr ist Jürg Beelers Geschichte aus der Zeit gefallen. Aber was für ein Genuss. Genau darum, weil sich weder Lautenbacher noch Beeler um den Nerv der Zeit bemühen. Warum gibt es für Menschen ohne Rollkoffer nur noch mitleidige Blicke? Warum ist alles auf Gemütlichkeit getrimmt, obwohl sich kaum jemand mehr in der Zeit verlieren will? Warum lässt einem zuweilen das Gefühl nicht los, allem Unmöglichen genügen zu müssen, nur nicht sich selbst?

Josef Lautenbacher wäre nach seiner Pensionierung am liebsten einfach ein Müssiggänger mit einem guten Buch, nichts von dem neumodischen Zeug, das sich bloss mit dem eigenen Nabel beschäftigt, und seinem Notizbuch, das ihm immer wieder einmal wenigstens das Gefühl gibt, all die Verunsicherungen an den Rand zu drängen. Aber in einer Welt im Optimierungswahn, inszeniertem Genuss und rasender Veränderungen wird die Bewegungsfreiheit eines Sonderlings immer kleiner. Josef Lautenbacher ist ein aussterbender Archätypus. Ihm entflieht die Zeit – buchstäblich.

Wie ich Beelers Schreibe liebe! So ehrlich, so witzig, so entzückend, so frech, so unprätentiös, so anders!

Jürg Beeler (1957) ist in Zürich geboren und in Olten aufgewachsen. Er studierte Germanistik, Literaturkritik und Komparatistik. Er arbeitete als Mittelschullehrer und als Rezensent sowie als Reise- und Kulturjournalist. Der Autor hat schon viele Auszeichnungen erhalten, u. a. den Preis der Schweizerischen Schillerstiftung (2002) und 2024 die Literarische Auszeichnung der Stadt Zürich. Jürg Beeler lebt als freier Schriftsteller in Narbonne (F) und Zürich. Zuletzt erschienen von ihm bei Dörlemann die Romane «Die Zartheit der Stühle» (2020) und «Der blinde König und sein Narr» (2024).

Jürg Beeler «Möglicher Anfang eines Romans», Plattform Gegenzauber

Beitragsbild © Remo Fröhlicher

Ahojana 2 «Ein Meisterwerk» – Eine Postkarte aus Babat von Owida N. Woiax

«Zonz ji gawa dantanjie eni tuen kuluj», quengelt mir eine quietschend hohe Stimme in den Nacken. Ich drehe mich um und blicke in die vergnügten Augen eines stämmigen Herrn, dem eine goldgelb leuchtende Schiffchenmütze wie eine Krone auf dem Haar sitzt. «Waren Sie das?», frage ich. Er schütteln den Kopf, ein unschuldiger Bub, er lächelt, blinzelt, zupft sich den mächtigen Schnauz und zieht mit den Zähnen ein Bratenstück aus dem Sandwich in seiner Linken. «Bezai mi, hihi», kichert es nun. Ich schau dem König direkt ins Gesicht: «Machen Sie sich über mich lustig?»

«Nicht doch, Madame, keineswegs», versichert mir der Mann mit heiserem Bass, kaut schmatzend und deutet auf den ausgestopften Fuchs, der neben ihm auf einem Mäuerchen seine Reißzähnchen fletscht: «Ich glaube, das war er, Djoli Luær, Herr Fuchs.» 

«Und? Was hat er gesagt?»

«Oh, das wollen Sie nicht wissen. Lemusisch? Können Sie nicht?»

«Doch, schon, aber nicht sehr gut – ji dingælo lisi lemusie.»

«Dann habe ich etwas für Sie! Ufpoza!» Er bückt sich, hebt ein zerfleddertes Heft mit speckigem Deckblatt vom Boden auf, schüttelt es kurz und streckt es mir hin. «Pisedj, voilà: ein prachtvolles Vokabular, nicht die neueste Ausgabe, aber vielfach erprobt und geradezu umsonst. Zwei Chnou! Mæit xundj pa vos! Ein Spezialpreis für Sie!»

Viel Schönes habe ich bisher nicht entdeckt auf dem kleinen Flohmarkt im Zentrum von Babat. Dafür aber riecht es auf dem ganzen Platz herrlich nach würzigem Fleisch. Der Duft steigt von einem meterlangen, mit Streifen von Leber, Schwarte und Magen, mit Kräutern, Knoblauch und Zitronen gefüllten Schweinebraten auf, der sich an einem Spieß ganz langsam über einem Kohlefeuer dreht. Seine äußerste Schicht scheint aus goldenem Sirup zu bestehen, der mehr und mehr zu einer lackierten Kruste erstarrt. Eine junge Frau schneidet mit einem gekrümmten Messer Scheiben ab und packt sie zusammen mit roten Zwiebeln in kleine Brötchen. Vor ihrem Stand hat sich eine lange Schlange gebildet. Die Leute unterhalten sich vergnügt, es ist Sonntag, niemand hat es eilig. Der Flohmarkt gilt als das Wochenendvergnügen der Fleischhauerinnen und Kuttelsieder des großen Schlachthauses, das wie eine Burg über den Häusern von Babat thront. Es heißt, dieser Markt sei den Leuten hier, was Menschen andernorts die Kirche. Kuentlek, das lemusische Wort für «Schlachthaus», bedeutet auch «Opferstätte» oder «Heiligtum», wörtlich «Ort des Schlags». Die ganze Gegend heißt so.

Während ich ohne Begeisterung in dem Heft blättere, greift der Mann nach dem Hinterteil seines Fuchses. «Aua! Was bist du nur für ein Grobian!», maunzt das Tier altissimo, «Madame, haben Sie das gesehen? Bitte, seien sie barmherzig und befreien Sie mich aus meinem Elend. Tausend Chnou will der Wüstling für mich haben, aber bei achthundert wird er schwach. Das weiß ich bestimmt. Sie werden es nicht bereuen. Ich bin völlig stubenrein und gut erzogen. Tagsüber hocke ich still am Fenster und schaue auf die Straße hinab. Am Abend lese ich Ihnen Gedichte vor. Und nachts, wenn sie schlafen, tanze ich um ihr Bett und verscheuche die bösen Träume.»

Der König ist wirklich gut, sein Mund bleibt völlig unbewegt, nicht einmal sein Schnauz zittert, und er bringt sogar b, f, w und andere Lippenlaute fließend heraus. Sicher schuftet auch er unter der Woche im Schlachthaus. Ob wohl alle Fleischer von Babat Bauchredner sind? Üben sie bei der Arbeit? Unterhalten sie sich mit den Rindern und Kälbern, während sie die Körper auseinandersäbeln? Sprechen sie mit den Nieren, den Schinken, dem Speck und den Herzen?

«Wie nennt man denn einen Bauchredner auf Lemusisch», frage ich den Fuchs.

«Panoiokak, Madame, warum wollen Sie das wissen?» 

Ich schau auf den Mann, ich schau auf den Fuchs. Der König steht jetzt völlig starr, die Augen geradeaus, die Krone unbewegt. Nur das Brötchen tropft. Herr Luær wackelt leicht hin und her.

«Nun, ich denke, Sie können das wirklich gut», lache ich.

«Danke», fiept der Fuchs, «und schauen sie sich jetzt auch den Herrn mal ganz genau an: Haben wir ihn nicht prächtig ausgestopft? On kracha stizdi! Ein Meisterwerk!»

***

Ahojana – das kommt von lemusisch ahoja («Gruß») und heisst so viel wie «Grüßerei» oder «Tätigkeit des Grüßens»

Samuel Herzog «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden», Rezension auf literaturblatt.ch

Ahojana 1

Samuel Herzog, geboren 1966, führte einen unabhängigen Kunstraum mit Küche in Basel, gab verschiedene Mikrozeitschriften heraus, betreute einen Kleinstverlag, erforschte als Ausgrabungstechniker die Bronzezeit und war jahrelang als Begleiter von Liegewagen in Europa unterwegs. Er studierte Kunstgeschichte und war als Kunstkritiker und Redakteur für diverse Medien tätig. Heute bewegt er sich im Grenzbereich von Kunst, Literatur und Journalismus. Er schreibt über seine Reisen, beschäftigt sich mit kulinarischen Themen und widmet sich literarisch-künstlerischen Projekten wie der fiktiven Insel Lemusa, deren facettenreiche Kultur er seit 2001 in Museen, Publikationen und im Internet vorstellt.

Pascale Kramer «Die Nachsichtigen», Atlantis

Pascale Kramer ist eine Meisterin darin, das Psychogramm einer Familie in einer Intensität zu Literatur zu machen, die bei der Lektüre körperlich werden kann. In ihrem neuen Roman „Die Nachsichtigen“ schont sie mich mit nichts. Kein Unterhaltungsroman, aber ein sprachstarker Einblick in die Abgründe einer auseinanderbrechenden Familie.

Manchmal gibt es Bücher, die einen Beipackzettel benötigen. Es ist eine Weile her, als ich einem Bekannten einen Roman von Pascale Kramer schenkte mit der Bemerkung, die Autorin sei eine der ganz Grossen, auch wenn man ihr im deutschen Sprachraum nicht die ihr gebürende Ausmerksamkeit schenkt. Ein paar Wochen später gab er mir das Buch, das ich ihm geschenkt hatte, wieder zurück mit der Bemerkung, er hätte es nicht zu Ende lesen können: „Probleme auf Probleme. Ich lese, um mich zu unterhalten.“ In keinem ihrer bisherigen Romane trifft das mehr zu als auf den neusten. Clémence Mutter stirbt ganz langsam an einer unheilbaren Krankheit. Schon während ihrer Pubertät entgleitet die Tochter der kranken Mutter und dem überforderten Vater. Schon allein das könnte Stoff sein für einen Roman. Aber Clémence verliebt sich in schwärmerischer Art ausgerechnet in ihren Onkel Vincent, einen Kunsthändler, der in seinem Auftreten so ganz anders erscheint, als all die Männer sonst. Aber es bleibt nicht beim Verliebtsein. Vincent versteht sich als Frauenheld, und was mit Komplimenten begann, wird zum Verhältnis, einem Verhältnis, das in der Familie nicht unbemerkt bleibt. Ein Verhältnis, dass die Familie zerreisst, schmerzhaft für alle, wenn auch nicht gleichzeitig. Für Vincent ist Clémence eine Eroberung mehr, Clémence fühlt sich ein erstes Mal ganz und gar gesehen und begehrt. Obwohl Vincent mit Anne-Lise verheiratet ist, einer Frau, die nicht nur eine Fehlgeburt zu verkraften hat und die Seitenspünge ihres Mannes nicht an sich herankommen lässt.

Pascale Kramer «Die Nachsichtigen» (Les indulgences), aus dem Französischen von Andrea Spingler, 224 Seiten, CHF ca. 25.00, ISBN 978-3-7152-7569-7

Pascale Kramer beschreibt das Familiengefüge über vier Jahrzehnte, in Kapiteln chronologisch, aber in Rückschauen und Reflexionen, die genau das ausmachen, was Familie ist; ein dichtes Geflecht von Fäden, die sich verlieren, und die mit einem Mal wieder auftauchen, die nie verschwunden sind. Pascale Kramer erzählt davon, wie lange ein Schmerz nachwirken kann, auch wenn Verursacher sich dessen nie wirklich bewusst werden, wie filigran ein Familiegeflecht ist, wie dünn dieses Netz aus Fäden werden kann und man ungewollt riesige Löcher reissen kann.

Man liest dieses Buch nicht, weil einem die Geschichte in Bann zieht, im Gegenteil; Weder Clémence in ihrem ungebremsten Gebaren, noch Vincent in seiner Selbstverliebtheit, weder Clémences Mutter im Käfig ihrer Krankheit, noch ihr Vater, der sich den Situationen nicht zu stellen traut, schon gar nicht Clémences Grossmutter Nancy, die nichts an ihren Sohn Vincent kommen lässt und schon gar nicht die Blindheit und das stille Erdulden von Vincents Frau – niemand lädt zur Identifikation ein. Pascale Kramer scheint sich förmlich zu suhlen im Sumpf einer Familie. Was dieses Buch zum Genuss macht, ist die Fähigkeit der Autorin, das stille Grauen zu wunderschönen Sätzen zu formen. Was ihr Spass zu machen scheint, entlädt sich in mir zu einem Wechselbad der Gefühle. Verstehen sich jene wirklich, die sich am nächsten stehen sollten? Warum ist Schmerz so unmittelbar mit Liebe verflochten? Warum spüren Menschen nicht, was sie mit ihrem Tun anrichten?

Als der Roman einsetzt und es zu ersten Annäherungen zwischen Onkel und Nichte kommt, sprach noch kaum jemand in der Öffentlichkeit von Missbrauch in Familien, von Übergriffigkeit und der Nachsichtigkeit der Gesellschaft. Heute kitten wir die Risse, Risse, die zu schwelenden Narben geworden sind. Pascale Kramer offenbart ein Stück Katastrophe, das sich über Jahrhunderte in eine Gesellschaft gefressen hat. Zugeben; harter Tobak. Aber wer sich traut, liest sich mit diesem Roman in ungewohnte Tiefen.

Pascale Kramer, 1961 in Genf geboren, ist eine vielfach ausgezeichnete Romanautorin. Aufgewachsen in Lausanne, ging sie 1987 nach Paris, wo sie heute lebt. Die Nachsichtigen, 2023 in Frankreich erschienen, ist ihr zehnter Roman und hat ein starkes Presseecho ausgelöst. Bekannt für subtile Familiengeschichten und sprachliche Präzision, konnte Pascale Kramer 2017 den Schweizer Grand Prix Literatur für ihr Gesamtwerk entgegennehmen. Sie engagiert sich u. a. im Verein Nouvelle Page zur Eingliederung von Migrant*innen.

Andreas Spingler übersetzt seit mehreren Jahrzehnten aus dem Französischen; sie hat, neben anderen, Marguerite Duras, Patrick Modiano, Alain Robbe-Grillet, Maylis de Kerangal und Marie-Hélène Lafon ins Deutsche gebracht und wurde vielfach ausgezeichnet. Sie lebt in Oldenburg und Südfrankreich.

mehr über die Bücher von Pascale Kramer

Beitragsbild: Jean-François Robert © Flammarion

Karin Hofmann «Leo Sola», Lokwort

Leonie ist zurück in der Schweiz. Wenn auch nicht so, wie sie es sich vorgestellt hätte. Zurückgeworfen in ein Spitalbett, ausgespuckt aus einer Geschichte, die sie nicht loslässt, denn an ihrem Bett sitzt ein Polizeibeamter. Eine turbulente Geschichte um eine Frau, die sich als Kriegsberichterstatterin vom Leiden nicht besiegen lassen will, aber in der Liebe kapitulieren muss.

2003. Leonie „Leo“ Lusser bricht in der vom Sommer aufgeheizten Berner Innenstadt zusammen, eben zurück von der Beerdigung von Hugo Karpf. Ein geplatzter Eileiter, innere Blutungen im Bauchraum, Kreislaufzusammenbruch und Atemstillstand. Sie überlebt nur, weil ein bärtiger Mann und ein Barmann gedankenschnell reagieren und sie es rechtzeitig ins Spital schafft. Sie, die als Auslandkorrespondentin mitten im Irakkrieg, vom angeblichen Präventivkrieg gegen eine mit Massenvernichtungswaffen aufgeblähte Diktatur berichtete, wird nicht nur von einem Blutbad in ihrem Inneren niedergestreckt, sondern von der fanatischen Liebe eines Mannes, der seinen Wahn mit dem Leben bezahlen musste. Sie, die aus der Enge einer krankhaften Liebesbeziehung in ein Kriegsgebiet entfloh, liegt in einem Spitalbett – und er, Hugo Karpf, Musiker, Ehemann und Familienvater, einst ihr Geliebter, irgendwann nur noch die blinde Klette, liegt tot auf einem Berner Friedhof. Sie von der Polizei bedrängt, weil man sie für den Tod von Hugo Karpf verantwortlich macht, Karpf, der Musiker, niedergestreckt mitten in den Wirren des Irakkriegs.

Karin Hofmann «Leo Sola», Lokwort, 2025, 336 Seiten, CHF ca. 34.00, ISBN 978-3-906806-53-2

Es hätte Leos Beginn von etwas Grossem werden sollen. Endlich Auslandkorrespondentin, endlich die Chance, mit dem, was man tut, etwas bewirken. Endlich in einem Team, das zusammenarbeiten muss, weit weg von den Positionskämpfen innerhalb einer Redaktion. Aber auch endlich die Distanz zu einem Leben, das ihr mehr und mehr die Luft nahm. Als sie Hugo Karpf kennenlernte, war er genau der, den sie brauchte. Ein Mann ohne Besitzanspruch, ein Mann auf Distanz, ein Mann, der sie auf Musikerhänden trug, der ihr das Gefühl gab, geliebt und begehrt zu sein. Der sich aber mehr und mehr in Leos Leben einmischte, ihr mit der Zeit den Raum, die Luft nahm. Der sie mit seinen Versprechungen und Hinhaltungen, seinem Besitzanspruch und seinen sich mehrenden Gewaltausbrüchen verunsicherte und bedrängte. Ein Liebe, die für Leo zur Bedrohung wurde, das, was man heute toxisch bezeichnet. Eine Beziehung, die immer mehr auf den einen grossen Knall hintaumelte. Und jetzt lagen sie beide niedergestreckt in Bern. Er tot, sie im Spital von der Polizei bewacht und vernommen.

Der Kriminalbeamte Antonio Tondo setzt sich in Leos Wachphasen an ihrem Bett fest, fordert sie unmissverständlich auf, die Geschichte ihrer Beziehung zu Hugo Karpf zu erzählen. Und Leonie berichtet. Nicht nur, weil sie sich gezwungen fühlt, sondern weil sie Ordnung machen muss in ein Leben, das ihr entglitt. Da ist die Geschichte einer Frau, deren Träume von der Realität in einem brutalen Krieg pulverisiert wurden, die die Folgen von Unmenschlichkeit und Gewalt am eigenen Leib erfahren muss, die nicht nur die Liebe verlor, sondern gleich mehrfach gedeihendes Leben in ihrem Leib, der das Schicksal Glauben machen wollte, mit ihr sei Liebe nicht lebbar. Was sie anfangs nur widerwillig dem Beamten preisgibt, spannt in ihrer Erinnerung, die mit dem, was geschah, immer trüber zu werden drohte, immer klarere Fäden und erschliesst ihr das, was sie mit dem scheinbar absoluten Tiefpunkt in ihrem Leben, verloren zu haben schien.

Karin Hofmann, selbst lange Zeit für das IKRK in Krisengebieten tätig, weiss, wovon sie erzählt. Wie sie den zweiten Teil ihres Romans mitten im Irakkrieg inszeniert, mir vor Augen führt, was ich als Leser vergessen und verdrängt habe, ist beeindruckend und viel mehr als die Kulisse einer vom Wahn durchtränkten Beziehung, die letztlich in die Katastrophe laufen muss. Man kann der Autorin vorwerfen, zu viel hineingepackt zu haben, aber das schmälert nicht meine Faszination für eine Geschichte, die man so in der helvetischen Literaturszene nur ganz selten antrifft. Da traut sich eine Autorin, mit der grossen Kelle anzurühren! Ein Roman mitten in den Brennpunkten der Gegenwart!

Karin Hofmann lebt in Bern und ist seit vielen Jahren in Führungspositionen des Gesundheits- und Sozialbereichs tätig. Die Erfahrungen aus ihren langjährigen Einsätzen als Delegationsleiterin beim IKRK sind im Buch «In jeder Hölle ein Stück Himmel» geschildert. Ihr neuer Roman, dessen Zentrum in einem Berner Spital angesiedelt ist, profitiert in seiner Authentizität auch von Erlebnissen, die sie in Bagdad und in einem kurdischen Teil Iraks erlebt hat. Seit 2018 ist sie Geschäftsführerin des Vereins Wohnenbern.

Beitragsbild © privat

Schelmischer Witz in schrecklichen Zeiten – über Andrej Kurkow, «Samson und Nadjeschda» / «Samson und das gestohlene Herz» (29)

Es war schon immer ein Kampf von Russland gegen die ukrainische Identität, die ukrainische Kultur und die ukrainische Sprache.

Lieber Gallus

Du liest keine Krimis, ich weiss. Ich möchte dich aber ermuntern, Kurkows Geschichten um Samson und Nadjeschda, die in der Diogenes-Ausgabe als Krimi bezeichnet werden (was sie meines Erachtens nicht sind), zu lesen. Zudem ist Andrej Kurkow einer der wichtigen Autoren der Ukraine.

Ich denke, das ist meine Aufgabe im Moment: Mehr Informationen über die Ukraine zu verbreiten, viel zuzuhören, zu lesen und zu erklären, was passiert, was die Gründe für den Krieg waren. Und auch, die ganze Geschichte der russisch-ukrainischen Beziehungen der letzten Jahre zu beleuchten. Es war schon immer ein Kampf von Russland gegen die ukrainische Identität, die ukrainische Kultur und die ukrainische Sprache. Ich bin schon immer geschichtsinteressiert gewesen und habe schon einmal eine Geschichte geschrieben, die 1918 beginnt, die Trilogie «Geografie eines einzelnen Schusses». So der Autor in einem Interview mit der Büchergilde. Die ersten zwei Bücher einer Reihe sind als schön gestaltete Ausgaben bei der Büchergilde erschienen. Roman und nicht Krimi steht auf dem Cover und auf dem Titelblatt.

Andrej Kurkow hat 2017 von einer Leserin eine Kiste mit Akten der bolschewikischen Geheimpolizei aus den Jahren 1919-1921 erhalten. Historisch interessiert entschloss er sich, über diese Zeit zu schreiben. Damals hatten die Bolschewiken den unter mehreren Parteien ausgebrochenen Bürgerkrieg schliesslich gewonnen und Kiev erobert. Parallelen zum aktuellen Angriffskrieg der Russen regen zum Nachdenken an.

Andrej Kurkow «Samson und Nadjeschda», Diogenes, 2022, aus dem Russischen von Johanna Marx und Sabine Grebing, mit Illustrationen von Juri Nikitin, 368 Seiten, CHF ca. 32.00, ISBN 978-3-257-07207-5

Samson, ein junger Mann aus Kiev, nach der Ermordung seines Vaters durch Kosaken und dem Tod von seiner Mutter und Schwester durch Krankheit allein übrig geblieben, will überleben. Zufällig bekommt er Arbeit als Polizeiermittler, er will in diesen Zeiten des Umbruchs korrekt und richtig handeln. Alle paar Monate wechseln die Machtverhältnisse in der Stadt, die Polizei hilft der jeweils herrschenden Macht, Kriminalität zu bekämpfen. Wir begegnen bei Samsons Ermittlungen vielen skurrilen Charakteren in einer Welt von Hunger, Angst und Mangel an Holz zum Heizen.

Nadjeschda ist eine junge Frau aus einem Arbeiterviertel am Dnjepr, genannt Podil. Fasziniert von kommunistischen Ideen arbeitet sie im städtischen Statistischen Amt. Sie lebt bei ihren Eltern. Die Hausmeisterwitwe bringt Samson und Nadjeschda zusammen. Da sie aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten stammen ist ihre Beziehung nicht einfach und durch die kriegerischen Aktivitäten bedroht.

Samson wurde von den Kosaken das rechte Ohr abgetrennt. Auf wundersame Weise kann er damit mehr und anders hören als mit dem gesunden und wird dadurch auch vor dem Tod gerettet. Ich denke, ich habe so viele „medizinische Fantasien“ in meinen Romanen, weil meine Mutter und Großmutter Ärztinnen waren. Meine Großmutter war in Kriegszeiten Chirurgin, und ich lebte als Kind sechs Jahre bei ihr.

Auf humorvolle, fantastische und berührende Weise gelingt es dem Autor, das wechselvolle Leben im Krieg mit seinen Gräueln und Schrecken atmosphärisch dicht und spannend zu schildern. Für mich sind diese Bücher historische Romane. Sie liefern einen spannend lesbaren Beitrag zur komplexen Geschichte der Ukraine, die damals wie heute von einer machtbesessenen Grossmacht bedroht ist. Kurkows schelmischer Witz in seinem Schreiben über schreckliche Zeiten packen den Leser, die Leserin und wirken zeitlos.

Falls du eines der Bücher liest, würden mich deine Eindrücke interessieren.
Herzlich

Bär

***

Lieber Bär

Ja, ich hab eines gelesen; «Samson und Nadjeschda», sogar in einer Ausgabe von der Büchergilde Gutenberg, einem etwas anderen Buchclub, der es immer wieder schafft, das Original, bei Andrej Kurkow den Diogenes Verlag, in Grafik und Design zu toppen. Aber das nur am Rande vermerkt.

Ich verstehe deine Faszination für diese Romane sehr wohl. Zum einen kennst du dich am Schauplatz aus, auch wenn Kiev nicht mehr jene Stadt ist, die sie 1919 war und selbst jenes Vorkriegskiev, vor dem denkwürdigen 24. Februar 2022, als der aggressive Angriffskrieg Putinrusslands auf die Ukraine begann. Du warst da, mehrfach, zusammen mit deiner Frau und hast dich nicht nur für Land, Leute und Sprache interessiert, sondern humanitäre Projekte unterstützt. Die Ukraine ist für dich längst zu einem Herzensland geworden und der Krieg dort nicht einfach einer, der sich in den Medien abspielt, sondern einer, der sich auf dem Rücken derer austobt, die ihr ins Herz geschlossen habt, Menschen, Familien.

«Samson und Nadjeschda» aus der Büchergilde Gutenberg

Andrej Kurkow beschreibt ein Kiev nach den Wirren des ersten Weltkrieges, nach der russischen Revolution, eine Stadt, die sich von allen möglichen Gruppierungen und militärisch organisierten Banden ausgesetzt sieht. Eine Stadt und ihre Bevölkerung, die nicht nur Hunger leidet, sondern unter der Willkür marodierender Soldaten. Samson ist Opfer und Opportunist zugleich. Der Familie durch Krankheit und Gewalt beraubt, gezwungen, mit Rotarmisten die karge Wohnung zu teilen, schubst ihn das Schicksal von Bühne zu Bühne. Zum einen hilft ihm sein abgeschnittenes Ohr, seine Naivität und seine Fähigkeit zu schreiben. Samson spült es in die Mühlen eines wackligen Polizeiapparats. Mit einem Mal ist er ausstaffiert mit den Insignien der Macht und wird Polizist. Tapfer will er für Ordnung sorgen und merkt sehr bald, das diese unwiederbringlich verloren ist.

Auch die Liebe, wenn auch eine hölzerne und zaghafte, kommt in «Samson und Nadjeschda» nicht zu kurz. Was mich an diesem Roman überzeugt, ist der Ton. Andrej Kurkow erzählt in einer Sprache, die genau in die Zeit passt und mir als Leser diesen über 100jährigen Groove vermittelt, in der die Geschichte spielt. Obwohl deutsch übersetzt lese ich eine russisch erzählte Geschichte, im Duktus seiner grossen Vorbilder. Eine Geschichte über eine Stadt, ein Land, die beide schon immer im Strudel der Geschichte standen, wo sich die verschiedensten Besatzer wie Heuschreckenschwärme übers Land legten.

Absolut lesenswert. Einmal mehr vielen Dank für den Tipp!

Sei umarmt
Gallus

© Pako Mera / Opale / Bridgeman Images

Andrej Kurkow, geboren 1961 in St. Petersburg, lebt seit seiner Kindheit in Kiew und schreibt in russischer Sprache. Er studierte Fremdsprachen, war Zeitungsredakteur und während des Militärdienstes Gefängniswärter. Danach schrieb er zahlreiche Drehbücher. Seit seinem Roman «Picknick auf dem Eis» gilt er als einer der wichtigsten zeitgenössischen ukrainischen Autoren. Sein Werk erscheint in 45 Sprachen. Kurkow lebt als freier Schriftsteller mit seiner Familie in der Ukraine. 2023 wurde er als Ehrenmitglied in die American Academy of Arts and Letters aufgenommen.

Johanna Marx, Studium am Zentrum für Translationswissenschaft der Universität Wien (Russisch, Spanisch). Seit 2010 freiberufliche Übersetzerin und Dolmetscherin.

Sabine Grebing studierte Slawistik, Musikwissenschaft und Philosophie sowie Übersetzen. Neben Andrej Kurkows übersetzt sie auch andere Werke aus dem Russischen, dem Französischen und Englischen.

Laura Vogt «Das Jahr des Kalks», Dörlemann

Per liegt im Sterben. Alina, seine Nichte, tut sich schwer mit der Unausweichlichkeit. Es stirbt mehr als ihr Onkel. In ihrer Suche nach dem, was bleiben muss und soll, findet Alina bei dem was dereinst stofflich bleibt, Anworten, die sie trösten, die sie mit dem Sterben und dem Tod versöhnen.

Alina ist hin- und hergerissen. Sie schreibt in ihrem Atelier in der Stadt, nicht weit vom Spital, in das man Per eingeliefert hatte. Man hat ihr versprochen, Zeichen zu geben, wenn sie Per besuchen darf, wenn sie sich verabschieden soll. Per ist der Bruder ihres Vaters. Per und er waren als Kinder Brüder und Freunde in einem, unzertrennlich. Und dann, Alina war noch nicht einmal zwölf, begann sich ihr Vater von der Familie zu lösen. Bis zu jenem Moment, als er seiner Frau, Alina und ihren Geschwistern einen Brief schrieb, in dem er erklärte, er werde an der Seite einer anderen Frau ein neues Leben beginnen, ein Leben in Erleuchtung. Während ihr Vater sich aus dem Staub machte, unerreichbar wurde, war es Per, der geblieben war, der in ihre Nähe rückte, der wurde, der ihr Vater hätte sein können. Der mit ihr die Berge erwanderte, der mit ihr für ein paar Tage nach London fuhr, nur mit ihr.

Und nun liegt Per nicht weit von ihrem Schreibzimmer in einem Spitalbett. Unerreichbar wie ihr Vater, aber nicht weggegangen, sondern weggenommen. Alina versucht mit der Situation zurechtzukommen, so wie sie mit ihrem Leben zurechtzukommen versucht; als Mutter zweier Kinder, als Familienfrau, als Geliebte, als Schriftstellerin, als Suchende, als Fragende. Sie versucht es mit ihrem Schreiben. Sie versucht es mit Therapiegesprächen. Mit Recherche. Im Dazwischen, zwischen all dem, was sie umgibt. Sie versucht es mit Fragen.

Per ist einer der Ersten, der mich je gesehen hat.
Und ich bin die Letzte, die ihn sieht.

Laura Vogt «Das Jahr des Kalks», Dörlemann, 2026,
192 Seiten, CHF ca. 30.90, ISBN 978-3-03820-186-1

Wenn ein Mensch eingeäschert wird, bleibt wenig übrig. Eigentlich nur Kalk. Genau das, was Materie ausmacht, aus der Leben gebaut ist, genau das, was Leben braucht, um zu gedeihen. Genau das, was über die Zeit bleibt, eingeschlossen als Fossil, über Jahrmillionen zu Stein gepresst, als Pulver das, was die Pflanze braucht. Ein Schritt in permanenter Metamorphose.

Obwohl es schon lange her ist, seit sich ihr Vater aus dem Staub machte, mit der Familie den Kontakt abgebrochen hatte, hemmt das Alinas Leben noch immer, als wäre ein Stein an ihrem Sein. Nachdem mein Vater gegangen ist, war ich wie begraben … jahrelang wie gelähmt … irgendwo tief eingeschlossen. Etwas, was nie zu einem Ende fand, was sie immer mit sich herumträgt. Das Verlassenwerden, die Frage nach der Schuld, umso mehr als dass sie für ihr eigenes Schreiben, ihre Recherchen ihre Kinder immer wieder einmal zurücklassen muss.

Sie meldet sich für einen Kurs in einem Sauriermuseum; die Techniken des Freilegens. Sie nimmt Kontakt auf mit einem Verein, der sich um einen der letzten Kalköfen bemüht, schreibt einen literarischen Bericht zu Kalk und Familie, erinnert sich an ihren Grossvater, der sich in seiner Freizeit ganz intensiv mit Mineralien, mit Steinen auseinandergesetzt hatte, der sie bearbeitete, hämmerte und schlug, um seinen Vorstellungen Gestalt zu geben.

Laura Vogts vierter Roman ist ein ungemein zarter, ein tastender. Eine literarische Erkundung, ein Erspüren, ohne sich in schwer zu definierenden Schattengegenden zu verlieren. Ein grosses Fragestellen, das mir keine Antworten liefern will, sondern jene mitnimmt, die sich ähnlichen Fragen stellen. Was bleibt? Ist das Menschsein bloss ein Schritt in einer ewig dauernden Metamorphose? Wo sind die Verkrustungen, die Versteinerungen in meinem eigenen Leben? „Das Jahr des Kalks“ ist beinahe durchscheinend, von grosser Ehrlichkeit.

Laura Vogt, geboren 1989 in der Ostschweiz, studierte Kulturwissenschaften an der Universität Luzern und Literarisches Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. Bisher erschienen von ihr die Romane «Die liegende Frau» (2023), «Was uns betrifft» (2020) und «So einfach war es also zu gehen» (2016). Ihre Arbeiten wurden mit diversen Werkbeiträgen und Stipendien ausgezeichnet und teilweise auf Englisch übersetzt. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von St. Gallen.

Beitragsbild © Ayse Yavas

Zsuzsanna Gahse «Spielbeginn», Edition Korrespondenzen

Zsuzsanna Gahse schreibt längst nicht mehr, um sich zu beweisen. „Spielbeginn“, ihr neustes Buch, gibt sich wie ein Theater, gibt wieder, was Menschen sprechen, was die vielen Stimmen, die die Autorin mit sich trägt zum dem einen Instrument zu sagen haben, das die meisten von uns gedankenlos mit sich herumtragen; die Stimme, die Sprache.

Zsuzsanna Gahse, eine der eigenwilligsten Stimmen der Literatur im deutschsprachigen Raum, hat mit ihrem neusten Werk „Spielbeginn» schon über 30 Bücher verfasst, das erste vor über 40 Jahren. Keine Bücher, die sich um ein möglichst breites Publikum bemühen, die möglichst oft verkauft werden sollen.

„Spielbeginn“ ist Spracherkundung, Spracherfahrung und Sprachlandschaftsbegehung. Ein vielstimmiges „Theaterstück“, in dem sich die Stimmen treiben lassen, die sich in Stimmung bringen, die sich ins Wort fahren, sich gegenseitig herausfordern. „Spielbeginn“ ist Bühne für die Sprache, jenes Instrument, das uns in den Mund gelegt ist, das einen ganzen Körper zum Schwingen bringt und seine Umgebung in Verrutschungen treiben kann, manchmal in neue Sphären, manchmal auf Neuland, aufs Glatteis, ins Offsite, in Rage, in Verzückung, ins Schwärmen, in Zorn… Zsuzsanna Gahse will keine Geschichte erzählen, auch wenn ihr Buch voller kleiner Binnengeschichten (Die Autorin nennt sie Erzählinseln.) ist. Sie gibt ihre Stimme ihre Sprache, forscht ihr entgegen, erzählt, was die Simmen auf der Bühne ihrer Vorstellung in Worte zu fassen versuchen. 

Zsuzsanna Gahse «Spielbeginn. Vertuschungen», Edition Korrespondenzen, 2025, 144 Seiten, CHF ca. 34.90, ISBN 978-3-902951-83-0

Eine Bühne mit Personal. Die einen tragen  Namen, die andern nur Nummern. Die einen haben ein Gesicht, die andern tragen die Farbe Grün, wirken gesichtslos, sind Stimme und Sprache allein. Es ist die Hauptprobe zu einem Stück. Noch setzt man sich mit dem auseinander, was im Stück gesagt, gesprochen werden soll. Wie ein Orchester bei der Hauptprobe. Die Noten, die Partitur sind da, aber die SpielerInnen an den Instrumenten scheinen in einem demokratischen Diskurs darüber, wie das Stück gespielt werden muss, in welcher Stimm- oder Stimmungslage. Die Protagonisten mit Namen sind Solisten, das durchnummerierte Personal das Orchester. Dirigentin ist Zsuzsanna Gahse selbst mit dem Text, der Partitur ist.

„Spielbeginn“ ist nur Partitur und verlangt deshalb von mir als Leser einiges ab. Nur wer bereit ist, den eigenen Körper, die Vorstellung während des Lesens zu einem Instrument zu machen, vielleicht sogar den Mut aufbringt, laut zu lesen, wer sich wegbewegen kann von der Vorstellung, dass Sprache bloss Träger von Informationen, einer Geschichte ist, erahnt, worum es der Dichterin in ihrem Buch geht. Ein Buch, das sich den meisten Erzähltraditionen entzieht, sich aktiv sperrt.

Im zweiten Teil des Buches wird aus dem Theaterstück Prosa. Zwei Männer notieren, was ihnen unterwegs im Bodenseeraum begegnet. Sie kommunizieren noch immer miteinander, schreiben auf, denken nach. „Spielbeginn“ nimmt kontemplative Züge an und doch geht es nicht um die Geschichten zweier Männer, sondern was Sprache und das Sprechen mit ihnen macht.

Gahse beschreibt als Erzählstimme das Archaische, die Szenerie, die Bühne, die Landschaft, aber auch die Geräusche, die Töne, das Sprechen selbst mit all dem, was an Nebengeräuschen hörbar wird. Ganz nebenbei fallen Sätze wie Meisselschläge, markant und kantig. Betrachtungen bis hinein in den Laut selbst, hinein in den Muskel einer Zunge, des Mundes, des Gaumens, der Lippen.

„Spielbeginn“ ist ein mutiges Buch. Zsuzsanna Gahse vertraut darauf, dass Leserinnen und Leser ihr Spiel mitmachen, dass sie sich einlassen. Wer dies tut, bewegt sich auf ungewohnten Pfaden – ein Abenteuer. Aber wer genau das will, wer mit auf die Bühne, hinaus in die Landschaft der Sprache, hinein in das grosse Orchester der Sprache will, sind genau jene, mit denen sich die Autorin in ihrem Spiel einlassen will. Eine Liebeserklärung an die Sprache, in Zeiten des Sprachverlusts.

Zsuzsanna Gahse, geb. 1946 in Budapest, aufgewachsen in Wien und Kassel, lebte längere Zeit als Schriftstellerin in Stuttgart und Luzern, zurzeit wohnt sie in Müllheim, Schweiz. Zahlreiche Preise und Auszeichnungen, u. a. aspekte-Literaturpreis (1983), Adelbert-von-Chamisso-Preis (2006), Italo-Svevo-­Preis (2017), Werner-Bergengruen-Preis (2017), Schweizer Grand Prix Literatur (2019).

Beitragsbild © Ch. Rütimann

Julia Weber «Weil ich Ruth bin», Limmat

Julia Weber verblüfft. Nicht nur weil ihr mit „Weil ich Ruth bin“ ein aussergewöhnlicher Roman gelungen ist, sondern weil das Buch während des Lesens Wirkungen erzielt, die ganz selten sind. Das Buch umarmt mich, Julia Webers Sprache umgarnt mich. Und dabei hätte die Geschichte genug Stoff, der schmerzt. Messerstiche, die wehtun.

Ein Mutter-Tochter-Buch, ein Buch über Freundschaft, ein Liebesroman, die Geschichte einer Frau, die sich einer Welt ausgesetzt findet, die nur schlecht mit dem Ungenormten umgehen kann, ein Roman über die Macht der Verwandlung, über Selbstfindung, über das Geheimnis des ganz eigenen Selbst. Stoff genug, um sich zu verlieren, als Autorin genauso wie als Lesende. Aber Julia Weber erschafft einen Kosmos des Kleinräumigen, der trunken macht, der mich staunen lässt. Da hat sich eine Autorin in einen Rausch geschrieben, einen mitreissenden Sprachstrom, der mich unweigerlich nach wenigen Seiten erfasst und erst mit der letzten Seite loslässt.

Ruth ist anders, schon als sie zur Welt kommt. Ihr Körper ist mit einem feinen Flaum bedeckt, mit Haaren, die wachsen, von denen die Mutter weiss, dass sie mehr als bloss Haare sind, dass sie Zeichen sind, wie schon bei ihr, als sie Kind war, bei Ruths Grossmutter, in der langen Reihe der Frauen. Was erst nur Zeichen ist und die Umgebung verunsichert, das Leben für die kleine Ruth zum Märtyrium macht, wandelt sich mit zunehmendem Alter zu einer Art Larvenstadium, denn Ruth ist nicht einfach ein haariges Mädchen (auch wenn der Begriff für ihre Zukunft ein durchaus treffender ist), sie entwickelt besondere Kräfte, besondere Fähigkeiten. So wie in ihrem „Schweif“ unerklärliche Dinge passieren können, so entwickelt sie die Fähigkeit, Menschen in Tiere zu verwandeln. Was am Anfang wie ein Zaubertrick erscheint, für die Betroffenen, die Auserwählten zu einem kurzen Glück wird, wird mit zunehmendem Alter für immer mehr Menschen in Ruths Umgebung ein Tor zum Glück, eine Tür zur Flucht. Gleichzeitig für eine Umgebung, die sich schwer tut mit einem Mädchen, einer jungen Frau, die nicht ist, wie sie sein sollte.

Julia Weber «Weil ich Ruth bin», Limmat, 2026, 464 Seiten, CHF ca. 32.00, ISBN 978-3-03926-101-7

Solange Ruth Kind ist, wird ihr Anderssein geduldet. Aber als junge Erwachsene, erst recht als Ruth eine eigene, kleine Wohnung bezieht, wird sie mit Argwohn beobachtet. Eine Entfremdung, die Ruth auch in den Reaktionen derer sieht, die sie doch eigentlich liebt. Allen voran Toni, mit dem sie als Kind und Jugendliche eine tiefe Freundschaft verbindet, eine Liebe mit Glitzerstaub, der sich aber mit einem Mal abwendet, als er zum Mann wird.

Ruth muss nicht nur bei Toni erfahren, dass die Welt nicht die ist, von der sie gerne ein Teil wäre. An die Seite ihrer Mutter klebt sich ein neuer Mann, der die Welt seiner Mutter immer kleiner macht, bis diese sich in ihrer Angst, einen Fehler zu machen, gänzlich einschliessen lässt. Und Linda, die eine Freundin noch aus der Schulzeit, die schöne, grosse Linda eines Tages mit ihrem Kind vor ihrer Wohnung steht und Hilfe braucht. Nicht nur weil ihr Mann sie schlägt, sondern weil Linda den Tritt nicht mehr findet. So wie viele in ihrer Umgebung, denen Ruth zu einem Anker geworden ist, zur einzigen Verbindung mit jenem Stück Welt, zu der sie in der Realität den Kontakt verloren. Es wird eng in Ruths Wohnung, eng in Ruths Leben.

Ruth ist von jener Sorte Mensch, die zum Schwamm werden, von denen man nimmt, die bis zur Selbstaufgabe geben. Aber auch von jener Sorte Mensch, denen es schwer fällt, die ungeschriebenen Gesetze einer immer rationaler werdenden Gesellschaft zu akzeptieren. Ruth wird zu einem Medium, das an der scheinbaren Wirklichkeit zu zerbrechen droht, zu einem Mensch, der nicht akzeptieren will und kann, dass all das, was in den ersten Jahren eines Lebens ein fluider Zustand ist, jener Zustand des Glücks, der nicht nur für einen Moment aufblitzt. Ruth ist auf der Suche nach ihrem Vater und findet ihn bloss dort, wo er nicht ist. Sie sehnt sich nach Liebe, nach Geborgenheit und kämpft gegen toxische Männlichkeit.

Die Geschichte fasziniert; opulent, sinnlich, phantastisch (ganz wörtlich). Aber noch viel mehr fasziniert die Sprache, dieser ganz eigene, satte Sound und Julia Webers Fähigkeit aus dem Schmerz eine konstruktive Kraft zu erzeugen. Dieser Roman schafft etwas, was nur in ganz wenigen Büchern zu finden ist; das Glück des Lesens!

Interview

Dein Buch ist auf ganz eigenartige Weise faszinierend. Man leidet mit der Figur Ruth. Man leidet an der Welt, in der sie lebt. Man leidet an dem, woran das Personal in deinem Buch leiden muss. Und trotzdem tut einem das Lesen gut. Weil es nicht die Geschichte ist, sondern die Musik deiner Sprache. Kannst du etwas darüber erzählen, wie du zum Sound in deiner Sprache gekommen bist und wie du es geschafft hast, diesen Sound über mehr als 400 Seiten funktionieren zu lassen.

Diese Sprache, die auch in «Weil ich Ruth bin» noch vorhanden ist, habe ich in Biel am Literaturinstitut angefangen zu üben und suchen und entwickeln. Für mich hat Kunst sehr viel mit Zugewandtheit und Trost zu tun und soll dennoch ein Ort sein, der die Welt schonungslos zeigt. Das könnte ein Widerspruch sein, und ist es in der Kunst nicht, weil man dort das Schreckliche direkt neben das Schöne stellen kann. Ich habe in meinem ersten Buch «Immer ist alles schön» eine Sprache entwickelt, indem ich in mein Notizbuch geschrieben habe, um das genaue Betrachten zu üben. Jeden Tag habe ich das scheinbar Langweilige und Graue versucht besonders zu beschreiben. Ich habe versucht, eine hoffnungsvolle Sprache in diese Welt der Funktion und der Macht und des Geldes zu setzen. 
Und von dieser Sprache der Durchlässigkeit und Zugewandtheit lebt auch «Weil ich Ruth bin». So kann eine Geschichte, die noch so traurig ist, Trost geben. Manchmal schien mir die Sprache von Ruth fast zu intensiv, wie ein Schnaps oder auch ein Elixier, vielleicht ein Zaubertrank, dann habe ich versucht, sie etwas gemächlicher zu machen oder sanfter, sodass man das Buch über 400 Seiten lesen kann. Ich glaube, das ist mir gelungen, ohne sie wässrig zu machen

In den Roman eingefügt sind kurze, kursiv gedruckte Textpassagen, die nach dem Vater suchen und vor allem das finden, was fehlt, wo er nicht ist. Ein Abtasten in der Leere. Im Roman selbst gibt es diese Suche nicht. Die Versuche von Ruth, von ihrer Mutter etwas über den fehlenden Vater zu erfahren, werden ziemlich rigoros abgeblockt. Wie kam es zu diesen Passagen, die ganz anders „klingen“?

Ich habe ein paarmal überlegt, diese Passagen rauszunehmen, gerade weil sie vom Ton her nicht immer passen. Aber ich konnte nicht. Es sind Stücke von Ruth, ein Fragen vielleicht auch von mir an sie, an ihre Schwäche, die es gibt, auch wenn Ruth wahnsinnig stark ist. Auch sie ist ein normaler Mensch, auch sie ist ein Kind, das seine Mutter liebt, das Angst hat, das seinen Vater vermisst, das sich eine Welt wünscht, in der die Menschen gut zueinander sind. Diese Passagen sind eigentlich Briefe. Sind die Bitte an ihren Vater, den es nicht gibt, aber den sie sich vorstellen und wünschen kann, und also sind es Briefe an alle männlichen Personen auf dieser Welt. Ein Wunsch nach mehr Weichheit und Verletzlichkeit, mehr Unsicherheit.

Man suggeriert uns zwar immer wieder, jeder Mensch müsse seine ganz eigene Fähigkeit, Begabung, Kraft finden. Es wäre die ureigenste Aufgabe von Erziehung und Bildung, den Weg dorthin zu finden. Ist dein Buch auch die Bestandsaufnahme dessen, was wirklich passiert? Dass wir gelebt werden? Dass man sich Menschen untertan macht, dass man sie intrumentalisiert, statt nach ihrem Kern zu suchen?

Ja, das ist es bestimmt. Das ist schon immer ein Teil meines Schreibens gewesen, eigentlich das Kernthema all meiner Bücher. Der Wunsch, die Gesellschaft so zu formen, dass in ihr mehr Vielfalt, Lebendigkeit und Wärme und vielleicht weniger Funktionalität und Leistung möglich ist. Das wünschte ich mir. Ich glaube, wir könnten noch ganz anders zusammenleben, als wir es tun und dennoch erfüllt sein und satt. Und für mich hat die Art der Individualität, die so gepriesen wird, eigentlich mehr mit dem Kapitalismus zu tun als mit der Lebendigkeit und Verwandlung und dem Vorhandensein, die Ruth lebt und feiert und in die Menschen legt. Sie verwandelt Menschen in Tiere, damit sie vergessen, dass sie noch Yoga machen müssten und sich eine Creme bestellen, die ihr 30jähriges Ich zurückbringt, das schon damals unglücklich war, weil es nie so schön und erfolgreich und fleissig war wie die Menschen auf den Plakaten an der Bushaltestelle. 

© Sandra Kottonau

Du bist Mutter, Familienfrau und Schriftstellerin. Niemand weiss so gut wie du, wie sehr wir in Rollenbildern eingebunden sind. Ein bisschen abgeändert könnte der Titel deines Romans doch auch der Titel deines Lebens sein; Weil ich Julia bin. Ich bin sicher, dass dein Buch Mut macht, damit jede und jeder dort seinen Namen einsetzen kann. Und trotzdem kann „Mut-machen“ nicht deine Motivation gewesen sein. Was stand ganz am Anfang dieses Manuskripts?

Am Anfang stand eine Anfrage von Michelle Steinbeck, die damals noch Redaktorin der Fabrikzeitung in Zürich war. Sie haben eine Ausgabe zu Irmgard Keun gemacht und sie hat mich gebeten einen Text zu schreiben. Ich habe dann versucht die Protagonistin von „Das kunstseidene Mädchen» in die Gegenwart zu holen. Ihr Selbstbewusstsein hat mich sehr fasziniert, diese Figur, die in der Zeit der Weimarer Republik lebte und die als Frau fast keine Rechte hatte, die in Not lebte und sich darum verkaufen musste, behielt ihren Stolz, war klar und autonom in einer Art und Weise, die ich sehr bewundere. Ich habe das gleiche in Ruth gesucht. Und nach 4 Seiten schreiben habe ich gemerkt, dass ich da weitermachen will, dass Ruth mir noch einiges erzählt. Und sie ist auch eine Figur, die ich bewundere, weil sie Charakterzüge hat, die ich an mir vermisse. Sie kann zum Beispiel gut wütend sein, was mir oft schwer fällt.

Männer kommen in deinem Roman schlecht weg. Als Lesender muss man das ertragen. Ich musste es ertragen, obwohl ich es vor allem als Katalysator zur Selbstreflexion verstand. Eigenartig aber war meine Reaktion während des Lesens trotzdem. Ich fühlte mich nie angegriffen, sehr wohl aber gespiegelt, nicht zuletzt in der Suche nach dem fehlenden Vater. Was hast du mit diesem Buch gefunden?

Oh, was habe ich gefunden? Ich habe viel gefunden. Ich habe Ruth gefunden, die stark ist und gleichzeitig verletzlich. Ich habe keine Lösungen gefunden. Ich habe Bilder gefunden, wie Menschen sein könnten, wie sie zusammenleben. Manchmal habe ich auch ein bisschen Rache gefunden, wenn ich Ruth jemandem die Hand schwer werden lassen konnte, der eigentlich jemanden gegen ihren Willen berühren wollte. Oder wenn sie einen Mann in ein Tier verwandelt und ihn so harmlos macht. Ich habe auch einen Weg gefunden, meine Wut in Sätze zu formen. 

Liebe Julia, vielen Dank. Wir sehen uns bestimmt im November im Foyer im Theater Basel!  Und natürlich am Wortlaut!

Julia Weber wird 1983 in Moshi (Tansania) geboren und zieht 1985 mit ihrer Familie nach Zürich. Nach der Schule macht sie eine Lehre als Fotofachangestellte und absolviert die gestalterische Berufsmaturität. Von 2009 bis 2012 studiert Julia Weber literarisches Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel/Bienne. Im Jahr 2012 gründet sie den Literaturdienst (www.literaturdienst.ch ) und ist 2015 Mitbegründerin der Kunstaktionsgruppe «Literatur für das, was passiert» zur Unterstützung von Menschen auf der Flucht.
Im Frühjahr 2017 erschien ihr Debüt «Immer ist alles schön», das mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde, unter anderem mit dem internationalen Franz-Tumler-Literaturpreis, der Alfred Döblin Medaille der Universität Mainz, 2017 steht der Roman auf der Shortlist des Schweizer Buchpreises.

mehr über Julia Weber auf literaturblatt.ch

Webseite der Autorin

Beitragsbild © Ayse Yavas

Rudolf Bussmann „Verheissenes Land“, Plattform Gegenzauber

Begegnung

Eine Ausfallstrasse, lang und gerade
Die ödeste Strasse der Stadt.
Man geht um die Welt, um hier zu landen.
Die Gedanken zurückgefahren, die Antennen
Eingezogen marschiert man ins Ungewisse.
Fehlgeleitet von Neugier hab ich den Stadtkern
Verlassen, um in solche Unlust zu kommen.

Eine Reparaturwerkstatt für Motorräder
Ein Gasflaschendepot, geparkte Autos 
Welkendes Grün vor einem Blumengeschäft.
Nur vom Schicksal Verurteilte gehn hier zu Fuss
Ein in sich gekehrter Alter, ein Halbwüchsiger
Vor sich hinredend mit geballten Fäusten
Eine Frau mit Kinderwagen. Welchen Ort

Hast du gewählt, Kind! Die Frau schaut mich an. 
Sie lächelt, nickt mir über den Kinderwagen zu
Als wär ich ein Freund. Neben den Gasflaschen
Bin ich stehengeblieben. Ein Strahlen ohne Grund
Bevor sie verschwand. Wie war ihr Mund? Trug sie 
Ein Hütchen? Ein Kopftuch? Ich überquere die Strasse
Trete ins Blumengeschäft, frage nach Rosen.

Komme mit einem Strauss aus dem Laden. 
Gehe die Strasse zurück, die ödeste Strasse der Stadt 
Im gleichen Schritt wie zuvor den baumlosen 
Fassaden entlang, Staub an den Schuhen
Im Arm einen Strauss, unterwegs nirgendwohin
Mit einem Strauss Rosen.

 

Auf dem Suk

Zuoberst auf dem Verkaufstisch liegt 
Ein Ballen Stoff, fein anzufassen, ein Gewebe 
Für ein besonderes Kleid, den eine suchende Hand
Unter dem Berg aus Ballen hervorgeholt hat. Ungewiss
Wohin seine Reise geht, wo seine Stücke hingelangen
Weggeschnitten von der grossen Schere

Nach Westen, Süden oder Osten. Vielleicht 
Entscheiden seine Farben, entscheidet seine Struktur
Oder die Macht seiner Muster, zu welchem Fest er
Bestimmt ist, zu Ostern, zu Pessach, zum Ramadan.
Im Gewoge anderer Kleider wird er 
Von den Schultern seiner Trägerin fliessen

Und Worte einer Sprache des Westens, Ostens 
Oder Südens werden über ihn gleiten.
Unentschlossene Hände befühlen den Stoff
Zögern die Freude, ihn zu besitzen
Eine Weile hinaus. Faltenlos liegt er da
Schwer und ungeteilt.

 

Eichung

Unter dieser alten mächtigen Eiche 
Sitze ich. Wie lange schon bin ich da?

Seit ich in der Kinderbibel die Geschichten
Von Abraham und Jakob las

Seit ich diesen Ort
Im Traum gesehen habe

Seit ich am frühen Nachmittag
Hierher gewandert bin

Seit ich die Frage stellte
Noch keine halbe Minute.

Zuvor war Wind, war Stille
Zwischen Blättern ein Himmel

War ein Geruch von Hitze und Harz
War ich ein Tag der keinen Anfang kennt.

 

(aus «Verheissenes Land» Gedichte, edition bücherlese 2024)

Rudolf Bussmann, geboren 1947 in Olten, publiziert Lyrik, Kurzprosa, Romane und Essays. Daneben betätigt sich der promovierte Germanist als Herausgeber von Belletristik, leitet Lesezirkel, macht Schreibbegleitungen und Moderationen. Er ist Mitorganisator des Internationalen Lyrikfestivals Basel. Auf seiner Homepage führt er einen Blog zur Poesie des Alltags. Zuletzt erschienen der Reise-Essay «Herbst in Nordkorea» (Rotpunkt Verlag 2021) sowie die Gedichtbände «Ungerufen» (2019) und «Verheissenes Land» (2024) in der edition bücherlese. Er lebt in Basel.

www.rudolfbussmann.ch

Beitragsbild © Ayse Yavas