Kamel Daoud «Huris», Matthes & Seitz

Eigentlich unerträglich, wovon Kamel Daoud in seinem dritten Roman „Huris“ schreibt. Eine als Kind von Terroristen entstellte Frau kämpft sich durch die Wirren eines zerrissenen Landes, im Ungewissen darüber, ob sie das Kind, mit dem sie schwanger ist, lebend zur Welt bringen soll. Und doch ist „Huris“ notwendig, wichtig und ein episches Lied auf das Leben.

Es gibt Bücher, die ich nicht geniessen kann, die ich aber trotzdem zu Ende lesen muss. „Huris“ von Kamel Daoud, den man 2023 dauerhaft wegen regimekritischer Äusserungen ins Exil zwang, ist eine romanlange Kampfansage gegen eine menschenfeindliche Gesellschaft, gegen die Unfähigkeit, dem Gräuel, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, dass ein Land zwischen religiösem und ideologischem Extremismus zerrieben wird. Nachdem Algerien seine Unabhängigkeit von Frankreich schon mit einem grossen Blutzoll zu bezahlen hatte, stürzten Fehden, Bürgerkrieg, Auseinandersetzungen zwischen Militär und Islamismus das Land zwischen 1992 und 2002 in einen Bürgerkrieg, ein Schlachten und Morden, das bis in die Gegenwart nachwirkt. Kamel Daoud schont sein Heimatland nicht, setzt ihm einen brutal ehrlichen Spiegel entgegen. So ehrlich, dass es für den Schriftsteller unmöglich geworden ist, in sein Heimatland zurückzukehren. Schon gar nicht nach der Veröffentlichung dieses Romans.

Aube (Morgenröte) ist eine junge schwangere Frau. Aber eine Frau, die hadert, die allen Grund hat, zu hadern. Als sie fünf Jahre alt war, überfielen islamistische Terroristen ihre Familie, massakrierten ihre Schwester, schnitten auch ihr die Kehle durch, liessen sie in ihrem Blut liegen. Aube überlebte, gezeichnet mit einer Narbe von einem Ohr zum anderen, dem Verlust ihrer Stimme und einer Kanüle, die ihr aus dem Hals ragt, einer Entstellung, die den Menschen den Atem nimmt, einer Narbe, die sie für immer gebrandmarkt zurücklässt. Von der Gesellschaft als Hure beschimpft, schwanger mit einem Kind, von dem sie nicht weiss, ob ein Leben in ihrer Welt lebenswert ist, hadert Aube mit ihrem Schicksal, mit dem Schicksal aller Frauen, mit dem Schicksal ihres Landes.

Kamel Daoud «Huris», Matthes & Seitz, 2025, aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller, 398 Seiten, CHF ca. 35.60, ISBN 978-3-7518-1031-9

Trotz allem hat es Aube geschafft, einen Friseursalon zu eröffnen, aber ausgerechnet gegenüber einer Moschee. Es entsteht ein Kleinkrieg über die Strasse, eine aussichtlose Auseinandersetzung zwischen frauenfeindlicher Ideologie und dem unzähmbaren Wunsch, ein freies Individuum zu sein. Als man ihren Salon zerstört und sich nichts und niemand gegen diesen Akt aufzubegehren traut, macht sich Aube auf den Weg zurück zu ihrem Heimatdorf, zurück in ihre Geschichte, zurück zu jenem Moment, als Willkür und Fanatismus ihr die Stimme raubte und beinahe das Leben kostete. Aber Aube ergeht es auch auf der Strasse nicht besser. Sie wird geschändet, von der Polizei verhöhnt, im Stich gelassen. Ein Mann nimmt sie mit, ein zum Buchlieferanten degradierter Verleger, der sie in seinem Auto mit seiner eigenen Geschichte zutextet, der Geschichte eines Mannes, der alles verloren hat, ein Mann, der ein seltsames Archiv in seinem Kopf mit sich trägt. Jede Zahl, die man ihm nennt, ist ein Denk- und Mahnmal für ein Massaker, ein unnötiges, nicht gesühntes Verbrechen. Er erinnert sich an das, was man am liebsten leugnen und vergessen möchte.

„Huris“ ist ein Monolog mit einem ungeborenen Kind. Die Geschichte einer Frau, der man das Gesicht genommen hat, die man schändet und für immer zeichnet. Die man alleine, sich selbst überlässt. Der Vater des Ungeborenen ist einer jener, der auf einem Boot übers Mittelmeer einen Platz erkauft hatte. „Huris“ beschreibt das Schicksal all jener Frauen, die nie eine Stimme bekamen, die männlicher Gewalt rechtlos gegenüberstehen, weit weg von Gleichberechtigung, weit weg von einem Recht auf Leben und Freiheit. „Huris“ ist schonungslos offen und ehrlich, strotzend vor Kraft und Intensität, faszinierend in seiner Erzählweise, einem gesangsähnlichen Erzählton. Ein Lied auf den Trost, eine hymnische Anklage auf grassierendes Unrecht. Manchmal unerträglich, trotzdem unsäglich wichtig!

Kamel Daoud tritt vom 26. bis 28. Juni beim Internationalen Literaturfestival Leukerbad auf.

Kamel Daoud, 1970 in Mostaganem, Algerien, geboren, arbeitete lange Zeit als Journalist für Zeitungen wie den Quotidien d’Oran und andere. Nachdem er 2014 in Algerien für seine kritischen Artikel bedroht wurde, ging Daoud ins Exil nach Frankreich und widmete sich der Literatur. Für seinen ersten Roman «Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung» wurde er von der Kritik gefeiert und unter anderem mit dem Prix Goncourt du Premier Roman ausgezeichnet. «Huris» ist sein neuer Roman mit dem er den Prix Goncourt gewann.

Kamel Daoud stellt seinen Roman »Huris« im Gespräch mit Tilla Fuchs vor. Es liest Meike Rötzer. (19.09.2025, ilb. internationales literaturfestival berlin)

Holger Fock und Sabine Müller übersetzen seit 30 Jahren Belletristik und Sachbücher u. a. von Patrick Deville, Mathias Énard, Alain Mabanckou, Olivier Rolin, Mohamed Mbougar Sarr, Cécile Wajsbrot und Antoine Volodine. Für ihre Übersetzungen erhielten sie viele Auszeichnungen, darunter 2011 den Eugen-Helmlé-Preis, 2023 den Internationalen Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt und den Paul-Celan-Preis des Deutschen Literaturfonds.

Beitragsbild: Francesca Mantovani © Editions Gallimard

Anna Ruchat «Vertraute Gespenster», Limmat

Eine junge Frau zieht aus der Enge ihrer Heimat im Veltlin in die grosse Stadt am See in der Deutschschweiz. Es prallen Welten aufeinder, offenbare und verschlossene. Anna Ruchat, Übersetzerin und Autorin von Erzählungen schreibt sich mit zarter Feder in ihrem ersten Roman in grosse Themen.

Was ist Familie? Was bleibt von Familie, wenn das diffizile Gebilde zu bröckeln beginnt? Wie verhalten sich Heimatgefühle und Familie? Eine junge Frau spürt in der Fremde, dass das Bild, das sie sich ihr junges Leben lang von Familie machte, derart heftigen Störungen ausgesetzt wird, dass sie Jahrzehnte braucht, um den inneren Stürmen das Nötige entgegenzusetzen.

Teresa hat in Zürich eine Stelle als Kindermädchen in einer gut situierten Familie mir zwei kleinen Kindern erhalten. Sie weiss ganz genau, dass ihre Zukunft vorhersehbar ist, wenn sie im Dorf im norditalienischen Veltlin bleibt, dass ihr diese Stelle nicht nur eine Chance gibt, sich in der Fremde eine Tür zur Freiheit aufzutun, eine Sprache zu erlernen, sondern ihrem Traum von Selbstbestimmung einen grossen Schritt näher zu kommen.
Sie begleitet Pietro und Giovanni in den italienischen Kindergarten, holt sie ab, spielt mit ihnen, macht sich nützlich in der Küche und im Haushalt, bringt die Kinder ins Bett und hat da zu sein, wenn die Eltern der Kinder Gäste haben oder den Abend ausser Haus verbringen. Er ist Psychiater mit Praxis im Haus, sie ist Archäologin, beide oft auch für mehrer Tage unterwegs. Teresa macht ihre Arbeit gerne, die Kinder wachsen ihr schnell ans Herz, auch wenn sich nicht beide Kinder in der gleichen Weise annähern. Auch wenn Teresa von den Betreuerinnen im Kindergarten immer wieder einmal zur Seite genommen wird, weil sich auffälliges Verhalten des einen Jungen häuft, weil weder Mutter noch Vater dazu zu bewegen sind, über die Probleme ihrer Kinder sprechen zu wollen. Und weil da noch eine Tochter ist, schon ausgezogen, Esther, von der man kaum spricht, die sich wie ein Geist in die Geschicke der Familie mischt.

Anne Ruchat «Vertaute Gespenster», Limmat, 2026, aus dem Italienischen von Barbara Sauser, 208 Seiten, ISBN 978-3-03926-105-5

Teresa geniesst die freie Zeit in der Stadt, macht sich fremdes Leben zu eigen, auch wenn sie zuweilen das Heimweh plagt. Erst recht, als Teresa zum ersten Mal nach Monaten nach Hause fährt und feststellen muss, dass das Gefüge zuhause mit einem Mal Risse bekommt. Ein strenger Vater, eine ergebene Mutter, Geschwister, die ihre Rolle innerhalb der Familie ebenso wenig hinterfragen wie ihre Eltern. In Teresa beginnt ein Kampf, nicht zuletzt, weil sie innerhalb ihrer Gastfamilie immer mehr in eine Situation gedrängt wird, die sie zum Handeln zwingt, die es ihr immer unmöglicher macht, tatenlos, neutral zuzuschauen. Warum streiten sich ihre Gasteltern so sehr? Warum ist die Situation in dieser Vorzeigefamilie so unterkühlt? Warum scheint es für diese eine Tochter aus erster Ehe der Gastmutter keinen Paltz zu geben? Warum scheinen sich Esther, die kaum je anwesende Tochter, und ihr Stiefvater förmlich abzustossen?

Der zweite Teil des Buches unter dem Titel „Verzweigungen“ (der erste Teil ist mit „Prägungen“ getitelt) erzählt die Geschichte einige Jahre später. Nach einer offenen Auseinandersetzung mit der Gastfamilie ist Teresa ausgezogen, in der Deutschweiz geblieben und hat mit einem Tischler eine Familie gegründet. Esther, die verlorene Tochter, ist zu einer Freundin geworden. Maria, die ehemalige Gastmutter, ist krank, genauso wie Bruno, ihr Mann, Esthers Stiefvater. Im Gegensatz zum ersten Teil, in dem hauptsächlich aus Teresas Sicht erzählt wird, erzählt Anna Ruchat hier aus der Sicht aller Familienmitglieder ihrer einstigen Anstellung. Mehr und mehr entblättert sich das brüchige Gefüge einer Familie, die zweischen Erwartungen, Karriere und Verdrängungen zu einem Trümmerfeld geworden ist. – Und zwischen alledem jene Geheimnisse, die die Gegenwart vergiften.

Anna Ruchat ist ein feinsinniger, einfühlsamer Roman gelungen, vielstimmig und mutig. Der Roman hat nicht die Absicht, alles auszuleuchten. Der Roman hat auch nicht die Absicht, mich mit Dramatik an der Stange zu halten. Es sind sie seismologischen Beschreibungen eines Gefüges, das beispielhaft ist für ein Fundament der Gesellschaft, das sich im Umbruch befindet.

Anna Ruchat und ihre Übersetzerin Barbara Sauser treten vom 26. bis 28. Juni beim Internationalen Literaturfestival Leukerbad auf.

Anna Ruchat, 1959 in Zürich geboren, im Tessin und in Rom aufgewachsen, studierte Philosophie und deutsche Literatur in Pavia und Zürich. Langjährige Tätigkeit als Übersetzerin u. a. von Thomas Bernhard, Paul Celan, Nelly Sachs, Friedrich Dürrenmatt, Viktor Klemperer, Mariella Mehr, Kathrin Schmidt und Norbert Gstrein. Für ihr Erzähldebut «Die beiden Türen der Welt» erhielt sie in Italien den Publikumspreis Premio Chiara und in der Schweiz den Schillerpreis. 2019 wurde sie mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet. 

Rezension zu «Neptunjahre» auf literaturblatt.ch

Barbara Sauser, geboren 1974 in Bern, lebt in Bellinzona. Studium der Slawistik und Musikwissenschaft in Fribourg. Nach mehreren Jahren im Zürcher Rotpunktverlag arbeitet sie seit 2009 als freiberufliche Übersetzerin aus dem Italienischen, Franzö­sischen, Russischen und Polnischen.

Beitragsbild © Ayse Yavas

Volha Hapeyeva «CAMEL TRAVEL», Plattform Gegenzauber

Meine Mutter hatte immer meinen Fuß in ihrer Handtasche dabei, nicht meinem richtigen natürlich, sondern die Umrisse, auf Pappe übertragen und ausgeschnitten. Zu Sowjetzeiten waren Kinderschuhe schwer zu bekommen (Erwachsenenschuhe auch), deshalb war Mama allzeit bereit. Mit meinem Fuß schaffte Mama es immer wieder, Sandalen, Hausschuhe und Stiefel für mich zu ergattern, ohne dass ich sie anprobieren musste. Leider sind diese Zeiten vorbei, und ich muss jetzt selbst durch die Läden ziehen auf der Suche nach dem idealen Schuh, den es genauso wenig gibt wie die Gewissheit, ob der x-te Schuh, den du gerade zweifelnd anprobierst, drückt oder nicht, oder vielleicht zu groß ist, am Ende nicht über dicke Strümpfe passt oder bei Feinstrumpfhosen zu locker sitzt.

Es ist einfach so: Auswahl verdirbt, beziehungsweise zwingt sie einen dazu, in sich hinein zu hören, dabei herrscht dort nur Unklarheit, keinerlei Präferenz, die schiere Unifikation. Manchmal komme ich mir vor wie eine Patientin mit Gehirnschaden, die einfach keine Entscheidungen treffen kann, weil die für das Emotionale zuständige Region beeinträchtigt ist, Entscheidungen aber eher emotionsbedingt als wissensbasiert gefällt werden. Präferenzen folgen (bei allen gleichrangigen Bedingungen) selten der Logik, sondern stützen sich auf das, was einem »lieb« ist, wo man auf die Frage Wieso hast du das ausgewählt? antworten würde: Es gefällt mir einfach. Das ist die schlüssigste Erklärung überhaupt, auch wenn viele sie nicht als Erklärung durchgehen lassen, da die »Argumentationsbasis« fehle, dabei ist das Argument im Grunde ganz simpel – es sind meine Empfindungen, Vorlieben und Neigungen.

Die Schulzeit hat mich und mein Bewusstsein nachhaltig geformt, wie das der meisten Kinder, die sie durchlaufen haben. Regeln, Regeln und noch mal Regeln. Aber dabei habe ich auch Folgendes gelernt: Manchmal kann man Regeln hinterfragen und sogar Schlupflöcher, Schliche und Schleichwege finden, um sie zu umgehen. Eine dieser Regeln, die ich um jeden Preis unterlaufen wollte, hatte wiederum mit Schuhen zu tun. Es gab dafür sogar ein eigenes Wort, ein richtiges Angstwort: Wechselschuhe. Es erklang meist in einem Fragesatz, geäußert von der Lehrerin oder der Pförtnerin, in erhöhter Frequenz mit einem Anklang von Entnervtheit und untergründigem, beiläufigem Hass: »Wo sind die Wechselschuhe?« Der blanke Horror für jede und jeden, die im Winter morgens in die Schule kamen. Um dieser Frage zu entgehen, lief ich in Sandalen oder leichten Sommerschuhen durch den Schnee und sprang von Bank zu Bank, damit ich nicht diese Wechselschuhe mitschleppen, in der Garderobe sitzen und sie anziehen und den Wechselbeutel mit mir herumtragen musste, der dann irgendwo liegenbleiben würde. Ich fand es viel einfacher, gleich in Wechselschuhen zur Schule zu gehen, Jahreszeiten interessierten mich dabei nicht die Bohne. Nun sollte man meinen, dass mir diese Haltung im Winter eine Angina und Grippe nach der anderen beschert haben muss, aber, o Wunder, ich war nicht häufiger krank als die anderen, vielleicht haben mir die Wechselschuhe sogar zur Abhärtung von Körper und Geist verholfen.

Überhaupt maßen wir uns gerne darin, wer wie viel Schmerzen ertragen konnte. Am beliebtesten war die Brennnessel. Jemand packte deinen Unterarm mit beiden Händen und verdrehte dann die Haut gegeneinander, dass es brannte wie von richtigen Brennnesseln. Es war eine Frage der Ehre, diese Folter über sich ergehen zu lassen, aber je mehr man ertragen konnte, desto beherzter wurde zugegriffen, als wollten sie überprüfen, wo nun die Schmerzgrenze lag, bei der du einknickst.

Weniger schmerzhaft als unterhaltsam-hypnotisch war dagegen die Spinne. Dabei musste man das Handgelenk einer Freundin richtig feste zusammendrücken (während sie die Hand zur Faust geballt hatte), nach ein paar Sekunden durfte sie die Faust dann lösen, du hieltest aber weiter ihr Handgelenk fest umschlossen. Mit deiner freien Hand spannst du dann von ihren Fingerspitzen aus unsichtbare Fäden nach oben, um sie dann – Achtung, jetzt kommt’s – gebündelt aufwärts zu bewegen, während du das Handgelenk freigabst. Dann konnte deine Freundin die unsichtbaren Fäden spüren, die du aus ihr gesponnen hattest. Ein Stückchen Magie, für jeden zu haben.

Ein weiterer Ausweis von Mut und Tapferkeit waren aufgeschlagene Knie und Ellbogen. Fast die gesamte siebte Klasse hindurch ging ich mit flammend roten Flecken auf Knien und Ellbogen in die Schule, ohne. mir deswegen einen Kopf zu machen. Im Gegenteil, ein aufgeschlagenes Knie verhieß ja stille Freuden, unter anderem die spezielle Kruste, die sich über die Wunde legte, wenn sie verheilte, gab es doch nichts Schöneres, als die knusprige Kruste abzuknibbeln und die rosige Haut darunter freizulegen. Einen Haken hatte die Sache allerdings doch, der mir immer am Samstag wieder bewusst wurde, wenn die Badewanne anstand. Mit aufgeschürfter Haut in heißes Wasser zu steigen, ist nämlich richtig unangenehm, und mein Badewasser war nicht nur heiß, sondern kochend heiß, ich weiß nicht, wieso Mama es auf solche Temperaturen brachte, vielleicht meinte sie, so ginge der Dreck, den ich über die Woche angesammelt hatte, besser ab, vielleicht empfand sie die Wärme aber auch gar nicht so. Und dann weichten bei dieser Prozedur auch noch die Krusten auf, sodass man nicht mehr knibbeln konnte. Die Unmenge heißen Wassers forderte ihren Tribut, und ich entstieg der Wanne wie ein gekochter Krebs, leuchtend rot und verzehrfertig. Seither hege ich eine Abneigung gegen Wannenbäder, duschen ist viel angenehmer, da gibt es Bewegung und Fortschritt und nicht nur Herumgesitze und Gewarte. Vielleicht mag ich deshalb Flüsse lieber als Seen.

(aus «CAMEL TRAVEL» von Volha Hapeyeva, aus dem Belarusischen von Thomas Weiler, Literaturverlag Droschl 2021, Kapitel 8, «Schuhe und Abhärtung»)

 

dort wo heut schnee fällt
werd ich nicht sein
dort wo schweigen ein bekenntnis versucht
werden die absichten anderer unklar
man kann sich lange im fenster spiegeln
sich mit kurzhaarschnitt vorstellen
statt der langen haare
und doch nicht zur schere greifen

ich fahre dorthin wo schnee geboren wird
tag für tag
wo er die unvollkommenheit des seins verbirgt
dieser schnee ist humanist
er verspricht nichts
er ist bloß
wird geboren und stirbt

er könnte überall fallen
Armenien oder Koktebel
mit der last seiner zwangsläufigkeit
und ebenso rasch schmelzen
er reicht das staffelholz seiner flüchtigkeit weiter
und staunt warum ich so kalte hände und füße habe
er taut meine finger auf mit seinem atem

angesichts eines solch sinnlosen verhaltens
vertreiben sich mein schnee und ich die zeit im bett
ohne uns einzugestehen
wie einsam wir sind

 

am morgen danach versuchst du dich an mich zu erinnern
als sei ich eine halb vergessene grammatische regel
was wie war und was dir weswegen leid tut
was und wer gebeugt werden muss was dir nach mir
im gedächtnis bleibt
sind falsche endungen
die betonung stimmt nicht
die aussprache schleift
wie meine lust
in jedem brief zu fordern
dass man mich nicht groß schreibt

 

wie nicht eingelaufene schuhe
drückt mich mein herz
wenn es nicht die größe ist
woran liegt es dann?
wein tee bier
manchmal kaffee
so eine sohnonymie tochteromie kinderlosigkeit
oder ausser der ehe – meine sind es nicht
i c h  k a n n  n i c h t  l i e g e n
(so passend dass „b“ und „g“
fast nachbarn sind auf der tastatur)
viel näher als wir
und die galgen der baukräne
an denen ich jeden tag meine einsamkeit hänge
(schluck du deine runter)
mittags werd ich die trauer schänden
in einem verlassenen park
und
selbst ein verlorener ohrring kann nicht beweisen
dass ich
der verbrecher
bin

 

die gegenwart fällt mir schwer
die vergangenheit kann ich besser
deshalb lebe ich dort
wäre es doch wie im film
erst geht das gedächtnis verloren
dann die menschen die darin ohne
meine zustimmung eingetragen waren
danach hebe ich jede erinnerung auf
wie das haar von der schulter des mantels
von dem ich nicht mehr weiß
wessen

 

heute muss ich ein neues gedicht schreiben
sagst du am morgen

eines über den schwarzen hund
der meine einsamkeit war

schreib lieber über die ente
die war deine freude
rate ich dir
und sehe wie sie teil des gedichts wird

aber heute bist du melancholisch
lachst kaum über witze
kannst eine ente nicht als hauptcharakter sehen
so ein tölpelhaftes ding
so ein unbeholfener blödsinn
nur gut für wiegenlieder und limericks
und du willst einen ernsten nachdenklichen text schreiben
also bleiben die ente und ich auf der einen seite
der unvorstellbaren realität
während du mit deinem hund auf der anderen bleibst
und der einzige ort an dem wir zusammenkommen
ist dieses gedicht

 

manifest der gedichte

gedichte können unterschiedlich sein
sie können hoch sein oder nicht ganz
frauen sein oder nicht ganz
gedichte können wachsen
auch ohne blumenwasser
sie sind keine bäume
und auch ihr seid kein wasser
damit ein er- oder sie-gedicht wächst muss es gewogen werden
auch kommen gedichte zur welt mit nur einem bein oder arm
kein grund zur sorge sie wachsen nach
wie das bei echsen der fall ist
die ihre schwänze verlieren und neue erfinden
zugegeben einigen gedichten
wachsen niemals flügel und wenn
so fallen sie ab das liegt am kalziummangel in ihren leibern
nicht wahr?
doch das alles kommt später
zuerst muss ein gedicht gefangen werden
gedichte … lieben es wegzulaufen sie spielen verstecken
tragen masken verkleiden sich als prosa
auch das kommt vor
es ist gut einen kescher bei sich zu tragen
es ist nicht ihre art zu klammern
es sei denn man läuft oder fährt
sie verfangen sich wie wind im haar oder an den wangen
sie kleben an dir wie an einer windschutzscheibe
du musst sie nur rechtzeitig aufschreiben
magst du keine bewegung an frischer luft
wird es kompliziert: dann solltest du
etwas zum anlocken bereit legen
räubergedichte lieben blut
naschgedichte lieben dünne fäden von honig
die vom löffel ins glas tropfen …
und so kannst du ihre winzigen leichen
(wenn sie eine sammlung ausmachen
und aufbewahrt werden müssen)
auf papierblätter nageln ein buch daraus machen
und dir so einen friedhof erschaffen
andere vorgehensweisen mit genaueren klassifikationen
sind durchaus zu empfehlen:
gedichte sind menschen und zu enge kontakte
sind zu meiden sie lösen einen orgiastischen
oder psychopathischen zustand aus

(aus «Mutantengarten» von Volha Hapeyeva, Gedichte, übersetzt aus dem Belarussischen von Matthias Göritz, Martina Jakobson und Uljana Wolf, mit einem Nachwort von Matthias Göritz, mit Federzeichnungen von Christian Thanhäuser, Edition Thanhäuser & Internationales Haus der Autorinnen und Autoren Graz, 2020)

 

Volha Hapeyeva, geboren in Minsk, Belarus (1982), ist Lyrikerin, Autorin, Übersetzerin, Künstlerin und promovierte Linguistin. Für ihr Werk erhielt sie zahlreiche Preise und Auszeichnungen, u.a. den English PEN Translates Award für das Buch «In My Garden of Mutants» (2021), den Wortmeldungen-Literaturpreis 2022, Rotahorn-Preis 2021 und den manuskripte-Preis 2025.
2019-2020 war Volha Hapeyeva Stadtschreiberin von Graz. 2021-2022 Writer-in-Exile den PEN-Zentrum Deutschland, 2022-2023 Stipendiatin des Berliner Künstlerprogramms DAAD und 2023-2024 erhielt sie das Clara und Eduard Rosenthal Literaturstipendium (Jena).
Volha Hapeyevas Gedichte wurden in mehr als 15 Sprachen übertragen. 2020 erschien auf Deutsch «Mutantengarten«, 2023 «Trapezherz». Ihr Debütroman «Camel Travel» erschien 2021. 2024 erschien ihr Roman «Samota. Die Einsamkeit wohnte im Zimmer gegenüber«. 
Seit 2020 schreibt Volha Hapeyeva auch auf Deutsch und wohnt als Nomadin in Österreich und Deutschland.

Wortmeldungen-Preis 2022: »Hapeyevas kunstvoll arrangiertes Plädoyer für eine widerständige Poesie gewinnt vor dem Hintergrund des Krieges gegen die Ukraine an bedrückender Aktualität. Hapeyeva tut, was eine Autorin im Angesicht von Gewalt und Unterdrückung zum Besten tun kann: mit starken Worten wirken.«, so die Jury in ihrer Begründung.

Beitragsbilder © Volha Hapeyeva 

«Die Lüge ist jedoch nicht das Problem – das Problem ist die Ansicht, es gäbe verschiedene Wahrheiten.» – über «Die echtere Wirklichkeit» von Raphaela Edelbauer (30)

Natürlich ändert sich, was Menschen für wahr halten – jedoch nie das, was wahr ist.

Lieber Gallus

Entgegen der Legende hat Gallus wieder einmal den Bären beschenkt und zum Glück darf ich mich auch immer wieder zeigen und musste nicht für immer verschwinden. So sind wir dank deinem Vorschlag kürzlich in der «Coalmine» Winterthur Raphaela Edelbauer mit ihrem neuen Roman begegnet. Es war ein interessanter und bereichernder Abend. Die Autorin hat mich durch die packend gelesenen Passagen aus ihrem Roman motiviert, ein Buch zu lesen, das ich ohne diese Begegnung kaum beachtet hätte. Leider hat die Moderatorin durch ihre sehr textbezogenen Fragen wenig Persönliches aus dem Leben von Raphaela Edelbauer beleuchtet.

Du schreibst in deiner Beurteilung auf literaturblatt.ch, Raphaela Edelbauer sei mit Bravour gescheitert, das Buch sei der Biss eines literarischen Pitbulls, das Buch liege dir nach der Lektüre quer im Magen. Mich hat dieses Buch, das für mich so besonders und anders ist, begeistert und angeregt. Sicher sind mehrere Abschnitte sehr kopflastig, aber sprachlich klug mit den aussergewöhnlichen Menschen der philosophischen Terrorgruppe «Aletheia» verknüpft.

Es gibt nur eine Wahrheit und sie ist absolut beginnt das Manifest einer vierköpfigen Aktivistengruppe «Aletheia», zu der Byproxy hinzukommt, eine schillernde manipulierende und vor Lügen nicht zurückschreckende Persönlichkeit. Durch einen Unfall als junge Frau ist sie an den Rollstuhl gefesselt. Um ihre Ziele zu erreichen, plant diese Gruppe einen Anschlag, es gibt Opfer. Die fünf Aktivisten wollen unserer postmodernen Gesellschaft, wo alle Individuen ihre eigene Wahrheit und Wirklichkeit pflegen, mit ihrem Manifest und einem Anschlag zur Besinnung bringen.

Raphaela Edelbauer «Die echtere Wahrheit», Klett-Cotta, 2025, 448 Seiten, ISBN 978-3-608-96630-5

Mir gefällt das philosophische Fundament von Raphaela Edelbauer und mich faszinieren die fünf in einem schäbigen Gebäude lebenden Charaktere. Der Heidegger dozierende Bernwand, die Philosophiestudentin Brigitte voll Tatendrang und «maschinengewehrschnellen Händen», der zugängliche, geheimnisvolle Paul mit belasteter Vergangenheit und die mürrische, sich mit Sprengstoff auskennende Chirurgin zeigen plastisch, wie derart verschiedene Menschen in lausigen Verhältnissen sich bemühen zur echten Wirklichkeit zu gelangen. Vor allem Byproxy lässt die These, ob es eine Wahrheit, eine Wirklichkeit gibt, durch ihr Erzählen und Handeln als fragwürdig erscheinen.

Der Aufbau des Romans mit philosophischen Thesen und den spannenden Diskussionen der Aktivisten, um ihren Plan zu verwirklichen, hat mir sehr gut gefallen. 

Hieraus folgt unser wichtigster Grundsatz: Zu denken, dass Wahrheit nicht erkennbar ist, ist NICHT das Fatale – sondern zu glauben, dass es Wahrheit nicht gibt.

Ich hoffe, das Buch hält, was es verspricht, schrieb mir die Autorin mit ihrer Signatur ins Buch. Ja, das tut es! Mich werden die Aussagen dieses Romans noch lange beschäftigen. Es lohnt sich, sich auf diese anspruchsvolle Lektüre einzulassen.

Herzlich

Bär

***

Lieber Bär

Es freut mich ausserordentlich, dass ich dich zur Lektüre eines Buches und zum Besuch einer Lesung verführen konnte. Oft genug bin ich allein unterwegs, reise ziemlich weit, um dann in einem grossen Raum mit wenig Publikum zu sitzen, mich leise schäme für das offensichtliche Desinteresse eines potenziellen Publikums, das scheinbar nicht bereit ist, sich einen Abend lang mit Worten, Textkunst, Auseinandersetzung und Konfrontation einzulassen.
Der Abend in Winterthur mit der österreichischen Schriftstellerin und Literaturaktivistin Raphaela Edelbauer war gut besucht. Glücklicherweise, denn ich bin überzeugt, dass diese Autorin mit Jahrgang 1990 erst in den Anfängen einer erstaunlichen literarischen Karriere steckt. «Ein Versprechen für die Zukunft» wäre die falsche Formulierung, da Raphaela Edelbauer mit ihren bisherigen Büchern mehr als deutlich ihren Stammplatz in der deutschsprachigen Literatur behauptet hat.

Du hast recht, ich habe das Buch anstrengend gefunden, was überhaupt kein negatives Kriterium ist. Ich habe es fasziniert gelesen, weil es reibt und beisst, weil es nicht einfach unterhalten will, weil es mich herausfordert. Nicht nur die Geschichte, nicht nur die Fragen, die es aufwirft, auch die Charakteren, die mich zuweilen ärgerten. Nicht, weil sie schlecht gezeichnet waren, allenfalls zu karikiert. Es geht um vieles in diesem Buch; um unser streitbares Verhältnis zu Fakten, um Wahrheit, die sich immer mehr zu dehnen scheint. Aber auch um die nicht immer nur politische Durchsetzung einer Überzeugung. Wann ist es legitim, seine Überzeugungen auch mit Gewalt durchzusetzen? Wie gross muss die Opferbereitschaft einer Gesellschaft sein?

© Gallus Frei

Einzelpersonen, Netzwerke und Gruppierungen, die bei der Umsetzung ihrer Ideen auch nicht vor Gewalt zurückschrecken, gibt es viele. Nicht immer sind die Taten aus Sicht einer breiten Öffentlichkeit verwerflich. Denken wir an Luigi M. der 2024 den Chef einer Versicherung in New York auf offener Strasse erschoss. Während man ihm den Prozess machte, feierten ihn weite Kreise als Helden gegen Gier und Rendite. Ich hätte der wilden Truppe um Byproxy in Raphaela Edelbauers Roman etwas mehr «Normalität» gewünscht, denn bekanntlich verbergen sich eben hinter jener Normalität die Abgründe.

Aber das wirklich Spektakuläre in diesem Roman ist die Sprache, die Prägnanz, die Übersteigerung, der Witz und die Schärfe. Dafür liebe ich diesen Roman. Auch weil Raphaela Edelbauer nicht gefallen will, weil sie etwas wagt, weil sie spielt, weil ich ihre Lust, ihre Freude spüre, weil der Roman in seiner Intelligenz funkelt und spritzt.

Ich freue mich auf das, was unter der Marke Edelbauer noch erscheinen wird!
Und ich freue mich, das mich Literatur immer und immer wieder überrascht.

In Vorfreude

Gallus 

Rezension zu «Die echter Wirklichkeit» auf literarurblatt.ch

Raphaela Edelbauer, geboren in Wien, studierte Sprachkunst an der Universität für Angewandte Kunst. Für ihr Werk «Entdecker. Eine Poetik» wurde sie mit dem Hauptpreis der Rauriser Literaturtage ausgezeichnet. Ausserdem wurde ihr 2018 der Publikumspreis beim Bachmann-Wettbewerb, der Theodor-Körner-Preis und der Förderpreis der Doppelfeld-Stiftung zuerkannt. Ihr Debütroman «Das flüssige Land» stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, ihr dritter Roman «Die Inkommensurablen» auf der Longlist. Für ihren zweiten Roman «DAVE» erhielt sie den Österreichischen Buchpreis. Raphaela Edelbauer lebt in Wien.

«Die Literaturrunde» – über die Tiefen in der Familie

Tele D ist seit 1985 unter dem Namen Lokalfernsehen Diessenhofen bekannt, eine Stiftung, die sich der Herstellung und Ausstrahlung von Sendungen, die lokale und regionale Themen und Interessen abdecken, zur Aufgabe macht. Literatur ist dabei ein fester Bestandteil.

Tele D erreicht seit Frühling 2014 mit seinem vielfältigen Programm die gesamte Deutschschweiz in den Kabelnetzen der UPC Schweiz, der Swisscom und DCG Digital Cable Group.

21. März 2026 „Die Literaturrunde“ auf TeleD mit Moderatorin Jeanette Bergner und dem Schriftsteller Peter Höner

Die besprochenen Bücher:

Jürg Beeler «Josef Lauterbachs Reise nach Flätz», Knapp, 2026, 178 Seiten, ISBN 978-3-907334-46-1

Jürg Beeler «Josef Lautenbachers Reise nach Flätz», Knapp Verlag
Josef Lautenbacher, seit Kurzem im Ruhestand, wähnt sich von seiner Frau kontrolliert und gegängelt. Verzweifelt versucht er, ihr zu entkommen. Nicht alle seiner oft komischen Versuche gelingen, selbst die Flucht in eine benachbarte Stadt verhindert nicht, dass die besorgte Ehefrau ihn findet. 
Im Bahnhofbuffet von Nimmerach, einer Kleinstadt am Jura-Südfuss, findet er einen Rückzugsort. In diesem «Kurort für Geist und Seele» vollzieht sich seine Wandlung vom ehemaligen Buchhändler, der täglich von Weltliteratur umgeben gewesen war, zum Schriftsteller. Je grösser die räumliche Entfernung von Luise, seiner Frau, desto schärfer und unerbittlicher arbeitet sein Verstand, wie er festzustellen glaubt. 

Yuko Kuhn «Onigiri», Hanser Berlin, 2025, 208 Seiten, ISBN 978-3-446-28311-4

Yuko Kuhn «Onigiri», Hanser Berlin
Als Aki erfährt, dass ihre Großmutter gestorben ist, bucht sie zwei Flüge. Ein letztes Mal will sie ihre Mutter zu ihrer Familie in Japan bringen, auch wenn sie weiß, wie riskant es ist, einen dementen Menschen aus der gewohnten Umgebung zu reißen. Und wirklich hat sie Keiko noch nie so verloren erlebt wie in der ersten Nacht im Hotel. Doch dann sitzen sie beim Essen im alten Elternhaus, und plötzlich spricht sie, die so still geworden ist, fröhlich und klar für sich selbst. Erst auf dieser Reise erkennt Aki in ihrer Mutter die mutige und lebenshungrige Frau, die sie einmal war, bevor sich in Deutschland diese große, für Aki so bedrohliche Müdigkeit über sie legte. Mit sanfter Klarheit lässt Yuko Kuhn die faszinierende Geschichte einer deutsch-japanischen Familie entstehen, die zwischen den Kulturen verloren geht und sich neu findet.

Ruth Bollinger «Elsas Alben», Verlag am Platz, 2025, 285 Seiten, ISBN 978-3-908609-20-9

Ruth Bollinger «Elsas Alben», Verlag am Platz
Die junge Elsa glaubt an den Sozialismus und an die Liebe. Sie ist noch nicht 20-jährig, als sie, aus Böhmen stammend, im Jahr 1912 nach Schaffhausen kommt und hier einen jungen Tschechen, Karel, heiratet. Noch steht die Zukunft verheissungsvoll bevor, noch ist in der Arbeiterklasse die Überzeugung verbreitet, dass die sozialistischen Führer Europas den Kriegstreibern das Handwerk legen werden, und der Sozialismus nur eine Frage der Zeit sei. Der Roman zeigt das Leben einer Arbeiterfrau, die nicht einen bekannten Namen führt, jedoch stets darum bemüht ist, ihr Leben im Einklang mit ihrer sozialistischen Überzeugung zu leben.

Hier geht’s zu Sendung.

Angelika Overath «Calanda oder Alvas Antwort», Luchterhand

Alva ist Mutter zweier Kinder zweier Väter. Alva steigt auf einen Berg, den Calanda, den Churer Hausberg, im Nordwesten der Stadt. Sie braucht den Weg hinauf für eine Antwort. Sie braucht den Weg hinauf, um über die Ränder zu blicken. „Calanda oder Alvas Antwort“ ist der Weg hinaus aus beissenden Fragen.

Dieser Roman ist nach „Ein Winter in Istanbul“ und „Unschärfen der Liebe“ der letzte einer Graubünden-Istanbul-Trilogie. Romane, die thematisch zusammengehören, die man aber unabhängig voneinander lesen kann. Angelika Overath, Wahlengadinerin, kennt beide Landschaften wie ihre Westentasche. Zum einen weil sie in der Stadt am Bospurus mehrfach lange schrieb, zum andern weil sie eine der SchriftstellerInnen ist, für die die Recherche fester und unausweichlicher Bestandteil des Schreibens ist. Eine Recherche, die in ihren Büchern nicht mehr zu spüren ist. Eine Recherche, die der Autorin jene Trittsicherheit gibt, die ihr beim Schreiben eigen ist.

Sie wusste nicht genau, warum sie es jetzt tat. Manches weiss man nicht, auch wenn man es weiss.

Alva schleppt eine Diagnose mit sich, eine Diagnose, von der sie noch niemandem in ihrem Umfeld erzählt hat. Eine Diagnose, von der sie weiss, dass der Tod schon nach wenigen Jahren unausweichlich sein wird, dass sie ihre beiden Kinder viel zu früh zurücklassen muss. Sie steigt auf den Berg, wie sie es schon früher tat, mit Cla, dem Vater von Florinda und Baran, dem Vater von Mavi. Damals, als sie auf dem Weg hinauf zum Calanda Holz unterwegs einsammelten, auf dem Berg aus Steinen einen Windfang bauten, am kleinen Feuer ihr Abendbrot verzehrten und nebeneinander in ihren Schlafsäcken die Nacht im Freien verbrachten. Als alles noch offen war. Als Cla noch der war, mit dem eine Zukunft offenstand. Als ihr am nächsten Morgen, als sie auf die beiden schlafenden Männer sah, klar wurde, dass da zwischen den beiden mehr war als eine Männerfreundschaft.

Angelika Overath «Calanda oder Alvas Antwort», Luchterhand, 2026, 160 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-630-87786-0

Alva muss sich in Bewegung setzen, verlässt in aller Frühe das Haus, um mit dem Marschieren eine Antwort zu finden. Auf all die brennenden Fragen, die sich mit der Diagnose ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) nicht mehr in die Zukunft schieben lassen. ALS ist eine tödliche Muskelkrankheit, die Nervenzellen in Gehirn und Rückenmark zerstört. Eine Krankheit, die nicht aufzuhalten ist, eine Krankheit, die sie bewegungsunfähig machen, die die Atmung lähmen wird. Alva muss sich mit dem Gang hinauf Luft verschaffen, auf die Frage eine Anwort bekommen, ob es Sinn macht, ein solches Leben weiterzuführen oder irgendwo hinauf zum Calanda oder auf dem Weg zurück einen Ausrutscher zu provozieren.

Als sie Baran in Istanbul kennenlernte, war sie mit Cla schon 10 Jahre zusammen. Cla Mitte vierzig und sie noch eine junge Frau. Sie war damals schon nach Istanbul gereist, hatte sich aufgemacht, um Antworten zu finden, hatte Cla in Istanbul besucht, um ihm von der Schwangerschaft zu erzählen. Antworten, wie es weitergehen sollte, denn Cla hatte nicht wie erhofft auf die Vaterschaft reagiert. Statt dessen lernte sie Baran, Clas Freund kennen. ALS wird ihr den Atem rauben.

Alva lebt sterbend. Im Grunde tun das ja alle.

Auf dem Weg hinauf zum Berg ziehen Erinnerungen an ihr vorbei. Erinnerungen an ihre Herkunft, an ihre aus Schlesien stammende Grossmutter, die Geschichte ihrer Flucht und Vertreibung, an ihre Mutter, die Begegnungen mit den beiden Männern ihres Lebens. Angelika Overath schildert das Aufsteigen mit vielen Beschreibungen der Natur, Nahaufnahmen, dem Bewusstsein, dass man Antworten erst dann findet, wenn der direkte Fokus auf die Frage genommen wird, wenn Perspektiven dazukommen, wenn einem bewusst wird, dass man Teil eines ganz Grossen ist. Jene so wichtigen Anworten holt man sich nicht, sie werden einem geschenkt.

„Calanda oder Alvas Anwort“ ist ein ganz zarter Roman.

Interview

Alle, die wandern und dabei einen Hügel, einen Bergkamm oder gar eine Bergspitze erreichen, wissen von dem Gefühl, das einen unweigerlich einnimmt, wenn man es geschafft hat und den Blick schweifen lässt. Man steht darüber. Nicht nur über der Landschaft, irgendwie auch über den Dingen, die einen sonst mit aller Kraft am Boden fesseln. Alva hat mit sich und ihrer Diagnose zu kämpfen. Mit dem, wie sie den Rest ihrer Zukunft sieht, das langsame Sterben, mit dem, was sie zurücklassen muss. Dass einem das Gehen Klarheit verschafft, erfährt man schon, wenn man im Gehen Probleme diskutiert. Weil es eine Form des Aufbrechens, weil es Bewegung, weil es Dynamik ist. Auch in Alva bricht vieles auf, vermischt sich mit Erinnerung. Wieviel Gehen ist Schreiben?

Wandern wie Schreiben haben beide mit dem Erinnern zu tun. Im Gehen kommen erlebte Szenen unwillkürlich zurück, Gedanken bilden sich, führen zu neuen Bildern. Das ist auch beim Schreiben so. Erinnerungen stossen Gedanken an, Gedanken führen zu Bildern, zu Szenen. Beim Wandern wie beim Schreiben ist eine gewisse Ich-Abwesenheit oder Ich-Leere prägend. Ich sage manchmal, die Sprache schreibt mit. Ein guter Text ergibt sich nicht allein durch die rationale Strategie. Er braucht auch ein gewisses Mass an Zulassen. Beim Wandern vergessen wir uns ja auch, wir setzen Schritt vor Schritt, atmen. Und in dieser Selbstvergessenheit wächst etwas in uns. Beim Schreiben kommt dann der Prozess des Korrigierens. Der ist wichtig. Aber der Stoff hat auch mit dem Unbewussten zu tun. Kreativität ist nie nur reines Kalkül.

© Angelika Overath

Ihrem Roman ist ein Zitat der polnischen Dichterin Wisława Szymborska (1923 – 2012) vorangestellt: «Ein erstbestes Wunder: / Kühe sind Kühe. // Ein zweites, nicht geringeres: / dieser und kein anderer Garten / in diesem und keinem anderen Obstkern». Wie leicht vergessen wir mit unserer Sicht auf Dinge und Zustände die eigentlichen Wunder. Alvas Sorgen drohen alles zuzudecken, zu vergiften, nicht zuletzt die Liebe in ihrer Familie. Das Zitat nimmt aber auch Bezug zu Alvas Grossmutter, einer Vertriebenen, die zu Lebzeiten mit Apfelkernen Halsketten auffädelte. Eine Geste der Einfachheit, eine Geste der Naturverbundenheit, eine Geste, die sich tief in Alvas Bewusstsein eingegraben hat. Sind sie dort oben in Sent, im Engadin, wo sie zusammen mit ihrem Mann leben und arbeiten, tiefer als im deutschen „Unterland“, anders der Natur, dem Leben ausgesetzt?

Wir leben in den Bergen und mit den Bergen. Wir schauen auf Gesteinsformationen, die vor uns da waren und die nach uns da sein werden. Wir leben mit der atemberaubenden Schönheit von Schneegipfeln, von hüfthohen Blumenwiesen und unter einem Himmel, der oft so tiefblau ist, dass er schon wieder erschreckt. Wenn ich am Schreibtisch nicht weiterkomme, gehe ich hinaus. In wenigen Schritten bin ich am östlichen Dorfrand. Dort beginnt ein Rundweg durch Wiesen und Felder von etwa einer Stunde. Ich kann ihn verlängern und noch ein Stück weiter durch den Wald gehen. Meist fällt mir beim Laufen ein, wie es am Schreibtisch weitergeht. Einfach weil ich loslasse und nicht bewusst an den Text denke. Ich laufe, pflücke vielleicht Blumen und dann kommen, wenn ich alles vergessen habe, die Ideen.

Nebst der Auseinandersetzung mit einer niederschmetternden Diagnose ist ihr Roman auch eine Auseinandersetzung mit fixen Vorstellungen von Ehe, Familie und Partnerschaft. Passiert tatsächlich eine Aufweichung oder ist das, was wir in gewissen Kreisen feststellen, nicht bereits eine Gegenbewegung?

«Calanda oder Alvas Antwort» ist nach «Ein Winter in Istanbul» und «Unschärfen der Liebe» der abschliessende Teil meiner Istanbul-Trilogie. Am Anfang war keine Trilogie geplant, sondern nur der erste Teil. Ich war Stipendiatin in Istanbul für fast ein Jahr. Immer wollte ich etwas über Nikolaus von Cues, Cusanus, den mittelalterlichen Universalgelehrten, schreiben. Cusanus war ein früher Lessing, für den der Toleranz-Gedanke prägend war. Er hat in Istanbul bzw. dem damaligen Konstantinopel mit den Dominikanern den Koran diskutiert! Ich finde seine Prosa wunderbar. Er sagt zum Beispiel, wenn sich ein Löwe einen Gott vorstellen würde, hätte der Gott ein löwenähnliches Antlitz, wenn sich ein Adler einen Gott vorstellen würde, dann ein adlerähnliches. Für ihn ist Gott vom Menschen nicht begreifbar. Menschliches Denken und Empfinden kann sich immer nur annähern. Je mehr der Mensch Gott fassen möchte, umso mehr wird sich Gott dem Menschen entziehen.  Als ich in Istanbul mehr oder minder zufällig erfuhr, dass Cusanus im Winter 1437/38 den byzantinischen Kaiser und das Oberhaupt der orthodoxen Kirche auf Galeeren von Konstantinopel nach Venedig begleitet hat – es sollte in Italien ein Konzil geben, auf dem sich die Ostkirche wieder mit der Westkirche versöhnen sollte – da hatte ich den Kern meines Romans. Und da es keine Religionstoleranz ohne die Toleranz in geschlechtlichen Dingen gibt, erfand ich eine Liebesgeschichte zwischen zwei Männern dazu. Cla, der Engadiner Lehrer, und Baran, der Lebenskünstler mit griechischen und türkischen Wurzeln, verlieben sich ineinander und werden ein Paar. Alva, die Verlobte von Cla, akzeptiert diese Liebe und gibt ihn frei. Und verheimlicht Cla zunächst, dass sie ein Kind von ihm austragen wird.

Als der Roman zu Ende war, spürte ich aber, dass ich noch bei den Figuren bleiben wollte. Und so entwickelte sich in den beiden folgenden Romanen eine neue Form von Liebe und Familie. Alva hat am Ende zwei kleine Kinder von zwei Männern, die einmal ein Paar waren und noch ab und an eine Nacht zusammen verbringen. Die aber auf ihre Art zwei verantwortliche Väter sind. Und Alva in Liebe und Freundschaft verbunden sind. Ich glaube, was liberale gesellschaftliche Beziehungsformen angeht, gibt es kein zurück. Gleichgeschlechtliche Ehen sind heute zunehmend akzeptiert, auch offene Familien. Und das ist gut so. Die strenge bürgerliche Kleinfamilie war ja kein Erfolgsmodell.    

© Angelika Overath

Alva provoziert zumindest gedanklich auf ihrem Gang auf den Calanda den Suizid, einen Bergunfall, einen Fehltritt. Nur schon gedanklich tun wir es immer wieder. Was wäre wenn? Davon zehren Schriftstellerinnen. Spielen sie nicht immer wieder mit Fehltritten, Katastrophen?

Vielleicht haben Schriftsteller (bitte entschuldigen Sie, dass ich nicht gendere, ich kann das begründen, aber hier ist nicht der Ort) eine sehr wache Phantasie. Vielleicht leben sie stärker mit dem Tod. Die Krankheit ALS ist im Roman real, aber sie ist auch eine Metapher für unsere Sterblichkeit. Wir wissen, dass wir sterben werden und leben doch oft oder meist so, als seien wir ewig. Auch unsere Berge sind nicht ewig. Aber im Vergleich zu ihnen sind wir ein Hauch. 

In Fritz Zorns autobiografischem Bericht „Mars“, der 1977 posthum veröffentlicht wurde, steht (sinngemäss) der Satz „Das Leben ist eine Krankheit mit tödlichem Ausgang.“ Ein Satz, der eigentlich nur wegen seiner Radikalität erschreckt. Für Alva muss die Auseinandersetzung mit ihrer unabwendbaren Diagnose ähnliche Radikalität auslösen. Wie weit ist ihr Roman der Versuch eines Aufbrechens, eines Bewusstmachens? Oder scheitert Literatur, wenn sie etwas will?

Ich bin keine dezidiert politische Autorin. Aber ich habe eine Haltung. Ich habe schon was zu sagen. Und ich will verständlich sein. Meine Texte sollen Erlebnisqualität haben, den Leser mitnehmen. Wer liest, ist ganz nah an Alva, geht mit ihr zusammen, atmet mit ihr. Ich lege Wert auf sprachliche Intensität. Und sicher will ich manches bewusst machen. Zum Beispiel, dass das Leben kostbar ist. Dass auch ein verletztes Leben kostbar ist. Hier kommt die Grossmutter ins Spiel (unter anderem), die zwar nach einem Hirnschlag reduziert ist, aber für das Kind Alva lebenswichtig war. Diese Kette aus Apfelkernen ist eine Kette aus Apfelkernen. Aber sie ist auch ein Symbol dafür, dass das Kleine kostbar sein kann und dass Sorgfalt vieles, was übersehen wird, wertvoll macht.

Angelika Overath wurde 1957 in Karlsruhe geboren. Sie arbeitet als Reporterin, Literaturkritikerin und Dozentin und hat die Romane „Nahe Tage“, „Flughafenfische“, «Sie dreht sich um», «Ein Winter in Istanbul» und zuletzt „Unschärfen der Liebe“ geschrieben, mit dem sie für den Deutschen Buchpreis nominiert war. Für ihre literarischen Reportagen wurde Angelika Overath mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis ausgezeichnet. Sie lebt in Sent, Graubünden. Zusammen mit ihrem Mann Manfred Koch lebet sie in Sent in Graubünden und betreibt dort neben ihrer Schriftstellerei eine Schreibschule.

Beitragsbild © Heike Bogenberger

Catherine Lovey «Geschichte vom Mann, der nicht sterben wollte», edition bücherlese

Ein leises Meisterwerk. Keine lauten Töne, kein Drama. Selbst die menschlichen Abgründe bleiben verborgen. Zwei Menschen, die sich eigentlich in nichts zueinander hingezogen fühlen. Wenn da das Leben und Sterben nicht wäre. „Geschichte vom Mann, der nicht sterben wollte“ ist eine leise Parabel zu den grossen Fragen der Zeit.

Es scheint eine urmenschliche Wesensart zu sein, die Welt nicht als die nehmen zu wollen, die sie ist. Jedem von uns widerfährt am Schluss des Lebens das gleiche Schicksal. Und doch weigern sich die meisten von uns, das Sterben und den Tod als einen Teil des Lebens zu akzeptieren. Wir leugnen, was unausweichlich kommen wird, leben in einem Zusand permanenter Verdrängung. Dass es Menschen gibt, die selbst dann noch tun, als hätten sie das Leben unter Kontrolle, wenn alle medizinischen Signale Alarm schlagen, ist offensichtlich. Noch so eine menschliche Wesensart; die Vorstellung, es wäre eine Fähigkeit, das eigene Leben zu kontrollieren. Wir hätten alles im Griff. Man müsste es nur anpacken, in die Hand nehmen, agieren, statt bloss immer zu reagieren, wir wären Macher, Vollstrecker einer Absicht, eines Plans.

Sándor wohnt im gleichen Mehrfamilienhaus wie die Erzählerin, auf dem Stockwerk gegenüber. Er ist, oder besser war erfolgreicher Geschäftsmann, viel unterwegs, ein stiller, unauffälliger Nachbar der Erzählerin. So wie meist in den Häusern, in denen man sich nicht kennt, in denen man unter dem gleichen Dach lebt und nichts voneinander weiss. Aber weil Sándor schon lange in dem Haus lebt, er schon lange ihr Nachbar ist, man das eine oder andere in kurzen Gesprächen erfuhr, auch dass er ursprünglich aus Ungarn stammt und sie irgendwann Zeugin wird, wie die Frau, die bei ihm lebte mit einem Koffer das Weite suchte, weil es um den Mann ganz offensichtlich gesundheitlich nicht zum besten stehen schien, beginnt zwischen den so unterschiedlichen Nachbarn eine distanzierte Annäherung.

Catherine Lovey «Geschichte vom Mann, der nicht sterben wollte», edition bücherlese, 2026, aus dem Französischen von Walter Pfäffli, 182 Seiten, CHF ca. 32.00, ISBN 978-3-03981-026-0

Man sucht sich seine Nachbarn nicht aus. Man könnte sich ganz und gar in Ruhe lassen. Was man in der Regel doch auch will. Aber Sándor verwickelt die Erzählerin immer mehr in Gespräche. Nicht nur das. Er wickelt sie in ihr Leben. Ein Leben, das ganz anderen Gesetzen zu folgen scheint, aber nichts desto trotz damit rechnet, dass man auf nachbarschaftliche Hilfe zählen kann. Erst während der Reisen, die der Geschäftsmann immer wieder für Wochen unternimmt, später für die vielen Krankenhausaufenthalte, die dem Mann ans Lebendige gehen, ohne dass er die Tragweite seiner Krankheit anerkennen wollte.

Sie sieht seinen Niedergang, seine fortschreitende Krankheit. Er tut alles, um möglichst lange sein Leben wie das alte aussehen zu lassen. Er verweigert sich ebenso wie er die Hilfe seiner Nachbarin als Selbstverständlichkeit nimmt. Erschwerend noch die Einschränkungen der Pandemie, die Sándor tunlichst als vorübergehende Verdüsterung nimmt, während seine Nachbarin die Katastrophe nicht nur in der Pandemie sieht.

„Geschichte vom Mann, der nicht sterben wollte“ ist wie ein Kammerspiel inszeniert. Sie leben auf dem gleichen Stockwerk in zwei komplett verschiedenen Welten. Nähe ist keine Masseinheit, die sich an messbaren Parameter hält. Wir alle kennen Menschen, die nicht wie wir zu ticken scheinen, deren Interpretationen des Seins sich stets diametral von den unseren unterscheiden, für die ganz andere Regeln und Massstäbe zu gelten scheinen. Catherine Lovey, die mit der französischen Originalausgabe „Histoire de l’homme qui ne voulait pas mourir“ 2025 den Schweizer Literaturpreis erhielt, erzählt unspektakulär und minimal emotional von zwei Polen menschlicher Existenz – und davon, dass es Umstände gibt, die selbst Gegensätze aller Physik zum Trotz zur Annäherung führen können. Catherine Lovey schildert präzise, ohne emotional aufladen zu müssen.

In 45 Bildern wird eine Szenerie, werden Versatzstücke menschlichen Lebens geschildert, die sich im Kleinen mit den ganz grossen Fragen des Lebens auseinandersetzen. Catherine Lovey verzichtet auf alles, was dramatisieren könnte, bleibt so in erstaunlicher Nähe zur Wahrhafigkeit. 

Catherine Lovey tritt vom 26. bis 28. Juni beim Internationalen Literaturfestival Leukerbad auf, ebenso am 1. Juli in der Kantonsbibliothek Thurgau.

Catherine Lovey, 1967 in eine Bergbauernfamilie imVal d’Entremont im Wallis geboren, lebt heute im KantonWaadt. Sie studierte zunächst Internationale Beziehungenund anschließend Kriminologie und arbeitete als Journalistin für Printmedien mit den Schwerpunkten Wirtschaft und Finanzen. Ihren ersten Roman «L’Homme interdit» veröffentlichte sie 2005 im Verlag edition Zoé. Es folgten vier weitere Romane, literarische Reportagen, Essais und Theaterstücke. In deutscher Übersetzung liegt nun ihr jüngstes Werk vor: «Geschichte vom Mann, der nicht sterben wollte», das mit mehreren renommierten Preisen ausgezeichnet wurde, u.a. dem Schweizer Literaturpreis 2025

Walter Pfäffli, geboren 1961 in Kriens, studierte Germanistik, Philosophie und Vergleichende Literatur. Eine Ausbildung in Information und Dokumentation führte ihn an die Schweizer Nationalbibliothek in Bern, wo er seine Leidenschaft für literarische Übersetzungen entdeckte.

Beitragsbild © Ayse Yavas

Hannah Häffner «Die Riesinnen», Penguin

Zwischen provinzieller Idylle und Engstirnigkeit, Fernweh und Verwurzelung schwankt Hannah Häffners Roman «Die Riesinnen». Anhand der Schlaufen, die die Protagonistinnen um ihr Dorf ziehen, wird gezeigt, dass man Heimat nicht findet, sondern sich selbst erschaffen muss.

Drei Frauen – aber nie ohne Männer
Gastrezension: Graziella Tarelli wurde 2002 im Kanton Uri geboren. Seit vier Jahren lebt sie in Basel und studiert Deutsche und Englische Literaturwissenschaft.

In Wittenmoos lebt eine Riesin. Lieselotte heisst sie und hat Haare wie Kupferwolle. Trotz ihres Aussenseiterinnendaseins hat sie sich im Dorfleben der 1960er eingeordnet, zumindest scheint es so. Verheiratet mit dem zukünftigen Chef-Metzger, der aber bald aus ihrem Leben verschwindet, und in Erwartung ihres ersten Kindes, träumt sie sich doch immer wieder aus Wittenmoos weg.

Cora ist ihr Spiegelbild – aber doch ganz anders als Liese. Die Tochter schafft, was die Mutter nie tat – sie verlässt das Dorf für die grosse weite Welt. Ihre Suche nach einer anderen Heimat endet jedoch jäh, als sie unerwartet schwanger wird. Damit landet sie wieder in Wittenmoos, wo sie sich nicht nur in ihrer neuen Mutterrolle zurechtfinden muss. 

Auch die dritte Riesin, Eva, zieht aus, nur um über Umwege wieder ins Dorf zurückzufinden. Anders als bei ihrer Mutter und Grossmutter geschieht diese Rückkehr mit voller Absicht. Gleichzeitig zeichnet sich an ihr die Veränderung im vermeintlich unveränderlichen Kaff ab.

Hannah Häfner «Die Riesinnen», Penguin, 2026, 416 Seiten, ISBN 978-3-328-60433-4

Nach drei Küstenkrimis setzt Hannah Häffner ihren vierten Roman in die Tiefen des Schwarzwalds. Doch ein altbekannter Krimi-Vorwurf hält sich auch hier: Das Personal des Romans hat einen leichten Hang zum Stereotypen – tratschende Hausfrauen und grobe, verschwiegene Männer. Auch die Handlungsstränge sind das, was man von einem Dorfroman erwartet. Deren Schablonenhaftigkeit führt oft dazu, dass Ereignisse in die Handlung hineingeworfen und wieder fallengelassen werden, um bis zum Ende unerklärt zu bleiben. 

Auch die drei Protagonistinnen sind innerlich eher knapp ausgearbeitet, was auch daran liegt, dass die Gespräche mehrheitlich paraphrasiert sind. Der Wandel ihrer Beziehungen zueinander wird so nur vom Text erzählt, ohne dass die Leser:innen sie selbst miterleben könnten. Ihre Ängste und Sorgen bezüglich des Lebens im Dorf sind präsent, weitere Persönlichkeitsaspekte fehlen jedoch, insbesondere bei Liese und Cora. 

Dies führt zum schwersten Defizit des Romans: Das „Drei-Generationen-Porträt grosser Frauen“, welches Doris Knecht, ebenfalls Autorin, auf dem Klappentext verspricht, hangelt sich konsequent an den Männern der Riesinnen entlang. Diese sollen wohl die inneren Entwicklungen der Protagonistinnen spiegeln, ersetzen sie aber tatsächlich komplett. 

So demonstriert Liese gegen den Bau eines Atomkraftwerks, eigentlich um zu schauen, ob die Demo sicher genug wäre für Cora. Aus dieser Aktion bleibt nur die Bekanntschaft mit Richard. Mit Cora spricht sie nicht über ihr Erlebnis, genauso wenig wie die beiden über Coras Erfahrung von sexualisierter Gewalt sprechen. Der Übergriff wird bloss nochmal aufgenommen, um Liese als mutige und starke Frau zu profilieren, die sich nicht davor scheut, den Lehrer für sein mangelndes Eingreifen anzuschreien. Dass sich ihre Mutter so für sie eingesetzt hat, erfährt Cora jedoch erst als Erwachsene. Ob dies nun Symptom der sich nur langsam erwärmenden Mutter-Tochter-Beziehung sein soll, bleibt unklar.

Auch Coras Interrail-Reise, auf der sie eigentlich eine neue Heimat finden wollte, beschreibt eher die verschiedenen Männer, die sie kennenlernt, als ihre Eindrücke von der Welt. Die besondere Verbindung zwischen Cora und ihrer Reisebekanntschaft Mette hingegen – eine Freundschaft, die allein schon deswegen nicht wankt, weil sie nicht mehr wegzudenken ist, seit sie begonnen hat – ist ebenso wenig greifbar wie die Beziehungen zwischen den Riesinnen untereinander.

Selbst Eva ist nicht vor dem Männerfokus gefeit. Sie zieht nach Stuttgart fürs Studium. Bevor wir erfahren, was sie überhaupt studiert, erzählt der Roman von ihren Verhältnissen mit drei verschiedenen Männern. Falls die Autorin damit ein Statement für sexuelle Selbstbestimmtheit machen wollte, geht dies am Ziel vorbei.

Zum Schluss findet der Roman doch nochmal neue Tiefe. Evas bewusste Rückkehr legt die biographischen Schlaufen frei, die alle drei Riesinnen um das Dorf im Zentrum ziehen. Die Leben der Frauen folgen einer ähnlichen Struktur, in der das Heimatgefühl erst durch das Schaffen eines eigenen Raumes eintritt. In dieser zyklischen Darstellung wirkt auch das Ende des Romans – eine vierte Riesin in Evas Bauch – nicht kitschig, sondern zart hoffend auf eine Zukunft, die für jede Generation Neues bereithält.

Dieser Text entstand im Rahmen eines Seminars zur Literaturkritik im Frühjahr 2026 an der Universität Basel unter der Leitung von Daniel Graf (Literaturkritiker beim Republik Magazin).

Hannah Häffner wurde 1985 in Heidelberg geboren. Nach ihrem Studium der Politikwissenschaften begann sie, als Werbetexterin zu arbeiten und sich parallel dazu verstärkt dem Schreiben zu widmen. Heute lebt sie mit ihrer Familie als freie Texterin und Schriftstellerin in der Nähe von Stuttgart.

Beitragsbild © Tanja Kernweiss

Kerstin Hensel «Abendgruss», Luchterhand

„Zwei Erzählungen“ steht auf dem Cover zu Kerstin Hensels neustem Buch. Vielleicht wäre „Doppelroman“ eine bessere Bezeichnung. Auch wenn die beiden Geschichten in unterschiedlichen Zeiten angesiedelt sind, kreisen sie wie Doppelplaneten um den gleichen Kern.

Die eine Geschichte über Wolf Kohlmann, einen jungen Mann in der DDR, der in einer Chemiearbeiterdynastie gross wird. Auch er bleibt in seinem Beruf der Chemie treu, wird Fotograph, belichtet das, was seine Eltern in den Fabriken herstellten, was man dem Knaben und jungen Mann Fotoapparaten mit auf den Weg gab, an Feiertagen, zum Geburtstag, immer wieder einmal das neuste Modell aus DDR-Fabrikation, stolze Erzeugnisse sozialistischer Wertschöpfung. Ein junger Mann, der es nie schafft, im Leben und in der Gesellschaft Tritt zu fassen. Da ist ein Staat im Umbruch, ein System in den letzten Zügen, da fällt die Mauer und nichts ist mehr so, wie es einmal war – und mit Wolf Kohlmann passiert es einfach. Er sieht alles durch sein Okular, ein Blick der Dinge, der nie abbildet, was wirklich ist. So wie sein Blick auf die Welt. Einzige Bezugspunkte in seinem Leben nach dem Tod seiner Eltern sind der Armeearzt Baldur Uphoff, zu dem er sich mehr als freundschaftlich hingezogen fühlt und seine Schwester, die im Haus ihrer Eltern geblieben ist. Während die Bindung zu Baldur Uphoff ein Leben lang fluid bleibt, heftet sich die Schwester wie eine Klette an das Leben ihres Bruders. So sehr sie ihn an sich zu binden versucht, permanent ein schlechtes Gewissen einimpft, so unfähig bleibt sie bis ins Alter, am Leben ihres Bruders teilzunehmen, selbst dann, als sich wider Erwarten Erfolg einstellt und Wolf Kohlmann mit seinem stets etwas anderen Blick zu einem gefragten Künstler wird.

Kerstin Hensel «Abendgruss», Luchterhand, 2026, 3’4 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-630-87772-3

Die andere Geschichte erzählt von Tillandsia Grütz, die ihr Leben in der Praxis ihrer Therapeutin auslegt. Sie erzählt ihr Leben, oder vielleicht das Leben, das eben nicht stattgefunden hat. Schon als Kind missverstanden, gesegnet mit einem unglücklichen Namen. Ihre Mutter, die ordentlich erfolgreich ein Blumengeschäft führt und sich der Hege und Pflege von Tillandsien verschrieben hat, Gewächsen, die auf anderen Gewächsen oder Felsen gedeihen, nicht mit dem eigentlichen Boden verwachsen sind. So wie Tillandsia Grütz, die sich schon als Kind, hochbegabt und von ihren Mitschülerinnen drangsaliert, in ihre ganz eigenen Forschungen stürzt, eine lange Reise nach den Wurzeln des Gähnens. Tillandsia Grütz ist fasziniert vom riesigen Maul des Flusspferds. Auch sie, in der Erzählung in der Gegenwart angesiedelt, ist eine nie Angekommene. Eine junge Frau, die ihre Existenz stets an die rätselhaftesten Figuren klebt, sei es den vier Jahrzehnte älteren ehemaligen Professor des Ingenieurswesens Nickel Hornschuh, zu dem sie eine mehr als toxische Beziehung pflegt, eine Freundschaft zwischen maximaler Anziehung  und immer wieder grassierender Abstossung. Der einzige, der ihr wirklich zur Seite steht, ist ihr schrulliger, lispelnder Wohngenosse, mit dem sie im Alkohol getränkt ein Kind zeugt und ihn damit verliert.

Zwei Leben, die nie ankommen, die aber auch beide nie wirklich reflektieren, was die Gründe sind, dass sie keine Wurzeln im Wirklichen finden, selbst Tillandsia Grütz auf der Couch bei ihrer Therapeutin nicht. Zwei Leben, die sich in Zwängen verwickeln, an denen der Strom des Lebens vorbeizieht, Zombies ihres Schicksals. Kerstin Hensel erzählt mit gekonnter Distanz, nie voyeuristisch, in seltsamer Lakonie. Wären die beiden Erzählungen Bilder, erinnern sie an Porträts in seltsamen Farben, leicht verzerrt, aus der Realität herausgerissen. Was ungemein überzeugt, ist die Leichtigkeit ihres Erzählens, grossartig gemalt, mit breitem Pinsel, mutig. Nicht zuletzt spüre ich als Leser, dass da jemand schreibt, dem es um weit mehr als um die Wiedergabe einer origniellen Geschichte geht. Kerstin Hensel komponiert Sprachmusik. Ich habe mich bezaubern lassen.

Kerstin Hensel wurde 1961 in Karl-Marx-Stadt geboren. Nach ihrer Ausbildung zur Krankenschwester studierte sie am Institut für Literatur in Leipzig. Sie gilt als eine der vielseitigsten und einflussreichsten Vertreterinnen der deutschen Gegenwartsliteratur. Ihr Werk umfasst Lyrik, Romane und Erzählungen. Sie unterrichtet an der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch«. Seit 2024 ist Kerstin Hensel Leiterin der Sektion Literatur der Akademie der Künste Berlin. Bei Luchterhand sind zuletzt erschienen: der Lyrikband »Schleuderfigur« sowie der Roman »Regenbeins Farben«. Kerstin Hensel lebt in Berlin.

Beitragsbild © Susanne Schleyer

Asta Olivia Nordenhof «Das Teufelsbuch», Claassen

Manchmal werde ich gebeten, Lesetipps zu geben. Ich weiss kaum, wem ich „Das Teufelsbuch“ von Asta Olivia Nordenhof empfehlen könnte. Kein Roman zur Entspannung oder Unterhaltung. Einer jener Romane, die um jeden Preis reiben und provozieren wollen. Und trotzdem faszinieren!

Schon der erste Teil ihrer auf sieben Bände angelegten Reihe schlug in ihrem Heimatland Dänemark ein wie eine Bombe. Zum einen, weil Dreh- und Angelpunkt dieser Serie jene Schifffahrtskatastrophe der Scandinavian Star war, bei der 1990 159 Passagiere bei einem Brand ihr Leben verloren. Damals stellte man fest, dass auf dem Schiff fast gleichzeitig mehrere Brände gelegt wurden. Wer Verursacher dieser Katastrophe war, ist noch immer ungeklärt. Kein Wunder, dass sich irgendwann auch die Literatur mit einer möglichen Variante einmischt. Dabei geht es Asta Olivia Nordenhof bei ihrem literarischen Grossprojekt keineswegs um eine Aufarbeitung und Rekonstruktion. Sie mischt Fakten und Fiktion und setzt nun mit dem zweiten Band zu einer allumfassenden Kritik an der Gesellschaft an. In einer Art und Weise, die wehtun will, die provoziert, die manchmal nur schwer auszuhalten ist. Asta Olivia Nordenhof tut schreibend alles, wovor sich die meisten hüten würden; schonungslos wütend, schmerzhaft grell und entblösend. 

Asta Olivia Nordenhof «Das Teufelsbuch», Claassen, 2026, aus dem Dänischen von Ursel Allenstein, 160 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-546-10104-2

Asta Olivia Nordenhof schreibt sich in eine Figur, deren Blick ebenso trocken und nüchtern auf sich selbst gerichtet ist, wie auf ihre unmittelbare Umgebung. Der Blick darüber hinaus ist der Blick auf eine Katastrophe, auf eine Gesellschaft, die sich ganz der Gier verschrieben hat, auf eine Gesellschaft, die sich einzig und allein der Bereicherung verschrieben hat, koste es was es wolle. Liebe ist bloss noch eine ferne Sehnsucht, allenfalls das kurze Glück des Moments. Der Mensch als Individuum ist alles, Mitmenschen kreisen nur noch um das Individuum. Selbst Liebe und Sexualität sind viel mehr Instrument, allerhöchstens Manifestation einer Verunsicherung.

Es ist die Zeit zwischen zwei Coronawellen. Olivia lernt unterwegs einen Mann kennen, von dem sie sich in London für zwei Wochen in dessen Wohnung einladen lässt. Warum nicht auf angenehme Weise aus einer Quarantäne zwei Wochen Zeit schaffen, in denen sie endlich jene Kurzgeschichte aufschreiben kann, die sie schon lange mit sich trägt. Zwei Wochen Zeit mit einem Mann in seinem luxuriösen Appartment hoch über der Stadt London. Mit einem Mann, von dem sie nichts weiss, an dem sie auch nichts interessiert. Zwei Wochen, in denen man Zweisamkeit spielt, Tisch und Bett teilt – und doch bleiben beide in ihrer vom anderen unberührten Bubble.

Olivia schreibet von ihrer Begegnung mit T., einem reichen Mann, der sie wenige Jahre zuvor als Prostituierte nicht bloss für ein paar Stunden kaufte, sondern gleich für eine unbestimmte Zeit, für eine nicht vorbestimmte Anzahl Tage, wie ein Stück einer Staffage. Olivia geht den Deal ein, so wie eine Fallschirmspringerin, die aus dem Flugzeug springt und nicht weiss, ob der Rucksack auf ihrem Rücken wirklich ein Fallschirm ist. Ihre Augen werden verbunden. Sie spürt, wie sie in ein Flugzeug geführt, in einem Hotel von ihren Augenbinden befreit wird. Der Mann legt ihr strickte Regeln auf, mit dem Versprechen, jederzeit aus dem Deal aussteigen zu können. Es beginnt eine Zeit im goldenen Käfig. Im gemeinsamen Bett liegt ein grosses Messer.

Im Roman wechselt sich Prosa und erzählende Lyrik, zwei Stimmen, zwei völlig verschiedene Atmosphären. Da schreibt eine zutiefst Verletzte, eine Versehrte, eine Verwundete, eine um den Glauben an das Gute Beraubte. Eine, die in eine Löwengrube geworfen wurde und sich nur mit spitzen Krallen und markerschütternden Verbalattacken zu wehren weiss. „Das Teufelsbuch“ liest sich wie die Stimme einer in den Wahn Getriebenen. Von unbändiger Kraft. Keine Ahnung, ob ich die Kraft habe, die fünf noch folgenden Bände zu lesen.

Asta Olivia Nordenhof tritt vom 26. bis 28. Juni beim Internationalen Literaturfestival Leukerbad auf.

Asta Olivia Nordenhof ist eine preisgekrönte Lyrikerin und Schriftstellerin. Ihr Roman, «Geld in der Tasche», wurde erstmals 2020 in Dänemark veröffentlicht und gewann den Literaturpreis der Europäischen Union sowie den PO-Enquist-Preis. Zudem wurde es für den Literaturpreis des Nordischen Rates nominiert. Die Veröffentlichung sorgte international für Aufsehen, das Buch wird in sechzehn Sprachen erscheinen. Der zweite Band der Reihe, «Das Teufelsbuch», wurde in Dänemark sofort zum Bestseller.

Ursel Allenstein studierte Skandinavistik und Germanistik in Frankfurt und Kopenhagen. Sie ist Übersetzerin aus dem Schwedischen, Norwegischen und Dänischen von u. a. Sara Stridsberg, Johan Harstad und Tove Ditlevsen. Für ihre Übersetzungen wurde sie vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Jane Scatcherd-Preis der Ledig-Rowohlt-Stiftung.

Beitragsbild © Albert Madsen