Dana Grigorcea «Tanzende Frau, blauer Hahn», Penguin

Bușteni liegt etwas mehr als 130 Kilometer weg von der rumänischen Hauptstadt Bukarest, ein Urlaubsort in den Karpaten. Roxana und Camil treffen sich dort jedes Jahr, vor allem in den Sommermonaten, schliessen Freundschaft, erfahren Liebe, finden sich jedes Jahr, um sich jedes Jahr wieder zu verlieren.

Dana Grigorceas Roman ist eine zarte Liebesgeschichte. Ganz bestimmt jene zwischen Roxana, die mit ihrer grossen Familie jedes Jahr in der Sommerresidenz in Bușteni Ferien macht, und Camil, der in einem kleinen Ferienhaus auf der anderen Seite der Bahnlinie jeden Sommer seine Freundschaft zu ihr erneuert. Aber dieser Roman ist vor allem die Liebesgeschichte an einen Ort, einen Sehnsuchtsort, einen Sommerort, einen Ort der Freundschaft und an jene Zeit nach dem Zusammenbruch der rumänischen Diktatur. Bușteni ist nicht gross. Die Menschen, die sich dort in den Sommerwochen treffen, sind immer die gleichen. Man kennt sich. Und die Bahnhofstrasse, in der sich die Kinder der Familien treffen, auch jener, die das ganz Jahr über dort wohnen, zum El Dorado klassenfreier Freundschaften.

Nicolae Ceaușescu gibt es nicht mehr. Im Vakuum einer neuen Zeit scheint alles abgelegt, was die rumänische Gesellschaft während Jahrzehnten im Würgegriff hielt. Und weil sich Kinder in ihrer Verspieltheit nicht um die Wirren der Politik kümmern, höchstens um das grimmige Gesicht eines Nachbarn, einen bösen Hund und die Frau in der Nachbarschaft, die etwas von einer Hexe hat, spielt man Fussball oder das Erwachsensein, trifft man sich an der Bahnschranke oder streunt in den Wäldern herum. So auch Roxana und Camil, die sich schon früh geschwisterlich verbunden fühlen, die sich das ganze Jahr über auf die Wochen in Bușteni freuen, um dann, wenn es soweit ist und die Familie von Roxana einmal mehr von Bukarest nach Bușteni gefahren ist, mit Erleichterung feststellen, dass fast alles beim Alten geblieben ist, auch wenn sich der Wandel der Zeit bis in die Bahnhofstrasse einschleicht.

Dana Grigorcea «Tanzende Frau, blauer Hahn», Penguin, 2026, 160 Seiten, CHF ca. 30.90, ISBN 978-3-328-60440-2

„Tanzende Frau, blauer Hahn“ ist auch eine Liebesgeschichte an eine Zeit, die Neunziger, in denen sich plötzlich alles zu öffnen schien. Eine Zeit, in der sich nicht nur Kinder auf der Strasse trafen, auch die Erwachsenen. Wo am Gartenzaun Gespräche geführt wurden, wo man in den langen Sommerferien ein Stück Freiheit geniessen konnte, Feste im Garten feierte und Gelegenheit genug hatte, sich die wildesten Geschichten hinter den Mensch auszudenken.

Dana Grigorcea erzählt von diesen Menschen an dieser Strasse, von den einen, von denen kaum etwas verborgen blieb und von jenen, die sich hinter Zäunen und Mauern versteckten. Sie erzählt die Geschichten, die zusammengehalten werden von Roxana und Camil. Einer Freundschaft, aus der eine zaghafte Liebe wird, die es aber trotz allem immer wieder wegzuwischen droht in der Unvermeidbarkeit von Distanzen und Missverständnissen. Die Liebesgeschichte an einer Zeit, die noch viel mehr der Zugewandtheit verschrieben war, als unsere Gegenwart, die von Technik immer mehr beherrscht wird. Einer Zeit der Unmittelbarkeit, der Leidenschaft, die sich Menschen gegenüber zeigt.

Dana Grigorceas Erzählton schwankt zwischen Melancholie und Sehnsucht. Mag sein, dass da auch etwas Verklärtheit mitschwingt. Aber Erinnerung verklärt immer, taucht Erlebtes in ein Licht, das sich ganz eigenartig an den Tatsachen bricht. Man wird seltsam erfasst von dieser Melancholie. Ein zartes, melodiöses Buch, das von genau diesen Strassen, den Wegen zwischen den Menschen erzählt. „Tanzende Frau, blauer Hahn“ ist ein Fächer in dunklen Farben, ein Fächer der Liebe.

Dana Grigorcea wurde 1979 in Bukarest geboren, sie ist Germanistin und Nederlandistin und lebt seit vielen Jahren mit ihrer Familie in Zürich. Die Werke der rumänisch-schweizerischen Schriftstellerin wurden in mehrere Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem 3sat-Preis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb. Ihr Roman «Die nicht sterben» wurde 2021 für den Deutschen Buchpreis nominiert und 2022 mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet. Dana Grigorcea ist Trägerin des rumänischen Kulturverdienstordens im Rang einer Ritterin, 2026 ist sie Kuratorin des Münchner Literaturfests, das unter dem Motto «Freiheit» steht.

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Beitragsbild © Gabi Hirit

47. Solothurner Literaturtage „Im Bunker Frieden“ Ein Mahnen gegen Gewalt

Dass in Solothurn nicht einfach die Literatur und ihre Akteur*innen gefeiert werden, dass etwas vom Geist der Gründungszeiten des Festivals geblieben ist, bewiesen die Solothurner Literaturtage heuer auf eindrückliche Weise. Durch den Umbau des Landhauses, seit Jahrzehnten traditionelles Festivalzentrum, sah sich das Festival zur Alternative gezwungen. Einer Alternative mit Zukunft!

Ohne dass sich das Festival ein Motto gegeben hätte, zog sich ein Thema durch fast alle Veranstaltungen der jährlich stattfindenden Werk- oder Nabelschau der nationalen Literatur; Institutionalisierte Gewalt, Rassismus, Unterdrückung, die Nachwirkungen kolonialer Gewalt, Gewalt gegen Frauen… kaum eine der Veranstaltungen belichtete nicht eine der Facetten einer menschlichen Tragödie, die sich die Öffentlichkeit noch immer nicht in seiner ganzen Breite zu stellen traut. Genau das soll passieren an diesem Festival. So wie die Gründer*innen vor 47 Jahren ein Forum für die aktuelle Literatur im Land schaffen wollten, sollte es ein Ort der Auseinandersetzung, des Austauschs werden. Eine Auseinandersetzung mit Themen und Texten.
Während uns die Fratze der Gewalt aus jeder Ecke des gegenwärtigen Lebens entgegengrinst, heisst es, sich dem Thema zu stellen. Literatur muss und soll ein Ort sein, an dem wir nicht nur konfrontiert werden, sondern eingeladen, sich ganz direkt mit den Auswirkungen von Gewalt auseinanderzusetzen.

Gabriela Wiener, geboren 1975 in Lima, ist eine peruanische Schriftstellerin und Journalistin. Zu ihren Büchern gehören «Nueve lunas» (2009), ein Memoir über Schwangerschaft, und «Sexografías» (2008), eine Essay-Sammlung über die zeitgenössische Sexkultur. Für eine Reportage über Gewalt gegen Frauen wurde Wiener mit dem peruanischen Nationalen Journalistenpreis ausgezeichnet. Ihr Debüt «Unentdeckt» stand 2024 auf der Longlist für den International Booker Prize und wird in 8 Sprachen übersetzt.

Ob das mit der peruanischen Schriftstellerin Gabriela Wiener geschieht, die aus dem spanischen Exil mit ihrem Romandebüt «Unentdeckt» 2024 auf der Longlist für den International Booker Prize stand über koloniale Gewalt, mit Lizzie Doron und ihrem Buch «Wir spielen Alltag. Leben in Israel nach dem 7. Oktober. Leben in Israel nach dem 7. Oktober» über den Terror im eigenen Land, oder mit Yevgenia Belorusets und ihrem Tagebuch «Anfang des Krieges» über den brutalen Angriffskrieg Putins in der Ukraine, oder mit dem Roman von Volha Hapeyeva «Samota. Die Einsamkeit wohnte im Zimmer gegenüber», der sich sinnlich und poetisch mit der politischen Stille in ihrem Heimatland Weissrussland beschäftigt oder auch mit den ganz eigenen und eigenwilligen Auseinandersetzungen der Schriftstellerinnen Nora Osagiobare «Daily Soap» und Regina Dürig «Frauen und Steine», die sich mit ganz persönlichen Gewalterfahrungen auseinandersetzen – die Solothurner Literaturtage boten vielerlei Anlass zu Auseinandersetzung und Diskussion.

Sagal Maj Čomafai, geboren 1995 in Stans, hat Philosophie und Indologie an der Universität Zürich und Literarisches Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel studiert. Seine Texte sind bereits in zahlreichen Zeitschriften erschienen. «Fast nichts all inclusive» (2025) ist sein erstes Buch.

Aber auch in der direkten, unmittelbaren Konfrontation mit Texten. Im Format «Skriptor» diskutieren Autor*innen oder Übersetzer*innen zusammen mit dem Publikum einen in Arbeit befindlichen Text. Dabei geht es nicht wie beim Bachmannlesen in Klagenfurt um das gnadenlose Zerlegen eines Textes, sondern um das Wachsen eines Textes. Reaktionen, Fragen, Anregungen, Reibungen sollen den jeweiligen Testlieferant*innen Möglichkeiten geben, einem Text jene Hefe unterzumischen, der ihn aufgehen und wachsen lässt. Nirgendwo an den Solothurner Literaturtagen kommt man Texten näher wie an diesen Veranstaltungen – gerade eben, weil die vorgelegten Texte noch mitten im Entstehen sind.

Nora Osayuki Osagiobare wurde 1992 in Zürich geboren. Sie hat Literarisches Schreiben in Biel und Wien studiert. Ihr Debütroman «Daily Soap» (2025) wurde an den Solothurner Filmtagen und der Berlinale zur Verfilmung gepitcht. Sie lebt in Zürich.

Wie immer an den Solothurner Literaturtagen fehlen auch die grossen Namen nicht. Marlene Streeruwitz, vielfach ausgezeichnete Autorin, mit streitbaren Meinungen und immer wieder pointierten Aussagen, versuchte sich in einem Gespräch mit Jonas Lüscher zum Thema «Demokratie unter Druck» den Auswüchsen von Populismus und Radikalität zu stellen. Ein schwieriges Unterfangen, wenn ein Gespräch nicht über Behauptungen hinauskommt und die Inszenierung wichtiger scheint als Inhalte. Auch Francesca Melandri, die italienische Autorin, die mit «Kalte Füsse» an die Solothurner Literaturtage kam, war nicht bereit für ein wirkliches Gespräch auf der Bühne. Ihr Auftritt war vielmehr ein Vortrag über die Auseinandersetzung mit dem «Schreiben über den Krieg», die Unmöglichkeit, sich als Unbeteiligte in diesen Schrecken hineinzufühlen und den Versuch, es mit dem Schreiben doch zu tun.

Meral Kureyshi, geboren 1983 in Prizren, kam 1992 mit ihrer Familie in die Schweiz und lebt in Bern. Sie studierte Literatur und Germanistik und arbeitet als freie Autorin. Ihr erster Roman «Elefanten im Garten» (2015) war für den Schweizer Buchpreis nominiert, wurde mehrfach ausgezeichnet und in viele Sprachen übersetzt. «Im Meer waren wir nie» (2025) ist ihr drittes Buch.

Würdig und festlich waren sowohl die Preisverleihung des Solothurner Literaturpreises an Alain Claude Sulzer für sein Lebenswerk und die Verleihung der Schweizer Literaturpreise an Laura Leupi mit «Das Alphabet der sexualisierten Gewalt», Romain Buffat mit seinem Roman «Grande-Fin«, Eva Maria Leuenberger mit ihrem Lyrikband «die spinne », Catherine Lovey mit ihrem Roman «histoire de l’homme qui ne voulait pas mourir», der 2026 auf Deutsch erscheinen soll, Nadine Olonetzky mit ihrer historisch-litauischen Auseinandersetzung «Wo geht das Licht hin, wenn der Tag vergangen ist», Béla Rothenbühler mit seinem Mundartroman «Polifon Pervers«, der schon für den Schweizer Buchpreis 2024 nominiert war und Fabio Andina mit seinem Roman «Sedici mesi» («Sechzehn Monate») – und Fleur Jaeggy, mit dem Schweizer Grand Prix Literatur 2025, einer Grande-Dame der Schweizer Literatur, ausgezeichnet für ein Werk, dessen Strahlkraft weit über Grenzen hinausgeht. Eine Demonstration der Vielfalt schweizerischen Literaturschaffens!

Sunil Mann wurde im Berner Oberland als Sohn indischer Einwanderer geboren. Er hat in Zürich Germanistik und Psychologie studiert, die Hotelfachschule Belvoirpark absolviert und danach zwanzig Jahre lang bei Swiss Airlines als Flugbegleiter gearbeitet. Er schreibt Kriminalromane, Romane, Erzählungen, Kinder- und Jugendbücher sowie Hörspiele fürs Schweizer Radio. Für sein Werk wurde er vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit einem halben Werkjahr der Stadt Zürich.

Wäre Peter Bichsel im März 2025, eine Woche vor seinem 90. Geburtstag, nicht gestorben, hätte man den «Meister der kurzen Form» gefeiert. Er wäre unter einem der Sonnenschirme vor dem Restaurant Kreuz gesessen, umgeben von seinen Freunden, jenen, die ihm geholfen hätten, den beschwerlich gewordenen Weg unter die Füsse zu nehmen. Man hätte ihm gratuliert und er hätte abgewinkt, so wie ihm eine grosse Feier zuwider gewesen werde. Er hätte je nach Tageszeit vielleicht einen Roten getrunken und manchmal gedankenverloren über die Schulter seiner Gegenüber geschaut.
Trotzdem war Peter Bichsel da. Und zwar nicht nur an der rührenden Gedenkveranstaltung mit Peter Stamm, Guy Krneta, Kay Matter, Flurina Badel
dem Musiker Daniel Woodtli. Seit ein paar Monaten und während der Literaturtage permanent besetzt, befindet sich an der Schaalgasse 4 in Solothurn, zehn Atemzüge entfernt vom Restaurant Kreuz, für Bichsel zeitlebens ein Dreh- und Angelpunkt seines Lebens, das Büro Bichsel. Ein einziger Raum, in dem der Geist Bichsels weiterlebt und weiterschreibt, nicht nur seine Schreibmaschine im Schaufenster. Sein Leben pulst weiter, in seinen Büchern, die im Suhrkamp Verlag einen guten Hafen gefunden haben, im Büro Bichsel, dass nicht nur erinnert, sondern Ausgangspunkt für ein mobiles Bichsel-Museum ist. Aber es pulst auch weiter im Festival selbst, war Peter Bichsel doch 1978 Initiant des Festivals, zusammen mit vielen anderen. Gut, dass dort, im Herzen der Stadt Solothurn, Peter Bichsel seinen Platz hat. «Es gibt einen Verein namens Büro Bichsel, was die genau machen, weiss ich nicht. Aber es sind gute Leute, sie dürfen.» Peter Bichsel in der NZZ am Sonntag, 19.1.2025.

Danke! Solothurn war ein Fest! Durch und durch gelungen!

Zeichnungen © Charlotte Walder / literaturblatt.ch
Beitragsfoto © fotomtina