Auf einer gemeinsamen Reise kommen sich zwei Frauen näher, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Und neben den ganz großen Fragen bleibt am Ende vor allem eines: ein unbefriedigendes Gefühl.
Mutterschaftsurlaub
Gastrezension: Anna-Lia Käslin-Tanduo kam von der Elbe an den Rhein und studiert nun in Basel Literaturwissenschaft. Am liebsten beschäftigt sie sich mit Fragen zur Erzähltheorie und Mutterschaftsdarstellungen in der Kunst.
Ein Roman über Mutterschaft. Noch einer. Brauchen wir das?
Diese Frage kann man sich stellen, wenn man Dita Zipfels Buch «Es ist hell und draußen dreht sich die Welt» vor sich hat. Denn darum geht es, genauer gesagt um zwei Frauen: Eva, die schon Mutter ist, und Linn, die es noch werden soll. Zusammen mit ihren Partnern Felix und Matze und den beiden Kindern von Eva und Felix verreisen sie an die Côte d’Azur. In einen Luxusbungalow, der so ist, wie man sich Luxus vorstellt: Alles ist weiß und poliert, der Boden glänzt. Nach dem Urlaub werden Linn ihre befruchteten Eizellen eingesetzt, und dann bekommen sie und Matze endlich auch ein Kind. So weit der Plan.
Doch das erste Problem ist schon der Bungalow, das Ufo aus Glas wird nämlich von Felix bezahlt. Er bezahlt auch den ganzen Urlaub, denn Felix ist reich. Und das stört Linn. Sie mag Felix eigentlich nicht, und noch weniger die perfekte Eva. Aber Matze und Felix sind Jugendfreunde und so muss sich Linn ihrem Schicksal ergeben.
Etwas uninspiriert kommt dieser Plot daher: eine Gruppe auf engem Raum, Konfliktpotenzial inklusive. Auch die Figuren sind nicht gerade originell. Felix ist zwar erfolgreich, auf der Suche nach ständiger Optimierung aber nicht glücklicher als alle anderen. Und die normschöne Eva, die sich bewegt als würde ein Wind sie tragen, ist in Wahrheit auch unsicher und überfordert. Linn und Matze sind die Normalos, nicht unglücklich im Leben, aber perfekt ist es eben auch nicht.

Spannend verspricht es zunächst zu werden, als die beiden Frauen sich annähern. Da gibt es zuerst ein erotisches Knistern, das sich aber nicht recht entwickelt und deshalb irgendwie fehl am Platz wirkt. Trotzdem werden die beiden Verbündete, vapen heimlich zusammen und werfen sich verschwörerische Blicke zu. Und sie spielen gemeinsam Wahrheit oder Pflicht, was aber aufregender klingt, als es dann letztendlich ist. Die Beziehung der beiden dient vor allem dazu, auszuhandeln, worum es im Roman geht: Was es heißt, Mutter zu sein. Vor allem Linn fragt sich dabei, ob sie das wirklich kann. Und Eva gibt zu, dass eben nicht alles so perfekt ist, wie es scheint.
Das klingt alles nicht neu und macht über weite Strecken auch nicht wirklich viel Spaß. Eva und Linn zeigen immer wieder, dass Frauen zu ihren Körpern ein schwieriges Verhältnis haben. Der Roman startet damit aber keinen Überwindungsversuch, sondern festigt traurige Tatsachen. Denn Eva und Linn bewerten den weiblichen Körper mit Blick auf Mutterschaft rigoros: vorher gut, nachher schlechter. Wer kann, sollte das Nachher im Vorher noch so gut es geht beeinflussen. Zum Beispiel durch einen Kaiserschnitt, dann bleibt wenigstens der Beckenboden heil. So zumindest lautet Evas Empfehlung an Linn. Ein zweifelhafter Rat, den der Roman aber nicht weiter hinterfragt.
Und so verläuft vieles nur an der Oberfläche. Das ist auch nicht verwunderlich, denn neben der Beziehung zwischen Linn und Eva gibt es zahlreiche weitere Schauplätze: Da sind die ständigen Konflikte zwischen Felix und Linn, die Freundschaft von Felix und Matze, die Geschichte von Latifa, die für die Reinigung der Ferienhäuser zuständig ist. Es wird geklaut, geschimpft, gelogen und der Bungalow wird am Ende zum Bunker. All das wirkt zusammen wie ein buntes, grelles Bild, in dem alles wichtig ist, aber nichts so richtig zu Geltung kommt.
Romane über Mutterschaft brauchen wir weiterhin, unbedingt. Denn nur so bleiben wir über Care, Rollenbilder und alles damit Verbundene im Gespräch. Aber vielleicht nicht gerade so.
Dieser Text entstand im Rahmen eines Seminars zur Literaturkritik im Frühjahr 2026 an der Universität Basel unter der Leitung von Daniel Graf (Literaturkritiker beim Republik Magazin).
Dita Zipfel, 1981 in Kiel geboren, schreibt Theaterstücke, Drehbücher, Essays und Literatur. 2020 wurde sie für ihren Jugendroman «Wie der Wahnsinn mir die Welt erklärte» unter anderem mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Ihre Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Sie schreibt Geschichten, die ein bisschen wie Filme sind, vielleicht, weil sie sich das Erzählen im Kino ihres Opas beigebracht hat.
Beitragsbild © Jacintha Nolte/Insel Verlag.
