«Das Leben ist eine wunderschöne Katastrophe.» – über «Bis die Bären tanzen» von Michael Hungentobler (31)

Einmal nahm Mira sein Gesicht in beide Hände, schaute ihm tief in die Augen und fragte: «Wo bist du Cob?», und er stampfte auf den Boden, fuchtelte mit den Fäusten und stolzierte davon. Ein ganzes Jahr lang bewohnten sie zwar denselben Planwagen und schliefen auf derselben Pritsche, schafften es aber, sich tagsüber aus dem Weg zu gehen.

Lieber Gallus

Beim Lesen dieses Buches eröffnet sich mir ein weltumspannender Kosmos. Michael Hugentobler erzählt bildhaft und farbig die Geschichte einer deutschen Familie, die am Vorabend des zweiten Weltkriegs im Appenzellischen lebt.
Gestern bin ich dem Autor in der Buchhandlung Untertor in Sursee bei einer gut besuchten Lesung begegnet. Glücklicherweise, da ich die Hauslesung mit ihm bei dir in Amriswil Mitte September wegen meiner Arbeit im Hospiz Zentralschweiz nicht besuchen kann. Der sympathische Autor hat sehr persönlich erzählt, wie dieses Buch über mehr als 20 Jahre entstanden ist, wie er langsam in seinem Kopf entstehende Fragmente auf einer grossen Pinwand sammelte und zusammenfügte. Vieles gründet auf direkt Erfahrenem und Erlebtem. Nach 13 Jahren als Weltreisender und der Arbeit als Reporter und Journalist hat Michael Hugentobler in der Schweiz eine Familie gegründet, wurde Vater von zwei schulpflichtigen Buben und setzte seinen Jugendtraum um, Romane zu schreiben.

Das Leben ist eine wunderschöne Katastrophe, und natürlich dürfen wir es mit Schweigen überdecken. Wir schützen uns so, wir können uns selber besser ertragen. Aber wenn es keine Vergangenheit gibt, gibt es auch keine Zukunft, es gibt dann nur das Jetzt.

Das Cover von «Bis die Bären tanzen» zeigt ein altes Familienfoto, das, wie wir auf den ersten Seiten erfahren, zuoberst auf einer Kiste liegt, welche die Mutter Elfie nach einem Sturz aus dem Keller holt. Ich lerne die Familie mit deren Eltern und den vier Kindern kennen, die sich später auf der Suche nach Freiheit und Liebe aufmachen vom Appenzellerland bis nach Brasilien, nach Deutschland im Zweiten Weltkrieg und nach Australien. Die Lebenswege von Belle, Anna, Cob und Elfie könnten unterschiedlicher nicht sein. Packend und lebensnah erfahren wir, wie sie in den verschiedenen Ländern ihr Glück suchen. Mir gefällt, wie Michael Hugentobler seine ProtagonistInnen gestaltet und an den verschiedensten Orten auf der Welt auftreten lässt, er nimmt mich mit nach Brasilien, Australien und Tasmanien (oder Feuerland im zweiten Roman). Ich spüre, dass der Autor kennt, was er beschreibt.

Als der erste Winter kam, hatten wir Maniok und Mais vom eigenen Land, dazu Reis und Bohnen aus den mitgebrachten Vorräten und unsere drei kleineren Räume, die wir heizen konnten, denn die Temperatur fiel nun öfters auf null Grad.

Autorenfoto © Markus Kirchgessner

Vieles schwebt und bleibt offen, erst auf den letzten Seiten tanzen die Bären.
Du hast richtig getippt, dieser Roman hat mir vergnügliche Stunden bereitet. Ein funkelnder Familien- und Abenteuerroman, Unterhaltung im besten Sinne. Angeregt durch das Gespräch bei der Lesung habe ich «Feuerland» mit ebenso grossem Genuss gelesen.

Herzlich
Bär

NB: Zum Schweizer Buchpreis 2026 kann ich, da mir die Übersicht über die aktuelle Schweizer Literatur fehlt, nicht Stellung nehmen. Ob Lukas Bärfuss mit «Königin der Nacht» nochmals nominiert wird?

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Lieber Bär

Ha, wusste ich es doch, dass dich das Buch packt, weil Michael Hugentobler eine ganz besondere Fähigkeit des Erzählens beherrscht. In einem Interview erzählte er, er habe in jungen Jahren zusammen mit seiner Mutter seine Grosstante in Australien in einem Altersheim besucht. Sie habe von der Geburt ihres Sohnes erzählt, allein in einer windigen Hütte im Irgendwo eines Dschungels. Während der Geburt sah sie eine riesengrosse, schwarze Schlange an der Decke jener Hütte. Ein Bild, das geblieben, das der eigentliche Anfang dieses Romans gewesen sei. Michael Hugentobler, als junger Mann herumgekommen auf der ganzen Welt und als Journalist gesegnet mit einem ausnehmend wachen Auge, erkennt die möglichen Geschichten hinter Bildern, die andere nur zur Kenntnis nehmen. Er spinnt den Faden dort weiter, wo er bei andern reisst oder franst. Und wenn man wie du das Glück hat, dem Erzähler auch real zu begegnen, staunt man über seinen wachen Blick. Jener wache Blick mit dem er jetzt, mit Familie, grenzenlos reist.

Schon sein erster Roman war so ganz anders wie die Debüts sonst, mit denen sich neue Namen zaghaft auf die Literaturbühne wagen. In «Louis oder Der Ritt auf der Schildkröte», dem ersten Roman, erzählt Michael Hugentobler die seltsame und abenteuerliche Geschichte eines Mannes, der sich neu erfand; In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts „verabschiedet“ sich Hans Roth aus dem schweizerischen Schöndorn, um 1898 als Louis de Montesanto in London weltberühmt zu werden mit seiner sensationellen Lebensgeschichte. Michael Hugentobler zeichnet aber nicht einfach die Lebenssituationen eines Sonderlings nach. Er stellt Fragen, die nicht nur der Literatur gestellt werden, sondern dem Leben, der „Wahrheit“.

In «Feuerland» erzählt Michael Hugentobler von einem argentinisch-britischen Missionar am südlichsten Zipfel Südamerikas. Im 19. Jahrhundert reist Thomas Bridges zu den Yámanas und wird zu einem akribischen Erforscher ihrer Sprache und damit zu einem unermüdlichen Kämpfer um das Erbe dieses zum Verschwinden verurteilten Volkes. Mit «Feuerland» war Michael Hugentobler für den Schweizer Buchpreis 2021 nominiert. Dass er ihn damals nicht gewann, hat mit der literarischen Wucht der Preisträgerin zu tun, mit Martina Clavadetscher und ihrem Roman «Die Erfindung des Ungehorsams». Michael Hugentobler offenbarte in «Feuerland» das Geheimnis, wenn man für einen kurzen Augenblick im Licht einer untergehenden Sonne, einer verschwindenden Welt steht.

Ich freue mich, wenn Michael Hugentobler bei uns im Wohnzimmer mit einer Runde «Eingefuchster» diskutieren wird.

Schweizer Buchpreis? Im September werden die 5 Namen bekannt gegeben. Es gäbe einige Namen. Ich würde mich wundern, wenn Lukas Bärfuss nicht dabei wäre. Auf jeden Fall freue ich mich auf die Briefwechsel mit dir über die 5 Namen.

Gute Lektüren!
Gallus

Michael Hugentobler, 1975 in Zürich geboren, arbeitete nach der Schule als Postbote und bereiste dann dreizehn Jahre lang die Welt. Heute ist er freischaffender Romanautor und Reporter. 2018 erschien sein Debütroman «Louis oder Der Ritt auf der Schildkröte», sein zweiter Roman «Feuerland» wurde 2021 für den Schweizer Buchpreis nominiert. Er lebt mit seiner Familie in Aarau/Schweiz.

mehr von und über Michael Hugentobler auf literaturblatt.ch

Michael Hugentobler «Bis die Bären tanzen», dtv

Wie kaum ein anderer in der CH-Literatur malt Michael Hugentobler mit vielen Pinseln auf grosser Leinwand. Was der Autor an der Grenze zwischen Fiktion und Realität in Buchdeckel bannt, ist grosse Erzählkunst vereint mit der Leidenschaft fürs Detail.

Die aus Deutschland stammende Familie Leiber wohnt in Heiden, im Kanton Appenzell Ausserrhoden, einem Kurort hoch über dem Bodensee und dem Rheintal. Um die Bande in die alte Heimat nicht ganz abbrechen zu lassen, verbringt die Familie die Sommermonate jeweils im 180 Kilometer entfernten Heidenheim bei der Familie Hirsch, im Süden Deutschlands, nicht weit von Memmingen. In unbeschwerten Wochen tummeln sich die Kinder, bis sich der Himmel mit dem ersten Weltkrieg zu verdunkeln beginnt und die Bande nach Deutschland zu reissen drohen. Zum Beispiel jene Freundschaft zwischen Isabelle, von allen nur Belle genannt, und Baron, dem Sohn der Künstlerfamilie Hirsch, einer Familie, die sich der Kostüm- und Kulissenkunst verschrieben hat und in einer grossen Scheune im Ort eine Welt in der Welt erschaffen hat. Belle und Baron wachsen wie Geschwister auf, schreiben sich auch in den Wirren des Krieges weiterhin Briefe, schwören sich ewige Freundschaft, bis auch der Ton in den Briefen immer sachlicher wird und das Band reisst. Mutter Leiber tut neben ihrem an Alkoholismus verfallenen Ehegatten alles, um in der Schweiz eine Einbürgerung zu erwirken, ein Ansinnen, das mit zunehmendem Kriegsgeschehen und mit den Vorurteilen der Einheimischen nicht einfacher wird.

Nur zwei winzige Buchstaben entscheiden über Finden und Erfinden.

Belle, deren Träume vom Liebesglück zerschlagen werden, «reisst» sich zusammen, heiratet, um nicht für immer ledig zu bleiben, lässt sich von den Versprechungen einer Auswanderungsagentur einwickeln, fährt mit Schiff und Ehemann nach Brasilien, wo man etlichen Auswanderern ein Stück Land verspricht, ein zweites Stück Heimat, einen Acker und ein Haus, eine Zukunft als Siedler. Ein nächster Traum, der in den feuchten Tiefen des Urwalds beinah vom Wahnsinn gefressen wird.

Michael Hugentobler «Bis die Bären tanzen», dtv, 2026, 352 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-423-44869-7

Anne, die ältere Schwester von Belle, die mit einer Pfefferschote zwischen den Zähnen zur Welt gekommen sei, die nichts von der Enge des Appenzellerlandes hält, die in permanentem Kampfmodus zu leben scheint und sich mit revolutionärer Lektüre füttert, bricht ebenfalls in die Ferne auf, bevor sie sich der Enge, den Traditionen und Gottgewolltem, dem Leben als Untertänige, als Serviererin, ergeben muss, nach einer wahren Odysse nach Australien. Dort packt sie selbstbewusst ihr Leben, adopiert den Sohn eines Anachistenehepaars, schwimmt an der Seite eines Finanzmarktspezialisten im Geld, einem Mann, dessen Herz eher rattert wie eine Rechenmaschine.

Jakob, Cob, der einzige Sohn der Familie, beginnt mit Glück, trotz zunehmender Wirtschaftskrise, eine Arbeit in einer Eisengiesserei in Rorschach am Bodensee, genau das Richtige für ihn, der seine Muskeln als einziges Kapital einer unsicher gewordenen Zukunft sieht. Erst recht, als der besoffene Vater seine sonst versteckte Luger auf ihn richtet und abdrückt und der Katastrophe nur entkommt, weil seine Mutter längst die Kugeln aus dem Magazin entfernt hatte. Cob bricht mit seinen Eltern, lernt eine Zirkusschönheit kennen, mit der er durch die Lande tingelt, bis auch er von der Realität wie Ikarus vom Himmel geholt wird.

Nur Elfriede, kurz Elfie, bleibt zuhause, wie Ehefrau und Mutter, die Mutter von Constantin, dem eigentlichen Erzähler dieser ausufernden Geschichte, eines Historikers. Constantin ist jahrzehntelang der Überzeugung, der Spross einer völlig langweiligen Familie zu sein, auch wenn es in den Erzählungen seiner Grossmutter die verrücktesten Geschichten gibt. Bis ein Sturz eben dieser Grossmutter, Mamme Lieber, den Damm endgültig zum bersten bringt und Constantin nicht nur von Berufes wegen zwingt, sich auf die Suche nach den tatsächlichen Geschichten zu machen.

Kennen sie die Geschichte ihrer Grosseltern? Kennen sie sie wirklich? Gar ihrer Urgrosseltern? Oder verfallen auch sie dem kollektiven Irrtum, der institutionalisierten Langeweile, einer kleinbürgerlichen, steinernden Ordnung entsprungen zu sein? Oder geistern Geschichten, Ahnungen, Unausgesprochenes, Geheimnisse in ihrer Familie, ihrer Sippe herum? So wie Baron, der Spross einer Maskenkünsterfamilie die Wirklichkeit zu verstecken weiss, so schafft Michael Hugentobler ein Panoptikum schillernder Existenzen, die sich in den Strudeln des letzten Jahrhunderts zu halten versuchen. Ein Buch überbordender Fantasie, geschrieben von einem Mann, der davon überzeugt ist, dass die Realität von der Fantsie kaum zu überbieten ist. Ein literarischer Leckerbissen, der funkelt und fasziniert, der einem sprachlos macht angesichts seiner Dichte und Kunstferigkeit. Ein literarisches Fries, das sich fast um den ganzen Globus spannt, ohne dabei künstlich zu wirken. Ein kolossales Stück Literatur, genau das Richtige, um in den Weiten der Fantasie abzutauchen! Was für ein Buch!

Das Leben ist eine wunderschöne Katastrophe, und natürlich dürfen wir es mit Schweigen überdecken.

Michael Hugentobler, 1975 in Zürich geboren, arbeitete nach der Schule als Postbote und bereiste dann dreizehn Jahre lang die Welt. Heute ist er freischaffender Romanautor und Reporter. 2018 erschien sein Debütroman «Louis oder Der Ritt auf der Schildkröte«, sein zweiter Roman «Feuerland» wurde 2021 für den Schweizer Buchpreis nominiert. Er lebt mit seiner Familie in Aarau/Schweiz.

Beitragsbild © Markus Kirchgessner