Die Siegergeschichte der Kategorie B: 3. und 4. Klasse

Der Mann mit dem braunen Kittel

Es ist neun Uhr abends im Dezember. Leon und Steve laufen auf der Dark-Street der grossen Stadt New York nach Hause. Plötzlich steht ein Mann vor ihnen. Er hat einen braunen Kittel über den Schultern. Die Kapuze verdeckt sein Gesicht. In der Hand hat er eine Sense mit einer schwarzen Klinge. Leon und Steve erstarren und bleiben stehen mit offenem Mund. Der Mann streckt die Sense verschwörerisch in die Höhe. In diesem Moment ändert das Wetter und Blitze fallen wie Regen vom Himmel. Leon und Steve stürzen zu Boden und werden ohnmächtig.

Eine Stunde später öffnen sie die Augen: „Wo sind wir?“, fragt  Steve verschlafen und reibt sich den Kopf. „Ich denke in einem Schacht unter der Erde. Siehst du, es ist so feucht und dunkel“, gibt Leon zur Antwort. Steve meint: „Könnte doch auch eine Höhle sein. Wo ist nur der beängstigende Mann mit der Sense?“ Beide schauen um sich. Nach einer Weile haben sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt und Leon entdeckt eine Tür. Die beiden stehen auf und gehen zur Tür. Leon will sie öffnen, aber sie bleibt verschlossen. Entmutigt setzen sie sich wieder auf den Boden. „Wir können nichts tun, als hier zu warten.”, meint Leon. Es dauert nicht lange, da öffnet sich die Tür und zwei Männer mit den selben braunen Kitteln kommen herein. Sie bringen etwas zu Essen, sagen keinen Ton und gehen wieder. Hungrig machen sich die beiden Jungs über das Essen her. Es schmeckt ihnen gut. Das Guckloch der Tür öffnet sich und ein düsteres Augenpaar schaut hinein und eine tiefe Stimme fragt: „Seid ihr mit dem Essen fertig?“ Steve antwortet: „Ja danke, wir sind fertig, aber was soll das alles eigentlich, wir haben nichts getan!??“ Wieder die tiefe Stimme des Unbekannten: „Das geht euch einen feuchten Scheiss an. Ihr werdet es genug früh erfahren. Es gibt immer einen Grund.“ Er knallt das Guckloch zu und öffnet die Tür, um den leeren Teller zu holen. Diese Gelegenheit nutzt Leon und rast auf die Tür zu, geschickt an dem Mann vorbei, schnappt sich das Maschinengewehr, welches an der Aussenwand steht und bedroht damit den Wächter. Aber der flinke, muskulöse Mann packt Steve und hält den verdatterten Jungen zum Schutz vor sich hin. Weil Leons zittriger Finger schon auf dem Abzug der Waffe liegt, drückt er automatisch ab und schiesst seinem Freund in den Oberschenkel. Auch der Wächter hat einen Streifschuss am Arm und lässt vor Schmerz den Jungen los. Leon drückt erneut auf den Abzug, um den Mann zu erschiessen. In diesem Augenblick wird er von hinten in das Knie gekickt von der zweiten Wache, so dass er das Gleichgewicht verliert und mehrere Löcher in die Decke schiesst. Der andere Wächter packt die Jungen und stösst sie unsanft wieder in den Raum. Geschickt schliesst er diesen ab. Erneut sind die Beiden gefangen.

Glücklicherweise haben Passanten die Schüsse gehört und alarmieren die Polizei. Da die Jungen vermisst werden und die Kriminalpolizei schon auf der Suche ist, sind sie schnell am Tatort. Durch die Schusslöcher in der Decke des Raumes hören die beiden Freunde die Sirene. Sie schreien und rufen so laut sie können. Die Verletzung von Steve schmerzt, aber er möchte gefunden werden. Sie haben Erfolg und werden gefunden. Auch ein Krankenwagen ist zur Stelle. Die Polizisten bergen die beiden Jungen aus dem Schacht. Beide werden ins nächste Krankenhaus gefahren und dort behandelt und untersucht.

Steve muss zwei Nächte bleiben und Leon ist dankbar, dass sein Freund wieder gesund wird und er ihn nicht verloren hat.

Am nächsten Tag kommt die Polizei ins Krankenhaus, während Leon Steve besucht. Sie nehmen alle Aussagen der Beiden auf und erzählen von ihrem grossen Erfolg. Gestern Abend haben sie eine Bande junger Männer, die schon lange gesucht werden, verhaftet. Die Gang nennt sich «bown boys» und ihr Ziel ist es, Unschuldige zu  verängstigen oder sogar zu foltern. Dankbar schliessen sich die beiden Freunde in die Arme. „Schön, dass wir uns nicht verloren haben und davongekommen sind“, sagt Leon zu seinem verletzten Freund.

Tim Ayan Schnyder, 4. Klasse

© leafrei.com

Laudatio zu „Der Mann mit dem braunen Kittel“ den Siegertext von Tim Ayan Schnyder in der Kategorie B 

«Tim wählt für seine Geschichte Motive und Szenarien, die man aus Filmen und Games zwar kennen mag, er schafft es jedoch, eine eigenständige spannende Geschichte zu erzählen. Mit gut gezeichneten Figuren und einem in sich stringenten Handlungsverlauf. Tim erzählt detailtreu und ohne Abkürzung und greift das Wettbewerbsthema zum Schluss nochmals geschickt auf.»
Katja Alves, Schriftstellerin, Jurymitglied

Die 20 besten Geschichten werden in einem Büchlein abgedruckt, dass ab Mitte Juni bei der Schulverwaltung Amriswil käuflich zu erwerben ist.

Jury für den Schreibwettbewerb 2020/2021 :

Katja Alves, 1961 in Coimbra, Portugal geboren. Verfasserin von Radiotexten und Hörspielen, Romanen, Sachbücher für Kinder und Erwachsene. Daneben arbeitet Katja Alves arbeitet sie als leitende Lektorin für den NordSüd Verlag. katjaalves.ch 

Jens Steiner, 1975 in Zürich geboren, schreibt seit zwölf Jahren Bücher für Erwachsene und Kinder. Seit Kurzem lebt er an der deutschen Ostseeküste. jenssteiner.ch

Urs Bader, Lic. phil. I Universität Zürich. Von 1984 bis 2019 Redaktor beim St.Galler Tagblatt, lebt in Amriswil.

Gallus Frei-Tomic, 1962 in St. Gallen geboren, Primarlehrer in Amriswil, Literaturvermittler und seit 2020 Programmchef im Literaturhaus Thurgau. literaturblatt.ch 

Illustration © leafrei.com

Walle Sayer … lesen und staunen

Per Zufall entdeckte ich Walle Sayers Texte auf einem Blog mit literarischen Alltagsbetrachtungen. Da schreibt er über eine späte Heimfahrt nach einem Rockkonzert übers süddeutsche Land, bezeichnet Autobahnen als Krampfadern – und mir war die Landschaft, auch die sprachliche, sofort vertraut.

Gastbeitrag von Alice Grünfelder

Walle Sayer lebt und schreibt in Horb, kam nach diversen «Kneipensemestern» in einer selbstverwalteten Kneipe – «Studium des Lebens», nennt Walle Sayer diese Zeit – übers Lesen zum Schreiben, zu Gedichten als Gegenwelt zu seiner Kaufmannslehre in einer Bank, später engagierte er sich in der Friedensbewegung. Er spielte das Grosse im Kleinen durch, die ersten Bücher, so sagt er in einer online-Lesung im April 2021, waren ungelesen, ungesehen, sagt aber auch, dass er diesen Schonraum geschätzt habe, in dem er sich entwickeln konnte, unterstützt von gelegentlichen Stipendien, die «schon wichtig» waren.

Ich beginne mit der Lektüre «Beschaffenheit des Staunens» und stosse erneut auf vertraute Bilder von Mofarockern und Jugendlichen auf einem «Verlassenheitsareal, auf dem man nur Fehlzeiten verbringen kann. Von den Jugendversehrten, die sich untereinander mit Stummelsätzen verständigen, erzählt einer nebenbei, dass die Mutter gestern im Suff sein Sparschwein aufgebrochen habe. (…) Als von irgendwoher (…) der Wortführer hallend gerufen wird, dreht der einfach das dröhnende Gerät weiter auf, bis zum scheppernden Anschlag.» 

Walle Sayer «Mitbringsel», Klöpfer Narr, 122 Seiten, CHF 29.90, ISBN 978-3-7496-1011-2

Wie Walle Sayer fern von jedem Pathos Landschaften und Alltagsmomente beschreibt, ist mir indes neu, diesen Ton aus der Provinz habe ich so noch nie gelesen und werde fortan an keinem Holzschopf mehr vorbeigehen können, ohne an Walle Sayer zu denken, der in seiner archäologisch angelegten Prosaminiatur «Betrachtung» übereinandergeklebte Plakate von Dorfversammlungen, Verkaufsmessen, Sichelhenkeln und damit einen Flickenteppich von Triumpf und Vergänglichkeit beschreibt. So könnte ich weiter staunen und schreiben über seine lakonischen Notate zum Beispiel über Menschen und ihre Liebe: «Die beiden fangen ein Vierecksverhältnis an mit den Bildern, die sie sich voneinander machen.» In solchen Zeilen zeigt sich der Meister der Kürze oder, wie Denis Scheck es treffend sagt, ein Misstrauen gegenüber jeder Ausführlichkeit. In dem Band «Mitbringsel» treibt er es damit auf die Spitze, indem er Wörter aneinanderreiht, die er oder sein Lektor gestrichen haben.

Seine leichte Sprache entfaltet eine starke Wirkung, das Hingetuschte wirkt bei Walle Sayer keineswegs leicht, das Leben und Sterben ist es gleichermassen nicht, denn „die Kehrseite der Kehrseite ist noch lange nicht die Vorderseite.“ So notiert er es in einem nicht ganz ernst gemeinten Sitzungsprotokoll.

So kann nur einer schreiben, dem „Wachsein vor dem Aufsein“ eingeschrieben ist in ein Leben abseits der Metropolen, der nach Wortkrumen in seinem Dialekt sucht wie ein Archivar, und diese Wörter so behutsam einsetzt, des Klanges wegen oder auch nur, wenn es kein anderes adäquates gibt, dass sie aufleuchten statt abzustossen. Und nein, er schreibt nicht über sich selbst, stülpt nicht das Innen ins Aussen, sagt stattdessen: «Wohl bietet die eigene Biografie Material, aus dem man schöpft, aber man muss nicht über sich selbst schreiben.» Vielmehr sucht Walle Sayer im Alltag nach einem «Tagesleck», das er mit einem Satz abdichten will, damit es nicht im Alltagsrauschen untergeht, so erklärt er sein Schreiben.

Walle Sayer «Nichts, nur», Edition Klöpfer, 2021, 240 Seiten, CHF 40.90, ISBN 978-3-520-75501-8

Der Verlag schenkte Walle Sayer zu seinem 60. Geburtstag «Nichts, nur». Nichts passt wohl besser zu Walle Sayer als dieses Understatement. Das Buch ist Querschnitt und Zwischensumme zugleich seiner Poeme und Prosaminiaturen. «Nichts, nur», so sagte es die Moderatorin anlässlich der Buchvorstellung im April 2021 in Dornstetten, könnte vor jedem seiner Gedichte stehen.

Nichts, nur der Vollmond, der sich spiegelt im ruhigen Wasser, ein an den See entrichteter Obolus der Nacht. 
Nichts, nur ein paar Raben, Funktionäre der Farbe Schwarz, hocken im Geäst, zerkrächzen die Sicht.

Nichts, nur die Runde am Nebentisch, Schaumkronen setzen sie sich auf, erlassen ihre Edikte, danken ab.
Nichts, nur: diese Tonfolge, dieser Auftakt.

Walle Sayers Werke sind meistens im Verlag Klöpfer&Meyer erschienen, einen Überblick über seine Bücher lässt sich am besten auf literaturport nachlesen. 

© Burkhard Riegels-Winsauer

Beitragsbild © Charly Kuball

Thommie Bayer «Das Glück meiner Mutter», Piper

Philipp Dorn ist Krimiautor. Und weil Arbeiten abgeschlossen sind und die Kasse aufgestockt, nimmt sich Philipp mit seinem neuen Joe Louis ein paar Tage Ferien in Italien. Nicht nur seinem Sehnsuchtsort, sondern auch jenem seiner Mutter, die er vor noch nicht langer Zeit zu Grabe tragen musste.

Mein erstes Auto kaufte ich für wenig Geld meiner Patentante ab, einen gelben Suzuki, den meine Gotte liebevoll Susi nannte und mir dann Sorgfalt ihrem Schützling gegenüber sehr ans Herz legte. Menschen, die ihrem Auto Namen geben, sind mir grundsätzlich suspekt. Ebenso solche, die aus Freude am Sound den Motor ihres Lieblings aufheulen lassen. Philipp Dorn hat sich mit einem neuen (Gebraucht-) Wagen belohnt, nachdem der alte, ein Jaguar, mit seinen Macken immer eigenwilliger wurde. Belohnt für ein abgeschlossenes Manuskript, belohnt mit einer Pause. Er fährt weg Richtung Süden, in eine Gegend in Italien, von der Philipp weiss, dass es in weiter Vergangenheit eine Liebe seiner Mutter gab, die er, der Sohn, mit einem Nein beendete.

Thommie Bayer «Das Glück meiner Mutter», Piper, 2021, 224 Seiten, CHF 32.90, ISBN 978-3-492-05726-4

Damals lebten seine Eltern wohl noch unter dem gleichen Dach, er Pfarrer, sie Lehrerin, aber eine Affäre der Mutter hatte den Vater kalt werden lassen. Man spielte gegen Aussen das makellose Paar, und liess das eigene Zuhause zu einem stummen, frostigen Nebeneinander werden. Als Philipp vierzehn war, lud ihn seine Mutter auf ein Eis ein und fragte ihn, ob er mit ihr nach Italien siedeln würde. Ihrer Liebe zu einem amerikanischen Soldaten wegen. Philipp wollte nicht. Wollte nicht all seine Pläne sausen lassen, kein neues Leben beginnen, wo doch das hiesige erst so richtig in Schwung zu kommen schien. Die Mutter blieb. Der kalte Krieg zwischen den Eltern auch. 

Später unternahm Philipp mit seiner Mutter das eine und andere Mal Reisen nach Italien. Reisen, bei denen man sich noch immer nach seiner Mutter umdrehte und später nach ihm, weil man es löblich fand; ein Sohn mit seiner alten Mutter. Doch jetzt, Mutter schon länger tot, er von ihr zurückgelassen, vieles weggeräumt, Brigitte, deine langjährige Freundin verloren, ausgezogen aus der Wohnung, fährt Philipp weg, gen Süden. In einem Ferienhaus mit Pool will er Ordnung in sein Leben, seine Gedanken bringen, Platz schaffen für Neues. Bis er in einer schlaflosen Nacht ein Plätschern im Pool hört und beim Näherkommen eine Frau schwimmen sieht, nackt, Länge um Länge. Bis er sich von seinem Balkon aus zu erkennen gibt und man sich zu einem Glas Wein dort trifft. Bis aus den nächtlichen Treffen im Gezirpe der Zikaden lange Gespräche wachsen. Woher man kommt und wohin es gehen soll. Und Philipp spürt, dass das, was er glaubte, abgeschlossen zu haben, das Abenteuer einer Frau näherzukommen, mit einem Mal zu einem Gefühl wird, das ihn gleichermassen fasziniert wie verunsichert. Wer ist die Frau, die ihm im Bademantel nachts gegenübersitzt, die ihm Geständnisse über die Lippen lockt, die ihn staunend machen? 

So wie Philipp mit seinem Auto durch die Toskana kurvt, so dreht er sich hinein in seine eigene und die Vergangenheit seiner Mutter. Philipps Nein damals, das Wissen, dass er mit jenem Nein das falsche Leben seiner Mutter um Jahre verlängerte, das abgewürgte Glück in Italien und die immerwährende Frage, was gewesen wäre wenn, treibt ihn um.

„Das Glück meiner Mutter“ liest sich leicht, ohne zu behaupten, der Roman wäre leichte Kost. Nur liegt Thommie Bayer nichts daran, dort zu dramatisieren, wo Risse tief genug sind. Philipp ist ein Normalo, seine Selbstzufriedenheit und Distanz zu seiner Welt manchmal fast unerträglich – so wie seine infantile Liebe zu seinem fahrenden Spielzeug. Aber man muss Protagonisten nicht lieben. Dafür die Art des Erzählens. Thommie Bayer hat seine ganz eigene. Ich mag sie sehr!

Interview 

Eine Reise nach Italien, eine Ferienwohnung in der Toskana, tiefroter Wein, warme Nächte und eine Frau, die nackt ihre Bahnen im Pool zieht. Eine Fahrt mit dem Auto gen Süden, unabhängig, beinah frei von Pflichten. Genug Geld im Rücken und den leisen Kitzel eines Geheimnisses aus der Vergangenheit. Du bedienst gleich einige Sehnsüchte. Erst recht jetzt in dieser queren Zeit. Philipp hat fast alles. Seine Mutter damals fast nichts mehr, nur einen Platz im falschen Leben. Ist das nicht genau der Spiegel der heutigen Zeit? Klagen noch und noch und man vergisst, wo man lebt?
Das kann man so sehen. Ich denke zwar beim Schreiben nicht über Allgemeines nach, aber es schleicht sich irgendwie von selbst mit ein. Und wenn ich meine eigenen Sehnsüchte spazierengehen lasse, finden die automatisch ihre Komplizen, die Leute, die dieselben Sehnsüchte haben. Und wenn ich mir die Romanfigur vorstelle, wird die automatisch zu einer, die von der heutigen Zeit geprägt ist.

Die Mutter damals fragte ihren Jungen, ob er bereit wäre, weit weg ein neues Leben mit ihr zu beginnen. Ein Nein machte für eine ganze Weile alles zu und liess das Leben der Mutter auch später nur noch durch einen Spalt am Grossen und Ganzen teilhaben. Zumindest ist das die interpretierte Schuld, die sich Philipp aufgeladen hat. Machen wir nicht ganze Leben kaputt durch hineininterpretierte Schuld?
Ganz bestimmt tun wir das. Aber zum Erwachsenwerden gehört das Übernehmen von Verantwortung, auch der für frühere Verfehlungen. Der Blick wird weiter, die Perspektiven ändern sich, und was für einen vierzehnjährigen Jungen ganz naheliegend und vollkommen verständlich war, wird für den fast fünfzigjährigen Mann zu etwas, das er bereut und gerne ungeschehen gemacht hätte.

Philipp lernt Livia kennen, eine junge Frau, die ihm schon beim ersten Treffen mit aller Selbstverständlichkeit das Innerste entlockt. Eine Begegnung, die wahrscheinlich nur im Dunkel der Nacht jenen Zauber entwickeln konnte. Was kann die Nacht, was der Tag nicht kann?
Vielleicht wirft uns die Nacht auf uns selbst zurück, vielleicht hat sie auch an sich schon einen Zauber, der auf manches abfärbt, was in ihr geschieht. Das Licht ist weitgehend weg, sodass alles, was wir noch sehen, sich in ganz anderer Weise zeigt, die Stille der Umgebung macht das Wenige, was wir hören bedeutender, und das Gefühl ganz alleine oder fast alleine wach zu sein während alle anderen schlafen, ist aufregend. Man fühlt sich wacher als wach.

Philipp war seiner Mutter sehr nah, obwohl er nicht erst nach ihrem Tod feststellen musste, dass sie sich nach seinem Nein damals nie mehr wirklich für sein Leben interessierte. Als wolle sie sich nie mehr die Finger an fremdem Leben verbrennen. Als wäre sie nur mehr auf sich selbst fokussiert. Aber hängt nicht genau dort der Fallstrick, wo man sein Leben von fremdem Leben allzu abhängig macht?
Ja. Genauso ist es. Aber wir leben mit anderen. Eremitage ist nicht die Lösung. Das nennt man Schicksal. Wenn man alt genug ist, Verantwortung zu übernehmen, ist man vielleicht auch alt genug, sich in die Verbindung mit anderen Menschen zu schicken. Und eine solche Verbindung lässt nun mal nicht jeden jederzeit frei.

In einem „alten Leben“ warst du Musiker. Vor deinem Roman steht das Zitat des Liedermachers Francesco De Gregori „È tutta stesa al sole, vecchio, questa vecchia storia.“ Wo treffen sich Literatur und Musik in deinem Leben?
Sind beide wohl ganz eng verzahnt. Das Poetische in Liedtexten, das musikalische in Literatur, die Anregung, die von beiden Künsten ausgeht, das Inspirierende und Bewegende darin. Sicher auch das Gefühl der gesteigerten Anwesenheit in den besten Momenten. Beides ist irgendwie immer da, ob ich nun gerade lese oder Musik höre, oder nicht.

Hat dein Auto in deiner Garage einen Namen?
Es heisst „Edelkatz“. Manchmal auch „Superschöner Edelkatz“.

Ein Buch und eine Musik, die dich nicht loslassen. Und warum?
Ein Buch fällt mir gerade nicht ein, aber ein Stück Musik, das sich immer wieder bei mir meldet ist „Broken Barricades“ von Procol Harum. Die leitende Klavierfigur übt noch immer diese Faszination auf mich aus wie beim ersten Mal als ich es hörte. Und das muss so etwa fünfzig Jahre her sein.

© Peter von Felbert

Thommie Bayer, 1953 in Esslingen geboren, studierte Malerei und war Liedermacher, bevor er 1984 begann, Stories, Gedichte und Romane zu schreiben. Neben anderen erschienen von ihm «Die gefährliche Frau», «Singvogel», der für den Deutschen Buchpreis nominierte Roman «Eine kurze Geschichte vom Glück» und zuletzt «Das innere Ausland».

Rezension von «Das innere Ausland» auf literaturblatt.ch

Rezension von «Seltene Affären» auf literaturblatt.ch

Webseite des Autors

Beitragsbilder © Thommie Bayer

Rolf Lappert «Leben ist ein unregelmäßiges Verb», Hanser

Rolf Lapperts neuer Roman „Leben ist ein unregelmäßiges Verb“ kann einem erschlagen! Sein Roman ist die Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies und den Lügen des Lebens. Erzählt mit weitem Horizont und der Magie eines Geschichtenzauberers!

Lesung mit Rolf Lappert am Donnerstag, den 3. Juni 2021, um 19:30 Uhr im Literaturhaus Thurgau / Bodmanhaus
Eintritt: CHF 10 // CHF 8 Freunde des Bodmanhauses // CHF 5 ermässigt
Wir bitte Sie um Anmeldung unter diesem Link.

Rolf Lapperts Winnipeg liegt nicht in Kanada, sondern irgendwo in der BRD-Provinz, in Niedersachsen, weit weg von der nächsten Siedlung. Dort versucht sich eine Kommune, abgeschottet von der Aussenwelt, einen eigenen Weg durch das Leben zu bahnen. Bis Ämter und Behörden Wind davon bekommen, dass dort Kinder ohne Schule, ohne Kontakt zur Aussenwelt, fest eingebunden in den Tagesablauf der Selbstversorger zu „befreien“ sind. Die Erwachsenen werden festgenommen, vor Gericht gestellt und verurteilt, die Kinder auseinandergerissen und in Pflegefamilien verteilt.

«Wir waren ein Wesen. Was einer dachte, wussten die anderen, was einer fühlte, empfanden wir alle.»

Rolf Lappert erzählt in „Leben ist ein unregelmäßiges Verb“ vier Leben; von Frida, Ringo, Leander und Linus, jenen vier Kindern, drei Jungs und einem Mädchen, die 1980 aus einer Landkommune behördlich befreit wurden. Damals vier Kinder, bis in die Gegenwart, in der sie sich längst verloren haben, nicht nur einander, sondern auch sich selbst. Was damals die Presse über die Kindheit der vier Kinder schrieb, scheint in keiner Weise mit dem in Verbindung zu stehen, was die vier Kinder in die andere, neue Welt mittrugen. Damals ein Fressen für die Presse. Dabei war es ein Übergriff in das Leben der vier Kinder. Vielleicht sogar die Vertreibung aus dem Paradies.

„Niemand kam auf die Idee, den Zustand ihrer gänzlichen Abgeschiedenheit mit etwas anderem gleichzusetzen als ideologischer Inzucht, Einsamkeit und Verwahrlosung.“

Rolf Lappert «Leben ist ein unregelmäßiges Verb», Hanser, 2020, 992 Seiten, CHF 39.90, ISBN 978-3-446-26756-5

In epischer Länge über fast 1000 Seiten breitet Rolf Lappert vier Leben aus wie jene Künstler, die in riesigen Hallen auf dem Boden eine Ordnung in das zu bringen versuchen, was das Leben anschwemmt. Selbst die vier Protagonisten versuchen Ordnung in ihr Leben zu bekommen, sei es durch einen Neuanfang mit anderem Namen, einer anderen Identität, sei es durch eine lange Suche nach sich selbst, einer Aufgabe, einem Sinn oder dem Wunsch, sich möglichst unsichtbar zu machen, sich zurückzuversetzen an den Ort, an dem man nur sich selbst zu sein brauchte, kein Imago.
Ich als Leser taumle durch diesen Kosmos, berührt, verwundert, überrascht, verunsichert. Selbst ich als Leser versuche zu ordnen, während Rolf Lappert ausbreitet und auslegt, Perspektiven ändert, Textsorten collagiert, in Zustände abtaucht und in langen Sätzen genussvoll mäandert.

„Sie wäre jetzt glücklich, sagte sie sich, wenn nur ihre Welt unentdeckt geblieben wäre, wenn niemand sie weggebracht und ins Leere geworfen hätte wie einen Sack mit neugeborenen Katzen in den Fluss.“

Obwohl sich die vier nach ihrer Umplatzierung nie mehr treffen, bleiben sie einander verbunden, weil jene Jahre im Kampstedter Bruch, jenem Hof in Abgeschiedenheit, so etwas wie ein Nest war, Familie, auch wenn nicht nach amtlichem Muster. Sie taumeln durch eine Welt, die ihnen fremd bleibt, die nie das zu erzeugen schafft, was die vier gemeinsam in ihrer begrenzten Freiheit erlebten.

„Wir sind niemand, wenn wir nicht zusammen sind.“

„Leben ist ein unregelmäßiges Verb“ ist ein grosses Vergnügen für all jene, die wie ich gerne in einem Stoff baden, denen ein Buch, das gefällt und zu einem innigen Begleiter wird, nach der Lektüre nicht einfach so weglegen, in ein Regal hineinschieben oder gleich dem Nachbarn ausleihen. Rolf Lappert gelingt es, ein Meer an Geschichten, Bildern, Dialogen, Ideen, Strängen und Personen auszubreiten. Er breitet eine Welt aus, stösst mich hinein. Zugegeben, die Wellen schwappen hoch, fast immer hoch, aber Literatur ist Konzentrat. 

„Die Welt ist schlecht, sagen sie, und wir haben keine andere Wahl, als ihnen zu glauben.“

In den Roman eingeflochten sind Erinnerungen, das „Winnipeg Logbuch“, Erinnerungen aus der Sicht der Kinder, als sie noch zusammen in der Kommune lebten: Manchmal haben wir ein leeres Marmeladeglas dabei, damit tragen wir Ameisen von einem Haufen zu einem anderen. Dann beobachten wir, wie die Eindringlinge getötet werden. Zum einen eine Erinnerung, zum anderen eine Metapher für all die Geschehnisse, die man ihnen als Kinder androht und die ihnen in gewisser Weise auch geschehen. Der Roman ist ein Roman über das Fremdsein, über die Einsamkeit, der Einsamkeit, in die man die vier Kinder verbannt, die Einsamkeit, mit der jeder in seinem Leben als Individuum zu kämpfen hat.

Ein grosser Genuss bei der Lektüre seines Romans ist die Genauigkeit seines Schreibens, seine Lust des Beschreibens. Als wäre er ein Maler, der mit Pedanterie jeden einzelnen Farbpunkt setzt, immer mit dem Blick auf das Grosse, Ganze. Und doch ist dieses Beschreiben nicht Mittel zum Zweck, nicht bloss Kulisse. Ich bade im Filigranen Lapperts Sprache, Lappert Farben, dem verspielten Mikrokosmos, der seinen Roman nicht einfach dick, sondern mächtig macht.

Rolf Lappert wurde 1958 in Zürich geboren und lebt in der Schweiz. Er absolvierte eine Ausbildung zum Grafiker, war später Mitbegründer eines Jazz-Clubs und arbeitete zwischen 1996 und 2004 als Drehbuchautor (Mannezimmer). Bei Hanser erschienen 2008 der mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnete Roman «Nach Hause schwimmen», 2010 der Roman «Auf den Inseln des letzten Lichts», 2012 der Jugendroman «Pampa Blues» und 2015 der Roman «Über den Winter».

Verlagsinformationen zum Buch

«Das Wunder von Kalifornien» von Rolf Lappert auf Gegenzauber

Illustration © leafrei.com / Literaturhaus Thurgau

 

Die Siegergeschichte der Kategorie A: 1. und 2. Klasse

Der Wind

Ein Laubblatt hatte eine Freundin. Ein anderes Laubblatt. Sie hatten einen Streit. Auf einmal kam ein Windstoss. Beide wurden vom Baum geweht. Sie flogen in unterschiedliche Richtungen. Sie waren traurig, weil sie als letztes gestritten hatten. Werden sie sich jemals wiedersehen?

Anna Keller, 2. Klasse

© leafrei.com

Laudatio zu „Der Wind“ den Siegertext von Anna Keller in der Kategorie A
«Bäume im Wald können in einer eigenen Sprache miteinander reden. Sie können sich deshalb auch gegenseitig helfen, wenn sie in Not geraten. Das haben Forscher herausgefunden. Wieso sollen sich also zwei Laubblätter nicht auch befreunden können? So erzählt es uns jedenfalls Anna Keller in ihrer ebenso kurzen wie fantasievollen Geschichte mit dem Titel «Der Wind». Einfühlsam berichtet sie vom Schicksal der beiden Blätter, die ausgerechnet nach einem Streit auseinandergerissen werden. Was aus ihnen wird, bleibt offen. Auch deshalb ist die Geschichte anrührend.»
Urs Bader, Journalist, Jurymitglied

Die 20 besten Geschichten werden in einem Büchlein abgedruckt, dass ab Mitte Juni bei der Schulverwaltung Amriswil käuflich zu erwerben ist.

Jury für den Schreibwettbewerb 2020/2021 :

Katja Alves, 1961 in Coimbra, Portugal geboren. Verfasserin von Radiotexten und Hörspielen, Romanen, Sachbücher für Kinder und Erwachsene. Daneben arbeitet Katja Alves arbeitet sie als leitende Lektorin für den NordSüd Verlag. katjaalves.ch 

Jens Steiner, 1975 in Zürich geboren, schreibt seit zwölf Jahren Bücher für Erwachsene und Kinder. Seit Kurzem lebt er an der deutschen Ostseeküste. jenssteiner.ch

Urs Bader, Lic. phil. I Universität Zürich. Von 1984 bis 2019 Redaktor beim St.Galler Tagblatt, lebt in Amriswil.

Gallus Frei-Tomic, 1962 in St. Gallen geboren, Primarlehrer in Amriswil, Literaturvermittler und seit 2020 Programmchef im Literaturhaus Thurgau. literaturblatt.ch 

Illustration © leafrei.com

 

mosaik34 «Einblättrige Idealisten», Zeitschrift für Literatur und Kultur

„Wir schreiben ja gar nicht mehr, wir Schriftsteller*innen: Wir produzieren, statt zu kreieren.“ – So hat es Lisa-Viktoria Niederberger in einem Kommentar in der mosaik31 pointiert zusammengefasst.

Viel ist im letzten Jahr passiert, viele Fragen haben sich aufgetan – eine, die uns immer wieder beschäftigt: Muss das so sein, dass das Schöpferische hinter das Ständig-Produzierende tritt? Und wenn diese Getriebenheit nicht nachhaltig ist, was ist nachhaltige Literatur?

Was ist nachhaltige Literatur? Diese Frage ist Ausgangspunkt des [foejtõ] der mosaik34. Fallbeispiele für gemeinnützige, idealismusgetriebene und ungewöhnliche Projekte ergänzen sich mit essayistischen Annäherungen.

„eppas, des nåchå bleiba dat“, definiert es Siljarosa Schletterer dialektal – und: „als sprachlich fixiertes Zeugnis ist sie in diesem Sinne nachhaltig. Aber reicht das?“ Stefanie de Velasco führt uns auf eine spannende Fährte: Nicht das Studierzimmer, sondern die Strasse ist das Zuhause des ‚Nachhaltigen Erzählens‘.“ Ist es der Realitätsbezug, z.B. die Integration marginalisierter Gruppen, der Literatur nachhaltig macht? Kann so etwas nur noch mit Idealismus funktionieren, weil man sich ja dem ‘Markt’ entzieht?

Das Literaturblatt, das POEDU und das Literaturschiff wären Beispiele dafür. Darf man mit einem solchen Projekt auch marktwirtschaftlich erfolgreich sein? Oder produziert man dann erst wieder nur einen neuen, vergehenden Trend? Alles keine neuen Fragen, schon klar. Aber Fragen, die uns in ihrer Vielschichtigkeit seit langem beschäftigen (vgl. Kostenoffenlegung unten) und zu denen ständig neue hinzukommen.

Auch wenn wir keine Antworten liefern können: Wir können Fragen stellen.

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Helga Schubert «Vom Aufstehen», dtv

Helga Schubert gewann 2020 mit Auszügen aus ihrem Buch „Vom Aufstehen“ den Ingeborg-Bachmann-Preis. Für ein Buch, das mit seinem Erzählen selbst eine Hommage ist an die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann, an ihr Buch „Das dreißigste Jahr“, das ebenfalls mit einer Betrachtung über das Aufstehen beginnt.

Schreiben ist immer Aufstehen. Und Helga Schubert ist in ganz besonderer Weise „aufgestanden“. „Vom Aufstehen“ ist weder Erzählband, auch wenn er erzählt, noch Roman. Ihr Buch ist ein Erinnerungsbuch, ein Gedankenbuch, manchmal erzählend, manchmal essayistisch. Helga Schubert richtet sich auf und schaut zurück. Zurück in die Vergangenheit, in ein aufgelöstes Land, in eine Familie, ihre Familie, bis in den ausgehenden 2. Weltkrieg, das Leben in der DDR, den Mauerbau, das Leben hinter oder vor der Mauer, auf die kleinen und grossen Dinge des Lebens.

Helga Schubert «Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten», dtv, 2021, 224 Seiten, CHF 29.90, ISBN 978-3-423-28278-9

Und nebenher ist die Geschichte Helga Schuberts selbst Geschichte, auch die Geschichte bis zur Preisverleihung, an der sie wegen Corona in Klagenfurt beim Ingeborg-Bachmann-Wettlesen nicht teilnehmen konnte. Man hatte sie 40 Jahre zuvor 1980 schon einmal nach Klagenfurt eingeladen. Damals verweigerte ihr ihr Land die Teilnahme am Wettlesen. Es gäbe keine „deutsche Literatur“, das „Unternehmen Bachmannpreis“ sei nur dazu da, um dieses Phänomen der deutschen Literatur voranzutreiben. Nichts desto trotz, noch vor der Wende sass Helga Schubert von 1987 bis 1990 dann in der Jury des Wettbewerbs. Und 2020, im Alter von 80 Jahren, 40 Jahre nach ihrer ersten Einladung wurde die Schriftstellerin von der Literaturkritikerin und Jurorin Insa Wilke nach Klagenfurt gebeten, wo sie als älteste Teilnehmerin des Wettbewerbs zur Siegerin erklärt wurde. Eine schöne Geschichte!

„Ich habe wie jeder Mensch meinen Schatz in mir vergraben.“

Helga Schubert erzählt aus ihrem Leben, von der Hängematte in den Obstbäumen im Garten ihrer Grossmutter mit Streuselkuchen und Muckefuck, jenem Lebensgefühl, dass ihr nur ihre Grossmutter schenken konnte, niemals ihre Mutter, jenem Lebensgefühl, das sich nur in den langen Sommerferien bei ihrer Grossmutter freisetzen konnte. Über ihren Vater, der im Winter 1941 auf einem vereisten Arm der Wolga von einer Handgranate zerrissen wurde, jenen unbekannten Mann, von dem sich die Tochter ein Leben lang gerne in den Arm genommen gewünscht hat. Über das Ein- und Ausgesperrtsein hinter oder vor Mauern, den Mauern der DDR. Vom Mut, den Märchen Kindern und dem Kind im Erwachsenen schenken können. Von den Schubladisierungen einer DDR – und einer Schriftstellerin, die klar zu machen versucht, dass man sich sein Herkunftsland nicht wie einen Mantel aussucht.

„Nicht dorthin sehen, wo Sie nicht hin wollen, sondern dorthin, wo Sie hin wollen, in die Kurve sehen, nicht an den Rand.“

In ihrem Schreiben, dem Buch „Vom Aufstehen“, das sie in Anlehnung an Ingeborg Bachmanns „Das dreißigste Jahr“ ursprünglich mit „Das achtzigste Jahre“ betiteln wollte, in dem sie immer wieder zu ihrer Grossmutter zurückkehrt, als wäre sie einer der wenigen Leuchttürme in ihrem Leben, erinnert in vielem an das grosse literarische Vorbild und bleibt doch eigenständig. So wie Herta Schubert erzählt, kann nur eine in die Jahre gekommene Schriftstellerin schreiben, jemand der weiss, dass viel mehr hinter ihr liegt als vor ihr. „Der Grossteil meines Lebens ist vorbei. Und es geht immer schneller. Wie in den Trichter eines Ameisenbären rutsche ich, der Sand gibt nach.“ Aus jedem Satz, jeder Geschichte leuchtet Demut und Dankbarkeit. Und immer wieder die Frage, wo das eigene Zuhause ist, nicht nur geographisch, sondern letztlich auch in ihrem Schreiben.

„Vom Aufstehen“ rührt!

Interview

„Ein Leben in Geschichten“ steht auf dem Buchumschlag. War das von Beginn weg der Plan zu diesem Buch? Oder entstand die Verwandtschaft zu Ingeborg Bachmanns „Das dreißigste Jahr“ erst nach und nach?

Am Anfang und am meisten durchgearbeitet stand der Wettbewerbstext zum Bachmann-Wettbewerb. Ihn hätte ich gern „Das achtzigste Jahr“ genannt, als Huldigung an Ingeborg Bachmann. Denn die Idee zu dieser Lebensbilanzgeschichte kam ja erst nach der Einladung zum Wettbewerb. Normalerweise bewirbt man sich ja bei diesem Wettbewerb und wird nicht, wie ich von einem Jurymitglied, aufgefordert, sich zu bewerben. Von mir aus wäre ich doch gar nicht auf die Idee gekommen, als Achtzigjährige da mitzumachen.

Noch am Tag der Preisverleihung meldete sich bei mir die erfolgreichste Literaturagentin Deutschlands, Karin Graf, die ausschließlich Literaturpreisträger vertritt, und bot mir einen Vertrag an. Ich sollte ihr umgehend ein Buchmanuskript schicken, das ich aber gar nicht hatte. Sie bezog sich auf eine Interviewäusserung, dass ich sehr viele Erzählungen in der Schublade hätte, die ich regelmässig in unserer Gemäldegalerie bei den monatlichen Bilderwechseln vorgetragen hatte und die bei unserem kunstverständigen Publikum (oft bis zu 70 Personen) ein sehr wohlwollendes Echo fanden. Als ich diese Erzählungen von der Festplatte ausdruckte und alte Kopien zusammensuchte, stellte ich fest, dass sie in einem sinnhaften Zusammenhang standen, dass sich nichts wiederholte, dass sie alle in der Ichform geschrieben waren, dass sie in einen lebensgeschichtlichen Ablauf gebracht werden konnten. Ich schrieb einige Texte um, einige neu. Und ich konnte schon 8 Wochen nach dem Bachmannpreis das Manuskript an die Literaturagentur geben. Mehrere Verlage hatten sich schon deshalb bei ihr gemeldet, aber der dtv hatte die weitreichendsten Konditionen, denn sie wollten nach und nach alle früheren, vergriffenen Bücher auch wieder drucken.

Dann kam für ein paar Tage eine sehr intelligente junge Verlags-Lektorin extra aus München hier nach Nordwestmecklenburg, und ich fand noch passende Texte auf meiner Festplatte, die ich noch gar nicht ausgedruckt hatte. So war das Buch ein Puzzle, das aufging.  

Immer wieder tauchen ihre Grossmutter, ihre Mutter und ihr Vater auf. Ihr Vater, obwohl er der grosse Abwesende war, ihre Mutter, mit der sie noch immer hadern und ihre Grossmutter, die alles versinnbildlicht, was Mütterlichkeit und Geborgenheit bedeuten kann. Irgendwann schreiben Sie, das Schreiben sei ein Versuch der Ordnung. Künstlerische Auseinandersetzung als Versuch des Ordnens?

Ja, als Versuch der Einordnung. Mir ist klar, dass zur menschlichen Reife auch ein Einverständnis mit der eigenen Lebenssituation, mit dem vergangenen Leben und mit allen nichtgelebten Möglichkeiten gehört. Ein Ja sagen zu sich. Das Schreiben hilft mir beim genauen Betrachten, beim Weglassen, beim Verabschieden. Das ist eine Hilfe vor dem Überschwemmtwerden und vor der Traurigkeit. Es ist eine Ehrfurcht und eine Bewunderung der Ordnung Gottes.

„Der Grossteil meines Lebens ist vorbei. Und es geht immer schneller. Wie in den Trichter eines Ameisenbären rutsche ich, der Sand gibt nach.“ Klingt da Schmerz mit?

Manchmal Schmerz, aber nicht die Angst vor dem eigenen Lebensende, sondern die Angst vor dem Tod geliebter Menschen. „Noch leben alle, die wir leben“, endet eines der wunderbaren Gedichte von Friederike Mayröcker.

Aus dem ganzen Buch strahlt und spricht ein grosser Hunger. Nicht so sehr der Hunger nach Antworten, als jener nach Klarheit, nach Kontur, nach Bildern. Sie sind im vergangenen Jahr 80 geworden. Satt scheinen Sie noch lange nicht zu sein?

Ich bin überwach und sehr intensiv. Meine Fantasie ermöglicht mir alles. Das muss in Wirklichkeit gar nicht geschehen. Es ist alles Farbe und Wärme um mich.  

Das Bild auf dem Cover zu Ihrem Buch ist von einem ganz jungen polnischen Künstler. Igor Moritz. Das Bild passt perfekt zum Inhalt, zeigt jenen Moment vor dem Aufstehen, wo sich Gedanken- und Traumbilder mit dem Augenblick mischen. Gibt es diesen magischen Moment? Und lässt er sich im Alter besser auskosten?

Ich lebe meist in diesem Zustand. Menschen, die uns besuchen, wollen immer wieder kommen. Es hat mit dem Alter, glaube ich, nichts zu tun. Es hat bei mir damit zu tun, dass ich wohl kaum Filter habe, mich nur durch Totalrückzug schützen kann. Denn sobald ein Mensch in unserem Haus auftaucht, interessiere ich mich für sein Leben, sei es die Notärztin von nebenan, die mir von den glücklich Verstorbenen erzählt, die eine Operation ablehnten, oder der Bauer von gegenüber, bei dessen trächtiger Stute gerade ein Hirntumor festgestellt wurde und der vom Tierarzt gerade erfuhr, dass dieses Tier bei der Geburt seines Fohlens ganz sicher sterben wird. 

Helga Schubert, geboren 1940 in Berlin, studierte an der Humboldt-Universität Psychologie. Sie arbeitete als Psychotherapeutin und freie Schriftstellerin in der DDR und bereitete als Pressesprecherin des Zentralen Runden Tisches die ersten freien Wahlen mit vor. Nach zahlreichen Buchveröffentlichungen zog sie sich aus der literarischen Öffentlichkeit zurück, bis sie 2020 mit der Geschichte ›Vom Aufstehen‹ den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann.

Beitragsbild © Renate von Mangoldt

Franz Hohler bezaubert im Literaturhaus: ein ganz Grosser!

Franz Hohler ging mit mir spazieren. Mit mir und 33 weiteren Glücklichen, die einen Platz im Literaturhaus Thurgau ergattern konnten. Wir waren über eine Stunde unterwegs – durch das literarische Gesamtwerk des Autors.

von Cornelia Mechler

Lebhaft, zurückhaltend, witzig und nachdenklich: Franz Hohler verlieh jedem seiner Texte, die in über 40 Jahren entstanden sind, eine eigene Stimmungslage. Er rezitiert im Stehen, gestenreich, sehr oft auswendig. Als Zuschauer:in ist man gebannt, möchte keine Sekunde verpassen, denn man weiss: So ein Abend bleibt ewig in Erinnerung.

Und man weiss auch: Hier steht ein ganz Grosser auf der Bühne, dem so rasch niemand das Wasser reichen kann. Und wenn sich der Autor dann an den Tisch setzt, um den «Weltuntergang» zu inszenieren und eindrücklich vorherzusagen, dann ist dies so unterhaltsam wie beängstigend zugleich. Das Stück entstand vor mehr als 40 Jahren – und ist doch so aktuell, dass es man es kaum fassen mag. Es folgt noch das «Totemügerli» auf «berndeutsch» und eine Kurzfassung auf «rätoromanisch».

Ach, man möchte, dass dieser Abend niemals enden möge. Als er es dann doch tut, signiert der Autor noch immer bestens gelaunt die vielen Bücher, die ihm gereicht werden. Man geht, geschichtenbepackt und glücklich, nach Hause – und man freut sich auf ein freies Pfingstwochenende. Endlich Zeit, um weiter im Werk von Franz Hohler herumzuspazieren. Aber Achtung, wenn man einmal anfängt, dann könnte es rasch eine Langstreckenwanderung werden!  

noch vor der Veranstaltung, die sich strickt an die Regeln hielt

Programm Literaturhaus Thurgau

Beitragsbilder © Sandra Kottonau / Literaturhau Thurgau

 

Lea Catrina «Die Schnelligkeit der Dämmerung», Arisverlag

Livs Leben gerät vollkommen aus dem Tritt. Das alte Leben versucht sie abzustossen, die Gegenwart zerbröselt und in der Zukunft droht das Chaos. Lea Caterina verblüfft in ihrem Debüt durch die Brutalität des Lebens und die feine Spur gekonnten Erzählens. Ein Roman, der bei der Lektüre zuweilen schmerzt, aber ebenso bezaubern kann.

Mit ihrer Vergangenheit verbindet sie nur noch wenig. Jene Olivia, die sie einmal war, ist nicht einmal mehr ein Bild, das sie zulassen möchte. Einzig die Mutter, die sie mehr oder weniger regelmässig in einer Klinik besucht, ist der letzte Rest Vergangenheit, den sie zulässt. Die Versprechen, die sie sich einst gaben: „Niemand wird dich je mehr lieben als ich. Versprich mir, dass du immer daran denken wirst.“ „Ich verspreche es.“ 

Liv hatte Familie. Eine Mutter, einen Vater, einen Bruder. Geblieben ist nur die Mutter. Als ihr Bruder starb, war Olivia vier. Monate später schlägt der Vater den Kofferraum zu und verschwindet aus den Leben seiner Frau und seiner Tochter. Was danach kommt, ist ein verschwörerischer Rest, der sich mit keiner Zelle an das Damals erinnern will. Und trotzdem schaffen es weder die Mutter noch die Tochter, dem Trauma der Vergangenheit zu entfliehen. Selbst Livs Beziehung zu Alex, die alles hätte, um zu dauern, selbst der Blumenladen ihrer Mutter, selbst Livs Wohnung, ihre Arbeit in einer Bar. Alles wackelt, nichts ist auf Fels gebaut. Und als sich Liv an einem Abend zu einem schnellen Abenteuer hinreissen lässt und Alex am Tag darauf den Laufpass gibt, weil sie spürt, dass in ihrem Leben nichts so ist, wie es sein sollte, bricht Liv auf. So wie ihr Leben aufbricht.

„Ich habe Angst, mich zu verlieren.“

Lea Catrina «Die Schnelligkeit der Dämmerung», Arisverlag, 2021, 224 Seiten, CHF 29.90, ISBN 978-3-907238-08-0

Sie verlässt Alex, sie verlässt ihre Arbeit, sie verlässt die Stadt, in der sie zu leben versuchte, sie verlässt ihre Wohnung, die bloss ein Versuch war. Sie findet Asyl bei ihrer Tante Edie. Ein Zimmer in einem Haus, das einmal einen Hauch Zuhause bedeutete. Und einen Job in der Restaurantküche ihrer Tante. Aber die Gegenwart ihrer Tante ist nicht mehr jene, in der Liv einst ein Stück Daheim spürte. Im Haus wohnt auch Milo, Edies viel jüngerer Freund und Mitarbeiter in der Küche. Liv tut, was man ihr sagt, auch wenn alles am neuen Leben provisorisch ist. Liv weiss es, spürt es. Sie wird von allen Seiten damit konfrontiert, endlich diesen einen, ersten Schritt zu tun. Den Schritt, verstehen zu wollen, was sie wie einen übergrossen, eisernen Haken mit sich herumschleppt. Sich der Angst zu stellen, die Büchse der Pandora zu öffnen, zuzulassen, was an Zorn und Verzweiflung aus der verschlossenen Vergangenheit wirkt und sie nicht freilässt.

Es ist Steph, ein Barman aus ihrer Stadt, in der sie damals wohnte, der die Fragen stellt, die es braucht. Es ist George, ein alter Mann aus Edies Nachbarschaft, den sie schon kannte, als sie als Mädchen bei Edie wohnte, der ihr sein Auto verspricht, wenn sie mit ihm das eine und andere noch erledigt. Und eine ihr unbekannte Frau auf der Geburtstagsparty ihrer Tante, die ihr Sätze an den Kopf wirft, die wie ein Gegengift ihren Körper in Wallung bringen.

„Die blauen Scherben lagen auf dem Boden, als hätte jemand den Himmel zerschmettert.“

„Die Schnelligkeit der Dämmerung“ ist ein starkes Debüt einer vielversprechenden Autorin. Ein Roman, der Zorn und Wut bis zur Selbstzerstörung offenbart. Ein Roman über die Macht dessen, was sich in tiefen Schichten verbirgt, was sich nicht zudecken, nicht löschen lässt. Ein Roman mit bestechenden Sätzen, Sätzen, die bleiben, die sich eingraben.

Interview

Vieles in der Geschichte dieser Familie bleibt skizzenhaft. Eben deshalb, weil vieles verschüttet, zugedeckt, verdrängt wurde. Sie legen den Fokus ihres Erzählens ganz auf Liv, die ihr Leben nur schwer in den Griff bekommt. Ist Verdrängung nicht notwendige Überlebensstrategie?
Bestimmt. Gerade wenn Themen eng verbunden sind mit uns nahestehenden Menschen ist das Verdrängen vielleicht ein notwendiges Übel, um einem Konflikt zu entgehen. Aber etwas zu verdrängen bedeutet ja auch immer, einen Teil von sich selbst zu leugnen. Auch Liv tut sich damit schwer. Im Roman spitzt sich die Lage entsprechend schnell zu.

Der Moment der Dämmerung kann ganz kurz sein. Man kann ihn verpassen. Liv verpasst in ihrem Leben so einiges. Und mit Sicherheit immer wieder den Moment, wo die Selbstzerfleischung, die Selbstzerstörung jene Gesten wegwischen, die ihr eigentlich helfen wollen. Selbstzerstörung ist nicht nur individueller Akt, sondern ein menschliches, ein gesellschaftliches, sogar ein politisches Phänomen. Sie lassen offen, ob sich Liv zu retten weiss. Sind wir zu retten?
Ja, Olivia verpasst vieles, denn ihr Leben ist wahnsinnig voll. Sie hat kaum Ruhe oder Zeit nachzudenken. Sie fürchtet die Stille und sucht den Lärm. Vielleicht lässt sich das tatsächlich ein wenig auf die Gesellschaft übertragen. Ich selbst ertappe mich jedenfalls oft dabei, wie ich dem Lärm verfalle, um die grösseren Fragen zu übertönen.
Selbstzerstörung genau wie Selbstverwirklichung sind definitiv Themen dieses Romans. Für mich geht es in dem Buch daher auch um das Übernehmen von Verantwortung für das eigene Leben, um das Heraustreten aus dieser destruktiven Opferhaltung, in der auch Olivia zu Beginn festzustecken scheint.

Liv stürzt sich in einem Moment ins Chaos, der auch ihre Rettung hätte sein können. Sie ist mit Alex zusammen, der alles tut, um Ordnung in ihr Leben zu bringen. Sie hat Wohnung und Arbeit. Und sie hat Freunde. Und doch zieht sie die kalkulierte Katastrophe in ihren Bann. Warum ist Leben, das eigene Leben so schwer zu kontrollieren?
Ich weiss es nicht. Geht das überhaupt? Das Leben kontrollieren? Wenn ich so darüber nachdenke, dann ist dieses vermeintlich «kontrollierte» Leben vielleicht sogar das, was einen auf Dauer den Verstand raubt. Zumindest ist das bei Olivia der Fall. Sie macht alles richtig mit Freund, Job, bemüht sich um das Verhältnis zu ihrer Mutter. Nur fühlt es sich nicht richtig an. Da wären wir wieder bei der Selbstzerstörung, die ihr zunächst unbewusst als einziger Ausweg erscheint. Kontrolle suggeriert ja auch, dass eine starke Kraft im Spiel ist, die eingedämmt werden muss. Oder eingesperrt. Die Frage müsste vielleicht eher lauten: Wieso fällt es uns so schwer, die Kontrolle aufzugeben?

„Die Schnelligkeit der Dämmerung“ ist ihr erster Roman. Sind sie eine Schriftstellerin, die alleine an ihrem Manuskript brütet oder ist ihr Roman das Endergebnis ganz vieler Konfrontationen mit Menschen und Meinungen?
Ich brauche beides. Anfangs arbeite ich allein und zeige meine Projekte niemandem, bis sie genügend Substanz haben, um nicht bei der kleinsten Kritik auseinanderzufallen. Bei «Die Schnelligkeit der Dämmerung» habe ich danach mit einer Schreibgruppe zusammengearbeitet, wo wir uns intensiv über unsere Manuskripte ausgetauscht haben. Das war sehr wertvoll.

Irgend eine Szene, eine Idee muss der Anfang des Romans gewesen sein, der kleine Samen, auf dem der Baum gewachsen ist. Wo lag der Beginn?
Bei Olivia. Ich hatte ein klares Bild von ihr vor Augen und wollte wissen, was sie für ein Leben führt. Wie sie so geworden ist.

Jedem Kapitel geht ein Zitat voraus. Viel mehr als ein Titel oder eine Überschrift, sondern sprachliche Spotlichter. Wie kam es zu der Idee?
Freut mich, dass Ihnen das aufgefallen ist.
Es ist die Stimme der Mutter, die Olivia immer wieder hört. Für mich sind diese Zitate wie akustische Klänge, die einen in den Moment zurückholen. Das ist auch das, was die Mutter mit Olivia immer wieder macht. Sie zurückholen und festhalten.
Aber wie es zu dieser Idee kam, weiss ich nicht mehr.

Lea Catrina ist Autorin und Texterin. Sie hat Multimedia Production in Chur sowie Literarisches Schreiben in Zürich studiert. Zudem ist sie seit 2019 Mitglied des Literaturkollektivs «Jetzt». Catrina ist in Flims aufgewachsen, lebt heute in Zürich und verbringt einen Teil des Jahres in der San Francisco Bay Area.

Webseite der Autorin

Beitragsbild © Oceana Galmarini

Friedrich Glauser «Die Verschwundene», Illustrationen Sabine Rufener, SJW Verlag

Im SJW Verlag erscheint zum 125. Geburtsjahr des Schweizer Schriftstellers Friedrich Glauser die Novelle «Die Verschwundene». Ihr Bezug zur aktuellen Pandemie ist augenscheinlich: Wieviel darf die Gesellschaft einem Einzelnen zum Wohle der Allgemeinheit aufbürden? Glauser selbst schöpfte Kreativität aus dem Zeitgeist und seinem steten Kampf um persönliche Freiheit.

Eine Novelle über das Zweifeln und Verzweifeln

In Kooperation mit der Stiftung Litar und anlässlich des 125. Jubiläums erscheint im SJW Verlag Friedrich Glausers Novelle «Die Verschwundene». Das Nachwort zur SJW Neuerscheinung hat Christa Baumberger geschrieben, Leiterin der Stiftung Litar und Herausgeberin des Bandes «Friedrich Glauser: Jeder sucht sein Paradies…«, das soeben im Limmat Verlag erschienen ist.

Litar realisiert vom 28. Mai bis 10. Juli 2021 die Ausstellung «Friedrich Glausers Zelle» im Rahmen ihres Programms «Stimmlos – Literatur und (Un)Recht».

«Stimmlos» verleiht Autorinnen eine Stimme, welche in der Welt der Literatur aus den unterschiedlichsten Gründen verkannt blieben. Im Rahmenprogramm «20 Minuten mit…» erleben und Besucher die Illustratorin Sabine Rufener und Lionel Felchlin, den Übersetzer der französischen Sprachversion, in einem Tête-à-tête.

«Die Verschwundene» – spannend und aktuell

Friedrich Glauser «Die Verschwundene» Illustrationen Sabine Rufener, SJW, 32 Seiten, CHF 8.00 (bei SJW direkt CHF 6.00), ISBN 978-3-7269-0237-7

Der Chemiker Johann Furrer gerät nach seiner Rückkehr aus den französischen Kolonien in einen Strudel der Ereignisse. Als er im Hafen von Marseille von Bord geht, folgt er einer jungen Frau, die ihn magisch anzieht. Das Zusammengehörigkeitsgefühl ist gegenseitig. Als Furrer einige Tage geschäftlich verreisen muss, ist die Geliebte bei seiner Rückkehr jedoch spurlos verschwunden. Für den Chemiker beginnt ein beschwerlicher Weg einer aussichtslosen Suche und des Zwiespalts, der in einer hoffnungslosen Verzweiflung sein jähes Ende findet.

Friedrich Glauser kommt 1896 in Wien zur Welt und würde dieses Jahr seinen 125. Geburtstag feiern. Der Schweizer Autor sieht sich zeitlebens mit schicksalhaften Momenten und deren fatalen Folgen konfrontiert. Seine Mutter stirbt, als er vierjährig ist. Der junge Glauser wächst unter der strengen Aufsicht des Vaters auf. Als Dreizehnjähriger entflieht er seinem Elternhaus, wonach ihn sein Vater in das Landerziehungsheim Glarisegg (Thurgau) steckt. Das weitere Leben Glausers ist geprägt von Drogenabhängigkeit, Internierungen in psychiatrische Anstalten, chronischer finanzieller Not und Entmündigung.
Glausers Herz schlägt für die sogenannt «kleinen Leute»: Arbeiter, Aussenseiter, Menschen ohne Macht und wenig Rechten. In seinen Erzählungen und Romanen rückt er sie in den Mittelpunkt. Hochaktuell und brisant ist das Schlüsselthema «der Verschwundenen»: Die rasche und effiziente Bannung der drohenden Pandemie und der damit verbundenen Frage, wie sie Glauser formulierte: «Was ist schliesslich das Schicksal eines einzelnen im Vergleich zu der Panik einer ganzen Stadt?»

Webseite der Illustratorin Sabine Rufener