Ich war der Seismograph für die Beben meiner Mutter.
Gastrezension von Thomas Dütsch, Lyriker
Die Lyrikerin Nora Gomringer hat unter dem Titel «Am Meerschweinchen übt das Kind den Tod» einen Nachruf auf ihre Mutter 2020 verstorbene Mutter veröffentlicht: Nortrud Gomringer, geborene Ottenhausen, wird 1941 als Deutsche in Krakau geboren, wo ihr Vater als SS-Offizier stationiert ist. Die schwangere Mutter ist – mitten im Russlandfeldzug – ihrem Mann dorthin gefolgt! Nach dem Krieg übersiedelt die Familie nach Hückelhoven nahe der niederländischen Grenze, wo Nortrud und ihr Bruder Wolfhard Kindheit und Jugendzeit verbringen. Ihr Vater, mit Brief und Siegel entnazifiziert, arbeitet nun als Gynäkologe. Nachdem Nortrud, die in ihrer Pubertät eine «wilde Hummel» gewesen sein soll, in einem Internat ihr Abitur gemacht hat, soll sie nach dem Willen ihres Vaters Medizin studieren. Die Tochter aber widersetzt sich, bricht das Studium vor dem Physikum ab, heiratet wenig später und wird Mutter zweier Söhne. Von der wiederholten Untreue ihres Gatten demütigt, trennt sie sich bald von ihrem ersten Mann und beginnt eine Ausbildung zur Grundschulehrperson. In ihrer Abschlussarbeit geht es um die konkrete Poesie im Hauptschulunterricht. Nortrud Ottenhausen «studiert» Eugen Gomringer, bevor sie dessen zweite Ehefrau wird. 1980 kommt Nora-Eugenie zur Welt. Sie ist das einzige Kind aus dieser Ehe, hat aber sieben Halbbrüder. Als Nora in die Pubertät kommt, geschieht zweierlei: Die Mutter erkrankt an Depressionen, die mehrere längere Klinikaufenthalte nötig machen, zeitgleich absolviert sie ein Germanistikstudium, das sie mit einer Promotion über Exilliteratur abschliesst. Eine Zeitlang lebt Nortrud Gomringer von ihrem Ehemann getrennt. Ab 2000 arbeitet sie, zur Empörung der Tochter, als Mitarbeiterin ihres Mannes, der in den Augen der Tochter «ihr Problem und ihre Lösung» ist. Sie ist verantwortlich für den Betrieb der Galerie im Zentrum Rehau und organsiert die Reisen ihres Ehemannes. Im Alter leidet die Mutter unter Atembeschwerden, Psoriasis und wird von einer Gürtelrose nach der anderen heimgesucht: Meine Mutter wurde ihre eigene Dornröschenstaude und litt am Jucken ihrer Haut, der Auflösung ihrer Nägel, der flächenhaften Entzündung ihrer Nerven. Sie stirbt am 8. Dezember 2020 in Rehau. – Nortrud Gomringer liebte die schönen Dinge des Lebens und den Auftritt. In geistreichen und humorvollen Gesprächen blühte sie auf. Sie rauchte gern, kochte gut und beschäftigte sich mit astrologischen Fragen. Als Lehrerin und Kulturvermittlerin war sie weit über Rehau hinaus bekannt und geschätzt.

Tochter Nora wollte über nichts anderes als über ihre Mutter sprechen, schreiben, mich unterhalten. Aber es ist mehr daraus geworden, viel mehr: Kein Nachruf, sondern ein Nachrough, wie es im Untertitel heisst. Ich schreibe ihr hinterher als vermissende Tochter, als wütende Frau, als verstummte Dichterin. Der zweihundertseitige Text ist sehr persönlich gehalten und im Grunde die Schilderung eines einzigen grossen Schmerzes: Hinter den zahlreichen Erinnerungen und Anekdoten, die das Buch ausmachen, spürt man eine Sehnsucht nach mütterlicher Gegenwart und Zuwendung, wie die Tochter sie als kleines Kind erlebte, wenn Mutter, im Schaumbad liegend, ihr Geschichten erzählte. Nortrud Gomringer konnte jedoch nicht die verlässliche Bezugsperson sein, die die Tochter gebraucht hätte: Zu oft ist sie für Nora räumlich oder emotional nicht erreichbar. Zu Noras schönsten Erinnerungen gehören daher ein Aufenthalt in Kalifornien, als sie sieben Jahre alt war, und eine Reise mit der Mutter nach Rom, ein Geschenk zur Firmung. Da hatte die Mutter viel Zeit für sie. Die mütterliche Sprunghaftigkeit und Labilität machen der Tochter zu schaffen. Aber Nora gibt nicht auf: Als ihre Mutter Monate in der Klinik verbringt, lernt sie im Laufe der Zeit hundert Gedichte auswendig, um ihr eine Freude zu bereiten. Vor dem Rigorosum fragt die Tochter ihre Mutter tagelang über barocke Lyriktheorie ab. Die Mutter dissertiert über Lion Feuchtwanger, Nora schreibt ein Gedicht über Feuchtwanger und widmet es der Mutter. Das Verlangen der Tochter nach einer unerschütterlichen Beziehung zur Mutter ist umso grösser, als sie auf ihren Vater noch viel weniger zählen kann. Oft ist sie in jungen Jahren auf sich allein gestellt, wenn sie die Zuwendung der Eltern am nötigsten hätte: Ich wusste früh, dass ich nicht zwischen meine Eltern kommen durfte, und nicht hinter sie. Zwischen ihnen wäre zermalmt worden, weil sie mich nicht sahen, wenn sie ihre innigen und mächtigen Momente lebten, und hinter ihnen wäre ich vergessen worden, sie wären schnellen Schrittes um ein paar Ecken geeilt und hätten ihre pummelige Tochter einfach abgehängt. Manchmal mischt sich in den Schmerz auch Trotz, und Nora versucht zu rebellieren. Auf ihren Unterarm lässt sie sich jedoch einen Text ihres Vaters tätowieren, weil sie so «stolz» auf ihn ist…
Nora Gomringer klagt niemanden an, sie rechnet nicht ab, aber ihre Form der Autofiktion ist radikal. So erzählt sie etwa, wie sie nach dem ersten Suizidversuch der Mutter im Bad das Blut wegputzt, oder bekennt offenherzig, wie weh es ihr bis heute tut, dass ihre Mutter sie einst als störende «Bleikugel» bezeichnete.
Gegen Ende des Buches mehren sich die Anzeichen, dass der Tochterschmerz nachlässt: Als eine Krankenpflegerin zu ihr sagt: Sie haben eine ganz tolle Mutter. Und eine so lustige. Bei all dem Mist, den sie hat. So eine freundliche Frau! ist Nora glücklich und perplex und antwortet: Ja, die haben wir.
Und eine der letzten Episoden ist sogar ausgesprochen humorvoll: Am 20. Januar 2025, es ist der Tag, an dem ihr Vater seinen hundertsten Geburtstag feiern kann, hört Nora «glasklar», wie die Stimme der Verstorbenen zu ihr spricht. Die Mutter hat eine grosse Bitte: Halt ihn noch, solange du kannst, auf der Erde. Wenn er um mich ist, komme ich wieder nicht von ihm weg. Wie soll ich mich da erholen?
Die Sprache, die Nora Gomringer für ihren Nachrough gefunden hat, ist anschaulich, modern, direkt, durchdacht und an manchen Stellen herausragend poetisch. Der Text, der kein Roman ist, ist klug komponiert und von literarischen Motiven durchwirkt. Sehr hilfreich ist die Unterteilung in zahlreiche kleine Abschnitte. Man geht als lesende Person nicht in einem Sprachstrom unter, sondern hat stets die Möglichkeit, innezuhalten, tiefer zu verstehen und Brücken zur eigenen Biografie zu schlagen.
In den Chor der Autorinnen und Autoren, die schreibend Abschied von ihren Eltern genommen haben – man denke an Peter Weiss, Josef Winkler, Heinrich Wiesner oder jüngst Ursula Fricker – reiht sich Nora Gomringer als unverwechselbar weibliche, kraftvolle und bildstarke Stimme ein. 15’000 Exemplare des Buches sind bisher verkauft worden. Es sollten noch deutlich mehr werden.
Nora Gomringer, 1980 geboren, ist Schweizerin und Deutsche. Sie ist Lyrikerin, Filmemacherin und schreibt und spricht für Radio, Fernsehen und Feuilleton. Opernlibretti und Theaterarbeiten sowie zahlreiche Zusammenarbeiten mit Bildenden Künstler*innen machen sie zu einer der bekanntesten Dichterinnen ihrer Generation. 2015 erhielt sie den Ingeborg-Bachmann-Preis, 2022 den Else Lasker-Schüler-Preis und zuletzt wurde sie 2025 mit dem Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor ausgezeichnet. Nora Gomringer lebt in Bamberg, wo sie das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia als Direktorin leitet.
Beitragsbild © Judith Kinitz






Sergej Lebedew wurde 1981 in Moskau geboren und war viele Jahre auf geologischen Expeditionen im Norden Russlands und in Zentralasien unterwegs, bevor er zu schreiben anfing. Sein erster Roman «Der Himmel auf ihren Schultern» stand auf der Longlist des russischen Nazbest-Preises 2011. Zuvor sind in Russland seine Gedichte, Essays und journalistischen Texte erschienen. Lebedew lebt seit 2018 in Potsdam.
Immer öfter lässt sich Nora Gomringer die Gretchen-Frage stellen, sie antwortet in Essays, Reden, Geschichten und natürlich: in Gedichten. Das geschieht oft komisch und mit einem Augenzwinkern, ihr und jedes Gläubigsein ist persönlich. Die Lyrikerin hat sich zuletzt mit irdischen Ängsten, Krankheiten und Phänomenen des Oberflächlichen beschäftigt, doch das Metaphysische wohnte dem schon immer inne – und denken wir an Gomringers Wanderung mit einem lispelnden, über die Einsamkeit des Menschen sprechenden Hermelin, so wundert es kaum, dass erneut eine tierische Begegnung Auslöser für die in diesem Band versammelten Gedichte ist: Schon vor vielen Jahren traf die Dichterin auf eine riesige Heuschrecke im US-amerikanischen Hinterhof ihrer damaligen Gastfamilie: die Gottesanbeterin. Es war diese einstündige Begegnung des Schweigens, die Gomringer zur Hinterfragung des irdischen Seins und der Vielgestaltigkeit von Religion gebracht hat, jenem »geschmacksverstärkenden, mal verträglichen, mal unverträglichen Glutamat des Seins«. (Verlagstext)
Nora Gomringers Gedichte sind viel herumgekommen. Daher haben sie Sieben-Meilen-Stiefel an den Versfüßen und manchmal einen recht breitbeinigen Gang. Dazu eine laute Stimme und manchmal ganz schön viel Attitüde. Doch manche von ihnen haben Katzensohlen, zarte, bebende Haut, sind verweht, fast noch bevor sie ausgesprochen wurden, sind zum Still-für-sich-Lesen statt zum Deklamieren geeignet. (Verlagstext)
Weiß man gar nicht, wie dunkel die Zeit der Lichter ist, bevor einer darin stirbt, statt geboren zu werden. Ähnlich ist, was sie dir ins Haus tragen, wenn du dann alle wissen lassen musst: Wir haben einen verloren. Myrrhe, Weihrauch, zu wenig Gold. Keiner bringt die Windeln mehr, die Sanitärartikel, keiner rollt die Augen, weil die Rezepte immer zum Freitag auslaufen und die Stürze als Regel immer tief in der Nacht, früh am Morgen ebenfalls zum Wochenende hin geschehen. Keiner telefoniert mehr wie wild. Und keiner weint, weil der Schnee selbst unwissend fällt. Die Natur ist Komplizin ihrer selbst, lacht ein bisschen über dich, weint verstohlen ein bisschen mit dir. Hast eine ganz neue Landkarte und wünschtest, da wäre ein Esel, ein Ochse. Ein paar große Tiere, die dich ablenken, deren Umsorgung eine Anstrengung wäre. So bist du nur ein Lebewesen ohne den anderen und das zur Weihnachtszeit. Vielleicht selbst der Ochse, der Esel – ein Tier, das man waschen und füttern muss, trotz schwerer Hufe, die man kaum anheben kann. Liegen da die Strümpfe, die engmaschigen, hautfarbigen, die man kaum über Beine und Hände zwingen konnte. Liegen da die Unmengen an Handtüchern, die Unfälle vermeiden, rasch ungesehen machen sollten. Liegen da Brille und Zähne. Engel kommen und gehen, sie lassen Federn. Das Haus wird ein Flughafen. Du hältst die aufwirbelnden Blätter fest: Fotos, Einkaufs- und Notizzettel, Beweise der Handschrift einer Hand, die nie mehr sichtbar werden wird. Du begreifst und verschiebst und verschreibst dich der Erinnerung, wirst ihr Besitzer, hängst ein Schild an dein Hirn: Cave Canem. Dieser Hund wird beißen, wer deiner Erinnerung widerspricht. Diese Phase – alles wird phasisch – hält an, wird groß und wild, deine Tränen waren nie feuchter. Nach dem Grab kommen der Frühling, das Auferstehen. Und schon im Sommer sind die Gedanken wieder voller Kerzen und du machst Yoga und lernst neue Rezepte für den Winter. Darin wird alles Schleife. So eine um die Geschenke, so eine im Hirn. Im Gottesdienst wird noch einmal der Name erwähnt, da klingt er schon fremd und wie Legende. Dann ist Weihnachten. Und die, die übrig sind, schlafen vor der Mitternacht. Schlafen im Stroh, träumen von sprechenden Tieren.
Aber Somalvico verfällt nicht einem moralisierenden Ton. Die Lebensweisheiten, die hie und da dennoch vorkommen, wirken daher nie belehrend, sondern unkompliziert erfrischend. Wie wenn da steht: «Dem Himmel ist heute keine Farbe gelungen. Wenn es in schwierigen Zeiten auf etwas ankommt, dann aufs Licht». Mit dieser Beobachtung zeigt Somalvico ihr Talent, einen kindlichen Blick auf die Welt zu wahren – nicht naiv, sondern neugierig, unverfroren und ehrlich.
Wenn man, um kurz ein Velo zu mieten, zuerst ein Abo abschliessen muss (aber zumindest noch einen Haselnussmilch-Latte dazu bekommt), wenn posttraumatische Verbitterungsstörungen in der «Post-Nüüt-Ära» überhand nehmen, wenn kleine Nager mit ihrer toxischen Mäuslichkeit hadern, oder wenn der Samichlaus vom Sonderkommando niedergerungen wird – ja spätestens dann ist man mitten im «Culturestress» angelangt. Sarah Elena Müllers Kolumnensammlung nimmt die Leser:innen mit auf eine Reise durch die durchdigitalisierte, selbstoptimierte, spätkapitalistische Horrorshow, die wir unsere Gegenwart nennen. Die siebenunddreissig Kurztexte sind sprachlich treffsicher und mitreissend, es sind Kolumnen, die auch auf einer Poetry-Slam Bühne nicht fehl am Platz wären. Müllers Ton ist manchmal hässig, manchmal staunend, manchmal beissend, manchmal resigniert – immer gefühlt am Rand der Klippe, immer so lustig wie abgründig: «Du chasch no dis PhD mache, aber d Welt gaht unter. Du chasch no öppis publiziere, bi me Verlag, vilich chasch du das, aber d Welt gaht unter.» Wir freuen uns trotzdem auf ihren ersten Roman, der nächstes Jahr erscheinen wird.
Gleich im ersten Kapitel versucht sich ‘der Vollenweider’ als Autor. Endlich will er «die Wahrheit» über den unheilvollen Unterhaltungsabend im Jahr 1984 veröffentlichen – mit dem Ziel vor Augen, «die Dinge beim Namen zu nennen». Die Leerstelle in Rebekka Salms Romantitel Die Dinge beim Namen weist aber darauf hin, dass sich ihre Erzählweise deutlich von der ihrer Figur unterscheidet. Sie will in ihrem Roman nicht einfach be-nennen, von einer einzigen Wahrheit zu sprechen liegt dem Text fern. Stattdessen kommen die Figuren selbst zu Wort: Aus der Perspektive von zwölf Bewohner:innen wird die Geschichte eines Dorfes geschildert. Zusammengehalten werden diese unterschiedlichen Erzählstränge von jenem Abend im Jahr 1984, um den der Text kreist. Man erfährt von den allgegenwärtigen Träumen, der Beengung des Dorfes zu entkommen, von falschen Entscheidungen mitsamt deren Auswirkungen auf die Bewohner:innen und das Zusammenleben und vor allem von den Geschichten und den Gerüchten, die im Dorf die Runde machen. Mit seinem polyphonen Aufbau zeigt Rebekka Salms Roman, dass es eben doch nicht nur eine Geschichte ist, die sich über dieses Dorf, über den Unterhaltungsabend und über einen vermeintlichen Zuckerrübendiebstahl erzählen lässt, ganz im Gegenteil: Die verschiedenen Perspektiven ergänzen und korrigieren sich, sie widersprechen einander und ergeben zusammen doch ein kohärentes Bild. Nicht nur ist dies geschickt erzählt, sind die einzelnen Figurenperspektiven gelungen zusammengefügt, es macht auch Spass, diesen Text zu lesen.
Andri Bänzigers Erstling «Gegen Gewicht» besticht durch seine Leichtigkeit, mit der er sich durch schwere Themen manövriert. Den Brocken Depression, Psychose und Behinderung nimmt sich der Roman mit einer unaufgeregten, geschmeidigen Sprache und einer genauen Schilderung der Figuren an. Die viel gelesene Erzählung von Beziehung, Familie und sich später einschleichenden Problemen stellt er dabei auf den Kopf. Hier ist zuerst alles schwer und wird später leicht. Diese Umkehrung ist erfrischend, weil neu. Die Beziehung zwischen der Ich-Erzählerin und ihrer Tochter gestaltet sich zunächst schwierig. Da ist ein Kind, das purer «Rock» ist – keine Konvention kennt und nichts und niemandem gehorcht. Und da ist eine Frau, die eine zynisch-distanzierte Haltung hat, sogar wenn sie sieht, wie ihr Kind nicht in diese Welt passt. Als Lesende muss man dem beleidigenden, zuweilen aggressiven Verhalten der Tochter zuschauen, Wut und Fremdschämen inbegriffen. Dass man diese Gefühle nicht mit der Mutter teilt, ist umso befremdender. Sie sagt von sich, dass sie eine Mauer aufgebaut hatte, um ihre jahrelang angestauten Probleme zu verdrängen. Der Tochter gelingt es schliesslich, diese Mauer niederzureissen. Dass hinter einer gefallenen Mauer nicht nur Leichtes, sondern auch noch mehr Schweres zum Vorschein kommen kann, blendet der Roman aus. Nichtsdestotrotz birgt er auf vielen Ebenen – wie der der Figuren und der Sprache – Potenzial und wirft die Lesenden auf ihr eigenes Verstehen von (Ab-)Normalität zurück.
In Rebecca Gislers Roman „Vom Onkel“ bestimmen die Marotten eines Onkels den Alltag: Am liebsten schaut er die blutrünstigsten Horrorfilme, verschlingt Berge an Wurstbroten und Keksen und leert kanisterweise Bier und Limonade. Der Blick der Autorin auf ihren Helden aber bleibt stets von einer faszinierenden und vorallem auch schillernden Präzision: Dieser Onkel ist naiv, kindlich, kindisch, komisch, tragisch, traurig, unberechenbar, auch animalisch, bedrohlich, erhaben und noch vieles mehr. So wie die Sprache an diesem Sonderling (oder Sonderding?) immer wieder abgleiten muss, so unangepasst ist der Onkel auch sozial. Unter der mitziehenden Komik des Skurrilen also verstecken sich durchaus auch neuralgische Punkte einer latenten Gesellschaftskritik. Man könnte sogar sagen, eine gnadenlos irdisch-materialistische Ökonomie prägt den Roman. Was nämlich in den Körper des Onkels eintritt, das sammelt sich in ihm an oder es wird ihn auch wieder verlassen müssen. Rebecca Gisler gelingt eine ausdrucksstarke, aufdeckende und somit treffende und aktuelle Groteske, die unser Bedürfnis nach Konformität und klinischem Oberflächenglanz herausfordert. Zum Lesen ist das unbedingt reizend – und zwar bewusst auch im Sinne einer lästigen Hautstelle, die weiterhin juckt, egal wie oft man sie noch kratzen wird.
Gastbeitrag von Aline Tettamanti

Gastbeitrag von Caterina John
Olivia Kuderewski, 1989 geboren, lebt in Berlin. „Lux“ ist ihr erster Roman. Sie hat vergleichende Literatur und Schreiben studiert, volontiert, bisher in wenigen Anthologien veröffentlicht und noch keinen Preis gewonnen.

