Wenn die Gegenwart mit einem Mal aufbricht. Wenn sich Fragen nicht mehr verdrängen lassen. Wenn all das Unverdaute, ewig Gärende, das Magma unter der Kruste des Schweigens durchbricht. Alisha Gamisch beeindruckendes Debüt sticht mitten hinein.
Ein Reiheneinfamilienhaus im bayrischen Fürstenfeldbruck ist der Schauplatz, an dem die Vergangenheit ausbricht, ein Bettelbrief mit daumengrossem Plastikembryo eine alte Frau derart erschüttert und erstarren lässt, dass Nichte und Enkelin sie nicht wiedererkennen. Grossmutter Lydia in Schockstarre der Stimme beraubt fängt Enkelin Rina erst recht zu fragen an. Fragen, denen auch Tante Valli am liebsten zeitlebens ausgewichen wäre.
So unmöglich es ist, Heimat und Herkunft durch Grenzen einzuzäunen, so unmöglich ist es seit jeher, Zugehörigkeiten zu kollektiven Erinnerungen und Landschaften vom seltsamen und streitbaren Gefühl der Heimat abzukoppeln. Nicht nur die beiden Weltkriege im vergangenen Jahrhundert haben Menschen entwurzelt, Familien auseinandergerissen, Familientragödien unter dem Mantel des Schweigens erstickt. Das Trauma bleibt, die in sich geschlossenen Kammern, in denen Geschichten gären, Mief, der irgendwann, der Anlass kann offensichtlich unbedeutend sein, mit zerstörerischer Kraft ausbricht.
Als die Studentin Gina zu Grossmutter und Tante, in ihr Zuhause zurückkehrt, ist ihre Grossmutter Lydia eine andere. Eingefroren in einen Schrecken, paralysiert, erstarrt. Gina, die in ihrem Leben von Unentschlossenheit gefangen ist, nimmt das Szepter in die Hand. Ihre Grossmutter muss zum Arzt, wenn nötig sogar in eine Klinik, auch wenn Gina weiss, dass Lydia das nicht zulassen würde. Und von Valli, ihrer Tante, will sie endlich Antworten.

Lydia wurde in den Wirren des Weltkriegs ins sibirische Nirgendwo deportiert, nach Novosibirsk, wurde „Russlanddeutsche“, die man während und nach dem Krieg nach Sibirien zwangsumsiedelte, denen man unter menschenunwürdigen Voraussetzungen blosses Überleben abverlangte. Dort wird sie die Frau von Sashka, einem gut aussehenden Nichtsnutz und Säufer. Mit ihm, ihrer Tochter Elvira und dem rotzigen Schwiegervater lebt sie in einer windigen Baracke, nur durch Tücher vor den Blicken anderer geschützt, permanent in Sorge ums Überleben und den Annäherungen ihres nach Alkohol stinkenden Gatten. Bis sie dann doch noch einmal schwanger wird und sich genötigt sieht, in einem sowjetischen Krankenhaus, das solche Frauen wie Dreck behandelt, ihr Kind auskratzen zu lassen. Ein Eingriff, der sie fast das Leben kostet, der ihr den Tod im Bett daneben vor Augen führt, die Wertlosigkeit einer Frau, die sich gegen das Schicksal stemmt.
Aber mit der Abtreibung hört der Schrecken, das Bedrängtsein, die Not nicht auf. Auch das Leid einer Mutter, einer Alleingelassenen, einer Bedrängten. Irgendwann schafft es Lydia mit ihrer Tochter mit Hilfe einer Rücksiedlungsinitative nach Deutschland. Ein Neuanfang mit den schlechtmöglichsten Vorzeichen, weil nicht nur Lydia die Vergangenheit im Schweigen erstickt.
Komisch, dass deine Muttersprache eine andere ist als meine – und die deiner Mutter eine andere als deine, und dass du als Kind eine Sprache konntest, die jetzt fast verflogen ist, und dass ich mich mit dir als Kind gar nicht hätte verständigen können.
Ein krasser Gegensatz zur zweiten Erzählebene, dem Leben ihrer Enkelin Gina. So sehr Gina ihr Leben selbst bestimmen kann, so sehr verliert sie sich im Unentschlossenen. So sehr sich Lydia gezwungen sah, sich dem Schicksal entgegenzustellen, so sehr verliert sich Gina. Bis sie das Schweigen, die Erstarrung ihrer Grossmutter aus der Lethargie schüttelt.
„Parasiti“ trifft. Lydia war fast ein ganzes Leben Fremde, Herumgeschobene. Männer wurden zu Parasiten, unmöglich abzuschütteln. Bei meiner Lektüre ein beklemmendes Gefühl. Nicht nur weil ich ein Mann bin, sondern weil die Geschichte nicht Vergangenheit ist, weil wir mit jedem Tag einen Schritt weiter wegrücken von der Hoffnung, dereinst würde gegenseitiger Respekt, aus welcher Seite auch immer, das Zusammenleben leichter machen. „Parasiti“ ist ein starkes Debüt, eine laute Stimme, ein mutiges Buch!
Alisha Gamisch studierte in München und London Anglistik und Germanistik und lebt heute in Berlin. Ihr erster Gedichtband »Lustdorf« (Verlagshaus Berlin, 2020) wurde vom Haus für Poesie zu den besten Lyrikdebüts des Jahres gewählt. 2022 erhielt sie den Nora-Pfeffer-Preis für Lyrik des Bayerischen Kulturzentrums der Deutschen aus Russland, 2023 war sie Stipendiatin der Romanwerkstatt des Literarischen Colloquiums Berlin. Sie ist Gründungsmitglied des feministischen Vereins ›Wepsert e.V.‹ sowie Mitkuratorin und Moderatorin der Lesungs- und Diskussionsreihe ›PostOst-Café‹ im Maxim Gorki Theater Berlin. Seit 2025 ist sie Teil der literarischen Girlband ›No Scribes‹. »Parasiti« ist ihr Debütroman.
Beitragsbild © Suzanne de Carrassco







Sergej Lebedew wurde 1981 in Moskau geboren und war viele Jahre auf geologischen Expeditionen im Norden Russlands und in Zentralasien unterwegs, bevor er zu schreiben anfing. Sein erster Roman «Der Himmel auf ihren Schultern» stand auf der Longlist des russischen Nazbest-Preises 2011. Zuvor sind in Russland seine Gedichte, Essays und journalistischen Texte erschienen. Lebedew lebt seit 2018 in Potsdam.
Immer öfter lässt sich Nora Gomringer die Gretchen-Frage stellen, sie antwortet in Essays, Reden, Geschichten und natürlich: in Gedichten. Das geschieht oft komisch und mit einem Augenzwinkern, ihr und jedes Gläubigsein ist persönlich. Die Lyrikerin hat sich zuletzt mit irdischen Ängsten, Krankheiten und Phänomenen des Oberflächlichen beschäftigt, doch das Metaphysische wohnte dem schon immer inne – und denken wir an Gomringers Wanderung mit einem lispelnden, über die Einsamkeit des Menschen sprechenden Hermelin, so wundert es kaum, dass erneut eine tierische Begegnung Auslöser für die in diesem Band versammelten Gedichte ist: Schon vor vielen Jahren traf die Dichterin auf eine riesige Heuschrecke im US-amerikanischen Hinterhof ihrer damaligen Gastfamilie: die Gottesanbeterin. Es war diese einstündige Begegnung des Schweigens, die Gomringer zur Hinterfragung des irdischen Seins und der Vielgestaltigkeit von Religion gebracht hat, jenem »geschmacksverstärkenden, mal verträglichen, mal unverträglichen Glutamat des Seins«. (Verlagstext)
Nora Gomringers Gedichte sind viel herumgekommen. Daher haben sie Sieben-Meilen-Stiefel an den Versfüßen und manchmal einen recht breitbeinigen Gang. Dazu eine laute Stimme und manchmal ganz schön viel Attitüde. Doch manche von ihnen haben Katzensohlen, zarte, bebende Haut, sind verweht, fast noch bevor sie ausgesprochen wurden, sind zum Still-für-sich-Lesen statt zum Deklamieren geeignet. (Verlagstext)
Weiß man gar nicht, wie dunkel die Zeit der Lichter ist, bevor einer darin stirbt, statt geboren zu werden. Ähnlich ist, was sie dir ins Haus tragen, wenn du dann alle wissen lassen musst: Wir haben einen verloren. Myrrhe, Weihrauch, zu wenig Gold. Keiner bringt die Windeln mehr, die Sanitärartikel, keiner rollt die Augen, weil die Rezepte immer zum Freitag auslaufen und die Stürze als Regel immer tief in der Nacht, früh am Morgen ebenfalls zum Wochenende hin geschehen. Keiner telefoniert mehr wie wild. Und keiner weint, weil der Schnee selbst unwissend fällt. Die Natur ist Komplizin ihrer selbst, lacht ein bisschen über dich, weint verstohlen ein bisschen mit dir. Hast eine ganz neue Landkarte und wünschtest, da wäre ein Esel, ein Ochse. Ein paar große Tiere, die dich ablenken, deren Umsorgung eine Anstrengung wäre. So bist du nur ein Lebewesen ohne den anderen und das zur Weihnachtszeit. Vielleicht selbst der Ochse, der Esel – ein Tier, das man waschen und füttern muss, trotz schwerer Hufe, die man kaum anheben kann. Liegen da die Strümpfe, die engmaschigen, hautfarbigen, die man kaum über Beine und Hände zwingen konnte. Liegen da die Unmengen an Handtüchern, die Unfälle vermeiden, rasch ungesehen machen sollten. Liegen da Brille und Zähne. Engel kommen und gehen, sie lassen Federn. Das Haus wird ein Flughafen. Du hältst die aufwirbelnden Blätter fest: Fotos, Einkaufs- und Notizzettel, Beweise der Handschrift einer Hand, die nie mehr sichtbar werden wird. Du begreifst und verschiebst und verschreibst dich der Erinnerung, wirst ihr Besitzer, hängst ein Schild an dein Hirn: Cave Canem. Dieser Hund wird beißen, wer deiner Erinnerung widerspricht. Diese Phase – alles wird phasisch – hält an, wird groß und wild, deine Tränen waren nie feuchter. Nach dem Grab kommen der Frühling, das Auferstehen. Und schon im Sommer sind die Gedanken wieder voller Kerzen und du machst Yoga und lernst neue Rezepte für den Winter. Darin wird alles Schleife. So eine um die Geschenke, so eine im Hirn. Im Gottesdienst wird noch einmal der Name erwähnt, da klingt er schon fremd und wie Legende. Dann ist Weihnachten. Und die, die übrig sind, schlafen vor der Mitternacht. Schlafen im Stroh, träumen von sprechenden Tieren.
Aber Somalvico verfällt nicht einem moralisierenden Ton. Die Lebensweisheiten, die hie und da dennoch vorkommen, wirken daher nie belehrend, sondern unkompliziert erfrischend. Wie wenn da steht: «Dem Himmel ist heute keine Farbe gelungen. Wenn es in schwierigen Zeiten auf etwas ankommt, dann aufs Licht». Mit dieser Beobachtung zeigt Somalvico ihr Talent, einen kindlichen Blick auf die Welt zu wahren – nicht naiv, sondern neugierig, unverfroren und ehrlich.
Wenn man, um kurz ein Velo zu mieten, zuerst ein Abo abschliessen muss (aber zumindest noch einen Haselnussmilch-Latte dazu bekommt), wenn posttraumatische Verbitterungsstörungen in der «Post-Nüüt-Ära» überhand nehmen, wenn kleine Nager mit ihrer toxischen Mäuslichkeit hadern, oder wenn der Samichlaus vom Sonderkommando niedergerungen wird – ja spätestens dann ist man mitten im «Culturestress» angelangt. Sarah Elena Müllers Kolumnensammlung nimmt die Leser:innen mit auf eine Reise durch die durchdigitalisierte, selbstoptimierte, spätkapitalistische Horrorshow, die wir unsere Gegenwart nennen. Die siebenunddreissig Kurztexte sind sprachlich treffsicher und mitreissend, es sind Kolumnen, die auch auf einer Poetry-Slam Bühne nicht fehl am Platz wären. Müllers Ton ist manchmal hässig, manchmal staunend, manchmal beissend, manchmal resigniert – immer gefühlt am Rand der Klippe, immer so lustig wie abgründig: «Du chasch no dis PhD mache, aber d Welt gaht unter. Du chasch no öppis publiziere, bi me Verlag, vilich chasch du das, aber d Welt gaht unter.» Wir freuen uns trotzdem auf ihren ersten Roman, der nächstes Jahr erscheinen wird.
Gleich im ersten Kapitel versucht sich ‘der Vollenweider’ als Autor. Endlich will er «die Wahrheit» über den unheilvollen Unterhaltungsabend im Jahr 1984 veröffentlichen – mit dem Ziel vor Augen, «die Dinge beim Namen zu nennen». Die Leerstelle in Rebekka Salms Romantitel Die Dinge beim Namen weist aber darauf hin, dass sich ihre Erzählweise deutlich von der ihrer Figur unterscheidet. Sie will in ihrem Roman nicht einfach be-nennen, von einer einzigen Wahrheit zu sprechen liegt dem Text fern. Stattdessen kommen die Figuren selbst zu Wort: Aus der Perspektive von zwölf Bewohner:innen wird die Geschichte eines Dorfes geschildert. Zusammengehalten werden diese unterschiedlichen Erzählstränge von jenem Abend im Jahr 1984, um den der Text kreist. Man erfährt von den allgegenwärtigen Träumen, der Beengung des Dorfes zu entkommen, von falschen Entscheidungen mitsamt deren Auswirkungen auf die Bewohner:innen und das Zusammenleben und vor allem von den Geschichten und den Gerüchten, die im Dorf die Runde machen. Mit seinem polyphonen Aufbau zeigt Rebekka Salms Roman, dass es eben doch nicht nur eine Geschichte ist, die sich über dieses Dorf, über den Unterhaltungsabend und über einen vermeintlichen Zuckerrübendiebstahl erzählen lässt, ganz im Gegenteil: Die verschiedenen Perspektiven ergänzen und korrigieren sich, sie widersprechen einander und ergeben zusammen doch ein kohärentes Bild. Nicht nur ist dies geschickt erzählt, sind die einzelnen Figurenperspektiven gelungen zusammengefügt, es macht auch Spass, diesen Text zu lesen.
Andri Bänzigers Erstling «Gegen Gewicht» besticht durch seine Leichtigkeit, mit der er sich durch schwere Themen manövriert. Den Brocken Depression, Psychose und Behinderung nimmt sich der Roman mit einer unaufgeregten, geschmeidigen Sprache und einer genauen Schilderung der Figuren an. Die viel gelesene Erzählung von Beziehung, Familie und sich später einschleichenden Problemen stellt er dabei auf den Kopf. Hier ist zuerst alles schwer und wird später leicht. Diese Umkehrung ist erfrischend, weil neu. Die Beziehung zwischen der Ich-Erzählerin und ihrer Tochter gestaltet sich zunächst schwierig. Da ist ein Kind, das purer «Rock» ist – keine Konvention kennt und nichts und niemandem gehorcht. Und da ist eine Frau, die eine zynisch-distanzierte Haltung hat, sogar wenn sie sieht, wie ihr Kind nicht in diese Welt passt. Als Lesende muss man dem beleidigenden, zuweilen aggressiven Verhalten der Tochter zuschauen, Wut und Fremdschämen inbegriffen. Dass man diese Gefühle nicht mit der Mutter teilt, ist umso befremdender. Sie sagt von sich, dass sie eine Mauer aufgebaut hatte, um ihre jahrelang angestauten Probleme zu verdrängen. Der Tochter gelingt es schliesslich, diese Mauer niederzureissen. Dass hinter einer gefallenen Mauer nicht nur Leichtes, sondern auch noch mehr Schweres zum Vorschein kommen kann, blendet der Roman aus. Nichtsdestotrotz birgt er auf vielen Ebenen – wie der der Figuren und der Sprache – Potenzial und wirft die Lesenden auf ihr eigenes Verstehen von (Ab-)Normalität zurück.
In Rebecca Gislers Roman „Vom Onkel“ bestimmen die Marotten eines Onkels den Alltag: Am liebsten schaut er die blutrünstigsten Horrorfilme, verschlingt Berge an Wurstbroten und Keksen und leert kanisterweise Bier und Limonade. Der Blick der Autorin auf ihren Helden aber bleibt stets von einer faszinierenden und vorallem auch schillernden Präzision: Dieser Onkel ist naiv, kindlich, kindisch, komisch, tragisch, traurig, unberechenbar, auch animalisch, bedrohlich, erhaben und noch vieles mehr. So wie die Sprache an diesem Sonderling (oder Sonderding?) immer wieder abgleiten muss, so unangepasst ist der Onkel auch sozial. Unter der mitziehenden Komik des Skurrilen also verstecken sich durchaus auch neuralgische Punkte einer latenten Gesellschaftskritik. Man könnte sogar sagen, eine gnadenlos irdisch-materialistische Ökonomie prägt den Roman. Was nämlich in den Körper des Onkels eintritt, das sammelt sich in ihm an oder es wird ihn auch wieder verlassen müssen. Rebecca Gisler gelingt eine ausdrucksstarke, aufdeckende und somit treffende und aktuelle Groteske, die unser Bedürfnis nach Konformität und klinischem Oberflächenglanz herausfordert. Zum Lesen ist das unbedingt reizend – und zwar bewusst auch im Sinne einer lästigen Hautstelle, die weiterhin juckt, egal wie oft man sie noch kratzen wird.
Gastbeitrag von Aline Tettamanti

Gastbeitrag von Caterina John
Olivia Kuderewski, 1989 geboren, lebt in Berlin. „Lux“ ist ihr erster Roman. Sie hat vergleichende Literatur und Schreiben studiert, volontiert, bisher in wenigen Anthologien veröffentlicht und noch keinen Preis gewonnen.